Bodenraub für Kohlestaub

Bodenraub für Kohlestaub - klimaretter.info
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Freitag, 31. Juli 2015, 10:32 Uhr
Südafrika ist der siebtgrößte Kohleproduzent der Welt. Das Land opfert dem Kohlebergbau
einen Teil seiner fruchtbarsten Böden und gefährdet damit langfristig seine
Ernährungssicherheit. Alles für den Export – auch nach Deutschland.
Aus Mpumalanga (Südafrika) Eva Mahnke
Gideon Andersons südafrikanische Farm ist ein stattliches Anwesen. Geräumige Wirtschaftsgebäude, ein
freundliches Wohnhaus, weite Rasen und üppige Blumenrabatten – man sieht auf den ersten Blick, dass die
Geschäfte der Farm "Zonnebloem", gut gehen. Ende August wird Anderson das alles aufgeben müssen.
Gideon Anderson (rechts) hat aus der kleinen Farm seines Vaters einen florierenden landwirtschaftlichen Großbetrieb gemacht. (Foto: Eva
Mahnke)
Der wohlhabende Landwirt, der im großen Stil Mais und Sojabohnen anbaut, geht nicht freiwillig. Zehn Jahre
lang hat er gekämpft. Am Ende aber hat sich der kräftige Mann mit den Stoppelhaaren nicht gegen den
Schweizer Rohstoffkonzern Glencore [1] durchsetzen können. Der will die Kohle unter seinem Land zu Geld
machen.
"Nichts von dem, was Sie jetzt hier sehen, wird in 20 Jahren noch da sein", sagt Anderson nüchtern und
schlägt mit dem Arm einen weiten Bogen in Richtung der Felder ringsum. "Sämtliche Minenrechte für dieses
Land wurden bereits verteilt."
Andersons Farm liegt zwischen den Städten Middelburg [2] und Belfast [3] in der südafrikanischen Provinz
Mpumalanga [4]. Aus dieser Provinz kommt der Großteil der in Südafrika geförderten Kohle. Mehr als die
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Hälfte der Region ist dem "schwarzen Gold" schon zum Opfer gefallen oder es gibt Anträge auf
Förderlizenzen.
Südafrika ist der siebtgrößte Kohleförderer der Welt. Auch nach Deutschland wird ein Teil dieser
Bodenschätze verschifft. Im vergangenen Jahr waren es fünf Millionen Tonnen.
Praktisch alle in Deutschland tätigen Energiekonzerne – von Vattenfall über Eon, RWE und EnBW bis zur
Steag – verbrennen auch südafrikanische Kohle. Damit tragen sie nicht nur dazu bei, dass Farmer wie
Anderson vertrieben werden. Sie sorgen auch indirekt dafür, dass in Südafrika weniger Lebensmittel
produziert werden.
Die Kohle liegt ausgerechnet unter den fruchtbarsten Böden
Denn mit jeder neuen Kohlemine, die sich mit Bulldozern und Baggern in die Landschaft frisst, verdrängt der
Bergbau die Landwirtschaft ein Stückchen mehr. Gerade in Mpumalanga findet sich ein Teil der fruchtbarsten
Böden Südafrikas.
"Die Ironie ist: Wo immer es guten Boden gibt, gibt es Kohle", sagt Anderson, der sich als Landwirt damit
bestens auskennt. "Ohne Bodenproben zu nehmen, kann ich Ihnen genau sagen, wo die Kohlefelder beginnen
und wo sie enden."
Wo immer Kohle gefunden wird: Das Rohstoffministerium genehmigt die Förderanträge fast ausnahmslos.
So sieht es aus, wenn ein Bergbaukonzern das Erdreich zur Seite räumt, um an die flach im Boden liegende Kohle zu gelangen. (Foto: Eva
Mahnke)
Wenn die Rohstoffkonzerne anrücken, bleibt Farmern wie Anderson nichts anderes übrig, als sich auf dem
heiß umkämpften Bodenmarkt neues Land zu kaufen. Der schwere, gute Boden von Andersons jetzigem Land
wird unwiederbringlich verloren sein – trotz der Bemühungen um Rekultivierung, zu denen die
Minenbetreiber verpflichtet sind. Die schieben den Mutterboden zur Seite, bevor sie die Kohle aus dem
Untergrund sprengen. Später wird das Erdreich auf den wieder zugeschütteten Gruben glatt gewalzt, bevor es
mit Gras bepflanzt wird.
Aber der Schein trügt. Der Experte weiß, dass sich dann unter dem saftigen Gras unfruchtbare Einöde
versteckt.
Der Bergbau macht den Wasserhaushalt kaputt
"Das rehabilitierte Land ist ästhetisch akzeptabel, aber in Bezug auf die Artenvielfalt und die Qualität der
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Böden eine Wüste", sagt Koos Pretorius. Der Besitzer einer Kirschplantage kämpft nicht nur gegen den
Verlust seines Landes, sondern warnt als Vertreter der Umweltorganisation Federation for a Sustainable
Environment [5] schon seit Jahren vor den verheerenden Auswirkungen der Kohleförderung [6]:
Eindringendes Wasser führt im aufgebrochenen Gestein des Untergrunds zu chemischen Reaktionen, die das
Wasser versauern lassen. Dieses Wasser wiederum löst Schwermetalle aus dem Gestein. Gelöste Salze steigen
an die Oberfläche und verschlechtern die Bodenqualität immer weiter.
Zudem verändert der Bergbau die ursprüngliche Bodenstruktur. "Sie wird so zerstört, dass der Boden das
Wasser nicht mehr halten kann", erklärt Koos. "Es fließt einfach ab und nichts bleibt, um die Pflanzen zu
versorgen."
Koos Pretorius, Landwirt und Umweltschützer, erklärt, warum die grünen Wiesenflächen der rehabilitierten Tagebauflächen für die
Landwirtschaft keinerlei Wert haben. (Foto: Eva Mahnke)
Die Bergbaukonzerne behaupten zwar, dass man auf dem rekultivierten Land wieder Landwirtschaft
betreiben könne. Das aber ist nur die halbe Wahrheit.
Zwar kann man etwa Mais anbauen, der Ertrag ist aber um ein Vielfaches geringer. Auf den ursprünglichen
Böden ernten die Farmer durchschnittlich neun Tonnen Mais pro Hektar; auf dem rekultivierten Land
ehemaliger Kohleminen sind es gerade noch 2,5 Tonnen. "So rechnet sich der Anbau für uns Landwirte nicht",
sagt Anderson. Deshalb liegen die rekultivierten Flächen meist brach.
Gerade beim Mais könnte der fortlaufende Verlust der Böden die Nahrungsmittelpreise künftig drastisch
steigen lassen. Aus Mpumalanga kommt durchschnittlich ein knappes Viertel der gesamten südafrikanischen
Ernte. In einem trockenen Jahr ist es sogar mehr als die Hälfte.
Bislang deckt Südafrika seinen Bedarf an Mais fast vollständig selbst. "Wenn die Ernte nicht mehr ausreicht,
wird Südafrika Mais bald teuer importieren müssen", sagt Landwirtschaftsexperte Koos. Darunter werden vor
allem die Ärmeren im Land leiden, für die Mais ein wichtiges Grundnahrungsmittel ist.
Die Regierung zeigt sich unbeeindruckt vom Protest
Die Kohleförderung gefährdet die Landwirtschaft sogar über die eigentlichen Abbauflächen hinaus. Denn das
durch den Bergbau versauerte Wasser bahnt sich seinen Weg durch Grundwasserleiter, durch Bäche und
Flüsse. Wo immer es hingelangt, reduziert es die Artenvielfalt, bringt es giftige Schwermetalle mit sich und
hinterlässt hässliche Salzkrusten.
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Mittlerweile ist etwa der Stausee Loskop Dam [7] so verschmutzt, dass Bauern, die ihn für die Bewässerung
ihrer Felder nutzen, Gefahr laufen, ein wichtiges Gütesiegel für den Export ihres Obstes und Gemüses zu
verlieren. "Diejenigen, die das Siegel ausstellen, wollen das Wasser nicht mehr als sicher anerkennen", sagt
Koos.
Dort, wo sich das saure Wasser aus dem Tagebau seinen Weg bahnt, hinterlässt es an einigen Stellen hässliche weiße Salzkrusten in der
Landschaft. (Foto: Eva Mahnke)
Dass viele Farmer gegen den Verlust ihres Landes klagen und immer wieder auf die Gefahr für Böden und
Wasser hinweisen, beeindruckt die zuständigen Ministerien bislang nicht. Dennoch will Koos weiterkämpfen.
Anderson aber hat bereits verloren. Übrig bleiben wird von seiner Farm nur der Name. Nach ihr wird dann
das neue Loch in der Landschaft heißen: "Sonnenblumen-Mine".
Zu den Auswirkungen des Kohlebergbaus in Südafrika siehe auch die Reportage Unterwegs zu
Südafrikas Kohleminen6 sowie die Fotostrecke Trip durch ein aufgerissenes Land [8]
Redaktionelle Anmerkung: Diese journalistische Arbeit wurde mit Mitteln des Vereins Koordination
Südliches Afrika (Kosa) [9] unterstützt, einem bundesweiten Zusammenschluss von entwicklungspolitischen
Gruppen und Einzelpersonen, die zur Region Südliches Afrika arbeiten
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Im Text verwendete Links:
1. https://de.wikipedia.org/wiki/Glencore
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Middelburg_%28Mpumalanga%29
3. https://en.wikipedia.org/wiki/Belfast,_Mpumalanga
4. https://de.wikipedia.org/wiki/Mpumalanga
5. http://www.fse.org.za/
6. http://www.klimaretter.info/umwelt/hintergrund/18902-unterwegs-zu-suedafrikas-kohleminen
7. https://en.wikipedia.org/wiki/Loskop_Dam
8. http://www.klimaretter.info/fotostrecken/aktuell/18901-suedafrika-trip-durchein-aufgerissenes-land
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9. http://www.kosa.org/
10. http://disqus.com/
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