Inhalt - Michael Imhof Verlag

Inhalt
15
B. Pinsker/A. Zeeb
MIT KARL DEM GROSSEN DURCH
DIE ZEIT
33
M. Exner
ANSPRUCH UND AUTORITÄT EINES
KAISERLICHEN MODELLS
Zur Rezeption der Buchmalerei vom Hof
Karls des Großen
55
T. Licht/K. Tobler
KAROLINGISCHE MINUSKEL
67
G. Quarg
VOM PFENNIG ZUM EURO
Westeuropäische Münzgeschichte – Zeitraffer
75
B. Burrichter/S. Tomasek
KARLSBILDER: «CHANSON DE ROLAND»
– «ROLANDSLIED»
Miniaturen der Heidelberger Handschrift
115 A. Tischer
KARL DER GROSSE UND DIE KAISER
DER FRÜHEN NEUZEIT
123 G. Quarg
„Aus Keyserlichm und Königlichm Stam
Von Carlo Magno ein Ursprung nam“
ZU HERKUNFT UND FAMILIENTRADITION DER LANDGRAFEN
UND GROSSHERZÖGE VON HESSENDARMSTADT
131 S. M. Kaiser
DES KAISERS NEUE KLEIDER
Wiederbelebung, Reinkarnation und Asche Karls
des Großen unter Napoleon Bonaparte
157 A. C. Oellers
POLYVALENZ UND INSTRUMENTALISIERUNG
Zum Karlsbild im Zeitalter des Historismus
181 M. Kerner
KARL DER GROSSE UND AACHEN
Eine Spurensuche
193 M. Th. Kloft
KARLSVEREHRUNG IN
FRANKFURT AM MAIN
207 J. Führer/R. Zingg
NACHLEBEN UND VEREHRUNG KARLS
DES GROSSEN IN ZÜRICH
221 B. Pinsker/A. Zeeb
KARL DER GROSSE IM
ÖFFENTLICHEN RAUM
243 KATALOG
309 ANHANG
310 Liste der Figuren, Glas- und Wandgemälde
Karls des Großen im öffentlichen Raum
318 Abbildungsnachweis
Anspruch und Autorität eines kaiserlichen Modells | Matthias Exner
Abb. 8 Hildesheim,
Domschatz, DS 33,
Guntbald-Evangeliar,
fol. 21v: Majestas
Domini
durch je vier Zierseiten hervorging. Den Evangelistenbildern in der Tradition des «Lorscher Evangeliars» folgen jeweils Initialseiten und diesen wiederum Paare
gerahmter Textzierseiten, die einer lokalen Tradition
der Zeit verpflichtet sind. Nur dem Matthäusbeginn
steht wie in Lorsch das Majestasbild gegenüber (Abb. 8).
Guntbald überliefert folglich nicht nur den Rahmen der
Hofschulminiatur mit den kleinen Engelsbüsten genauer als die beiden Reichenauer Repliken, sondern
verrät auch Kenntnisse von der ursprünglichen Vertei-
Matthias Exner | Anspruch und Autorität eines kaiserlichen Modells
lung der Bilder im Text, was nur ein anderes Evangeliar leisten konnte. Mithilfe verworfener Ritzzeichnungen, die im Unterschied zur ausgeführten Johannesminiatur noch das Vorhangmotiv der Vorlage kopierten, war es möglich, dieses Bindeglied als eine
Schwesterhandschrift der beiden aus Mainz erhaltenen
Kopien zu identifizieren.21 Die zugehörigen Kanontafeln erweisen sich gleichfalls als Kopien nach karolingischen Vorlagen, doch fand hierfür nicht eine Hofschulhandschrift Verwendung, sondern ein frankosächsisches Evangeliar aus Saint-Vaast, das damals offenbar in Hildesheim verfügbar war.22 Dem ebenso gebildeten wie ehrgeizigen Stifter war es offensichtlich
darum zu tun, zur Ausstattung seiner Klostergründung nicht nur Texte, sondern auch Bilderzyklen von
einem durch Alter und Herkunft nobilitierten Anspruch zusammenzuführen.
Die Nachfolge des Wiener
«Krönungsevangeliars»
Der herausragenden Rolle gemäß, die dem «Krönungsevangeliar» für die Geschichte des Evangelienbuches
wie für die Entwicklung der karolingischen Buchmalerei zukam, entfaltete die außergewöhnliche PurpurHandschrift aus dem Besitz Karls des Großen schon
früh eine besondere Wirkung auf diverse Zentren
abendländischer Buchmalerei, indem die Typen und
Motive ihrer Evangelistenbilder an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten eine wiederholende oder variierende Nachfolge gefunden haben. Nicht
alle Spuren, die das Bilderquartett in der karolingischen oder ottonischen Malerei hinterlassen hat, können auf die im Aachener Domschatz sorgsam verwahrte Zimelie selbst zurückgeführt werden. Im Gegenteil:
Mehrheitlich dürfte es sich um indirekte Dokumente
einer anhaltenden Faszination handeln, die gleichermaßen in der Verknüpfung der Vorlage mit Karl dem
Großen ihre Ursache haben konnte wie in den zugleich
ungewöhnlichen und einprägsamen Erfindungen der
Autorenbilder, auch dort, wo kaum mehr mit einem
Bewusstsein von der Genese der zitierten und anverwandelten Motive gerechnet werden kann. Den Stationen dieser Rezeptionsgeschichte wurde jüngst eine eingehende Untersuchung gewidmet, deren Ergebnisse
hier knapp referiert werden können.23
42
Die Rezeption in Aachen und Reims
Die älteste und fraglos einflussreichste Spur führt in
das karolingische Reims, wo Erzbischof Ebo (amt.
816–835 und 840–841) nicht zuletzt als Auftraggeber
eines nach ihm benannten Evangeliars das dortige
Skriptorium zu ungemein produktiver Blüte führte.24
Das «Ebo-Evangeliar» selbst geht zwar letztlich eigene
Wege,25 doch ist eine Abhängigkeit der Reimser Evangelisten von jenen des «Krönungsevangeliars» offensichtlich, und im sogenannten «Evangeliar von Blois»,
das durch seine Kanontafeln und seine Initialen mit
der Entwicklung des Reimser Skriptoriums verwoben
ist, liegt zweifellos die beste Kopie des Zyklus vor, die
sich erhalten hat (Abb. 9).26 Anders als die übrigen
Reimser Zeugen teilt Blois auch den Verzicht auf die
Evangelistensymbole mit der Vorlage. Zwar fehlt das
Blatt mit dem Lukasbild, doch erweisen sich die drei
anderen Bilder als so getreue Kopien, dass ein unmittelbarer Zugang zu der zweifellos am Aachener Hof
verbliebenen Vorlage postuliert werden muss.
Die Anlage der Handschrift schließt nicht aus,
dass die auf verkürzten Zwischenlagen angebrachten
Bilder außerhalb von Reims entstanden, um in Reims
mit den Lagen von Textblock und Kanontafeln vereinigt zu werden. Für eine solche Theorie liefert der
Textvergleich weitere Anhaltspunkte, da es gerade die
mit den Bildern verknüpften Kapitelverzeichnisse
sind, die in ihrer Auswahl und Abfolge aus dem ansonsten sehr einheitlichen Schema der Reimser Evangeliare herausfallen.27 Und auch dort, wo sich die Kanontafeln von der Gestaltung der Reimser Geschwister unterscheiden, in der steileren Führung der Giebel
und Bögen wie in den oberen Abschlüssen der Gitter
für die Textkolumnen, verdanken sich die Abweichungen dem Formenrepertoire des Wiener Evangeliars. Dass die Bilder von Blois demnach dort entstanden, wo die berühmte Vorlage unmittelbar zugänglich war, in Aachen, erscheint insoweit möglich. Die
jüngeren Wiederholungen und Umformungen der
Evangelistenreihen in den Reimser Evangeliaren der
nächsten Generation tradieren zwar gleichfalls noch
Elemente, die an das Krönungsevangeliar erinnern,
zitieren diese jedoch in einer zweifellos indirekten
Form, die offensichtlich zum Reimser Schulgut geworden ist.
Nur ein weiterer Evangelistenzyklus ist bekannt,
der sich zumindest in Teilen ähnlich unmittelbar an die
Vorlage vom Aachener Hof anschließt: das Evangeliar
aus Prüm in Berlin, das Wilhelm Koehler einem als
Hofschule Kaiser Lothars tätigen Skriptorium zuweisen konnte (Abb. 10).28 Hier bieten die beiden ersten
Bilder recht getreue Wiederholungen der Wiener Prototypen, während die beiden anderen Fortentwicklungen darstellen, an deren Genese wiederum auch Reims
einen gewissen Anteil hat. Auch hier gibt es Anhaltspunkte für einen direkten Zugang zum Krönungsevangeliar, während Parallelen zu den Reimser Bildern trotz
der bekannten Abhängigkeiten im Bereich der Ornamentik marginal bleiben. So darf auch die Prümer
Abb. 9 Paris,
Bibliothèque national
de France, lat. 265,
sogenanntes Evangeliar von Blois, fol. 73v:
Markus
43
Karolingische Minuskel | Tino Licht und Kirsten Tobler
ten. Erhalten sind nur drei, und zwei davon gleichen
bis in die Abmessung und Initialkunst hinein einander.20 Sie sind, obwohl sie unterschiedliche Texte enthalten, ,kodikologische Zwillinge‘;21 eine liegt in Berlin, die andere in Sankt Petersburg.22 Man gewinnt
durch die Sankt Petersburger Handschrift eine Datierung und Lokalisierung, denn dort ist der Auftraggeber genannt: Leutcharius abba iussit fieri.23 Beide
Handschriften entstanden also in Corbie unter Abt
Leutchar, der längstens bis 769 dort gewirkt hat, mit
Sicherheit aber im Jahr 762 Abt in dem alten Königskloster war.24 In dem «Berliner Leutcharcodex» nun ist
für zwei Seiten die Halbunziale mit einer karolingischen Minuskel vertauscht worden, ohne dass die
Schrift auf Rasur steht, ohne dass die Seitengrenzen
Übergangsprobleme signalisieren, ja sogar so, dass der
Wechsel nicht beim Übergang von Blatt zu Blatt, sondern beim Übergang von der Vorder- zur Rückseite erfolgte. Das ist ein experimenteller Wechsel; die neue
Schrift wurde ausprobiert bzw. demonstriert; danach
ist man wieder zur ursprünglichen Schrift, zur Halbunziale zurückgekehrt. Wir sind bei vorsichtiger Datierung in den 760er Jahren, möglicherweise sogar im
Jahrzehnt davor und demnach erheblich früher, als
man bisher erlauben wollte. Höchstwahrscheinlich bevor Karl der Große gemeinsam mit seinem Bruder
Karlmann 768 die Herrschaft über das Frankenreich
übernahm, mit Sicherheit bevor er im Jahr 772 Alleinherrscher wurde, existierte die karolingische Minuskel
schon in Corbie. Das, was sich mit der MaurdramnusBibel angekündigt hatte, wird mit dem «Berliner Leutcharcodex» zur Gewissheit: Lang bevor die Hofschule
Zeugnisse in karolingischer Minuskel hinterlassen hat,
wurde diese in Corbie auf hohem kalligraphischem
Niveau geschrieben. (Abb. 4)
Wie genau die Frühgeschichte der karolingischen
Minuskel zu beschreiben ist, muss in vielen Fällen
noch geklärt werden. Man hat bisher das Zeugnis des
«Godesscalc-Evangelistars» so bevorzugt in alle Erwägungen einbezogen, dass bei der Entwicklung der karolingischen Minuskel der Blick für naheliegende Zusammenhänge und richtige Konsequenzen verstellt gewesen ist. Ein Beispiel hierfür gibt das Kloster Lorsch
an der Bergstraße ab. Das Datengerüst der dortigen
karolingischen Schreibschule war bisher das folgende:
Sie beginnt unter Abt Richbod († 804), einem Mit62
Tino Licht und Kirsten Tobler | Karolingische Minuskel
glied des karolingischen Hofes,25 Abt von Lorsch seit
dem Jahr 784. Die ältesten Beispiele datieren immer
um das Jahr 800. Unter Adalung († 837), im Jahrzehnt nach 804, wird ein zweiter, ein Übergangsstil erkennbar; dieser wird bald von einer nordostfranzösischen karolingischen Minuskel begleitet, die auch in
Lorsch geschrieben worden ist. Dieser Stil ist der sogenannte Saint-Vaast-Stil. Er steht mit Adalung in
Verbindung, der ab 808 auch Abt von Saint Vaast in
Arras war. Ab den 820ern ist das Skriptorium auf seinem Höhepunkt und tritt in die lange und ertragreiche Phase der karolingischen Minuskel im jüngeren
Lorscher Stil ein. Die Produktion wird um 860 in dem
umfangreichsten Bibliothekskatalog Lorsch registriert
und ebbt dann langsam ab.26 Älterer Lorscher Stil
784 – ca. 810, Übergangstil ca. 810 – ca. 825, SaintVaast-Stil ca. 810 – ca. 825, jüngerer Lorscher Stil
ca. 825 bis zum Ende der Karolingerzeit. Mit welchem
Argument ist der Beginn des Skriptoriums unter Richbod festgelegt? „Die Datierung muß sich zunächst darauf beschränken, daß ein Ansatz vor Gode[s]scalcs erstaunlicher Leistung (zwischen 781 und 783) unwahrscheinlich ist ...“.27 Für die Datierung der ältesten
Handschriften wird also mit der ,Hofthese‘ argumentiert, wovon man sich nun im Wissen um den «Berliner Leutcharcodex» und um die Existenz der karolingischen Minuskel schon in den 760ern befreien darf.
Paläographisch spricht nichts dagegen, dass das Lorscher Skriptorium von Anbeginn produktiv gewesen
ist.28 Eigentlich ist schon das Gründungsjahr 764
nicht mehr auszuschließen. Vielleicht ist es für manchen leichter, den Beginn mit dem Bezug der neuen
Konventsgebäude im Jahr 774 anzusetzen. Und damit
lösen sich auch manche Datierungsschwierigkeiten,
welche die frühen Jahre des Skriptoriums betreffen.29
Lorsch gehört sicherlich zu den karolingischen
Schreibschulen, die wir am besten belegen können
und in denen wir den Höhepunkt der karolingischen
Schriftkultur illustrieren können. In Lorsch ist nämlich etwas gelungen, was wir nur in besonders leistungsfähigen Skriptorien nachvollziehen können: Das
Kloster hat in der Mitte des 9. Jahrhunderts in Serie
produziert, das heißt einen bestimmten Buchtyp
mehrfach im Auftrag anderer Konvente, vielleicht
auch anderer Einzelpersonen hergestellt. Voraussetzungen für den Nachweis einer solchen Serienpro-
Abb. 5 «Seligenstädter
Evangeliar». Der zweispaltige Prachtcodex
demonstriert die karolingische Minuskel auf
dem Höhepunkt ihrer
Schriftentwicklung.
Darmstadt, Universitätsund Landesbibliothek,
1957, fol. 8r
63
Karlsbilder: «Chanson de Roland» – «Rolandslied» | Brigitte Burrichter, Stefan Tomasek
der militärischen Darstellungen (136 von 4200 Versen mit militärischen Motiven) eine Rolle spielt, obwohl das «Rolandslied» v. a. die Beschreibung eines
kaiserlichen Feldzuges darstellt und der Beginn des
Feldzuges sowie v. a. die Racheschlacht alle Optionen
eröffneten, um die Karlsfigur prominent zu positionieren. Zugespitzt formuliert, fehlt die Hauptfigur
des «Rolandsliedes» in der Haupthandlung und der
Feldherr in der Feldschlacht – aus dieser Perspektive
stellt das «Rolandslied» also keinesfalls ein „Karlslied“
dar.
Die Miniaturen
Es ist in diesem Kontext bemerkenswert, dass die Miniaturen diesen für das Karlsbild des «Rolandsliedes»
problematischen Befund erheblich revidieren. Dies gelingt, indem die Schlachtdarstellungen fast vollständig
anonymisiert gehalten sind. Den militärischen Gegebenheiten der Zeit entsprechend, verhüllt im Regelfall
der Helm die Identität der Kämpfenden, was durch
das Fehlen heraldischer (Wappen o. Ä.) oder sonstiger
ikonographischer Zeichen weiter unterstützt wird. Die
zudem weitgehend uniforme Darstellung der Krieger
lässt nur aufgrund der jeweiligen Stellung im Text
erahnen, welcher fränkische Adelige dargestellt ist (vgl.
exemplarisch fol. 57v, Abb. 13) – diese Tendenz zur
Uniformität geht sogar so weit, dass auch der Unterschied zwischen christlichen und nicht-christlichen
Kämpfern nicht dargestellt wird, was auch Relevanz
für das Bildkonzept der muslimischen Truppen hat
(z. B. fol. 63r, vgl. Abb. 14).
Besonders Roland und Olivier erscheinen so in
den Schlachtdarstellungen als nur zwei von vielen,
was nicht ihrer exponierten Darstellung im Text entspricht (vgl. exemplarisch fol. 11v, Abb. 15, und fol.
89r, Abb. 16). Als kämpfende Figur ist Roland in den
Miniaturen nur einmal sicher zu identifizieren, als er
mit seinem Horn Olifant einen Angreifer erschlägt –
es ist aber das Horn, das diese Zuordnung sichert,
nicht die Rolandsdarstellung selbst (vgl. fol. 93v,
Abb. 17).
Brigitte Burrichter, Stefan Tomasek | Karlsbilder: «Chanson de Roland» – «Rolandslied»
Abb. 15 Rolandslied
des Pfaffen Konrad,
Universitätsbibliothek
Heidelberg, Cod. Pal.
germ. 112, fol. 11v
(Roland und Olivier
inmitten christlicher
und muslimischer
Fußtruppen)
Abb. 14 Rolandslied
des Pfaffen Konrad,
Universitätsbibliothek
Heidelberg, Cod. Pal.
germ. 112, fol. 63r
(christliche und
muslimische
Kavallerieattacke)
98
Abb. 16 Rolandslied
des Pfaffen Konrad,
Universitätsbibliothek
Heidelberg, Cod. Pal.
germ. 112, fol. 89r
(Roland und Olivier in
voller Rüstung)
99
Des Kaisers neue Kleider | Simone Maria Kaiser
Abb. 8 Heiliges
Schwert der französischen Könige, genannt
„Schwert von Karl
dem Großen“, auch
„Joyeuse“, 9. - Anf.
14. Jh. Gold, Edelsteine, Silber, Stahl,
100,5 x 22,6 cm, Musée du Louvre, Paris
Abb. 9 Kaiser Karl der
Große auf dem Zepter
Karls V., 1364–1380.
Gold, Perle, Edelstein,
Glas, H. 60 cm, Musée
du Louvre, Paris
bung und Krönung in Rom am Weihnachtstag 800 zu
verwenden, mit dem epochalen Unterschied freilich,
dass Napoleon sich von Papst Pius VII. nur salben
ließ, sich und seiner Kaiserin Joséphine am 2. Dezember 1804 die Krone aber eigenhändig aufs Haupt zu
setzen beschloss.44 Hinsichtlich der Insignien hatte
sich Napoleon ebenfalls mehrere Möglichkeiten eröffnet und verschiedenen, seiner Herrlichkeit dienlichen
Symbolgehalt zu akkumulieren gesucht. Während die
Aachener Reichskleinodien außer Reichweite bei ihrem deutsch-römischen Kaiser Franz II. in Wien lagen
und der Stadt nicht restituiert wurden, reaktivierte er
die französischen Honneurs de Charlemagne. Sie waren
nicht mehr in Saint-Denis, sondern während der Revolution teilweise zerstört worden, und ihre Reste im
Museum im Louvre aufbewahrt worden. Auch hierzu
gehörte ein sogenanntes Schwert Karls des Großen,
Simone Maria Kaiser | Des Kaisers neue Kleider
die Joyeuse (Abb. 8), und das Zepter mit der goldenen
Thronfigur Karls des Großen, das Karl V. im 14. Jahrhundert hatte herstellen lassen, um die karolingische
Abkunft der Valois symbolisch zu bekräftigen (Abb.
9), außerdem die Main de justice (Justizhand) und die
Karlskrone der französischen Könige. Krone und
Schwurhand waren komplett zerstört worden, dem
Zepter Karls V. fehlte nur der Stab, das Schwert war
am besten erhalten. Den kaiserlichen Goldschmied
Martin-Guillaume Biennais (1764–1843) beauftragte
man mit der „Restaurierung“ dieser Insignien. Zur
Wiederherstellung der verlorenen Krone und Main de
justice (mit drei ausgestreckten Fingern) orientierte
sich Biennais an den Abbildungen in Montfaucons
«Monuments de la Monarchie françoise».45 (Abb. 10 +
11) Gleichzeitig erhielt er aber auch den Auftrag,
neue Insignien für den Kaiser der Franzosen anzufer-
Abb. 10 Martin-Guillaume Biennais, Sogenannte Krone Karls
des Großen – angefertigt für die Krönung
Napoleons I., Paris,
1804. Silber, Kupfer,
vergoldet, Gemmen,
Kameen, H. 25 cm,
Dm. 18,5 cm, Musée
du Louvre, Paris
Abb. 11 Martin-Guillaume Biennais, Justizhand – angefertigt für
die Krönung Napoe-
tigen, die sogenannten „Honneurs de Napoléon“: ein
neues Schwert, ein Zepter mit Adler, eine weitere
Main de justice (mit fünf ausgestreckten Fingern) und
einen Reichsapfel. Außerdem schmiedete Biennais eine römisch-antikische Krone aus goldenen Lorbeerblättern. Diese Krone setzte sich Napoleon I. schließ142
lich aufs Haupt am 2. Dezember, nicht die Karlskrone. Die restaurierten und rekonstruierten karolingischen Herrschaftszeichen bekamen eine mehr dekorativ-symbolische Funktion, denn Napoleon berührte
sie nicht während der Zeremonie, sondern ließ sie
von seinen Marschällen nur zur Schau tragen.46 Auf
lons I., Paris, 1804.
Amethyst, Bergkristall,
Perlen, Gold, Silbergold, Elfenbein, Edelstein, H. 39,2 cm. Musée
du Louvre, Paris
143
Karl der Große und Aachen | Max Kerner
Abb. 9 Lotharkreuz
„Kaiserseite“,
um 1000
dieses päpstlichen Privilegs und apostolischen Schutzes wird nicht zuletzt an der jährlichen Zinszahlung
für den Papst deutlich, die ein Pfund reinen Goldes
betrug.15 In der Tat „ein mächtiges Stift in einer entstehenden Stadt“, wie Ludwig Falkenstein meint.16
In der Wissenschaft hat es für diese Aachenpräferenz Ottos III. verschiedene Erklärungen gegeben: den
Karlskult und die versuchte Karlskanonisation (K.
Görich)17, den Plan einer Aachener Bistumsgründung
Max Kerner | Karl der Große und Aachen
(E. D. Hehl)18 sowie das Konzept der kirchlichen Verstädterung (L. Falkenstein)19. Wie immer man sich
hier entscheidet, die Rangerhöhung von Pfalz und Ort
war sicherlich in Ottos III. besonderer Verehrung für
Karl den Großen, für dessen Kirche und Grab begründet. Mitgewirkt haben dürfte auch seine hohe Wertschätzung für Adalbert von Prag, der 997 im fernen
Königsberg bei den heidnischen Pruzzen den Märtyrertod gefunden hatte und noch im gleichen Jahr als
Namenspatron für das Aachener Kanonikerstift gewählt wurde – die erste Kirche überhaupt, die ein
Adalberts-Patrozinium erhielt.
Vor diesem Hintergrund wird man insgesamt der
Gründungsgeschichte der Abtei Brauweiler aus dem
späten 11. Jahrhundert zustimmen wollen, wenn es
dort heißt, dass Otto III. „diesen Ort [Aachen] mit
größter Verehrung erneuert und berühmter als er vorher war gemacht hat.“20
Hochmittelalterlicher Karlskult
In Aachen wird bis zum heutigen Tage der heilige Karl
besonders verehrt – insbesondere beim Karlsfest eines
jeden Jahres. Dies geht zurück auf Friedrich I. Barbarossa (reg. 1152–1190), der seinen großen Vorgänger
in der Weihnachtsoktav am 29. Dezember 1165 (am
Kirchfest des biblischen Königs David, des Gesalbten
des Herrn und Stammvaters Christi) zur Ehre der Altäre erhoben hat. Der damalige (Gegen-)Papst Paschalis III. (amt. 1164–1168) hatte die Heiligsprechung an den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel
(gest. 1167) delegiert. Barbarossas persönliches und
politisches Interesse war unverkennbar: Karl der Große wurde Teil der staufischen Reichsidee vom sacrum
imperium, von einer unmittelbar von Gott geschaffenen Weltherrschaft. Wenige Tage später, am 8. Januar
1166, ließ Barbarossa der Aachener Marienkirche eine
feierliche Urkunde ausstellen, in der die Heiligsprechung Karls des Großen bekundet wird. Eingebunden
in dieses Barbarossa-Diplom ist ein gefälschtes Karlsdekret, ein Aachener „Machwerk“ (B. Schneidmüller)21 aus der Zeit vor 1158, das Aachen zum Haupt
und Sitz des Reiches macht (caput Galliae trans Alpes),
zum Krönungsort der römisch-deutschen Könige und
späteren Kaiser. Karl erscheint als der christliche Stadt186
gründer Aachens gegenüber den heidnischen Repräsentanten Nero und Granus, auf die Aachens Ursprünge zurückgehen sollen. Er ist der Erbauer der
Marienkirche, die durch Papst Leo III. (amt. 795–
816) geweiht und in der die regia sedes aufgestellt worden sei. Er ist es auch, der den Einwohnern Aachens
die städtischen Freiheiten verliehen hat.22
Inhalt und Ausrichtung dieses Karlsdekrets werden von Friedrich I. Barbarossa in seiner Urkunde in
vollem Umfang bestätigt: „Es freue sich also und
frohlocke in unsagbarem Jubel dieses Aachen, das
Haupt der Städte“, das durch die Präsenz des heiligen
Karl ausgezeichnet sei, der hier begraben liege und auf
den die Gründung Aachens als Sitz und Haupt des
Reiches zurückgehe (civitas Aquisgranum, que caput et
sedes regni Theutonici est).23 „Aachen soll die
Haupt[stadt] des Reiches sein“ und dessen sakraler
Mittelpunkt (sacra civitas), die Aachener Marienkirche soll als „Verwahrraum“ des Thrones (E. Meuthen)
erste Kirche im ganzen Reich sein, und die Aachener
Gemeinde soll mit besonderen Vorrechten ausgezeichnet werden.25
Vor einem solchen Hintergrund ist die genannte
Karlsfälschung von besonderem Interesse, die die Kanoniker des Marienstiftes Barbarossa vorgelegt und mit
kaiserlicher Autorität hatten bestätigen lassen. Wo immer und wann genau dieses Karlsdekret entstanden ist
– ob im Umkreis des Marienstiftes oder am Hofe Barbarossas, vor 1158 oder über die Mitte des 12. Jahrhunderts zurückweisend – für das Aachener Münster
galt sie als eine Art „Gründungsurkunde“ (C. Brühl/
Th. Kölzer)25, die auszugsweise auf dem Karlsschrein
Aufnahme fand und in die legendarische Karlsvita
übernommen wurde. Sie ist zudem in der vielleicht
Abb. 10 Aachener
Karlsschrein, zwischen
1182 und 1215
187
Karl der Große im öffentlichen Raum | Bernhard Pinsker, Annette Zeeb
Bernhard Pinsker, Annette Zeeb | Karl der Große im öffentlichen Raum
Abb. 7 Frankfurt am Main,
am Südbau des Römers
Abb. 9 Frankfurt am
Main, Stifts- und
Pfarrkirche St. Bartholomäus, im Chorsakramentshaus
Abb. 8 Frankfurt am Main,
Stifts- und Pfarrkirche St.
Bartholomäus, am Portal
des Südquerhauses
224
Abb. 11 Frankfurt
am Main, Carolus-Brunnen
Abb. 10 Frankfurt
am Wendelsplatz
am Main, Haus am
Römerberg
225
Katalog
Katalog
25
25 Pfennig, Markgrafschaft Brandenburg-Bayreuth, Friedrich Wilhelm III.
von Preußen (1797–1840)
Billon, Dm. 11 mm | Bayreuth 1801 | Privatsammlung
GQ
22
22 Brakteat, Friedrich I. Barbarossa
(1152-1190)
Silber, Dm. 24 mm | Wetterau (?) | Aus
dem Münzfund von Fischbachtal-Lichtenberg, Kreis Darmstadt-Dieburg, 1920 |
Hessisches Landesmuseum Darmstadt GQ
23 Prager Groschen, Johann I. von
Luxemburg (1309–1346)
Silber, Dm. 28 mm | Böhmen | Privatsammlung
26
26 Mark, Deutsches Reich, Wilhelm I.
(1871–1888)
Silber, Dm. 24 mm | Darmstadt 1882.
Eine Münzstätte in Darmstadt gab es mit
Unterbrechungen von 1618 bis 1882. Dies
ist letzte hier geprägte Münze | Privatsammlung
GQ
GQ
24
24 Meißner Groschen, Markgrafschaft
Meißen, Wilhelm II. (1407–1425)
Silber, Dm. 29 mm | Vor 1425 | Privatsammlung
GQ
27 Pfennig, Deutsches Reich, Wilhelm
II. (1888–1918)
Aluminium (Kriegsprägung), Dm. 16 mm |
Stuttgart 1917 | Privatsammlung
GQ
27
28 Pfennig, Westdeutschland, Bank
Deutscher Länder
Kupferplattiertes Eisen, Dm. 16,5 mm |
Karlsruhe 1948 | Privatsammlung
GQ
28
23
262
263
Katalog
Sammelobjekte – Münzen und Postsachen
104 Postkarte „Le Charlemagne“
Paris, o.J. (1900–1916) | Photogravur |
Darmstadt, Privatsammlung
Die „Charlemagne“ gehörte zu einer Klasse
von drei Linienschiffen der französischen
Marine. Sie lief 1895 vom Stapel und wurde
1900 in Dienst gestellt. Der Name bezieht
sich auf ein früheres Kriegsmaschineschiff
„Charlemagne“ des 1. französischen Kaiserreiches unter Napoleon I. Nach dem Ende
des 1. Weltkriegs wurde die „Charlemagne“
außer Dienst gestellt.
SK
105 Postkarte „Panzerschiff Kaiser
Karl der Grosse“
o.O., o.J. (1902–1919) | Farbdruck |
Darmstadt, Privatsammlung
Klasse. Es lief 1899 vom Stapel und wurde
1902 in Dienst gestellt. Sie kam auch im 1.
SK
Weltkrieg noch zum Einsatz.
107 Ersttagbrief
Papier | Frankreich, 1966
In Frankreich steht Charlemagne bis heute
als Gründer von Schulen in hohen Ehren.
106 Postkarte mit Stempel Karl der
Große
Deutschland, 1942 | Papier
107
BP
108 Ersttagsbrief
Papier | Andorra, 1978
Der Sonderstempel auf der Postkarte von
1942, herausgegeben zu seinem vermeintlichen 1200sten Geburtstag 742 – das genaue
Jahr ist bis heute unbekannt – zeigt das Metzer Reiterstandbild, das seinerzeit noch als
Karl der Große angesehen wurde. Darunter
steht der Text „Großdeutschland gedenkt
Karls des Großen“. Ein nettes Wortspiel mit
grausigem Hintergrund. Diese Postkarte ist
ein seltener Beleg der öffentlichen Karlsverehrung in der Zeit des Nationalsozialismus.
Das Panzerschiff Karl der Große gehörte zu
einer Klasse von fünf Linienschiffen der Kaiserlichen Marine, die sog. Kaiser-Friedrich-
106
BP
Andorra, das einzige Land in Europa, das
Karl den Großen in seiner Nationalhymne
als Gründer nennt, feiert 1978 den 1200sten
Geburtstag des Karolingers 778.
BP
108
109 Postkarte
Papier
Andorra, 1978
Neben einem Ersttagsbrief wurde in Andorra
1978 auch eine Ersttagspostkarte anlässlich
des 1200sten Geburtstag von Charlemagne
110
109
111
herausgegeben. Auf der Vorderseite prangt das
Reiterstandbild vor Notre Dame in Paris. BP
110 Briefmarke
Papier | Y.A.R (Jemen), o. J.
Monochromer Kopf Karls des Großen in Manier des Dürergemäldes von 1513.
BP
104
302
111 Ersttagsbrief
1200 Jahre Erhebung Bremens zum Bischofssitz | 1987 | Briefmarke: Offsetdruck
| Entwurf: Rothacker | Darmstadt, Privatsammlung
thematisiert die Erhebung Bremens zum Bischofssitz im Jahre 787 durch Karl den Großen.
AZ
Die Marke zeigt Kaiser Karl den Großen
(links), Bischof Willhad (rechts), den Bremer
Dom und darunter das Stadtwappen und
105
303