Deutschlandfunk / Hörspiel Hintergrund Kultur Hörspiel am Samstag, 16. Januar 2016 – 20.05 Uhr Musik: Ulrike Haage Regie: Ulrike Haage Redaktion: Sabine Küchler Geld Nach Texten von Gertrude Stein Von Ulrike Haage Manuskript Urheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. © - ggf. unkorrigiertes Exemplar - Gertrude Stein / Ulrike Haage Ein Brief GERTRUDE: Bilignin (par Belley Ain), July 20, 1936 (20.Juli 1936) Dearest papa Woojums papa, I have been writing to you over and over again about the Saturday Evening Post1 they have bought 4 little pieces of mine, the second one about Trac I think is very good and the fourth one I like too but I cannot tell what numbers they are in because as they pay me for them they do not send me the magazine, but they seem very pleased and they are printing them and I am doing two more and then that will be enough. [...] Baby Woojums2 1. Intermezzo I TAMATI RANAPIRI: I will speak to you about the hau... This hau is not the wind that blows - not at all. Let us suppose that you possess a certain article (taonga) and that you give me this article. You give it to me without setting a price on it. We strike no bargain about it.3 AESOP: Ein Geiziger machte sein gesamtes Vermögen zu Geld, kaufte sich einen Klumpen Gold und vergrub diesen außerhalb seines Hauses. Ununterbrochen ging er zu der Stelle hin und sah sie sich an. Aber einer von denen, die in der Nähe dieser Stelle ihre Arbeit taten, beobachtete sein ständiges Kommen und Gehen und argwöhnte den wahren Grund für dieses Verhalten.4 MATTHÄUS: Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.5 Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazu gewonnen. Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazu gewonnen. Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder. AESOP: Als der Geizige sich einmal entfernt hatte, hob der Arbeiter das Gold aus der Erde. Als der Mann aber zurückkam und den Platz leer vorfand, jammerte er und raufte sich die Haare. Jemand sah ihn in seinem übermäßigen Schmerz, erfuhr den Grund und sagte: „Sei nicht traurig, mein Freund, sondern nimm einen Stein, lege ihn an dieselbe Stelle und stelle dir vor, dass dein Gold dort liegt. Denn damals, als es noch dort lag, hast du es doch auch nicht gebraucht.“ MATTHÄUS: Sein Herr antwortete ihm: Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. JOKER: Geld stellt erste und letzte Fragen. Die erste ist die nach seiner unheimlichen Umwendungskraft. Die letzte die nach dem Ende dieser Kraft.6 (maliziöses Lachen, verschwindet im Orbit und aus dem Orbit kommt:) ...Ist Geld (nun) Geld oder ist Geld nicht Geld. GERTRUDE I GELD7 1. Jeder muss sich jetzt wirklich entscheiden. 2. Ist Geld nun Geld oder ist Geld nicht Geld. 3. Jeder der es verdient und es jeden Tag zum Leben ausgibt weiß dass Geld Geld ist, 4. jeder, der darüber abstimmt wie viel Steuern eingetrieben werden sollen 5. weiß dass Geld nicht Geld ist. 6. Das ist es was alle verrückt macht. 7. Es war einmal ein König, der hieß Ludwig der Fünfzehnte. 8. Er gab Geld aus wie sie es heute ausgeben. 9. Er gab es einfach aus 10. und eines Tages wagte es jemand dem König das zu sagen. 11. Oh, sagte der, nach mir die Sintflut, 12. solange er lebe würde es reichen, also sei es doch egal. 13. Als dieser König seine Herrschaft begonnen hatte 14. nannte man ihn Ludwig den Vielgeliebten, 15. als er starb 16. blieb nicht einmal mehr jemand bei ihm 17. um ihm die Augen zuzudrücken. 18. Aber all diese Probleme gibt es eigentlich 19. wegen dieser Frage ist Geld Geld. 20. Jeder der jeden Tag davon lebt weiß dass Geld Geld ist 21. aber die Leute die über Geld abstimmen, Präsidenten und der Kongress, 22. sehen Geld nicht so wenn sie darüber abstimmen. 23. Ich erinnere mich noch wie mein Neffe als er ein kleiner Junge war 24. irgendwo spazieren ging und viele Pferde sah; 25. er kam nach Hause und er sagte, oh Papa, 26. ich habe gerade eine Million Pferde gesehen. 27. Eine Million, sagte sein Vater, 28. naja, sagte mein Neffe, es waren drei. 29. Das haben wir dann immer alle gesagt 30. wenn jemand Zahlen benutzte 31. die er nicht zählen konnte 32. naja eine Million oder drei. 33. Das ist der springende Punkt. 34. Wenn man Geld verdient und jeden Tag Geld ausgibt 35. dann kennt man den Unterschied 36. zwischen einer Million und drei. 37. Wenn man aber über Geld abstimmt 38. dann gibt es keinen richtigen Unterschied 39. zwischen einer Million und drei. 40. Und so muss sich jeder entscheiden 41. ist für jeden Geld Geld oder nicht. 42. Das ist es worüber jeder eine Menge nachdenken muss 43. oder alle werden furchtbar unglücklich werden 44. denn die Zeit wird kommen 45. wo das Geld über das abgestimmt wird plötzlich einfach Geld wird 46. wie das Geld das jeder jeden Tag verdient und jeden Tag zum Leben ausgibt 47. und wenn diese Zeit kommt 48. werden alle sehr unglücklich sein. 49. Ich wünschte wirklich jeder würde sich entscheiden ob Geld Geld ist. 50. Es ist furchtbar schwer für jemanden zu glauben 51. dass Geld Geld ist 52. wenn es mehr davon gibt als man zählen kann. 53. Darum sollte es irgendein Verfahren geben 54. so dass nicht sofort über Geld abgestimmt wird. 55. Wenn man Geld ausgibt das man jeden Tag verdient 56. überlegt man es sich natürlich sehr genau 57. bevor man mehr ausgibt als man hat 58. und meistens macht man es nicht. 59. Wenn es also irgendeine Regelung gäbe 60. dass wenn eine Gruppe abstimmt und beschließt 61. Geld auszugeben, dass sie dann lange warten müsste, 62. und erst eine andere Gruppe abstimmen müsste, 63. bevor sie wieder abstimmt und das Geld bekommt, kurz, 64. wenn es irgendwie ginge 65. eine Regierung dazu zu bringen mit Geld umzugehen 66. wie ein Familienvater mit Geld umgehen muss 67. wenn das nur irgendwie ginge. 68. Der natürliche Instinkt eines Familienvaters 69. wenn ihn jemand um Geld bittet 70. ist nein zu sagen. 71. Jeder Familienvater, jedes Familienmitglied weiß das ganz genau. 72. Bis also jeder der über öffentliche Gelder abstimmt sich daran erinnert 73. was er als Familienvater fühlt, wenn er nein sagt, 74. wenn irgend jemand in der Familie Geld will, 75. bis diese Zeit kommt, 76. wird es viele Probleme geben und 77. ein paar Jahre später werden alle sehr unglücklich sein. 78. In Russland versuchten sie zu beschließen dass Geld nicht Geld sei 79. und jetzt lernen sie langsam aber sicher wieder dass Geld Geld ist. 80. Ob es einem nun gefällt oder nicht 81. Geld ist Geld 82. und das ist alles. (ALLES!...alles?) 83. Jeder weiß das. 84. Wenn sie es verdienen und ausgeben was sie verdienen 85. dann wissen sie es dann wissen sie wirklich 86. dass Geld Geld ist 87. und wenn sie darüber abstimmen dann wissen sie nicht 88. dass es Geld ist. 89. Das ist das Problem mit jedem, es ist furchtbar schwer 90. wirklich zu wissen was man weiß. JOKER: Wer über das Geld nicht staunt, wird es nie begreifen können.8 91. Wenn man es verdient und es ausgibt 92. kennt man wirklich 93. den Unterschied zwischen drei Dollar und einer Million, 94. aber wenn man es sagt und darüber abstimmt, 95. hört sich alles gleich an. 96. Natürlich tut’s das, das täte es für jeden, 97. und das ist der Grund 98. warum sie darüber abstimmen 99. und immer wieder darüber abstimmen werden. 100. Also bitte, das gilt jetzt für jeden, jeden jeden, bitte ist Geld Geld, 101. und wenn es das ist, sollte es gleich sein, 102. ob es nun ein Familienvater verdient und ausgibt 103. oder eine Regierung, 104. wenn es das nicht ist 105. gibt es früher oder später ein Unglück. 2. Intermezzo II JOKER: Der übliche Ansatz zur Definition von Geld konzentriert sich auf die Funktionen des Geldes, wobei man die Zahlungsmittelfunktion, die Funktion als Recheneinheit und die Wertaufbewahrung unterscheidet. […] Es ist nicht von vornherein eindeutig, wo die Grenze zwischen Geld und „Nicht-Geld“ zu ziehen ist. 9 KARL: Das Geld ist die allgemeine Verkehrung der Individualitäten, die sie in ihr Gegenteil umkehrt und ihren Eigenschaften wider sprechende Eigenschaften beilegt.10 MONITA: Es zirkuliert, es schafft Verbindungen, es stellt Gemeinschaft her. Auch im monetären Tausch hängen Individuen und Gemeinschaft voneinander ab!11 KARL: Es verwandelt die Treue in Untreue, die Liebe in Hass, den Hass in Liebe, die Tugend in Laster, die Laster in Tugend, den Knecht in den Herrn, den Herrn in den Knecht, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn. JOKER: Gold? Kostbar flimmernd, rotes Gold? Soviel hievon macht schwarz weiß, hässlich schön, Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.12 MONITA: Offenbar nährt die Geld-Ökonomie die Illusion, dass man sich dem Prinzip der Gegenseitigkeit entziehen kann. Aber wenn das Geld nicht zirkuliert, gibt es Unheil. TAMATI RANAPIRI: He makes a present to me of something (taonga). Now this taonga that he gives me is the spirit (hau) of the taonga that I had received from you and that I had given to him. The taonga that I received for this taonga, which came from you, must be returned to you. It would not be fair (tika) on my part to keep these taonga for myself, whether they were desirable (rawe) or not (kino). I must give them to you because they are a hau of the taonga that you gave me. If I kept this other taonga for myself, serious harm might befall me, even death. This is the nature of the hau, the hau of personal property, the hau of the taonga, the hau of the forest. Kati ena (But enough on this subject). JOKER: Geld ist Ersatz. - Wer immer Geld begehrt, begehrt etwas anderes als Geld. Ohne einen Überbau an unerfüllten und unerfüllbaren Phantasien kann Geld gar nicht existieren. [...] Geld kam in die Welt, um seine Anlässe zu beseitigen und damit sich selbst überflüssig zu machen.13 MARCEL: In der Gesellschaft der Gabe wird durch den Tausch von Gütern ein soziales Band geschaffen. Eine Gabe muss angenommen und erwidert werden. Der Wert einer Gabe beruht auf dem Gedanken, dass jede Gabe das Selbst des Gebenden enthalten muss. Im Gabentausch gibt man sich selbst – und zwar darum weil man sich selbst - sich und seine Besitztümer - den anderen „schuldet“.14 JOKER: Die Globalisierung scheint alle Verhältnisse unter den Menschen dem Markt und der Ökonomie zu unterwerfen. Wo bleiben die Bezüge des direkten Umgangs miteinander? Ist die Globalisierung des Geistes der reinen Gabe und der Demokratie denkbar und möglich?15 Die reine Gabe darf nicht zirkulieren, sie darf nicht getauscht werden, auf gar keinen Fall darf sie sich als Gabe verschleißen lassen im Prozess des Tausches.16 GERTRUDE II MEHR ÜBER GELD [II] 1. Als vor langer Zeit in England das Parlament erfunden wurde 2. geschah das hauptsächlich um den König daran zu hindern 3. zuviel Geld auszugeben. 4. Seitdem hat jedes Land ein Parlament 5. aber wer soll dafür sorgen 6. dass die Parlamente aufhören zuviel Geld auszugeben. Joker: Pekunia nervus belli! 7. Wenn man einmal anfängt Geld auszugeben 8. hört man nie wieder von selbst auf. 9. Wenn man aufhört, dann nur 10. weil jemand dafür sorgt dass man aufhört. 11. Und wer soll schon dafür sorgen, 12. dass der Kongress aufhört zuviel Geld auszugeben. 13. Das muss sich jetzt jeder mal überlegen. 14. In Frankreich hat die Abgeordnetenkammer genau das gleiche getan 15. sie hat zuviel Geld ausgegeben und so wählte jeder die Kommunisten 16. in der Hoffnung die Kommunisten würden dafür sorgen dass das aufhört. 17. Jetzt glaubt jeder dass die Abgeordnetenkammer unter den Kommunisten 18. das Geld einfach weiter ausgeben wird und so überlegen sich viele Franzosen 19. ob sie nicht wieder einen König haben sollten, 20. und dass der König dafür sorgen wird 21. dass das französische Parlament 22. aufhört zuviel Geld auszugeben. 23. Das ist komisch. 24. Das Parlament wurde erfunden um dafür zu sorgen 25. dass der König aufhört Geld auszugeben 26. und jetzt überlegen sich die Franzosen 27. ob sie wieder einen König haben sollten 28. um dafür zu sorgen dass das Parlament aufhört 29. all ihr Geld auszugeben. 30. Und in Amerika, wo sich seit George Washington 31. keiner wirklich mehr einen König vorstellen kann, 32. wer soll da dafür sorgen dass der Kongress aufhört 33. zuviel Geld auszugeben. Joker: Auri sacra fames17! 34. Sie werden sicher nicht selbst dafür sorgen 35. dass sie aufhören, 36. soviel ist klar. 37. Das muss sich jetzt jeder mal überlegen. 38. Wer soll dafür sorgen dass sie aufhören... Joker: Der verfluchte Hunger nach Gold. 3. Intermezzo III JOKER: Und es herrscht der Erde Gott, das Geld.18 Eilebeute. So sind wir doch die ersten hier! Habebald. Kein Rabe fliegt so schnell als wir. Eilebeute. O! Welch ein Schatz liegt hier zuhauf! Wo fang’ ich an? Wo hör’ ich auf?19 Pink Floyd Grab that cash with both hands and make a stash New car, caviar, four star daydream, Think I'll buy me a football team.20 PAUL: [...] Ich glaube an GOLD und SILBER, die, geschmolzen im Tiegel und zerhackt in der Münze, geschlagen im Prägestock, als klingende Münze zur Welt gekommen, aber, nachdem sie auf Erden gewandelt und zu schwer befunden wurden, hinab(ge)fahren in die Keller der Bank, um als PAPIERGELD, NEIN als elektronisch übermittelte Zahlenfolgen wieder aufzuerstehen.[...]21 JOKER: Im grauen Dunst / Verleibt sich das Gold alles Licht.22 GERTRUDE III ALLES ÜBER GELD [IV] 1. Es ist schon sehr komisch mit dem Geld. 2. Was die Menschen von den Tieren unterscheidet 3. ist Geld. 4. Alle Tiere haben die gleichen Gefühle 5. und die gleichen Gewohnheiten wie Menschen. 6. Wer viele Tiere um sich herum hat weiß das. 7. Aber was kein Tier kann ist zählen 8. und was kein Tier kennt ist Geld. 9. Menschen können zählen, und das tun sie auch, 10. und darum haben sie Geld. 11. Also, solange die Erde sich dreht 12. solange wird es Menschen auf ihr geben, 13. und solange es Menschen auf ihr gibt, 14. solange werden sie zählen, 15. und sie werden Geld zählen. 16. Jeder zählt immer Geld. 17. Die Königin sitzt im Salon 18. und isst was ihr gefällt 19. Der König sitzt in der Schatzkammer 20. und zählt sein Geld. 21. So ist es nun einmal und es ist nur dann ein Problem 22. wenn sie Geld zählen ohne es als Geld zu zählen. 23. Zählen ist komisch. 24. Wenn man ein großes Geschäft sieht 25. und man sieht von all den vielen Dingen 26. so viele innen drinnen, 27. und auf den Ladentischen, 28. ist es schwer zu glauben 29. dass eins mehr oder weniger für irgendjemanden 30. einen Unterschied macht. JOKER (Eilebeute): O! Welch ein Schatz liegt hier zuhauf! Wo fang’ ich an? Wo hör’ ich auf. 31. Wenn man eine Kassiererin in einer Bank 32. mit Schubladen voller Geld sieht, 33. ist es schwer zu begreifen 34. dass eine mehr oder weniger 35. irgendeinen aber auch nur irgendeinen Unterschied macht. 36. Das macht’s aber, wenn man es kauft. 37. oder wenn man es wegnimmt, 38. oder wenn man es verkauft, 39. oder wenn man beim Auszahlen einen Fehler macht. 40. Natürlich macht’s das. 41. Aber eine Regierung, 42. also eine Regierung macht genau das, 43. sie glaubt nicht wirklich dass wenn soviel davon da ist 44. eins mehr oder weniger 45. irgendeinen Unterschied macht. 46. Es ist komisch, 47. wenn man irgend etwas kauft 48. also das kann vier Dollar und fünfzig Cent kosten 49. oder irgendeine andere Summe, 50. aber wenn eine Regierung über Geld abstimmt 51. ist es immer eine runde Summe. 52. Eins oder fünf oder fünfzehn oder sechsunddreißig mehr oder weniger 53. machen keinen Unterschied. 54. Sobald es Milliarden werden 55. machen fünfzehn oder fünfundzwanzig oder sechsunddreißig 56. mehr oder weniger 57. keinen Unterschied. 58. Also, das muss sich jeder mal überlegen 59. denn wenn alles zusammen gerechnet wird 60. müssen alle möglichen genauen Summer 61. zusammengerechnet werden, 62. jeder der Steuern zahlt weiß das, 63. und es macht einen Unterschied. 64. All diese genauen Geldsummen müssen verschwinden 65. um jene runde Summe zu ergeben 66. über die abgestimmt wird, 67. aber tut sie das auch. 68. Es wird rund abgestimmt 69. aber es wird genau eingezogen. 70. Das muss sich jeder mal überlegen. 4. Intermezzo IV FRANZISKUS23: Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! PAUL24: Unser Vater KAPITAL, der du bist von dieser Welt, allmächtiger Gott, der du den Lauf der Flüsse veränderst und Berge durchstichst, der Du Erdteile voneinander trennst und Nationen zusammenkettest, Schöpfer der Waren und Quelle des Lebens. [...] FRANZISKUS: Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. Ich ermahne euch zur uneigennützigen Solidarität und zu einer Rückkehr von Wirtschaft und Finanzleben zu einer Ethik zugunsten des Menschen. JOKER: Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann...25 CARSON26: (von allen 3 Sprechern gesprochen, Rollen vermischen sich, Poesie übernimmt.) ...Es war da noch ein tieferer Grund, weshalb das Café der Stadt so viel bedeutete. Und dieser tiefere Grund hat mit einem gewissen Stolz zu tun, der hierzulande bisher unbekannt war. Um diesen Stolz zu begreifen, muss man sich vor Augen halten, wie wenig das menschliche Leben gilt. Von jeher drängen sich eine Menge Menschen um eine Baumwollspinnerei, doch es ist selten, dass jede Familie genügend Maismehl, Kleider und Speck für alle Familienangehörigen hat. Das Leben wird oft zu einer einzigen langen, trübsinnigen Plackerei, um nur die zum nackten Leben notwendigsten Dinge zusammenzuscharren. Verwirrend ist nun, dass alle brauchbaren Dinge ihren Preis haben und nur mit Geld erworben werden können, denn so ist der Lauf der Welt. Ohne zu überlegen, weiß man, wie viel ein Ballen Baumwolle oder ein Liter Sirup kostet. PAUL: Gib uns Käufer in Menge, die unsere Waren abnehmen, die guten wie die schlechten. [...] Führe uns nicht in das Zuchthaus, sondern befreie uns von dem Bankrott und verleihe uns ewige Renten. Amen! CARSON: (von allen 3 Sprechern gesprochen, Rollen vermischen sich, Poesie übernimmt.) Doch das menschliche Leben hat keinen Gegenwert; es wird uns umsonst gegeben, und es wird uns genommen, ohne dass wir dafür bezahlen. Wie viel ist es wert? Oft wenn man sich im Schweiße seines Angesichts abgerackert und bemüht und seine eigene Lage doch nicht gebessert hat, regt sich in unserem innersten Herzen ein Gefühl, als wäre man selber auch nicht viel wert. Doch der neue Stolz, der mit dem Café in diese Stadt gekommen war, berührte fast jeden, sogar die Kinder. Bei solchen Gelegenheiten benehmen sie sich gesittet und sind sehr stolz. So waren auch die Leute aus der Stadt stolz, wenn sie an einem Tisch im Café saßen. Sie wuschen sich, ehe sie zu Miss Amelia gingen, und putzten sich vor dem Betreten des Cafés die Schuhe ab. Dort im Café konnten sie wenigstens für ein paar Stunden die tiefe bittere Erkenntnis vergessen, dass der Mensch in dieser Welt nicht viel wert ist. GERTRUDE IV EIN LETZTES ÜBER GELD [V] 1. Die Reichen loszuwerden 2. hat schon etwas sehr Komisches zur Folge. 3. Wo immer sie es versucht haben 4. da sind sie die Reichen tatsächlich losgeworden 5. und dann ist jeder arm 6. und außerdem gibt es dann mehr als je zuvor 7. immer mehr immer Ärmere. 8. Und das ist ganz natürlich. 9. Wenn es Reiche gibt 10. kann man immer von den Reichen nehmen 11. und den Armen geben 12. aber wenn jeder arm ist 13. dann kann man nicht von den Armen nehmen 14. und den noch viel Ärmeren geben 15. und dann stehen sie da. 16. Das ist das zwangsläufige Ergebnis 17. von zuviel Organisation. 18. Diese Sache mit der Organisation 19. ist eine komische Geschichte. 20. Der Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, 21. nachdem alles vollkommen unter feudaler 22. und religiöser Herrschaft gestanden hatte, 23. sah überall den starken Wunsch 24. nach persönlicher Freiheit 25. und sie packten ihn an 26. bis sie glaubten sie zu haben, 27. was zuerst die Englische und dann 28. die Amerikanische und dann die 29. Französische Revolution zur Folge hatte, 30. und da standen sie dann da 31. und jeder war frei 32. und so ging es dann weiter bis zu Lincoln. 33. Dann begannen sie Maschinen zu erfinden 34. und gleichzeitig fanden sie unberührte Natur 35. und die konnte mit Maschinen bearbeitet werden 36. und so begannen sie mit der Organisation, 37. sie begannen mit der Organisation von Fabriken und 38. der Organisation von Arbeitern, 39. und je mehr sie mit der Organisation begannen 40. desto mehr wollte jeder organisiert sein 41. und je mehr sie organisiert waren 42. desto mehr gefiel jedem 43. die sklavische Abhängigkeit von einer Organisation. 44. Gerade neulich las ich eine Detektivgeschichte von Footner 45. und die Gangster die auf Befehl 46. unter furchtbaren Bedingungen 47. fest zusammen gehalten wurden 48. sagten als sie jemand befreien wollte 49. sicher muss man heutzutage organisiert sein 50. man muss dafür sorgen 51. dass einem jemand das Denken abnimmt. 52. Und dann schrieb mir neulich noch ein sehr fähiger junger Mann, 53. wer hätte schon erwartet dass er so denken würde, 54. und meinte 55. letztendlich seien wir doch alle froh 56. dass Roosevelt uns das Denken abnimmt. 57. Das ist die notwendige Folge aller Organisationen 58. und da ist die Welt heute angelangt, 59. der Anfang des achtzehnten Jahrhunderts 60. strebte nach Freiheit 61. und hörte auf mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts 62. das nach Organisation strebte. 63. Heute hat sich die Organisation irgendwie immer mehr verbraucht. 64. Die unberührte Natur wird irgendwie immer mehr verbraucht, 65. die ganze Erdoberfläche ist heutzutage bekannt 66. und die Luft auch, 67. und überall sieht man eine Organisation 68. die sich selbst umbringt 69. indem sie einfach als Organisation endet. 70. Die etwas rückständigeren Länder 71. sind davon noch begeistert 72. weil sie gerade erst davon gehört haben 73. aber im Grunde ihres Herzens wissen die anderen 74. dass es immer Arme gibt 75. und dass es immer sehr viel Ärmere gibt 76. und was wird man dagegen tun. 77. Die Organisation ist gescheitert 78. und überall auf der ganzen Welt muss jeder von vorne anfangen. 79. Was werden sie als nächstes versuchen, 80. was will das einundzwanzigste Jahrhundert tun? 81. Sie werden bestimmt nicht organisiert sein wollen, 82. das zwanzigste Jahrhundert erlebt gerade das Ende davon, 83. vielleicht da die unberührte Natur bis dahin so gut wie verbraucht sein wird 84. und da außerdem bis dahin jeder 85. so schnell er kann überall gewesen sein wird, 86. vielleicht 87. werden sie anfangen 88. wieder Freiheit zu suchen 89. und ihre Zeit wieder auf individuelle Art zu verbringen 90. und ihr Land auf altmodische Art 91. oder eigenhändig zu bestellen. 92. Eins steht fest 93. Bis es wieder Reiche gibt 94. wird jeder arm sein 95. und jeder wird mehr als je zuvor 96. sogar noch ärmer sein. 97. Soviel steht auf jeden Fall fest. Epilog GERTRUDE: Ob es einem nun gefällt oder nicht Geld ist Geld und das ist alles. (ALLES!...alles?) Jeder weiß das. Musikepilog ENDE 2015 Ulrike Haage
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