Standard "Harnverhalt" Definition: Harnverhalt ist als Unvermögen

Standard "Harnverhalt"
Definition:
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Grundsätze:
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Harnverhalt ist als Unvermögen definiert, trotz gefüllter Harnblase Urin
zu lassen. Es ist also nicht die Urinproduktion gehemmt, sondern die
Urinausscheidung beeinträchtigt.
Hauptursache bei Männern ist die Vergrößerung der Prostata. Ein
häufiger Auslöser bei beiden Geschlechtern sind Tumore der
Harnröhre oder der Blase.
Mehrere Liter Urin können sich in der Harnblase anstauen. Dieses ist
für Betroffene extrem unangenehm und schmerzhaft. Wenn die
Blasenfüllung dazu führt, dass der Blasendruck den Schließmuskel
überwindet, geht der Urin tröpfchenweise ab. Dieses Phänomen wird
"Überlaufblase" genannt.
Wir unterscheiden zwischen einem akuten Harnverhalt und einem
chronischen Krankheitsverlauf. Bei einem akuten Geschehen ist die
Schmerzsymptomatik deutlich intensiver, während eine chronische
Beeinträchtigung weniger Beschwerden verursacht.
Ein Harnverhalt bei unklarer Grunderkrankung ist immer als Notfall zu
werten.
Uns ist bewusst, dass das Wasserlassen insbesondere in Anwesenheit
anderer Personen für viele Senioren unangenehm ist. Der Widerwille
kann so groß sein, dass der Betroffene die Schließmuskulatur nicht
entspannen kann, um Wasser zu lassen. Wir werden dem Bewohner
daher keinen Vorwurf machen.
Ziele:
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Vorbereitung:
Der Bewohner kann schmerzfrei Wasser lassen und seine Harnblase
dabei nahezu vollständig entleeren.
Die Pflegekräfte erkennen Gefährdungssituationen zeitnah und
reagieren angemessen.
Die Nieren werden vor Spätschäden geschützt.
Bei risikoarmen Auslösern finden wir ein wirksames Hausmittel, um den
Harnabfluss zu erleichtern und gleichzeitig die Schmerzbelastung zu
reduzieren.
Symptome
Wir achten auf Symptome, die für Harnverhalt sprechen:
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Organische
Ursachen
Der Bewohner klagt über Harndrang, ist aber nicht in
der Lage, Wasser zu lassen.
Der Bewohner klagt über Schmerzen im Unterbauch.
Wichtig: Bei neurogenen Störungen kann ein
Harnverhalt auch schmerzfrei verlaufen.
Der Bewohner klagt über Übelkeit oder Erbrechen.
Der Bewohner ist unruhig. Bei fehlender
Kommunikationsfähigkeit aufgrund einer Demenz ist
diese Verhaltensauffälligkeit ein zentrales, oft das
einzige Symptom.
Der Bewohner ist blass. Es kommt zur
Kaltschweißigkeit, zu erhöhter Pulsfrequenz und zu
anderen Schockzeichen.
Der Bewohner klagt über ein ständiges Urintröpfeln,
da die vollständig gefüllte Harnblase "überläuft".
Die vergrößerte Harnblase zeichnet sich durch eine
Hautwölbung sichtbar ab. Sie ist zudem unter dem
Nabel (über dem Schambein) auch gut tastbar.
Wir prüfen, ob sich aus der Krankheitsgeschichte des
Bewohners mögliche Ursachen für den Harnverhalt ableiten
lassen. Mögliche Faktoren sind:
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Verlegung der Harnröhre als Folge einer
Prostatavergrößerung
zurückliegende operative Eingriffe im Unterbauch,
die zu einer Narbenbildung und zu einer Verlegung
der Harnleiter führen könnten
Blasensteine
Tumorwachstum
Stuhlverhalt, Obstipation
neurogene Störungen, wie etwa Multiple Sklerose
Querschnittlähmung
Bandscheibenvorfall
Polyneuropathie bei Diabetes mellitus
verschiedene Arzneimittel, etwa BenzodiazepinDerivate, Antidepressiva sowie Opioide
Blasenentzündung mit dadurch ausgelöster
Schmerzsymptomatik
(Hinweis: Bei Senioren mit einer Prostatahyperplasie kann
bereits der Genuss eines kalten Biers zu einem Harnverhalt
führen.)
Durchführung: Maßnahmen bei
organischen
Ursachen
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Wir prüfen, ob ein Notfall vorliegt. Dieses ist der Fall
bei folgenden Beobachtungen:
o Die Schmerzsymptomatik ist sehr intensiv.
o Die Beschwerden treten in dieser Form und
Intensität erstmalig auf.
Bei einem Notfall wird der Notarzt gerufen und die
Krankenhauseinweisung vorbereitet. Der Bewohner
wird mit einem leicht erhöhten Oberkörper gelagert.
Er erhält bis zum Eintreffen des Arztes keine
Getränke. Der Bewohner wird mit einer Vorlage
versorgt, um etwaiges Harnträufeln zu
kompensieren.
Wenn der Bewohner einen Blasenverweilkatheter
hat, prüfen wir, ob der Katheter verstopft oder
abgeklemmt sein könnte.
Bei einem Katheter, der durch die Harnröhre führt,
kann ein unbeabsichtigter Zug am
Ableitungsschlauch dazu führen, dass die
Katheteröffnung trotz Blockung von der Harnröhre
umschlossen und verstopft wird. In diesem Fall ist ein
sofortiger Katheterwechsel erforderlich.
Nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgt eine
Einmalkatheterisierung. Bei der Durchführung muss
sichergestellt sein, dass die Engstelle ohne
Verletzung passiert werden kann.
Bei einem großen Harnvolumen von mehr als 800 ml
ist eine fraktionierte Entleerung erforderlich. Die
Urinausleitung erfolgt also in Teilschritten zu jeweils
nicht mehr als 500 ml. Danach wird eine Pause von
30 Minuten eingelegt. Ansonsten besteht das Risiko
einer Blasenblutung als Folge der plötzlichen
Entlastung der Blasenschleimhaut.
Harnverhalt ist häufig die Nebenwirkung von OpioidEinnahmen. In diesem Fall muss der behandelnde
Arzt informiert werden. Dieser entscheidet über das
weitere Vorgehen, also etwa eine Änderung der
Medikation.
(Hinweis: Bei post-operativem Harnverhalt wird häufig ein
Parasympatholytikum appliziert.)
Psychische
Faktoren
Wir prüfen stets, ob es psychische Faktoren gibt, die die
Harnausscheidung beeinträchtigen:
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Der Bewohner ist erst seit kurzer Zeit bettlägerig. Die
Nutzung einer Urinflasche ist ihm peinlich. Er leidet
unter einer sog. "schüchternen Blase". In diesem Fall
sollte der Bewohner die Möglichkeit haben, in
Abwesenheit der Pflegekraft Wasser zu lassen.
Voraussetzung ist, dass die Flasche im Bett nicht
verrutschen kann.
Wir prüfen, ob es eine biografisch bedingte
Ablehnung von andersgeschlechtlichen Pflegekräften
gibt. In diesem Fall müsste die Zuordnung
insbesondere der Bezugspflegekraft überdacht
werden.
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"Hausmittel"
Wir nutzen "Hausmittel" nur dann, wenn nach ärztlicher
Diagnose keine gravierenden organischen Faktoren
ursächlich für den Harnverhalt sind:
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Nachbereitung: Prognose
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Weitere
Maßnahmen
In einem Zweibettzimmer kann die mangelnde
Intimsphäre zu mentalen Blockaden führen. In
diesem Fall wäre ggf. die Nutzung eines Raumteilers
sinnvoll.
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Wir tauchen die Hände des Bewohners in warmes
Wasser oder lassen ihn auf- und abgehen.
Wir lassen den Wasserhahn laufen. Wichtig ist vor
allem das Geräusch von laufendem Wasser.
Wir nutzen Wärmeanwendungen im Bereich der
Blasen- und Nierengegend, also insbesondere eine
Wärmflasche, feuchtwarme Wickel oder
Dampfkompressen.
Der Auffangbehälter des Toilettenstuhls wird zu
einem Drittel mit warmem Wasser gefüllt. Der
Bewohner wird dann auf den Toilettenstuhl
mobilisiert.
Die Pflegekraft kann den Bereich der Blasenregion
vorsichtig(!) massieren.
Der Bauch des Bewohners wird mit ätherischen und
pflanzlichen Ölen eingerieben. Alternativ verwenden
wir Ölkompressen. Wir nutzen insbesondere die
harntreibende Wirkung von Rosmarin, Fenchel oder
Salbei.
Der Bewohner soll ausreichend Flüssigkeit zu sich
nehmen, also möglichst mehr als zwei Liter pro Tag.
Er erhält harntreibende Nieren-Blasen-Tees.
Harnverhalt wird bei bewusstlosen Senioren häufig
übersehen und daher auch nicht therapiert.
Wenn ein Harnverhalt nicht korrekt behandelt wird,
tritt letztlich eine Gewöhnung an die anhaltende
Überdehnung ein. Zudem kann es durch den
Harnrückstau zu einer Nierenschädigung bis hin zum
Nierenversagen kommen.
Alle Beobachtungen werden sorgfältig dokumentiert.
Die Pflegeplanung wird regelmäßig an die aktuellen
Ressourcen und Pflegeprobleme angepasst.
Alle relevanten Informationen werden zeitnah an den
behandelnden Arzt weitergeleitet. Die Daten sollen
es dem Arzt insbesondere ermöglichen, den
Gesundheitszustand des Bewohners korrekt zu
erfassen sowie die Wirksamkeit der Therapie korrekt
zu bewerten.