Restrukturierung „Unterschiedliche Interessenlagen auf einen Nenner bringen“ Für den nachhaltigen Erfolg einer Restrukturierung ist professionelle Kommunikation unabdingbar, weil sie Vertrauen schafft. Ein Interview mit dem Insolvenzverwalter und Restrukturierungsexperten Dr. Frank Kebekus, Vorstand des Instituts für Interdisziplinäre Restrukturierung (iir). 24 Angst um Arbeitsplätze: In Insolvenzund Restrukturierungssituationen artikulieren Mitarbeiter ihre Interessen meist auch öffentlich. Im Bild eine Demonstration von Beschäftigten des Druckmaschinenherstellers manroland. © Frank Rumpenhorst/dpa Dr. Frank Kebekus: Der treibende Gedanke für die Gründung des iir war die Erfahrung, dass eine möglichst frühzeitige Sanierung bzw. Restrukturierung für alle Beteiligten vorteilhafter ist als ein zu spät eingeleitetes Insolvenzverfahren. Schlägt ein Unternehmen diesen Weg erst ein, wenn es keine Alternative mehr gibt, ist der Ausgang unvorhersehbar. Der Insolvenzverwalter wird dann zum Unfallchirurgen. Gelingen Wiederbelebung und Notoperation nicht, kann er nur noch abwickeln: die übrig gebliebenen Vermögenswerte verkaufen, mit dem Erlös die Gläubiger, so gut es geht, bedienen, die Mitarbeiter entlassen und den Betrieb schließen. Dabei wären viele Unternehmen, die dieses Schicksal erleiden, durchaus sanierungswürdig und auch sanierungsfähig – wenn die Möglichkeiten genutzt würden, die das Insolvenzrecht heute bietet. Themen und Trends Herr Dr. Kebekus, Sie haben das iir 2009 mitbegründet. Was hat Sie dazu bewegt? c 25 Restrukturierung Kebekus: Meiner Erfahrung nach ja. Und sie werden nicht ausreichend vorbereitet. Dass im Vorfeld eines Insolvenzverfahrens ein Restrukturierungsansatz erarbeitet wird, der von allen betroffenen Stakeholdern akzeptiert wird, geschieht Zielgerichtetes Storytelling schafft Vertrauen. zu selten. Dadurch wird die Chance vertan, durch frühzeitige Abstimmung eines Sanierungskonzepts die unterschiedlichen Interessenlagen der beteiligten Anspruchsgruppen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Nach dem Gang zum Amtsgericht ist das viel schwieriger. Warum? Weil dann oft die erfahrenen Führungskräfte aus dem Spiel sind, Panik um sich greift und die Firma in Schockstarre verfällt. Wie lassen sich die Interessengegensätze zwischen den Akteuren denn ausgleichen? Kebekus: Das ist eine Frage der Kommunikation, bevor das Kind in den Brunnen fällt. Internen wie externen Stakeholdern ist doch am besten gedient, wenn es gelingt, Produktionsunterbrechungen, Umsatzeinbrüche oder Führungsprobleme und die daraus resultierende Vernichtung von Werten und Arbeitsplätzen zu vermeiden. Schließlich haben in einer existenzbedrohenden Unternehmenskrise alle Beteiligten dasselbe Grundinteresse: größtmöglichen Nutzen aus ihrer geschäftlichen oder vertraglichen Beziehung zum Unternehmen zu ziehen. Banken, Kreditversicherer und Lieferanten wollen einen möglichst hohen Prozentsatz ihrer Forderungen realisieren. 26 Und Mitarbeitern, Standortpolitikern und der Bundesagentur für Arbeit geht es um den Erhalt der Arbeitsplätze. Das alles lässt sich nur dann gewährleisten, wenn die Geschäftstätigkeit des Unternehmens nachhaltig fortgeführt wird. Sie plädieren also für einen Gläubigerschutz, wie wir ihn vom US-amerikanischen „Chapter 11“ her kennen? Kebekus: Ein entsprechendes Verfahren gibt es im deutschen Insolvenzrecht schon seit zwölf Jahren. Damals schuf der Gesetzgeber die Möglichkeit, mit Zustimmung der betroffenen Gläubiger von den Vorschriften des Regelinsolvenzverfahrens abzuweichen, um ein von der Insolvenz bedrohtes Unternehmen in Ruhe zu restrukturieren. Beim Insolvenzplanverfahren entwickelt der Insolvenzverwalter gemeinsam mit der Unternehmensleitung einen Sanierungsplan. Auf dieser Basis wird dann mit den Gläubigern ein teilweiser Schuldenerlass verhandelt. Für den Unternehmer bzw. Geschäftsführer bedeutet das: Er wird nicht abgestempelt als Versager, dem man den Betrieb aus der Hand nehmen muss, oder gar als Schuldiger, der zu bestrafen ist. Stattdessen wird er Teil der Lösung. Welche Rolle spielt dabei Kommunikation? Kebekus: Für ein Insolvenzplanverfahren ist zielgerichtetes Storytelling in Richtung der Stakeholder eine entscheidende Erfolgsvoraussetzung. Es gilt ja, das Vertrauen von Gläubigern, Lieferanten, Kunden und Mitarbeitern dafür zu gewinnen, dass die aktuellen Manager das Unternehmen mit Hilfe externer Fachleute wieder flottmachen. Dafür brauchen wir eine glaubwürdige Geschichte, eine überzeugende Zukunftsperspektive, auf die sich alle Mitwirkenden einlassen wollen. Klare Prozesse, juristische Expertise, Personal- und Finanzierungspläne geben strukturelle Sicherheit. Doch für den nachhaltigen Erfolg einer Restrukturierung ist professionelle Kommunikation mit allen Beteiligten nicht weniger wichtig. Gelingt beides und der Plan geht auf, kann das Unternehmen nach erfolgreicher Restrukturierung sogar besser dastehen als die Konkurrenz. Die Praxis zeigt, dass potenzielle Geldgeber davon ausgehen, dass ein Betrieb, der durch ein solches Verfahren gegangen ist, keine Leichen mehr im Keller hat. Das Unternehmen kommt dann sogar leichter an frische Kredite oder Investitionen als Firmen, bei denen der Kapitalmarkt noch Altlasten sieht, versteckte Risiken befürchtet oder die Equity Story nicht deutlich erkennt. Wie können Kommunikationsberater eine Restrukturierung darüber hinaus unterstützen? Kebekus: Fünf Ziele sind meiner Erfahrung nach am engsten mit Kommunikation verknüpft: Betrieb am Laufen und Zulieferer bei der Stange halten, Loyalität der Kunden und Verbleib der Leistungsträger im Unternehmen sichern, Sozialpartner konstruktiv einbinden. Drei Aufgaben stehen im Vordergrund: Die Führungsmannschaft muss Orientierung geben – durch eine glaubwürdige Situationsanalyse, größtmögliche Transparenz und verlässliche Aussagen. Sie muss Zuversicht vermitteln, indem sie ein klares Zielbild entwickelt, ihre Strategie verständlich macht und einen Weg weist, den vor allem jene für gangbar halten, die ihn zu bewältigen haben. Schließlich kommt es darauf an, Interessengemeinschaft herzustellen. Intern bedeutet das vor allem: das mittlere Management in die Verantwortung ein- Kurzprofil Dr. Frank Kebekus und iir Dr. Frank Kebekus ist seit 16 Jahren als Insolvenzverwalter und Restrukturierungsexperte tätig und gehört zu den Pionieren des Insolvenzplanverfahrens in Deutschland. Er ist Vorstand des Instituts für Interdisziplinäre Restrukturierung (iir) e. V. in Berlin, das in Kooperation mit der Humboldt-Universität das Ziel verfolgt, das Sanierungsund Insolvenzrecht weiterzuentwickeln und ein praxistaugliches Restrukturierungsmodell zu erarbeiten. zubinden und die Mitarbeiter auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass die Organisationskommunikation unverzichtbares Element des interdisziplinären Ansatzes ist, den das iir vorantreiben will? Themen und Trends Mit anderen Worten: In Deutschland werden Insolvenzanträge tendenziell zu spät gestellt? Kebekus: Unbedingt. Die Führungskräfte brauchen in einer solchen Situation Unterstützung im Hinblick auf die Entwicklung kommunikativer Inhalte, Prozesse, Strukturen und Fertigkeiten. Sie müssen lernen, zielgerichtet zu kommunizieren und im Wettlauf mit Gewerkschaftern über eine reibungslose Informationskaskade die Position der Unternehmensführung abzusichern. Dabei sind nicht selten Ängste vor Kommunikation in Konfliktsituationen abzubauen. Viele stehen ja zum ersten Mal vor Herausforderungen dieser Art. Hinzu kommt der Druck der Medienberichterstattung, deren Bedeutung gern überschätzt wird. Das kann zu einer auf floskelhafte Kernbotschaften reduzierten Einbahnstraßen-Kommunikation führen, mit der die Menschen, deren Mitwirkung die Unternehmensführung benötigt, nicht zu gewinnen sind. 27
© Copyright 2025 ExpyDoc