- Universität Wien

VO Illusionsstörendes Erzählen im Roman - WS 2015/16 (Wynfrid Kriegleder)
Theoretische Einführung
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Gattung Roman
o Entsteht im 17. Jahrhundert
o Entfernt sich vom Wunderbaren und Fantastischen
o Will uns Realitätsnähe vermitteln; illusionsfördernde Elemente
o Höhepunkt: Realismus (19. Jhd.); größtmögliche Realitätsnähe
o Parallele Strömung seit Beginn der Gattung: illusionsstörende Elemente; erinnern
den Leser, dass er einen Roman liest
Erzähltheorie
o Differenz zwischen fiktionalem und faktualem Erzählen (z.B. Journalismus)
o Wir akzeptieren die erzählte Welt als fiktional
o Wolf Schmids Idealgenetisches Modell
 „Das Geschehen ist die amorphe Gesamtheit der Situationen, Figuren und
Handlungen, ein Resultat der inventio.“
 „Die Geschichte ist das Resultat einer Auswahl aus dem Geschehen - von
bestimmten Geschehensmomenten und bestimmten Qualitäten aus der
Menge der Momente.“
 „Die Erzählung ist das Resultat der Komposition, die die Geschichte in einen
ordo artificialis bringt.“
 „Die Präsentation der Erzählung bildet die Phäno-Ebene, sie ist als einzige
der Ebenen der empirischen Beobachtung zugänglich.“ (Resultat d. Elocutio)
o Instanzen des Erzählwerks
 Abstrakter (implizierter) Autor (verkörpert Weltbild und Ideale des Romans)
 Fiktiver Erzähler (Genette: homo- vs. heterodiegetisch; Schmid: diegetisch vs.
exegetisch)
 Fiktiver Leser (z.B. Bildungsniveau, kulturelles Wissen, etc.)
 Abstrakter (implizierter) Leser: idealer Leser, der den Text „durchschaut“;
implizierter Autor kommuniziert mit ihm
o Story- vs. discourse-level, z.B.
 Zeit
 Ordnung
o Ordo naturalis vs. ordo artificialis
o Anachronie: Analepsen und Prolepsen
o Zeitdeckend (Szene) - zeitdehenend (Dehnung) - zeitraffend
(Raffung) - Zeitsprung (Ellipse) - Pause
 Dauer: Verhältnis von erzählter Zeit zu Erzählzeit
 Frequenz (Wie oft wird etwas erzählt?)
o singulativ
o repititiv: eine Handlung öfters (z.B. aus versch. Perspektiven)
o iterativ: einmal erzählen, was sich wiederholt ereignet hat
 Modus
 Distanz
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
Mimesis (Nachahmung von Worten, z.B. Theater) vs. diegesis
(sprachliche Wiedergabe von etwas Nichtsprachlichem)
[Platon]
o Telling vs. showing
o Dramatischer vs. narrativer Modus (Genette)
o Rede
 Direkte Rede (Figurenrede)
 Indirekte Rede (Erzählerrede)
 Erlebte Rede (zwischen Erzähler- und Figurenrede;
free indirect discourse)
 Psycho-narration; stream of consciousness
Fokalisierung [Genette] (Perspektive)
o Nullfokalisierung (olympische Perspektive; Allwissender
Erzähler, der mehr sagt als alle Figuren wissen)
o Interne Fokalisierung (Erzähler sagt nicht mehr, als eine der
Figuren weiß)
o Externe Fokalisierung (Erzähler sagt weniger, als eine der
Figuren weiß)

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Stimme
 Zeitpunkt des Erzählens
o Früheres Erzählen (prophezeiend, relativ selten)
o Gleichzeitiges Erzählen (in der Moderne populär)
o Späteres Erzählen
 Ort des Erzählens [Genette] (welche Ebene?), z.B.
o Extradiegetisch: auf dem discourse-level
o Intradiegetisch: auf dem story-level
o Metadiegetisch
o Narrative Metalepse: Grenzüberschreitung der Ebenen
 Stellung des Erzählers zum Geschehen
o Schmid: diegetisches (in der Geschichte) vs. exegetisches
(außerhalb) Erzählen
o Genette: homo- vs. heterodiegetisches Erzählen
 Subjekt und Adressat des Erzählens (Wer erzählt wem?)
o Unzuverlässiges Erzählen
 Erzähler schafft die fiktive Welt und hat Wahrheitsanspruch darin
 Wahrheitsprivileg vor der Figurenrede
 V.a. ab dem 20. Jhd.: häufige Skepsis gegenüber dem Wahrheitsanspruchs
des (Ich-)Erzählers, z.B. Vorenthaltung wichtiger Informationen
 Ermittlung der Verlässlichkeit im Vergleich des Erzählers mit dem Weltbild
des Romans
 Unzuverlässig mimetische (Falschinformation über Sachverhalte) vs.
unzuverlässig theoretische Erzählung (z.B. Ideale und Äußerungen des
Erzählers, die als unglaubwürdig interpretiert werden)
 Oft als „Ironie des implizierten Autors“ erklärt
Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung
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Illusionsbegriff
 Ästhetische Illusion: ästhetische Erscheinung, die vom Rezipienten
wahrgenommen wird, als ob sie wirklich sei; bewusstes Schwanken zwischen
Realität und Fiktion
 Im 18. Jhd. v.a. im Drama (Lessing)
 Kulturelles Phänomen, das vor allem in unserem Kulturkreis auftritt
 Referenzillusion: fiktionaler Text bezieht sich auf eine außerliterarische
Wirklichkeit
 Erlebnisillusion: Rezipient wird in eine (nichtmögliche) Welt hineingezogen
 Illusion ist analog zur Art und Weise, wie wir die wirkliche Welt wahrnehmen
(Fokalisierung aus einer Perspektive, mit der wir uns identifizieren können)
Ästhetische Illusion
 Textexterne Faktoren
 Epochenspezifischer Begriff von Wahrscheinlichkeit
 Opposition glaubwürdig - unglaubwürdig
 Innerliterarische Konventionen, die vom Rezipienten akzeptiert
werden (z.B. Gespenstergeschichten)
 Individuelle Leserfaktoren
 Textinterne Faktoren
 3 Unterziele: Text muss Wahrscheinlichkeit vorgaukeln, die
Künstlichkeit verhüllen und Interesse erwecken
 Daraus werden 6 notwendige Faktoren abgeleitet (stehen im
Widerspruch; benötigen Balance zueinander)
o Anschauliche Welthaftigkeit: handlungsfunktional
überflüssige Details; „räumlich und zeitlich fixierte Bühne“
wird für den Leser aufgebaut
o Sinnzentriertheit: Relevanzprämisse (was im Text erzählt
wird, ist relevant für die Geschichte; steht Prinzip 1
entgegen); Erleichterung der Rezeption
o Perspektivität (Fokalisierung)
 Blickpunkte (auch wechselnd möglich):
innerdiegetisch/figural, außerdiegetisch/auktorial
oder neutral; Identifikation muss gegeben sein
 Partialität: Information über das Geschehen lediglich
über den Perspektiventräger
 Sinnhorizont
o Mediumsadäquatheit: Grenzen des Mediums dürfen nicht
überschritten werden (hier: Sprache und Narrativität)
o Interessantheit der Geschichte: story muss für die Illusion
wichtig sein, nicht discourse
o Celare-artem-Prinzip (Verhüllen der Künstlichkeit): die
Fiktion des Werks soll nicht thematisiert werden
 Charakteristika
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
o
Heteroreferentialität: Referenz auf etwas außerhalb des Textes;
Erweckung eines Eindrucks der Existenz einer von ihm unabhängigen
Wirklichkeit
 Geschichtsebene zentral
 Vermittlungsebene tritt in den Hintergrund
 Ernste Darstellung der dargestellten Welt
Charakteristika der Illusionsstörung (Primärillusion der Story wird gefährdet)
 Tendenz zur Autoreferentialität/Metafiktion: man wird an die Fiktion der
Geschichte erinnert
 Entwertung der Geschichte
 Erweckung des Eindrucks, dass bei der Geschichte etwas nicht
stimme; Eindruck der Uninteressantheit/Unwahrscheinlichkeit
 Z.B. durch aufdringliche Botschaft
 Z.B. Fremddetermination durch Ordnungssysteme
 Z.B. Ereignislosigkeit
 Z.B. Sinn- und Ordnungsdefizite
 Auffälligkeit der Vermittlung: „foregrounding“ der Sprache oder Narrativität
(fehlende Sinnzentriertheit, illusionsstörende Perspektivik [z.B. DuErzählsituation])
 Komik: nicht ironisches Erzählen ist illusionsstörend, sondern Komik auf der
discourse-Ebene
Miguel de Cervantes: Don Quijote (1605/15)
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Historischer Kontext
o Spanien damals sehr mächtig, seit ca. 100 Jahren geeinigt durch den Sieg gegen das
letzte spanische Königreich von Granada
o Große Kolonialmacht (Südamerika, Asien, etc.); es regieren die Habsburger
o Zur selben Zeit William Shakespeare; keine Konkurrenz durch die deutschsprachige
Literatur
Autor
o 1547 geboren, 1616 gestorben
o Wahrscheinlich aus konvertierten jüdischen Familie
o Spanischer König vertrieb viele muslimische und jüdische Konvertiten aus Angst vor
„Scheinkonvertierungen“ (auch im Don Quijote dargestellt)
o Hat studiert; war auch im Militär (Kriege gegen Osmanisches Reich, muslimische
Gefangenschaft, etc.)
o Literarische Karriere parallel zum Staatsdienst
o Hielt die „Novellas Ejemplares“ als sein Hauptwerk (das auch weite Rezeption erfuhr)
Don Quijote
o Erster Teil erscheint 1605
o Einer der ersten realistischen Romane Europas; will Realitätsillusion aufbauen
o Handlung aus der Gegenwart; realistische Elemente aus dem zeitgenössisches
Spanien
o Parodie auf den Ritterroman: Landadliger in Spanien, der nur Ritterromane liest
o Don Quijote wird dadurch verrückt und wird zum fahrenden Ritter
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Cervantes hat vielleicht zunehmend eingesehen, dass die Welt im Kopf des Don
Quijote zwar nicht realitätsgetreu ist, aber doch besser als die reale Welt
o Alonso Fernando de Avellaneda schrieb eine illegitime Fortsetzung, während
Cervantes selbst an einer Fortsetzung arbeitete
o In Cervantes‘ zweitem Teil: Auseinandersetzung mit der falschen Fortsetzung
o Zweiter Teil erscheint 1615
o Von Anfang an europaweit bekannt; ins Englische, Französische, Italienische und
Deutsche übersetzt
o Figur hat großen Einfluss (auch außerhalb der literarischen Welt)
Starke Rezeption durch die deutschen Romantiker
o Entdeckung des Romans als ernsthafte Literatur/moderne Form
 Roman als Text, der alles in sich aufnehmen kann (z.B. auch Gedichte,
Szenen, theoretische Passagen, etc.)
 Nicht nur Erzählung, sondern auch Selbstreflexion (illusionsstörend)
o Subjektivität
 Philosophie von Fichte: die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, ist eine
Konstruktion von uns selbst
 Don Quijote sieht nur das, was in seinem Kopf vorgeht
o Hegels Ästhetik
 Roman als modernes Epos
 Denkt dabei an Wilhelm Meisters Lehrjahre und Don Quijote
 Moderner Roman: junger Mann verlässt sichere Umgebung und sucht sich
seinen Platz in der Welt (später Bildungsroman genannt)
 Hat ideale Vorstellungen von der Welt, die sich aber nicht bewahrheiten
 Kampf des Individuums gegen die bürgerliche Wirklichkeit
 Zum Schluss: nach dem „Abstoßen der Hörner“ Einklinken ins Bürgertums
Teil 1
o Große (ironische) Vorrede, Widmungsgedichte, etc. (fiktiver Freund habe ihm dazu
geraten, dass Buch zu schreiben, obwohl es keine Quellen hat; er sagt, zur Not solle
er selbst Quellen erfinden)
o Don Quijote als verarmter Adeliger, der nur Ritterbücher liest (komische Figur);
Erzähler sagt, schließlich verliert er seinen Verstand
o Er will sich selbst zum fahrenden Ritter machen; hagerer, alter Ackergaul (Rozinante
= sp. „vormaliger Gaul“); bastelt sich selbst einen Helm (der später durch
Rasierschüssel ersetzt wird)
o 1. Ausritt
 Zu Beginn alleine
 Erfindet sich ein Fräulein, für deren Ehre er kämpfen kann („Dulcinea von
Toboso“, eigentlich ein hässliches Bauernmädchen)
 Stellt sich vor, wie man eines Tages ein Buch über seine Abenteuer schreiben
wird
 Kommt zu einer Schenke (er glaubt, es sei ein Kastell); bittet den Herrn um
den Ritterschlag
 Er merkt, dass er einen Knappen benötigt und kehrt deshalb zurück
o Wird auf der Rückkehr mehrmals verprügelt
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Seine Familie und der Pfarrer sind besorgt und säubern deshalb die Bibliothek von
Ritterbüchern
Diskussion über die Bücher, die verworfen werden sollen; die „Galatea“ von Miguel
de Cervantes wird behalten, da der Pfarrer es für ein gutes Werk hält (minimale
Illusionsstörung: Autor schreibt sich selbst in seinen Roman ein)
2. Ausritt
 Knappe: Sancho Pansa, ein Bauer aus der Nachbarschaft; hauptsächlich
deshalb bereit, da ihm Don Quijote eine eroberte Insel verspricht, auf der er
dann Statthalter werden soll; er merkt, dass Don Quijote verrückt ist, jedoch
glaubt er doch fest an die Insel als Belohnung
 Viele Gespräche zwischen den beiden: Gegenüberstellung von zwei
Extremen (Sancho ist bodenständig und will Don Quijote immer wieder von
seinen Hirngespinsten befreien)
 Abenteuer mit den Windmühlen: Don Quijote hält sie für 30 Riesen mit
langen Armen, die er bekämpfen will; Sancho Pansa sagt, sie seien
Windmühlen; der Ritter sticht mit der Lanze in einen Flügel und wird vom
Pferd geworfen; er sagt, der Riese, der seine Bücher entwendet habe, habe
wohl die Riesen in Windmühlen verwandelt, um ihm seinen Ruhm zu
entziehen (Verzauberung wird bei allen Erzählungen als Erklärung angeführt;
Immunisierung Don Quijotes gegen die Realität)
 Später zum ersten Mal Metafiktion
 Erzähler schildert Beginn des Kampfes gegen einen Biskayer; dann
sagt er, er wisse nicht, wie der Kampf ausgeht, denn genau hier
breche das Manuskript ab
 Im 9. Kapitel: „Im ersten Teil dieser Geschichte verließen wir den
mutigen Biskayer und Don Quijote, als jeder von ihnen einen Hieb
führen wollte, aber der Ausgang blieb ungewiss, weil gerade hier die
anmutige Geschichte aufhörte.“
 Dies verursachte dem Erzähler großen Unmut, also versuchte er
erfolglos durch Archivstudien, die Geschichte wieder aufzufinden
 Später trifft er zufällig einen Jungen, der einem Seidenhändler
Manuskripte verkaufen will; da er alles liest, nimmt er sich ein Heft;
dieses ist in Arabisch geschrieben, deshalb sieht er sich nach einem
„Morisken“ um; dieser schaut ins Buch und fängt an zu lachen und
erzählt dem Erzähler, dass eine Randnotiz eine gewisse Dulcinea von
Toboso erwähne, die dafür begabt sei, Schweine einzusalzen
 Manuskript sei von Sidi Hamed Benengeli, einem arabischen
Geschichtsschreiber, der die Historie des Don Quijote niederschrieb
 Ab nun wird der Erzähler zum „Übersetzer“, der sich auch kritisch
mit dem Manuskript beschäftigt (einige Auslassungen, Zweifel, etc.)
Einige eingebettete, in sich abgeschlossene Geschichten (in Form von
autobiografischen Novellen von Figuren); später erweist sich oft, dass diese Novellen
doch einen Zusammenhang mit der Haupthandlung haben, z.B. indem eine Figur aus
einer Novelle plötzlich auftritt
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Episode, in der Don Quijote und Sancho Pansa mit einer Person streiten, die Sancho
dann den Esel stiehlt (gelegentlich reitet Sancho in Verlauf der Geschichte dennoch
auf seinem Esel; Cervantes scheint den Raub vergessen zu haben; kein
unzuverlässiges Erzählen, eher ein Versehen)
o In Avellanedas 2. Teil: erster Teil sei Blödsinn (bezieht sich auch auf die Fehler)
o „dramenartiges“ Ende: Anagnorisis in einer Schenke (Versammlung vieler Figuren aus
den Reisebegegnungen und der Novellen)
o „Verschwörung“ der Schenkengäste zu Don Quijotes Heil: sie nehmen Don Quijote
gefangen und bringen ihn nach Hause; Option eines zweiten Teils wird offengelassen
Avellaneda: Beschreibung, wie Don Quijote zum Turnier in Saragossa zieht (am Ende des
ersten Teils angedeutet: dies sei ein Gerücht in der Bevölkerung)
2. Teil (3. Ausritt)
o Barbier und Pfarrer haben vergeblich versucht, Don Quijote zu heilen
o Bakkalaureus Samson Carasco wird eingeführt; er erzählt dem Ritter, dass über seine
Taten bereits ein Buch geschrieben wurde (beim 3. Ausritt ist Don Quijote also
bereits eine literarische Figur)
o Viele Leute, auf die Don Quijote treffen, kennen ihn aus den Büchern; einige spielen
ihm zuliebe das Spiel mit, um ihn in seinem Wahn zu bestärken; v.a. Adelige, die sehr
belesen sind (machen das, um sich über ihn lustig zu machen)
o Sympathie des Erzählers ist meist nicht bei den spottenden Adeligen
o Bakkalaureus will Don Quijote dazu bringen, nach Hause zu kommen; mehrere
Begegnungen, in denen er ihn in Verkleidung zum Duell herausfordert (wenn er
verliert, muss er für ein Jahr heimkehren)
o Zunächst aber Serie von Abenteuerepisoden und viele Gespräche
o Behauptung, dass der Erzählfehler des 1. Teils (Sanchos Esel) ein Druckfehler sei, etc.
o Einladung an einen Herzogshof
 „Theatrale Inszenierung“, um Don Quijote in seinem Glauben zu bestärken
 Dulcinea sei von einem Zauberer in ein hässliches Bauernmädchen
verwandelt worden (Sancho erfindet diese Lüge, da er dem Willen seines
Herrn, Dulcinea einen Brief zu bringen, nicht nachgekommen ist und folglich
nicht weiß, wie diese Dulcinea ausschauen soll)
 Am Herzogshof erscheint der Zauberer Merlin; dieser sagt, Dulcinea könne
nur erlöst werden, wenn sich Sancho freiwillig 3300 Hiebe versetzt
 Don Quijote nötigt ihn dazu (später handeln sie aus, dass Sancho pro Hieb
Geld bekommt; er willigt ein, und schlägt nachts heimlich auf einen Baum
anstatt auf seinen Hintern)
 Sancho bekommt vom Herzog tatsächlich eine Insel, wo er Statthalter wird
(erweist sich mit seinem bodenständigen Hausverstand als guter Politiker);
Streich: Hausarzt verordnet ihm strenge Diät; dann wird die Insel auch noch
scheinbar angegriffen; dadurch gibt Sancho seine Statthalterei wieder ab
o Auseinandersetzung mit dem falschen zweiten Teil
 Die beiden kommen in eine Schenke; im Zimmer nebenan reden andere
Gäste über den zweiten Teil des Don Quijote; ein Gast will daraus lesen, der
andere hält diesen für einen Unsinn, da niemand, der am ersten Teil Gefallen
gefunden habe, den zweiten Teil möge; am schlimmsten sei, dass Don
Quijote seine Liebe zu Dulcinea aufgegeben habe
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
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Don Quijote erzürnt sich maßlos und kann die beiden davon überzeugen,
dass der zweite Teil erlogen ist
 Er sagt, er sei bei keinem Turnier in Saragossa gewesen (er ist gerade auf
dem Weg dorthin) und um zu beweisen, dass der zweite Teil nur Lügen
enthält, will er nun aus Trotz irgendwo anders hinreiten
 Später trifft er einen gewissen Don Alvaro Carve, der eine Figur des falschen
zweiten Teils ist; er sagt, der Titelheld dieses Teils sei ein guter Freund von
ihm und er selbst habe ihn zur Teilnahme am Turnier in Saragossa bewogen
 Der wahre Don Quijote habe keinerlei Ähnlichkeit zu „seinem Freund“, er
habe aber einen Knappen namens Sancho Pansa; doch obwohl dieser als
witziger Spaßmacher gelte, habe er von ihm nicht einen lustigen Witz gehört
 Auch Don Alvaro bestätigt, dass er wohl den falschen Don Quijote gekannt
habe und dass der wahre nun vor ihm stehe
 Narrative Kurzschlüsse: eine Figur einer Ebene erscheint in einer anderen
Ebene, obwohl dies eigentlich unmöglich ist (hier natürlich als Sonderfall)
Ende: Don Quijote kehrt nach Hause zurück, da ihn der verkleidete Bakkalaureus
schließlich doch besiegt; er plant, ein Schäfer zu werden, doch verstirbt
Laurence Sterne: The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (1759-67)
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Literaturhistorischer Hintergrund
o Französische und englische Literatur wird in der Aufklärung zum Beispiel in
Deutschland
o England wird als „Land der Zukunft“ (Freiheit, Demokaratie, etc.) verstanden
o Englische Romane werden viel übersetzt und imitiert
o Empfindsamer Roman: das Innenleben der Personen soll möglich unmittelbar und
illusionistisch dargestellt werden; bevorzugte Form: Brief- oder Tagebuchroman (die
Figur schreibt sich etwas unmittelbar von der Seele; stellt immer die augenblickliche
Situation dar; z.B. „Pamela“ von Richardson: „narrating to the moment“ und später
„Werther“)
o Bildungsroman von Henry Fielding: spottete von Anfang an über Richardson (Parodie
„Shamela“); orientiert sich an klassischem Epos (Betonung der Ästhetik); „The
History of Tom Jones“: realistischer Roman, jedoch Illusionsdurchbrüche über die
Erzähltechnik selbst
Laurence Sterne (1713-1768)
o Litt seit seiner Jugend an Tuberkulose (stets Todesgefahr); Pfarrer in Yorkshire
o „Tristram Shandy“ machte ihn schlagartig berühmt
o Starke Identifikation Tristram Shandys mit Sterne
o Länger Frankreichreise 1762: 1767 veröffentlich Sterne „Sentimental Journey“, wo
ein Ich-Erzähler (Pfarrer Yorrik) durch Frankreich reist; jedoch ist die objektive Welt
(entgegen anderer Reiseberichte) völlig sekundär; keine Daten und Namen von
Orten, etc.; subjektive Reiseempfindungen (vgl. später Heines Reisetexte)
o „I wrote not to be fed, but to be famous“; ließ Tristram Shandy auf eigene Kosten
drucken, Veröffentlichung in London
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Samuel Johnson: „Nothing odd will do long. Tristram Shandy did not last.“; er hatte
nicht recht; jedoch erst im 20. Jhd. richtig verstanden worden; für das 19. Jhd. viel zu
subjektiv und zu unanständig (massive Zweideutigkeiten)
o Bis 1800 in England 20 Auflagen; 1769 zum ersten Mal ins Deutsche
„Tristram Shandy“
o Shandy will seine Autobiografie darstellen; er merkt beim Schreiben, dass er sich von
allem und jedem ablenken lässt (weite Ausschweifungen um die Haupt-Story)
o Überwiegen Discourse: stark vom Prinzip der Assoziationen (Feststellung, dass
unsere Gedanken so laufen, dass alles auf etwas anderes verweist) geprägt
o Beginnt mit seiner Zeugung; erst im 4. Band wird er geboren (im Jahre 1718)
o Geschichte seiner Familie: Seine Mutter, Vater Walter (komische Figur; Parodie eines
rationalistischen Denkers, der alles theoretisiert) und Uncle Toby (Personifikation der
Empfindsamkeit; Trauma: hat als Soldat am Spanischen Erbfolgekrieg teilgenommen
und wurde dort im Unterleib verwundet [ganzer Roman voller Anspielungen an
Kastrationsangst]; stellt mit Spielzeugsoldaten stets die Schlacht dar, um
herauszufinden, wie er verwundet worden ist)
o Macht keine gute Figur im Leben, da seine Eltern „bei der Zeugung nicht so ganz bei
der Sache“ gewesen ist (v.a. der Vater: Theorien, wie die Zeugung vorgehen sollte);
mitten im Akt fragt seine Mutter, ob er denn die Uhr aufgezogen habe (Shandy fragt
den Leser, was denn seine Mutter damit sagen wollte)
o Lokalpfarrer Yorrik (Yorrik ist Figur aus dem Hamlet: rüpelhafte Totengräber, die
Knochen aus dem Grab werfen, sagen, dass diese dem Hofnarren Yorrik gehörten)
o Geburt: Nase wird durch die Geburtszange zerquetscht; Vater: wenn man das Kind
tauft, muss es einen perfekten Namen erhalten, um die unglücklichen Zwischenfälle
aufzuheben; schlechtester Name wäre Tristram; Missverständnis bei der Taufe: das
Kind wird tatsächlich Tristram getauft
o Kindheit: Tristram uriniert aus dem Fenster, das Fenster fällt nach unten und wird
„unabsichtlich beschnitten“
o Abschweifungen z.B. durch Zitationen aus Gesetzestexten oder über
„Slackenburgius“ (längere Geschichte über Mann mit großer Nase [zweideutig];
Tristram gibt seine Meinung dazu - im Dialog mit einem fiktiven Leser - ab:
„schmutziger“ oder „sauberer Weg“? als Nase verstehe er natürlich „nur eine Nase“)
o Eine Witwe verliebt sich in Uncle Toby (sie sei sehr attraktiv; Materialität des Buches
wird gezeigt: eine leere Seite im Buch; Leser soll nun hier das Bild der schönsten Frau
malen, die er sich vorstellen könne und so schaue die Witwe aus); ihre Sorge:
Unterleibsverletzung von Uncle Toby (bewusste Umstellung von Kapiteln: nach dem
27. Kommt das 25. Kapitel, um die Geschichte umzustrukturieren; oft werden auch
Kapitel ausgelassen)
o Metafiktionale und Illusionsstörende Elemente
 Auffälligkeit der Vermittlung (z.B. schwarze Seite nach trauriger Passage;
Hinzeichnung der Bewegung eines Spazierstocks, Umstrukturierung von
Kapiteln, explizite Hinweise auf Abweichungen (Digressionen), Verweise mit
Asterisken, Auslassungen, etc.)
 Massive Verweise auf die Materialiät des Buches
 Entwertung der Geschichte: sehr episodische Erzählweise
 Erzählte Zeit und Erzählzeit werden in komischer Weise verwebt
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Fiktive Leser werden beschimpft, befragt, etc.
Denis Diderot: Jacques Le Fatalist (1773/75)
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Diderot mag eigentlich keine Romane (außer Sterne und Richardson)
Herausgeber der Enzyklopädie; immer wieder Probleme mit der Zensur
War lange bei der russischen Zarin Katharina der Großen
Jacques Le Fatalist
o Eigenartige Rezeptionsgeschichte: schon früh deutsche Auszüge und Übersetzung,
schon bevor der Roman in Französisch erschienen ist
o Herr und sein Diener reiten durch Frankreich, wobei der Diener Jacques versucht,
dem Herrn seine Lebens- und Liebesgeschichte zu erzählen; er wird aber immer
wieder unterbrochen und schafft es nicht, sie zu Ende zu erzählen
o Entwertung der Geschichte: eigentlich passiert nicht viel
o Sie treffen (wie beim Don Quijote) immer wieder Leute, die ihnen Geschichte
erzählen (Figuren der Geschichte tauchen dann auch in der Diegese auf)
o Steht in der Tradition des „Thesenroman“/philosophischen Romans: eine bestimmte
philosophische These wird durchgespielt/widerlegt/parodiert (z.B. Voltaires
„Candide“: spöttische Widerlegung der Leibniz’schen These der besten möglichen
Welt); bei Jacques der Fatalist: Frage der Willensfreiheit/Determinismus
o Jacques vertritt einen deterministischen Fatalismus, Herr glaubt an Willensfreiheit;
jedoch vertauschte Handlungsweisen: Jacques handelt immer, währen der Herrscher
hilflos ist
o Fiktiver Leser wird permanent angesprochen und beschimpft sie (oft in Digressionen)
o Metafiktional: Erzähler betont neben seinem Wahrheitsanspruch immer wieder
seine absolute Macht über die Geschichte („Was hindert mich daran…?“: er will aber
die Geschichte erzählen, „so wie sie gewesen ist“)
o Der Herr erzählt Jacques seine Geschichte: er wurde von einem angeblichen Freund
und einem Mädchen hereingelegt, sodass er für ein uneheliches Kind zahlen muss,
dessen offensichtlicher Vater der Freund ist; abruptes Ende der Geschichte (kurz vor
dem Höhepunkt von Jacques‘ Erzählung) kommen sie an ihrem Ziel an; dort treffen
sie zufällig den angeblichen Freund des Herrn, es kommt zum Duell, der falsche
Freund stirbt, der Herr flieht; Jacques wird an seiner Stelle festgenommen und glaubt
daran, dass „es so kommen musste“
o Fiktiver Leser fragt nach Jacques Liebesgeschichte; Erzähler sagt, Jacques habe damit
recht gehabt, dass er sie nicht beenden können würde
o Erzähler wolle aber nach Quellen suchen und nach 8 Tagen erzählen, was er
herausgefunden habe; fiktiver Herausgeber sagt, dass uns der Erzähler 3 mögliche
Enden bereitstellt; der Leser solle selbst entscheiden, welches Ende er lesen wolle
 Empfindsames Ende: Jacques sagt, Denise liebe ihn nicht, sie weint, er
tröstet sie und stellt ihr frei, „wann sie die seine belohnen wolle“
 Abschrift vom Tristram Shandy (Herausgeber wisse aber nicht, ob der
Erzähler Shandy plagiiert habe oder umgekehrt): Denise säubert Jacques‘
Kniewunde; dann Streit zwischen fiktivem Leser und Herausgeber: was
machten sie dann? Herausgeber beschuldigt Leser, verdorbene Fantasie zu
haben: Jacques küsste ihr nur die Hand
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Konventionelles Happy-End: Wiedervereinigung mit seinem Herrn und Heirat
mit Denise
Christoph Martin Wieland: Der goldene Spiegel oder die Könige von Scheschian. Eine wahre
Geschichte aus dem Scheschianischen übersetzt (1772-75; erweiterte Fassung 1794/95)
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Biografisches
o Geboren 1733, gestorben 1813; über ihn geht die Aufklärung, Weimarer Klassik,
Sturm und Drang und Romantik vorbei; Image zur Zeit der Antiquiertheit
o Hat sich aber die Romantiker sehr gefördert (obwohl er zwei Generationen älter war)
o Kommt aus pietistischer Familie (Reformbewegung innerhalb des Protestantismus;
es geht um den unmittelbaren, emotionalen Zugang zu Gott)
o Anfangswerke stark religiös gefärbt
o Ging dann nach Zürich (Debatte des Züricher Literaturstreits gegen Gottsched:
emotionaler Zugang zur Natur durch das Wunderbare; traditionelle Religiosität;
schätzen z.B. Miltons „Paradise Lost“ und förderten Klopstocks „Messias“; nach Streit
mit Klopstock holten sie Wieland nach Zürich [schrieb Rezension gegen Kreontiker])
o Wurde dann Lokalpolitiker in Biberach; wurde durch aristokratischen Kreis an Rokoko
herangeführt (z.B. „komische Erzählungen“: humoristische, erotische
Kurzerzählungen über die griechische Mythologie)
o Sturm und Drang (z.B. Göttinger Hain) wendet sich gegen Wieland
(Bücherverbrennungen vor gekrönter Klopstock-Büste)
o 19. Jhd. (Beginn der Germanistik) verdammte Wieland wegen seiner Weltoffenheit,
Beeinflussung durch Frankreich sowie Anzüglichkeit
o Drama: erster Autor, der den Blankvers benutzte; erster Shakespeare-Übersetzer in
Prosa (die Stürmer und Dränger hatten nur die Wieland-Übersetzungen)
o Verserzählungen: z.B. „Der neue Amadis“ (parodistische Rittererzählung in
Anlehnung an Shakespeares „Summernight’s Dream“; philosophische Grundhaltung
gegen die abstrakten Wertordnungen; sehr metafiktional durch Spiel mit dem Leser)
o Roman „Agathon“ (Lessing: erster Roman „für den Kopf“; steht in der Tradition des
Bildungsromans [jedoch: Figur als Exempel]; spielt in der Antike [meidet bis zum
Ende seines Lebens zeitgenössische Handlungen, also gegen die Grundhaltung des
modernen Romans; aber keine historischen Romane!])
o „Don Silvio von Rosalva“: in Anlehnung an den „Don Quijote“; Protagonist liest zu
viele Feenmärchen; ein Schmetterling ist eine verzauberte Prinzessin; wird aber
kuriert, indem er wirklich eine junge Frau kennenlernt
o Literaturzeitschrift „Der Teutsche Merkur“: veröffentlichte seine Romane zuerst
darin, bevor er sie in Buchform herausgab
o Wieland und die Denker dieser Zeit haben Skepsis gegenüber Demokratie: Herrschaft
der Mehrheit/Masse, die nicht aufgeklärt sei; aufgeklärter Absolutismus wird
bevorzugt (deshalb soll künftiger Herrscher aufgeklärt werden); jedoch sei auch dies
nicht die Wunschnorm
o Zweite Version des Romans (1794/95, im Kontext der Französischen Revolution):
idealer Herrscher errichtet ein gutes Reich, das von seinen Nachfolgern wieder
niedergerissen wird
„Der goldene Spiegel“
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Hintergrund
 Nicht der bekannteste Roman; bekam zu dieser Zeit für den Roman 633 Taler
 Steht in der Tradition des Staatsromans/Fürstenspiegel: in fiktionaler Form
wird einem vorgestellten Leser (der künftiger Fürst sein kann) gezeigt, wie er
sich als Herrscher verhalten soll (besondere Didaktik); streben eine „ideale
Staatstheorie“ an; es werden diverse Staatsformen durchdiskutiert (v.a. im
18. Jhd.)
 War damals Professor in Erfurt (Reformuniversitätsexperiment; wollte
„Universität der Zukunft“ zeigen; zu dieser Zeit keine Forschung, nur
Vorlesungen aus Büchern)
 Spekulationen: Wollte sich Wieland selbst als potentieller Fürstenerzieher
anbieten? Wurde dann tatsächlich Fürstenerzieher in Weimar
 Inspiriert von der Märchen- und Erzählsammlung 1001 Nacht (Sammlung von
Erzähltexten, die im 18. Jhd. weit verbreitet war; König heiratet jeden Tag
eine neue Frau, da ihn seine erste Frau betrogen hat, und lässt sie am
nächsten Tag hinrichten, damit sie ihn nicht betrügen kann; Scheherazade
meldet dich freiwillig als seine Frau, um das Töten zu beenden; jeden Abend
erzählt sie ihm eine Geschichte und bricht auf dem spannendsten Punkt ab;
der König will die Geschichte unbedingt zu Ende hören und schiebt die
Hinrichtung immer auf, bis er ihr schließlich Gnade gewährt)
Grundstruktur: Herrscher Schach-Gebal bekommt jeden Abend Geschichten über die
Könige von Scheschian erzählt
Starke extradiegetisch Narratorialebene, auf der Geschichten erzählt werden; diese
Ebene wird nicht infrage gestellt)
Illusion auf der Ebene der „erfundenen“ Geschichte wird jedoch immer wieder
gestört: Herrscher will z.B., dass die Geschichte anders verläuft
Schach-Gebal hat schlaflose Nächte wegen der Probleme des Reichs; einziges Mittel
ist „Gute-Nacht-Geschichte“; Geschichten sind „von den besten Köpfen von ganz
Indostan“ erfunden, die immer wieder übersetzt wurde (Quellenfiktion); jedoch
könne der Leser auch infrage stellen, ob dies alles wahrheitsgetreu sei
Großer Apparat von Paratexten (Genette: jene Texte, die zu einem Text dazugehören
und ohne den Haupttext aber keinen Sinn machen, also theoretisch auch
weggelassen werden könnten, z.B. Fußnoten, Inhaltsverzeichnis, Klappentext,
Vorwort, Kommentar, etc.), da der Roman als Buch für Schach-Gebal vorgestellt wird,
ins Chinesische, dann ins Lateinische und zuletzt ins Deutsche übersetzt wurde
(Fußoten des „sinesischen“, lateinischen und deutschen Übersetzer, die sich auch
aufeinander beziehen)
Zwei Erzähler: schöne Mätresse Nurmahal und der Hofphilosoph Danischmend (hat
ideale Ansichten, die aber nicht mit der politischen Realität übereinstimmen)
Schach-Gebal fordert für die Geschichten Wahrscheinlichkeit, keine
abgeschmackten, wunderbaren Dinge, keine Satire, und keine Umschweife
Sobald er dreimal gegähnt hat, solle man das Buch zuklappen (dann sei Ziel erreicht)
Scheschian: fiktives Königreich; gute und schlechte Seiten der verschiedenen Könige
wird dargestellt ; dadurch wird Schach-Gebal implizit „erzogen“, um seine eigene
Politik zu verbessern
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Schach-Gebal lauscht immer gespannt zu, sobald es Action gibt, aber bei
reflektierend-didaktischen Abschnitten wird er müde und schläft ein
o Methode hat Erfolg als „Opiat“; Nurmahal hält sich aber nicht genau an die „Quelle“,
da sie den Text laufend einigermaßen verändert
o Z.B. Herrscherin Lilli, die sich zu sehr um Kultur und zu wenig um Politik kümmerte;
schönes Leben wird genossen, aber nicht an die Zukunft gedacht; Schach-Gebal lässt
sich aber nicht belehren, sondern ihm gefällt Lillis Herrschaftspraxis
o Z.B. Novelle über den Emir, der in eine kleine Oase kommt, die eine „ideale
Gesellschaft“ beherbergt (Robinson-Motiv als aufklärerische Schwärmerei: Idee, dass
unter bestimmten, abgeschlossenen Bedingungen eine Gesellschaft ohne
Privateigentum, Gleichheit der Menschen ohne gesetzlichen Zwang möglich sei;
funktioniere aber nur in kleiner, isolierten Gemeinschaft); der weise Alte gibt dem
Emir eine Sittenlehre mit, über der Schach-Gebal wiederum einschläft
o Es gibt Lücken im Text, die aber nicht auf fehlenden Manuskriptteilen (wie im „Don
Quijote“ oder „Jacques Le Fatalist“), sondern willentlichen ausgelassen wurden,
damit der Text nicht wegen realen, zeitgenössischen Verhältnissen missverstanden
wird (z.B. scharfe Religionskritik)
o Scheschian als dekadentes Reich: es folgen immer schlechtere Könige; am Anfang
des 2. Buches: Tyrann, der alle Thronrivalen und Erben töten lässt; Schach-Gebal ist
entsetzt und will nun herausfinden, ob es in seinem Reich auch schlechte Zustände
gibt; am nächsten Morgen jedoch gibt er sein Vorhaben auf, da sein Reich zu groß sei
o Dann aber die Rettung: ein legitimer Nachkomme hat überlebt, der aufwächst, ohne
zu wissen, dass er vom Hof stammt; übernimmt dann die Macht, da er ideale
Erziehung und demokratische Legitimation erhielt (Thronbesteigung aber nur durch
Blutlinie möglich); Ähnlichkeiten zur amerikanischen Declaration of Independence
o In der 1. Version geht der Roman gut aus: ideale Herrschaft auf Basis des
aufgeklärten Absolutismus, die durch seine ideale Erziehung möglich wurde
o In der 2. Version: alte Mächte (Kirche und Aristokraten) erlangen ihre Macht zurück;
Schach-Gebal ernennt Danischmend gegen seinen Willen zum Hofbeamten, er wird
aber bald verhaftet; sinesischer Übersetzung ist darüber nicht glücklich und beginnt
eine Hassrede gegen die Aristokratie
Illusionsstörung
o V.a. auf der Ebene der erzählten Geschichte; wird als „gemachte Geschichte“
dargestellt und gelenkt
o Spiel mit dem Paratext (Beziehungen der Übersetzer)
o Steht in der Tradition von Sterne und Diderot
Clemens Brentano: Godwi oder das Steinerne Bild der Mutter (1800/01)
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Gattung Roman verändert sich ab der Mitte des 18. Jhd.: Romantiker halten den Roman für
die „eigentlich moderne Gattung“; jedoch nicht unbedingt der illusionistische Roman,
sondern als Vereinigung verschiedener Textformen in einer Gattung sowie Selbstreflexion
und Metafiktion (z.B. Theorien von Friedrich Schlegel)
Romantiker schlagen also einen Seitenzweig (neben dem realistischen Roman) ein
Konfuses Frühwerk, das keine Anerkennung erfuhr
Ähnlich wie im „Don Quijote“: 1. Teil einigermaßen illusionistisch, 2. Teil sehr illusionsstörend
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1. Teil: fiktiver Schriftsteller „Maria“ als Autor; multiperspektivischer Briefroman, sehr wirre
Geschichte um Verbindung vieler verschiedener Menschen; grundsätzlich illusionistisch
2. Teil
o Schriftsteller Maria tritt als Figur auf und trifft einige Jahre später Figuren des 1. Teils
o Figuren beschweren sich bei Maria, dass der 1. Teil teilweise falsche Darstellung
liefert und fordern Fortsetzung der Geschichte
o Figuren sind sich darüber bewusst, dass sie gerade ‚an einem Roman arbeiten‘
o Fiktion wird durch Selbstreflexion des Formates aufgedeckt
o Maria stirbt im Laufe des Romans; seine Freunde beenden den Roman dafür (auch
ein Brief von Clemens Brentano darunter)
Karl L. Immermann: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken (1837/38)
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Romangeschichtlicher Hintergrund
o Illusionistischer Roman setzt sich ab dem 18. Jhd. durch (für die Leser erkennbare
Welt; stets erkennbare Menschen, die nach dem psychologischen Wissen der
Entstehungszeit gebaut sind; realistische Erzählungen)
o Instanz des Erzählers tritt zunehmend hinter eine Figur zurück (personaler
Erzähler/intradiegetische Fokalisation); besonders illusionsfördernd
o Wir sollen vergessen, dass etwas erzählt wird; z.B. Phänomen der erlebten Rede
o Im 19. Jhd.: zum Teil Abkehr vom Illusionismus (jedoch noch heute ist Roman
tendenziell illusionistisch)
o Viele Experimente mit dem Roman in der Romantik, jedoch wird die theoretische
Forderung kaum umgesetzt (selbstreflexive Passagen, Selbstthematisierung in der
Form [Metafiktion]
Immermann las Tristram Shandy, Godwi sowie E.T.A. Hoffmanns Die Lebensansichten des
Katers Murr
o Spätromantiker und Multitalent (war auch Musiker)
o Wurde weniger in Deutschland, dafür international gelesen
o Liefert stets mehrere Ansätze an eine Geschichte: Sind die Ereignisse realistisch oder
phantastisch?
o Doppelroman: zwei nebeneinander erzählte, auf kuriose Weise verbundene Romane
o Kater Murr schreibt seine Biografie (Parodie: Katze schreibt eine „gelungene
Künstlerbiographie“)
o Immer wieder (mitten im Satz) unterbrochen: dann wird die Geschichte eines
Kapellmeisters (ebenfalls Künstlergeschichte, er kommt jedoch mit der bürgerlichen
Gesellschaft nicht zurecht; Ende erfahren wir nicht; episodisch und fragmentarisch);
danach wird die Geschichte des Katers Murr fortgesetzt, wo sie aufgehört hat
o Plausibilität: Kater Murr schreibt auf Altpapier; versehentlich gelangen also Passagen
des Textes auf dem Altpapier in den Druck mit hinein
o In Nebengeschichte: Parodie auf die Entmachtung der Adeligen (auch bei
Immermann)
o Kater Murr blieb ein Fragment
Übergangsepoche des Vormärz/Biedermeier (umstrittene Klassifikation)
Biographisches
o *1794; Jurist; befreundet mit Heine und Grabbe
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1830: Versepos Tulifäntchen
Hat sich als Dramatiker gesehen; erhabene Dramatik im 19. Jhd. als „die eigentlich
entscheidende, große Gattung“
o Roman Die Epigonen (1836): Bildungsroman; Epigonalität hat mit der
Grundstimmung des Vormärz zu tun (generelle Unzufriedenheit), die auch auf
künstlerischer Ebene stattfindet (Literatur hat schon ihren Höhepunkt bereits
erreicht); Künstler als Epigonen; sozial- und politikkritisch; Ende: Hauptfigur lässt sich
auf dem Land nieder, lässt dort Fabrik niederreißen, um auf ältere Art weiterzuleben
(sucht Re-Etablierung einer Lebensweise, die nicht mehr existiert)
o Gestorben 1840
Münchhausen
o Doppelroman; Kritiker schätzen die Oberhof-Teile, Münchhausen-Teile aber nicht
o Oberhof-Teile
 Spielen in patriarchalisch-archaischer, ländlicher Umgebung (Kult des
Landlebens als Reaktion auf Industrialisierung und Urbanisierung)
 Auch separate Teilausgaben, die als eigener Roman veröffentlicht wurden
(bis ins 20. Jhd. hinein)
 Illusionistisch erzählt
o Gesamtroman erst zu Beginn des 20. Jhd. geschätzt
o Verknüpfung der Teile durch räumliche Nähe und Personen, die in beiden Teilen
vorkommen
o 1. Buch: „Münchhausens Debüt“
 Buch beginnt mit dem 11. Kapitel; in medias res
 Hauptfigur: Freiherr von Münchhausen (Nachfahre des berühmten
Lügenbarons)
 Verarmter Baron Schnuck-Puckelig lebt mit seiner Tochter und dem
Schulmeister auf Schloss Schnickschnackschnurr; Freiherr erzählt ihnen aus
seinem Leben (viele Digressionen)
 Nach dem 15. Kapitel folgt eine Korrespondenz des Herausgebers mit dem
Buchbinder (weist auf falsche Heftung des Buches hin: es beginnt mit 11.
Kapitel; Buchbinder sagt, der Roman wird dadurch besser)
 Dann Kapitel 1: Einführung des Schlosses; komische Genealogie der
Adelsfamilie
 Oft Zwischenfragen und -antworten des fiktiven Lesers und Herausgebers
 Münchhausen ist auf dem Schloss untergetaucht
 Vorgeschichte von Emerentia, der Tochter des Barons: verliebte sich als Kind
in einen Nussknackers; sie suchte dann Zeit ihres Lebens einen Mann, der
diesem möglich ähnlich sieht (gegen den deutschen Idealismus); trifft Signor
Rucciopuccio, der eigentlich der als Kind vertauschte Thronerbe sei;
Beziehung; er erfährt dann, dass sie verarmt sei; deshalb inszeniert er seine
Verhaftung; sie gibt ihr Kind aus der Beziehung dann weg
 Vor dem eigentlich 11. Kapitel: Hinweis, dass die Kapitel ganz vorne sind;
schreibt, wie toll dieses Buch sei und dass mit ihm die deutsche Literatur erst
anfange (um keine Kritiker bestechen zu müssen, sagt er es lieber selbst)
o 2. Buch„Der wilde Jäger“
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Plötzlich fängt 2. Buch an: Total andere Umgebung; heimatkundlicher Beitrag
über die Sozialstruktur Westfalens
 Hofschulz hat erheblichen Einfluss auf die Menschen in seiner Umgebung
 Personelle Verbindung: Lisbeth, vermeintliche Tochter Emerentias, erscheint
 Alter Brauch: Femegericht, über das der Hofschulz verfügt (Motiv spielt
große Rolle in der Zeit, vgl. Goethes Götz von Berlichingen; Nicht-Annehmen
der modernen Lebenspraktiken)
 Nun erscheint der „wilde Jäger“ Oswald: junger Adeliger; sucht einen Mann,
der über eine Verleumdungsschrift über ihn geschrieben hat (er sucht
Münchhausen); hier lernt er Lisbeth kennen
 Merkwürdiges ländliches Leben wird geschildert; die positive Konnotation
hat bei den zeitgenössischen Lesern überwogen
3. Buch: „Acta Schnickschnackschnurriana“
 Rückkehr ins Schloss; Emerentia glaubt immer noch an die Rückkehr des
Signor Rucciopuccio (der ja legitimer Thronfolger sei)
 Sie glaubt, entweder Münchhausen oder sein Diener sei der Signore
 Diener deutet stets an, dass Münchhausen lüge; darauf wird er von ihm
gefeuert (und später wieder eingestellt)
 Münchhausen erzählt dem Baron von seiner geplanten
„Luftverdichtungsaktienkompanie“ (aus Luft könnten durch chemische
Verfahren Steine hergestellt werden); Baron will unbedingt dabei sein, dafür
darf Münchhausen noch länger auf dem Schloss bleiben
4. Buch: „Poltergeister in und um Weinsberg“: gnadenlose Satire auf den
Geisterglaube der Weinsberger Romantik
5. Buch: „Hochzeit und Liebesgecshick“
 Hochzeit der Tochter des Hofschulzen; archaische Bräuche
 Patriotenkaspar, ein Spielmann erscheint (wurde vor Jahren wegen einer
Tötung in Notwehr vom Femegericht verbannt, aber vom regulären Gericht
freigesprochen); drängt auf neuen Gerichtsbeschluss (unkontrolliertes
Gewaltpotenzial des Hofschulzen)
 Jäger und Oswald kommen sich immer näher
6. Buch: „Walpurgisnacht bei Tag“
 Immer mehr Leute kommen ins Schloss, um Münchhausen wegen diverser
Gründe zur Verantwortung zu ziehen
 Münchhausen soll hinausgeworfen werden; jedoch hat er scheinbar einen
Schlaftrank getrunken und wacht nicht auf
 Immermann selbst kommt nach Schnickschnackschnuck, um Münchhausen
zu retten
 Beziehung zwischen Buttervogel und Emerentia, die zur Krise führt
 Jäger Oswald kommt nun ins Schloss und fordert ein Duell (Münchhausen
lehnt ab)
 Münchhausen enthüllt, dass er eine illegitime Tochter hat
 Immermann vereinbart mit Münchhausen ein Treffen in der Krypta;
Münchhausen bittet Immermann, etwas für ihn zu holen; Münchhausen
verschwindet spurlos (Figur als literarische Konstruktion wird deutlich)
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8. Buch: Patriotenkaspar erreicht sein Ziel; Hofschulz muss nun als Zeuge aussagen
(umgekehrte Machtverhältnisse); Roman ist ambivalent: kein Lob des Landlebens,
aber auch keine echte Kritik (nur Unbehagen an der Moderne spürbar)
Roman selbst endet mit der Hochzeit des edlen Paares; zwei Briefe als Anhang (an
den Buchbinder und an seine Braut); Liebe wird als Lösung gefeiert
Münchhausen-Teile
 Einmal Zeichnung als Überschrift
 Metafiktional: Schriftsteller selbst tritt auf und überlegt mit Münchhausen,
wie die Geschichte weitergehen soll
 Umgestellte Kapitel
 Massive satirische Kritik an der Zeit
 Subjektivismus der Romantik wird durch Münchhausen aufgelöst; entwirft
sich durch seine verlogenen Erzählungen selbst
Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein (1964)
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Im frühen 20. Jhd.: Krise des Romans (zunehmende Illusionsstörung, Infragestellung des
realistischen Erzählens); ein Grund: Realität wurde zu kompliziert, Kausalität versteckt
Über die Zeit reflektierende, essayistische Passagen sollen im Roman verhandelt werden
„ästhetische Integration“ ist nicht mehr vordergründig
Neue Erzählverfahren: short story (Ausschnitt aus der Wirklichkeit), multiperspektivische
Erzählweise, Montagen und Collagen, etc.
Biografisches
o 1911 in Zürich geboren; Sohn eines Architekten; sollte Architektur studieren
o Begann mit GErmaistik, Kunstgecshichthe und Romanistik; musste aber nach dem
Tod seines Vaters den Betrieb übernehmen
o Journalistische Beschäftigung, dann Schriftsteller
o Auch Dramatiker (in der Tradition Brechts: politisch engagiert, nicht-illusionistisch)
o Geschieden: oft komplizierte Beziehungen in seinen Werken
o Sein mobiles Leben schlägt sich in Homo Faber (1957) nieder
o Stirbt 1991
Jahrelange, komplizierte Liebesbeziehung mit Ingeborg Bachmann (schlägt sich im
Gantenbein nieder; Bachmann war über die „privaten Details“ im Buch entsetzt)
Arbeitstitel: „Lila oder Ich bin blind“
Negative Urteile in der Literaturkritik (zu sehr art pour l’arte?)
Themen im Stiller (1954) wirken massiv auf Mein Name sei Gantenbein ein
o Setzt sich nicht mit dem 2. Weltkrieg auseinander: Frisch ist Schweizer
o Stattdessen: Identitäts- und Beziehungsprobleme
o Schweizer Bildhauer Ludwig Anatol Stiller taucht auf einmal unter; Polizei sucht nach
ihm, da er in eine Spionageaffäre verwickelt war
o Beginnt mit dem Satz „Ich bin nicht Stiller.“ (homodiegetischer Erzähler)
o Wird ins Gefängnis gebracht; dort schreibt er seine Geschichte auf
o Er sei in Wirklichkeit ein Amerikaner namens White
o Erzählgegenwart: Stiller sitzt im Gefängnis und erzählt dem Gefängniswärter
Geschichten über Amerika; diese widersprechen sich teilweise
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Geschichten entsprechen einerseits wahrer Erfahrungen, „zu denen Geschichten
erfunden werden“ (im Nachhinein werden narrative Strukturen konstruiert)
o In jedem 2. Kapitel: Biografie von Stiller wird enthüllt (Bericht des Ich-Erzählers, was
die Zeugen über Stiller erzählen)
o Liebesbeziehung: verheirateter Mann hat Verhältnis mit verheirateter Frau
Mein Name sei Gantenbein
o Homodiegetischer Erzähler; Gibt es überhaupt eine Geschichte?
o Ich stärker auf der narratorialen Ebene als agierende Figur (vgl. Tristram Shandy)
o „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“ (müssen erst gefunden werden)
o Komplizierte Beziehungsgeschichte
o 3 unterschiedliche Identitäten werden erfunden
 Gantenbein: spielt der Welt vor, er sei blind; verheiratet mit der
Schauspielerin Lila; er merkt, dass sie ein Verhältnis hat
 Enderlin: Mann, der Verhältnis mit Lila hat
 Swoboda: Ehemann von Lila, der nicht blind ist
o Leitmotiv: „Ich stelle mir vor…“ (‚Möglichkeitsroman‘; Alternativen werden
durchprobiert)
o Oft werden aber tatsächliche Begebenheiten erzählt (Leser muss entscheiden: Ist
dies illusionistisch? Glaube ich dem Erzähler das?)
o Mehrfach angesprochene Szene: Mann kommt in seine Wohnung und stellt fest, dass
die Frau, mit der er zusammenwohnt, nicht mehr da ist (mögliche Lesart: einzige
rekonstruierbare, illusionistische Geschichte, aus der sich die Fiktion entwickelt)
o Frisch: Autounfall machte ihm bewusst, dass auch etwas anderes passieren hätte
können
o Aufbrechung von story und discourse
o Auch möglich: Roman als Sammlung von Geschichten, die um dieselben Themen
kreisen (auch Einbeziehung von ‚gehörten‘ Geschichten)
o Motive durchdringen teilweise alle 3 Identitäten
o Beginn des Romans: mehrere kurze Absätze, die keine kohärente Geschichte ergeben
 Scheinbar konventioneller Beginn, in dem Rekonstruktion von Vergangenem
nahegelegt wird (häufig im zeitgenössischen Roman verwendet)
 Leicht gehobenes bürgerliches Milieu, dass auch satirisiert wird
 Figur stirbt im Auto: „Ich stelle mir vor: So könnte das Ende von Enderlin
sein. Oder von Gantenbein? Eher von Enderlin.“
 Ich flieht nackt aus dem Spital
 Im Roman stets Möglichkeit des Unfalls, der Krankheit und des Todes
o Zentrales Thema (wie im Stiller): jemand will nicht länger der sein, für welchen er von
den Anderen gehalten wird
o Kurze Geschichte: jemand sollte in einem Flugzeug sitzen, dass dann abstürzt, jedoch
ist er nicht an Bord (im Roman wird generell viel geflogen); nimmt inkognito an
seinem eigenen Begräbnis teil und nimmt die Chance wahr, um unterzutauchen
o Enderlin, der „fremde Herr“: Kunsthistoriker, der Ruf nach Harvard erhalten hat
o Lila: verheiratet mit Gantenbein/Svoboda (davon hängt ab, ob er von ihrem
Verhältnis weiß oder nicht)
o Wie im Stiller Kriminalmotiv: Gantenbein könnte vor Gericht einen Angeklagten
entlasten, weil er ihn gesehen hat; beschließt aber, seine Rolle zu bewahren
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Verhör: jemand will wissen, was nun wirklich wahr ist bzw. was dies alles bedeuten
soll; Ich schweigt (mögliche Reaktion auf Interpreten?)
o Zum Schluss: „Geschichte für Camilla“ (Geschichte über jemanden, der abtauchen
will; Camilla will stets realistische, wahre Geschichten hören)
o Letzter Satz: „Leben gefällt mir -“
Illusionsstörung
o Metafiktion: Leser wird daran erinnert, dass die Geschichten fiktional sind
o Man könnte für eine (sehr schwache) Sekundärillusion argumentieren (deutlicher im
Tristram Shandy: erfundene Figur schreibt seine eigene Geschichte)
o Roman erzählt keine fiktionalen Fakten, sondern Fiktionen
o Metafiktionalität hat mit zentralen Fragen der Zeit zu tun (z.B. Münchhausen:
Auseinandersetzung mit dem Subjektkonzept der Romantik); hier: Wie wird unsere
Identität fixiert? Von wem wird sie bestimmt?
Jurek Becker: Jakob der Lügner (1969)
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Zwei Verfilmungen (DDR und Hollywood); es gibt also eine verfilmbare Story
Roman über den Holocaust: Wie kann man das erzählen? (ethisch-moralische Frage)
Wie können Erfahrungen in eine Geschichte überführt werden? Roman reflektiert dieses
Problem auch
Biografisches
o 1937 in Lodz (PL) geboren; jüdische Familie, ab 1939 im Ghetto Litzmannstadt
o 1943-45 im KZ Ravensbrück und Sachsenhausen; 20 Familienmitglieder getötet
o Ab 1945 mit Vater in Ostberlin; lernt mit 8 Jahren Deutsch; Studium in der DDR
o Aus politischen Gründen 1960 aus der Universität relegiert
o Tätigkeit für Kabarett, Film und Fernsehen
o Grundsätzlicher Glauben an den Staat; Wendepunkt 1968 (Prager Frühling:
kommunistische Führung wurde gelockert, deshalb Einmarsch von Verbündeten)
o Ausschluss aus der SED 1976 (protestierte gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns)
o Ab 1977 in Westberlin, mehrere USA-Aufenthalte; Tod 1997
Jakob der Lügner erschien noch in der DDR (wo Zensur herrschte); reichte Exposé als
Drehbuch ein; skeptische Rezeption in der DDR, großer Erfolg in der BRD
Traditioneller Roman mit illusionistischem Aufbau: Ich-Erzähler versucht zu erzählen, woran
er sich aus seiner Zeit im Ghetto erinnert (20 Jahre später); er versuchte auch, diese
Geschichte zu verifizieren, indem er Nachforschungen anstellt; Geschichte zu Erlebnis wird
gesucht; Ich-Erzähler hat diese Erzählung von Jakob gehört zu haben; er sei der einzige Zeuge
Ich-Erzähler selbst hat im Roman eine geringe Rolle; er ist nur einer von vielen und kannte
Jakob nicht besser; er versetzt sich sozusagen in Jakob hinein
Kein typisch illusionistisches ‚Foregrounding des Diskurses‘, sondern scheinbar mündliche
Erzählung
Konventioneller Beginn (Gespräch über Bäume, vgl. Brechts „An die Nachgeborenen“: „Was
sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein
Schweigen über so viele Untaten einschließt!“) ‚Schock‘ auf der zweiten Seite: seine Frau
wurde unter einem Baum erschossen; außerdem waren Zierpflanzen im Ghetto verboten
Manchmal fast komisches Parlando in Kontrast zum ernsten Thema
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Metanarration: Ich-Erzähler überlegt sich, wie er etwas schildern soll und welche Worte er
verwenden solle („Schade, dass es für ‚behutsam‘ kein anderes Wort gibt.“)
Authentizität der Geschichte wird immer wieder zu beweisen versucht
Oft Reflexionen des Erzählers: z.B. „Wir wollen jetzt ein bisschen schwätzen.“; macht
deutlich, dass viele diese Geschichte nicht hören wollten
Jakob: Bewohner des Ghettos; erster Mensch, der Wachgebäude wieder lebendig verlässt
Hört dort zufällig im Radio (im Ghetto verboten), dass die Rote Armee zur Zeit 20km vor
Bezanika stehe; also Hoffnung auf Befreiung
Jakob will dies aber niemand erzählen, da ihm sowieso niemand glauben würde
Jedoch muss er die Geschichte bald erzählen: sein Freund Mischa will Kartoffeln stehlen und
würde somit sein Leben riskieren; Jakob hält ihn durch die ‚frohe Botschaft‘ davon ab; er
sagt, er habe ein Radio zu Hause; das Gerücht spricht sich schnell im Ghetto herum
Nun muss er jeden Tag, um Genossen Hoffnung zu machen, neue Radionachricht erfinden
Parallele zur Literatur: sie schafft Fiktionen; sie ‚lügt‘ also (Platon)
Felix Frankfurter, der tatsächlich ein Radio besitzt (es aber nie eingeschaltet hat), zerstört
dieses nun aus Angst vor möglichen Razzien (nun gibt es tatsächlich keine Möglichkeit mehr,
Infos von außen zu erhalten)
Andere Ghettobewohner verstehen, dass Geschichten erfunden sind; Jakob rechtfertigt dies
damit, dass es wegen seiner Worte (erneut Parallele zur Literatur) keinen Suizid mehr gab
Position des Hoffnungsträgers wird ihm zu viel, also sagt er, sein Radio funktioniere nicht
mehr; da aber die Hoffnung sofort schwindet, lässt er es wieder ‚aufleben‘
Er kümmert sich um das Waisenkind Lina und ‚spielt‘ ihr sein Radio vor: im Keller versteckt er
sich und spricht mit verstellter Stimme eine Märchensendung; Nina durchschaut ihn
Nebenhandlung: Mischa und Rosa Frankfurter sind ein Liebespaar; sie will die Nacht aber
nicht bei ihr verbringen, da er sein Zimmer teilen muss; er lügt ihr vor, dass sein
Mitbewohner Fajngold taubstumm sei (er spielt mit); Mischa rettet sie dann durch eine Lüge
vor der Deportation, bei der ihre gesamte Familie ums Leben kommt
Thema des Romans: Dürfen Lügen eingesetzt werden, um etwas Positives zu bewirken?
Geschichte hat zwei Enden:
o „Im Grunde natürlich nur eins, das von Jakob und uns allen anderen erlebte, aber für
mich hat sie noch ein anderes. Bei aller Bescheidenheit, ich weiß ein Ende […]
unvergleichlich gelungener als das wirkliche Ende, ich habe es mir in Jahren
zusammengezimmert.“ (hat sich also ein alternatives Ende ‚erlogen‘; vgl. auch
Jacques Le Fatalist, jedoch ein ‚wirkliches‘ und ein ‚erfundenes‘ Leben)
o Jakob gesteht Kowalski, dass er kein Radio hat; er erhängt sich
o Anderes Ende
 Er gesteht es nicht; er sucht nach einer letzten, glaubhaften Lüge, wieso das
Radio aufhört, zu spielen
 Vgl. Mein Name sei Gantenbein: „Ich stelle mir vor, das Radio sei gestohlen
worden…“ und spielt die Konsequenzen durch
 Jakob beschließt aber, das Ghetto zu verlassen
 Metafiktion: er macht deutlich, dass das ‚bessere‘ Ende erfunden ist und er
deshalb die Elemente selbst bestimmt
 Erzähler gibt nun Alternativen für die Motive von Jakobs Flucht an; Erzähler
will sich aber nicht auf einen dieser Gründe festlegen
 Leser solle sich selbst einen Grund aussuchen oder selbst einen erfinden
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Jakob wird erschossen; weiters stellt er sich die Rache für Jakob vor: an
diesem Punkt trifft die Rote Armee ein und befreit die Menschen
 Leute, die das Ghetto verlassen, sehen die Leiche Jakobs; Wieso wollte er
fliehen, wenn er von der Befreiung wusste? Er muss verrückt geworden sein
o Wirkliches Ende wird wiederaufgenommen: Kowalski bleibt tot, das gesamte Ghetto
wird deportiert; der Erzähler sitzt im Waggon neben Jakob und hört von ihm seine
Geschichte; Erzähler sei der einzige, der diesen Transport überlebte
o Letzter Satz: „Wir fahren, wohin wir fahren.“
Illusionsstörung
o Zwei Enden werden angeboten; ‚wahres‘ Ende wird aber als solches gekennzeichnet
o Kunst als Lüge: soll das Leben verlängern; jedoch kann Lüge den Tod nicht verhindern
Andreas Okopenko: Lexikon einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden (1970)
(auch ‚Lexikonroman‘)
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Autor (1930-2010)
o Stammt aus der Slowakei; überzeugter Hitlerjunge (Roman Kindernazi:
achronologische, autobiografisch gefärbte Erzählung)
o Experimentelle Literatur (war im Umfeld der Wiener Gruppe: es geht um Materialität
und Form von Literatur)
Zunächst relativ negative Besprechungen des Lexikonromans
Möglichkeitsroman (vgl. „Ich stelle mir vor…“ im Gantenbein)
Beginnt mit Gebrauchsanweisung („kein Vorwort, sondern nötig“ zur Lektüre des Romans):
‚Basteln‘ des Romans wird vorgeschlagen
Besteht aus 789 alphabetisch geordneten Lexikonartikeln
Dazu gibt es Hinweispfeile zu anderen Artikeln (dieser Weg wird vom Autor vorgeschlagen);
Leser hat die Freiheit, die Pfeile zu beherzigen oder nicht
Reisebericht einer männlichen Hauptfigur; Reise auf der Donau von Wien nach Truden
(wahrscheinlich Dürrnstein)
Z.B. Artikel „Städtchen“: mehrere gleichnamige Artikel, aus denen man aussuchen kann
Es gibt Passagen, in denen es immer um eine Gruppe von Kindern geht: Erinnerungen der
Hauptfigur?
Reflektierende Passagen: ‚Poetologie‘ des Romans, Fragen zu Erzähltechnik und -ästhetik
Lebensbejahender Roman: es geht Okopenko darum, eine „sinnlich-erfahrbare Welt“ in
Sprache festzuhalten; sinnlich Wahrnehmbares wird mit bestimmten Ereignissen verknüpft
(‚Vergangenheitssuche‘)
Es geht um die „Welt in der Gesamtheit“, die keine vorgegebene Reihenfolge hat
Auch möglich: traditionelle Lektüre („Osttourismus“): geleitete, vorgeschriebene Reihenfolge
Starke Intertextualität (z.B. Faible für dicke Frauen: Heimito von Doderer)
Z.B. Artikel „Arcimboldi“
o Manieristischer Maler (z.B. Gesichter aus Gemüse)
o Widersagen eines manieristischen Schreibstils
o Bekenntnis zum Realismus (obwohl er experimentell schreibt)
Literatur musste zu dieser Zeit kritisch sein (Okopenko musste sich für seinen Optimismus
rechtfertigen: „Ich bin ein Vertreter der affirmativen Dichtung.“)
Illusionsstörung
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Auffälligkeit der Vermittlung (lexikalische Anordnung)
Normale Lektüreerfahrung nicht gegeben
Vgl. Tristram Shandy: leere Seiten, wo man etwas einkleben, einzeichnen, etc. soll
Fehlende Verbergung der Künstlichkeit (Ansprechen des Lesers, Hinweise auf die
Struktur, etc.)
Vorkommen des Autors im Roman
Totalität des Lebens soll erfasst werden, nicht sukzessive Episoden
Georges Perec: La Vie Mode d’Emploi (1978)
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Autor (1936-1982)
o Jüdischer Hintergrund
o Mitglied der Literaturgruppe Oulipo (u.a. Italo Calvino; selbstaufgelegte formale
Vorschriften sollen verfolgt und umgesetzt werden; Bewusstmachung des
sprachlichen Regelwerks)
o Z.B. La Disparition: Lipogramm (verwendet den Buchstaben ‚e‘ nie); eine Figur
verschwindet spurlos (wie der Buchstabe ‚e‘)
Einleitung über die Kunst des Puzzlespiels (weil dieser Roman ein ‚Puzzleroman‘ sei)
Geschichte eines Pariser Miethauses (100 Zimmer, aber nur 99 Kapitel); zum Schluss
Hausplan (Kellerzimmer unten links bleibt schwarz)
Riesige Menge von erzählten Geschichten
Struktur
o Reihenfolge: entspricht einem Rösselsprung auf dem Schachbrett, wobei jedes Feld
nur einmal berührt werden darf (mathematisches Problem)
o Außerdem: zwei übereinandergelegte magische Quadrate
o Dazu zwei Listen mit Schriftstellern: aus beiden Listen muss der Schriftsteller, mit
dem die Zahl der Quadrate übereinstimmt, im Kapitel direkt zitiert bzw. eine
Anspielung auf ihn gegeben sein
o Viele weitere Listen; auch Fehlerliste (auch Fehler sind mit eingeplant)
o Also total durchkonstruierter Roman
o Maler ist womöglich Erzähler; hatte immer vor, einen Plan des Hauses zu malen (der
zum Schluss gezeigt wird)
o 51. Kapitel: 179 Aufzählungen von Figuren, die im Haus lebten
 Jede Zeile hat gleich viele Buchstaben
 Ein Buchstabe zieht sich diagonal durch jeden Abschnitt (ergibt ‚ICH‘)
o Roman als mathematisches Konstrukt, in das sogar Fehler eingeplant sind:
Lebensplanung ist unmöglich
Manche Bewohner des Hauses haben miteinander zu tun
Erzählte Zeit: nur einige Minuten
Beginnt mit dem Eintritt einer Frau in die leere Wohnung des toten Handwerkers Winckler
Der Handwerker plante eine Rache
Hauptgeschichte: Millionär Bartlebooths Projekt
o Lebensplanung mit Projekt, da ihm langweilig ist; drei Grundsätze:
 Muss realistisch und machbar sein
 Zufall muss ausgeschaltet werden
 Zweckfreiheit/Selbstzweck
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1925-1935: Beschäftigung mit der Kunst des Aquarellierens
1935-55: Weltreise; malt ein Aquarell alle 2 Wochen, schickt es an Handwerker
Winckler, der daraus ein einmaliges Puzzle fabriziert
o 1955-1975: Zusammenfügen der Puzzles, eines alle 2 Wochen und danach
Zurückbringen des fertigen Puzzles an seinen Entstehungsort
o Zum Scheitern verurteilt, da der Tod unerwartet kommt und omnipräsent ist
o Millionär wird erst im letzten Kapitel vorgestellt: hat seinen Plan aufgrund seiner
schleichenden Erblindung nicht plangemäß umsetzen können
o Stirbt im Moment, da die Frau in das Haus eintritt über seinem 439. Puzzle; es fehlt
nur noch ein Stück, das die Form eines ‚x‘ haben müsste, Bartlebooth hält aber ein
Stück in Form eines ‚w‘ (wie ‚Winckler‘: dies ist seine Rache)
Aus Zitaten zusammengesetzt (darunter 203 direkte Zitate von 20 Autoren)
Botschaft: das Leben (und somit auch die Kunst) entzieht sich der Planung (ABER: im Roman
ist auch der Fehler geplant)
Ausführlicher, pseudo-wissenschaftlicher Anhang: alle Personen werden aufgelistet;
außerdem: eine Timeline des Hauses
John Barth: Letters. An Old Time Epistolary Novel By Seven Fictitious Drolls & Dreamers Each of
Which Imagines Himself Actual (1979)
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Biografisches
o Wichtiger Vertreter der amerikanischen Postmoderne
o Geboren 1937; Familie hat deutschen Hintergrund
o Universitätsprofessor (viele Campus-Romane)
o In der Moderne könne man nicht mehr in der Manier der „literature of exhaustion”
(des 18. & 19. Jhd.) erzählen
o Postmoderne greife ältere Texte wieder auf („literature of replenishment“), z.B. Don
Quijote
Briefroman, in dem er seine bisherigen Romane wiederaufgreift/‘recycelt‘
Struktur
o Letters: heißt Briefe und Buchstaben
o Rechts neben dem Titel: 7 Charaktere, die Briefe schreiben (Lady Amhurst wurde für
diesen Roman erfunden; die anderen sind Charaktere aus seinen früheren Romanen)
o Letzter Brief stammt vom ‚Author‘
o Ein Kalenderblatt eines bestimmten Monats vor jedem Kapitel; das Wort ‚LETTERS‘
zieht sich durch; je nachdem wie die Buchstaben auf dem Kalender verteilt sind
erhalten die Personen verschieden viele Briefe
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Z.B. Roman The Floating Oper: enthält u.a. Briefe Todd Andersons über seine Suizidgedanken
an seinen Vater; diese werden wieder aufgegriffen
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Autor unterhält sich mit den Charakteren und berät sich mit ihnen über die Geschichte
Lady Amhurst: europäische Literaturwissenschaftlerin, die in ihrem Leben viele Verhältnisse
mit großen Literaten hatte; Allegorie für Europa und den traditionellen Roman
Lernt dort Ambrose Mensch kennen (aus der Erzählsammlung Lost in the Funhouse); sie
beginnen ein Verhältnis und heiraten am Ende
A.B. Cook: Nachfahre der Protagonisten aus The Sot Weed Factor (parodistischer historischer
Roman über einen Londoner, der nach Amerika reist); dieser besitzt Briefe von einem
anderen Verwandten aus dem 19. Jhd., die in Letters einfließen
Roman impliziert das Gelingen des Projekts, wieder einen Roman zu schreiben, vor
Ende des Romans: Autor sagt, dass ein Briefroman mehrere Zeitebenen hat (Figur des Autors
schreibt Brief 1962, wirklicher Autor 1979; Leser liest ihn zu einem zukünftigen Zeitpunkt)
Illusionsstörende Elemente
o Starke äußere Strukturvorgabe (‚Foregrounding des Diskurses‘, vgl. Perec)
o Metafiktion (sehr stark: Autor schreibt sich selbst in den Roman ein)
o Idee des Recycling alter Formen
Robert Coover: Public Burning (1976)
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1932 in Iowa geboren; Slawist und Universitätsprofessor
Historischer bzw. zeitgeschichtlicher Roman: Rosenberg-Affäre (in den 50er-Jahren wegen
Spionageverdachts auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet; Kalter Krieg, kollektive Hysterie
gegen den Kommunismus)
Richard Nixon tritt als fiktionale Figur auf (sorgte für Diskussionen); komische, aber durchaus
positive Figur; noch nicht Präsident, sondern junger Politiker
Sehr umfangreiche Recherche (50er-Jahre und Biographie Richard Nixons)
Kein traditioneller Roman im ursprünglichen Sinne, sondern Fakten verwebt mit GroteskSurrealem (extreme Hyperbolisierung und Überdrehung der Fakten)
ursprünglich geplant: Theater nach dem Zirkusprinzip; zwischen den Szenen Nixon als
moderierende Clownsfigur
Coover inszeniert die Hinrichtung als öffentliche Verbrennung auf dem Times Square,
rundherum ‚Zirkusatmosphäre‘
Versucht, eine kollektive Hysterie Amerikas durch literarische Mittel zu verdeutlichen
USA fühlen sie durch eine böse Macht bedroht: personifiziert als das ‚Phantom‘, das in der
jetzigen Inkarnation der Kommunismus sei
Ähnlichkeiten des Glaubens an das Phantom zum Hexenglauben
Uncle Sam tritt als Figur auf: er inkarniert sich stets im amtierenden Präsident
Struktur
o Vier große Kapitel, Prolog und Epilog
o Zwischen den Kapiteln: Intermezzi
o 2 Arten von Kapiteln: Ich-Erzählungen von Richard Nixons (illusionistisch) und
auktoriale Erzählstimme Uncle Sams (das amerikanische Kollektiv; starke
Intertextualität von zeitgenössischen popkulturellen Inhalten)
Problem der Übersetzung: extreme Bandbreite an Sprachregistern
Handlung
o Beschränkt sich auf einige wenige Tage vor der Hinrichtung der Rosenbergs
o Nixon wird als ‚Meister der Manege‘ dazu beauftragt, die Hinrichtung zu inszenieren
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Er fühlt sich erotisch angezogen von Ethel; beide versuchen einander zu verführen
Erkennt im Laufe der Handlung immer mehr, dass Ethel Rosenberg unschuldig ist, will
sie aber auch zu einem Geständnis bringen
o Zum Schluss Tötung des Ehepaars
Epilog: Nixon fragt sich, wie es sich anfühle, wenn sich Uncle Sam in einem inkarniert; dieser
erscheint und vergewaltigt ihn (so inkarniert er sich in ihm); „I love you, Uncle Sam.“
Illusionsstörung
o Immense Sprachregister machen auf die Vermittlung, also die Sprache, aufmerksam
o Entwertung der Geschichte: viele realistische Passagen, die schnell in
groteske/surreale Fiktion umschlagen
Günter Grass: Der Butt (1977)
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Biographisches
o Geboren 1927 in Danzig (multilinguale/multikulturelle Stadt)
o Deutscher protestantischer Vater und kaschubische katholische Mutter
o Begeisterter Hitlerjunge; freiwillige Meldung zur Waffen-SS
o Absolvierte Kunststudium
o Gruppe 47: junge Autoren, die selbst im Krieg waren; erhielten mit der Zeit großen
Einfluss auf die deutsche Literaturszene
o 1959: Die Blechtrommel (unzuverlässiger Erzähler; Teil der Danziger Trilogie)
o Umstrittener Autor: Mitglied der SPD (wurde zu ‚politischem Aktivist‘)
o Reise nach Indien (Einfluss auf Der Butt)
Entstehungsgeschichte
o Persönliche Erfahrungen: Scheidung, persönliche Beziehungen, Feminismus (zur Zeit
2. Frauenbewegung)
o Internationaler Bestseller
o Skeptische Literaturkritik (vgl. legendärer Streit mit Marcel Reich-Ranicki): Ist das
wirklich ein Roman?
o Bezieht sich auf Grimm-Märchen „Von dem Fischer un syner Frau“
 Frauenfeindliches Märchen
 Erzähler: dies sei eine „Schummelversion“: es gibt eine zweite Version
 In dieser hat der Mann die Schuld; Brentano habe aber die männerfeindliche
Version vernichtet
 Butt wird zu einer Art ‚Weltgeist‘
Struktur
o Gegliedert in 9 Monate (vgl. Schwangerschaft)
o Wiederholung gewisser Konstellationen
o Unterschiedliche narrative Ebenen
 Genette: diegetische und extradiegetische (wo sich der Erzähler befindet)
 Metadiegetisch: wenn sich innerhalb der diegetischen Ebene eine weitere
Ebene bildet (Wolf Schmid: 1., 2., 3., …, nte Ebene)
 Metalepse (Genette): Grenzen der Ebenen verschwimmen, so wie im Butt; so
wird die ‚Gemachtheit‘ der Geschichte präsent
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Ich-Erzähler ohne Namen, auf der exegetischen Ebene scheinbar identisch mit Grass
(Reisen nach Indien und Danzig, Schreiben an einem Roman über den Butt, etc.);
Verschmelzung von realem und fiktiven Autor
Ich-Erzähler erzählt seiner Frau Ilsebill in 9 Monaten seinen Roman (also nicht total
identisch mit Grass)
Geschichte selbst hat auch 2 Ebenen
 1. Ebene: auf derselben zeitlichen Ebene des Erzählakts: feministisches
Tribunal gegen den Butt
 2. Ebene: Hauptgeschichte; Verhältnis des Butts zum Mann (ist auch ‚Ich‘),
der ihn gefunden hat
‚Ich‘ schlüpft also in verschiedene männliche Figuren (Reinkarnationen des Ich); in
jeder Epoche gibt es auch Frau (Ilsebill), mit der das Ich komplizierte Beziehung hat
Ebenfalls in jeder Epoche: Freund Lud/Ludwig
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Inhalt
o Grundlegende These
 Männerherrschaft seit tausenden von Jahren; davor: Matriarchat
 Butt befreite den Mann davon; dies führte zum Patriarchat
 Butt beschließt nun, dass er die Verhältnisse wieder umkehren will
 Lässt sich von drei Feministinnen fangen; diese halten ihn gefangen und
halten ein Tribunal gegen ihn, in dem er sich für die schlimmen
Auswirkungen der Männergesellschaft verantworten muss
o Botschaft: der Ersatz einer Herrschaft mit einer anderen bringt nichts, es müsste
einen dritten Weg geben (vgl. politischer Diskurs: Suche nach dem Dritten zwischen
Kapitalismus und Sozialismus)
o Das ‚Ich‘ zeitweilt in bestimmten Epochen (obwohl es manchmal nicht „der gewesen
sein“ will)
o 1. Monat
 Steinzeitmatriarchat: Urmutter Aua regiert; noch kein Konzept des Vaters
 Fischer Edek (‚Ich‘) fängt den Butt; dies verhalf den Männern zur
Emanzipation (z.B. lehrt er ihn zählen)
 Butt vergleicht den Status stets mit anderen Zivilisationen
 Zeit verschwimmt: Anaphern und Kataphern verweisen auf andere Kapitel
 Einige historische Figuren, z.B. Adalbert von Böhmen (wieder ‚Ich‘) will
christianisieren und wird von seiner Frau erschlagen
o In jedem Kapitel wird im Tribunal eine andere Frau ins Zentrum gerückt (jede ist eine
Reinkarnation aus einer anderen Epoche)
o 2. Monat
 Recherche von ‚Ich‘ für ein Buch in Danzig
 Auch Aufgriff aktueller Diskurse (z.B. Arbeiterbewegungen gegen das
sozialistische Regime in Danzig)
 ‚Ich‘ interviewt Butt (den er selbst als ‚Geist des Männlichen‘ erfunden hat)
o 3. Monat
 Reise nach Indien des ‚Ich‘ (als Vasco da Gama)
 Äbtissin Dicke Gret: schert sich nicht um Theologie, hat aber Bettknaben;
beißt jemand einen Hoden ab; erlaubt den Nonnen den Beischlaf, um
bürgerlichen Pflichten zu entkommen)
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4. Monat: ‚Ich‘ als Martin Opitz
18. Jhd.: Frauen bewirken soziale Weiterentwicklung
Märchen vom Butt wird aufgegriffen: beide Versionen seien die ‚richtigen‘
7. Monat: Frau aus SPD-Kreisen zur Zeit des 1. Weltkriegs; Selbstreferenz auf Die
Blechtrommel
o 8. Monat: „Vatertag“
 Ironielose Geschichte, die aus dem Rahmen fällt
 Tausende Männer und vier Lesben feiern ausgelassen
 Schlafende Billi wird von ihren Freundinnen vergewaltigt
 Auf der Flucht wird sie von Hell’s-Angels-Gruppe vergewaltigt und ermordet
 „und danach ging das Leben weiter“
 Massive feministische Kritik
o Zum Schluss: Auflösung des Tribunals
Illusionsstörung
o Metafiktion: Gemachtheit des Romans wird aufgegriffen
o Unglaubhafte Geschichte
o Anspielungen auf andere illusionsstörende Romane (z.B. Mein Name sei Gantenbein,
Jacques Le Fatalist, etc.)
o Foregrounding des Erzähldiskurses: Gliederung in 9 Kapiteln mit gleichen
Konstellationen und Motiven
o Sprache macht auf sich aufmerksam
 Unterschiedliche Sprachregister
 Sprachvielfalt: von barockisierender bis zu Gegenwartssprache
 Auch Gedichte
 Imitation und Parodie
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