Programmheft als PDF - Staatskapelle Dresden

SAISON 2015 2016
1.2.16
4. KAMMERABEND
M O N TAG 1. 2 .16 2 0 U H R
I SEMPEROPER DRESDEN
4. KAMMERABEND
Mitwirkende Gäste
Jana Büchner Sopran
Andreas Scheibner Bariton
Cornelia Schumann Viola
Mitglieder des Sächsischen
Staatsopernchors Dresden
Jörn Hinnerk Andresen
Chordirektor
Ausführende
Eden Quartett Dresden
Anette Thiem und
Ulrike Scobel Violine
Cornelia Schumann Viola
Andreas Priebst Violoncello
Hans Auenmüller
(19 2 6 -19 91)
»Gesänge aus der Arche Noah«
für zwei Singstimmen und
Streichquartett
Jana Büchner, Andreas Scheibner und
das Eden Quartett Dresden
PAU S E
»Nacht und Tod«
Max Reger
(18 7 3 -1916)
Aus »Acht geistliche Gesänge«
op. 138 für gemischten
Chor a cappella
1. Der Mensch lebt und bestehet
nur eine kleine Zeit
2. Morgengesang
3. Nachtlied
Johannes Brahms
(18 3 3 -18 9 7 )
»Warum ist das Licht gegeben
dem Mühseligen« op. 74 Nr. 1
Motette für gemischten
Chor a cappella
PROGRAMM
Peter Cornelius
(18 2 4 -18 74)
Rudolf Mauersberger
(18 8 9 -19 71)
Streichquartett fis-Moll
RMWV 449 (1918 / 19)
1. Melancholie
2. Scherzo – Trio
3. Intermezzo – Trio
4. Finale
Eden Quartett Dresden
Requiem »Seele, vergiss sie nicht«
für gemischten Chor a cappella
Mäßig langsam
Mitglieder des Sächsischen
Staatsopernchors Dresden
Leitung: Jörn Hinnerk Andresen
ZUM PROGRAMM
Rudolf Mauersberger hat als Kreuzkantor von 1930-1971 weitreichende Spuren
in der Dresdner Musikgeschichte hinterlassen. Sein Œuvre setzt sich hauptsächlich aus Werken für Chor zusammen, die er vor allem für die Knabenstimmen des
Dresdner Kreuzchors geschrieben hat. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen
das »Dresdner Requiem« und der Trauerhymnus »Wie liegt die Stadt so wüst«.
Dass sich Mauersberger kompositorisch auch auf instrumentalem Feld bewegt hat,
ist hingegen weniger bekannt. Neben einigen Orgelwerken, die bereits während
seines Leipziger Musikstudiums und später während seines Wirkens als Organist und Chorleiter in Aachen entstehen, schreibt er zudem mehrere konzertante
Werke. Nach Kriegsende komponiert er als letztes Instrumentalwerk das Streichquartett fis-Moll, dessen Aufführung zu Mauersbergers Lebzeiten nicht belegbar
ist. Das viersätzige Werk atmet einen spätromantischen Geist in der Nachfolge
Max Regers, vielleicht weniger harmonisch wuchernd, dafür mit zart fließenden
kantablen Linien. Entsprechend trägt der erste Satz, eine Melancholie, Züge eines
elegischen Gesangs. Auch die aufgelockerte, dabei immer wieder vokal gefärbte
Faktur im Intermezzo – Trio wird in elegischen Sammelpunkten aufgehoben.
Als Sohn des Pfarrers der Dresdner Dreikönigskirche wird Hans Auenmüller am Reformationstag des Jahres 1926 geboren. Am Ende des Zweiten Weltkriegs
studiert er an der Musikhochschule Dresden. Nach Stationen in Meiningen und
Staßfurt kommt er 1952 als Chordirektor an das Theater Halberstadt, wo er 1955
zum Musikdirektor ernannt wird und hier vierzig Jahre das Musikleben der Stadt
prägt. Im Frühjahr 1990 erleidet er einen gesundheitlichen Zusammenbruch,
die Diagnose lautet Krebs. »In dieser Zeit zeigte er mir ein kleines Gedicht aus
dem Zyklus ›Gebete aus der Arche‹, den er einige Jahre zuvor nach seinem damaligen Motorradunfall komponiert hatte. Es war das ›Gebet des alten Gauls‹, der
alles gegeben hatte und nun am Ende war. ›Siehst du, so fühle ich mich‹, sagte
er niedergeschlagen«, erinnert sich Silke Nuss, langjährige Mitarbeiterin in der
Öffentlichkeitsarbeit. Die »Gesänge aus der Arche Noah« basieren auf Texten der
französischen Autorin Carmen Bernos de Gasztold, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Gelübde der Benediktiner ablegt. In den Gebeten offenbart sich einer der
benediktinischen Leitsprüche »Ut in omnibus glorificetur Deus« (dass Gott in allem
verherrlicht werde). In Gottes Schöpfung stellt sich die kreatürliche Existenz den
Fragen der Sinnfälligkeit des Lebens und tritt damit in Dialog zu einer Instanz, von
der man sich Erbarmen über die eigene Unzulänglichkeit erhofft.
Am 11. Mai 1916 scheidet Max Reger im Alter von nur 43 Jahren aus dem
Leben. In seinem Leipziger Sterbezimmer liegen die Korrekturbögen der »Acht
geistlichen Gesänge« op. 138: »Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit,
und alle Welt vergehet mit ihrer Herrlichkeit.« Der Zyklus entsteht im September
1914 und bildet in den Wochen der Hysterie und nationalen Aufwallung ein Memento mori, das im allgemeinen Kriegsgeschrei untergeht. Im Dämmer des Morgens spiegeln sich die Umrisse der Nacht. Die Texte sind der überkonfessionellen
Sammlung »Der Deutsche Psalter. Ein Jahrtausend geistlicher Dichtung« entnommen, entsprechend Regers eigener ungebundener Konfession. Sätze evangelischer
Anschauung wechseln sich ab mit Gesängen katholischer Provenienz. Reger
entwirft eine archaisch anmutende, von feingesponnener Polyphonie durchwirkte
Klangwelt, in der ein Note-gegen-Note-Stil dominiert. Entrückt, wie aus einer fernen Welt, wehen in Nr. 1 die ansetzenden Töne leise ins Diesseits und holen den
barocken Vanitas-Gedanken in eine still fließende Gegenwart. Der Morgen bricht
im zweiten Gesang mit einem Choral an und lässt im Aufgang der Sonne die Kraft
des Glaubens leuchten. Der folgende Nachtgesang ist ein Bittlied, dessen chromatische Linien Abbilder der bösen Geister darstellen, die es zu bannen gilt.
In seinem Bekenntnisbrief an Vincenz Lachner nennt Johannes Brahms die
Motette op. 74 Nr. 1 eine »kleine Abhandlung über das große ›Warum‹«. Warum
gibt es Leben? Wozu dient es? Und wäre es nicht besser etwas, das – nach Schopenhauer oder dem Prediger Salomo – lieber nicht sein sollte? Diese Frage komponiert
Brahms anfangs als strengen Kanon, der in seiner weitläufigen Harmonik die tonale
»Heimat« des Stücks sprengt. Die Frage gebiert immer wieder neue Fragen, trotz
eines funktionierenden Systems führt das »große Warum« in die Irre, es gibt keine
Antwort. Es scheint, als habe die Welt ihren Sinn in der Realität des menschlichen
Lebens verloren. Dieser Nicht-Notwendigkeit alles Bestehenden ist nicht zu entkommen, man kann sie nur annehmen. So endet Brahms’ konfliktreiche Studie über das
»große Warum«, entstanden im Juni 1878 unter formaler Anregung der Motetten
Johann Sebastian Bachs, mit einem »Schlummerlied« nach Martin Luther: »Der
Tod ist mir Schlaf worden.« Nicht nur das Sterben scheint hier »Schlaf« geworden
zu sein, sondern das Leben selbst. Die Furcht vor einer möglichen Grundlosigkeit
des eigenen Lebens wird in den Schlummer gewiegt. Der Trost, dass da irgendwo
ein Erbarmer sei – ein großer Sinnstifter, der sich schweigend dem Menschen entzieht –, deutet auf die einzig mögliche Antwort. Auch wenn diese schwach ausfällt,
gibt sie den Weg vor, sich dem Unverfügbaren zu nähern.
»So weit im Leben, ist zu nah am Tod«, schreibt Friedrich Hebbel 1844
während seines einjährigen Aufenthalts in Paris in seinem Gedicht »Sommerbild«.
Das Geheimnis des Vergänglichen zieht Hebbel wiederholt in seinen Bann. Bereits
vier Jahre früher setzt er sich in den Versen zu »Requiem« mit dem menschlichen
Verlöschen auseinander und verknüpft daran die Mahnung, das Vermächtnis der
Entschlafenen zu wahren: »Seele, vergiss sie nicht, Seele, vergiss nicht die Toten!«
Auffällig ist die doppelte Aufforderung zur Erinnerung, sie betont die Ernsthaftigkeit des Appells und führt zurück in eine bewegte Gegenwart, formuliert sie doch
so etwas wie eine Handlungsanweisung für die Zurückgebliebenen. Als Friedrich Hebbel am 13. Dezember 1863 in Wien stirbt, ist es der mit ihm befreundete
Komponist Peter Cornelius, der Hebbels »Requiem« für gemischten Chor vertont
und das Werk in späteren Jahren nochmals bearbeitet. Cornelius, neben seiner
kompositorischen Begabung auch als Lyriker und Übersetzer bekannt, steht unter
dem Einfluss der neudeutschen Schule um Liszt und Wagner. Das Spiel mit chromatischen Verschränkungen und modulatorischen Wendungen zeigt einen harmonisch verfeinerten Stil, der auf die Besonderheiten der Deklamation eingeht.
MITWIRKENDE GÄSTE
Jana Büchner Sopran
Jana Büchner studierte in ihrer Heimatstadt Dresden an der Hochschule für Musik »Carl Maria von Weber«. Sie vervollständigte ihre Ausbildung bei Elisabeth
Schwarzkopf, Brigitte Fassbaender und Brigitte Eisenfeld in Berlin. Nach ihrem
erfolgreichen Engagement am Chemnitzer Opernhaus ist sie seit 2009 freischaffend tätig. Operngastspiele führten sie u. a. an die Staatsopern in Dresden und
Hamburg, an die Deutsche Oper Berlin sowie an das Aaltotheater in Essen. 2002
wurde sie mit dem Mozartpreis der Sächsischen Mozartgesellschaft ausgezeichnet. Seit 2007 ist sie als Vertreterin der deutschen Mozartgesellschaft als Jurorin
beim Internationalen Duschekwettbewerb in Prag tätig.
Andreas Scheibner Bariton
Der in Dresden geborene Andreas Scheibner erhielt frühzeitig eine Gesangs- und
Violinausbildung. Nach seiner Mitgliedschaft im Dresdner Kreuzchor absolvierte
er ein Gesangsstudium an der Dresdner Hochschule für Musik »Carl Maria von
Weber«. 1983 nahm er ein Engagement an der Staatsoper Dresden an. 1987 wurde ihm der Ehrentitel »Kammersänger« verliehen. Seit 1992 ist er freischaffend
mit einem Gastvertrag an der Staatsoper Dresden tätig. Er gastierte bei führenden Orchestern und Veranstaltern u. a. in Berlin, München, Hamburg, Wien,
Salzburg, Rom und Tokio und sang unter der Leitung namhafter Dirigenten wie
Sir Colin Davis, Giuseppe Sinopoli, Ingo Metzmacher und Myung-Whun Chung.
Cornelia Schumann Viola
Cornelia Schumann versteht sich als Grenzgängerin zwischen klassischen und
unterhaltenden Bereichen in der Kunst. Nach einem Studium der Orchestermusik und Pädagogik folgte sie einem Engagement als Musikerin am Staatsschauspiel Dresden. Seit 1996 arbeitet sie freischaffend in vielfältigen musikalischen
Projekten, u. a. mit der Wirbeley, dem Delirium, Text contra Musik sowie dem
Dresdner Streichsextett. Zudem ist sie Mitglied der Dresdner Kapellsolisten, der
Dresdner Sinfoniker und des Eden Quartetts Dresden. Seit 1982 wirkt sie als
Lehrbeauftragte an der Dresdner Hochschule für Musik »Carl Maria von Weber«.
Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Der Sächsische Staatsopernchor Dresden wurde 1817 von Friedrich August dem
Gerechten als Dresdner Opernchor gegründet. Dies war vor allem ein Verdienst
Carl Maria von Webers, der als neu engagierter Hofkapellmeister den Auftrag
erhalten hatte, neben der italienischen Oper auch ein deutsches »Opern-Departement« in Dresden aufzubauen. Weber forderte die Einrichtung eines »stehenden
Theaterchors«, der den gestiegenen Anforderungen des dafür neu zu schaffenden
Opernrepertoires gewachsen war. Seit der Spielzeit 2014 / 2015 ist Jörn Hinnerk
Andresen Chordirektor der Sächsischen Staatsoper Dresden.
VORSCHAU
6. Symphoniekonzert
Zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens
am 13. Februar 1945
S A M S TAG 13. 2 .16 2 0 U H R
S O N N TAG 14 . 2 .16 2 0 U H R
S E M P ER O P E R D R E S D E N
Christian Thielemann Dirigent
Camilla Nylund Sopran
Elisabeth Kulman Mezzosopran
Daniel Behle Tenor
Georg Zeppenfeld Bass
Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Ludwig van Beethoven
»Missa solemnis« D-Dur op. 123
Aufzeichnung durch MDR Figaro
Kammermusik der Sächsischen
Staatskapelle Dresden
Gegründet 1854 als TonkünstlerVerein zu Dresden
Verantwortlich:
Friedwart Christian Dittmann,
Ulrike Scobel und Christoph Bechstein
IMPRESSUM
Sächsische Staatskapelle Dresden
Chefdirigent Christian Thielemann
Spielzeit 2015 | 2016
H E R AU S G E B E R
Sächsische Staatstheater –
Semperoper Dresden
© Januar 2016
R E DA K T I O N
André Podschun
TEXT
Der Einführungstext von André Podschun
ist ein Originalbeitrag für dieses Heft
G E S TA LT U N G U N D S AT Z
schech.net
Strategie. Kommunikation. Design.
7. Symphoniekonzert
S A M S TAG 2 7. 2 .16 11 U H R
M O N TAG 2 9. 2 .16 2 0 U H R
D I E N S TAG 1. 3.16 2 0 U H R
S E M P ER O P E R D R E S D E N
Andris Nelsons Dirigent
Håkan Hardenberger Trompete
Benjamin Britten
Passacaglia op. 33b aus »Peter Grimes«
Bernd Alois Zimmermann
»Nobody Knows de Trouble I see«
Konzert für Trompete in C und Orchester
Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 8 c-Moll op. 65
Kostenlose Konzerteinführungen
jeweils 45 Minuten vor Beginn im Foyer
des 3. Ranges der Semperoper
Aufzeichnung durch MDR Figaro
DRUCK
Union Druckerei Dresden GmbH
Private Bild- und Tonaufnahmen
sind aus urheberrechtlichen Gründen
nicht gestattet.
W W W. S TA AT S K A P E L L E - D R E S D E N . D E
Hans Auenmüller
»GESÄNGE AUS DER ARCHE NOAH«
für zwei Singstimmen und Streichquartett
TEXT: »GEBETE AUS DER ARCHE«
VON CARMEN BERNOS DE GASZTOLD
1. Gebet des Noah
Herr, was für ein Zirkus!
Bei Deiner Sintflut und diesem Tiergeschrei
Versteht man sein eigenes Wort nicht mehr!
Es dauert lange.
All das Wasser ersäuft mir das Herz.
Wann kann ich wieder einen festen Schritt tun?
Es dauert lange.
Meister Rabe ist nicht zurückgekommen.
Hier, Deine Taube.
Wird sie einen Hoffnungszweig finden?
Es dauert lange.
Herr, lenke Deine Arche zur Sicherheit,
Auf den Gipfel der Ruhe,
Und lass mich endlich herauskommen
Aus dieser Viecherei!
Es dauert lange.
Herr, führe mich bis zum Gestade Deines Bundes!
Amen.
2. Gebet der Schildkröte
Ein bisschen Geduld, lieber Gott,
Ich komme schon!
Man muss seine Natur nehmen, wie sie ist!
Nicht ich habe sie gemacht!
Ich möchte keineswegs
Dies Haus auf meinem Rücken kritisieren:
Es hat sein Gutes.
Aber gib zu, Herr:
Es ist reichlich schwer zu tragen!
Nun ja, lass diesen Panzer und mein Herz
– die doppelte Klausur –
Für Dich nicht ganz und gar verschlossen sein.
Amen.
3. Gebet der Ameise
Herr, man tut mir Unrecht.
Ich sammle und ich lege Vorräte an.
Habe ich dann nicht das Recht,
ein wenig die Frucht meiner Arbeit zu genießen,
Ohne mit ansehen zu müssen,
Wie irgendein zirpender Bummelant meine Speicher ausräumt?
Etwas ist an Deiner Gerechtigkeit,
Was ich kaum verstehe.
Ob man das nicht einmal überprüfen könnte?
Wenn ich es wagen darf, einen Rat zu geben.
Ich bin noch nie jemandem zur Last gefallen
Und schlage mich ganz gut durch
– Ohne mich rühmen zu wollen.
Und da soll man zu diesem
Unverbesserlichen Mangel an Vorsorge
Gewisser Leute ewig von neuem sagen:
Amen?
4. Gebet des Affen
Lieber Gott,
Warum hast du mich so hässlich gemacht?
Wegen dieses lächerlichen Gesichtes
Will der Humor von mir, dass ich Grimassen schneide.
Werde ich immer der Clown deiner Schöpfung sein?
Wer wird mir diese Schwermut vom Herzen nehmen?
Wirst du nicht erlauben, eines Tages,
Dass jemand mich ernst nimmt?
Amen, Herr!
5. Gebet des Hahns
Vergiss nicht, Herr,
Ich lasse die Sonne aufgehen!
Ich bin Dein Diener …
Aber die Würde meines Amtes
Zwingt mich zu einigem Prunk und Staat.
Adel verpflichtet …
Trotz alledem, ich bin Dein Diener …
Vergiss nicht, Herr,
Ich lasse die Sonne aufgehen!
Amen.
6. Gebet des Schmetterlings
Herr, woran war ich doch eben?
Ah, ja, diese Blume, diese Sonne!
Dank! Deine Schöpfung ist schön!
Dieser Rosenduft …
Woran war ich doch eben?
Ein Tropfen Tau
Rollt Feuer von Freude der Lilie ins Herz.
Ich wollte doch zu …
Ich weiß nicht mehr!
Der Wind hat seine Phantasien
Auf meine Flügel gemalt.
Phantasien …
Woran war ich doch eben?
Ah! Ja, Herr,
Ich wollte Dir etwas sagen:
Amen!
7. Gebet des alten Gauls
Schau, Herr,
Mein Fell geht dahin in Fetzen,
Wie ein verschlissener alten Lappen!
Ich habe alles gegeben,
Was ich an Freude hatte,
Und alles, was ich an Kraft hatte,
In harter Mühe.
Ich habe nichts für mich behalten.
Und jetzt schwankt mein armer Kopf
Über der Einsamkeit meines Herzens.
Mein Gott, ich halte mich vor Dir,
Ganz steif auf meinen schweren Beinen:
Ich bin ein unnützer Knecht!
Ach, gib mir am Ende in Deiner Gnade
Einen sanften Tod!
Amen.
8. Gebet der Maus
Ich bin so grau, lieber Gott,
Erinnerst Du Dich an mich?
Immer belauert, immer gejagt,
Knabbere ich mein kleines Leben.
Etwas gegeben hat man mir nie.
Warum wirft man mir vor,
Ich sei eine diebische Maus?
Bist Du nicht mein Schöpfer?
Ich will nichts als versteckt bleiben!
Gib mir nur die Ration für meinen Hunger,
Fern von den Krallen
Dieses Teufels mit den grünen Augen!
Amen.
9. Gebet der Lerche
Hier bin ich, o Du mein Gott,
Hier bin ich, hier bin ich!
Du reißt mich los von der Erde,
Und ich steige auf Dich zu,
Außer mir in jubelndem Schrei,
Bis zu diesem Punkt am Himmel,
Wo Du mich ankreuzigst einen Augenblick.
Wann wirst Du mich behalten für immer?
Wirst Du mich ohne Ende
Zurückfallen lassen in die Tiefe der Furchen?
Armen Vogel aus Lehm?
Oh! Dass zum wenigsten
Meine jubilierende Armut sich schwinge,
Der Herrlichkeit Deines Erbarmens entgegen,
Mit immer gleicher Hoffnung, bis zum Tod!
Amen.
10. Gebet des Raben
Ich glaube, Herr, ich glaube!
Der Glaube ist es, der rettet,
Du hast es gesagt!
Ich glaube, dass die Welt für mich gemacht ist;
Denn sie stirbt,
Und ich, ich werde davon satt.
Mein Totengräberwams
Passt zu meinem alten Zynikerherzen.
Mein Rabennest
Ist zwischen Dir und diesem Leben ganz unten,
Auf dessen Ende ich lauere;
Zu meiner persönlichen Befriedigung!
Ich, ich schreie: »Vor mir die Sintflut!«
Welch’ ein Gelage!
Ich fliege nicht mehr zurück in die Arche!
Dass in mir sterbe dieses grässliche Heimweh!
Amen.
11. Gebet der Taube
Die Arche wartet, Herr,
Die Arche wartet auf das Wollen Deiner Güte!
Und auf das Zeichen Deines Friedens …
Ich bin die einfältige Taube. Einfältig!
Wie die sanfte Huld, die von Dir her kommt.
Die Arche wartet, Herr!
Sie hat gelitten …
Lass mich ihr bringen
Diesen Zweig der Hoffnung und der Freude!
Und niederlegen im Herzen ihrer Hingegebenheit
Die makellose Gnade,
Mit der Deine Liebe mich umkleidet hat!
Amen.
Max Reger
AUS »ACHT GEISTLICHE GESÄNGE« OP. 138
für gemischten Chor a cappella
Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit
TEXT: MATTHIAS CLAUDIUS
Der Mensch lebt und bestehet
Nur eine kleine Zeit;
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur Einer ewig und an allen Enden,
Und wir in Seinen Händen.
Morgengesang
TEXT: JOHANNES ZWICK
Du höchstes Licht, ewiger Schein,
Du Gott und treuer Herre mein,
Von dir der Gnaden Glanz ausgaht
Und leuchtet schön gleich früh und spat.
Das ist der Herre Jesus Christ,
Der ja die göttlich Wahrheit ist,
Der mit seinr Lehr hell scheint und leucht,
Bis er die Herzen zu ihm zeucht.
Er ist der ganzen Welte Licht,
Dabei ein jeder klarlich sicht
Den hellen, schönen, lichten Tag,
An dem er selig werden mag.
Die Nacht ist kommen
TEXT: PETRUS HERBERT
Die Nacht ist kommen,
Drin wir ruhen sollen;
Gott walts zu Frommen
Nach seim Wohlgefallen,
Dass wir uns legen
In seim Gleit und Segen,
Der Ruh zu pflegen.
Treib, Herr, von uns fern
Die unreinen Geister,
Halt die Nachtwach gern,
Sei selbst unser Schützherr,
Schirm beid, Leib und Seel
Unter deine Flügel,
Send uns dein Engel!
Lass uns einschlafen
Mit guten Gedanken,
Fröhlich aufwachen
Und von dir nicht wanken;
Lass uns mit Züchten
Unser Tun und Dichten
Zu deim Preis richten!
Johannes Brahms
»WARUM IST DAS LICHT GEGEBEN
DEM MÜHSELIGEN« OP. 74 NR. 1 (1877)
Motette für gemischten Chor a cappella
Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen,
Und das Leben den betrübten Herzen,
Die des Todes warten und kommt nicht,
Und grüben ihn wohl aus dem Verborgenen;
Die sich fast freuen und sind fröhlich,
Dass sie das Grab bekommen.
Und dem Manne, dess Weg verborgen ist,
Und Gott vor ihm den selben bedecket?
TEXT: HIOB 3,20-23
Lasset uns unser Herz samt den Händen
Aufheben zu Gott im Himmel.
TEXT: KLAGELIEDER JEREMIAS 3,41
Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben.
Die Geduld Hiob habt ihr gehöret,
Und das Ende des Herrn habt ihr gesehen;
Denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.
TEXT: JAKOB 5,11
Mit Fried und Freud ich fahr dahin,
In Gottes Willen,
Getrost ist mir mein Herz und Sinn,
Sanft und stille.
Wie Gott mir verheißen hat:
Der Tod ist mir Schlaf worden.
TEXT: MARTIN LUTHER
Peter Cornelius
REQUIEM
TEXT: FRIEDRICH HEBBEL
Seele, vergiss sie nicht,
Seele, vergiss nicht die Toten!
Sieh’, sie umschweben dich,
Schauernd verlassen,
Und in den heiligen Gluten,
Die den Armen die Liebe schürt,
Atmen sie auf und erwarmen,
Und genießen zum letzten Mal
Ihr verglimmendes Leben.
Seele, vergiss sie nicht,
Seele, vergiss nicht die Toten!
Und wenn du dich ihnen verschließest,
So erstarren sie bis hinein in das Tiefste.
Dann ergreift sie der Sturm der Nacht
Dem sie zusammengekrampft
In sich trotzten im Schoß der Liebe.
Und er jagt sie mit Ungestüm
Durch die endlose Wüste hin,
Wo nicht Leben mehr ist,
Nur Kampf losgelassener Kräfte
Neuerneuertes Sein.
Seele, vergiss sie nicht,
Seele, vergiss nicht die Toten!
Chorbesetzung
Sopran 1
Beate Apitz
Gabriele Berke
Birgit Bonik
Antje Ligeti
Sopran 2
Monika Harnisch
Elke Kaplon
Gundula Rosenkranz
Anna Semenow
Alt 1
Anke Althoff
Barbara Leo
Heike Liebmann
Alt 2
Annett Eckert
Hyunduk Na
Heike Wiechmann
Tenor 1
Michael Auenmüller
Markus Hansel
Juan Carlos Navarro
Tenor 2
Rafael Harnisch
Ingolf Stollberg
Bass 1
Friedrich Darge
Andreas Heinze
Norbert Klesse
Martin Schubert
Bass 2
Matthias Beutlich
Markus Brühl
Werner Harke
Thomas Müller
Chordirektor
Jörn Hinnerk Andresen