Dschungel der Meute

SC10
ALL
Dschungel
der Meute
www.lesscouts.be
Dies ist die dritte Version Dschungel der Meute.
Der Inhalt dieses Heftes ist von Grund auf neu
überarbeitet worden, um die Welt des Dschungelbuches, von Kipling, besser entdecken zu können.
Die Ursprungsgeschichten wurden in der Sprache
der damaligen Zeit (1894) geschrieben und sind
schwer zu gebrauchen, um die Geschichten den
Wölflingen zu erzählen. Wir haben die Geschichten neu geschrieben, damit sie für die Kinder zugänglicher sind und dabei sind wir Kiplings Werk
treu geblieben.
Ich möchte mich bei Laurent, Marc und Katia besonders bedanken, die mir geholfen haben die
Kiplings Geschichten zu vereinfachen und zusammenzufassen. Ich bedanke mich auch bei den
Leitern der T3 Louveteaux von Allerheiligen 2012
und von Karneval 2013. Danke auch an Sylvie für
das zahlreiche Korrekturlesen und die allgemeine
Koordinierung des Heftes. Danke an alle, für die
Kommentare und die neuen Ideen, die dazu führten, dass dieses Heft heute das ist, was es ist.
Andrea Pirard übernahm die deutsche Übersetzung.
Marie Degrève
Verbandsleiterin für die Wölflinge
© Les Scouts ASBL
Verantwortlicher Herausgeber: Jérôme Walmag
Rue de Dublin 21 - 1050 Bruxelles - Belgique
02.508.12.00 - [email protected]
1. Auflage: November 2015
Pflichtexemplar: D/2015/1239/14
www.lesscouts.be
einleitung
Das Dschungelbuch, von Rudyard Kipling, besteht aus fünfzehn
Kurzgeschichten. Die ersten Geschichten schildern Moglis Kindheit: ein kleines Menschenkind, das von einem Tiger gejagt und von Wölfen aufgenommen wird. Mogli erlebt
mit seinen Dschungelfreunden zahlreiche Abenteuer, das
eine schöner als das andere. Seine Abenteuer enden mit
dem Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter, genau dem Zeitpunkt wenn der Wölfling zu den Eclaireuren
aufsteigt. Dieses Heft wurde herausgebracht, damit du gemeinsam mit deinen Wölflingen die Welt des Dschungels entdecken
kannst. Die 8- bis 12-jährige Kinder brauchen in ihrem Leben Strukturen, Rituale und Traditionen.
Die Fantasiewelt des Dschungelbuches bietet dir diese Möglichkeit: Du kannst eine Geschichte für jeden wichtigen Augenblick im Leben eines Wölflings verwenden, um sie ihm oder der
ganzen Meute verständlich zu machen oder darüber zu reden.
Der Inhalt dieses Heftes ist unmittelbar mit den Traces de loup
(Wolfsspuren) verbunden, die du am Anfang des Jahres den Wölflingen gegeben hast.
Die Geschichten der Traces de loup sind Auszüge aus dem „Dschungel der Meute“, folglich kannst du sie mit diesem Heft leichter erweitern.
Wir haben uns bemüht, die Texte der Kipling-Geschichten zu vereinfachen:
Der
Autor hat sie in einer zufälligen Reihenfolge geschrieben, obschon die Geschichte
zum Teil die Lebenschronologie von Mogli schildert, die auf den Seiten 14 und 15 ausführlicher beschrieben wird.
Die Werte, die diese Erzählungen wiedergeben, sind ein hervorragender Grundstein für
eine sinngemäße Animation der Wölflinge. Du findest sie im Inhaltsverzeichnis auf den
nachfolgenden Seiten.
Einige Passagen werden hervorgehoben, sie sprechen von bestimmten pädagogischen Angeboten für die Wölflinge: die erste Bindung, die Meisterworte, die Zeit des
Fellwechsels, das Gesetz der Meute, die Botschaft an das freie Volk.
Ich hoffe du findest in diesem Heft jede Menge Informationen über Mogli und seinen
Freunden, viele Anregungen für deine Animation und Spiele, damit du deine Wölflinge
total begeistern kannst. Es liegt an dir diese Geschichten zum Leben zu erwecken, sie zu
benutzen oder über das eine oder andere Thema des Meutelebens zu sprechen.
Gute Jagd!
Marie
INHALTSVERZEICHNIS
1. KAPITEL: DIE FANTASIEWELT
Weshalb Kiplings Dschungelbuch?
Wer war Rudyard Kipling?
.........................................................................................................................
..............................................................................................................................................................
S. 6
S. 10
2. KAPITEL: DIE GESCHICHTEN
Moglis Lebensgeschichte, nach Kipling
Moglis Brüder (erster Teil)
2
Kaas Jagd
doption
A
Familie
Aufnahme
..........................................................................................................................................................................................................................................
Des Königs Ankus
Höflichkeit
Behilflich sein
...................................................................................................................................................................................................
Macht des Geldes
Kulturelle Überzeugungen und Aberglaube
Wie die Angst zum Dschungel kam
...............................................................................................................................
Sorge
Tod
Gründung des Dschungels / der Welt
Stichwörter
Klimawandel
Hungersnot
Rache
S. 21
S. 27
Stichwörter
Freundschaft
Erscheinungsbild eines Menschen gegenüber seiner Gefühlswelt
Wert des Geldes
S. 17
Stichwörter
Strafe
Dschungelgesetz
Gefühl, anders zu sein
.
............................................................................................................................................................................
S. 14
Stichwörter
Brüderlichkeit
Liebe
Freundschaft
Verschiedenartigkeit
.....................................................................................
S. 31
dschungel der meute
......................................................................................................................................................................
Tiger! Tiger!
Ungerechtigkeit
Verschiedenartigkeit
Familie
S. 41
...............................................................................................................................................................................................................................
Ablehnung
Identitätsfrage
Rache
................................................................................................................................................................
Unterschied
Furcht
Liebe in der Familie
Adoption
Unterstützung der Angehörigen
Befehle erteilen
..............................................................................................................................................................................................................................................
Der Frühlingslauf
Tod eines Angehörigen
Traurigkeit
Stärke des Packs: seine Nächsten verteidigen
.....................................................................................................................................................................................................
Die weiße Robbe
.......................................................................................................................................................................................................
obbenjagd zur Gewinnung
R
des Fells
Stichwörter
Ausdauer
Unterschied
Ungerechtigkeit
3
S. 59
Stichwörter
Übergang von der Kindheit zur Jugend
Lernen, sich zu verabschieden
Wissen, was für einem gut ist
S. 53
Stichwörter
Freundschaft
Gerechtigkeit
Die Antwort heißt Gewalt
S. 47
Stichwörter
Rückkehr zum Dschungel
.
Stichwörter
Unterschied
Brüderlichkeit
Lüge
Rothund
Stichwörter
Ablehnung
Traurigkeit etwas zu verlieren
Freundschaft
S. 37
S. 65 Inhaltsverzeichnis
Moglis Brüder (zweiter Teil)
Rikki-Tikki-Tavi
..............................................................................................................................................................................................................
Stichwörter
Mut
Gerechtigkeit
Seine Liebsten schützen
Toomai der Elefanten
S. 69
..................................................................................................................................................................................
Stichwörter
Freiheit
Kindheitstraum, anders, als der der Eltern
Treue
Das Wunder des Purun Bhagat
.........................................................................................................................................
Ehrenamt
Respekt gegenüber seinen
menschen und der Natur
Mit-
S. 79
Stichwörter
Wert des Geldes
Alles zurücklassen und neu beginnen
Bedeutung des Ruhms
Unterstützung
S. 73
3.kapitel: Meine Animation
4
Meine Animation
Traces de loup
.....................................................................................................................................................................................................
...................................................................................................................................................................................................................
Mit den Werten spielen
Jagd der Meisterworte
Der Dhâkbaum
........................................................................................................................................................................
............................................................................................................................................................................
.................................................................................................................................................................................................................
Animation der Sinne: Rikkis Mut
..............................................................................................................................
Animation der Sinne: Graubruders Freundschaft
.....................................................
S. 84
S. 86
S. 88
S. 90
S. 93
S. 94
S. 95
Die
Fantasiewelt
DIE FANTASIEWELT
Weshalb Kiplings
Dschungelbuch?
Das Pfadfindertum richtete sich anfangs an Jugendliche ab 12
Jahren. Sehr schnell machte sich die Notwendigkeit breit, eine angepasste Form für die jüngeren Kinder, anzubieten. Baden-Powell
war der Überzeugung, dass man der Meute eine hochwertige und
solide Fantasiewelt anbieten sollte.
Das Dschungelbuch war nur ein Werk unter vielen, das von dem
Gründer des Pfadfindertums als Fantasiewelt für eine Kindergruppe dienen sollte. Dieses Abenteuer ist von außergewöhnlicher Tiefe und Relevanz für die Kinderanimation. Diese beiden Elemente
haben erreicht, dass das Dschungelbuch schnell die anderen Bücher verdrängte und so zur Empfehlung für die Wölflinge wurde.
Dies hindert aber die Sektionen nicht daran, auch andere Fantasiewelten zu nutzen.
Die Namen, das Totem und die Pfadfindersymbole der 8 bis 12-jährigen stammen hauptsächlich aus dem Dschungelbuch. Beachte jedoch, dass unsere Pädagogik nicht die des Dschungels ist!
Die Welt der Wölfe ist interessant zu beobachten: Sie leben in kleinen Familien, wie unsere Rudel, aber auch im Clan, wie unsere
Meuten. Die Wölflinge brauchen das Gefühl sich in einer kleinen
Gruppe wohlzufühlen, damit dies auch in der großen Gruppe positiv verläuft.
6
Kipling hat fünfzehn Kurzgeschichten
geschrieben, von denen zwei, den Namen des Dschungelbuches tragen. Sie
richten sich an Kinder, hindurch zahlreicher präziser Beschreibungen, die dem
Leser helfen sollen, sich jede einzelne
Szene genau vorzustellen.
Das braucht der Wölfling!
ie Geschichten des Dschungelbuches sind sehr
D
lehrreich. Sie sind ein hervorragendes Mittel, die
Wölflinge, ihre Einstellung, ihre Reaktion und ihre
Erwartungen zu verstehen.
Einige Beispiele:
as Volk der Bandarlog macht uns verständlich,
D
dass es keinen Zusammenhalt in der Meute geben kann, wenn es innerhalb der Gruppe keine
Organisation gibt.
ie Meisterworte beziehen sich auf die Werte,
D
die die Wölflinge im Alltag erleben.
J ede Geschichte beinhaltet eine Moral, z.B. «Kaas
Jagd»: Während Balus Lehrstunden lernt Mogli
die Wichtigkeit des Zuhörens.
as Gesetz der Meute (« Die Stärke des Packs ist
D
der Wolf, die Stärke des Wolfs ist das Pack ») ist
sehr lehrreich. Sie übermitteln den Wölflingen
das Miteinanderleben.
ie Wölflinge brauchen konkrete Situationen daD
mit sie über Ereignisse, die sie berühren, persönlich
oder auch nicht, nachdenken können. Sie identifizieren sich leichter mit den Situationen und Personen,
die in der Geschichte vorkommen. Deine Rolle ist es
dann mit dem Kind darüber zu sprechen, damit es
daraus Lehre ziehen und reifen kann.
ie Vielzahl der Charaktere helfen den Wölflingen
D
zahlreiche Situationen zu verstehen. So können sie
sich leichter mit Mogli identifizieren, der wie sie die
gleichen Etappen des Lebens durchläuft: der Empfang, das Neue, die Ablehnung, der Unterschied, die
Angst, die Liebe, der Unfug, der Lernprozess, die
Entdeckung, usw. Um die Identifizierungen mit den
Personen der Geschichte zu vereinfachen, benutzt
Kipling die Technik des Anthropomorphismus1.
DAS MENSCHENKIND
Eine berührende Geschichte: Mogli, auf der
Suche nach seiner eigenen Identität. Durch
seine regelmäßigen Besuche bei den Wölfen,
Panthern, Bären und allen anderen Tieren, sammelt Mogli Erfahrungen in allen Entwicklungsbereichen. Nachdem er Rudeljäger war, wird er
dank seiner Intelligenz und seiner Stärke, Meister
des Dschungels. Aber in seinem Inneren spürt er,
dass sein Platz nicht mitten unter seinen Freunden ist, selbst wenn es ihm schwerfällt, sich das
einzugestehen. Seine Geschichte ist also die
aller Kinder: Zu Beginn der Jugendzeit sind die
Reaktionen, die Überlegungen und das Erlebte
nicht mehr so einfach, wie Kipling sie beschreibt.
(1) Bezeichnet das Zusprechen menschlicher Eigenschaften auf Nichtmenschliches z.B. auf Tiere,
Götter, Naturgewalten oder Ähnliches. Übertragung menschlicher Eigenschaften auf nicht
menschliche Dinge oder Vorgänge.
DIE FANTASIEWELT
Animation innerhalb der Meute
Moglis Geschichten bestimmen den Meutealltag.
ie Sternstunden der Wölflinge finden sich in der einen oder anderen Geschichte
D
des kleinen Menschenjungen wieder (Seite 14, 15 und 16).
Dank des Dschungelbuches umrahmen zahlreiche Ausdrücke und Gesten den
Meutealltag:
Du wünscht deinen Wölflingen eine gute Jagd.
Du nennst den Leiter „Alter Wolf“.
Du stellst mit den Händen Wolfsohren dar, als Begrüßungszeichen für deine
Wölflinge.
Die Rudel versammeln sich in ihren Schlupfwinkeln.
Usw.
↓
Es gibt unendlich viele, die eine beständige Atmosphäre schaffen und alle Momente
des Meutelebens durchlaufen. Man kann ohne Probleme zum Dschungelbuch auch
noch das Mittelalter oder die Regionen der Großen Seen durchforschen.
Du kannst genauso eine andere Geschichte nutzen, um das eine oder andere gegenwärtige Thema der Meute mit deinen Wölflingen in Angriff zu nehmen: die
Freundschaft, die Traurigkeit, die Dienstleistung, usw.
↓
7
↓
Weshalb Kiplings Dschungelbuch?
Die symbolische Bedeutung des Dschungels sollte mit unseren erzieherischen
Ambitionen und Pfadfinderwerten übereinstimmen. Achte also darauf, die neuen
Wölflinge in dieser Welt so zu begleiten, damit sie eine Sicherheit und die Entwicklung ihrer Eigenständigkeit spüren.
Ferao
Graubruder
Hathi
Tschakala
Kaa
Tha
Tschil
Akela
Ein Wald voller Symbolen
Der Dschungel ist eine geheimnisvolle, unbekannte und für die Kinder bedeutende Welt, die sowohl schön und unheimlich, als auch faszinierend
und bedrohlich ist. Eine Welt der Entdeckung und
Abenteuer, verborgener Schätze, Tempelruinen,
Geschrei, Stille usw., in der die Kinder Freude haben
etwas zu wagen. Dies ist das Geheimnis das ihnen
gefällt und das Kipling aufrechterhält. Er entwickelte in seinen Erzählungen, die auf seine eigenen Erinnerungen in Indien basieren, eine Vorstellungswelt
ähnlich wie die der Kinder.
er Dschungel ist Herrscher über die Pflanzenwelt:
D
Die Blumen wuchern, die Sümpfe leben und die Lianen gehorchen Tha (Elefant, der den Dschungel
schuf - siehe die Geschichte «Wie die Angst zum
Dschungel kam»). Jede Episode ist abhängig von
den Jahreszeiten, den Fluten und den Düften des
Dschungels. Kipling beschreibt die Natur mit den
Augen eines Malers. Er richtet es sogar so ein, dass
die Natur Zeuge der Abenteuer von Mogli wird:
«Meine Worte gehören nicht mehr mir. Die Bäume
und die Lianen haben es gehört».
8
Mogli
Bandarlog
Nag & Nagaina
Nathu
Vater Wolf
Toomai
Schir Khan
Rikki-Tikki-Tavi
Buldeo
DIE FANTASIEWELT
Tschutschundra
Sionirudel
Darsie
Dolen
Thuu
Phao
Felsenvolk
Balu
Wontolla
Du kannst die Bilder der Figuren auf
www.lesscouts.be herunterladen.
er Dschungel ist Herrscher über das DschungelD
volk, den Tieren. Der Mensch ist schwach, wird verachtet, ein haarloses Tier den die Tiere meiden. Jedes Jagdtier könnte den Menschen töten, aber sie
wissen, dass dann eine Horde von Menschen sie angreifen würde. Für die anderen Tiere ist der Mensch
das Symbol der Angst, der den Tod bringt.
Unter den ganzen Dschungelvölkern gibt es den
Wolfsclan von Sioni. Dieser lebt unter der Führung
von Akela, später unter Phao. Er ist organisiert, hat
seine Rituale und trifft sich regelmäßig am Ratsfelsen, um die Vorkommnisse des Monats zu besprechen. Das freie Volk sucht sich einen Führer aus
und respektiert das Gesetz, das die Clanmitglieder zusammen entschieden haben. In diesem Clan
lernt Mogli das Zusammenleben mit anderen.
Weshalb Kiplings Dschungelbuch?
9
Kala Nag
Ko
Mang
Messua
Mor
Tabaki
Rama
Rakscha
Baghira
Rudyard kipling
Wer war Rudyard Kipling?
Rudyard Kipling war ein britischer Schriftsteller vieler
Kurzgeschichten und Gedichte. Regelmäßig hat er
seine positive politische Stellung gegenüber der British Empire, in Bezug auf den Kolonialismus in Indien,
zum Ausdruck gebracht.
Er verbrachte seine Kindheit anfangs in Indien und anschließend in England. Seine Eltern wollten, dass er die
Bildung dieser beiden Kulturen kennenlernte. Seine
Suche nach der eigenen Identität ist in seinen Werken deutlich spürbar. Im Laufe seines Lebens vereiste
er oft: Indien, Burma, Vereinigte Staaten, Südafrika,
usw. Sein scharfer Beobachtungssinn und die Liebe
zum Detail erbrachten ihm den Literaturnobelpreis.
Sein Schriftstellertalent verhalf ihm sehr schnell zu
hohem Ansehen bei seinen Landsleuten, jedoch ließ
dies, mit seiner Verbundenheit dem britischen Imperialismus gegenüber, schnell wieder nach.
Seine Familie
Seine Eltern: Alice MacDonald und John Lockwood
Kipling (Museumsdirektor von Lahore und Lehrer an
der Jeejeebhoy Kunstschule in Bombay).
Seine Frau: Caroline Balestier (1862 - 1939)
Seine Kinder: Josephine (1892 - 1899), Elise (1896 1976), John (1897 - 1915). Rudyard Kipling hatte keine
Enkelkinder.
10
Einige seiner Werke
Erloschenes (1891), sein erster Roman dessen Heldin, seine erste große Liebe Florence Garrard wiederspiegelt.
Das Dschungelbuch (1894)
Das neue Dschungelbuch (1895)
taaks und Genossen (1899), Erzählungen aus seiS
nen Internatsjahren.
Kim (1901)
Geschichten für den allerliebsten Liebling (1902)
Puck vom Buchsberg (1906)
enn (1910), Gedicht, das seine Werte und Ethik in
W
den Vordergrund setzt.
as Gedicht Ulster (1912), sein Standpunkt zur DikD
tatur der katholische Kirche in Irland.
Seinen Vornamen verdankt er dem Lake Rudyard (See in England), an dem seine Eltern
sich kennengerlernt haben.
Seine bevorzugten Themen
Ein leidenschaftlicher Patriotismus gegenüber England: Es kam vor, dass er andere Kulturen kritisierte,
gewisse Vorurteile hatte oder rassistische Parolen
hielt. Manche dachten, dass Kipling die Amerikaner
mit dem Volk der Bandarlog darstellt.
das Pflichtgefühl;
die Herrschaft der Königin Viktoria;
er Respekt der militärischen Hierarchie und die
d
Führung;
er britische Kolonialismus in Indien, den man in
d
der Geschichte des Dschungelbuches durch die
Position von Mogli wieder erkennt - obschon er
Meister des Dschungels war, ist er ein Fremder für
die Tiere.
ie Natur, die in seinen Geschichten vorkommt, bed
ruht hauptsächlich auf seine Kindheitserinnerung und
auf die Dokumentationen der Region und der Tiere.
ine Identitätssuche, die zwischen Indien und EngE
land wechselt. Dies erklärt zweifellos die im Dschungelbuch gestellten Fragen der Personen wie Mogli,
kleiner Toomai und Kotick. Zum Beispiel, das Menschenkind, das die Seinen (den Dschungel, Indien)
verlassen muss, um in ein für ihn unbekanntes Volk
zu gehen (das Menschendorf, England).
Die Suche nach Frieden in einer durch Gewalt der
Kriege geführten Welt. So erhält Rikki, nur infolge
des Kampfes gegen die Kobras, seinen Frieden in
Teddys Garten.
DIE FANTASIEWELT
Sein Leben
30. Dezember 1865: Die Geburt von Rudyard Kipling in Bombay, Indien, kurz nach dem
seine Eltern sich dort niedergelassen haben.
zuela verstärkt. Konfliktberater Amerika möchte, dass
das aufhört. Eine antibritische Bewegung fordert die
Familien auf, nach England zurückzukehren.
1871: Rückkehr nach England mit seiner dreijährigen Schwester. Sie sind in einem Heim britischer Kinder, deren Eltern in Indien leben, untergebracht.
Von 1898 (bis 1905): Die Familie Kipling, die
sich mit der Geburt von John 1894 vergrößert, verbringt ihren Urlaub in Südafrika. So langsam wird
Kipling erfolgreich. Der zweite Burenkrieg (auch südafrikanischer Krieg genannt / 1899-1902) bricht aus:
der Schriftsteller schreibt zur Unterstützung mehrere
Briefe an die britische Truppe. 1899 reist er mit seiner älteren Tochter nach Amerika. Beide erkranken an
einer Lungenentzündung. Josephine erholt sich nicht
und stirbt.
für Koloniekinder.
1882: Aus finanziellen Gründen bricht er sein Studium ab. Er kehrt zu seinem Vater nach Lahore, Indien,
zurück, der ihm eine kleine Stelle in der Schulredaktion (Civil & Military Gazette), wo er Direktor ist, vermittelt.
1886: Der neue Chefredakteur räumt Kipling mehr
Freiraum ein und bittet ihn, seine Kurzgeschichten zu
veröffentlichen. Anschließend wechselt er zu einer
größeren Zeitung, The Pioneer, für die er mit leidenschaftlichem Tempo schreibt.
1889: Kipling kehrt Indien den Rücken und bricht,
über Hong-Kong und Japan, nach Amerika auf. Er
reist viel innerhalb Amerika und schreibt weiterhin
für The Pioneer, bevor er Ende 1889 nach Liverpool
in England zurückkehrt. Er ist nicht sehr reich, doch
genug, um seine finanzielle und intellektuelle Selbstständigkeit zu bewahren.
18. Januar 1892:
Kipling (26 Jahre) heiratet
Caroline Balestier (29 Jahre), die er im letzten Jahr in
Amerika kennengelernt hatte. Sie machen ihre Hochzeitsreise in die Vereinigten Staaten und entscheiden
sich die nächsten vier Jahre in Vermont zu bleiben,
wo er unter anderem Geschichten aus dem Dschungelbuch schreibt.
29. Dezember 1892: Die
Geburt der ersten
Tochter, Josephine.
1894 und 1895: Veröffentlichung
des Dschungelbuches und des neuen Dschungelbuches.
1896: Die Geburt der zweiten Tochter, Elise, obwohl die Beziehung des Ehepaares kriselt. In diesem
Jahr hat sich der Konflikt zwischen England und Vene-
10. Dezember 1907: Kipling erhält für seine
Dschungelbücher, aufgrund seiner Beobachtungsgabe, der Ursprünglichkeit seiner Fantasie und seiner
Darstellungskunst, den Literaturnobelpreis. Er ist der
erste britische Schriftsteller, der diese Auszeichnung
entgegennimmt, aber auch der jüngste. Weitere
Auszeichnungen folgen von mehreren Universitäten.
Seit dieser Epoche nimmt er Stellung gegenüber den
deutschen Ambitionen.
1909: Kipling schreibt das für die Pfadfinder von
Baden-Powell bestellte Patrouillenlied.
1915: Bei der Schlacht von Loos verliert er seinen
Sohn. Während zwei Jahren sucht er nach seinem
Leichnam.
1922: Rudyard Kipling wird von der Universität Toronto gebeten, ein Eid zu schreiben, der die graduierten Ingenieure an ihre Verpflichtung erinnern. Er
veröffentlicht die Rituale der Ingenieurverpflichtung,
die in Kanada noch immer aktuell sind.
11
1935: Kipling schreibt seine Autobiografie, die
nach seinem Tod veröffentlicht wird.
18 janvier 1936:
Rudyard Kipling stirbt in
London in Folge einer Hirnblutung. Die Presse gab
seinen Tod schon vor seinem Ableben bekannt, daraufhin schrieb er: „Ich habe gerade gelesen, dass ich
gestorben bin. Vergessen Sie bitte nicht mich aus der
Abonnentenliste zu streichen“.
(1) Konflikt zwischen Großbritannien und den Burenrepubliken, der mit der
Eingliederung in das britische Imperium endete.
Quellen
Einleitung, Vermerke, Bibliographie und Chronologie des Dschungelbuches von Kipling
(1994), Alexis Tadié, Flammarion.
http://fr.wikipedia.org/wiki/Rudyard_Kipling#Bibliographie_et_biographies
http://damienbe.chez.com/biokip.htm
Informationen über Kipling
1878: Eintritt in die United Services College, Schule
Die
Geschichten
MOGLIS LEBENSGESCHICHTE, 1
Die erste
Bindung
1. Moglis Brüder
(1. teil)
1
3
5
Balu lehrt Mogli die Gesetze des Dschungels. Eines
Tages jedoch, als Mogli erwähnt, dass er mehr Zeit
mit der Bandarlog verbringen möchte, bekommen
sie Streit. In der darauffolgenden Nacht entführt das
Affenvolk Mogli. Er soll ihr Führer werden und ihnen
beibringen, wie man aus Lianen Hütten baut. Balu und
Baghira versuchen mit Kaas Hilfe das Menschenkind
zu befreien.
2
→ Seite 21
Als Mogli sich vor Schir Khan, der die
Menschen jagt, versteckt, entdeckt
Vater Wolf das kleine Menschenkind
und bringt ihn zu Mutter Wolf, wo er
ein neues Zuhause findet. Nach einiger Zeit wird er, wie es die Tradition
vorsieht, dem Sionirudel vorgestellt.
Baghira und Balu setzen sich für ihn bei
der ersten Bindung ein.
4. Wie die Angst zum
Dschungel kam
Im Dschungel herrscht eine unbeschreibliche
Trockenheit. Die Tiere sind hungrig und der
Wasserstand des Waingunga-Flusses geht so
stark zurück, dass der Friedensfelsen sichtbar
wird. So stark, dass Hathi den Wasserfrieden
aussprechen muss. Dieses Gesetz verpflichtet
die Tiere nicht mehr in Flussnähe zu töten, denn
zum Überleben ist es wichtiger zu trinken, als zu
essen. Schir Khan hält sich nicht daran und beschmutzt das Wasser mit dem Blut eines frisch
getöteten Menschen. Hathi erklärt daraufhin,
wie der erste Tiger die Angst im Dschungel gebracht hat und warum die Tiger Streifen haben.
→ Seite 17
3. der königs ankus
14
Mogli besucht Kaa, die zum 200. Male ihre Haut
wechselt (Zeit des Fellwechsels), um ihr Glück
zu wünschen. Sie verstehen sich blendend und
Kaa erzählt ihm von einer Begegnung die er
vor kurzem in den unterirdischen Höhlen von
«Cold Lairs» gehabt hat. Mogli wird hellhörig und er bittet Kaa, dass er ihn dahin führt.
Er lernt Thuu, die weiße Kobra, Wächter der
Schätze des Königs von «Cold Lairs», kennen.
Ein einziges Teil packt seine Neugier: des Königs Ankus. Er schafft es ihn aus dieser Höhle
mit zu nehmen, doch Thuu warnt ihn: Dieser
Ankus ist ein Zeichen des Todes!
→ Seite 27
3
→ Seite 31
Die Zeit des
Fellwechsels
4
5. Moglis Brüderl (2.teil)
Mogli wächst heran und kann nun am Rudelrat teilnehmen. Schir Khan hat
nicht vergessen, dass das Menschenkind seine Beute ist. Damit Mogli aus
der Meute verbannt wird, stellt er einen teuflischen Plan auf: Er sorgt dafür,
dass Moglis Freund, Akela, seine Beute bei der Jagd verfehlt und als Rudelführer abgesetzt wird. Der Tiger erreicht sein Ziel mit Hilfe der beeinflussten jungen Wölfe. Ein wichtiger Rat muss abgehalten werden und Mogli
bringt auf Ratschlag von Baghira, die rote Blume (das Feuer) mit. Da Akela
nun nicht mehr der Rudelführer ist, muss Mogli den Dschungel verlassen
und zur Menschensiedlung gehen.
→ Seite 37
2
4
2. Kaas jagd
Die
Botschaft
an das freie
Volk
5
NACH KIPLING
66. tiger! tiger!
6
Bei den Menschen wird Mogli von Messua
aufgenommen, die in ihm, ihren vor einigen
Jahren von einem Tiger verschleppten Sohn,
Nathu, sieht. Das Menschenkind hält weiterhin
Kontakt zu seinen Wolfsbrüdern, hauptsächlich
jedoch mit Graubruder. Während drei Monate
macht er alles um die Bräuche der Menschen
zu verstehen. Eines Tages aber ist die Zeit der
Rache gekommen: Schir Khan ist in der Gegend. Mit der Hilfe von Graubruder und Akela,
will er Schir Khan töten. Er hat geschworen das
Fell des Tigers zum Ratsfelsen zu bringen. Er
schafft es auch, jedoch zum Preis, dass er aus
dem Menschendorf verstoßen wird.
→ Seite 41
7
7. Rückkehr zum Dschungel
Mogli jagt von nun an alleine mit seinen vier Brüdern im Dschungel. Das Menschenkind erzählt Raschka und Vater Wolf seine
Erlebnisse im Menschendorf. Akela, der ebenfalls anwesend
ist, warnt ihn: die Menschen wollen ihn töten. Mogli und seine
Freunde gehen zum Dorf. Das Menschenkind erfährt, dass Messua und ihr Mann, die ihn beherbergt haben, von ihresgleichen
gefangen genommen wurden. Mogli befreit sie und rät ihnen
das Dorf zu verlassen. Anschließend lässt er die ganzen Dschungeltiere zum Dorf hinunter, damit die Menschen flüchten.
→ Seite 47
9
Frühlingslauf
88. Rothund
8
Für Mogli beginnt die schönste Zeit seines
Lebens. Das Sionirudel hat einen neuen
Führer gefunden: Phao. Mogli und Akela
geben ihm Ratschläge, wenn er sie benötigt. Das Menschenkind wird von allen für
seine Kraft und seine Intelligenz gefürchtet, aber auch geliebt. Eines Tages jedoch
ist es mit der Ankunft von Wontolla, ein
Einsiedelwolf, mit der Ruhe vorbei. Er hat
sich beim Kampf gegen die Dolen aus
Dekkan, die seine Familie getötet haben,
verletzt. Mogli überlegt wie er mit Kaas
Hilfe, die Rothunde verdrängen kann. Eine
große Schlacht beginnt für das Sionirudel,
die in voller Traurigkeit, mit dem Verlust
von Wontolla und vor allem von Akela, endet.
→ Seite 53
Frühlingsanfang! Ferao kündigt die Zeit der
Neuen Rede an, worüber sich alle Tiere des
Dschungels freuen. Alle, außer Mogli! Er wird
wieder von allen verlassen sein. Aber im Moment seines Frühlingsrufes, bleiben im die
Worte im Hals stecken. Er denkt er sei krank.
Es wird Zeit für ihn seinen Frühlingslauf zu
beginnen. Dieses Abenteuer bringt ihn zu einem Menschendorf das er nicht kennt und er
sieht dort Messua mit einem Baby auf dem
Arm. Mogli ist hin und her gerissen: er weiß
nicht ob er Wolf oder Mensch ist. Graubruder
möchte ihn sprechen und auf dem Weg zum
Ratsfelsen trifft Mogli seine Entscheidung: es
ist an der Zeit zu seinem Volk zurückzukehren.
Zumal er gerade auf dem Weg einem schönen Mädchen begegnet ist.
→ Seite 59
9
15
Chronologie
6
7
8
9. Der Frühlingslauf
10 11
10. Die weiße Robbe
11. Rikki-tikki-tavi
Kotick ist ein weißer Seehund, der einzige
weiße lebende Seehund in Novastoshnah. Als
Kotick mit seinen Freunden zusammen spielt,
erscheinen Robbenfänger. Unauffällig folgt er
ihnen und stellt fest dass man seine Freunde
wegen des Fells tötet. Entsetzt nimmt er sich
vor ein Ort zu finden, wo die Robben in Ruhe
leben können. Im Laufe seiner Abenteuer begegnet er einem Walross und einer Seekuh,
bevor er endlich das ersehnte Fleckchen Paradies entdeckt. Jetzt muss er nur noch die
anderen Robben überzeugen, ihm zu folgen.
Rikki-Tikki-Tavi ist ein sonderbares kleines Tier:
ein Mungo, der teils einer Katze und teils einem
Wiesel gleicht. Eines Tages steigt das Gewässer
so hoch an, dass es ihn und seine Familie weit weg
von ihrem Jagdrevier mitreißt. Rikki landet im
Garten von Teddy und seiner Familie. Diese Familie hilft ihm wieder zu Kräften zu kommen. Rikki ist
so dankbar und beschließt, bei ihnen zu bleiben.
Mehrmals rettet er die Familie vor Nag und Nagaina, den schwarzen Kobras, die in ihrem Garten
leben. Eine schöne, durch Rikki geführte Schlacht
mit Hilfe von Darsie und seiner Frau!
→ Seite 65
→ Seite 69
12. Toomai der elefanten
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12 13
Kleiner Toomai ist ein zehnjähriger Junge und
der ältester Sohn vom großen Toomai, Kornak
in dritter Generation. Sie dressieren und führen
die wilden Elefanten, die von den Jägern eingefangen werden, um sie im Dienst der indischen
Regierung einzusetzen. Kleiner Toomai’s größter
Wunsch ist es Jäger zu werden, was aber nicht
der Vorstellung seines Vaters entspricht. Eines
Tages wird Petersen Sahib auf ihn aufmerksam. Er
erklärt ihm, dass er ein Jäger wird, sobald er den
Tanz der Elefanten sieht. Eines Abends bemerkt
kleiner Toomai, dass Kala Nag, der erste Elefant des Kornaks, leise das Lager
verlässt und er geht mit ihm.
So wird er nun Zeuge des
berüchtigten Tanzes der
wilden Elefanten, was keinem anderen Menschen
bisher
vergönnt
war.
Seitens der Jäger erhält er
den Titel: Toomai der Elefanten.
→ Seite 73
13. Das Wunder des purun bhagat
Purun Dass ist ein Brahmane aus Indien. Sehr
schnell erklettert er die politische Leiter und wird
Erster Minister. Er wird im ganzen Land sowie in
London anerkannt und zum Großritter des «Ordens vom Indischen Reich» ernannt. Doch eines
Tages entsagt er Amt und Macht, um das Leben eines Sunnjasi, eines wandernden Bettlers, zu führen
und reist viel um den Frieden zu finden. Erst in einem kleinen Tempel an einem steilen Hang über einem Dorf lässt er sich nieder und freundet sich mit
den Tieren der Umgebung an. Er nennt sich von
nun an Purun Bhagat und die Dorfbewohner verpflegen ihn: sie werden mit der Anwesenheit eines
weisen Mannes belohnt und sind sich sicher dass er
Wunder bewirkt. Das Wunder geschieht wirklich:
die Tiere warnen ihn vor einer großen Gefahr und
Purun Bhagat kann die Dorfbewohner retten.
→ Seite 79
1
Die Geschichten
MOGLIs brüder
An einem recht schwülen Sommerabend in den Sionibergen, erwacht Vater Wolf nach einem leichten,
kurzen Schlaf, während Mutter Wolf sich liebevoll um ihre vier Jungen kümmert.
– Es ist Zeit wieder jagen zu gehen, sagt Vater Wolf und streckt seinen ganzen Körper.
Zur gleichen Zeit schleicht Tabaki, ein schmeichelnder, böser und immer hungriger Schakal, um das
Wolfsrudel herum. Er möchte Vater Wolf eine Neuigkeit verkünden.
– Der Tiger, Schir Khan, verlegt sein Jagdgebiet, teilt er ihm mit. Er hat mir gesagt, dass er in der
kommenden Nacht, hier in den Bergen jagen wird.
– Ohne uns vorher zu warnen, hat er kein Recht dazu, ruft Vater Wolf empörend. So lautet das Gesetz
des Dschungels!
Einige Stunden später vernimmt Vater Wolf von weitem das bissige und wütende Klagegebrüll eines
hungrigen Tigers.
– So ein Narr, sagt Vater Wolf, er wird unsere Beute verjagen.
Raschka, Mutter Wolf, erwidert:
– Schir Khan wird diese Nacht Menschen jagen, obwohl das Gesetz des Dschungels jedem Tier verbietet, Menschen zu fressen. Sie werden sich rächen und früher oder später mit Gewehren bewaffnet
hier auftauchen und dann werden alle Tiere des Dschungels leiden!
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Ein seltsames Geheul von Shir Khan unterbricht Raschka.
– So ein Dummkopf! sagt Vater Wolf. Schir Khan ist bestimmt in einer roten Blume gesprungen, dieses
große Feuer, das sich in der Nähe der Menschensiedung befindet.
– Sei still! ruft Mutter Wolf. Irgendetwas kommt den Hügel hinauf. Halte dich bereit!
Moglis Brüder
Vater Wolf lauert angriffsbereit auf dem Boden, doch vor ihm steht ein nacktes braunes Baby, das
gerade laufen kann, und hält sich an einem Ast fest. Na so was! Ein Mensch! Ein Menschenjunges. Es
sieht ihn an, lächelt und hat überhaupt keine Angst vor ihm.
Vater Wolf nimmt den Kleinen ganz vorsichtig zwischen seinen Zähnen und bringt ihn zu Raschka in
die Höhle. Ergriffen von dem Baby, das sich gegen ihre Flanke kuschelt, lässt sie es saugen und mit
den Wolfsjungen spielen. Sehr schnell betrachtet sie es als ihr eigenes Kleines.
Kurzer Zeit später erreicht Schir Khan, der hinkende Tiger, die Höhle und brüllt:
– Wo ist das Menschenkind? Das ist meine Beute! Es gehört mir!
Raschka, die man auch Dämonin nennt, regt sich auf.
– Niemand krümmt meinem Kleinen auch nur ein Haar! antwortet sie und fletscht mit den Zähnen.
Der Tiger weiß, dass es besser ist, gegen eine Mutter, die ihre Kinder um alles in der Welt verteidigt,
nachzugeben.
– Das Menschenjunge gehört uns, Schir Khan! fügt Raschka hinzu. Die Wölfe sind ein freies Volk, Befehle erhalten sie nur von ihrem Rudelführer. Das Menschenkind wird leben, es wird mit dem Rudel
laufen und jagen. Sieh dich vor, eines Tages wird es dich jagen!
Die Geschichten
– Da bin ich aber gespannt, wie ihr den Menschenjungen dem Rudel vorstellen wollt, grinst der Tiger
albern.
Resignierend entfernt sich Schir Khan und gibt ungern seine Beute auf. Vater Wolf wendet sich dann
an Raschka:
– Er hat recht. Wir müssen das Menschenkind dem Rudel zeigen. Willst du es immer noch behalten?
– Ob ich es behalten will? fragt Raschka erstaunt. Selbstverständlich! Es ist ohne Angst zu uns gekommen und hat sich unseren Kleinen angeschlossen. Es hat sogar schon einen beiseite gedrückt,
um trinken zu können, genau, wie jeder andere kleine Wolf es machen würde. Wenn es nicht zu uns
gekommen wäre, hätte Schir Khan es getötet und wir würden jetzt von allen Menschen verfolgt!
Dann wendet sie sich zärtlich an das kleine Menschenkind:
– Leg dich hin, kleiner Frosch! Ich werde dich Mogli nennen, das so viel bedeutet wie Frosch, da du
ohne etwas am Leib zu uns gekommen bist.
Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, gerät diese Episode schnell in Vergessenheit und das Familienleben nimmt seinen gewohnten Lauf. In den darauf folgenden Jahren wachsen die kleinen Wölfe
wie Brüder zusammen mit Mogli auf und machen gemeinsam ihre ersten Schritte und Erfahrungen.
Das Gesetz des Dschungels sagt klar und deutlich: Wenn ein Wolf heiratet, kann er, wenn er es möchte, aus dem Rudel ausscheiden. Bleibt er, dann muss er seine Jungen, sobald sie anfangen zu laufen,
dem Rudelrat vorstellen. Dieser Rat versammelt, einmal im Monat bei Vollmond, alle Rudelmitglieder.
Somit ist es an der Zeit, dass Vater Wolf sich mit seiner Familie zum Ratsfelsen begibt.
Von seinem Felsen herab ruft Akela, der große einsame Wolf und Chef des Rudels:
– Meine Brüder schaut euch diese kleinen, jungen Wölfen an! Nehmen wir sie in unserem Rudel auf?
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– Dieser Welpe gehört mir. Gebt ihn mir. Was macht das freie Volk mit einem Menschenkind?
Zweifel breitet sich unter den Wölfen aus. Im Falle eines Streits über die Aufnahme eines neuen Mitglieds im Rudel, sieht das Gesetz des Dschungels vor, dass mindestens zwei Mitglieder des Rudels,
jedoch nicht der Vater oder die Mutter, zu seinen Gunsten sprechen müssen.
– Wer spricht für ihn? fragt Akela.
– Ein Menschenkind ist nicht von böser Natur, sagt Balu, der alte braune Bär, der allen Wölflingen das
Gesetz des Dschungels lehrt. Nehmt ihn im Clan auf!
– Wir haben deine Meinung gehört, Balu. Aber wir brauchen noch einen Zweiten, sagt Akela.
– Das Gesetz des Dschungels sagt, dass man das Leben des kleinen Wolfs, von dem hier gesprochen
wird, mit einem bestimmten Preis kaufen kann, sagt Baghira, der schwarzer Panther. Der Kleine kann
uns bei der Jagd helfen, wenn er groß ist. Zu Balus Worten biete ich einen Bullen an, wenn ihr das
Menschenkind akzeptiert, so wie das Gesetz es vorsieht.
Moglis Brüder
Die erste Bindung
Mogli zählt zu den jungen Wölfen, die dem Rudel vorgestellt werden. Schir Khan will nicht die Gelegenheit versäumen ihn zurückzuerobern und übernimmt frühzeitig das Wort.
Das Rudel ist mit Baghiras Vorschlag einverstanden. Schir Khan, der hinkende Tiger, tobt vor Wut, da
er das Menschenkind nicht zurückbekommt.
Vater Wolf fügt hinzu:
– Ich möchte das Mogli genauso erzogen wird wie jedes andere Mitglied des freien Volkes.
Vater Wolf lehrt Mogli in den ersten zehn Jahren alles über Pflanzen, Bäume, Dschungeltiere ... Mit
Balu entdeckt er noch andere Sachen, die man außer Fleisch essen kann. Baghira zeigt ihm, wie man
auf Bäume klettert, und nachdem er alt und klug genug ist, erklärt sie ihm:
– Um des Bullen willen, für den du vom Clan erkauft wurdest, ist es dir verboten ein Rind, ob jung
oder alt, zu töten oder zu essen.
Fortsetzung auf Seite 37
20
2
Die Geschichten
KAAs jagd
Eines Tages, im Schatten des Mowha-Baums, lehrt Balu, seinem Schüler Mogli, die Gesetze des
Dschungels. Auf dem Lehrplan stehen die Wald- und Wassergesetze:
- dürre Äste von gesundem Holz unterscheiden;
- höflich mit den wilden Bienen, die man gestört hat, sprechen;
- sich korrekt an Mang, der Fledermaus, wenden, wenn man sie besucht;
- die Wasserschlangen benachrichtigen, bevor man ihr Jagdrevier betritt.
Mogli muss auch den Jagdruf des Fremdlings beherrschen: Derjenige der außerhalb seines Jagdreviers jagen möchte, muss diesen Ruf von sich geben, damit die anderen Tieren von seiner Anwesenheit gewarnt sind und um die Jagderlaubnis auf ihrem Gebiet zu erhalten.
– Los Mogli, sagt Balu, wiederhole den Ruf des Fremdlings!
– «Lasst mich hier jagen, denn leer ist mein Magen», antwortet Mogli.
– Und wie weißt du, dass du jagen darfst? fragt Balu.
– Wenn ich die Antwort «Jage, um den Hunger zu stillen - nicht um des Vergnügens willen!» erhalte,
dann kann ich in aller Ruhe jagen.
Und so erfährt Mogli alle Abläufe des Dschungels von seinem Freund Balu. Doch Moglis Gedächtnis
lässt ihn im Stich und der kleine Menschenjunge verwechselt die Meisterworte. Balu verbessert ihn,
indem er ihm einen Seitenhieb verpasst.
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– Mit deiner Art und Weise bin ich nun aber gar nicht einverstanden, Balu! mischt Baghira sich ein.
– Ich verbesseren ihn lieber jetzt, als dass es ihm im Dschungel zum Verhängnis wird, antwortet Balu.
– Also gut, aber nur Baghira zuliebe und nicht für dich,
antwortet Mogli. Wenn du einem Vogel wie Tschil begegnest, dann sagst du: «Du und ich, und ich und du,
wir sind vom gleichen Blute», und beendest deinen
Satz mit seinem Ruf. Wenn du einer Schlange begegnest, sagst du die gleichen Wörter aber etwas anders:
«Du und ich, und ich und du, wir ssssssssssind vom
gleichen Blute». Balu hat mir beigebracht, dass
Kaas Meisterworte noch anders sind, aber daran
erinnere ich mich nicht mehr. Und das von Hathi
geht so: «Jage, um den Hunger zu stillen - nicht
um des Vergnügens willen, denn der Fluss ist
zum Trinken da und nicht zum Besudeln!»
Prolog der Meisterworte
– Ja, sagt Balu, wiederhole die Meisterworte, die ich dir
heute beigebracht habe.
Kaas Jagd
– Mogli, wie heißen die Meisterworte des Dschungels? fragt Baghira.
Zum Glück erinnere ich mich noch an meine «Füße im Dschungel,
spurlos und leis’, Aug’ das im Dunkel zu sehen weiß!» Und
die anderen?
Nachdem Mogli alle Meisterworte für Baghira aufgezählt hat, sagt er:
– Weißt du Baghira, ich werde einmal mein eigenes Volk haben. Das hat mir die Bandarlog versprochen.
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Wuf! Balus große Tatze fegt mal wieder über Mogli, weil er wütend ist, das zu hören. Mogli spricht
weiter:
– Als ich der Bandarlog begegnet bin, haben sie mir leckere Sachen zu essen gegeben und einer von
ihnen sagte: «Du bist unser Blutsbruder. Eines Tages wirst du unser Führer sein».
– Wir haben nichts gemeinsam mit ihnen, sagt Baghira. Sie haben kein Gesetz, amüsieren sich die
ganze Zeit und besitzen nicht mal einen Führer.
Kaum hatte Baghira den Satz beendet als ein wahrer Regen von Nüssen auf ihr und Balu herabprasselt. Die Bandarlog lauert in den Bäumen, sie sind wütend und werfen mit allem was sie finden. Unsere drei Freunde verschwinden so schnell sie können und stellen sich zum Schutz unter.
Am Abend sind Balu, Baghira und Mogli friedlich in einer Baumhöhle eingeschlafen. Mitten in der
Nacht schleicht sich die Bandarlog an und entführt Mogli. Sie schleppen ihn von Baum zu Baum zu
ihrer Festung. Das Affenvolk benötigt einen Führer, damit sie von den anderen Tieren anerkannt
werden. Sie denken, dass Mogli diese Rolle sehr gut übernehmen kann und außerdem kann das Menschenkind ihnen beibringen, wie man Hütten baut.
Plötzlich entdeckt Mogli den Geier Tschil, der über ihm fliegt.
– Ich muss Tschils Meisterworte finden, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken! Auch wenn wir
uns nicht gleichen, wir teilen das gleiche Gesetz.
Die Geschichten
– Ich hab’s! Ich erinnere mich!, ruft Mogli.
– « DU UND ICH, UND ICH UND DU, WIR SIND VOM GLEICHEN BLUTE! »
und ahmt den Schrei des Geiers nach. Halte meine Fährte und berichte Balu
vom Sionirudel und Baghira vom Ratsfelsen, wo die Affen mich hinbringen.
– Und von wem kommt die Botschaft, kleiner Bruder? fragt Tschil dem es schwerfällt Mogli zwischen den Bäumen zu erkennen.
– Ich bin Mogli, der Frosch, das Menschenkind, antwortet Mogli.
– Ohje Ohje! Diese Bandarlog, immer treiben sie ihr Unwesen! sagt Tschil.
Zur gleichen Zeit, etwas weiter, streiten der Bär und der Panther. Baghira macht Balu einen Vorwurf,
dass er Mogli nicht alles beigebracht hat was er über das Affenvolk wissen sollte. Balu fühlt sich schuldig und hat Angst um sein Menschenkind. Doch Baghira ist sich sicher und sagt:
– Es nutzt jetzt nichts, sich Sorgen zu machen! Mogli hat mir gestern alle Meisterworte wiederholt.
Und du hast ihm auch sehr viel beigebracht. Er weiß sich schon zu helfen, keine Sorge!
Dennoch beschließen sie ihn zu suchen. Um ihn jedoch aus den Klauen der Bandarlog zu befreien,
müssen sie einen Plan aufstellen. Das Problem ist, dass die Bandarlog in den Bäumen lebt und somit
schwer erreichbar ist.
– Alter Narr, der ich bin! Ein brauner, wurzelfressender Holzkopf! sagt Balu. Warum habe ich nicht
schon früher daran gedacht? Hathi sagt immer, dass Jeder, ohne Ausnahme, Angst vor irgendetwas
hat. Und was fürchtet die Bandarlog? Natürlich Kaa, die Felsenschlange. Wir müssen sie schnell finden.
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– Aber warum sollte sie uns helfen?, fragt Baghira.
– Kaa ist immer hungrig. Wenn wir sie fragen, ob sie uns hilft, könnte sie, nachdem wir Mogli gerettet
haben, einige Affen der Bandarlog verschlingen.
Die beiden Freunde machen sich auf dem Weg. Einige Stunden später finden sie Kaa. Sie liegt ausgestreckt auf einem Felsen in der Sonne, damit ihre neue Haut besonders schön wird.
– Gute Jagd! sagt Balu.
– Oh, gute Jagd Balu ... und Baghira, antwortet Kaa ganz entspannt. Was wollt ihr denn hier?
– Ähm ..., wir jagen, antwortet Balu ein wenig ungeschickt.
– Kann ich mich euch anschließen?, fragt Kaa. Wenn ich jage, muss ich manchmal mehrere Tage warten, bevor ich mein Wild einfange.
– Vielleicht liegt es ja an deinem Gewicht, sagt Balu.
– Kaa, weißt du eigentlich, wie dich das Affenvolk nennt?, fragt Baghira.
Kaas Jagd
Tschils Meisterworte
Mogli wird von den Affen in allen Richtungen hin und her geschleppt und kann
sich nicht richtig konzentrieren.
– Nein, antwortet Kaa. Wie nennen sie mich denn?
– «Fußloser, gelber Regenwurm» oder so ähnlich. Sie reden
viel dummes Zeug. Sie sagen sogar, dass du deine Zähne
verloren hast und dich höchstens an ein kleines Zicklein heranwagst.
Kaa ist wütend und rollt sich zusammen. Balu und Baghira haben ihn selten so aufgewühlt gesehen.
– Wir verfolgen gerade ihre Fährte, erklärt Balu. Sie haben unser Menschenkind entführt. Wir müssen
es aus ihren Klauen befreien.
– Ich komme mit euch, sagt Kaa. Es ist an der Zeit, dass dieses Volk erfährt wer ich wirklich bin!
In diesem Moment stößt Tschil zu ihnen und berichtet, dass die Affen Mogli auf der anderen Seite
des Flusses, zu der Affenstadt gebracht haben. Kaa und Baghira brechen in Eile zu den „Cold Lairs“,
das Quartier der Bandarlog, auf. Balu folgt ihnen in aller Ruhe.
In der Affenstadt stellt Mogli fest, dass die Affen einfach in den Tag hinein leben, so wie es ihnen
gefällt, ohne jegliche Führung. Mogli ist hungrig und würde gerne etwas essen. Er macht den Ruf des
Fremdlings, doch nichts rührt sich um ihn.
– Sie kennen den Jagdruf des Fremdlings nicht, denkt sich Mogli, sie haben kein Gesetz und ihre Redeweise ist manchmal unverständlich. Balu hatte also recht! Das nächste Mal werde ich wohl besser
seinem Unterricht folgen!
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In der Zwischenzeit erreichen Baghira und Kaa das Affendomizil und denken sich einen Plan aus, um
das Menschenkind zu befreien: Kaa wird über die Westmauer klettern und Baghira dringt über die
Terrassenseite ein.
– Gute Jagd! ruft Kaa dem schwarzen Panther zu.
Baghira klettert auf die Terrasse und springt auf die Affen. Sie schreien und schlagen um sich, aber
Baghira wehrt sich mit all seinen Kräften. Ein paar Affen ergreifen Mogli und verstecken ihn in einem
Schacht.
– Bleibe hier, bis wir deine Freunde getötet haben. Wenn die Giftschlangen dich am Leben lassen,
kommen wir zurück und spielen mit dir.
Zum Glück kennt Mogli die Meisterworte der Schlangen! Er spricht sie genauso aus wie Balu es ihm
gelehrt hat und die Schlangen lassen ihn in Ruhe.
Ohne bemerkt zu werden schleicht Kaa zu den Affen. Er ringelt sich auf und ab, als ob er seine Muskeln aufwärmt, indem er entlang der Zweige so geschmeidig wie möglich rutscht. Er macht sich zum
Angriff bereit.
Baghira der mit seinen Kräften am Ende ist, hört Mogli von weitem:
– Baghira, lauf zum Wasser! Zum Wasserbecken! Tauche und sie können dir nicht folgen!
Baghira findet neuen Mut, als er das Menschenkind hört. Sie bahnt sich einen Weg zwischen der
Bandarlog und springt in das Becken. Sie ist so sehr erschöpft, dass sie es nicht alleine schafft. Sie
muss die Schlangen um Hilfe bitten und ruft die Meisterworte:
– «Du und ich, und ich und du, wir sind vom gleichen Blute! Sss! Sss! Sss!»
Im selben Moment stößt Balu dazu:
– Baghira, hier bin ich! ruft Balu. Wartet nur! Ihr berüchtigte Bandarlog! Ich komme!
Kaum angekommen, da steckt Balu auch schon bis zum Hals in einer Flut von angreifenden Affen.
Gleichzeitig greift auch Kaa ein und fällt über die Affen her, die Balu angreifen.
Entsetzen packt die Affen, als sie Kaa sehen und sie flüchten in allen Himmelsrichtungen:
– Kaa, Kaa, die berüchtigte Schlange ist da! Flieht alle oder sie wird euch verschlingen!
Die Affen verabscheuen die Schlange. Generationen von Affen haben schon von ihren Vorfahren
erfahren, dass der Blick in Kaas Augen tödlich ist. Bisher hat es kein Affe geschafft lebend fort zu
kommen. Kaa zischt mit seiner gespaltenen Zunge und die ganze Bandarlog erstarrt wie Eis. Keiner
darf sich mehr bewegen, bis sie es wieder erlaubt.
Baghira befreit sich aus der Zisterne und versucht Mogli aus dem Schacht, in dem die Bandarlog ihn
versteckt hat, herauszuholen. Aber der Schacht ist so tief, dass sie nicht an ihn ran kommt.
– Bitte Kaa, befreie das Menschenkind aus seiner Falle! Ich schaffe es nicht. Retten wir ihn und dann
nichts wie weg hier!
Kaa igelt sich komplett ein und stürzt sich, wie ein Bock auf die Mauer des Schachts. Wenn sich eine
Python auf ihre Beute stürzt, kann man das mit der Stärke von fünf Männern vergleichen. Dank der
Stärke von Kaa bricht die Mauer zusammen und Mogli kann endlich hinausschlüpfen. Überglücklich
läuft er zu Balu und Baghira. Entsetzt stellt er jedoch fest, dass seine Freunde verletzt sind.
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Baghira runzelt die Stirn: sie ist wütend auf Mogli. Sie weicht von ihm und zeigt auf Kaa:
– Schau genau hin, das ist Kaa! Ihm haben wir den Sieg zu verdanken.
Kaa schaut von oben herab auf Mogli und pfeift ihm ins Ohr:
– Du bist also das Menschenkind. Deine Haut ist so zart und nicht viel anders als die
der Bandarlog. Komme zu mir, wenn die Sonne untergeht. Ich sehe nicht mehr sehr
gut und ich möchte dich nicht mit einem dieser Affen verwechseln!
Um sich zu bedanken, antwortet Mogli so, wie es der Brauch vorsieht:
– Wir sind vom gleichen Blute, du und ich! Ich verdanke dir mein Leben. Kaa, meine Beute
ist auch deine Beute, wann immer du hungrig bist.
Kaa bedankt sich und stellt sich die Frage, was ein Menschenkind wohl so jagen kann.
– Wenn ich dir eines Tages bei der Jagd helfen kann, werde ich es mit Vergnügen machen, um mich
Kaas Jagd
Meisterworte
der Schlangen
Die Geschichten
Meisterworte Kaas
zu bedanken. Noch bin ich zu jung zum Töten, aber die Rehe treibe ich am besten zusammen. Mit
meinen Händen kann ich dich sogar aus einer Falle befreien. Vielleicht kann ich euch so meine Schuld
zurück bezahlen. Gute Jagd euch allen, meine Lehrmeister.
Balu ist stolz über Moglis Worte: sein Unterricht hat sich gelohnt.
Kaa legt sein Kopf auf Moglis Schulter und sagt:
– «Braves Herz und höfliche Zunge, damit kommst du weit im Dschungel». Ich kann dich vielleicht
nicht gut von der Bandarlog unterscheiden, aber eines ist sicher, du bist tausend Mal höflicher und
mutiger als sie. Daran werde ich dich wiedererkennen. Es war mir ein Vergnügen dich kennenzulernen. Gehe nun schnell fort mit deinen Freunden. Was nun folgt, das ist nichts für dich.
Kaa kehrt zurück zu der noch immer erstarrten Bandarlog und beginnt mit dem Jagdtanz. Er schwingt
seinen Körper in allen Richtungen und befiehlt den Affen sich nach seinen Anweisungen zu bewegen. Etwas abseits sind auch Balu und Baghira von dem Tanz der Python hypnotisiert. Mogli berührt
seine Freunde, um sie aus dem Zauber der Schlange zu befreien. Nach und nach verschlingt Kaa die
Bandarlog.
– Kommt meine Freunde! Es ist an der Zeit von hier fortzugehen.
Auf dem Rückweg sagt Baghira:
– Mogli, wegen dir sind meine Ohren, meine Flanken und Pranken verletzt. Genauso wie Balus Maul
und Schulter. Wir können bestimmt während ein paar Tage nicht mehr auf die Jagd gehen.
– Das macht doch nichts, sagt Balu. Hauptsache wir haben unser Menschenkind wieder und das ist
das Wichtigste.
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– Das ist richtig, aber überlege mal was wir an Zeit für die Jagd verloren haben und an Haaren! Vor
allem aber an Ehre und Ansehen. Ja, an Ehre. Weil ich, Baghira, Kaa zu Hilfe rufen musste und du hast
auch gesehen, dass wir durch Kaas Jagdtanz wie versteinert da standen. Und das alles nur weil du mit
der Bandarlog spielen wolltest.
– Ja das ist richtig Baghira, antwortet Mogli kleinlaut. Ich bereue es von ganzem Herzen.
– Das reicht aber nicht. Das Dschungelgesetz sieht vor, dass jeder Fehler bestraft werden muss, fügt
Baghira hinzu.
Baghira hebt seine Pfote und bestraft Mogli mit einem halben Dutzend Hiebe auf dem Kopf. Das Menschenkind braucht etwas Zeit
um sich zu erholen. So wie er wieder der Alte ist, springt
er auf Baghiras Rücken und sie machen sich auf dem
Heimweg.
Das Gute am Dschungelgesetz ist, dass nach der
Strafe alles wieder vergessen ist, als sei nichts geschehen. Mogli legt seinen Kopf auf Baghiras Rücken und schläft so tief und fest, dass er nicht einmal erwacht, als Baghira ihn zur Höhle bringt und
zu seinen Brüdern legt.
DeS KÖNIGS ANKUS
Zum 200. Male in seinem langen Leben wechselt die Python Kaa, zum Anlass des Frühlings, ihr Fell.
Mogli besucht seinen guten Freund, um ihm zu gratulieren. Das Menschenkind setzt sich auf einem
von Kaas mächtigen Ringen und beobachtet die abgefallene, herumliegende Haut:
– Es ist wirklich erstaunlich deine Haut bewundern zu können, obwohl sie dir gar nicht mehr gehört.
– Es tut gut sie zu wechseln, aber was machst du denn, wenn deine Haut spannt und rau ist?, fragt Kaa.
– Dann gehe ich baden, vor allem in der Zeit der großen Hitze! Manchmal wäre ich froh, wenn ich
meine Haut schmerzlos abstreifen könnte, dann wäre ich um einiges leichter und könnte viel schneller
laufen, antwortet der Junge.
– Gerade, damit meine Haut die Schönste wird, ist es an der Zeit das erste Bad in dem etwas weiter
liegenden Teich zu nehmen. Komm, lass uns hingehen!, sagt Kaa.
Nach dem Baden setzen sich die beiden Freunde zusammen:
– Sag mal Mogli, du warst doch schon bei den Menschen und anschließend bist du wieder zum
Dschungel zurückgekehrt. Findest du hier wirklich alles, was du brauchst? fragt Kaa.
– Aber klar doch! Die Gunst des Dschungels begleitet mich. Was brauche ich mehr? Ich fühle mich
wohl hier im Dschungel!, antwortet Mogli.
– Desto besser! Drei oder vier Monde sind es her da begegnete ich einer weißen Kobra. Nach seinen
Worten sind die Menschen auf der Suche nach etwas Besonderem, das man nur im Dschungel findet.
27
– Jetzt bin ich aber neugierig, Kaa. Wovon redest du?, fragt Mogli.
– Na gut, dann erzähle ich dir alles von meiner Begegnung mit der Kobra. Eines Tages als ich in der
Nähe von „Cold Lairs“ jagte, bin ich in einer Höhle, unweit der Zisterne, wo ich dich vor ein paar
Jahren befreit habe, eingeschlafen. Nachdem ich aufgewacht bin, kroch ich noch etwas tiefer und
begegnete einer weißen Haube. Die Kobra zeigte mir dann seltsame Dinge, für die die Menschen
bereit waren sich gegenseitig umzubringen, um sie zu besitzen.
– Handelt es sich um neues Wild?, fragt Mogli.
– Nein, kein neues Wild. Ich kann dir aber nicht beschreiben was ich da gesehen habe. Es sind „tote
Dinge“ und die Kobra bewacht sie.
– Komm, ruft Mogli, schauen wir uns das genauer an!
Der Felsenpython und das Menschenkind machen sich auf dem
Weg und erreichen bei Vollmond die kalten Grotten. Mucksmäuschenstill ist es, da das Affenvolk ja nicht mehr da ist.
Des Königs Ankus
Zeit des Fellwechsels
3
Die Geschichten
Nach einem langen, schrägen Gang im Untergeschoss gelangen die
beiden Freunde in eine weite, gruftartige Höhle. Um von der Kobra
gut empfangen zu werden, pfeift Mogli vor sich hin:
– „Wir sind vom gleichen Blute, du und ich!“
Eine riesige Schlange richtet sich vor ihm auf. Es ist das Ungeheuerste was er je zu Gesicht bekommen hat.
– Was gibt es Neues aus der Stadt der Könige?, zischelt die Kobra.
– Solch eine Stadt kenne ich nicht. Weit und breit gibt es nur
den Dschungel, antwortet Mogli.
– Und wer bist du, wenn du nicht aus der Stadt kommst?
– Ich bin Mogli. Die Wölfe sind mein Volk und Kaa ist mein
Bruder. Und du? Wer bist du?, fragt Mogli.
– Ich bin der Wächter des königlichen Schatzes, antwortet die weiße Kobra. Der König Kurrun Radscha hat diese Grabkammer gebaut, um seine Schätze zu verstecken. Einige Menschen haben den
Weg hierhin gefunden, sind aber niemals wieder raus gekommen.
Mogli kann keinen Schatz erkennen und fragt sich, warum es hier einen Wächter gibt. Die weiße
Kobra führt sie dann zum Tresor: jede Menge Goldstücke, Sänfte für die Königinnen, goldene Kronleuchter und prall gefüllte Truhen mit Edelsteinen.
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All das interessiert ihn nicht: Er kennt nicht den Wert dieser Gegenstände. Sein Blick fällt auf ein
fesselndes Objekt, dem Ankus, auch Elefantenhaken genannt, der ein halber Meter lang und mit
Edelsteinen verziert ist.
– Oh, kann ich den haben?, fragt Mogli.
– Auf keinem Fall! Nichts darf diese Kammer verlassen!, antwortet die Kobra drohend.
Mogli sieht zahlreiche Menschenknochen auf dem Boden liegen, was ihn sehr beunruhigt. Er beschließt den Ankus an sich zu nehmen und greift die Kobra an. Als er mit der Hilfe von Kaa die weiße
Kobra überwältigt hat, schaut er ihr ins Maul:
– Igitt! Genauso habe ich es mir vorgestellt. Dieses Maul ist schwarz und verdorrt! Ich werde dich
ab jetzt Thuu nennen, das so viel bedeutet wie «Verdorrte». Ich glaube nun braucht der Schatz des
Königs einen neuen Wächter!
Als Siegestrophäe nimmt Mogli den Ankus des Königs an sich und flieht. Von Weitem hört er noch
Thuus Worte:
– Gib Acht! Dieser Ankus bedeutet Tod. Jeder der ihn in seinen Händen hält wird töten oder
wird getötet.
Mogli bewundert draußen diesen farbenprächtigen Ankus. Er möchte ihn so schnell wie
möglich Baghira zeigen. Kaa hingegen möchte lieber zur Jagd. Somit sucht das Menschenkind alleine den Panther auf, um ihn sein Abenteuer zu erzählen. Mogli fragt Baghira was er
von Thuus letzten Worten hält, als er die Grotte verließ.
Die Geschichten
– Da ich in Ihrer Nähe geboren bin, weiß ich einiges über die Menschen. Viele würden sogar dreimal
pro Nacht töten, nur um diesen großen roten Stein an sich zu nehmen, antwortet Baghira.
– Aber dieser Stein macht den Ankus nur noch schwerer! Warum stellen die Menschen so was her?
– Weißt du kleiner Bruder, die Menschen haben keine scharfen Beißzähne und Krallen. Um ihr Gesetz
den Elefanten beizubringen, stoßen sie dieses Schwert in ihren Schädeln rein. Viel Blut ist durch die
Menschen unter Hathis Vorfahren geflossen.
Voller Entsetzen wirft Mogli den Ankus so weit wie möglich von sich weg.
– Jetzt wird der Tod mich nicht mehr verfolgen, denkt er.
Baghira ist müde und legt sich schlafen. Mogli dagegen klettert auf einem Baum, knotet ein paar
Schlingpflanzen zusammen und in Windeseile liegt er in einer Hängematte. Die beiden Freunde erwachen in der Dämmerung.
– Ich möchte mir dieses spitze Ding doch noch mal anschauen, meint Mogli.
– Das wird schwierig sein, kleines Menschenkind, sagt der Panther. Ein Mensch hat
es gerade mitgenommen.
– Folgen wir der Fährte und wir werden sehen ob Thuu recht behält.
– Aber vorerst müssen wir etwas essen, denn «ein leerer Magen macht das Auge müde»,
erklärt der Panther.
Im Mondlicht machen sich Baghira und Mogli auf die Jagd. Anschließend folgen sie der Fährte
des Menschen, die leicht zu finden ist, da seine Fersen tief in den Boden gedrückt sind.
– Schau Mogli, hier ist ein zweiter Mensch hinzugekommen, seine Spuren sind kleiner. Ich glaube,
dass der große Fuß vor dem kleinen Fuß flieht.
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L’Ankus du Roi
Baghira folgt der Spur des großen Fußes und Mogli die des kleinen.
– Jetzt ich, ruft Baghira und bewegt sich langsam vorwärts, nun biege ich, großer Fuß, hier ab. Ich
verstecke mich hinter einem Felsen, verharre regungslos und wage nicht, meine Füße zu verschieben.
Jetzt du, kleiner Bruder!
– Ich, kleiner Fuß, komme zum Felsen, ruft Mogli. Setze mich unter dem Felsen, stütze mich auf die
rechte Hand und stelle den Bogen zwischen meine Zehen. Lange verharre ich so, denn tief ist hier die
Spur meiner Füße. Ich gehe zur Seite, breche ein paar Zweige, damit großer Fuß auf mich aufmerksam
wird.
– Großer Fuß erreicht kriechend einen anderen Felsen, doch er sieht niemanden und läuft weiter, sagt
der Panther.
Baghira und Mogli laufen immer weiter der Fährte nach. Doch plötzlich bleiben beide abrupt stehen:
– Genau hier treffen die beiden aufeinander, stellt der Panther fest. Schau, da liegt einer der beiden.
– Dann ist Thuu ja doch noch nicht alt und verrückt, stellt Mogli fest. Das muss der Leichnam vom
großen Fuß sein. Wo ist aber der Elefantenbluttrinker, der rotäugige Dorn?
– Vielleicht hat ihn kleiner Fuß mitgenommen?, entgegnet Baghira.
Baghira und Mogli nehmen die Verfolgung wieder auf. Sie erreichen ein erloschenes Lagerfeuer,
das in einem Graben versteckt ist. Dort entdecken sie einen weiteren Leichnam und Spuren von vier
Menschen.
– Die Menschen haben kleinen Fuß bestimmt ohne Grund getötet, sagt Mogli.
– Das glaube ich nicht, antwortet Baghira. Erinnerst du dich noch daran was
ich dir gesagt habe? Als ich bei den Menschen lebte, waren sie fähig für diese
bunten Steine zu töten. Komm, folgen wir weiter ihrer Spur.
30
Etwas weiter auf ihrem Weg entdecken sie eine dritte Leiche. Von weitem hören
sie Ko, die Krähe, die im Wipfel eines Tamarindenbaumes das Totenlied singt.
Am Fuße des Baumes liegen, neben Mahlzeitresten und dem Ankus, drei weitere leblose Körper.
– Ich hätte dieses spitze Ding, so schön es auch ist, niemals mitnehmen dürfen, sagt Mogli. Seinetwegen sind sechs Menschen gestorben.
– Gib dir nicht die Schuld kleiner Bruder, erwidert Baghira, es liegt an den Menschen selber. Sie
kämpfen lieber um diese Steinchen, als sich um andere Menschen zu kümmern.
– Komm, legen wir uns etwas schlafen und morgen bringen wir Thuu das spitze Ding zurück. Ich
möchte es aber vorher noch vergraben, damit diese Nacht niemand mehr getötet wird.
Zwei Tage später erreichen Baghira und Mogli die weiße Kobra und geben ihr den Ankus zurück.
– Vater der Kobras, ruft Mogli, ohne die Höhle zu betreten, du musst unter deinem Volk jemanden
finden, der robust und jung ist, um dir zu helfen. Niemals mehr soll ein Mensch diese Höhle mit dem
Ankus verlassen. Er hat in diesem Dschungel genug getötet!
– Wie kommt es, dass du überlebt hast?, fragt Thuu erstaunt.
– Ich hab keine Ahnung wieso, vielleicht weil Baghira ein Rind für mich geboten hat, antwortet Mogli.
Ich weiß es nicht. Sorge du aber dafür, dass das besagte Ding niemals mehr deine Höhle verlässt!
4
Die Geschichten
Wie die Angst zum
Dschungel kam
Seit mehreren Monden hat es im Dschungel nicht mehr geregnet. Die Tümpel sind trocken. Die Vögel
und das Affenvolk sind Richtung Norden gezogen. Tschil, der Geier, ist das einzige Tier, das weiterhin
zunimmt, da er sich von den Kadavern der anderen Tiere ernähren kann. Selbst die Menschen sind
zu schwach zum Jagen und Mogli, der nie zuvor Hunger kannte, muss sich nun mit altem, harten und
schwarz gewordenem Honig zufriedenstellen. Das Wild ist nur noch Knochen und Fell. Wassermangel ist das Schlimmste was es gibt und die anhaltende Hitze saugt jeden noch so kleinen Tropfen
Feuchtigkeit auf. Der Waingunga ist der einzige Fluss der noch etwas Wasser hat.
Der Wasserfrieden ist das einzige Gesetz, dass alle Tiere des Dschungels respektieren. Dieses Gesetz verbietet jedem, sobald der Wasserfrieden verkündet wird, an den Trinkplätzen zu töten. Das
hat einen einfachen Grund: Trinken ist wichtiger als Essen. Alleine mit Wasser kann man überleben,
selbst wenn man weniger Nahrung zu sich nimmt. Außerhalb des Wasserfriedens ist jedes Tier, wenn
es am Fluss trinkt in Gefahr, da es dort ungeschützt ist. Wenn aber nur noch eine Wasserquelle vorhanden ist, muss diese ohne Gefahr für alle Tiere zugänglich sein.
– Was denkst du Baghira, fragt Mogli, hat uns der Regen vergessen?
– Das glaube ich nicht, antwortet der Panther. Wir werden die Mowha wieder in Blüte sehen, genauso
wie die vom Gras aufgetriebenen Rehkitze.
Plötzlich hört Baghira Hathis Trompete und und er schaut mit Mogli nach, was am Friedensfelsen los
ist.
Hathi, der Wächter des Wasserfriedens hält sich oberhalb des Flusses auf. Einerseits gibt es den
Hirsch, das Wildschwein und den wilden Büffel. Anderseits, unweit der großen Bäume, befinden sich
die Fleischfresser: Tiger, Panther, Wölfe und noch andere.
– Ohne das Gesetz wäre die Jagd heute ein voller Erfolg, betont Baghira.
Angst macht sich unter allen Tieren breit.
– Ruhe, meine Freunde. Baghira, der Wasserfrieden besteht zu Recht, es ist nicht der Moment von Jagd zu sprechen, erwidert Hathi.
– Hathi, fragt Balu, das Wasser ist in der letzten Nacht weiter
gesunken, hast du jemals solch eine Trockenheit erlebt?
– Das wird schon vorübergehen, beruhigt ihn der Wächter.
31
Wie die Angst zum Dschungel kam
Hathis
Meisterworte
Hathi, der schon über hundert Jahre alt ist, entdeckt im Fluss die Spitze des blauen Felsen: den Friedensfelsen. Das ist ein Zeichen, dass der Wasserstand sehr niedrig ist und der Wasserfrieden, wie
sein Vater es schon vor fünfzig Jahren machte, verkündet wird.
– Ich hoffe nur, dass es schnell vorbei geht. Ich kenne jemanden, der nur noch aus Knochen und Fell
besteht, sagt Balu und schaut zu Mogli.
– Ich?, entgegnet Mogli erstaunt. Ich habe vielleicht nur Haut auf den Knochen, aber ich habe nicht
so ein Fell wie ihr, um meine Knochen zu verstecken. Wenn man dir denn jetzt das Fell über die Ohren
ziehen würde, Balu?
– Noch nie hat mich einer ohne Fell gesehen!, antwortet Balu entrüstet.
– Aber Balu, das ist doch nur so eine Redensart, beruhigt Mogli ihn. Ich vergleiche dich mit einer
Kokosnuss und ich bin auch eine Kokosnuss, jedoch ohne Schale.
– Das wird ja immer toller hier, sagt Baghira und wirft Mogli kopfüber ins Wasser. Nimm dich nur in
Acht, dass er mit dir nicht das gleiche macht wie mit einer Kokosnuss!
– Und das wäre?, fragt Mogli.
– Dir den Kopf einschlagen, sagt Baghira ruhig und taucht ihn wieder ins Wasser.
– Das kommt davon, wenn man sich über seinen Lehrer lustig macht, meint der Bär.
Plötzlich schaltet sich Schir Khan ein.
– Was erwartet ihr denn von so einem nackten Ding? Sieh mich an, Menschenkind.
Mogli starrt den hinkenden Tiger so an, dass dieser seinen Blick von ihm abwenden muss. Beim Anblick von Schir Khan der am Waingunga trinkt, verbreitet sich plötzlich am anderen Ufer Angst unter
den Tieren.
32
– Schir Khan, du bist eine Schande für uns!, sagt Baghira. Du besudelst während der Friedenszeit
unser Wasser mit Blut.
– Ich habe einen Menschen getötet, antwortet Schir Khan kühl.
Alle schauen zu Hathi, denn sie wissen, dass während der Friedenszeit keiner töten darf.
– Zum Zeitvertreib tötete ich, nicht zur Nahrung. Das ist mein gutes Recht in meiner Nacht, nicht
wahr Hathi?
– Hast du deinen Durst gestillt, dann geh! Du kennst doch auch das heutige Meisterwort:
«Jage, um den Hunger zu stillen - nicht um des Vergnügens willen, denn der Fluss
ist zum Trinken da und nicht zum Besudeln!» Nur der lahme Tiger bringt es fertig, sich
mit seinem Recht zu brüsten in einer Zeit wie dieser, wo wir alle, die Menschen und das
Dschungelvolk, unter Hunger leiden. Geh zurück in deine Höhle Schir Khan!
Hathis Meisterworte
– Lief dir kein anderes Wild über den Weg?, fragt ihn Baghira.
Die Geschichten
Mogli versteht nicht von welchem Recht Schir Khan spricht. Baghira kann ihm auch keine Antwort
geben. Mogli sammelt seinen ganzen Mut und fragt den Wächter des Friedens.
– Von welchem Recht spricht Schir Khan, Hathi? Das Gesetz sagt doch, dass es immer eine Schande
ist, einen Menschen zu töten.
Hathi schreitet vor, bis er knietief Nahe des Friedensfelsen steht. Er möchte eine Geschichte
erzählen, die noch älter ist, als der Dschungel.
Unter allen Lebewesen fürchtet das Dschungelvolk am meisten den Menschen.
Ganz am Anfang, als der Dschungel entstand, lebten alle Tiere friedlich beisammen. Sie wussten nichts von den Menschen und lebten einträchtig als Volk
zusammen. Sie aßen nur Blätter, Blüten, Gras und Rinde. Doch sehr schnell
stritten sie ums Futter: Jeder wollte da fressen, wo er gerade lag. Tha, der erste Elefant und Meister des Dschungels, war sehr beschäftigt neue Dschungel
zu schaffen und ernannte den ersten Tiger zum Meister und Richter. Er regelte
von nun an die Futterstreitigkeiten. Er aß auch Blätter und Früchte und keiner
fürchtete ihn.
Doch eines Nachts änderte sich alles. Zwei Böcke stritten sich und einer der beiden stieß den Tiger
mit seinen Hörnern. Letzterer vergaß, dass er Meister des Dschungels war, warf sich über den Bock
und brach ihm den Nacken. Verwirrt flüchtete der Tiger in den Sümpfen. Verlassen von ihrem Meister,
stritten sich nun alle Tiere untereinander.
Tha rief alle Tiere zusammen und sagte:
– Unser erster Meister brachte den Tod in den Dschungel und der zweite die Schande. Nun ist es an der
Zeit ein Gesetz zu schaffen, das ihr nicht brechen könnt. Von nun an sollt ihr die Angst kennenlernen.
Und wenn ihr sie gefunden habt, dann werdet ihr auch wissen, wer der Meister des Dschungels ist!
– Ich habe Angst gesehen, erklärte Mysa, der Leitstier, den anderen Tieren. Sie ist in einer Höhle, ein
unbehaartes Lebewesen, das nur auf zwei Hinterbeinen läuft und steht.
Alle folgten Mysa zur Höhle. Als der dort lebende Mensch sie kommen sah, schrie er und seine Stimme rief bei ihnen ein unbekanntes Gefühl hervor: Sie hatten Angst und zitterten am ganzen Körper.
Seit dieser Nacht zog jeder Stamm allein davon. Der erste Tiger dagegen hielt sich weiter in den
Sümpfen auf. Er hatte sich geschworen dieses Ding zu töten damit keiner mehr Angst hatte. Er lief
die ganze Nacht umher. Die Schlingpflanzen und Bäume zeichneten ihn, so wie Tha es befohlen hatte.
Wo immer sie ihn berührten, entstanden Streifen auf seinem Fell. Nachdem der Haarlose ihn gesehen
hatte, nannte er ihn den gestreiften Tiger. Als sie sich gegenüberstanden, fürchtete sich der Tiger
und flüchtete zu Tha.
Er flehte ihn an:
33
Wie die Angst zum Dschungel kam
Als Tha zurückkam wollte er wissen, wer den Bock getötet hat. Weil keiner etwas sagte, bat Tha den
tief hängenden Zweigen und den rankenden Schlingpflanzen den Verantwortlichen zu prägen und
zu stürzen, damit er für immer gezeichnet ist. Nun brauchten sie einen neuen Meister und er fragte
das Dschungelvolk, wer es werden soll. Der graue Affe bot sich an und Tha akzeptierte es. Doch der
graue Affe von damals war genauso ahnungslos wie der von heute. Als Tha zurückkehrte fand er den
grauen Affen, kopfüber an einem Ast baumelnd, der mit den anderen Grimassen schnitt: Es war das
totale Chaos!
– Gib mir meine Macht zurück, o Tha! Gedemütigt stehe ich vor dem ganzen Dschungel: Ich bin vor
dem Haarlosen geflohen.
– Und warum bist du geflohen?, fragt Tha.
– Weil ich beschmutzt bin mit dem Schlamm des Morastes, antwortet der erste Tiger.
– In diesem Fall gehe dich waschen.
Der Tiger rollte und rollte sich im Wasser, doch keiner seiner Streifen verschwand. Tha lachte.
Die Geschichten
– Ich habe die Schlingpflanzen darum gebeten, dass sie mir helfen den Verantwortlichen für den Tod
des Bockes erkennbar zu machen. In dem du ihn getötet hast, hast du den Tod zum Dschungel gebracht. Im Moment fürchten wir einander, so wie du dich vor dem Haarlosen gefürchtet hast.
Der Tiger denkt, dass die anderen Tiere niemals Angst vor ihn haben werden, dafür kennen sie sich
schon zu lange. Er sucht sie auf und möchte sich davon überzeugen. Doch alle flüchten vor ihm und
sein Stolz war gebrochen.
– Bedenke, o Tha, dass ich einst Meister des Dschungels war. Sorge dafür, dass meine Kinder sich
immer daran erinnern, dass ich einst ohne Angst und Schande war!
– Diesen einen Gefallen will ich für dich tun, weil wir beide gesehen haben, wie der Dschungel entstanden ist. Jedes Jahr soll es eine Nacht wie früher geben, in der du keine Angst vor dem Haarlosen
haben wirst. Er wird sich jedoch bei deinem Anblick fürchten. Aber habe Erbarmen mit ihm, denn
auch du weißt nun, was Angst bedeutet.
Ein Jahr lebte er zurückgezogen in den Sümpfen und wartete auf „seine“ Nacht. Und in dieser Nacht
fürchtete sich der Haarlose tatsächlich vor dem Tiger. Doch das reichte dem Tiger nicht: Er tötete und
verschlang ihn. Er glaubte, dass dieser Mensch das einzige haarlose Lebewesen im Dschungel sei und
wenn er es tötet, hätten alle Tiere keine Angst mehr.
Da erschien Tha:
– Du Stümper! Was hast du gemacht! Ist das dein Mitleid?, rief er.
– Was macht das schon!, antwortet der Tiger. Ich habe die Angst getötet.
– Oh, du blinder Tor! Du weißt ja gar nicht was du gemacht hast! Sie werden sich nun an dir rächen
wollen.
– So also kam es, dass der Tiger den Menschen das Töten lehrte, führte Hathi fort. Nichtsdestotrotz
fürchtet der Haarlose in einer Nacht pro Jahr den Tiger. Während der restlichen Zeit herrscht die Angst
im ganzen Dschungel. Und nur wenn eine große Angst alle Tiere bedroht, sind
wir fähig alle an einem Ort zusammen zukommen, so wie wir es heute machen.
35
Wie die Angst zum Dschungel kam
Und tatsächlich, bei Einbruch der Dunkelheit erschienen weitere Menschen. Sie wollten alle das Tier
jagen. Dieses Mal waren sie bewaffnet: Sie warfen mit scharfem, tödlichem Geschoss und trugen
einen seltsamen spitzen Stab, der sich leicht in die Haut eines Tieres eindrücken ließ.
– Schir Khan tötet aber mehrmals pro Jahr einen Menschen. Wie ist das denn möglich?, fragt Mogli.
– So ist es, antwortet Hathi, dann aber springt er ihn von hinten an und schaut ihn nicht in die Augen.
Würde der Mensch ihn ansehen, so hätte er Angst und würde fliehen.
– Aber wie weiß der Tiger denn, wann „seine“ Nacht gekommen ist?, fragt Baghira.
– Er muss warten, bis der Mondschakal (Abendstern) über den Abendnebel steht, antwortet der
Friedenswächter.
Hathi taucht seinen Rüssel ins Wasser als Zeichen, dass er genug geredet hat. Die Menschen kennen
diese Geschichte nicht, nur der Tiger und Thaas Kinder kennen sie. Eine letzte Frage stellt Mogli noch
an Balu:
– Aber warum fraß der erste Tiger nicht weiter Blüten und Gras? Er hat den Bock doch gar nicht gefressen, er hat ihm nur das Genick gebrochen.
– Die Bäume und Schlingpflanzen zeichneten den Tiger und seine Nachkommen auf Lebenszeiten. Er
wollte niemals mehr ihre Blüten essen und von dem Tage an rächt er sich an allen Grasfressern!
36
5
Die Geschichten
Moglis Brüder
Den Anfang dieser Geschichte findest du auf Seite 17
Akela ist sehr alt geworden und verliert allmählich an Kraft. Schir Khan nutzt die Gunst der Stunde und
freundet sich mit den Jungen Wölfen des Rudels an. Er schmeichelt ihnen, mit dem Ziel sie auf seine
Seite zu ziehen. Baghira spürt, dass bald ein Problem auf sie zukommen wird und spricht mit Mogli:
– Akela altert. Die Wölfe die dich im Rudel empfangen haben sind alt oder schon tot, die jungen
Wölfe werden von Schir Khan beeinflusst.
– Ich habe vertrauen in meinem Rudel, erwidert Mogli. Alle
Wölfe sind meine Brüder und ich respektiere das Gesetz wie
sie. Warum sollten sie Akela und mir Böses antun?
– Ich werde dir etwas anvertrauen, erwidert Baghira. Ich wurde in Gefangenschaft unter den Menschen geboren. Schau
Menschenkind, hier siehst du noch den Abdruck des Halsbandes. Eines Tages wurde mir klar, dass mein Platz nicht
unter den Menschen ist und ich floh. Heute fürchten mich
die anderen Tiere des Dschungels weil ich die Menschen gut
kenne. Und eines Tages, so glaube ich, wirst du zu ihnen zurückkehren.
– Aber warum sollte irgendjemand Angst vor mir haben?, fragt Mogli.
– Schau mir in die Augen, bittet ihn der Panther.
Mogli blickte ihn fest in die Augen, aber Baghira kann den Blick des Menschenkindes nicht standhalten!
37
Moglis Brüder
– Deshalb hassen sie dich, weil du ein Mensch bist,
auch wenn du ihnen zum wiederholten Male hilfst.
Gib Acht!, warnt Baghira. Akela ist alt geworden,
und wenn er das nächste Mal seine Beute verfehlt, wird sich das Rudel gegen euch verbünden.
Baghira denkt kurz nach und spricht weiter:
– Da du keine Angst vor dem Feuer hast, musst du dir die rote Blume holen. Dann wirst du in der
Stunde der Not einen mächtigeren Freund haben als mich oder Balu. Alle Tiere haben große Angst
vor dem Feuer.
Kaum hatte der Panther seinen Satz beendet, als das Röhren eines gehetzten Sambarhirsches ertönt.
Die jungen Wölfe stellen Akela auf die Probe.
– Zeige uns deine Stärke Akela!, brüllen sie.
Akela springt, verpasst jedoch seine Beute, weil die jungen Wölfe im Auftrag von Schir Khan diese
verscheuchen. Mogli hört das Aufschlagen und Aufheulen seines Freundes.
– Baghira hatte also recht! Sie wollen Akelas und meinen Tod!
Mogli sieht keine andere Möglichkeit und sucht nach der roten Blume in der Menschensiedlung. Am
darauf folgenden Morgen kehrt er mit dem Feuer zurück. Auf dem Rückweg trifft er Baghira:
– Akela sollte bereits diese Nacht sterben, aber das Rudel verlangt auch deinen Tod. Sie warten am
Ratsfelsen auf deine Rückkehr, bevor sie handeln.
Mogli macht sich, mit der roten Blume bewaffnet, auf dem Weg zum Ratsfelsen. Bei seiner Ankunft
sieht er Akela neben dem Felsen liegen. Dies kann nur eins bedeuten: Er hat seinen Platz als Rudelführer einem anderen Wolf überlassen.
38
Die Geschichten
– Ein Wolf, der seine Beute verfehlt, ist ein toter Wolf, erklärt Schir Khan.
Mogli ergreift das Wort.
– Das Gesetz sagt, dass die Wölfe sich gegen den Wolf der seine Beute verfehlt, widersetzen sollen.
Aber ihr wagt es doch nicht gegen Akela Widerstand zu leisten! Ihr Feiglinge!
Akela hob müde seinen Kopf:
– Ihr habt mir eine Falle gestellt! Mir, der während zwölf Jahren das Rudel so geführt hat, dass kein
Wolf sich verletzt hat oder gefangen wurde.
Daraufhin brüllte Schir Khan:
Mogli erinnert sich an Baghiras Meisterworte, die sich in diesem Moment als guter Ratschlag erweisen: «Füße im Dschungel, spurlos und leis’, Aug’ das im Dunkel zu sehen weiß!» Das Menschenkind beobachtet alles um ihn herum, so wie Baghira es öfters macht. Er erkennt, dass die Wölfe unter
dem Einfluss von Schir Khan stehen und dass allein die Gerechtigkeit Akela helfen kann.
Akela und Baghira verteidigen Mogli:
– Das Menschenkind hat gegen kein Gesetz verstoßen. Er hat dem Rudel während der Jagd geholfen
und ein Rind wurde für seine Zugehörigkeit angeboten, rechtfertigt Baghira.
– Ich opfere mein Leben ohne Widerstand zu leisten, doch nur unter der Bedingung, dass Mogli zur
Menschensiedlung zurückkehren kann, sagt Akela, der bereit ist, sein Leben für seinen Freund zu
opfern.
39
Mogli richtet sich erneut ans Rudel:
– Ihr habt mir heute nun schon oft genug gesagt, dass ich ein Mensch bin. Darum nenne ich euch
nicht mehr meine Brüder, sondern Hunde, wie es einem Menschen zusteht. Als Mensch habe ich auch
etwas von der Roten Blume mitgebracht, die ihr Hunde so fürchtet!
Das Menschenkind droht dem Rudel und dem hinkenden Tiger mit der Fackel. Er war bereit zu
kämpfen. Aus Angst vor der Flamme, sehen die Wölfe von einem Kampf ab. Nach reifer Überlegung
verkündet der Rat sein Urteil: Akela bleibt verschont. Mogli dagegen soll das Rudel verlassen und zur
Menschensiedlung zurückkehren.
Mogli spricht noch einige Worte zu Schir Khan bevor er geht:
– Du hast geschworen mich beim Ratsfelsen zu töten, obschon ich dir nichts getan habe! Du verdienst
meinen Respekt nicht. Somit behandele ich dich wie ein Hund. Wenn du nur mit der Wimper zuckst,
setze ich dich in Brand.
Schir Kan der Moglis Warnungen nicht ernst nimmt, nähert sich und droht ihm. Das Menschenkind
greift zur roten Blume und verbrennt seine Barthaare. Schir Khan flüchtet heulend vor Wut. Mogli richtet sich ein letztes Mal ans Rudel:
Moglis Brüder
Baghiras
Meisterworte
– Im Dschungel ist kein Platz für das Menschenkind. Wenn er eines Tages zurückgeht, hetzt er die
Menschen gegen uns auf. Wir müssen ihn töten.
– Ich schwöre euch, das nächste Mal, wenn ich zum Ratsfelsen komme, bin ich bekleidet wie ein
Mensch und trage Schir Khans Fell um die Schulter.
Heulend fliehen die Wölfe, aus Angst vor dem Feuer. Am Ende bleiben nur noch Akela und Baghira,
sowie ein paar treue Freunde von Mogli übrig. Sein Herz krampft sich zusammen und Tränen laufen
über sein Gesicht.
Baghiras
Meisterworte
– Ich weiß jetzt, dass du kein Kind mehr bist, sondern ein Mann, sagt Baghira ernst.
Nach diesen Worten weiß Mogli, dass er gehen muss. Ein letztes Mal verabschiedet er sich von seiner
Mutter und seinen Brüdern. Anschließend begibt er sich zur Menschensiedlung. Heute hat er, dank
Baghiras Meisterworte, wieder etwas Neues gelernt: das Wichtigste besteht darin, zu beobachten
was um uns herum passiert und alles dafür zu tun, damit unter allen die man liebt, Gerechtigkeit
herrscht.
6
Die Geschichten
tiger! tiger!
Mogli, der vom Rudelrat verjagt wurde, verlässt nun schweren Herzens die Wolfshöhle. Er kehrt zu
den Menschen zurück. Im ersten Dorf, das er erreicht, möchte er nicht bleiben, da es zu nah am
Dschungel liegt. Er setzt seinen Weg fort und folgt mehrere Stunden einem Pfad. Plötzlich öffnet sich
vor ihm ein grünes Tal und am Ende sieht er ein kleines Dorf. Schreiend laufen die spielenden Kinder
davon als sie Mogli sehen und die Hunde beginnen zu bellen.
Zögernd nähert sich Mogli dem Eingang. Ein Mann kommt auf ihn zu und Mogli weiß nicht wie er sich
verständigen soll. Er zeigt mit dem Finger auf seinem geöffneten Mund, um mitzuteilen, dass er hungrig ist. Der Mann bekommt Angst und ruft nach dem Priester. Einige Minuten später eilt das ganze Dorf
herbei um Mogli zu sehen. Das Menschenkind erkennt gleich, dass sie genauso schlechte Manieren
haben wie die grauen Affen. Als der Priester die Bisse an Moglis Armen und Beinen sieht, beruhigt er
die Dorfbewohner: Es muss ein Wolfskind sein, das aus dem Dschungel entflohen ist.
– Das arme Kind!, rufen einige der Dorffrauen.
Sie finden ihn hübsch, da er Augen wie glühendes Feuer hat und er ähnelt Messuas Sohn, der vor
einigen Jahren von einem Tiger verschleppt wurde. Die Dorfbewohner wenden sich an Messua:
– Nimm du ihn auf! Was der Dschungel genommen hat, gibt er auch wieder zurück.
– Nathu, ach Nathu, bist du es wirklich? Erinnerst du dich nicht an die neuen Schuhe, die ich dir vor
deinem Verschwinden gab?, fragt Messua mit einer leisen und liebevollen Stimme.
Messua berührt Moglis Füße und stellt fest, dass sie so hart, wie Horn sind.
Verwirrt weiß die arme Messua nicht mehr was sie denken soll: Diese Füße
haben niemals Schuhe getragen. Dieses Kind ist vielleicht gar nicht ihr Kind!
Aber nichts passiert: Keiner kann sie daran hindern, ihn als solches anzusehen.
41
Um ein Mensch zu sein, muss Mogli dringend ihre Sprache
lernen. Er wiederholt jedes Wort das Messua ausspricht, so,
wie er es gemacht hat, um die Sprache der Wölfe zu lernen.
Mogli legt sich im weichen, grünen Gras hin und kann aber nicht einschlafen. Mitten in der Nacht nähert sich eine feuchte, graue Nase: Es ist
Graubruder.
Tiger! Tiger!
Als die Schlafenszeit naht, ist es für Mogli unmöglich, in einer
Hütte zu schlafen. Er springt aus dem Fenster, raus ins Freie.
Messua ist entsetzt, doch Ihr Mann beruhigt sie: Er hat wohl
noch nie in einem Bett geschlafen!
– Puh! Du riechst ja schon wie ein Mensch! Eine Mischung aus Holzrauch und Stall.
– Ist im Dschungel alles in Ordnung?, fragt Mogli.
Wie versprochen ist Graubruder gekommen, um ihm Neuigkeiten aus dem Dschungel zu bringen:
– Schir Khan ist, seitdem du ihn verbrannt hast, fortgegangen um irgendwo in weiter Ferne zu jagen.
Er hat aber geschworen, dass er eines Tages deine Knochen in den Waingunga wirft.
– Er ist nicht der Einzige, der einen Schwur getan hat, ich auch! antwortet Mogli. Weißt du Graubruder, ich freue mich über die Neuigkeiten aus dem Dschungel. Bringst du sie mir auch weiterhin?
– Aber natürlich, antwortet der Wolf. Und du darfst niemals vergessen, dass du ein Wolf bist!
– Ich werde dich immer lieben mein Bruder. Und auch die anderen aus der Höhle. Doch ich kann nicht
vergessen, dass das Rudel mich ausgestoßen hat.
– Genauso kannst du auch von dem Menschenrudel verstoßen werden. Pass gut auf dich auf
Mogli! Wenn ich wieder herkomme, werde ich am Eingang des Dorfes, im Bambus-Dickicht
auf dich warten.
Drei Monate lang verlässt Mogli das Dorf nicht, um die Gewohnheiten der Menschen zu
lernen. Er trägt nun einen Lendenschurz um seine Taille, der ihn mächtig stört. Er lernt
zahlreiche Dinge, wie man zum Beispiel mit Geld umgeht oder ein Feld pflügt,
ohne den Sinn zu verstehen.
Im Dorf sagt man, er sei stark wie ein Stier. Mogli macht keine Unterschiede
zwischen Mensch und Tier. Wenn er einen Esel in Not sieht, hilft er ihm. Dieses
seltsame Verhalten regt die Neugierde der Menschen an.
Ab nun schicken die Dorfbewohner Mogli mit den Büffeln zur Weide um sie
zu hüten, weil sie merken, dass er gut mit Tieren umgehen kann. Am selben
Abend findet eine Versammlung aller Dorfmänner unter dem großen Feigenbaum statt. Buldeo, ein starker und mutiger Mann, erzählt die tollsten Geschichten über die Tiere des Dschungels. So versucht er auch zu erklären, warum der Tiger hinkt.
Die Geschichten
– Ich weiß, wieso er hinkt, ruft Mogli! Er wurde lahm geboren! Seine Mutter nennt ihn außerdem
Lungri, das so viel bedeutet wie Hinkender.
– Wenn du schon so klug bist, dann bringe sein Fell nach Khanhiwara, sagt
Buldeo daraufhin. Die Regierung hat 100 Rupien als Belohnung ausgesetzt!
So langsam geht der Abend zu Ende. Die Männer verlassen den Platz und
gehen schlafen. Am frühen Morgen steigt Mogli auf dem Rücken des großen
Leitstiers Rama. Er möchte so den Dorfkindern beweisen, dass er der Meister
ist. Alle Büffel des Dorfes heben sich und folgen Rama. Mogli treibt sie weiter
bis zum Rande der Ebene, wo der Waingunga aus dem Dschungel tritt. Dort
trifft er Graubruder, der sich in dem Bambusgestrüpp versteckt hat.
– Gibt es Neuigkeiten von Schir Khan?, fragt Mogli.
– Der Tiger ist zurückgekommen, antwortet Graubruder. Er hat dich lange im
Dorf beobachtet, aber da das Wild knapp ist, ist er weiter gezogen.
– Setzt dich hier auf diesem Felsen solange der Tiger fort ist, damit ich dich sehe und weiß, dass mein
Feind nicht zurück ist. Sobald er sich aber unserem Dschungel nähert, warte in der Schlucht unter
dem Dhâkbaum auf mich, sagt Mogli, denn er hat einen Racheplan.
Mogli verlässt seinen Bruder, kehrt zur Herde zurück und legt sich gemütlich hin und faulenzt. Während Wochen sieht Mogli Graubruders Rücken auf dem Felsen und kann sich weiter in Ruhe um die
Herde kümmern. Doch eines Tages liegt Graubruder nicht mehr auf dem Felsen und Mogli treibt die
Büffelherde sofort zur Schlucht am Dhâkbaum, der voller goldroten Blüten ist.
– Schir Khan hat sich einen Monat lang versteckt um dich irrezuführen, erklärt Graubruder. Letzte
Nacht hat er mit Tabaki den Dschungel durchquert. Der Schakal hat mir übrigens seinen Plan verraten:
Schir Khan will dich heute Abend am Dorftor auflauern. Im Moment schläft er in der ausgetrockneten
Schlucht des Flusses.
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– Hat er gegessen und getrunken?, interessiert sich Mogli.
– Ja, heute Morgen hat er ein Wildschwein gejagt.
Mogli überlegt: jetzt oder nie, denn wenn ein Tier gejagt hat und satt ist, dann ist es danach sehr
müde und kraftlos. Das Menschenkind hegt einen Plan aus:
– Graubruder könntest du mir die Herde teilen?, fragt er. Ein Teil geht oben zum Fluss um Schir Khan
hinunter zu jagen und die anderen warten unten auf ihn.
– Das schaffe ich aber nicht alleine, antwortet Graubruder.
– Akela! Akela! ruft Mogli begeistert. Ich wusste, dass du mich nicht vergisst! Kannst du uns helfen,
die Herde in zwei zu teilen? Treib die Kühe mit den Kälbern zusammen und trenne sie von
den Büffeln.
Nachdem die Herde getrennt ist, springt Mogli auf Ramas Rücken und sagt:
Tiger! Tiger!
In diesem Moment taucht ein ihm bekannter grauer Kopf auf. Mogli posaunt vor Freude mit ganzer
Kraft den Jagdschrei hervor.
– Akela, treibe die Stiere nach links! Und du Graubruder, halte die Kühe mit ihren Kälbern zusammen
und bringe sie bis zum unteren Ende der Schlucht, bis die Seitenwände so hoch sind, dass Schir Khan
nicht über sie hinweg kann! Und da wartest du auf uns.
Die Stiere stürmen in einem rasanten, fast zu schnellen Tempo für Akela, los. Mogli würde so gerne
Ramas Sprache können, um ihm zu sagen, was hier geschieht. Obendrein haben die Dorfkinder das
ganze Spektakel beobachtet. Sie laufen zu den Dorfbewohnern um sie zu warnen, denn für sie ist die
Rinderherde verrückt geworden!
Nachdem die Stiere Stellung bezogen haben, warten sie auf Moglis Signal.
– Akela, ruft Mogli, treibe die Herde hinunter!
Die Stieren rennen die Schlucht hinunter und überraschen Schir Khan, der nun, durch die Kühe mit
ihren Kälbern die von unten heraufkommen, in der Falle sitzt.
Er weiß, dass es besser ist, gegen Bullen zu kämpfen, als sich mit Kühen anzulegen, die Kälber haben.
Der Kampf dauert nicht lange und der Tiger wird von den Bullen erdrückt. Nachdem Schir Khan nun
erledigt ist, zieht Mogli ihm das Fell ab um es zum Ratsfelsen zu bringen, so wie er es versprochen
hat.
Plötzlich spürt Mogli eine Hand auf seine Schulter: Es ist Buldeo.
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– Was soll der Unsinn!, sagt er wütend. Du solltest auf die Herde aufpassen und ich finde sie zerstreut
vor! Denkst du vielleicht, du könntest einem Tiger allein das Fell abziehen?! Na gut, nachdem der
Tiger getötet ist, werde ich wegen der Herde ein Auge zudrücken und vielleicht
gebe ich dir eine Rupie von der Belohnung, wenn ich das Fell nach Khanhiwara
gebracht habe.
Der Jäger kniet sich und verbrennt den Schnurrbart des Tigers, sowie
der Brauch es vorsieht. Es soll davor schützen, dass die Seele des
Tigers sie verfolgt. Doch für Mogli kommt es gar nicht infrage,
dass Buldeo das Fell von Schir Khan erhält!
– Bei dem Bullen, für den ich gekauft wurde,
Die Geschichten
schreit Mogli, ich habe keine Lust mit einem alten Affen wie dir zu schwatzen!
Akela, bringe ihn zum Schweigen!
Der Jäger, der eben noch über Schir Khans Kopf gebeugt war, fand sich unter
einem grauen Wolf wieder.
– Gütiger Himmel! Du bist ein Zauberer, ruft Buldeo erschrocken. Ein Wolf
führt deine Befehle aus und du kämpfst gegen einen Tiger!
– Gehe in Frieden, aber ich warne dich, mische dich nie wieder in meine Angelegenheiten ein!
Zurück im Dorf, erzählt Buldeo allen, was er erlebt hat.
– Das ist Magie, Zauberei und Teufelskunst! sagt Buldeo.
Der Priester schaut sehr bedenklich, als er diese Neuigkeiten hört. Nach Einbruch der Dunkelheit,
Mogli hat gerade dem Tiger das Fell über die Ohren gezogen, kehrt er mit der Herde ins Dorf zurück.
Unzählige Fackeln beleuchten das Dorf, was ungewöhnlich ist. Anstatt ihn zu empfangen, werfen die
Dorfbewohner mit Steinen und Schimpfwörtern nach Mogli.
– Zauberer! Wolfsjunge! Dschungelteufel! Zum Teufel mit dir! Hau ab, schnell oder der Priester wird
dich in einem Wolf verwandeln. Los, schieß Buldeo!
Buldeo, der Jäger des Dorfes, schießt mit seiner Muskete, trifft aber seinen eigenen Stier. Die Dorfbewohner sind überzeugt, dass Mogli mit Hilfe seiner magischen Kräfte die Kugel gelenkt hat. Akela,
der sich direkt neben Mogli befindet, stellt unmittelbar eine Verbindung, mit dem, was sich damals
am Ratsfelsen abspielte, her:
– Die Menschen wollen dich aus ihrem Clan verjagen! erklärt er.
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– Ich verstehe gar nichts mehr, antwortet das Menschenkind. Im Rudel verjagt man mich, weil ich ein
Mensch bin und im Dorf verjagt man mich, weil ich ein Wolf bin.
Messua läuft zu Mogli: Sie fleht ihn an zu fliehen, damit er nicht getötet wird.
– Oh, mein Junge! Ich glaube nicht, dass du dich in ein Tier verwandeln kannst, so wie das Dorf es
behauptet. Ich weiß aber, dass du Nathus Tod gerächt hast.
– Komm zurück, Messua!, rufen die Dorfbewohner.
Mit Schir Khans Fell auf den Rücken, verlässt Mogli mit Akela und Graubruder
das Dorf. Überglücklich betrachtet er die Sterne. Als der Mond untergeht erreichen die drei die Höhle der Wolfsmutter.
Tiger! Tiger!
– Lauf zum Dorf zurück, Messua, antwortet Mogli. Zumindest habe ich den Tod deines
Sohnes gerächt. Laufe schnell zurück, ich werde die Herde auf sie jagen. Gehe in Deckung. Eins sollst du aber noch wissen, Messua, ich bin kein Zauberer. Lebe wohl!
– Sie haben mich aus dem Dorf verjagt, Mutter, sagt Mogli, aber ich bin zurückgekommen, mit Schir
Khans Fell, um mein Wort einzulösen.
– Ich wusste es! Ich habe ihm gesagt, dass der Jäger einst der Gejagte sein würde! Er hat es verdient!
– Gut gemacht!, rufen Moglis Brüder. Du hast uns so gefehlt, kleiner Bruder!
Als Baghira Moglis Stimme hört kommt er sofort herbei gelaufen und gemeinsam klettern sie den
Hügel hinauf. Das Menschenkind breitet das Fell des Tigers auf dem Felsen aus wo einst Akela gesessen hat. Dann ruft Akela die Rudelmitglieder und alle kommen: Einige lahmen, weil sie in Fallen geraten waren, andere hatten Schusswunden, manche waren vom schlechten Futter sehr abgemagert. Bis
jetzt haben sie ohne Führer gelebt. Aber aus alter Gewohnheit folgen sie Akelas Ruf und doch fehlen
viele. Die Wölfe sehen dass Mogli sein Wort gehalten hat und rufen:
– Akela und Mogli, seid unsere Führer! Wir haben es satt ohne Gesetz zu leben und wir wollen wieder
das freie Volk werden, das wir einst waren.
– Auf keinem Fall, antwortet Mogli kategorisch! Die Menschen und die Wölfe haben mich verjagt:
Jetzt will ich alleine im Dschungel jagen.
– Wir werden mit dir jagen, fügen seine vier Brüder hinzu.
Seitdem jagt Mogli alleine mit seinen vier Brüdern im Dschungel, ohne
zu einem Rudel zu gehören, doch er hält sich weiterhin in der Nähe
des Sioni-Rudels auf.
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7
Die Geschichten
Rückkehr zum
Dschungel
Am nächsten Tag, nachdem Mogli Shir Khans Fell
auf dem Ratsfelsen ausgebreitet hat, suchen Akela,
Baghira und Balu Familie Wolf in ihrer Höhle auf. Sie
möchten alles über Moglis Erlebnisse bei den Menschen erfahren.
– Ohne Akela und Graubruder, die die Büffel zur Schlucht getrieben haben, hätte ich gar nichts machen können. Ihr hättet
die Büffel sehen müssen wie sie die Schlucht hinabdonnerten,
als das Menschenvolk mit Steinen nach mir warf!
– Ich bin froh, dass ich nichts gesehen habe!, sagt Mutter Wolf. Ich dulde es
nicht, dass man meine Kleinen jagt. Die Menschen hätten teuer bezahlen müssen! Ich
hätte jedoch die Frau, die dir die Milch gab, verschont. Aber nur sie.
– Frieden, Frieden, zügelt Vater Wolf. Unser Frosch ist ja heimgekehrt und so weise
geworden, wenn auch mit ein paar Schrammen. Lassen wir die Menschen in Ruhe.
– Ja, bestätigt Mogli, ich will sie weder sehen, noch riechen.
– Und was machst du, fragt Akela, wenn die Menschen dich nicht in Ruhe lassen?
– Wir sind zu fünf, antwortet Graubruder, wir werden Mogli bei dieser Jagd beistehen.
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– Als ich zurücklief um unsere Fährte zu verwischen, erwidert Akela, warnte mich
Mang, die Fledermaus. Im Menschendorf wimmelt es wie in einem Bienstock: die
Menschen sind mit Gewehren bewaffnet und halten um die rote Blume Rat. Glaub
mir ich spreche aus Erfahrung, sagt Akela, wenn ein Mensch mit einem Gewehr bewaffnet ist, dann ist das nicht zum Vergnügen. Ich vermute, dass sie unsere Fährte
suchen, wenn sie sie nicht schon längst gefunden haben.
– Aber warum? Sich haben mich doch verjagt! erwidert Mogli. Was wollen sie noch?
– Ein Mensch bist du, kleiner Bruder, antwortet Akela. Uns, den freien Jägern, steht nicht zu, dir zu
sagen, was deine Brüder tun und warum.
Wütend wirft Mogli sein Messer nach Akela, der instinktiv aufspringt um der Gefahr auszuweichen.
– Das sind nicht meine Brüder! Nehme dich das nächste Mal in Acht!, schreit Mogli wütend.
– Du hast einen scharfen Zahn, aber das Leben unter den Menschen hat dein Auge verdorben. In der Zeit, wo du das Messer warfst, hätte ich einen Bock reißen können.
Plötzlich springt Baghira hoch, hebt den Kopf und wittert etwas. Akela duckt sich nieder
und ist sprungbereit.
Rückkehr zum Dschungel
– Aber Akela, warum jetzt an Menschen denken, bemerkt Baghira.
– Menschen!, knurrt Akela.
– Buldeo!, erwidert Mogli. Ich sehe sein Gewehr in der Sonne glänzen.
– Ich wusste, dass die Menschen uns suchen werden, kommentiert Akela selbstbewusst.
– Wir wissen, dass der Mensch das weiseste, aber auch das verrückteste aller Geschöpfe ist, sagt
Baghira zu Mogli. Doch sie jagen im Rudel. Einen Menschen zu töten ohne vorher zu wissen wo die
anderen sind, wäre schlecht. Schauen wir nach was er im Schilde führt.
Diskret begeben sie sich auf Buldeos Jagd, ohne sich bemerkbar zu machen.
– Das hier ist noch besser als Beute schlagen, sagt Graubruder, er sieht aus wie ein Schwein, das sich
am Uferdschungel verlaufen hat. Was murmelt er da vor sich hin?
– Mogli übersetzt: Er sagt, dass hier das Wolfsrudel um mich herumgetanzt haben müsste, eine solche Fährte wäre ihm noch nie in seinem ganzen Leben vorgekommen. Müde sei er.
– Was macht er?, fragt der schwarze Panther.
– Ich glaube er raucht, antwortet Mogli. Die Menschen machen das oft.
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Die stillen Treiber beobachten, wie der alte Mann eine Pfeife füllt, anzündet und raucht. Sie merken
sich genau den Geruch des Tabaks, um Buldeo, wenn nötig, auch in dunkelster Nacht riechen zu können. Etwas später stoßen einige Menschen zu dem berühmten Jäger: er erzählt ihnen die Geschichte
von Mogli, dem Teufelskind. Buldeo verschönert das Ganze und tischt ihnen das Märchen auf, dass
er Shir Khan getötet hat. Er fügt noch hinzu, dass die Dorfbewohner Messua und ihren Mann, also
Moglis Eltern, gefangen halten. Sie werden sie foltern, damit sie zugeben Zauberer und Hexe zu sein.
Bevor sie aber bei lebendigem Leibe verbrannt werden, muss
er Mogli zum Dorf zurück bringen, damit dieser als erstes umgebracht wird.
Mogli erklärt seinen Freunden was er gerade mitbekommen
hat.
– Die Menschen sperren also andere Menschen ein?, fragt
Graubruder ganz erstaunt.
– Sie sind verrückt!, sagt Mogli. Was haben Messua und ihr
Mann mit mir zu schaffen? Ich muss nachschauen was sie vorhaben, denn sie werden nichts unternehmen bevor Buldeo zurück ist. Könnt ihr ihn aufhalten in der Zeit wo ich zum Dorf
gehe. Er darf vor Dunkelheit nicht zurücksein! Kann ich mich auf
euch verlassen?
– Wir können ihn im Kreise hetzen, wie eine festgebundene Ziege!,
scherzt Graubruder.
– Geh mit ihnen Baghira und heute Abend treffen wir uns in der
Nähe des Dorfes. Graubruder kennt den Weg.
Die Geschichten
Baghira und die Wölfe brüllen « Gute Jagd ». So laut, dass die Menschen vor Angst zittern und ihre
Gewehre nicht mehr halten können.
In der Zwischenzeit durchquert Mogli den Dschungel, um Messua und ihren Mann zu befreien. In der
Abenddämmerung klettert er auf dem Dhâkbaum. Alle Menschen haben sich auf dem Dorfplatz versammelt. Mogli schleicht zu Messuas Hütte und schaut durchs Fenster. Sie ist an Händen und Füßen
gefesselt und ihr Mann ist am Bett festgebunden. Die Türe ist zu und wird von mehreren Männern
bewacht. Mogli klettert durchs Fenster und befreit das Paar. Messua hat Schmerzen, man hat sie
gequält!
– Ich hab‘s gewusst! Ich hab‘s gewusst! Ich wusste dass du kommen würdest, schluchzte Messua. Jetzt
bin ich mir sicher, dass du mein Sohn bist!
Sie nimmt ihn in dem Arm und ist überglücklich.
– Warum haben sie dich gefesselt?, fragt Mogli.
– Sie wollen sie töten, weil sie dich als ihren Sohn betrachtet!, antwortet der Mann wütend und zeigt
auf seine Verletzungen.
– Was willst du damit sagen, fragt Mogli. Messua, erzähl du.
– Ich gab dir Milch, Nathu. Erinnerst du dich? Ich dachte du seist mein Sohn den der Tiger mir geraubt
hat. Sie glauben du bist ein Teufel und ich somit auch.
– Nein ! Dort läuft ein Weg durch den Dschungel, sagt Mogli. Eure Hände und Füße sind frei! Geht
jetzt!
Messua ist verunsichert. Sie erklärt Mogli, dass sie den Dschungel nicht kennen so wie er und dass
die Dorfbewohner sie schnell wieder zurückholen werden. Unrecht hat sie nicht, aber Mogli hat an
alles gedacht: in wenigen Minuten wird das gesamte Dorf an etwas anderes denken. Buldeo kommt
zurück und er wird seine neue Geschichte dem Dorf erzählen. Mogli hat dann genug Zeit die Flucht
von Messua zu planen.
– Ich schaue nach was sie vorhaben, in der Zwischenzeit überlegt euch wo ihr hin gehen wollt.
Mogli schleicht zum Dorfplatz. Er möchte hören was Buldeo vorschlägt, der das Volk nur mit seinen
unglaublichen Geschichten verzaubern kann.
– Nichts als dummes Geschwätz!, bemerkt Mogli. Ich bin mir nun sicher, dass die Menschen Brüder
der Bandarlog sind!
Mogli kehrt zur Hütte zurück und trifft dort Raschka.
– Mutter, was machst du hier?
– Kleiner Frosch, ich hatte das Verlangen die Frau zu sehen, die dir Milch gab, antwortet
Raschka.
49
Die Rückkehr zum Dschungel
– Sohn oder Teufel, was nützt uns das, entgegnete der Mann, Töten wird man uns trotzdem.
– Man hat sie gefesselt und sie wollen sie töten, Mutter. Ich habe sie befreit. Sie wird mit ihrem Mann
durch den Dschungel gehen.
– Ich will ihnen folgen, Mogli, sagt Mutter Wolf. Ich bin vielleicht schon alt, aber nicht zahnlos!
– Gut! Verstecke dich im hohen Gras bis ich zurückkomme.
Mogli schwingt sich wieder durchs Fenster in die Hütte. Er erklärt, dass Buldeo Lügengeschichten
erzählt. Doch so wie sein Gerede zu Ende ist, werden die Menschen mit der roten Blume kommen,
um die Hütte, Messua und ihren Mann zu verbrennen.
– Wo wollt ihr nun hin?, fragt er sie.
– Nach Khanhiwara!, antwortet Messua. Das ist dreißig Kilometer entfernt und wenn wir noch diese
Nacht ankommen, sind wir in Sicherheit.
– Kennt ihr den Weg dorthin ?
– Ja, aber der Dschungel ist dunkel. Die Tiere könnten uns angreifen, antwortet der Mann.
– Fürchtet euch nicht, keiner aus dem Dschungel wird sich euch nähern. Ihr werdet während des gesamten Weges beschützt. Und wenn ihr den einen oder anderen Gesang hört, das ist die Gunst des
Dschungels, die euch begleitet.
Messua bedankt sich bei Mogli für seine Hilfe und nimmt ihn in seine Arme. Ratlos betrachtet ihr
Mann traurig seine Felder: Was für eine Ungerechtigkeit! Die ganze Ernte muss er zurücklassen!
50
– Ich kenne eure Gerechtigkeit nicht, aber kehre vor dem
nächsten Regen zurück und sehe zu, was vom Dorf übriggeblieben ist. Macht‘s gut!
Die Geschichten
Messua und ihr Mann machen sich auf dem Weg. Mogli nähert sich Mutter Wolf, die aus ihrem Versteck hervorkommt:
– Folge ihnen durch den Dschungel und achte darauf, dass sie ihn wohlbehalten durchqueren können!
Baghira und Mogli vereinbaren einen Plan um die Menschen zu verjagen! Der Panther hält eine Überraschung für die Jäger bereit: sie werden ihn anstelle vom Messua und Ihrem Mann in der Hütte vorfinden!
Die Menschen lauter denn je, nähern sich der Hütte um sie niederzubrennen. Als sie die Türe öffnen entdecken sie den schwarzen Panther. Er liegt der Länge nach mit gekreuzten Beinen auf dem
Bett. Den Dorfbewohner verschlägt es die Sprache. Baghira gähnt gelangweilt um seine Gegner zu
provozieren und zeigt seine schönen weißen Zähne. Als die Menschen die bedrohlichen Zähne des
Phanters sehen verschwinden sie blitzschnell.
– Vor Tagesanfang werden sie sich nicht mehr bewegen!, sagt Baghira stolz.
– Halte die ganze Nacht Wache. Ich lege mich schlafen, antwortet das Menschenkind.
Als er wieder aufwacht, liegt Baghira neben ihm und macht sich über ein frisch gejagtes Wild her.
– Der Mann und die Frau sind sicher in Khanhiwara angekommen, berichtet der Panther. Deine Mutter hat es uns durch Tschil wissen lassen.
– Das ist ja eine gute Neuigkeit. Wie sieht es denn im Dorf aus?
– Sie haben sich nicht mehr gerührt. Einige sind herausgekommen um das Essen vorzubereiten, aber
niemand ist lange draußen geblieben. Es kann nichts mehr mit der Frau und dem Mann passieren und
im Dschungel ist auch alles in Ordnung. Also, komm, gehen wir mit Balu jagen.
– Warte! Wo ist Hathi diese Nacht?, fragt Mogli.
– Wo immer es ihm gefällt. Warum fragst du?, antwortet Baghira.
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– Richte ihm aus, er soll mit seinen drei Söhnen zu mir kommen.
– Das ist mir klar. Bitte ihn einfach zu kommen und erinnere ihn „an die Verwüstung der Felder von
Bhurtpore“, dies ist ein besonderes Meisterwort.
Der Panther wiederholt dieses Meisterwort zwei- oder dreimal, um es sich genau zu merken, bevor er
sich auf dem Weg macht. Mogli erträgt den Gedanken nicht, dass die Menschen Messua, die Frau die
er liebt wie seine Mutter, verletzt haben. Er hegt einen genialen Plan aus, bis Baghira wieder erscheint.
– Es war wirklich ein Meisterwort, flüstert Baghira. Die Elefanten grasten in der Nähe des Flusses.
Schau da kommen sie!
– Ich werde dir eine Geschichte erzählen, sagt Mogli zu Baghira. Sie handelt um einen alten und weisen
Elefanten, der eines Tages in eine Jägerfalle fiel. Der spitze Pfahl in der Grube verletzte ihn und hinterließ eine weiße Narbe, die ihm von den Füssen bis zur Schulter reicht. Als die Menschen ihn aus
der Grube rausholen wollten, um ihn mitzunehmen, konnte er sich befreien und verschwand bis
seine Verletzung geheilt war. Eines Tages ist er mit seinen drei Söhnen an diesem Ort zurückgekehrt. Dies ereignete sich vor langer Zeit in den Feldern von Bhurtpore. Hathi, möchtest du
weitererzählen was auf diesen Feldern geschehen ist?
Rückkehr zum Dschungel
– Also, wirklich, Mogli, du kannst den Meister des Dschungels nicht einfach so herbitten, wenn du es
für richtig hältst!
– Ich habe diese Felder mit meinen Söhnen verwüstet, sagt Hathi, so stark, dass sie in dem Jahr keine
Ernte hatten, berichtet er voller Stolz.
– Und was ist mit dem übrigen Dorf passiert?, fragt Mogli.
– Wir haben die Menschen verjagt, die Dächer zerstört und das ganze Gebiet gehörte wieder dem
Dschungel.
– Das ist die Geschichte der Verwüstung der Felder von Bhurtpore. Ich möchte, dass der Dschungel
sich mit diesem Dorf vergrößert, so wie du es schon einmal gemacht hast. Ich möchte Vergeltung für
Messua.
Hathi ist überrascht über diese Bitte.
– Wir haben keinen Streit mit diesen Menschen.
– Ich kann diese Menschen aber nicht töten. Ich möchte, dass sie von hier fliehen, genauso wie Messua, die Frau die mich ernährt hat, fliehen musste.
– Ach so, sagt Hathi. Jetzt verstehe ich. Dein Krieg wird zu unserem Krieg. Lasst uns beginnen!
Die Worte waren noch nicht richtig ausgesprochen, da verteilten sich die Elefanten auch schon in
allen Richtungen. Während zwei Tagen wandern sie von Norden zum Süden und vom Osten zum
Westen um das Ganze Feld umzupflügen. Schnell verbreitet sich das Gerücht des Dschungels: das
beste Futter und das reinste Wasser befindet sich an diesem Ort. Wildschweine, Hirsche, Büffel, wilde Füchse, Sahi, Balu und alle anderen Tiere stürzen sich über das Futter.
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Die Dorfbewohner deren Ernte verloren ist, haben keine andere Wahl und fliehen um zu überleben.
Trotz ihrer göttlichen Beschwörungen kann niemand sie aus dieser misslichen Lage helfen. Nachdem
die letzte Familie das Dorf verlassen hat, kümmert sich Hathi persönlich darum, die letzten Hütten
zu vernichten: jetzt sind alle Spuren der Menschen in diesem Dschungelteil, zur großen Freude von
Mogli, vernichtet.
8
Die Geschichten
Rothund
An einem schönen Sommertag jagt Mogli, mit
seinen vier Brüdern, einen Bock. Als sie die Hälfte zu Akela bringen, ertönt plötzlich von weitem
ein angsterregender Schrei. Seit langem hat er
ihn nicht mehr gehört: den Phial, eine Mischung
aus Hass, Triumph, Furcht und Verzweiflung.
Er nähert sich mit großer Geschwindigkeit und
geht über in « Dolen! Dolen! ». Ein durchnässter
Wolf, mit blutigen Flanken, bricht inmitten des
Clans zusammen. Seine rechte Vorderpfote ist
gebrochen und weißer Schaum läuft aus seinem
Mund.
– Gute Jagd! ruft Phao vom Felsen hinunter. Wer
bist du?
– Gute Jagd!, antwortet der Wolf. Ich bin Wontolla, der Einsiedler. Ich ernähre meine Familie alleine
und ich gehöre zu keinem Clan.
– Was ist los? fragt Phao.
– Ich komme um euch vor der Ankunft der Dekkan-Dolen, den Rothunden, den Mördern, zu warnen. Sie sind hungrig und verschlingen alles, was ihnen über den Weg
läuft. Meine Wölfin und meine drei kleinen Jungen sind durch sie umgekommen. Ich
muss ihren Tod rächen.
53
– Wie viele sind es?, fragt Mogli.
– Ich weiß es nicht genau, doch sie sind zahlreich und stark. Alles ausgewachsene Hunde. Die jungen
sind nicht dabei. Ich kann euch versichern, drei von ihnen werden nicht mehr töten!
Alle Wölfe des Clans wissen, dass selbst Hathi und die Tiger den Dolen während der Jagd aus dem
Weg gehen.
– Wir werden dir helfen Wontolla, beschließt Akela. Dies wird sicherlich meine letzte Jagd sein. Gehe
nach Norden, Mogli. Dort bist du in Sicherheit. Warte bis der Kampf vorbei ist, bevor du zurückkommst. Hier geht es um Leben und Tod.
– Du unterschätzt die Dolen, Mensch mit der Zunge des Wolfes, bekräftigt Wontolla. Freies
Volk, ich rate euch, zieht nach Norden. Ich erhole mich wieder und werde mich alleine rächen.
– Mal langsam, Fremdling!, erwidert Mogli. Du kannst von uns nicht verlangen, dass wir fortgehen, den Dolen unsere Reserven überlassen und abwarten bis sich alles wieder beruhigt hat.
Rothund
– Nur über meine Leiche!, protestiert Mogli. Wölfe haben mich großgezogen und ich habe die gleiche Haut wie das freie Volk. Bei dem Bullen, der für mich bezahlt wurde, mein Messer wird wie ein
Zahn des Clans sein. Das sind meine Worte, niemand kann mich mehr umstimmen. Die Bäume und
die Lianen können es bezeugen!
Das sind doch nur rote Hunde mit gelben Bäuchen und Haaren zwischen den Zehen! Entscheidet ihr,
aber ich denke, es könnte eine interessante Jagd werden.
Der Clan antwortet mit starkem Gebell und entscheidet sich für die Jagd.
– Akela, erklärt Mogli, bereite du mit Phao und dem Clan die Schlacht vor. Ich schaue nach, wie viele
es sind. Gute Jagd!
Mogli stürmt in den dunklen Dschungel. Er läuft so schnell, dass er nicht darauf achtet, wo er seine
Füße hinsetzt, und stolpert über den zusammengerollten Körper von Kaa.
– Ksshe! Was sind denn das für Manieren?, zischt Kaa.
– Entschuldige, mein Fehler, erwidert Mogli. Aber jedes mal, wenn ich dich treffe, bist du größer und
breiter geworden. Keiner ist dir gleich im Dschungel, du lieber, ehrwürdiger, starker, wunderschöner
Kaa.
Kaa ringelt sich zu einer Hängematte, damit Mogli es sich bequem machen kann. Das Menschenkind
erzählt das ganze Abenteuer und Kaa hört aufmerksam zu.
– Ich glaube meine Ohren lassen nach, meint Kaa. Ich habe den Phial nicht gehört. Machst du mit bei
dieser Jagd, kleiner Bruder?
– Ja, ich habe dem Clan mein Wort gegeben. Die Bäume, der Fluss und die
Lianen sind Zeuge.
– Was willst du denn machen, wenn die Dolen kommen?
54
– Sie müssen den Waingunga hinabschwimmen. Mit einem Messer werde
ich auf sie warten und der Clan hilft mir dabei.
– Hmmmm, erwidert Kaa wenig überzeugt, alles was nach dieser Jagd übrig bleiben wird, sind deine
Knochen und die der Wölfe. Ich weiß, wie wir gegen die Dolen vorgehen können. Folge mir zum Fluss
und ich erkläre es dir.
Am Friedensfelsen macht Mogli es sich auf Kaas Rücken bequem und hört zu:
– Nichts hat sich geändert beim kleinen Volk
der Felsen, die Bienen besiedeln weiterhin die
Gräben der Schlucht und hinterlassen überall Honigspuren.
Die beiden Freunde schwimmen weiter und
erreichen schnell eine Sandbank. Hierhin
kommt das Wild um in der Nähe des Flusses
zu sterben. Überall liegen Skelette, die keiner
mehr anrührt.
– Lass uns gehen!, bittet Mogli, der Angst
hat die Bienen zu wecken.
Die Geschichten
– Hab keine Angst, Menschenkind, beruhigt Kaa ihn, die Bienen erwachen nicht vor Sonnenaufgang.
Hör zu und lass dir meinen Plan erklären. Vor vielen, vielen Regenzeiten kam ein von Wölfen gehetzter
Bock hierher. Er hatte solche Angst, dass er in den Fluss sprang, um seinen Verfolgern zu entkommen.
Das kleine Volk der Felsen war wütend, weil sie gestört wurden, und griff an. Der Bock war aber schon
etwas weiter im Fluss in Sicherheit und schließlich musste der Clan den Angriff der Bienen erleiden.
Die, die nicht sprangen, starben und so überlebte der Bock.
– Wie hat er das denn geschafft?
– Er war als erster da und sprang hinunter, ehe das kleine Volk es bemerkte, erklärt Kaa.
– Dein Plan ist sehr gefährlich Kaa.
– Das ist richtig! Aber ich werde da sein um dir zu
helfen, wenn sie dich verfolgen und du in dem Waingunga springst. Die Dolen werden entweder von den
angreifenden Bienen getötet oder ertrinken in der
reißenden Strömung des Flusses. Die dann überleben, werden anschließend von deinem Pack bei
den Sionihöhlen empfangen.
– Ahai! Eowawa!, ruft Mogli. Was für ein genialer Plan!
Genau, kennenlernen sollen sie mich, die Dolen, sodass sie hinter mir herlaufen werden! Zur Abenddämmerung bringe ich sie hierher. Zu diesem Zeitpunkt
ruhen die Bienen sich noch aus.
Mogli macht sich nun alleine auf dem Weg zu den Dolen und lässt sich den Fluss hinuntertreiben. Er
erinnert sich, dass die Bienen nicht angegriffen haben, als er mit Balu Bienennester geleert hat, weil
sie sich mit Knoblauch eingerieben hatten und er macht das gleiche wieder. Mogli hat an alles gedacht. Jetzt muss er die Dolen nur noch in die Falle locken. Er verfolgt Wontollas schwarze Blutspur,
steigt auf einem Baum mit einem weit ausladenden Ast, der etwa acht Fuß vom Boden entfernt ist
und wartet auf die Dolen. Als sie sich nähern ruft Mogli:
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– Gute Jagd!
Das ganze Pack bleibt angewurzelt stehen. Zweihundert können es etwa sein. Die Anführer wollen
Wontollas Spur weiter verfolgen. Mogli muss sich schnell etwas überlegen, um sie bis zum Einbruch
der Dunkelheit aufzuhalten!
– Ihr Hunde, ihr seid wie Tschikai, ruft Mogli schadenfreudig.
Die Dolen drängen sich um den Baum und versuchen, Moglis Bein zu packen.
– Komm von diesem Baum herunter, haarloser Affe, bevor wir dich runter holen!, antwortet einer der
Dolen.
Mogli macht es sich auf dem Ast bequem und verspottet die Dolen, indem er ihnen alles Schlechte
erzählt, was er je über sie gehört hat. Die Rothunde heulen noch lauter. Voller Zorn versucht der Anführer Mogli zu packen. Doch das Menschenkind ist schneller, er greift nach dem Hund und schneidet
Rothund
– Hund, roter Hund, mit Haaren zwischen den Zehen, kehrt zurück da wo ihr hergekommen seid!, ruft
er ihnen zu.
ihm ein Stück seiner dichten Rute ab.
– Lauft nach Hause und erzählt allen, dass das die Tat eines Affens war!, ruft Mogli ihnen zu.
Doch die wütenden Dolen rühren sich nicht von der Stelle und bedrohen Mogli weiter.
– Ihr wollt nicht gehen? Dann folgt mir!, fügt Mogli hinzu und schwingt sich von Ast zu Ast. Die Dolen
verfolgen ihn.
– Du, Affe mit der Zunge eines Wolfes, mit deinem Knoblauchgeruch ist es leicht, dich zu verfolgen!,
heult ein Dole.
– Da, nimm deine Rute zurück, ruft Mogli und wirft ihn inmitten der Dolen.
Er nutzt die Gelegenheit und springt vom Baum, um etwas Vorsprung zu gewinnen. Ohne, dass die
Dolen es bemerken, läuft er blitzschnell in Richtung des kleinen Volkes der Felsen. Die Bienen, die
gerade eingeschlafen waren, werden durch Moglis lauten Schritte auf dem hohlen Boden geweckt.
Mogli läuft um sein Leben. Hinter ihm erscheint eine große schwarze Wolke. Triumphierend springt er
in den Fluss ohne einen Bienenstich abbekommen zu haben. Wie vereinbart ist Kaa zur Stelle und hilft
Mogli durch den Fluss. Die Dolen fallen zwischen die Felsspalten und werden von Bienenschwärmen
angegriffen, während andere die Felswand hinunter stürzen.
In der Zwischenzeit hat Mogli sich wieder erholt und sticht mit seinem Messer auf die Dolen ein. Um
jedoch den Stichen der Bienen zu entkommen, dürfen sie nicht zu lange über Wasser bleiben.
– Hier dürfen wir nicht bleiben, flüstert Kaa ihm zu. Das kleine Volk ist hellwach!
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Mogli und Kaa schwimmen weiter zum Clan. Lauter und lauter ertönt der Schlachtruf des Sioniclans.
Kaa lässt Mogli nun alleine weiter schwimmen. Er ist Moglis Freund, aber den Wölfen hilft er nicht.
Dann sieht Mogli auch schon Wontolla, der mit seinen drei Läufen hin und her springt. Er gibt sich unendlich viel Mühe in diesem Kampf, seinen Kampf. Die erschöpften Dolen erreichen schließlich Sioni
und glauben sich in Sicherheit, doch zahlreiche flammende Augen erwarten sie. Kaum haben sie das
Ufer betreten, da beginnt der harte Kampf!
Die Geschichten
– Ergreift sie!, befiehlt Phao.
Das gesamte Pack drängt zum Ufer. Der Clan verursacht so starke
Wellen, dass der Waingunga weiß schäumt. Moglis Brüder nähern
sich und beschützen ihn von allen vier Seiten.
Mogli beobachtet die kämpfenden Wölfe:
Akela beißt einem der Dolen im Rücken,
Phao packt einen anderen am Hals und die
jungen Wölfe beenden die Arbeit der Älteren.
– Das ist meine Beute, er gehört mir!, brüllt
Wontolla.
Es ist der Schwanzlose und er möchte ihn
selber töten. Nachdem er den Dolen getötet
hat, bricht Wontolla über ihn zusammen.
– Wontolla wird nie mehr jagen, verkündet
Graubruder traurig.
– Sie fliehen!, ruft Mogli. Lasst sie nicht entkommen, sie haben den Einsiedelwolf getötet!
Als Mogli die letzten Dolen beseitigen will, entdeckt er den verletzten Akela und fällt neben seinem
alten Freund auf die Knie.
– Habe ich dir nicht gesagt, dass es mein letzter Kampf ist?, röchelt der Wolf. Eine große Jagd war es.
Und du, kleiner Bruder, wie geht es dir?
– Ich lebe noch, antwortet Mogli mit traurigen Augen. Und ich habe viele getötet.
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– Das hast du gut gemacht, kleiner Bruder!
Akela spricht mit leiser, ängstlicher Stimme weiter:
– Ich werde sterben, kleiner Bruder, und ich möchte in deiner Nähe sterben.
Rothund
Mogli nimmt den verletzten Akela in seine Arme.
– Es ist lange her, als du dich nackt im Staub gewälzt hast, kleiner Bruder ..., murmelt Akela mit schwacher Stimme.
– Nein, ich bin ein Wolf und von einer Haut mit dem freien Volk, ruft Mogli weinend. Ich wollte niemals
ein Mensch sein.
– Aber du bist einer. Ohne dich wäre das Pack vor den Dolen geflüchtet. Heute hast du das Pack gerettet, deine Schuld ist beglichen. Du kannst nun zu deinem Volk zurückkehren, Mogli.
– Nein, niemals!, widerspricht Mogli. Ich jage noch lieber alleine im Dschungel.
– Nach dem Sommer kommt der Regen. Anschließend der Frühling. Verlasse den Dschungel, bevor
man dich verjagt.
– Aber warum denn, Akela? Wer könnte mich verjagen?
– Mogli wird Mogli verjagen, antwortet Akela mit einer seltsamen Stimme. Aber jetzt, hilf mir. Ich
möchte zu meinem Volk sprechen.
Besorgt hilft Mogli Akela auf die Beine. Akela holt tief Luft und singt das Totenlied, das ein Clanführer
singt, wenn er stirbt. Alle begleiten ihn bis zu seinen letzten Worten « Gute Jagd! ». Der alte Wolf
schreckt noch einmal hoch, fällt zurück und bleibt regungslos vor seinem Volk liegen.
Niedergedrückt durch den Verlust seines Freundes, setzt sich Mogli auf einen Felsen. Er ist traurig
und bleibt die ganze Nacht da sitzen. Um ihn zu trösten, legt Phao seine feuchte, kalte Schnauze auf
Moglis Hand, damit er merkt, dass er nicht alleine ist.
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Die Dolen prahlen immer, dass kein Lebewesen im Dschungel ihnen standhalten kann. Doch dieses
mal wird keiner von ihnen heimkehren, um die Neuigkeit zu verkünden.
Die Geschichten
9 DER FRÜHLINGSLAUF
Mogli, mittlerweile siebzehn Jahre alt, wird von allen im Dschungel respektiert. Sie fürchten seine
Intelligenz und seine Stärke. Etwas abseits vom Clan sind Baghira und Mogli eingeschlafen. Baghira
wird von einem kleinen Luftzug geweckt:
– Ah! Ich spüre es in der Luft: Die Zeit der Neuen Rede naht!
– Da bin ich mir aber nicht so sicher, antwortet Mogli, durch den Panther aufgewacht. Das Gras ist trocken und selbst das Frühlingsauge ist geschlossen.
Plötzlich, hört man das Zwitschern eines Vogels.
– Siehst du, ich sagte doch, die Zeit der Neuen Rede naht!, antwortet Baghira. Das ist
Ferao, der scharlachrote Specht. Er hat den Frühling nicht vergessen. Ich auch nicht, ich
muss nun meinen Gesang üben.
– Ja, ja, wie immer und keiner kümmert sich mehr um mich!, entgegnet Mogli ziemlich aufgebracht. Ich erinnere mich noch an letztes Jahr. Ich benötigte eure Hilfe und habe zwei Nächte
warten müssen, bevor Hathi kam.
– Aber, aber Mogli, antwortet Baghira, das war während der Zeit der neuen Rede, das weißt du doch!
Nun beruhige dich und lausche Feraos Lied.
In Indien ist der Frühling eine schöne Zeit, die Natur blüht nach dem Winter wieder auf und ist gefüllt
mit tausend Düften. Bisher beobachtete Mogli den Wechsel der Jahreszeiten voller Begeisterung: er
entdeckte das Frühlingsauge, sah die Tiere hüpfen, rufen, knurren oder pfeifen, aber dieses Mal fühlt
er sich ganz anders. Als Mor, der Pfau, laut und stark die Zeit der neuen Rede verkündet, und Mogli
sich auch bereit macht, seinen Ruf zu tätigen, bleiben ihm die Worte im Hals stecken. Er versteht nicht
was gerade mit ihm passiert. Es ist an der Zeit einen Frühlingslauf zu den nördlichen Sümpfen
zu machen!
59
Mogli fragt seine vier Brüder ob sie mitgehen. Doch keiner antwortet oder geht mit ihm. Sie sind zu
sehr damit beschäftigt ihr Lied mit den
Wölfen des Clans zu singen. Mogli zittert vor Wut.
Der Frühlingslauf
Frühlingslauf
– Schlafen wir noch ein bisschen, Baghira, mein Herz ist schwer.
– Das ist ja nett! Wenn die Dolen des Dekkans kommen oder die rote Blume im Bambus tanzt, dann
läuft das ganze Dschungelvolk zu Mogli und lobt ihn für seinen Mut. Jetzt aber, nur weil das Frühlingsauge blüht, wird der ganze Dschungel toll – toll wie Tabaki. Bin ich Herr des Dschungels oder bin
ich es nicht?!
Mogli beginnt seinen Frühlingslauf und kreuzt zwei duellierende Wölfe. Das Gesetz verbietet, in einem Duell zu intervenieren, aber er kann es nicht lassen und packt beide an die Kehle. Doch plötzlich
weicht seine Stärke von ihm und im Nu können die beiden Wölfe sich befreien.
– Wahrlich, sagt er beunruhigend, ich muss etwas Giftiges gegessen haben! Meine Stärke verlässt
mich, ich glaube, ich muss sterben.
Die weiße Nacht, wie sie sie nennen, bricht an: Jeder Baum, jedes Blatt, das gestern noch gelb war,
ist heute voller Saft und mit einem schönen Grün geschmückt. Am nächsten Morgen macht er sich
auf dem Weg zum Morast des Nordens. Auf seinem ganzen Weg hört er die Tiere. So vernimmt er
wie Tschakala, das Krokodil, wie ein Ochse brüllt. Mogli läuft und singt fröhlich vor sich hin, in diesem
Moment ist er das glücklichste Geschöpf des ganzen Dschungels. Er nähert sich dem Morast und
durchquert ihn mit einer atemberaubenden Wendigkeit. In der Mitte des Sumpfes setzt er sich auf
einem Baumstamm und mustert seine Füße, ob kein Dorn eingedrungen ist. Plötzlich überfällt ihn
eine große Niedergeschlagenheit.
– Ich muss Gift gegessen haben, sagt er mit ängstlicher Stimme. Meine Kraft verlässt mich! Ich hatte
Angst, im Kampf mit den zwei Wölfen, das ist mir vorher nie passiert. Ich werde in diesem Morast
sterben.
Mogli weint.
– Es ist besser, wenn ich heimkehre, um auf dem Ratsfelsen zu sterben. Und ich hoffe dass
Baghira Totenwache hält, bevor Tschil kommt.
60
Die Geschichten
Mogli denkt an die Schlacht, in der Akela starb, als eine wilde Büffelkuh im Schilf aufspringt:
– Ein Mensch!
– Aber nicht doch, das ist kein Mensch, brummt Mysa, der wilde Büffel. Das ist der haarlose Wolf vom
Sionipack.
– Achso, ich hielt ihn für einen Menschen, so wie er brüllt.
– So schreien die, die Gras ausreißen und es nicht fressen können, antwortet Mysa.
– Geh mir nicht auf die Nerven, Mysa, sagte Mogli gereizt.
Mysa frisst ruhig weiter.
– Ich möchte hier nicht sterben, rief Mogli zornig. Mysa, vom gleichem Blut wie Tschakala und dem
Schwein, hält mich zum Narren. Ich muss hier fort, um meinen Frühlingslauf zu beenden.
Mogli konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich durch das Schilf an Mysa heranzupirschen und
ihn mit der Spitze des Messers zu piksen. Der Büffel schoss wie eine Granate aus dem Schlamm heraus und Mogli krümmte sich vor lachen.
– Jetzt kannst du verkünden, dass der haarlose Wolf vom Sionipack, dich gepikst hat, ruft Mogli .
– Ein Wolf? Der ganze Dschungel weiß dass du Viehhüter warst, ein Menschenkind von einem anderen Volk, das mit den Wölfen lebt. Du hast dich wie eine Schlange durch den Sumpf geschlichen, um
mich vor meiner Kuh lächerlich zu machen. Komm her, damit ich dich ...
– Ein Menschenvolk lebt hier in der Nähe?, funkt Mogli dazwischen.
– Ja!, antwortet Mysa wütend. Gehe nordwärts und du wirst es finden.
Mogli geht weiter Richtung Norden und lacht noch immer über den wütenden Bullen.
61
– Meine Kraft ist noch nicht ganz fort. Vielleicht ist das Gift nicht bis in den Knochen vorgedrungen!
Oh, was ist das denn da unten? Ein leuchtender Stern?
Er betrachtet den Horizont mit einem durchdringenden Blick.
Kaum ist Mogli in der Nähe des Dorfes, da bellen auch schon die Hunde. Eine Frau, mit einem weinenden Baby auf dem Arm, kommt aus ihrer Hütte, um zu sehen, was los ist.
– Psst, schlafe weiter, sagt sie zu ihrem Kind. Es ist nur ein Schakal, der die Hunde geweckt hat. Die
Nacht ist bald vorbei.
Mogli glaubt die Stimme wieder zuerkennen. Er ruft leise:
– Messua, Messua ...
– Wer ruft da?, fragt die Frau mit ängstlicher Stimme.
Der Frühlingslauf
– Beim Bullen für den ich gekauft wurde, es ist die rote Blume. Das Feuer, neben dem ich lag, bevor
ich zu dem Sionipack kam. Ich schleiche mich ran, damit ich sehen kann, ob das Menschenvolk sich
verändert hat.
– Kennst du mich nicht mehr?, fragt Mogli mit einem Kloß
im Hals.
– Wenn du es bist, nenne mir den Namen, den ich dir
gab!, sagt sie und versteckt sich hinten der Tür.
– Nathu!, antwortet Mogli.
– Mein Sohn, ruft sie und empfängt ihn mit offenen Armen.
Messua, um Jahre gealtert, stellt fest, dass Mogli erwachsen geworden ist.
– Das ist nicht mehr mein Sohn! Ein Gott der Wälder ist er!
Was willst du essen oder trinken? Alles hier ist dein. Wir
verdanken dir unser Leben.
– Ich bin weit von zu Hause fort und habe die rote Blume gesehen. Ich wusste nicht, dass ich dich hier finden würde.
– Nachdem wir in Khanhiwara angekommen sind, hat mein Mann Arbeit gefunden. Hier haben wir
etwas Land bekommen, doch der Boden ist nicht so gut wie im alten Dorf, aber für uns reicht er.
– Und wo ist dein Mann jetzt?, fragt Mogli.
– Er starb vor einem Jahr, antwortet Messua traurig.
– Und er?, fragt Mogli und zeigt auf das Baby.
62
– Mein Sohn, der vor zwei Regenzeiten geboren wurde. Wenn du ein Schutzgeist bist, so schenke
ihm die Gunst des Dschungels, damit er sicher ist unter deinem Volk, wie wir es in jener Nacht waren.
Messua legt ihren Sohn in seine Arme und spricht weiter:
– Und wenn du Nathu bist, den der Tiger fortschleppte, schluchzte Messua, dann ist es dein jüngerer
Bruder.
– Oh Mutter, wie schwer ist mir ums Herz.
– Das ist nicht verwunderlich, nach der langen Strecke, die du hinter dir hast ist. Außerdem hast du
den Morast durchquert. Es würde mich nicht wundern, wenn du Fieber hast. Ich mache das Feuer an
und wärme dir etwas Milch.
Nachdem sich Mogli gestärkt hat, schläft er tief und fest ein. Am nächsten Morgen vernehmen sie
draußen ein Geräusch. Messua erschrickt und zuckt zusammen. Es ist aber nur Graubruder.
– Warte draußen!, ruft Mogli. Mach dir keine Sorgen, Mutter. Dieser Wolf ist mein Freund, ich muss
zu ihm gehen.
– Ich verstehe dich, mein Kind, sagt sie zu ihm. Komme zurück, denn ich liebe dich. Sieh nur, sagt
sie zeigend auf das Baby, auch er ist traurig. Komme zurück, bei Tag wie bei Nacht, diese Türe steht
immer für dich offen.
Mogli verlässt die Hütte und spricht mit Graubruder.
– Warum seid ihr nicht gekommen, als ich euch rief?, fragt er.
Die Geschichten
– Wir haben im Dschungel die neuen Lieder gesungen, denn es ist die Zeit der «Neuen Rede». Und so
wie wir fertig waren, entfernte ich mich von den anderen und verfolgte deine Fährte. Aber du, kleiner
Bruder, was hast du gemacht? Hast du mit dem Menschenvolk gegessen und getrunken?
– Wärt ihr gekommen als ich euch rief, dann wäre das nicht passiert.
– Und was geschieht jetzt?, fragt Graubruder.
Mogli wollte gerade antworten, als ein Mädchen in weißen Gewändern aus dem Dorf herabsteigt.
Mogli versteckt sich schnell in einem hohen Ährenfeld, um sie besser beobachten zu können. Sie
bemerkt Mogli und schreit vor Schreck. Sie glaubt, einen Geist gesehen zu haben. Mogli ist verwirrt.
– Und nun?, seufzt Mogli, als er wieder zu Sinnen kommt. Ich habe keine Ahnung ...
Mogli maulte vor sich hin.
– Akela hat gesagt, dass der Mensch am Ende zu den Menschen zurückkehrt. Und Kaa, der weiser ist
als wir alle, sagt es auch. Wie denkst du darüber, Graubruder.
– Die Menschen haben dich verjagt, erklärt er. Sie schmissen mit Steinen nach dir und schickten Buldeo, um dich zu töten. Du hast sie für verrückt erklärt und böse genannt, sogar die Dschungeltiere
hast du auf sie gehetzt.
– Ja, aber was denkst du?
– Menschenkind, Meister des Dschungels, Sohn der Rakscha, mein Bruder, « Deine Fährte ist auch
meine Fährte, deine Schlafstelle ist auch meine Schlafstelle, deine Jagd ist auch meine Jagd und
dein Todeskampf ist auch mein Todeskampf ». Aber was willst du zum Dschungel sagen?
– Am besten spreche ich gleich mit ihnen. Rufe alle zum Ratsfelsen, ich werde ihnen erklären, wie es
in mir aussieht.
63
Mogli erreicht den Ratsfelsen. Er findet dort nur seine vier Wolfsbrüder, den fast blinden Balu und
Kaa, der auf Akelas hohem Thron zusammengerollt liegt. Mogli wirft sich zu Boden und verdeckt sein
Gesicht mit den Händen.
– Meine Kraft lässt mich im Stich und der Grund ist nicht das Gift. Ich habe das Gefühl, dass mich
jemand verfolgt und wenn ich mich umdrehe, sehe ich niemanden. Ich lege mich nieder, finde aber
keine Ruhe, ich mag nicht mehr töten und die rote Blume sitzt in meinem Körper.
– Wofür verlierst du noch so viel Worte? fragt Balu ihn. Hat Akela dir nicht prophezeit, Mogli würde
Mogli zum Menschenpack treiben? Auch ich habe es dir gesagt.
– Bei unserer ersten Begegnung in den kalten Grotten, unterbrach Kaa, wusste ich es auch, Sprössling.
Am Ende kehrt der Mensch zu den Menschen zurück, auch wenn der Dschungel ihn nicht verstößt.
– Der Dschungel verstößt mich nicht?, stammelt Mogli.
– So lange wir leben, wird keiner es wagen dich zu verstoßen!, heulten seine Brüder
wütend auf.
– Ich erkenne vielleicht nicht mehr den Felsen da vorne, aber meine Augen reichen weit,
Der Frühlingslauf
Graubruders Meisterworte
– Wir folgen dir die ganze Zeit, Mogli, außer in der Zeit der «Neuen Rede», das weißt du ganz genau.
Ich bin dir gefolgt, als das alte Pack dich ausstieß, genau wie heute. Und ich würde es immer wieder tun.
unterbricht sie Balu.
– Gehe deinen Weg, kleiner Frosch! Bereite dein Lager bei deinem eigenen Blut, deinem Pack und
deinem Volk. Aber benötigst du ein Fuß, ein Zahn oder ein Auge, dann erinnere dich an die ersten
Worte, dass der Dschungel dein ist, wenn du ihn rufst.
– O meine Brüder, weint Mogli, ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich will nicht gehen, aber ich fühle
mich hin und hergerissen.
– Kopf hoch, kleiner Bruder, es gibt keine Schande bei dieser Jagd, antwortet Balu. Wenn der Honig
gegessen ist, verlassen wir die leeren Stöcke.
– Wenn die Haut abgestreift ist, bekräftigt Kaa, kriecht man nicht wieder in sie hinein, so ist das Gesetz.
– Höre, du mir Liebster von allen, fuhr Balu fort. Keiner hier kann dich zurückhalten. Es ist nicht mehr
das Menschenkind das den Abschied vom Clan ersucht, sondern der Meister des Dschungels der
seine Fährte ändert.
– Ich kann aber nicht einfach so fortgehen! Baghira hat für mich einen Bullen getötet!
Da erscheint Baghira auch schon und mischt sich ein:
– Aber sicher kannst du das, Meister des Dschungels. Ich habe einen Bullen getötet, der dir deine
Freiheit wiedergibt. Gute Jagd auf deiner neuen Fährte! Und vergesse nie, dass Baghira dich liebt!
– Hörst du?, fragt Balu ihn. So, nun geh und folge deiner Fährte. Aber drücke mich vorher noch mal
ganz fest.
Mogli weint und drückt den blinden Bären ganz feste. In seinem Inneren weiß er, dass Balu recht hat.
64
Diese Episode schließt das lebhafte Dschungelleben von Mogli.
Sicherlich wird er noch weitere Abenteuer bei den Menschen erleben.
10
Die Geschichten
DIE WEIßE ROBBE
Hoch im Norden versammeln sich im Frühling Jahr für Jahr tausende Robben, an einem Ort, genannt
Novastoschna, an der östlichen Küste der kleinen Insel St. Paul im Beringsee, um sich zu paaren.
Auch Scharfzahn kommt jedes Jahr, um sich in wildem Kampf mit seinen Genossen den besten Platz
auf den Klippen für seine Familie zu erobern. Dieser fünfzehnjährige graue Seehund ist stets bereit,
seine Kräfte auf die Probe zu stellen. Dennoch greift er nie einen verletzten Seehund an, denn das ist
gegen das Gesetz der Bucht. Matka, sein Weibchen, erreicht die Bucht mit den anderen Frauen, um
ihre Jungen zu gebären. Über eine Million Seehunde sind nun in der Bucht versammelt.
Einige Tage später erblickt Matkas Sohn Kotick das Licht der Welt. Ein kleiner Seehund, mit hellen,
wasserblauen Augen, so wie alle jungen Seehunde es haben. Aber sein Fell ist anders als das der
anderen kleinen Seehunde.
– Was ist das denn?, bemerkt Scharfzahn erstaunt. Ein weißer Seehund! Das hat es noch nie gegeben!
Egal ob grau oder weiß, alle Seehunde müssen schwimmen lernen! Kotick übt sechs Wochen lang
ununterbrochen das Schwimmen im Beringsee. Jetzt hat er es geschafft! Nun kann er unbesorgt im
weiten blauen Ozean schwimmen und tauchen.
Als der Winter naht, verlassen die Seehunde die Insel St. Paul über den Stillen Ozean. Kotick und
seine Mutter folgen dem alten, weisen Seeschwein, damit die jungen Seehunde das Jagen lernen.
Sechs Monate später, weiß Kotick alles über die Jagd im Meer. Während dieser ganzen, langen Zeit
hatte er kein festes Land unter den Flossen.
Im Frühjahr erinnert Kotick sich an den weichen Sand von Novastoschna, den lustigen Spielen mit
seinen Kameraden, dem Lärm und all dem Getümmel. Ganz unwillkürlich schlägt er die nördliche Richtung ein und unterwegs begegnet er dutzende seiner alten Spielkameraden. Alle jungen Seehunde
seines Alters sind keine Babys mehr, aber auch noch nicht alt genug, eine Frau zu finden. Man nennt sie
jetzt Holluschickies. Auf der Insel wälzen sie sich im frischgrünen Seegras und erzählen die Geschichten, die sie draußen auf dem Meer erlebt haben. Doch alle wundern sich über Koticks weißem Fell.
65
– Hey Kleiner! Wo hast du denn dieses Fell gestohlen?, fragt ein älterer Holluschickie
erstaunt.
Die weiBe Robbe
– Ich habe es nicht gestohlen, antwortet Kotick, es ist von alleine gewachsen!
Als Kotick und seine Freunde weiter spielen, nähern sich zwei Männer: Kerick und sein Sohn Patalamon, Jäger des Galapagosstammes. Sie treiben rund hundert junge Seehunde ohne jeglichen Widerstand mit sich. Wo bringen sie sie hin? Kotick ist neugierig und er verfolgt sie. Das darf doch nicht
wahr sein! Der Schlachthof! Etwa zehn Männer tauchen mit Keulen auf und töten die Robben, um
ihnen anschließend das Fell abzunehmen. Beängstigt flüchtet Kotick, galoppierend, ja, ein Seehund
kann eine kurze Strecke sehr schnell galoppieren, in Richtung See. Vor Entsetzen sträuben sich seine
eben gewachsenen Schnurrbarthaare zu Berge. An der Bucht der Seelöwen angekommen, stürzt er
sich von dem erstbesten Felsvorsprung kopfüber in die Bucht.
– Wen haben wir denn hier?, fragt ein Seelöwe.
– Menschen schlagen am Strand alle Holluschickies tot!, heult Kotick verwirrt.
– Ja, das weiß ich!, antwortet der Seelöwe. Jedes Jahr das gleiche! Die Menschen wissen, dass ihr
immer zur gleichen Zeit hier seid und sie kommen um euch zu jagen. Ihr würdet euch besser eine neue
Insel suchen, die die Menschen nicht kennen.
– Meinst du?, fragt Kotick erstaunt. Gibt es denn so eine Insel?
– Ich habe sie nie gefunden, antwortet der Seelöwe. Suche den alten Hexenmeister auf der Walrossinsel. Er kann dir vielleicht weiterhelfen.
Kotick findet effektiv das alte Walross auf einer niedrigen Klippe in der Nähe der Walrossinsel.
– Guten Tag!, sagt Kotick. Kennst du eventuell einen Ort, den die Menschen nicht kennen und wo die
Robben ungestört leben können?
– Da musst du schon Weichnase, die Seekuh, fragen, antwortet der Hexenmeister. Falls er noch lebt,
wird er es dir bestimmt sagen können.
66
– Und wie erkenne ich ihn?, fragt Kotick.
– Ha, ha, ha!, schnattert die Eismöwe lachend. Das ist leicht! Es gibt nichts hässlicheres und unmanierlicheres im Meer. Du kannst ihn nicht verfehlen!
Zurück in Novastoschna versucht Kotick die anderen zu überzeugen, einen sicheren Ort für die Robben zu finden. Die anderen machen sich aber über ihn lustig und sagen, dass die Menschen schon
immer die Holluschickies getötet haben und wenn er solche Horrorszenen nicht sehen möchte, dann
soll er auch nicht zum Schlachthof gehen. Doch die anderen Robben wissen nicht, dass bisher keiner
das Gemetzel gesehen oder sogar überlebt hat. Kotick ist der Erste der zurück gekommen ist.
– Sieh zu dass du groß und stark wirst, sagt sein Vater. Und lerne zu kämpfen, damit du eines Tages
für dich und deine Familie einen Platz am Strand findest. Dann lassen die Menschen dich in Frieden.
– Mein Kleiner, du wirst es nie fertig bringen, dass das Töten aufhört, fügt seine Mutter hinzu. Geh
spielen und amüsiere dich im Meer!
Kotick schleicht sich schweren Herzens davon. Er ist traurig, da er nichts erreicht hat.
Früh im Herbst verlässt er die Bucht und macht sich alleine auf dem Weg. Er möchte die Seekuh finden. Wenn es solch ein Lebewesen überhaupt gibt, wird er es finden! Und mit seiner Hilfe findet er
eine Insel mit einem festen Sandstrand, wo sie sicher vor den Menschen sein werden.
Einige Jahre durchstreift er nun schon unermüdlich, von Norden bis Süden des Pazifiks, den Ozean.
Er erlebt zahlreiche Abenteuer und mehr als einmal konnte er schon einem Hai entkommen. Doch
niemals begegnete er einer Seekuh oder fand eine passende Insel. Entdeckte er eine geeignete
Bucht, wo auch die Robben spielen könnten, so sah er in weiter Ferne den Rauch eines Walfischfän-
Die Geschichten
gers, der Tran aus dem Speck kocht. Und Kotick weiß mittlerweile was das bedeutet!
Fünf Jahre durchquert er die Meere, um seine Trauminsel zu finden. Vier Monate ruht er sich in Novastoschna nur aus, wo die anderen Robben sich über ihn und seiner Trauminsel lustig machen. Er
besucht die Galapagos-, die Georgia- und die Emerald-Insel sowie den Kap Corrientes, die Orkneys
und sogar eine Insel südlich des Kaps der Guten Hoffnung. Doch überall sind die Menschen gegenwärtig und töten die Robben des Fells wegen.
Auf dem Heimweg erzählt er einem uraltem, sterbenden Seehund seinen Misserfolg:
– Diesmal kehre ich noch nach Novastoschna zurück. Und wenn die Menschen mich dann mit den
Holluschickies zum Schlachthof treiben, so lasse ich es zu.
67
– Aber, aber Kleiner, versuche es noch einmal!, ermutigt ihn der alte Seehund. Eine Sage erzählt von
einer weißen Robbe aus dem Norden, die unser Volk an einem sicheren Ort führen wird. Lass die
Flossen nicht hängen!
– Ich bin die einzige weiße Robbe, die je am Strand geboren wurde und ich bin die einzige Robbe,
die jemals daran gedacht hat eine neue Insel zu finden, antwortet Kotick und sein kleiner Schnurrbart
hebt sich stolz in die Höhe.
Wieder in Novastoschna, möchte seine Mutter, dass er heiratet und eine Familie gründet, weil er jetzt
erwachsen ist.
– Lass mir noch ein Jahr zeit, bittet Kotick seine Mutter. Heißt es nicht, dass die siebte Welle die weiteste ist?!
Kurz darauf lernt Kotick eine junge Robbe kennen, die auch wie er, erst im nächsten Jahr heiraten
möchte. Die Nacht vor seiner Abreise, tanzt Kotick mit ihr bis zum Morgengrauen entlang der Lukannonküste.
Als die Sonne aufgeht, macht Kotick sich westwärts auf dem Weg und folgt einem großen Schwarm
Heilbutten, um sich zu ernähren. Er jagt die Fische, bis er satt ist. Plötzlich entdeckt er seltsame Gestalten auf dem Meeresgrund.
Die weiBe Robbe
Darauf ist er stolz und fühlt sich stark genug weiter zu suchen.
– Bei der großen Brandung von Magellan, was in aller Tiefsee sind denn das für Völker?
Kotick traut seinen Augen nicht. Ihre Köpfe sind das Seltsamste, was er je gesehen hat. Die merkwürdigen Säugetiere ignorieren die Robbe und reagieren nicht auf Koticks Fragen. Sie starren ihn nur mit
ihren glasig grünen Augen an.
– Na so was!, äußert sich Kotick, ihr seid die hässlichsten und ungezogensten Geschöpfe, denen ich
jemals begegnet bin.
Schlagartig erinnert er sich an das, was die Eismöwe ihm bei der Walrossinsel zugerufen hatte. Kotick
ist sich nun sicher, dass er die Seekühe gefunden hat. Doch leider können Seekühe nicht sprechen.
Kotick ist aber überzeugt, dass sie die Insel kennen, die er sucht und er beschließt ihnen Richtung
Norden zu folgen. Was für eine anstrengende Seereise für Kotick! Die Seekühe schwimmen so langsam, dass die Robbe um sie herum kreist und so langsam die Geduld verliert. Nach Tagen folgen sie
endlich einer warmen Strömung und auf einmal schwimmen sie wie ein geölter Blitz.
Kotick folgt ihnen so gut er kann. Sie steuern auf einem aus dem Meer ragendem Felsen zu. In zwanzig Meter Tiefe entdeckt Kotick ein großes schwarzes Loch in der Felswand, in dem die Seekühe
nacheinander verschwinden. Kotick hat das Gefühl, der Tunnel nimmt kein Ende. Er bekommt kaum
noch Luft und so überraschender ist er, als ihm auf der anderen Seite Lichtstrahlen entgegenleuchten.
– Wahnsinn!, sagt er pustend und schnaufend aus dem Wasser tauchend. Das war ein langer Tauchgang, aber es hat sich gelohnt!
68
Die Seekühe haben sich verteilt und nagen in ihrer trägen Weise an den Pflanzen, die an einer langen,
von Kotick bestaunten Bucht, wachsen. Meilenweit erstrecken sich lange, durch das Wasser polierte,
Felsbänke. Genau das, was man braucht, um eine Brutstätte für Robben zu schaffen! Etwas höher
auf den Klippen entdeckt Kotick ideale Spielplätze auf hartem Sand; dichtes Gras und Dünen zum
Klettern und Spielen. Ein Paradies für Robben. Kotick ist überzeugt, dass kein Mensch es je schaffen
wird, in diese Gegend zu kommen. Scharfe Riffe ragen in nördlicher Richtung heraus, die keinem
Schiff gestatten, sich zu nähern.
Er durchquert wieder den Tunnel und benötigt ganze zehn Tage für seine Heimreise. Als erstes begegnet Kotick der charmanten Robbe, mit der er stundenlang getanzt hatte. Sie sieht gleich an
seinen Augen, dass er die Insel gefunden hat und umarmt ihn voller Freude. Aber die Holluschickies,
sein Vater Scharfzahn und die anderen Robben lachen ihn aus, als er von seiner Entdeckung erzählt.
– Ich habe endlich die Insel gefunden, wo wir glücklich und ungestört leben können! Aber ihr verhöhnt mich und wollt mir nicht glauben, bis man euch den dummen Kopf vom Rumpf abhaut! Nun,
ihr lasst mir keine andere Wahl, als euch den Kampf anzusagen. Dann mal los! Verteidigt eure Haut!
Voller Bewunderung hilft sein Vater ihm bei diesem Kampf. Sie kämpfen solange bis keine Robbe es
mehr wagt, den Kopf zu heben.
– Wer von euch begleitet mich nun zum Tunnel der Seekühe?, fragt Kotick.
– Wir folgen dir, antworten Tausende von erschöpften Stimmen, führe uns, Kotick, du weiße Robbe.
Eine Woche später verlässt Kotick, begleitet von rund tausend alten Robben und Holluschickies, die
Bucht Richtung Norden und sie machen sich auf dem Weg zu ihrem kleinen Paradies. Schnell verbreitet sich die Neuigkeit unter den zurückgebliebenen Robben und jährlich kommen immer mehr
Robben zu Koticks Insel.
Kotick hingegen, thront überglücklich auf dem gelobten Land der Robben, das die Menschen nie
finden werden.
11
Die Geschichten
RIKKI-TIKKI-TAVI
Mitten im Dschungel von Segowlee, bezieht eine englische Familie im Wasser einen
Bungalow. Einige Zeit später, nach einem Sturm, findet der kleine Junge der Familie
im Wasser einen leblosen Mungo.
– Schau mal, Mama, da liegt ein toter Mungo, sagt er.
– Ich glaube nicht, dass er tot ist, antwortet seine Mutter. Komm, wir nehmen ihn mit
nach Hause. Da kann er trocknen und sich erholen.
Sorgsam vor dem Kamin in Watte gelegt, öffnet er etwas später seine Augen und muss niesen.
– Erschreckt ihn nicht! Warten wir ab was er macht, sagt der Vater.
Einen Mungo erschrecken, das ist so ziemlich das Schwierigste auf der Welt: Dieses Tier ist von
Grund aus neugierig! Außerdem lautet seine Devise: «Entdecke die Welt». Aufgewärmt durch das
Feuer, rennt Rikki in allen Richtungen und schüttelt sein Fell, damit es wieder richtig liegt. Schließlich
setzt er sich auf die Schulter des kleinen Jungen Teddy und beschnüffelt ihn.
– Du brauchst keine Angst haben, Teddy, versichert ihm seine Mutter. Das ist seine Art, Freundschaft
zu schließen. Komm, wir geben ihm etwas zu essen, vielleicht hat er Hunger.
Nachdem das Tier ein Stückchen rohes Fleisch gegessen hat, setzt es sich auf die Veranda in der
Sonne, bis es ganz trocken ist.
– Hier im Hause sind mehr Dinge zu finden, als meine Familie je entdeckt hat, sagt er sich. Ich denke,
dass ich hier bleiben werde.
69
Den ganzen Tag erkundet Rikki den Bungalow und am Abend, als Teddy schlafen geht, legt er sich
ganz in seiner Nähe. Bevor die Eltern schlafen gehen, werfen sie noch einen Blick auf ihren Jungen
und sehen, dass Rikki wach auf dem Kissen liegt.
– Mir gefällt es gar nicht, dass dieser Mungo bei unserem Sohn schläft, flüstert die Mutter ihrem
Mann zu. Er könnte ihn beißen.
Am nächsten Morgen sitzt die Familie mit Rikki beim Frühstück. Er ist mit ihnen und springt von einem Schoß zum anderen und anschließend läuft Rikki in den Garten:
– Welch wunderbares Jagdgebiet, ruft er.
Mit hoch gesträubten Schwanz läuft er in allen Richtungen, riecht hier und schnüffelt
dort. Plötzlich hört er Stimmen im Busch: es sind Darsie, der Webervogel und seine
Frau.
– Was ist denn hier los?, fragt Rikki.
– Wir sind ganz unglücklich, antwortet Darsie. Eins unserer Jungen ist aus dem Nest
gefallen und Nag hat es gefressen.
Rikki-Tikki-Tavi
– Er wird im Traum nicht mal daran denken!, antwortet der Vater. Bei diesem Mungo ist Teddy sicherer aufgehoben, als bei irgendeinem Wachhund!
– Uih, wie traurig, erwidert Rikki. Aber, wer ist Nag? Ich bin neu hier.
Ein Zischen ertönt hinter ihm: «Ssssssssssssssssssssssss!» So scharf, klar und drohend, dass der Mungo
vor Schreck hochspringt! Eine große schwarze Kobra erhebt sich und starrt Rikki mit eiskaltem Blick an.
– Wer Nag ist fragts du! Ich bin Nag!, züngelt die Kobra! Schau mich an und fürchte dich!
Rikki hat keine Angst. Er weiß, dass der Mungo der natürliche Feind der Schlangen ist und er ihre
Jungen frisst.
– Woher nimmst du dir das Recht kleine Küken aus dem Nest zu fressen?, fragt Rikki.
– Du frisst doch auch Eier, warum soll ich denn keine Küken fressen?, erwidert Nag.
– Hinter dir!, piepst Darsie angstvoll. Pass auf, hinter dir!
Nagaina, das freche Weibchen von Nag, hat sich unbemerkt während der Unterhaltung hinter Rikkis
Rücken geschlängelt um ihn anzugreifen. Doch der Mungo springt so hoch, dass die Kobra ihn nicht
ergreifen kann. Der Angriff misslingt und Nagaina ist wütend! Blitzschnell verschwinden die beiden
Schlangen, ohne auch nur eine Spur im Gras zu hinterlassen.
Rikki setzt sich etwas weiter im Garten: Die Lage ist ernst und muss gut überdacht werden. Ein Sieg
ist nur mit einem wachen Auge und einer schnellen Sprungbereitschaft möglich. Während er überlegt, hört Rikki plötzlich das Zischen Karaits, einer kleinen graubraunen Schlange, die sich arglistig
im Staube verkriecht.
– Zittert alle, denn ich bin der Tod!, zischelt die Schlange.
70
Rikkis Augen glühen rubinrot und er tänzelt auf Karait zu, springt von unten nach oben, von links nach
rechts um zu entweichen und landet schließlich auf ihren Rücken. Rikki beißt der Schlange ins Genick
bis sie völlig gelähmt ist.
Der kleine Teddy beobachtet die Szene und ruft ganz aufgeregt seine Eltern:
– Kommt schnell, unser Mungo tötet eine Schlange!
Der Vater nimmt einen Stock und schlägt mehrmals auf die Schlange ein. Doch die Schlange lebt
nicht mehr, denn Rikki hat gute Arbeit geleistet und wälzt sich nun im Staub. Weinend nimmt Teddys
Mutter Rikki in den Armen:
– Danke, lieber Rikki! Danke, dass du Teddy gerettet hast.
Rikki versteht die Welt nicht mehr: Jeder andere Mungo hätte doch
genau so gehandelt wie er! An diesem Abend dachte Rikki oft an
Nagaina und Nag, und als Zeichen seiner Anwesenheit posaunt
er seinen Jagdruf: « Rikki-Tikki-Tikki-Tschik! ».
Nach dem Abendessen durchsucht er das Haus und entdeckt
im dunkeln Tschutschundra, die an einer Wand entlangkriecht.
– Töte mich nicht, liebster Rikki!, fleht die Bisamratte.
– Glaubst du ein Schlangentöter vergreift sich
an Bisamratten?, fragt Rikki.
Die Geschichten
– Wer auf Schlangenjagd geht, kann leicht selbst von Schlangen gefressen
werden, meint Tschutschundra bekümmert. Und wie bist du dir sicher, dass
Nag uns beide nicht in der Nacht verwechselt?
– Ganz einfach, antwortet Rikki, weil Nag im Garten lebt.
– Psst, hörst du das?
Rikki spitzt seine Ohren und kann nur ein leises Schrabben hören, wie das Schürfen einer Schlangenhaut auf Ziegelsteinen.
– Still! Das muss Nag oder Nagaina sein! bemerkt Rikki. Gut aufgepasst, Tschutschundra!
Rikki schleicht zum Abflussrohr im Badezimmer und bekommt die Unterhaltung der beiden Schlangen mit:
– Du musst zuerst Teddys Vater töten, sagt Nagaina.
– Und anschließend kümmern wir uns um diesen dreckigen Mungo. Dann sind wir wieder König und
Königin des Gartens.
– Vielleicht schon morgen kriechen die Jungen aus unseren Eiern, sagt Nagaina. Dann brauchen sie
viel Platz und Ruhe.
– Ich werde zuerst den Mann töten, dann die Frau und das Kind, anschließend verlasse ich ganz leise
das Haus. Wenn die Familie nicht mehr da ist, wird Rikki auch das Haus verlassen, bestätigt Nag.
Rikki ist außer sich vor Wut! Und dann schiebt sich auch schon Nags Kopf durch das Abflussrohr des
Badezimmers. Die Kobra versteckt sich im Wasserkrug und lauert Teddys Vater auf. Nach einer Stunde schleicht er sich zum Krug.
– Falls ich ihn nicht beim ersten Sprung das Rückgrat breche, dann gute Nacht, denkt der Mungo. Ich
muss den Kopf oberhalb der Haube packen und darf ihn nicht wieder loslassen!
71
Nags Kopf ragt aus dem Krug. Rikki stützt sich ab und springt auf die Kobra. Der Mungo wird hin und
her geschleudert, von links nach rechts, von oben nach unten. Rikki hat überall Schmerzen, doch er
lässt nicht locker! Die Ehre der Mungos steht auf dem Spiel! Plötzlich hört er einen lauten Knall: ein
heißer Windstoß nimmt ihm das Bewusstsein. Teddys Vater hat Nag mit seinem Gewehr erschossen.
– Alice!, ruft Teddys Vater. Schon wieder der Mungo! Diesmal hat Rikki das Leben von uns beiden
gerettet!
– Nag ist tot - tot - tot, singt der Vogel etwas schief. Der tapfere Rikki packte ihm am Kopf und ließ
nicht mehr los. Der große Mann kam mit der Donnerbüchse - bum - bum und Nag zerfiel in zwei
Stücke! Niemals wird er mehr meine kleinen Babys fressen! Der Mann hat ihn auf den Misthaufen
geworfen! Feiern wir den großen, rotäugigen Rikki-Tikki-Tavi!
– He! - Hör auf!! Du leichtsinniger Federball, Dein Gesang kommt zu früh!!, ruft Rikki verägert. Wo ist
Nagaina?
Darsie singt sein schönes Lied weiter und Rikki ist sauer.
Rikki-Tikki-Tavi
Der kleine Mungo konnte nicht sagen, ob er noch lebt oder schon tot war, dermaßen wurde er hin
und her geschleudert. Am nächsten Morgen fühlt er sich schlapp und ist stolz auf sich. Ein Kampf
steht ihm aber noch bevor: Nagaina und ihr Jungen! Damit ihm das gelingt benötigt er Darsies Hilfe.
– Ihr seid dort oben in eurem Nest in Sicherheit, aber ich hier unten, befinde mich im Krieg!
Kannst du nicht mal eine Minute deinen Schnabel halten, Darsie?
– Für den großen, herrlichen Rikki, mache ich alles! Was kann ich für dich tun?, fragt Darsie.
– Ich frage dich nun zum zweiten Mal, wo ist Nagaina?
– Auf dem Misthaufen, in der Nähe der Ställe. Sie trauert um Nag, erklärt Darsie. Ihre Jungen sind im
Melonenbeet.
– Danke für diese Information! Darsie, fliege zu den Ställen und tue so, als ob du dir einen Flügel gebrochen hast. Lasse dich dann von Nagaina bis zum Dornenbusch jagen. Ich muss zum Melonenbeet
und du musst mir dabei helfen indem du sie ablenkst.
Darsie kann aber nur einen Gedanken auf einmal in seinem kleinen Gehirn festhalten und das ist ein
Problem. Seine Frau hat sofort verstanden und hilft Rikki. Sie versteht, dass die Eier die Rikki zerstören möchte, später eine Gefahr für ihre Jungen sein könnten. Sie fliegt zum Misthaufen und piepst
jämmerlich:
– Der kleine Junge hat mit einem Stein nach mir geworfen und nun ist mein Flügel gebrochen! Au,
das tut so weh!
Nagaina wird aufmerksam und jagt sofort den verletzten Vogel. Rikki hört wie sie sich auf dem Kiesweg vom Stall entfernen. Er nutzt die Gelegenheit und schleicht zum Melonenbeet, wo er die fünfundzwanzig Eier, im warmen, findet. Der Mungo zerdrückt einzeln die Eier der Babykobras. Fast am
Ende, hört er plötzlich Darsies Weibchen:
– Nagaina ist mir bis zum Haus gefolgt, doch schnell bemerkte sie, dass ich sie reingelegt habe. Rikki
komme schnell, sie will Teddy und seine Eltern töten!
72
Rikki nimmt ein Ei in den Mund, zerdrückt die restlichen Eier und rennt wie von einer Tarantel gestochen zum Haus. Teddy und seine Eltern sitzen wie versteinert vor Nagaina, die Nags Tod rächen
möchte. Rikki nähert sich und droht der Kobra das letzte Ei aus ihrer Brut zu töten.
– Ssss! Gib mir das Ei, tobt sie.
– Ich habe sie alle getötet. Das ist das letzte! Ich war es, der Nag im Badezimmer getötet hat. Ich habe
ihm das Genick gebrochen, bevor der Mann auf ihn schoss.
– Gib mir das Ei und ich verspreche dir fortzugehen. Ich werde auch niemals wiederkommen.
Nagaina und Rikki bekämpfen sich. Nagaina gelingt es das Ei wieder zu bekommen und schießt wie
ein geölter Pfeil Richtung Garten, um sich in Sicherheit zu bringen. Rikki versucht ihr zur folgen, aber
eine Schlange auf der Flucht ist sehr schnell! Darsie und seine Frau konnten sie stoppen. Rikki holt die
Kobra ein und beißt ihr in den Schwanz. Nagaina verkriecht sich in ein Loch und reißt Rikki mit sich.
Darsie glaubt, dass Rikki tot ist und stimmt ein Trauerlied an. Doch plötzlich kriecht Rikki unverletzt
aus dem Loch und berichtet, dass Nagaina niemals mehr zum Garten zurückkehrt. Die Ameisen sind
schon damit beschäftigt sie zu fressen.
Nach diesem erlebten Moment, ist Rikki mit seinem Kräften am Ende und schläft den ganzen Nachmittag. Als er endlich erwacht, bittet er Darsie, dem Kupferschmied, ein weiterer Vogel, Nagainas
Tod zu verkünden. Alle Tiere im Garten wissen nun, dass sie in Frieden leben können. Im Bungalow
wird Rikki als wahrer Held von der ganzen Familie empfangen. Seit diesem Tag bewacht er stolz, wie
ein wahrer Mungo, den Garten und keine Kobra wagt es sein Revier zu betreten.
12
Die Geschichten
TOOMAi DER ELEFANTEN
Kala Nag ist ein schwarzer Elefant, der im Dienst der indischen Regierung steht. Er ist siebzig Jahre
alt und hat den afghanischen Krieg miterlebt. Seit einigen Jahren dressiert er in den Garobergen die
wilden Elefanten. In Indien werden wilde Elefanten von Menschen gejagt: ihr Ziel ist es sie zu dressieren um sie im Dienst der Regierung einzusetzen. Diese Elefanten stehen unter dem ausdrücklichen
Schutz der Regierung. Nachdem die Jäger sie eingefangen haben, kommen sie in ein Tiergehege
und Kala Nag übernimmt dann die Aufgabe des Tierbändigers. Er bändigt sie und bringt ihnen Gehorsam bei.
Kala Nag steht im Dienst des großen Toomai, dem Kornak. Ein Kornak ist ein Mensch, der die Elefanten dressiert und führt.
– Der schwarze Elefant hat vor nichts Furcht, außer vor mir, erklärt großer Toomai seinem Sohn, dem
kleinen Toomai.
– Vor mir hat er auch Angst, quäkt kleiner Toomai, ein Dreikäsehoch, er macht alles, was ich ihm sage.
Kleiner Toomai ist zehn Jahre alt. Er ist der älteste Sohn des großen Toomai. Eines Tages wird er,
genau wie sein Vater und sein Großvater, das Amt übernehmen und den schweren, eisernen Ankus,
einen Elefantenhaken, gebrauchen, um die Elefanten zu dressieren.
Kleiner Toomais Traum ist es, dass ein reicher Raja, Kala Nag kaufen wird, um ihn zum Elefanten des
Königs zu machen. Und dann kann auch kleiner Toomai auf dem Rücken des Elefanten steigen und
sich stolz zur Schau stellen.
Toomai der Elefanten
73
– Es wird aber bestimmt nicht so schön sein wie das Jagen der wilden Elefanten im Dschungel, denkt
er sich.
Kleiner Toomai hilft die meiste Zeit den Kornaks: er gibt den Elefanten zu essen und lernt sie zu
dressieren. Am liebsten steigt er aber die Wege hinauf, die nur die Elefanten durchqueren können;
beobachtet aus weiter Entfernung die wilden Elefanten sowie die erschrockene Flucht des Pfaus oder
des Wildschweins, bei der Ankunft von Kala Nag oder verfolgt den Kampf zwischen Kala Nag und
den wilden Elefanten im Keddah, eine kleine Koppel im Lager der Kornaks wenn Kala Nag den neuen
Elefanten den Respekt vor den Menschen beibringt.
Eines Tages, während einem Kampf, steigt kleiner Toomai von seinem Pfosten, von wo er das Spektakel beobachtet hat und betritt das Gelände des Keddahs. Er schafft es, die Kordel eines wilden
Elefanten zu fangen und reicht sie dem Mann, der sie eigentlich fangen wollte. Kala Nag, wütend
ein Kind im Keddah zu sehen, packt ihn mit dem Rüssel und überreicht ihn seinem Vater. Sofort wird
kleiner Toomai von seinem Vater ausgeschimpft.
– Was fällt dir ein den Keddah zu betreten, um einen wilden Elefanten zu fangen? Nur die Jäger haben
hier Zugang. Wenn Petersen Sahib das erfährt, bekommen wir Probleme!
– Was kann uns denn schon passieren?, fragt kleiner Toomai.
– Man merkt, dass du Petersen Sahib nicht kennst. Das ist ein Irrer. Würde er sonst diese wilden Teufel
jagen? Er ist es, der entscheidet, wer Elefantenjäger wird. Er ist sehr gefährlich. Nun, hoffen wir, dass
diese Geschichte bis zum Jagdende vergessen ist. Als Strafe kannst du Kala Nag waschen!
74
Die Geschichten
Kleinlaut stiehlt sich kleiner Toomai davon. Er erzählt Kala Nag seine Geschichte und flüstert ihm ins
Ohr:
– Es ist alles halb so schlimm. Wenigstens hat Petersen Sahib etwas von mir gehört. Wer weiß, vielleicht fragt er mich ja eines Tages, ob ich Jäger werden möchte! Versprich mir aber, dass du meinem
Vater nichts sagen wirst.
Einige Tage später kommt Petersen Sahib ins Lager. Er entlohnt die Kornaks für ihre geleistete Arbeit
während der Saison. Man erzählt ihm die Neuigkeiten und so erfährt er die Geschichte eines kleinen
Jungen, der während eines Kampfes, den Keddah betreten hat. Machua Appa, Petersen Sahibs Vorarbeiter, zeigt auf den kleinen Jungen.
– Er hat ganz alleine die Kordel eines jungen Elefanten gefangen!
– Wie heißt du?, fragt Petersen Sahib verdutzt.
Kleiner Toomai ist so verdutzt, dass er kaum sprechen kann. Sein Vater mischt sich ein:
– Dieser kleine Frechdachs ist kleiner Toomai. Er ist mein Sohn, sagt er stirnrunzelnd. Er ist ein Taugenichts und wird im Gefängnis landen, für das, was er gemacht hat, Sahib.
– Daran zweifle ich!, antwortet Petersen Sahib. Ein Junge, der sich so jung in ein Keddah hinein wagt,
landet nicht im Gefängnis! Hier Kleiner, ein paar Groschen für dich. Kaufe dir was Süßes. Wenn es
soweit ist, kannst du vielleicht ein Jäger werden. Aber vergiss nicht: Ein Keddah ist kein Spielplatz.
– Darf ich denn nie mehr hineingehen?, fragt kleiner Toomai mit stockender Stimme.
– Doch, sobald du den Tanz der Elefanten gesehen hast!, lacht Sahib verstohlen. Dann kannst du zu
mir kommen und ich lasse dich in den Keddah hinein.
Wieder erschallt tobendes Gelächter. Großer Toomai runzelt die Stirn, denn kleiner Toomai weiß
nicht, dass bisher keiner den Tanz der Elefanten gesehen hat. Ein Mythos spricht von einem versteckten Ballsaal der Elefanten, irgendwo im Wald. Man kann ihn nur durch Zufall entdecken und bisher
hat noch niemand die Elefanten wirklich tanzen sehen. Und das bedeutet für kleiner Toomai, dass er
niemals mehr einen Keddah betreten wird.
75
– Was ist denn in diesem Elefanten gefahren? Wittert er vielleicht die anderen, die noch im Dschungel
sind?, fragt großer Toomai.
– Nein, das kann nicht sein, wir haben sie alle eingefangen, antwortet ein Kornak. Halten wir uns nicht
daran auf, wir wissen doch alle was sie planen!
– Wovon redest du? Was planen sie?, fragt kleiner Toomai neugierig.
– He, Kleiner! Bist du auch wieder da? Nun gut, dir werde ich es sagen, du hast einen gesunden Menschenverstand. Tanzen werden sie, ja tanzen! Dein Vater, der so viel Zeit damit verbracht hat sie zu
putzen, soll sie heute Abend nur gut festbinden.
Toomai der Elefanten
Stolz kehrt kleiner Toomai nach Hause. Petersen Sahib hat ihn wahrgenommen und ihm sogar für sein
Handeln Geld gegeben. So etwas was geschieht nicht jeden Tag! Plötzlich ruft ein Treiber großer
Toomai und Kala Nag zu Hilfe, weil ein gefangener Elefant nicht mehr weiter gehen will.
– Pfff! Dummes Geschwätz!, knurrt großer Toomai. Seit Generationen schon, habe ich noch nie von
solchen Tänzen gehört.
– Ist ja klar, du kennst ja auch nur deine eigenen vier Wände, erwidert der Kornak. Darum glaubst
du mir nicht. Ich kann dir nur raten deine Elefanten diese Nacht gut festzubinden, sonst wirst du es
bereuen.
Am Abend werden die Elefanten einzeln angebunden: das Hinterbein fest an einem tief eingeschlagenem Pfahl.
– Seilt die neuen Elefanten mit Extrastricken an und stellt das Futter vor ihnen, wird befohlen.
Während der Fütterung schlendert kleiner Toomai fröhlich durch das Lager. Er ist auf der Suche
nach einem Tamtam. Der Zuckerhändler des Lagers leiht ihm seines. Kleiner Toomai setzt sich vor
Kala-Nag im Schneidersitz und trommelt drauflos. Je mehr er über die große Ehre nachdenkt, die ihm widerfahren ist, desto lauter spielt er das Tamburin. Außerdem ist
der Himmel sternenklar, eine so schöne Nacht für kleiner Toomai, der schließlich
neben Kala Nag im Heu einschläft. Die Elefanten machen es ihm nach und bald
kehrt Ruhe ein. Außer Kala Nag! Er wacht und folgt den Geräuschen der Nacht.
Im Halbschlaf vernimmt kleiner Toomai das Trompeten eines wilden Elefanten.
Er schlägt die Augen auf und die Nacht ist hell wie der Mond. Alle Elefanten schrecken hoch und werden unruhig. Die Männer eilen herbei,
um bei dem einen oder anderen die Seile fester zu spannen. Das
Seil von Kala Nag ist aus Kokosfasern. Doch, mit einem Ruck reißt
er sich von der Kordel los und entfernt sich leise aus dem Lager. Geduckt, um nicht gesehen zu werden, läuft kleiner Toomai
Kala Nag hinter her.
76
– Kala Nag, Kala Nag, Nimm mich mit, bitte Kala Nag!, fleht
der kleine Junge.
Der Elefant dreht sich um, zögert einen Moment, umfasst ihn und hebt ihn auf
seinen Rücken. Gleich darauf macht er sich leise auf dem Weg. Ab und zu kracht ein Ast
unter seinen Pfoten, ansonsten ist er völlig lautlos. Sie durchqueren den Dschungel und besteigen einen Hügel: Kleiner Toomai kann nun die Baumwipfel und den Dunst über den Fluss
erkennen. Anschließend, geht es im rasanten Tempo wieder bergab. Kleiner Toomai drückt
sich ganz fest am Elefantenrücken, aus Angst ein Ast im Gesicht zu bekommen.
Unten angekommen, durchqueren sie nun einen Sumpf. Kala Nag sinkt immer wieder ein und
kommt schwer voran, doch sie schaffen es schließlich bis zum Fluss. Plötzlich sieht kleiner Toomai Schatten im Dschungel und hört Gepolter und Rumoren.
– Oh!, ruft der kleine Junge leise. Ist denn heute Abend das ganze Elefantenvolk unterwegs? Ist
das der Elefantentanz?
Kala Nag steigt aus dem Fluss und trompetet seinen Rüssel frei. Weitere Elefanten kommen dazu und gemeinsam kommen sie einfacher voran. Er braucht keinen Weg mehr frei zu machen: das
haben andere vor ihm gemacht. Zusammen steigen sie einen
weiteren Hügel hinauf und erreichen eine leere Lichtung: nur
festgetrampelte Erde und kein einziger grüner Halm weit und
breit.
Die Geschichten
Kleiner Toomai kann zwar schon bis zehn zählen, er kann aber nicht sagen, wie viele Elefanten hier
sind, so zahlreich sind sie. Er hat keine Angst: die Elefanten wissen, dass sie die Menschen die sich
auf dem Rücken eines zahmen Tieres befinden, in Ruhe lassen müssen. Pudmini, Petersen Sahibs
Lieblingselefant, ist ebenfalls da. Kleiner Toomai erkennt ihn an der abgerissenen Kette, die er noch
um seinen Fuß trägt. Die Elefanten gehen aufeinander zu und unterhalten sich in ihrer Sprache. Auf
einmal verdeckt eine dicke Wolke den Mond und es ist stockdunkel im Dschungel. Doch das Dröhnen
und das Getrampel hören nicht auf. Plötzlich, ein Elefant trommelt los und nach fünf bis sechs grausamen Sekunden, machen alle mit: was für ein Höllenlärm! Dann stampfen die Elefanten mit ihren Vorderbeinen auf den Boden. Lauter und lauter. Fast wie Kriegstrommeln. Durch diese Erschütterungen
werden auch die allerletzten Tautropfen von den Bäumen geschüttelt. Es ist so laut, dass sich kleiner
Toomai die Ohren zuhält.
Erst nach zehn Minuten hört der Lärm abrupt auf. Die Elefanten bewegen sich mit kleinen Schritten
vorwärts. Und der Lärm geht von vorne los. Und das während zwei langen Stunden. Mit den ersten
Sonnenstrahlen verstummt schlagartig das Stampfen der Elefantenfüße. Bevor kleiner Toomai wieder einigermaßen klar im Kopf ist, sind alle verschwunden. Keine einzige Spur, die sagt, welche
Richtung sie genommen haben. Kleiner Toomai stellt fest, dass die Lichtung größer geworden
ist.
– Uff, sagt er mit müden, schweren Augen. Kala Nag, lass uns mit Pudmini ins Lager von Petersen Sahibs zurückkehren, bevor ich einschlafe.
Zwei Stunden später steigt im Lager die Sonne auf und der Tag beginnt. Petersen Sahib
frühstückt im Schatten eines Baumes. Pudmini und Kala Nag werden von den trompetenden
Elefanten schon empfangen. Erschöpft, versucht der Junge sich auf dem Rücken des Elefanten zu halten.
– Ich sterbe! ruft er, völlig entkräftet.
– Der Tanz ... der Elefantentanz! Ich habe ihn gesehen ... Ich sterbe!
77
Nach zwei Stunden erwacht er in Petersen Sahibs Hängematte. Neben ihm steht ein Glas mit
warmer Milch. Er schildert ihnen alles, was er gesehen hat.
Seine Berichterstattung hat ihn total erschöpft. Kleiner Toomai legt sich entkräftet nieder
und schläft den ganzen Nachmittag. Währenddessen folgen Petersen Sahib und Machua
Appa der Spur der beiden Elefanten. Schnell finden sie was sie suchen und erreichen die
Lichtung, die von den Elefanten zertrampelt wurde. Petersen Sahib ist verblüfft: zum
ersten Mal in seinem Leben sieht er einen Ballsaal.
– Der Junge hat die Wahrheit gesagt, bemerkt Machua Appa. All das ist letzte
Nacht geschehen und die Spuren sind noch ganz frisch. Ich zähle mindestens 77
Fährten die durch den Fluss führen. Fünfundvierzig Jahre bin ich meinem Herrn,
dem Elefanten gefolgt, aber noch nie habe ich das gesehen, was dieses Kind
gesehen hat.
Toomai der Elefanten
– Wenn ihr glaubt, dass nur ein Wort gelogen ist, dann schickt Männer dorthin. Sie werden sehen, dass die Elefanten den Ballsaal mit ihren Pfoten zertrampelt haben, genauso werden sie
Dutzende von Spuren finden, die sie zu diesem Ballsaal führen werden. Ich habe es mit eigenen
Augen gesehen. Kala Nag hat mich mitgenommen und ich konnte alles mitverfolgen. Auch er
muss müde Beine haben nach dieser langen Nacht.
Im Lager befiehlt Petersen Sahib, dass man zwei Schafe und einige Hühner opfert: dieses Ereignis
muss gefeiert werden. Ein großes Festessen findet zu Ehren des kleinen Toomai statt, denn er hat
die Fährte zum Ballsaal der Elefanten gefunden. Alle, die mit den Elefanten arbeiten, würdigen den
kleinen Jungen. Machua Appa erhebt sich und ergreift das Wort.
– Hört mich an, Brüder! Hört her! Dieses Kind soll von nun an nicht mehr kleiner Toomai heißen, sondern Toomai der Elefanten, so wie sein Urgroßvater einst genannt wurde. Er hat uns seine Tapferkeit
bewiesen und er soll ein großer Treiber werden, wahrscheinlich größer als ich, Machua Appa.
Nach diesen Worten trompeten alle zu Ehren des neuen Toomai der Elefanten, einen ohrenbetäubenden Salut, den sonst nur der Vizekönig von Indien zu hören bekommt.
78
13
Die Geschichten
DAS WUNDER DES Purun bhagat
In einem der halb autonomen Staaten im nordwestlichen Teil Indiens lässt ein Brahmane, eine Art
Priester der höheren Kaste, sein Leben Revue passieren. Ihm ist klar, dass man sich gut mit den
Engländern halten muss und das mögen, was sie gut finden, um im Leben weiterzukommen. Und so
steigt Purun Dass, dank einer guten englischen Ausbildung an einer Universität in Bombay, Stufe für
Stufe auf, bis er Premierminister des Königreichs ist.
Als der alte König stirbt, erlangt Purun Dass bei dem jungen Thronerben, der von einem Engländer
erzogen wurde, hohes Ansehen. Gemeinsam gründen sie Schulen für Mädchen, eröffnen Staatsapotheken, landwirtschaftliche Ausstellungen usw. Doch für Purun Dass ist es schwierig den Bürgern zu
erklären, was für die Engländer gut ist, ist auch gut für die Asiaten.
Eines Tages reist er nach England, besichtigt alle Ecken von London und trifft sich mit zahlreichen
Leuten. Er wird im großen Stil von Universitäten empfangen, ihm werden Ehrentitel verliehen und er
hält Reden vor großem Publikum.
Als er nach Indien zurückkehrt, wird er zum «Großritter des Ordens des indischen Reiches» ernannt.
Am selben Abend noch wird ihm der Adelstitel verliehen und ein großes Fest für ihn organisiert. Von
nun an darf er sich Sir Purun Dass, Großritter des Ordens des indischen Reiches nennen.
Er verlässt mit einem Antilopenfell, einer Krücke mit einem Messingknopf und einer Schale aus braunem, handpoliertem Seekokos, barfuß die Siedlung. Er bekommt noch so halb mit, dass zu Ehren des
neuen Premierministers Kanonensalven abgefeuert werden. Doch das ist für Purun Dass alles nun
Vergangenheit! Jetzt wartet ein friedliches und ruhiges Leben auf ihn.
Wo immer die Dämmerung ihn auch überrascht, breitet er am Abend sein Antilopenfell aus: in einem
Kloster, am Rande der Straße oder aber am Eingang eines Hindudorfes. Er nennt sich nun Purun Bhagat. Seine Füße bringen ihn in allen Ecken Indiens. An einem schönen Tag folgt er dem ausgetrockneten Guggerflusses, der sich nur füllt, wenn es in den Bergen regnet, bis er die Kette des Himalajas
erblickt. Er lächelt und denkt an seine Mutter, die hier geboren wurde, die ihm erzählt hat, dass ein
Mensch dorthin zurückkehrt, wo seine Wurzeln sind.
Das letzte Mal war er in prachtvoller Aufmachung in diesem Staat, um einen Vizekönig zu besuchen.
Heute genießt er den herrlichen Anblick der Täler, die sich vor ihm ausbreiten. Und das ist erst der
Anfang seiner Reise.
Er überquert das Himalaja-Gebirge und setzt seine Reise Richtung Tibet fort. Auf seinem Weg begegnet er tibetischen Hirten mit ihren Hunden und ihren Schafherden, umherziehende Holzfäller
sowie Lamas aus Tibet, doch Menschen bekommt er kaum zu Gesicht.
– Das nenne ich schönes Leben, betont Purun Bhagat. Mein altes Leben habe ich hinter mir gelassen.
Ich habe alle Zeit der Welt zu wandern, alles zu beobachten, nachzudenken so oft und so viel ich
möchte.
79
Das Wunder des Purun Bhagat
Nach den Feierlichkeiten kehrt in der Stadt wieder Ruhe ein. Etwas später macht Purun Dass etwas,
das einem Engländer nie im Traum einfallen würde: er gibt seine Stellung, seinen Palast und seine
Macht auf, um ein Sanyasi, ein wandernder Bettler zu werden. In Indien kommt es oft vor, dass eine
Person der höheren Kaste alles aufgibt, um ganz einfach leben zu können. Deshalb wundert sich auch
keiner: er hatte eine schöne Kindheit, hat alle Auszeichnungen verdient und war ein Kämpfer, obwohl
er nie eine Waffe getragen hat. Nun lässt er all dies fallen, wie ein Mann, der den Mantel abwirft, den
er nicht mehr braucht.
Eines Abends erreicht er nach einem zweitägigen Aufstieg, den Gipfel einer schneebedeckten Gebirgskette. Ein dunkler dichter Wald aus Nuss- und Obstbäumen erhebt sich auf dem Berg. Mittendrin befindet sich ein verlassener Schrein der Kali, auch Pockengöttin genannt. Er breitet sein
Antilopenfell aus, setzt sich und betrachtet den Berghang, der genau unter dem Schrein
verläuft. Etwas tiefer erkennt er ein kleines Dorf, das sich aus Steinhäusern
unter gestampften Erddächern zusammensetzt.
– Hier werde ich Frieden finden, denkt er.
Kaum hat Purun Bhagat das Feuer angemacht, als der Dorfpriester den
Hang hinauf kommt, um ihn willkommen zu heißen. Den Bergbewohnern
macht es nichts aus ein paar hundert Fuß den Berg hinauf zu gehen. Der Priester begrüßt Purun Bhagat, bückt sich, nimmt schweigend die Bettelschale und steigt ins Dorf zurück.
– Wir haben einen Heiligen in unserem Tempel, verkündet er. Ich habe es an seinen Augen gesehen.
Er ist ein Brahmane.
– Glaubt ihr, dass er bei uns bleiben wird?, fragen die Dorffrauen.
– Ich weiß es nicht.
Sie bereiten ihm sofort ein paar herzhafte Gerichte zu, die aus Buchweizen, Mais, Reis, rotem Pfeffer
und kleinen Fischen, die sie im Gebirgsbach des Tals gefischt haben, bestehen. Der Priester bringt
Purun Bhagat die fertigen Gerichte und stellt ihm die Frage der Frauen:
– Gedenken sie hierzubleiben?
– Ja, das habe ich vor, antwortet Purun Bhagat.
80
– Stellen sie die Bettelschale immer vor dem Tempel. Wir werden ihnen täglich etwas zu essen bringen, denn wir fühlen uns geehrt und sind glücklich, dass sie hierbleiben.
Jeden Morgen stellt ein Dorfbewohner die gefüllte Bettelschale leise vor dem Schrein ab. Manchmal war es der Priester, manchmal ein Kaufmann. Doch meistens kommt die Person, die das Essen
abends vorbereitet hat. Purun Bhagat hingegen steigt nie ins Dorf hinunter.
In der Umgebung des Kalitempels kommen die Tiere, um den Eindringling zu beschnüffeln. Die Languren, die großen graubärtigen Affen des Himalajas, sind die ersten, die sich Purun Bhagat nähern.
Sie stoßen die Bettelschale um und drehen sich während Stunden um ihn herum. Doch Purun Bhagat
zeigt keine Reaktion und bleibt friedlich. Seitdem bleiben die Affen in seiner Nähe und wärmen sich
mit ihm am Feuer. Es kommt auch schon mal vor, dass am nächsten Morgen ein Affe auf seiner Decke
liegt.
Nun nähert sich auch der Barasingha, der große Hirsch. Er reibt die behaarte Haut seines Geweihs
gegen die kalten Steine der Kalistatue. Purun Bhagat rührt sich nicht und der königliche Hirsch nähert
sich ganz langsam. Purun Bhagat kann ihn sogar streicheln. Wenig später bringt der Hirsch auch seine
Hindin und das Kälbchen mit.
Schließlich nähert sich auch das Moschustier, das scheueste und kleinste Rotwild, dem Sanyasi. Purun
Bhagat nennt sie alle seine Brüder und sein leiser Ruf «Bhai, Bhai!», lockt die Tiere zu ihm. Der schwarze Himalajabär Sona beobachtet ihn von Weitem. Aber da Purun Bhagat keine Angst zeigt, bleibt
der Bär ruhig. Es kommt vor, dass der Bär um Brot, wilde Beeren und eine Streicheleinheit bettelt.
Er folgt Purun Bhagat auf Schritt und Tritt und sie mustern sich gegenseitig, auf diese Weise werden
die beiden beste Freunde.
Die Geschichten
Alle heiligen Männer, die abseits der großen Städte leben, haben den Ruf, Wunder bei den wilden
Tieren zu vollbringen. So summt der Bär Sona friedlich vor sich hin, der Himalajafasan bringt vor der
Kalistatue sein ganzes Gefieder zum strahlen und die Languren, die im Inneren des Tempels auf ihren
Hintern sitzen, spielen mit den Schalen der Nüsse. Selbst wenn Purun Bhagat nicht die Absicht hat
Wunder zu bewirken, sind die Dorfbewohner von dieser Idee überzeugt.
Die Zeit vergeht, die Jahreszeiten ziehen vorüber und im Frühjahr bringen die Affenmütter ihre neuen
Babys mit. Die Dorfbewohner haben den Eindruck, dass der Sanyasi schon immer in diesem Tempel
gelebt hat.
An einem schönen Sommertag kommt es zu starken Regenfällen. Der Kalitempel ragt über die Regen- und Nebelwolken hinaus. Einen ganzen Monat kann man das Dorf nicht mehr erkennen. Endlich bricht die Sonne wieder durch, doch kurze Zeit später gibt es einen erneuten Wolkenbruch. An
diesem Abend zündet er das Feuer an, damit seine Freunde sich aufwärmen können. Doch keiner
kommt. Er fragt sich was wohl geschehen ist und nach mehreren Stunden des Grübelns schläft er
schließlich ein.
Mitten in der Nacht zieht ein Langur an seiner Decke:
– Hier ist es besser als draußen in den Bäumen; komm und wärme dich, sagt er zu dem Tier in einer
für uns Menschen unbekannten Sprache.
Der Affe aber nimmt erneut seine Hand und zieht daran.
– Hast du Hunger? Warte, ich hole dir etwas zu essen.
Der Langur läuft aufgeregt zur Tür des Schreins. Er rennt hin und her und kneift den Mann am Knie.
– Was ist los, mein Bruder?, fragt Purun Bhagat.
Er spürt das etwas nicht stimmt.
81
– Steckt einer von euch in eine Falle? Hier, stellt doch niemand Fallen auf, überlegt er.
– Ist das der Dank für das Nachtquartier?!
Der Hirsch drängt ihn zum Ausgang. Oh Schreck, Purun Bhagat bemerkt erst jetzt, dass die Bodenplatten voneinander rücken.
– Jetzt verstehe ich, sagt Purun Bhagat. Kein Wunder, dass meine Brüder heute Nacht nicht zu mir
gekommen sind. Der Berg stürzt ein. Warum soll ich fort von hier?
Er sieht die Bettelschale und sein Gesichtsausdruck ändert sich:
– Seit ich hier bin, haben die Dorfbewohner mir immer zu essen und zu trinken gegeben. Wenn ich
mich jetzt nicht beeile, wird es morgen kein Dorf mehr geben.
Purun Bhagat nähert sich dem Feuer und zündet eine Fackel an.
– Danke meine Brüder. Ihr kommt, um mich zu warnen. Aber wir können noch mehr machen! Los, eilen
wir zum Dorf. Hilf mir Bruder, denn ich habe nur zwei Füße.
Das Wunder des Purun Bhagat
Plötzlich erscheint auch Barasingha. Er stampft gereizt auf dem Boden.
Er springt auf Barasinghas Rücken und verlässt im strömenden Regen den Tempel. Im Wald stoßen
noch Sona, die Langurs und weitere Brüder hinzu. Nun ist er nicht mehr der heilige Mann, sondern
der ehemalige Erste Minister, ein Mann der gewohnt war zu befehlen, der alles dafür tut, Menschenleben zu retten.
Barasingha bleibt am Eingang des Dorfes stehen, damit er die Menschen nicht begegnet. Purun
Bhagat schlägt gegen die Türen der Häuser und weckt die Dorfbewohner.
– Steht auf und kommt raus!, ruft Purun Bhagat.
Er erkennt seine eigene Stimme nicht wieder, denn seit Jahren hat er nicht mehr mit Menschen gesprochen.
– Der Berg bricht zusammen! Steht auf und verlasst die Häuser!
– Es ist unser Bhagat, sagt die Frau des Schmiedes. Er ist draußen mit seinen Tieren. Nimm die Kinder
und warne das Dorf!
Die Tiere drängen sich dicht um Bhagat und warten. Die Bewohner laufen zu ihm. Es müssen an die
siebzig sein.
– Wir müssen fort von hier, am besten zum Berg, an der gegenüberliegende Talseite, ruft Purun Bhagat. Lasst niemanden zurück. Wir folgen euch.
Die Bergbewohner laufen um ihr Leben. Sie wissen, dass man bei einem Bergrutsch den höchsten
Punkt jenseits des Tals erreichen muss. Die ganze Truppe durchwatet den kleinen Fluss und sie klettern den Berg immer höher hinauf, bis der Barasingha abrupt stehen bleibt. Sein Instinkt, der vor
dem nahen Bergsturz gewarnt hat, sagt, dass sie hier sicher sind. Dieser gewaltige Aufstieg hat Purun
Bhagat völlig entkräftet. Er steigt vom Hirsch und bricht zusammen. Purun Bhagat spürt, dass er bald
sterben wird.
82
– Haltet an und zählt, ob alle da sind, sagt er mühselig zu den Dorfbewohnern.
Leise murmelt er zum Hirsch:
– Bleibe bei mir, Bruder. Bleibe, bis ich euch verlassen habe.
Ein gigantischer Klang erschallt, so laut, dass die Dorfbewohner sich die Ohren zuhalten müssen. Der
Berg, auf den die Dorfbewohner noch vor einigen Augenblicken gelebt haben, stürzt ein und verschwindet im Boden. Verängstigt, gruppieren sich die Dorfbewohner unter den Tannen und warten
auf den nächsten Tag. Am nächsten Morgen erkennen sie, wo einst der Berg mit seinem Wald und
den Häusern stand, nur noch Schlamm. Nichts ist mehr da, sogar der Weg zwischen Dorf und Tempel
ist überschüttet.
Die Dorfbewohner kommen leise durch den Wald und möchten für Bhagat beten. Der Hirsch, der
den Leichnam bewacht, flieht als sie sich nähern. Die Dorfbewohner hören die Langurs in den Bäumen weinen und Sona, der auf dem Berggipfel heult. Ihr Freund ist tot.
– Seht, sagt der alt gewordene Priester. Wunder über Wunder! Wir werden an seiner Grabstätte einen Tempel für unseren heiligen Mann errichten.
Die Männer des Dorfes bauen aus Stein und Erde eine heilige
Stätte. Ein Jahr später taufen sie diesen Berg den «Bhagatberg». Auch heute beten sie noch an diesem Ort. Doch
inzwischen weiß keiner mehr, dass Purun Bhagat einst
Premierminister des Staates von Mohiniwala war.
Les Histoires
Le miracle de Purun Bhagat
Meine
Animation
MeiNe ANIMATION
Du hast soeben zwölf, mit Abenteuer und Werten gefüllten Geschichten, gelesen. Sie setzen sich mit
wichtigen Passagen eines Wölflingslebens auseinander. Deine Aufgabe besteht jetzt darin, für deine
Wölflinge diese Geschichten so lebendig wie möglich wieder zu geben.
In diesem dritten Teil findest du einige Vorschläge, wie du die Fantasiewelt des Dschungelbuches innerhalb deiner Meute umsetzen kannst. Es sind selbstverständlich nur Vorschläge. Gestalte sie nach
deiner Art, gemäß den Wölflingen deiner Meute und den Wünschen deines Staffs.
Wir haben dir, als Hilfe die pädagogischen Vorschläge (erste Bindung, Frühlingslauf, Zeit des Fellwechsels) einzuführen, im Text die Textstellen, die sich auf die Geschichten beziehen, hervorgehoben.
Traces de loup
Dieses Heft ist für die Leiter bestimmt und die Traces de loup
für die Wölflinge. Auf den folgenden Seiten findest du das Inhaltsverzeichnis dieser vier Hefte mit einem Überblick der
Themen nach Alter.
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Auf zwei Seiten kannst du erkennen, dass der Schwerpunkt z.B.
des roten Traces de loup (1) bei der Bindung liegt und dass im
weißen Traces de loup (4) der Frühlingslauf im Vordergrund
steht. Dieses Inhaltsverzeichnis liest sich wie folgt: vertikal - Inhalt nach Alter und horizontal - pro Jahr/Lager. Viel Spaß mit
deinen Wölflingen!
Die deutschen Traces de loup erhälst du kostenlos im Regionsbüro Eupen oder über www.lascouterie.be.
Mit den Werten Spielen
Diese Animation besteht aus einem Kartenspiel, das während der
Odyssée, Kongress der Werte 2011, entworfen wurde.
Es werden zwei Ziele für die Wölflinge verfolgt:
die 6 wichtigen, in der Meute erlebten Werte;
die 36 Figuren des Dschungelbuches.
Die Wölflinge können das Spiel gemeinsam spielen, es ist aber interessant es mit den Wölflingen, die am ersten Lager teilnehmen, zu
spielen.
Das Kartenspiel kannst du auf www.
lesscouts.be runterladen.
Jagd der Meisterworte
In der Meute ist Balu der Meister des Gesetzes (laut Kipling). Er
lehrt den jungen Wölflingen alles was er weiß, unter anderem,
die Meisterworte der Dschungeltiere. Diese Meisterworte sind
Spuren der Pfadfinderwerte. Diese Animation ermöglicht dir, die
Pfadfinderwerte eines Meisterwortes während des Jahres oder
einem Projekt, das vom Rudel geplant und erlebt wird, zu leben.
In diesem Heft konntest du die verschiedenen, hervorgehobenen Meisterworte des Dschungels entdecken.
Der Dhâkbaum
Am Anfang eines Jahres kann man den Wölflingen zeigen, wie schnell sie im
letzten Jahr bei der Meute, gewachsen sind. Neue Wünsche, neue Ideen
entstehen für das Meuteleben. Nutze die Gelegenheit sie zu fragen, was sie in
diesem neuen Jahr erleben möchten.
85
Animation der Sinne
Zwei Animationen der Sinne, die du mit deinen Wölflingen, ausgehend von
zwei Geschichten aus dem Dschungelbuch, erleben kannst.
Die zweite Animation setzt sich mit der Freundschaftsfrage zwischen Graubruder und Mogli auseinander.
Dies sind nur zwei Beispiele. Es liegt an dir, mit Hilfe der Geschichten in
diesem Heft, weitere zu entdecken. Zahlreiche Themen haben wir als Stütze in den Geschichten angesprochen. Einen Überblick findest du in diesem
Heft auf den Seiten 2,3 und 4.
Nütze die Gunst des Dschungels!
Meine Animation
Die erste Animation mit Rikki-Tikki-Tavi befasst sich mit dem Thema Mut.
Willkommen in der Meute
Dies ist mein Traces de loup.
Die Traditionen meiner Meute.
Willkommen im 2. Meutejahr
Dies ist mein Traces de loup.
Die Traditionen meiner Meute.
Ein Jahr des Zusammenlebens
Erste Bindung
Die Geschichte: Moglis erste Bindung.
Die Begegnung mit meinem Kornak.
Was ich während meiner ersten Bindung sage.
Mein Rudel
Was ist ein Rudel?
Eigenschaften meines Rudels.
Die Zeit des Fellwechsels
Die Zeit des Fellwechsels
Aktivitäten mit anderen meines Alters.
Aktivitäten mit meinem Rudel.
Aktivitäten mit anderen Wölflingen.
Meine neue Schuppe.
Der Rat
Geschichte: Balu spricht vom Rat halten.
Was ist ein Rat?
Das Lager
Mit den Werten spielen: das Spiel.
Ich entdecke die Botschaft an das freie Volk.
Das Dschungelgesetz.
Der Leitspruch der Wölflinge.
Der Gesang der Botschaft an das freie Volk.
Der Rat
Geschichte: Lulu und Willu.
Was macht man beim Rat?
Ideen damit alle beim Rat zu Wort kommen.
Die Botschaft an das freie Volk
Geschichte: Die Botschaft an das freie Volk.
Was bedeutet die Botschaft an das freie Volk?
Für mich bedeutet es ein guter Wolf zu sein ...
Meine Botschaft am Clan.
Die Rückkehr der Meute.
Ich behalte eine Spur meiner Botschaft.
Das Lied der Botschaft an das freie Volk.
Infos über das Wölflingslager
Alles was man im Lager macht.
Hathi erklärt den Dschungel
Mein Rudel
Eigenschaften meines Rudels.
Kleine Tricks für weniger Streit.
Aktivitäten mit anderen meines Alters.
Aktivitäten mit meinem Rudel.
Aktivitäten mit anderen Wölflingen.
Meine neue Schuppe.
Die Botschaft an das freie Volk
86
Übergang
Tipps und Tricks für die Zusammenkunft der neuen
Wölflinge.
Der Frühlingslauf
Ein Geschenk für die älteren, die die Meute verlassen.
Der Ort
Dschungelkarte I.
Ausführlich beschriebenen Orte.
Der Ort
Fünf neue Orte.
Dschungelkarte II.
Die Figuren
1. Serie der Figuren.
Den Dschungel verstehen
Das Dschungelsprechen.
Dein Freund der Wolf
Sein Ausweis.
Rakscha, Mutter Wolf.
Neue Geschichten
Geschichte: Wie Mogli, so wächst auch du ...
Balus gute Ideen
Spiel: Wie merke ich mir die Vornamen?
Ein Mix aus Aktivitäten.
Meine Spuren
Spuren meiner Versammlungen.
Spuren meines Lagers.
Heraustrennbar
Karten: Seine Meinung beim Rat äußern.
Dekodierer
Die Figuren
2. Serie der Figuren.
Baden-Powell.
Den Dschungel verstehen
Die Meisterworte.
Dein Freund der Wolf
Der Wolf redet.
Neue Geschichten
Geschichte: Mogli und die Bandarlog.
Geschichte: Die Rote Blume.
Balus gute Ideen
Ein Mix aus Aktivitäten.
Das Rudelfähnchen.
Souvenir aus dem Wald.
Meine Spuren
Spuren meiner Versammlungen.
Spuren meines Lagers.
Heraustrennbar
Karten: weniger Streit haben.
Dekodierer
meine animation
Willkommen im 4. Meutejahr
Dies ist mein Traces de loup.
Die Traditionen meiner Meute.
Erste Bindung
Übergang
Ich bereite den Übergang mit den älteren vor.
Mein Rudel
Eine Aufgabe in meinem Rudel.
Eigenschaften meines Rudels.
Gemeinsam den Rudelruf ausdenken.
Sein Rudel besser kennenlernen.
Stimmung des Rudels.
Die Zeit des Fellwechsels
Aktivitäten mit anderen meines Alters.
Aktivitäten mit meinem Rudel.
Aktivitäten mit anderen Wölflingen.
Meine neue Schuppe.
Mein Rudel
Profil und Rolle des Rudelführers und des Rudelältesten.
Eigenschaften meines Rudels.
Der Baum der Rede.
Kooperatives Verhalten.
Stimmung des Rudels.
Eine Rudelcharta aufsetzen.
Die Zeit des Fellwechsels
Aktivitäten mit anderen meines Alters.
Aktivitäten mit meinem Rudel.
Aktivitäten mit anderen Wölflingen.
Meine neue Schuppe.
Der Rat
Tipps und Tricks für den Rudelrat.
Den jüngeren zuhören.
Die Botschaft an das freie Volk
Der Frühlingslauf
Ein Dankeschön für die älteren, die die Meute
verlassen.
Die Botschaft an das freie Volk
Die Werte, die ich in der Meutre entdeckt habe.
Die Qualitäten der Botschafter.
Der Frühlingslauf
Ich möchte zu den Eclaireuren gehen weil ...
Was ich in den vier Jahren entdeckt habe.
Platz für Worte meiner Freunde.
Der Ort
Die Figuren
Die Figuren
Den Dschungel verstehen
Rudyard Kipling.
4. Serie der Figuren.
Den Dschungel verstehen
Der Erlass des Dschungels.
Dein Freund der Wolf
Die Ausdrücke des Wolfs.
Neue Geschichten
Geschichte: Schir Khans Tod.
Geschichte: Rothund.
Balus gute Ideen
Spiel: Wie merke ich mir die Vornamen?
Fährten.
Tipps und Tricks für Holzbauten.
Meine Spuren
Spuren meiner Versammlungen.
Spuren meines Lagers.
Heraustrennbar
Karten: Danken, verzeihen und Vorschläge.
Dekodierer
Dein Freund der Wolf
Die Wölfe schützen.
Neue Geschichten
Geschichte: Wie die Angst zum Dschungel kam
Geschichte: Des Königs Ankus.
Balus gute Ideen
Kleine Spiele für die Freizeit auf Lager.
Sich verkleiden.
Mohwas Ideen.
Meine Spuren
Spuren meiner Versammlungen.
Spuren meines Lagers.
Heraustrennbar
Schild: den Rudelrat nicht stören!
Dekodierer
Hathi erklärt den Dschungel
Der Ort
3. Serie der Figuren.
Das Lager
Ich erinnere mich an meine Botschaft an das freie Volk.
Was bedeutet Pate sein?
Tipps: über die Werte der Botschaft reden.
Der Rat
Tipps und Tricks um Entscheidungen zu treffen.
Ratschläge unter Freunde austauschen.
Hathi erklärt den Dschungel
Ich erinnere mich an meine erste Bindung.
Geschichte: Phao und Mitza.
Ich werde Kornak!
87
Traces de loup
Willkommen im 3. Meutejahr
Dies ist mein Traces de loup.
Die Traditionen meiner Meute.
MIT DEN WERTEN
SPIELEN
Ziele
echs wichtige Werte verstehen, die man im WölfS
lingsalter erlebt hat.
Die Werte durch das Spiel lenken.
ie Werte mit den Persönlichkeiten der Figuren
D
des Dschungelbuchs verbinden.
in Spiel vorschlagen, das im Rudel oder nach AlE
tersklasse gespielt werden kann.
ie Wölflinge in das Reich des Dschungelbuches
D
von Kipling eintauchen.
Nützliche Infos
Animationsart
Besinnung, Animation der Werte, Spaß.
Zielpublikum
Alle Wölflinge. Sie können im Rudel oder in gleich
welcher kleinen Gruppe gespielt werden. Es ist nicht
nötig, dass ein Leiter mit den Wölflingen spielt.
88
Günstiger Zeitpunkt
Das ganze Jahr, besonders für die Wölflinge des 1.
Jahres, während der Botschaftsvorbereitung an das
freie Volk.
Dauer der Animation
1 Stunde
Material
→ Kartenspiel: mit den Werten spielen (herunterladbar auf www.lesscouts.be)
→ ein paar Kladdeblätter
→ Stifte
→ CD Rocking Loup
→ ein CD Spieler
Ein paar Ideen
itte alle Rudel während einer Versammlung ihr
B
Kartenspiel zu gestalten. Auf der Internetseite
www.lesscouts.be findest du eine Version in
schwarz-weiß, damit die Wölflinge die Figuren
ausmalen können.
Es ist von Vorteil das Kartenspiel zu plastifizieren
damit es eine lange Lebensdauer hat.
Vertraue pro Rudel einem Wölfling das Spiel an,
damit es komplett bleibt und er es bei der einen
oder anderen Versammlung mitbringt.
Sorge dafür, dass sich immer ein Spiel „Spiele
mit den Werten“ in dem Meutekoffer der Gesellschaftsspiele befindet.
Wahl des Schiedsrichters
Die Wölflinge des Rudels wählen für das ganze
Spiel einen Schiedsrichter, der das Spiel leitet.
Der Schiedsrichter macht zwei Kartenhaufen:
RAU: Karten, die die Figuren beschreiben
G
und „?“- Karten.
ORANGE: Karten: Wie antworte ich dem
Schiedsrichter?
meine animation
Der Schiedsrichter erklärt die Regeln
Ziel: so viele Karten wie möglich gewinnen. Um sie
zu erhalten, muss man dem Schiedsrichter den richtigen Namen der Figur sagen, dessen Beschreibung er
vorliest. Achtung: Die orangen Karten sagen dir wie
der Name übermittelt werden muss. Nach vier Karten zieht der Schiedsrichter eine neue orange Karte
und erklärt den Wölflingen was sie machen müssen.
Der Spielverlauf
er Schiedsrichter zieht eine orange Karte und liest
D
sie den Wölflingen vor. Sie können die Antwort nur
auf die beschriebene Art und Weise geben (z.B.:
auf einem Bein hüpfend die Antwort geben).
Der Schiedsrichter zieht eine graue Karte
Ist es eine Figurkarte, dann liest er die Beschrei
bung laut vor, in dem er die Zeichnung auf der
Rückseite bedeckt. Die Wölflinge müssen raten,
wen der Schiedsrichter beschreibt. Der erste der
dem Schiedsrichter, wie auf der orangen Karte
beschrieben, die richtige Antwort gibt, erhält die
Karte dieser Figur.
Ist es eine „?“-Karte, dann müssen die Wölflinge
eine Prüfung machen. Diese Karte wird nicht an
die teilnehmenden Wölflinge gegeben.
Das Spiel endet wenn alle Figurkarten verteilt sind.
Die Wöflingsmitspieler
Für dieses Spiel sitzen die Wölflinge einige Meter
vom Schiedsrichter entfernt. Sie hören zu was der
Schiedsrichter vorliest. Sobald ein Wölfling die
Antwort kennt, geht er (so wie die orange Karte
es verlangt) zum Schiedsrichter und sagt sie ihm.
Der erste Wölfling der den richtigen Namen der
Figur weiß erhält die Karte.
2. teil: Der Kampf der Werte
Der Schiedsrichter erklärt die Regeln
Jeder Wölfling besitzt nun Figurkarten, die er beim
ersten Teil gewonnen hat. Jede Figur wird durch
unterschiedlich hohe Werte charakterisiert (Freundschaft, Gerechtigkeit, Willensstärke, Teilen, Lebensfreude und Weisheit). Die Wölflinge spielen „Leben
und Tod“ in dem sie die Werte der Figuren vergleichen.
Der Spielverlauf
er jüngste Wölfling beginnt und dann geht es im
D
Uhrzeigersinn weiter.
er Wölfling der beginnt, fragt seinem Nachbar
D
links von ihm „ich möchte meine Karte von (Name
der Figur) mit deiner Karte (Name der Figur) mit
dem Wert (einen Wert aussuchen) vergleichen“.
ie beiden Wölflinge legen die Karten so, dass alle
D
sie sehen können. Der Wölfling, dessen Figur die
höchste Wertzahl hat, erhält beide Karten.
er Schiedsrichter sammelt alle gewonnen Karten,
D
die er für das nächste Spiel braucht, und legt die
verlorenen Karten zur Seite.
ie Vergleiche werden eins nach dem anderen
D
durchgeführt.
Falls
ein Wölfling keine Karten mehr hat, wartet er
bis das Spiel zu Ende ist und verfolgt die letzten
Vergleiche.
Die Wöflingsmitspieler
Bei diesem Spiel sitzen die Wölflinge in einem
Kreis und sie vergleichen die Werte ihrer Spielkarten.
3. teil: Erfinde eine neue Ge-
89
schichte des Dschungelbuchs
Der Schiedsrichter erklärt die Regeln
Das Wölflingsrudel erfindet eine neue Geschichte in
denen alle Figuren der gewonnenen Karten des vorangegangenem Spiels vorkommen. Das Spiel endet,
wenn alle Figuren eine Rolle in der Geschichte übernommen haben.
Der Spielverlauf
Der
Schiedsrichter verteilt die Gewinnerkarten unter
sich und dem Rudel.
Der
Schiedsrichter wählt eine Figur aus und beginnt
die neue Geschichte.
Wenn
ein Spieler seine Figur in die Geschichte integrieren konnte, legt er sie in der Mitte des Rudelkreises ab.
anderer Wölfling kann dann mit seiner Figur
Ein
weitermachen.
Mit den Werten spielen
1. Teil: Finde den Namen
aller Personen
JAGD DER
MEISTERWoRTE
Währenddessen im Dschungel ...
Jede Tierart hat sein eigenes Meisterwort, das mindestens ein Pfadfinderwert beinhaltet. Dies hilft ihnen
die guten Beziehungen zu den anderen Tieren des
Dschungels aufrecht zu erhalten. Es gibt zahlreiche
Meisterworte.
Als Einleitung kannst du den Auszug aus «Kaas Jagd»
auf Seite 21 vorlesen.
Die Idee dieser Animation: jedes Jahr ein neues
Meisterwort in den Vordergrund stellen, außer das
von Balu und Akela, welches die Wölflinge in der
Realisierung der einen oder anderen Aktion (Jagd),
erläutern.
Ziele
estimmte Pfadfinderwerte den Wölflingen verB
ständlicher machen.
90
ie Pfadfinderwerte während dem Jahr leben (da
D
die Botschaft an das freie Volk dieses Ziel während
dem Lager verfolgt).
J edes Rudel in Projekten mit Pfadfinderwerte einbeziehen.
ie Pfadfinderwerte mit bestimmten Figuren des
D
Dschungelbuches verbinden.
as Zugehörigkeitsgefühl der Wölflinge zu ihrem
D
Rudel aufbauen.
Nützliche Infos
Animationsart
Reflexion und Diskussion in kleiner Runde sowie
Umsetzung des Projekts.
Günstiger Zeitpunkt
Während dem Jahr, wann du willst, sehe aber mehrere
Vorbereitungsabschnitte vor.
Dauer der Animation
1h30 für die Einführung und so viel Zeit wie nötig für
die Umsetzung.
Material
→ Das Heft Dschungel der Meute mit Kiplings Textstellen, die die Meisterworte hervorheben.
→ Dein Material zur Umsetzung der Animation.
→ Dein Material zur Bestimmung der Meisterworte
des Jahres im Rat.
→ Das orange Traces de loup (für die Wölflinge des
2. Jahres).
Ablauf der Animation
1. EINLEITUNG: Wem gehört das Meisterwort (30
Min.)
Die Wölflinge erkennen anhand eines kleinen Spiels,
das Meisterwort jeder Figur. Jedes Meisterwort sollte
kurz erklärt werden, bevor du zum Meuterat übergehst, damit die Wölflinge sich eine genaue Vorstellung machen können.
meine animation
Ideen für das kleine Spiel
Schatzsuche
Schnitzeljagd
Bilderrätsel
Das Brettspiel Mitten im Dschungel mit Mogli
(herunterladbar auf www.lesscouts.be)
2. MEUTERAT: Meisterwort des Jahres (15 Min.)
Im Rat wählt die Meute eines der vier Meisterworte,
das während dem ganzen Jahr, bei kleinen, durch
die Rudel durchgeführten Aktionen, im Vordergrund
steht. Für die Entscheidung kannst du zum Beispiel
ein Kreuz auf dem Boden malen. Die Wölflinge stellen sich in das Feld, das ihrem Meisterwort entspricht.
Anschließend wählst du die beiden Meisterworte
aus, die die meisten Stimmen hatten und machst eine
neue Wahl.
Variante: Du kannst vorschlagen jedes Jahr alle vier
Meisterworte zu nutzen. Dann entscheidet sich jedes
Rudel für ein Meisterwort dem sie sich dieses Jahr
widmen wollen. Beachte bitte: jeder Wölfling sollte
die Möglichkeit haben, alle vier Meisterworte während seiner Meutezeit zu erleben.
3. RUDELRAT: Der Sinn der Meisterworte
und Umsetzung des Projektes (45 Min.)
rzähle, spiele oder pantomime anhand der ausgeE
suchten Meisterworte des Rudels, die Geschichte
des Dschungelbuches.
91
itte die Wölflinge die Aussagen und Werte die sich
B
hinter diesem Meisterwort verstecken zu identifizieren.
rganisiere mit dem Rudel ein Brainstorming, um
O
die Projekt- oder Aktionsideen für dieses Meisterwort zu finden. Entscheide was sie während dem
Jahr machen werden.
ewerte mit dem Rudel die Jagd bevor ihr in der
B
Meute ein Feedback abgebt.
Das Projekt ist eine Aktivität in der die kleine
Gruppe gemeinsam alles von A bis Z plant, von
der ersten Idee bis zur abschließenden Beurteilung. Das Projekt bedeutet die Teilnahme aller an
allem.
Das Projekt beinhaltet sieben Etappen:
Ausdenken
Umsetzen
Entscheiden
Bewerten
Organisieren
Feiern
Vorbereiten
Du findest zahlreiche Pisten für
jede Etappe in dem Heft Des projets pour grandir, herunterladbar
auf www.lesscouts.be.
4.
ZURÜCK IN DER MEUTE: Alle Rudel stellen der
Meute ihre Jagd der Meisterworte vor
Plane einen Rat, bei dem jedes Rudel die Möglichkeit
hat seine Jagd zu erklären, was sie erlebt und entdeckt haben, was sie von dem erlebten Meisterwort
behalten werden.
Deine Aufgabe
Begleite alle Rudel bei ihrer Vorbereitung auf die
Jagd der Meisterworte. Es geht darum ihre Ideen
neu zu formulieren, sie in ihrem Vorhaben zu ermutigen und nicht darum, alles für sie zu machen.
Verfolge das Erlebte im Rudel.
chte darauf, dass alle Wölflinge des Rudels sich
A
aktiv an allen Etappen der Jagd der Meisterworte
beteiligen.
orge dafür, dass ihre Jagd in dem Rahmen einer
S
Pfadfinderaktivität bleibt.
Jagd der Meisterworte
elfe dem Rudel die Aktion oder das Projekt zu plaH
nen und sei Zeuge von dem was sie während der
Jagd auf die Meisterwörter erleben werden.
DIE FIGUREN
Akela
MEISTERWORTE UND IHRE WERTE
GESCHICHTE
JAGDIDEEN
« Gute Jagd, Hüter des Gesetzes. »
→ Das Gesetz des Dschungels und die Regeln der Meute achten.
→ Das Gesetz der Meute verstehen: „Die
Stärke des Packs ist der Wolf, die Stärke des Wolfs ist das Pack“ (Botschaft an
das freie Volk).
→ Gebraucht
man, um den Wölflingen
eine gute Jagd zu wünschen, das so viel
heißt wie einen guten Tag oder gute
Aktivitäten mit dem freien Volk erleben.
Balu
« Der Dschungel ist groß und der Wölfling klein, er muss lernen nachzudenken
und still zu sein. »
→ Sich kennenlernen: Selbstbeurteilung
seiner Grenzen und seiner Stärken.
→ Sich sinnliche, spirituelle ... Fragen stellen.
→ Gebraucht man während der Zeit des
Fellwechsels, einem Biwak, oder bei jeder anderen individuellen Überlegung.
Baghira
« Füße im Dschungel, spurlos und leis‘,
Aug‘ das im Dunkel zu sehen weiß! »
→ Seine Umwelt bis ins kleinste Detail
beobachten (sowohl in der Natur wie
auch in den Beziehungen zu den anderen).
→ Lernen, ehrenamtlich zu helfen.
→ Sein Bestes geben und für eine bessere
Welt handeln (das Pfadfindergesetz).
92
Tschil
« Wir sind vom gleichen Blute,
du und ich! »
→ Sich gegenseitig unter Wölflingen und
auch den anderen helfen.
→ Die anderen respektieren und jeden,
ohne Differenzierung, aufnehmen.
Hathi
« Jage, um den Hunger zu stillen, nicht
um des Vergnügens willen, denn der
Fluss ist zum Trinken da und nicht zum
Besudeln! »
→ Sich bewusst werden, dass man die
Quellen der Natur sparsam brauchen
soll.
→ Lernen, nichts aus der Natur zu verschwenden.
Kaa
Moglis Brüder
Schir Khan stellt, mit anderen Wölfen der Meute, Akela eine Falle, damit er nicht
mehr Chef der Meute ist.
Mit Baghiras Hilfe verteidigt
Mogli ihn beim Rat.
en Wölflingen die Rechte des
D
Kindes anhand einer Präsentation
erklären.
er Meute erklären die Natur zu
D
beobachten ohne eine Spur zu
hinterlassen.
iner Gemeinschaft, einer SchuE
le, anderen Kindern seine Hilfe
anbieten.
Kaas Jagd
(1. Teil)
Postkarten für hospitalisierte Kinder entwerfen und versenden.
Mogli wird von der Bandarlog entführt. Er bittet Tschil
seine Spur zur verfolgen,
damit man ihn retten kann.
An der Arc-en-Ciel Aktion teilnehmen und den anderen Wölflingen den Grund diese Aktion
erklären.
Wie die Angst zum
Dschungel kam
ewürze (wie Schnittlauch) pflanG
zen und sie für das Weekend
oder das Lager frisch geerntet
mitbringen.
Während der Trockenheit ist
der Flusspegel so tief, dass
der Friedensfelsen sichtbar
wird. Kein einziges Tier darf
noch jagen: zum Überleben
ist trinken wichtiger als essen.
« Braves Herz und höfliche Zunge, damit
kommst du weit im Dschungel. »
Kaas Jagd
→ Mutig sein.
→ Höflich sein mit jedem.
→ Seine Hilfe kostenlos anbieten.
→ Das was man besitzt oder was man
mag mit den anderen teilen.
Kaa, Balu und Baghira
befreien Mogli von der
Bandarlog. Mogli bedankt
sich ganz höflich bei Kaa.
(2. Teil)
atürlichen Klebstoff für die BasN
telarbeiten in der Meute herstellen.
Umweltfreundliche
Seife fürs Lager anfertigen.
ie kann man das übriggebliebeW
ne Essen bei der nächsten Mahlzeit verwerten?
Eine
kleines Essen für die Meute
vorbereiten.
Wie
kann man alle Schimpfwörter
verbannen?
meine animation
Der Dhâkbaum
Währenddessen im Dschungel ...
Der Dhâkbaum ist der Treffpunkt von Graubruder und Mogli
als das Menschenkind bei den Menschen lebte. Unter diesem
Baum gibt Graubruder ein Zeichen für Mogli, dass Schir Khan in
der Gegend ist und es an der Zeit ist zu reagieren.
Wenn es in deinem Lokal noch keinen Dhâkbaum gibt, kannst
du einen mit deinen Wölflingen basteln. Falls es in der Meute
viele neue gibt, ist es die Gelegenheit festzustellen, dass alle
Wölflinge gewachsen sind. Symbolisch hält man es durch
die Größe der Wölflinge fest, du kannst es aber auch auf
eine andere Art und Weise festlegen (Schuhgröße, eine
gewonnene Kompetenz, usw.).
Eine hervorragende Idee: Baue einen Meterbaum
auf/aus Styropor oder Kork, damit die Wölflinge am
Anfang des Jahres mit Heftzwecke ihre Größe festhalten können. Im darauffolgenden Jahr können sie die
Heftzwecke höher setzen und stellen fest, wie viel sie
gewachsen sind.
Ziel
Nützliche Infos
Animationsart
Reflexion, Projektumsetzung.
Günstiger Zeitpunkt
Anfang des Jahres, vor der Ersten Bindung.
Dauer der Animation
1 Stunde
Material
→
Ein Ort wo jeder Wölfling seine Größe festhalten kann (Mauer, Tapete, Poster,
Zeichnung, usw.)
→ Ein Biwakhilfsmittel
Ablauf der Animation
93
Die Leiter verkünden den Beginn des Jahres: «Jetzt,
wo die neuen Wölflinge angekommen sind, können
wir unsere große Jagd beginnen».
Lade die Wölflinge ein sich am Dhâkbaum zu messen
und eine Spur ihres Wegs zu hinterlassen. Nachdem
sie sich gemessen haben, kannst du jedem Wölfling
sein neues Traces de loup geben. Gruppiere die Wölflingen nach Alter und lass ihnen etwas Zeit sich zu
entdecken, sich anzupassen und dir Fragen zu stellen.
Nutze schließlich die Gelegenheit, z.B. bei einem Rat,
die Wölflinge zu fragen, wie sie dieses Jahr ihre große
Jagd erleben möchten (Projekte, Aktivitäten, Dienstleistungen, Spiele, usw.).
Deine Meute hat kein Lokal? Du könntest den Dhâkbaum auf ein großes Papier zeichnen. Nachdem
sich alle Wölflinge gemessen haben, kannst du es
mit nach Hause nehmen und es zu den Weekends
mitbringen, um eine Erinnerung hinzuzufügen.
Der Dhâkbaum
J edes Jahr eine Spur der Meute mit den Wölflingen
hinterlassen.
Den Wölflingen erklären, dass sie körperlich ge
wachsen sind.
Sich die Frage stellen, auf welcher anderen Art sie
gewachsen sind.
Planen was die Meute dieses Jahr erleben möchte.
ANIMATION DER SINNE
Rikkis Mut
Themen und Ziele
Diese besinnliche Animation setzt sich, ausgehend
von der Rikki-Tikki-Tavi Geschichte, mit dem Thema
Mut auseinander.
Was bedeutet Mut?
Laut Duden bedeutet Mut «Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden;
Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält. »
Doch Vorsicht! Mutig sein bedeutet nicht, die Wölflinge mit «schlechten Absichten» über sich hinauswachsen zu lassen. Zum Beispiel die Wölflinge zu
einem Nachtspiel zwingen, obwohl einige tierische
Angst haben. So werden sie nicht mutiger. Die Kinder müssen den Sinn dieser Aktivität verstehen, damit sie mutiger werden können.
Ziele der Animation
94
en Begriff «Mut» verstehen.
D
Die Momente, ob innerhalb oder außerhalb der
Meute, in denen die Wölflinge Mut beweisen,
wieder erkennen.
Die Wölflinge können ihre Ansicht mitteilen und
sich eine Meinung bilden.
Nützliche Infos
Animationsart
Sinnliche Animation und Austausch unter den Wölflingen anhand der Geschichte von Rikki-Tikki-Tavi.
Zielpublikum
Die ganze Meute.
Dauer
1 St. 40 Min.
Material
→ Dekomaterial zu der Geschichte von Rikki-Tikki-Tavi
(Bungalow, Garten, Indien, usw.).
→ Verkleidungskiste
→ Blätter, Stifte
Ablauf
Einleitung (10 Min.)
Die Wölflinge kommen in einem komplett dekoriertem Raum, so ähnlich wie die Wohnung oder der
Garten von Rikki. Lasst ihnen etwas Zeit alles zu begutachten, damit sie sich auf die Umgebung der Geschichte einlassen können. Die Leiter sind verkleidet.
Du entscheidest welche Figuren in deinem Stück vorkommen:
Teddy (und seine Eltern);
Rikki;
Darsie und seine Frau;
Nag;
Nagaina (und ihre Eier);
Tschutschundra;
Karait.
Darbietung der Leiter (10 Min.)
Zu einem unerwarteten Zeitpunkt für die Wölflinge beginnen die Leiter mit der Darbietung der Geschichte von
Rikki. Frage am Ende des Stückes die Wölflinge, was
sie von der Geschichte behalten haben und ob sie das
Thema dieser Animation erkannt haben: Mut.
Einige Ratschläge
Lass dich von der neu geschriebenen Geschichte
(S.19) inspirieren oder wähle nur einen Auszug.
Du darfst die Geschichte auch etwas abändern,
um Rikkis Mut hervorzuheben.
Du kannst die Geschichte genauso erzählen,
wenn dir das lieber ist. Das Dekor wird das Ganze
noch etwas verschönern.
Mach dich vertraut mit der Geschichte und übe
mit deinem Staff, bevor du sie deinen Wölflingen
erzählst.
Darbietung der Rudel (30 Min. Vorbereitung, 30
Min. Sketsch in der Meute)
Die Wölflinge teilen sich in Rudel auf. Bitte sie, sich
eine neue Geschichte von Rikki auszudenken, die den
Mut im Vordergrund stellt. Wenn alle Rudel fertig sind,
führt jede kleine Gruppe ihren Sketch der Meute vor.
Einige Ratschläge
J edes Rudel wird von einem Leiter begleitet, der
ihnen hilft ihre Ideen zusammenzufassen sowie
das kleine Drehbuch während einem kleinen Rudelrat festzuhalten.
Schlage den Wölflingen vor Aktionen/Situationen aufzulisten, die den Mut erläutern.
Achte darauf, dass alle Wölflinge das Wort ergreifen und eine passende Rolle im Sketch haben.
meine animation
Austausch nach Altersgruppe (20 Min.)
Teile die Wölflinge in
Gruppen, jeweils mit einem Leiter, nach Alter
auf. Ein Austausch findet
innerhalb der kleinen
Gruppe satt, damit die
Wölflinge auch wirklich
verstehen, was Mut bedeutet.
Einige Ratschläge
L eite eine Diskussionsrunde mit den offenen Fragen ein (bereite sie vorab
mit deinem Staff vor).
Was bedeutet Mut?
Inwiefern war Rikki mutig?
Und du? Warst du auch mutig?
Kann man gleichzeitig Angst haben und mutig sein?
Sind Mädchen und Jungen auf die gleiche Art und Weise mutig?
as Wichtigste dieser Diskussionsrunde ist, dass jeder Wölfling seine MeiD
nung äußert, sich mit den anderen austauscht und sich eine Meinung über
das Thema Mut bilden kann. Falls einige Wölflinge nichts sagen möchten,
zwinge sie nicht.
Graubruders Freundschaft
Thema und Ziele
Ablauf
Diese besinnliche Animation geht von der Geschichte des Frühlingslaufs aus und befasst sich mit dem
Thema Freundschaft, bei der Graubruder Mogli seine
Freundschaft beweist.
Einleitung (5 Min.)
Laut Duden bedeutet Freundschaft „auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen
zueinander“.
Ziele der Animation
Den Begriff „Freundschaft“ verstehen.
Den Wölflingen helfen, wahre Freunde zu erkennen und die Gründe.
Die Wölflinge erklären ihren Standpunkt über
das Thema Freundschaft und bilden sich eine
Meinung.
Nützliche Infos
Animationsart
Besinnliche Animation und Austausch unter Wölflingen.
Zielpublikum
Die ganze Meute.
Dauer
1 Stunde
Material
→ Verschiedenfarbige Pfoten von Graubruder
→ Filz- und Buntstifte
→ Leim
Graubruders Pfoten ausmalen (30 Min.)
Teile die Meute, z.B. nach Alter, in vier Gruppen auf.
Jede Gruppe tauscht Ideen über die Freundschaft aus
und schreibt sie auf ein Papier, welches sie in Graubruders kleinen Pfoten stecken. Ziel: Jede Altersgruppe
bastelt eine der vier großen Pfoten von Graubruder
und präsentiert sie anschließend der übrigen Meute.
In der Tat ist es möglich, je nach Alter der Wölflinge,
die Freundschaft mit anderen Augen zu sehen.
95
Einige Ratschläge
Einige Fragen zu Beginn:
Was bedeutet Freundschaft?
Welche Bedingungen knüpft man mit Freundschaft?
Wie entsteht Freundschaft?
Wie hört eine Freundschaft auf?
Können Jungens und Mädchen auch Freunde
sein?
ehe von konkreten, erlebten Situationen der
G
Wölflinge aus.
Eine Nachricht für einen Freund (10 Min.)
Die Wölflingen, die es möchten, können ein paar Worte für einen Freund aufschreiben, die sie ihm/ihr beim
nächsten Treffen geben können. Sie können auch ein
kleines Geschenk hinzufügen.
Animation der Sinne
Was bedeutet Freundschaft?
Du erzählst die Geschichte des Frühlingslaufs oder
liest sie vor, in der Graubruder Mogli erklärt, dass er
trotz seinem Aufbruch zur Menschensiedlung, sein
Freund bleibt.
Persönliche Notizen
96
Baghira
Tschil
Sioniclan
Ferao
Bandarlog
Balu
Akela
Buldeo
Tschutschundra
Darsie
Dolen
Kaa
Tschakala
Graubruder
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© Les Scouts ASBL
Verantwortlicher Herausgeber: Jérôme Walmag
Rue de Dublin 21 - 1050 Bruxelles - Belgique
02.508.12.00 - [email protected]
1. Auflage: November 2015
Pflichtexemplar: D/2015/1239/14
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