Leseprobe

JACK LONDON
Die Reise mit
der Snark
Herausgegeben
und neu übersetzt
von Alexander Pechmann
mare
JACK LONDON
Die Reise mit der
Snark
Aus dem amerikanischen Englisch
übersetzt und herausgegeben von
Alexander Pechmann
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.
Die Originalausgabe erschien 1911 unter dem Titel
The Cruise of the Snark in New York; die vorliegende Übersetzung
basiert auf der gleichlautenden Neuausgabe der
National Geographic Society, Washington, D. C., 2003.
1. Auf lage 2016
© 2016 mareverlag, Hamburg
Lektorat Elvira M. Gross, Wien
Einband- und Schubergestaltung
Nadja Zobel / Petra Koßmann, mareverlag
Foto auf dem Schuber Department of Geography,
University of California, Berkeley
Karte Peter Palm, Berlin
Typografie Farnschläder & Mahlstedt, Hamburg
Schrift Minion Pro
Druck und Bindung Kösel, Krugzell
Printed in Germany
ISBN 978-3-86648-244-9
www.mare.de
Für Charmian*,
Erster Offizier der Snark,
die Tag und Nacht, beim Verlassen des Hafens
oder beim Einlaufen oder bei Kanalfahrten,
das Ruder übernahm,
die in jeder Notlage das Steuerrad packte
und nach zwei Jahren Segeln weinte,
als die Reise abgebrochen wurde.
* Charmian Kittredge London
(1871–1955), Jack Londons
zweite Frau, die er 1905,
nach der Trennung von Elizabeth
(»Bessie«) Maddern, heiratete.
4. Kapitel
Wie man seinen
Kurs findet
A
ber wie könnt ihr es wagen, ohne Navigator in See zu stechen?«, protestierten unsere Freunde. »Du bist ja kein Navigator, oder doch?«
Ich musste zugeben, dass ich kein Navigator war, noch nie im Leben durch einen Sextanten geblickt hatte und daran zweifelte, ob
ich einen Sextanten von einem Nautischen Jahrbuch unterscheiden
könnte. Und als sie fragten, ob Roscoe ein Navigator sei, schüttelte
ich den Kopf. Roscoe nahm mir das übel. Er hatte einen Blick in das
Nautik-Lehrbuch geworfen, das wir für unsere Reise gekauft hatten,
wusste, wie man Logarithmentafeln benutzt, hatte schon einmal einen Sextanten gesehen und folgerte hieraus sowie aus seinen zur
See gefahrenen Vorfahren, dass er navigieren konnte. Doch Roscoe
irrte sich, wie ich immer noch behaupte. Als junger Bursche kam
er aus Maine über den Isthmus von Panama nach Kalifornien, und
das war die einzige Zeit in seinem Leben, in der er außer Sichtweite
des Landes war. Er hatte weder eine Seefahrtsschule besucht noch
eine Prüfung in Nautik abgelegt; er war nie auf hoher See gesegelt
und hatte die Seemannskunst auch nicht von einem anderen Seefahrer gelernt. Er war ein Jachtsegler der Bucht von San Francisco,
wo Land immer nur wenige Meilen entfernt ist und die Kunst des
Navigierens nie zur Anwendung kommt.
So brach die Snark ohne Navigator zu ihrer langen Reise auf.
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Wir lavierten am 23. April durch das Golden Gate und nahmen
Kurs auf die Inseln von Hawaii, eine Strecke von zweitausendeinhundert Meilen Möwenfluglinie. Und das Ergebnis gab uns recht.
Wir erreichten das Ziel. Und wir erreichten es zudem problemlos, wie Sie noch sehen werden; das heißt ohne folgenschwere Probleme. Es fing damit an, dass Roscoe sich mit der Navigation herumschlug. Die Theorie hatte er gemeistert, doch nun wandte er sie
zum ersten Mal an, wie man am irrwitzigen Verhalten der Snark sehen konnte. Die Snark lag zwar völlig ruhig auf dem Wasser, doch
auf der Seekarte machte sie Faxen. An einem Tag mit leichter Brise
machte sie einen Sprung auf der Seekarte, der von »nassen Segeln
und achterlichem Wind« kündete, und an einem Tag, an dem sie
nur so über den Ozean sauste, änderte sich ihre Position auf der
Karte kaum. Wenn also jemandes Boot in vierundzwanzig aufeinanderfolgenden Stunden mit sechs Knoten die Stunde geloggt
ist, muss es unweigerlich 144 Seemeilen zurückgelegt haben. Der
Ozean war in Ordnung, ebenso das Patentlog; was die Geschwindigkeit angeht, konnten wir sie mit eigenen Augen sehen. Was demnach nicht in Ordnung sein konnte, war die Berechnung, die sich
weigerte, die Snark auf der Karte voranzubringen. Freilich war es
nicht jeden Tag so, aber es kam vor. Und alles war völlig korrekt
und mehr oder weniger das, was man von einem ersten Versuch,
eine Theorie in die Praxis umzuwandeln, hätte erwarten können.
Das Erlernen der Navigation hat einen seltsamen Einfluss
auf den menschlichen Geist. Der Durchschnittsseefahrer spricht
von der Navigation mit großem Respekt. Dem Laien ist die Navigation ein unergründliches und ungeheures Mysterium, ein Gefühl,
das auf dem unergründlichen und ungeheuren Respekt gründet,
den der Laie beim Seefahrer beobachtet hat. Ich habe herzliche, bescheidene junge Männer gekannt, freimütig wie der Sonnenschein,
die Nautik studierten und sich alsbald geheimniskrämerisch, zu-
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rückhaltend und überheblich gaben, als hätten sie irgendeine gewaltige intellektuelle Leistung vollbracht. Der durchschnittliche
Navigator beeindruckt den Laien wie der Priester eines heiligen
Ordens. Mit angehaltenem Atem führt der Amateur-Jachtsegler
sein Chronometer vor. Und so kam es, dass unsere Freunde krank
waren vor Sorge angesichts der Tatsache, dass wir ohne Navigator
segelten.
Während die Snark gebaut wurde, trafen Roscoe und ich in etwa
folgende Vereinbarung: »Ich beschaffe die Bücher und Instrumente«, sagte ich, »und du machst dich ab jetzt mit der Navigation vertraut. Ich bin im Moment zu beschäftigt, um irgendetwas zu studieren. Wenn wir dann auf hoher See sind, bringst du mir all das bei,
was du gelernt hast.« Roscoe war begeistert. Außerdem war Roscoe
ebenso freimütig, herzlich und bescheiden wie die oben beschriebenen jungen Männer. Doch kaum dass wir uns draußen auf dem
Meer befanden und er begonnen hatte, die heiligen Riten auszuüben, während ich ehrfürchtig zuschaute, zeigte seine Haltung eine
schleichende und markante Veränderung an. Als er zur Mittagsstunde die Sonne schoss, hüllte die Glut des Erfolgs ihn in züngelnde Flammen. Als er nach unten ging, seine Messungen durchrechnete und dann zurückkehrte an Deck, um unseren Längen- und
Breitengrad zu verkünden, hatte seine Stimme einen herrischen
Unterton, der uns allen neu vorkam. Doch das war noch nicht einmal das Schlimmste. Er steckte nun voller unvermittelbarer Informationen. Und je mehr er über die Gründe für die unregelmäßigen Sprünge der Snark auf der Seekarte herausfand und je seltener
die Snark solche Sprünge machte, desto unvermittelbarer und heiliger und ungeheurer wurden seine Informationen. Auf meine sanften Andeutungen, es sei nun an der Zeit für mich, von ihm zu lernen, reagierte er keineswegs herzlich, und er bot mir keinerlei Hilfe
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an. Er zeigte nicht die geringste Absicht, auf unsere Vereinbarung
zurückzukommen.
Allerdings war es nicht Roscoes Schuld; er konnte nicht anders.
Er hatte lediglich denselben Weg eingeschlagen wie all die Männer,
die vor ihm Navigation lernten. Aufgrund einer verständlichen und
verzeihlichen Überschätzung seiner Wichtigkeit, zusätzlich zu einem Verlust an Orientierung, spürte er die Last der Verantwortung
und wähnte sich im Besitz einer fast göttergleichen Macht. Roscoe
hatte sein ganzes Leben an Land verbracht und demnach auch in
Sichtweite von Land. Da er unentwegt Land sah, mit Wegmarken,
die ihn leiteten, war es ihm trotz gelegentlicher Schwierigkeiten gelungen, seinen Körper auf Erden hierhin und dorthin zu steuern.
Nun befand er sich auf dem Ozean, der sich weithin erstreckte und
nur vom ewigen Himmelskreis begrenzt war. Dieser Kreis sah immer gleich aus. Es gab keine Wegmarken. Die Sonne ging im Osten auf, sank im Westen, und die Sterne wirbelten durch die Nacht.
Doch wer würde zur Sonne oder zu den Sternen auf blicken und
sagen, »Mein Platz auf dem Antlitz der Erde ist gegenwärtig vierdreiviertel Meilen westlich von Jones’ Kauf laden in Smithersville«?
oder »Ich weiß, wo ich jetzt bin, denn der Kleine Bär sagt mir, dass
Boston drei Meilen weiter an der zweiten Abfahrt rechts liegt«? Und
nun tat Roscoe genau dies. Zu sagen, er sei über seine Leistung verblüfft gewesen, wäre noch milde ausgedrückt. Er erstarrte in Ehrfurcht vor sich selbst; er hatte ein Wunder vollbracht. Sich selbst auf
dem Meeresspiegel wiederzufinden, wurde zu einem Ritual, und er
fühlte sich uns Übrigen überlegen, die wir diesen Ritus nicht kannten und abhängig waren von ihm, der uns über die wogende und unermessliche Wasserwüste führte, jene salzige Straße, die Kontinente verbindet und auf der es keine Meilensteine gibt. So huldigte er
mit dem Sextanten dem Sonnengott, er konsultierte uralte Folianten und Tabellen mit magischen Zeichen, murmelte Gebete in ei-
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ner fremden Sprache, die sich anhörten wie Indexfehlerparallaxenrefraktion, zeichnete kabbalistische Symbole auf Papier, addierte
und übertrug, und dann legte er seinen Finger auf einen bestimmten, auffallend leeren Punkt auf einem Blatt der Heiligen Schrift, die
man den Gral, ich meine, die Seekarte, nannte, und sprach: »Wir
sind hier.« Als wir die leere Stelle betrachteten und fragten, »Wo
ist das?«, antwortete er im Zifferncode der höheren Priesterkaste,
»31 – 15 – 47 Nord, 133 – 5 – 30 West«. Und wir sagten »Oh« und fühlten uns schrecklich klein.
Ich beteuere noch einmal, es war nicht Roscoes Schuld. Wie
ein Gott trug er uns in seiner hohlen Hand über die leeren Räume
der Seekarte. Ich empfand großen Respekt vor Roscoe; dieser Respekt verwurzelte sich so tief in mir, dass ich mich bestimmt der
Länge nach auf das Deck geworfen und eine Lobpreisung angestimmt haben würde, hätte er mir befohlen, »Knie nieder und bete
mich an«. Doch eines Tages beschlich mich ein leiser Gedanke, der
flüsterte: »Dies ist kein Gott; dies ist Roscoe, nur ein Mensch wie
ich. Was er kann, kann ich auch. Wer hat ihn unterrichtet? Er sich
selbst. Gehet hin und folget mir nach – seid eure eigenen Lehrer.«
Und genau an diesem Punkt wurde Roscoe von seinem Podest gestürzt und war nicht länger Hohepriester der Snark. Ich drang vor
in das Heiligtum, verlangte nach den uralten Folianten und magischen Tabellen und auch nach der Gebetsmühle, sprich dem Sextanten.
Und nun werde ich mit einfachen Worten beschreiben, wie ich
mir Navigation beibrachte. Einen ganzen Nachmittag lang saß ich
im Cockpit, steuerte mit einer Hand, und mit der anderen studierte
ich Logarithmen. Zwei Nachmittage, jeweils zwei Stunden, eignete
ich mir die allgemeine Theorie der Navigation an, und besonders
die Bestimmung des mittäglichen Sonnenstands. Dann nahm ich
den Sextanten, bestimmte den Indexfehler und prüfte die Sonnen-
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höhe. Die Berechnung der Daten aus dieser Messung war ein Kinderspiel. Im Nautik-Lehrbuch und im Nautischen Jahrbuch gab
es unzählige schlaue Tabellen, allesamt von Mathematikern und
Astronomen erstellt. Es war, als würde man die Zinstabellen und
Rechenschiebertabellen nutzen, die jedermann kennt. Es war kein
Geheimnis mehr. Ich legte meinen Finger auf die Karte und verkündete, wir befänden uns an dieser Stelle. Ich hatte auch recht damit, zumindest ebenso sehr wie Roscoe, der einen Punkt wählte,
der eine dreiviertel Meile von meinem entfernt lag. Er war sogar bereit, mir auf halber Strecke entgegenzukommen. Ich hatte das Mysterium ergründet; und doch hatte es etwas derart Wundersames
an sich, dass ich mir einer neuen Macht bewusst wurde und den
Reiz und Kitzel des Stolzes fühlte. Und als Martin mich ebenso bescheiden und respektvoll fragte, wie ich zuvor Roscoe gefragt hatte,
wo wir seien, antwortete ich freudig erregt und innerlich mit stolzgeschwellter Brust mit dem Zifferncode der höheren Priesterkaste
und hörte Martins demütiges und verehrendes »Oh«. Charmian
gegenüber spürte ich, dass ich meinen Anspruch auf ihre Liebe auf
neue Art bewiesen hatte; und mir wurde noch eine weitere Empfindung bewusst, nämlich die, dass sie sich äußerst glücklich schätzen
konnte, einen Mann wie mich zu haben.
Ich konnte nicht anders. Ich erzähle es, um Roscoe und all die
anderen Navigatoren zu rechtfertigen. Das Gift der Macht wirkte in
meinen Adern. Ich war nicht wie andere Menschen, wie die meisten anderen Menschen; ich wusste, was sie nicht wussten: die Geheimnisse des Himmels, die den Weg über die Tiefe wiesen. Und
der Geschmack, den ich an der erlangten Macht gefunden hatte,
trieb mich weiter. Stundenlang stand ich da, eine Hand am Steuerrad, in der anderen das Lehrbuch der Mysterien. Bis Ende der Woche hatte ich mir schon diverse Dinge beigebracht. Zum Beispiel
schoss ich den Polarstern, natürlich nachts, ermittelte seine Höhe,
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korrigierte sie mit Indexfehler, Neigungswinkel etc. und berechnete unseren Breitengrad. Und dieser Breitengrad stimmte mit der
Breitengradmessung vom Mittag des Vortags überein, korrigierte
man ihn auf die derzeitige Position mithilfe der Koppelnavigation.
Stolz? Auf mein nächstes Wunder war ich noch stolzer. Ich wollte
um neun Uhr zu Bett gehen. Ich löste das Problem autodidaktisch
und lernte, welcher Stern erster Größe den Meridian um halb neun
passieren würde. Es stellte sich heraus, dieser Stern war Alpha Crucis. Nie zuvor hatte ich von diesem Stern gehört. Ich suchte ihn im
Sternenatlas. Er war einer der Sterne vom Kreuz des Südens. Wie?,
dachte ich; ich bin unter dem Kreuz des Südens am Nachthimmel
gesegelt, ohne es zu ahnen? Was sind wir doch für Tölpel! Gimpel
und Mondkälber! Ich konnte es nicht fassen. Ich ging alles noch
einmal durch und kam zum selben Ergebnis. Charmian hatte an
jenem Abend von acht bis zehn Uhr Ruderwache. Ich sagte ihr, sie
solle die Augen offen halten und genau nach Süden, zum Kreuz des
Südens schauen. Und als die Sterne zu leuchten begannen, erschien
das Kreuz des Südens niedrig am Horizont. Stolz? Kein Medizinmann oder Hohepriester hätte stolzer sein können. Dann schoss
ich mit der Gebetsmühle Alpha Crucis und berechnete aus seiner
Höhe unseren Breitengrad. Und dann schoss ich auch noch den Polarstern, und das Ergebnis stimmte mit dem überein, was ich über
das Kreuz des Südens herausgefunden hatte. Stolz? Ich verstand
die Sprache der Sterne, lauschte ihnen und erfuhr so den richtigen
Weg über die Tiefe.
Stolz? Ich vollbrachte Wunder. Ich vergaß, wie leicht es mir
gefallen war, alles aus Büchern zu lernen. Ich vergaß, welch unvorstellbare Mühen (es müssen wahrlich gewaltige Anstrengungen
vonnöten gewesen sein) jene Meisterdenker, die Astronomen und
Mathematiker vor mir, auf sich genommen haben, die die ganze
Wissenschaft der Navigation entdeckt und ausgearbeitet und die
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Tabellen im Nautik-Lehrbuch erstellt hatten. Ich war mir nur des
immerwährenden Wunders des Ganzen bewusst – dass ich den
Stimmen der Sterne gelauscht und so meine Position auf der Straße des Ozeans erfahren hatte. Charmian wusste es nicht, Martin
wusste es nicht, Tochigi, der Kajütenjunge, wusste es nicht. Ich
aber sagte es ihnen. Ich war der Götterbote. Ich stand zwischen
ihnen und der Unendlichkeit. Ich übersetzte die Hochsprache des
Himmels in ihren gewohnten Wortschatz. Wir wurden vom Himmel geleitet, und ich war es, der die Wegweiser des Himmels lesen
konnte! – Ich! Ich!
Und nun, da ich mich etwas abgekühlt habe, beeile ich mich
den Schleier zu lüften, was die Einfachheit der Sache betrifft, nehme
den Schleier von Roscoe und den anderen Navigatoren sowie vom
Rest der Priesterschaft, vor lauter Angst, ich könnte werden wie sie:
geheimniskrämerisch, prahlerisch, aufgebläht vor Selbstherrlichkeit. Und ich betone: Jeder junge Bursche mit normaler Gehirnfunktion, durchschnittlicher Bildung und einem Hauch von Wissbegier
kann sich die Bücher, Karten und Instrumente beschaffen und
sich Navigation beibringen. Versteht mich bitte nicht falsch. Die
Seemannskunst ist eine ganz andere Angelegenheit. Man kann sie
nicht an einem, auch nicht in einigen Tagen lernen; man braucht
dazu Jahre. Auch die Navigation mit gegisstem Besteck erfordert
ein langes Studium und viel Übung. Doch das Navigieren durch
die Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen ist dank der Astronomen und Mathematiker ein Kinderspiel. Jeder durchschnittliche
junge Kerl kann es in einer Woche lernen. Und trotzdem möchte
ich auch hier nicht missverstanden werden. Ich will damit nicht sagen, dass so ein junger Kerl am Ende einer Woche Verantwortung
für einen 15 000-Tonnen-Dampfer übernehmen kann, mit zwanzig
Knoten die Stunde durch das Salzwasser pflügen, von Land zu Land
brausen, bei gutem oder schlechtem Wetter, klarem oder bewölk-
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tem Himmel, gesteuert nach den Strichen auf der Windrose, um
mit höchst erstaunlicher Genauigkeit die Küste zu erreichen. Was
ich meine, ist lediglich das Folgende: Der oben beschriebene Durchschnittsbursche kann in ein zuverlässiges Segelboot steigen und,
ohne sich mit Navigation auszukennen, aufs Meer hinausfahren,
und am Ende einer Woche wird er genug wissen, um seine Position
auf der Seekarte zu bestimmen. Er wird in der Lage sein, mittags
ziemlich genau den Sonnenstand zu messen und aus dieser Messung seinen Längen- und Breitengrad innerhalb von zehn Minuten
zu berechnen. Und da er weder Fracht noch Passagiere an Bord hat
und nicht unter Zeitdruck steht, um sein Ziel zu erreichen, kann
er gemütlich umherzuckeln, und wenn er irgendwann an seinen
nautischen Berechnungen zweifelt und befürchtet, unerwartet auf
Land zu treffen, kann er die Nacht über beidrehen und die Fahrt
am nächsten Morgen fortsetzen.
Joshua Slocum segelte vor ein paar Jahren ganz allein in einem vierzehn Meter langen Boot um die Welt. Ich werde die Zeilen
in seinem Reisebericht nie vergessen, in denen er junge Männer
warmherzig in dem Vorhaben bestärkte, eine ähnliche Reise in einem ähnlichen Boot zu unternehmen. Sofort war ich von dieser
Idee begeistert, so sehr, dass ich meine Frau mitnahm. Nicht nur
lässt so ein Vorhaben jegliche Pauschalreise bestenfalls billig aussehen, es macht obendrein Spaß und Vergnügen, vor allem aber stellt
es eine großartige Lektion für einen jungen Mann dar – oh, nicht
bloß eine Lektion darüber, wie es draußen in der Welt zugeht, über
Länder und Völker und Klimazonen, sondern eine Lektion über
die Welt im Inneren, eine Lektion über das eigene Ich, eine Gelegenheit, sich selbst kennenzulernen, mit der eigenen Seele Zwiesprache zu halten. Hinzu kommen die Erfahrungen, die man sammelt, und die Disziplin, die man lernt. Anfangs wird der junge Bursche freilich seine Grenzen kennenlernen; und als Nächstes wird
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er unweigerlich versuchen, diese Grenzen zu überwinden. Und er
kann unmöglich von einer solchen Reise zurückkehren, ohne ein
größerer und besserer Mann geworden zu sein. Und als Sport betrachtet ist es ein königlicher, der einen rund um die Welt führt,
den man ohne fremde Hilfe ausübt, bei dem man sich nur auf sich
selbst verlässt, und am Ende, wenn man zum Ausgangspunkt zurückkehrt, sieht man gedankenvoll vor seinem inneren Auge den
Planeten durch den Weltraum sausen und sagt sich: »Ich hab’s geschafft; ich hab’s eigenhändig geschafft. Ich bin geradewegs rund
um diese wirbelnde Erdkugel gereist, und ich kann allein reisen,
ohne Kapitän, der wie ein Kindermädchen meine Schritte über die
Ozeane leitet. Zwar kann ich nicht zu anderen Sternen fliegen, doch
diesen Stern beherrsche ich vollkommen.«
Während ich dies schreibe, blicke ich auf und sehe hinaus
aufs Meer. Ich liege am Strand von Waikiki, auf der Insel Oahu.
Fernab, auf dem azurblauen Firmament, treibt der Passatwind Wolken tief über dem blaugrünen Türkis des Ozeans. Näher bei mir
ist das Wasser smaragdgrün und hell olivfarben. Dann kommt das
Riff, wo das Wasser ganz schiefrig purpurn und rot gesprenkelt ist.
Noch näher sieht man hellere Grün- und Brauntöne, die sich in
wechselnden Streifen erstrecken und anzeigen, wo Sandflächen
zwischen den lebendigen Korallenbänken liegen. Durch und über
und aus diesen wunderschönen Farben braust und donnert eine
herrliche Brandung. So hebe ich, wie gesagt, meinen Blick zu diesem Bild, und durch die weiße Krone eines Brechers erscheint
plötzlich eine dunkle Gestalt, aufrecht, ein Fischmensch oder ein
Meeresgott, ganz vorne an der Vorderseite der Krone, wo die Woge
vornüberkippt, saust, bis zu den Lenden in schäumende Gischt getaucht, auf die Küste zu, sein Leib wird vom Meer erfasst und eine
Viertelmeile landwärts geschleudert. Es ist ein Kanaka12 auf einem
Surf brett. Und ich weiß, sobald ich diese Zeilen geschrieben habe,
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werde ich draußen sein, in diesem Aufruhr aus Farben und donnernder Brandung, um zu versuchen, die Brecher nach seinem Vorbild zu zähmen, um daran zu scheitern, wie er niemals scheiterte,
doch um das Leben so zu leben, wie es nur die Besten unter uns vermögen. Und das Bild jenes gefärbten Meeres und jenes fliegenden
Meeresgottes in Gestalt eines Eingeborenen wird zu einem neuen
Grund für einen jungen Mann, nach Westen aufzubrechen, immer
weiter nach Westen, jenseits der im Meer versinkenden Sonne, und
weiter noch nach Westen, bis er schließlich heimkehrt.
Aber zurück zum Thema. Bitte glauben Sie bloß nicht, ich
wüsste schon alles. Ich kenne bloß die Grundzüge der Navigation.
Es gibt noch jede Menge zu lernen. Auf der Snark wartet ein Stapel
faszinierender Bücher über Navigation auf mich. Da gibt es den Gefahrenwinkel von Lecky13, da gibt es die Sumner-Linie14, die, wenn
man überhaupt nicht mehr weiß, wo man sich befindet, einem
schlüssig zeigt, wo man gerade ist und wo nicht. Es gibt Dutzende
und Aberdutzende Methoden, um die eigene Position auf dem
Meer zu ermitteln, und man kann Jahre damit zubringen, bis man
alles bis ins Detail zu meistern versteht.
Sogar in dem wenigen, das wir begriffen hatten, entglitt uns
so manches, das für das offensichtlich eigenwillige Verhalten der
Snark verantwortlich war. Zum Beispiel konnte uns am Donnerstag, dem 16. Mai, der Passatwind nicht weiterbringen. In den vierundzwanzig Stunden bis Freitagmittag waren wir nach unseren
Gissungen nicht einmal zwanzig Meilen vorangekommen. Doch
12 »Kanaka« bedeutet »Mensch« in der Sprache der Eingeborenen.
13 Kapitän S. T. S. Lecky verfasste mehrere Werke über Navigation, u. a. »Wrinkles«
in Practical Navigation (1881). London bezieht sich wahrscheinlich auf The
Danger Angle and Off-Shore Distance Tables (1899).
14 Mathematische Ableitung der Position aus einer einzigen Messung, nach Kapitän Thomas Sumner, der 1843 einen entsprechenden Bericht veröffentlichte.
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hier sind unsere Positionen zur Mittagsstunde an den beiden Tagen
unseren Beobachtungen gemäß:
Donnerstag
20° 57′ 30″ N – 152° 40′ 30″ W
Freitag
21° 15′ 33″ N – 154° 12″ W
Der Abstand zwischen den beiden Positionen beträgt ungefähr
achtzig Meilen. Dennoch wussten wir, dass wir keine zwanzig Meilen zurückgelegt hatten. Unsere Berechnungen waren richtig. Wir
gingen sie mehrmals durch. Der Fehler lag in unseren Beobachtungen. Um korrekte Beobachtungen zu machen, braucht es Übung
und Geschicklichkeit, insbesondere auf einem so kleinen Schiff wie
der Snark. Die heftigen Bewegungen des Boots und die Nähe des
Auges des Beobachters zur Wasseroberfläche sind schuld an den
falschen Messergebnissen. Eine große Welle, die sich eine Meile
entfernt hebt, verdeckt die Horizontlinie.
Doch in unserem besonderen Fall kam noch ein weiterer
Störfaktor hinzu. Die Sonne, auf ihrer jährlichen Wanderung über
das Firmament nach Norden, vergrößerte ihre Deklination. Am
19. Breitenkreis nördlicher Breite stand die Sonne Mitte Mai fast direkt über uns. Der Bogenwinkel lag zwischen 88 und 99°. Ein paar
Grade mehr, und die Sonne hätte senkrecht über uns gestanden.
Erst später durchschauten wir ein paar Dinge, das Messen des Höhenstands einer fast lotrecht stehenden Sonne betreffend. Roscoe
begann die Sonne zum östlichen Horizont herabzuziehen, und er
hielt an dieser Kompassrichtung fest, obwohl die Sonne den Meridian eigentlich südwärts passieren würde. Ich meinerseits machte
mich daran, die Sonne nach Südosten herabzuziehen, und irrte
ab nach Südwest. Wir waren eben unsere eigenen Lehrer. Das Er-
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gebnis war, dass ich um fünfundzwanzig Minuten nach zwölf Uhr
Schiffszeit den Sonnenstand von zwölf Uhr gelesen hatte. Dies wies
nun darauf hin, dass sich unsere Position auf der Erdoberfläche um
fünfundzwanzig Minuten verschoben hatte, was in etwa sechs Längengraden oder dreihundertfünfzig Meilen entsprach. Die Snark
musste demnach vierundzwanzig aufeinanderfolgende Stunden
lang mit fünfzehn Knoten pro Stunde gesegelt sein – und wir hatten nichts davon bemerkt! Es war absurd und grotesk. Doch Roscoe,
der immer noch nach Osten spähte, behauptete, es sei noch nicht
zwölf Uhr. Er beharrte darauf, dass wir mit zwanzig Knoten dahinrasten. Dann begannen wir, mit unseren Sextanten den Horizont blindlings in allen möglichen Richtungen anzupeilen, und wo
immer wir auch hinschauten, da stand die Sonne, verblüffend nah
an der Horizontlinie, mal darüber, mal darunter. In einer Richtung
besagte der Sonnenstand Morgen, in einer anderen Nachmittag.
Mit der Sonne stimmte alles – so viel wussten wir; von daher mussten wir grundfalsch liegen. So verbrachten wir den Rest des Nachmittags im Cockpit, lasen in den Büchern über dieses Problem und
fanden heraus, wo der Fehler lag. An jenem Tag kamen wir nicht
mehr zu unseren Beobachtungen, dafür aber am darauffolgenden.
Wir hatten dazugelernt.
Und wir lernten gut, besser, als wir es eine Zeit lang für möglich gehalten hatten. Eines Abends zu Beginn der zweiten Hundswache setzten Charmian und ich uns aufs Vordeck, um eine Runde Cribbage zu spielen. Als ich zufällig nach vorne schaute, sah ich
einen Berg mit Wolkenhut aus dem Meer aufsteigen. Wir waren
glücklich, Land zu sichten, aber ich war verzagt über unsere Navigation. Ich dachte, wir hätten dazugelernt, doch unsere Position zu
Mittag plus die seither zurückgelegte Strecke brachte uns nicht einmal in den Bereich von hundert Meilen vor der Küste. Doch vor
uns war Land, und es verblasste vor unseren Augen in den Feu-
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ern des Sonnenuntergangs. Dass da Land war, stand außer Zweifel. Daran gab es nichts zu rütteln. Deswegen musste unsere Navigation grundfalsch sein. Sie war es aber nicht. Das Land, das wir
sichteten, war der Gipfel des Haleakala, das »Haus der Sonne«, der
größte erloschene Vulkan auf Erden. Er ragte dreitausend Meter
über dem Meeresspiegel empor und war mehr als hundert Meilen
entfernt. Wir segelten die ganze Nacht mit sieben Knoten, und am
nächsten Morgen lag das Haus der Sonne immer noch vor uns, und
wir mussten noch einige Stunden segeln, ehe wir uns längsseits davon befanden. »Diese Insel ist Maui«, sagten wir, von der Seekarte ablesend. »Die nächste aufragende Insel ist Molokai, wo die Leprakranken hausen. Und die Insel daneben heißt Oahu. Hier liegt
Makapuu Head. Morgen sind wir in Honolulu. Unsere Navigation
stimmt.«
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