Schlafende Häuser wecken

Dornbirn
Bregenz
Schlafende
Häuser wecken
Offspaces, recycelty Orte und Zwischennutzung in Vorarlberg
Leerräume im Stadtgefüge sind kein neues Phänomen, sie begleiten Städte kontinuierlich, da diese schon immer ökonomischen, gesellschaftlichen
und politischen Veränderungen unterliegen. Gerade ländliche Regionen,
welche teilweise mit starken demografischen Abwanderungsbewegungen
zu kämpfen haben, sehen diesem Problem verstärkt ins Auge. Eine Strategie dagegen vorzugehen ist die temporäre Nutzung, beziehungsweise
Zwischennutzung der brachliegenden Flächen. Wegen ihrer vermeintlichen
ökonomischen Schwäche waren Zwischennutzungen aus der Sicht der
Stadtplanung als eigenständige Nutzungsform lange Zeit nicht anerkannt
und blieben daher unbenannt. Wie viel Wirkung diese Vorgehensweise jedoch erzielen kann, lässt sich an zahlreichen positiven Beispielen sehen. Es
gibt mittlerweile einige Initiativen und Agenturen, die sich der Problematik
annehmen. Genannt sei hier die Agentur für Leerstandsmanagement „Nest“
oder aber auch „Paradocks“, die sich selber als „Think- and Do-Tank für
leerstehende Gebäude“ beschreiben. Beide sind tätig in Wien. Auch Online-Portale, die überregional leerstehende Räumlichkeiten für eine temporäre Nutzung vermitteln gibt es. Beispiele dafür sind www.gopopup.com oder
www.offoff.ch.
Aktionsraum N25, Feldkirch
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Schlafende Häuser
Das Konzept der Wiederverwertung,
beziehungsweise dem Recycling von
Orten, fand zunächst hauptsächlich
in Großstädten Verwendung, doch
auch in Vorarlberg ist diese Nutzungsform anzutreffen. Ich begebe
mich auf die Suche nach genau
solchen Orten. Dabei begegne ich
engagierten und visionären Persönlichkeiten, die dem Stillstand und
dem Aussterben der Innenstädte
den Kampf ansagen.
die zeitgleich stattfinden. Die Bandbreite reicht von Kunst und Design
bis hin zu Mode und Fotografie. Alle
Veranstaltungen zusammen präsentieren sich seit dem Jahr 2015
deshalb unter dem Namen „POTENTIALe“. Ihr Debüt hatten dabei auch
die sogenannten „Lost Places“. Das
waren leerstehende Räume, die jungen Aussteller_innen kostenlos zur
Verfügung gestellt wurden.
Meine erste Station ist dabei das
Büro des Stadtmarketing in Feldkirch. Das Stadtmarketing organisiert
jährlich die Kunst- und Designmesse
„ArtDesign Feldkirch“. Im Laufe der
Zeit haben sich zahlreiche weitere
Veranstaltungsformate entwickelt,
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Hohenems
Feldkirch, Schmiedgasse 3. Ich
treffe mich mit Jasmine Türk und
Johanna Bernkopf. Die beiden sind
Teil des Stadtmarketings und sind
zuständig für die Organisiation der
„POTENTIALe“. Sie erzählen mir
wieso die Stadt Feldkirch sich dem
Thema Zwischennutzung annimmt
und warum es das Veranstaltungsformat „Lost Places“ überhaupt gibt.
Der Kerngedanke bei dem Projekt ist
es, die versteckten Potentiale, wie
der Name ja schon sagt, der Stadt
zu offenbaren. Die Stadt ist nicht
länger schlichte Gastgeberin für
Kulturschaffende mit Potential – sie
selbst, mit den zahlreichen ungenutzten Flächen, ist das Potential.
Vor allem aber soll es dem kreativen
Nachwuchs als Präsentationsplattform dienen, auf der aktuelle Arbeiten, innovative Produkte sowie
unterschiedlichste Nutzungsmöglichkeiten präsentiert und ausprobiert werden können. Dass diese
Plattformen nicht immer leicht zu
finden sind, erfahren wir später auch
noch von der Künstlerin Miriam
Prantl, die von ihren Anfängen im
Kunstbetrieb berichtet.
Über die temporäre Belebung von
still gelegenen Potentialen der Stadt
hinaus entsteht auch ein Anstoß zur
nachhaltigen Nutzung von vorhandenen Räumlichkeiten im suburbanen Raum. Dieser Anstoß treibt
eine dynamische Stadtbelebung
und Entfaltung im kulturellen Sektor
voran und ist Grundbedingung, um
diese überhaupt zu ermöglichen.
Des weiteren können dem jüngeren
Zielpublikum Hochschulprogramme
und innovative Denkmuster näher
gebracht werden.
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So viel zur Theorie. Um aber auch
einen der „Lost Places“ persönlich
zu erleben besuche ich den Aktionsraum N25, der auch über die Dauer
der „POTENTIALe“ hinaus, noch
immer Bestand hat.
Feldkirch, Neustadt 25. Ich nähere
mich der Adresse und sehe schon
von weitem die weißen Stehtische
und ein Leuchtschild, das die Nachricht „open“ in hellen Neonbuchstaben verkündet. Ich werde herzlich
begrüßt von Miriam Dobler und
Christoph Eppacher, dem sympathischen Architektenpaar, das den Aktionsraum N25 ins Leben gerufen hat.
Noch bevor ich meinen Rucksack
ablegen kann stoßen wir mit einem
Bier an. „Die Stadtraumbelebung
geht hier voll auf“, denke ich mir. Wir
kommen sofort ins Gespräch und sie
freuen sich sehr, als ich ihnen von
meiner Reportage erzähle. Es sei
wichtig, dass viele Menschen von
solchen Projekten erfahren, damit
sie sehen wie einfach es ist etwas
in der Stadt zu verändern. Auf die
Frage hin, wie einfach es denn war
das Projekt auf die Beine zustellen
und wie es dazu kam, erzählen sie
mir die Entstehungsgeschichte des
Aktionsraums.
Das einst leerstehende Ladenlokal
befindet sich direkt in der Innenstadt
von Feldkirch, genau gegenüber von
Miriams und Christophs Wohnung.
Als ihnen der immer länger andauernde Leerstand des Raumes aufgefallen ist, kontaktierten sie kurzerhand den Vermieter und stellen ihm
die Idee von einem Aktionsraum vor.
Dieser lässt sich glücklicherweise
dafür begeistern und stellt den beiden den Raum bis zur Renovierung
im Sommer 2016 zur Verfügung. Die
beiden haben seitdem den Raum
Bregenz
mehrmals umgestaltet und aufgezeigt welches Nutzungsmöglichkeiten er bietet. Vor allem auch für
den Vermieter ist das ein positiver
Nebeneffekt, bei der Suche nach einem langfristigen Mieter. Die beiden
haben den Teppichboden entfernt,
sodass der abgenutzte Parkettboden zum Vorschein kommt. Spiegel
und Holzverkleidungen wurden
von den Wänden ebenfalls entfernt. Darunter verborgen zeigt sich
nun zum Teil Tapete mit blumigem
Muster und zum Teil alte Farbe, die
von der Wand abblättert. Ich sehe
mich um und stelle fest, dass diese vermeintlichen Schönheitsfehler
dem Raum einen ganz besonderen
Charme und Charakter verleihen.
„Genau aus diesem Grund werden
sie auch nicht ausgebessert“, fügt
Miriam hinzu. Umso mehr Details
man im Raum entdeckt, umso neugieriger wird man, was wohl zuvor
zwischen diesen Mauern geschehen
sein könnte. Auch auf die derzeitige Kunstausstellung wirkt sich die
Atmosphäre des Raumes aus. Der
Raum tritt nicht in den Hintergrund,
wie man es vom klassischen „White
Cube“ gewöhnt ist. Der Raum ist
präsent und steht in Wechselbeziehung mit den Gemälden. Als Reaktion auf diese Gegebenheiten hängen
die Bilder auch nicht wie gewohnt an
der Wand, sondern werden mittels
Beamer auf Leinwände projiziert.
Bevor der Raum für die Ausstellung
genutzt wurde, diente er als temporäres Stummfilmkino und während
der „POTENTIALe“ im Herbst 2015,
war der Raum selbst das Kunstobjekt. An der vielfältigen Nutzung
lässt sich auch schön sehen worum
es den beiden Architekt_innen bei
dem Projekt eigentlich geht. Der
Raum ist für keinen bestimmten
Zweck vorgesehen, vielmehr soll er
anstiften Neues auszuprobieren, so
Christoph. „Wir wollen ein Bewusstsein in der Gesellschaft schaffen,
wie viel Potential eigentlich in solchen Räumen steckt“. Nutzungen
aller Art sind willkommen, solange
dadurch die Innenstadt belebt und
der Stillstand bekämpft wird. Kulturelle Veranstaltungen sind ebenso
gewünscht wie Unternehmensgründungen, die Raum zum experimentieren benötigen. Die beiden
mussten bisher ohnehin erst wenige
Vorschläge zur Nutzung ablehnen,
wie etwa den ein „Indoor-Holi-Fest“
zu feiern, bei dem man sich gegenseitig mit Farbpulver beschmeißt.
Es hat wohl ein wenig gedauert bis
die Einwohner von Feldkirch verstanden haben was der N25 ist,
doch der Zuspruch und das Interesse wird immer größer. Auch wenn
Miriam und Christoph sich gerne um
den Aktionsraum kümmern, so freuen sie sich auch, wenn im Sommer
ein dauerhafter Mieter einzieht und
die Nachbarschaft dadurch bereichert. „Es war von Anfang an klar,
dass es sich hierbei um ein temporäres Projekt handelt und das ist auch
gut so“, so Miriam. Dass die beiden
in Zukunft ein ähnliches Projekt in
Angriff nehmen, wollen die beiden
dennoch nicht ausschließen.
Um nun auch einen Blick auf die
Sicht einer Ausstellenden zu bekommen, führe ich ein Interview mit der
Dornbirner Künstlerin Miriam Prantl.
Prantl hatte zahlreiche Ausstellungen, u.a. an der Fordham University,
New York, im Kunstpavillon Innsbruck, im Palais Liechtenstein, Feldkirch sowie in der Johanniterkirche,
Feldkirch. Raum, Licht und Farbe
sind Grundkomponenten der Werke
Dornbirn
Miriam Prantls, mit denen sie sich in
Lichtinstallationen, architektonischen
Interventionen, Skulpturen, Wandreliefs und gemalten Bildern auseinandersetzt. Besonders interessiert
mich die Ausstellung im einstigen
Offspace Johanniterkirche, die sich
in den vergangenen 20 Jahren als
festen Ausstellungraum für zeitgenössische Kunst etablieren konnte.
Allgemein, inwiefern beeinflusst
der Ausstellungsort Ihre Arbeiten?
Ich arbeite sehr gerne in Bezug
auf einen Ort. Für mich ist Raum
eines der wichtigsten Aspekte in
meiner Arbeit und deshalb ist auch
der Raum in dem ich ausstelle, voraussetzend und Impuls gebend. Die
Johanniterkirche ist ein ganz spezieller Ort. Raum und Atmosphäre
sind hier sehr fein und fast mystisch.
Der White Cube hingegen ist neutral verglichen mit einer grey card als
Mittelwert beim Fotografieren und ist
somit offen für alles.
Johanniterkirche als Ausstellungsort? Wie sind Sie damit umgegangen? Wie hat das Ihre Arbeitsweise beeinflusst?
Da ich mit Licht und Sound arbeite habe ich versucht mich auf die
Atmosphäre einzulassen, ich habe
deshalb auch nur eine Form gewählt und habe meine Arbeit noch
extremer minimalisiert.
Das Prinzip der Zwischennutzung
von leerstehenden Räumen für
kulturelle Zwecke ist in Großstädten weit verbreitet. Besonders für
junge Künstler, die es noch nicht
in bekannte Galerien schaffen,
bietet dies eine attraktive Alternative. Auch in Vorarlberg erkennt
man langsam das Potential, das
darin steckt. Wieso, denken Sie,
ist das Prinzip der Zwischennutzung im ländlichen Raum noch
eher gering vertreten? Denken Sie
die Städte sollten sich dafür stärker engagieren? Oder ist das die
Aufgabe der Künstler selbst?
Als Sie angefangen haben mit
der Kunst, wie haben Sie geeignete Räume für Ausstellungen
gefunden? Was hat sich in dieser
Hinsicht verändert? Ist es heute
schwieriger oder leichter geworden für junge Künstler einen
Raum zu finden?
In größeren Städten ist es natürlich
einfacher geeignete Räumlichkeiten
zu finden, die entweder leer stehen
oder kurz zur Verfügung stehen
und dann von Künstlern temporär
aktiviert werden können für Ausstellungen. In Vorarlberg gibt es auch
mehrere Initiativen, wo Künstler
zeitweise solche Orte besetzten. Da
wir zwei Künstler Vereinigungen in
Vorarlberg haben, die beide eigene
Ausstellungsorte haben, bietet das
für junge Künstler auch Möglichkeiten auszustellen. Es gibt in Vorarlberg überraschender Weise zahlreiche Ausstellungsorte, auch für junge
Künstler. Die kulturelle Dichte hier
ist schon beeindruckend. Es kommt
sicher auch immer auf die Idee und
den Unternehmungsgeist der Künstler an, der ist nicht Ort gebunden
und kann überall eine Möglichkeit
finden um Ideen umzusetzen.
Räumlichkeiten für Ausstellungen
zu finden sind immer schwierig und
brauchen viel Selbstinitiative und Arbeit. Wer Räume erschließen möchte, wird auch geeignete Orte finden.
Auch heute noch. Die Ansprüche
spielen dabei auch eine Rolle.
Ich selbst bin bei einer Künstlervereinigung dabei und habe das Glück
von einer Galerie im Land vertreten
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zu werden. Allerdings muss man
internationale Kontakte knüpfen und
pflegen. Nur so kann man einen Einstieg finden um auch mit musealen
Ausstellungstätigkeiten zu beginnen
und international auszustellen.
Nach dem aufschlussreichen Gespräch heißt meine nächste Station Bregenz. Genauer gesagt die
„Tankstelle“ in Bregenz. Ich treffe
mich mit Stefan Lins, einem der drei
Gründungsmitglieder, die 2012 den
Grundstein für das Projekt „Tankstelle“ gelegt haben. Sie haben einen
Raum gesucht, wo sich Menschen
unterschiedlicher Altersgruppen und
Kulturen ohne Konsumzwang treffen können, so Stefan. „Ein Ort zum
Auftanken für Hirn und Herz“, diese
Beschreibung ist sehr treffend und
verleiht der „Tankstelle“ auch ihren
Namen.
Bregenz, Deuringstraße 9. Während der Kaffee noch durch die
Maschine läuft zeigt mir Stefan die
Räumlichkeiten. Es gibt einen großen Hauptraum im Erdgeschoß und
weitere Räume im Kellergeschoß.
Der große und helle Hauptraum,
der davor als Friseursalon genutzt
wurde, ist offen und hat eine breite Fensterfront, die gut Dreiviertel
der Wände ausmacht. Entlang der
Scheiben stehen kleine Tische und
Stühle mit Platz für jeweils vier
Personen. Kein Stuhl gleicht dem
anderen, jeder Stuhl hat eine andere
Form und Farbe. An den Scheiben
selbst hängen Flyer von den einzelnen Veranstaltungen, sodass man
sie von der Straße aus lesen kann.
Von der Decke hängen unzählige
Glühbirnen wie Lampions herunter.
Am Ende des Raumes, in der Ecke,
befindet sich die Küche. Über eine
schmale Wendeltreppe gehen wir in
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Feldkirch
den Keller. Hier befindet sich neben
einem Lagerraum und einer Toilette
noch ein etwas größerer Raum, der
unterschiedlich genutzt wird. Auf
der einen Seite davon sieht man die
Anfänge einer Werkstatt, die hier
entstehen soll.
Insgesamt betrachtet fühlt man sich
in der „Tankstelle“ auf Anhieb wohl,
was mit Sicherheit an den Second
Hand-Möbeln liegt, die den größten
Teil der Einrichtung ausmachen. Gerade weil die Möbel bunt gemischt
und nicht immer perfekt sind, erhält
der Raum eine so warme und einladende Atmosphäre. Wir setzen uns
und Stefan erklärt mir wie es zu dem
Projekt kam. Sowohl er als auch
Michael Lederer und Julia Stadelmann, die beiden anderen Gründungsmitglieder, haben in größeren
Städten studiert. Als sie nach ihrem
Abschluss zurück nach Vorarlberg
kamen, war ihnen schnell klar, dass
sie etwas vermissen. Was das genau
war, konnten sie am Anfang noch
gar nicht genau definieren. Doch
nach und nach wurde ihnen klar,
dass in Bregenz ein Raum fehlt, in
dem man sich treffen kann, seine Talente und Interessen ausleben kann,
ohne dabei konsumieren zu müssen.
Daraufhin haben sich die drei auf die
Suche nach leerstehenden Räumen
und Gebäuden gemacht und überraschenderweise sehr viele davon
gefunden. Ende 2012 war es dann
soweit, der Kulturfreiraum „Tankstelle“ wird in der Deuringstraße eröffnet.
Seitdem finden hier die verschiedensten Veranstaltungen statt, vom
Wohnzimmerkonzert über Lesungen
bis hin zum gemeinsamen Kochen
ist hier alles dabei. Im Prinzip kann
sich hier jeder mit seiner Idee ein-
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bringen. Solange die Aktion offen
und für jeden zugänglich ist und
keinen kommerziellen Hintergrund
hat, ist sie willkommen. Es gibt keine
Hierarchie und man muss auch kein
Mitglied sein oder ähnliches. Es
gibt zwar ein Kernteam, das sich
um den Raum an sich und um die
Miete kümmert, alle Entscheidungen werden jedoch in der Gruppe
getroffen und jeder kann mitreden,
der Interesse hat. Die Finanzierung
läuft hauptsächlich über freie Spenden bei den Veranstaltungen und
über Patenschaften. Und bisher
hätte das auch immer ziemlich gut
funktioniert, so Stefan. Die „Tankstelle“ gibt kein festes Programm
vor, sie bietet Raum um Veranstaltungen zu verwirklichen ohne dass
man finanziellen Druck durch Miete
oder ähnliches hat. Die Initator_innen wollen die Menschen animieren
und dadurch die Stadt beleben und
das Miteinander fördern. Am Ende
des Gesprächs wird mir schnell klar,
dass ich unbedingt selbst eine der
vielen Veranstaltungen besuchen
möchte, um die Dynamik und Leidenschaft, die von der „Tankstelle“
ausgeht, erleben zu können. Stefan
empfiehlt mir deshalb, am immer gut
besuchten Mittagstisch, der jeden
Freitag stattfindet, teilzunehmen.
Was ich dann auch tue.
Es ist fünf Minuten vor zwölf als
ich am Freitag Mittag erneut an der
„Tankstelle“ ankomme. Bereits von
außen sehe ich, dass sich etwas tut
hinter den großen Fensterscheiben.
Ich trete ein und verstaue erst ein
mal meine Jacke und meinen Rucksack. Die fünf Frauen, die bereits
da sind, sind alle noch ziemlich
beschäftigt. Die einen schmecken
das Essen noch ein letztes Mal ab,
während die anderen sich um die
Kinder kümmern, die sich mit ihren
Spielsachen im Raum ausgebreitet
haben. Bald ist es zwölf Uhr und der
Raum füllt sich langsam mit hungrigen Gästen. Von jung bis alt, ob mit
Hemd oder mit Jogginghose, es sind
die verschiedensten Leute anzutreffen.
Das Menü ist eröffnet. Es gibt Reis,
dazu Linseneintopf und Rote Beete
Suppe mit Kren, zum Nachtisch gibt
es Muffins. Bei den Zutaten wird
darauf geachtet, dass sie vegan, bio
und lokal sind. Ich sitze zusammen
mit Barbara am Tisch, die Bregenzerin ist Architektin und wohnt erst
seit kurzem wieder im Ländle. Allzu
viele Leute, die hier sind kennt sie
noch nicht, jedoch kommt man hier
schnell ins Gespräch und kann neue
Kontakte knüpfen, erklärt sie mir.
Ein wenig später setzen sich zwei
weitere Frauen zu uns. Die eine
davon kommt jeden Freitag her und
hilft auch mal beim Kochen mit, das
um 10 Uhr beginnt, die andere ist
zum ersten Mal hier, wie ich erfahre. Ebenfalls mein erstes Mal ist es,
dass ich komplett vegan esse und
meine Skepsis war groß. Doch ich
bin begeistert, das Essen schmeckt
mir überraschend gut. Essen allgemein, scheint hier ein wichtiges Thema für alle zu sein. Als ich frage was
sie an dem Mittagstisch hier besonders mögen, sind sie sich einig, dass
man hier weiß woher die Lebensmittel stammen und dass sie mit Liebe
zubereitet werden. Das sieht man
auch daran, wie vergleichsweise
langsam und lange hier alle essen.
Ich denke das ist auch ein Ausdruck
von großer Wertschätzung, die der
Nahrung hier entgegengebracht
wird. Nach gut einer Stunde holen
wir uns den Nachtisch.
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Als sich die Teller so langsam leeren, werden in der Gruppe schon
Pläne für den nächsten Mittagstisch
geschmiedet. Wer hat Lust mit zu
kochen, wer besorgt welche Zutaten
und was gibt es überhaupt? Diese
Fragen werden noch geklärt bevor
wir unseren Tisch abräumen und unser Geschirr spülen. Abschliessend
kann ich zusammenfassen, dass
es wohl genau diese Do-It-Yourself-Mentalität ist, wovon die „Tankstelle“ lebt. Nicht der Raum ist es,
der die „Tankstelle“ ausmacht, es
sind die Menschen, die etwas unternehmen wollen und die Gemeinschaft damit bereichern. Insofern
kann ich meine Suche mit einem
schönen Erlebnis abschließen, auch
wenn es noch zahlreiche andere
spannende Projekte in Vorarlberg zu
erkunden gäbe.
Während der gesamten Zeit in der
ich unterwegs war, hat sich der Blick
auf meine Umgebung zunehmend
geändert. Ich sehe keine leerstehenden Gebäude mehr, ich sehe potentielle Aktionsräume. Eine Auswahl
dieser Gebäude habe ich fotografisch dokumentiert. Als Gegensatz
zu den tristen und leblosen Fassaden, sind auch Fotos aus dem Bilderarchiv der „Tankstelle“ und dem
Aktionsraum N25 zu sehen.
Reportage: Tobias Holzmann
Wohnzimmerkonzert in der „Tankstelle“, Bregenz
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