Kelly Kelch
architekturdesigner
Pressebüro für Architektur und Produktdesign
Interview Friedrich Carl Haindl, München 09.12.2015
„Ich halte nichts von Architekten, die sich mit einem Gebäude ihr Denkmal setzen.“
architekturdesigner: Das Architekturbüro Haindl ist seit über 100 Jahren existent, drei Generationen
haben gewirkt und nun wurde die Geschäftsführung an drei Personen abgegeben, die keine vierte
Generation einläuten. Wie schwer war das Herz, sich als letzter Haindl aus der aktiven
Geschäftsführung zurück zu ziehen?
Friedrich C. Haindl: Ein Architekturbüro ist kein Geschäft, das sich einfach vererben oder verkaufen
lässt. Meine Kinder haben sich für eine andere Berufsrichtung entschieden. Wenn man es denn
weitergeben will, muss man es an Leute gehen, wo man denkt, dass es in dem Sinne weitergeht, wie
es bisher war. Das ist im konkreten Fall mit drei bereits im Büro involvierten langjährigen Mitarbeitern
geschehen. Das war ein Glücksfall und deshalb fiel es mir auch nicht so furchtbar schwer. Für mich ist
das Wichtigste, es geht weiter und mit dem Namen Haindl + Kollegen wurde ja schon vor etlichen
Jahren gezeigt, daß das Büro nicht an einer Person hängt.
Sie waren über 20 Jahre mit Ihrem Vater gemeinsam tätig. Gab es Reibungspunkte?
Reibungspunkte gibt es immer, aber es hat auf Grund des relativ großen Altersunterschieds gut
funktioniert. Bei meinem Eintritt ins Büro war mein Vater bereits 65 Jahre alt. Es war nicht absehbar,
dass er noch 20 Jahre arbeiten würde. Das es häufig nicht funktioniert hat damit zu tun, dass die
vorhergehende Generation nicht loslassen kann. Aber ab einem gewissen Alter ist es natürlich leichter
sich zurück zu ziehen und mit 65 Jahren hatte mein Vater damit keine Probleme mehr.
Was war Ihr letztes Bauprojekt mit aktiver Beteiligung?
Einfallen würde mir das Beispiel der HEP-Schule in Lauterhofen, wo kürzlich das Richtfest stattfand.
Hier stammt der Ursprungsentwurf von mir.
Wie bewältigten Sie als alleiniger GF den administrativen und operativen Projektbereich?
Der administrative Bereich wurde unterstützt von meiner Frau, die den personellen und finanziellen
Part weitgehend übernommen hat. Infolge dessen konnte ich mich auf die Führungsaufgaben im
architektonischen Bereich besser konzentrieren, aber auch das sind Führungsaufgaben und keine
Projekt leitenden Tätigkeiten, weil das eine tägliche Verfügbarkeit erfordert und das war nicht der Fall.
Die neue Dreifach-Führung ist also in Ihren Augen eine Erleichterung?
Ich sehe es tatsächlich als viel einfacher an, denn die Drei können sich die Aufgaben entsprechend
teilen. Sie haben die Philosophie, dass in jedem der Projekte einer der Geschäftsführer involviert sein
sollte, um nahe am Geschehen zu sein. Das können sie als alleiniger Geschäftsführer gar nicht
bewerkstelligen, weil jedes Projekt solche Eigengesetzlichkeiten hat, was Termine und Belastungen
anbelangt. Das macht es unmöglich, kontinuierliche Leitungsfunktionen im Projekt allein wahrnehmen
können.
Was zeichnet für Sie ein gelungenes Bauvorhaben aus?
Was mir wichtig ist, dass bei relativ engen Vorgaben Räume entstehen, die über den normalen
Baucubus hinausgehen. Mit anderen Worten: aus einer rechteckigen Kiste zusätzliche
Räumwirkungen zu schaffen. Diese Möglichkeiten kann man sich durchaus erschaffen. Man muss es
gestalterisch so hinbringen, dass es vom Raumprogramm gut aufgeht.
Was war für die Haindl-Generation über die 100 Jahre die prägnanteste Entwicklung?
Einschneidend ist für mich, und das zieht sich über mehrere Generationen hinweg, dass eine sehr
enge Bauherrnbeziehung der geschäftlichen Beziehung gewichen ist. Der Architekt war früher
geachteter – eine Respektsperson. Er war sehr viel alleinbestimmender in der Gestaltung, „so machen
wir das“ und dann wurde es entsprechend ausgeführt. Es gab keinen langen Diskussionsprozess mit
dem Bauherrn. Jetzt sind wir nur noch Dienstleister. Man bekommt sein Honorar und dafür muss man
liefern. Wobei wir schon früh das Dienstleistungsdenken sehr ernst genommen haben. Das ist jedoch
keine Entwicklung, die plötzlich einsetzte, sondern dies geht bereits über einen langen Zeitraum
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Eine weitere, sehr gravierende Änderung sind die Kommunikationsmittel. Mein Großvater baute
bayernweit. Er war wochenlang unterwegs, um die Baustelle vor Ort betreuen zu können. Heute kann
man per Fax, E-Mail oder anderen digitalen Kanälen kommunizieren, ohne sich von A nach B zu
bewegen. Beispielsweise im Zusenden von Plänen oder Skizzen. Es war früher alles sehr viel
langsamer. Die Wege waren deutlich beschwerlicher.
Anfänglich lag der Schwerpunkt des Architekturbüros Haindl im Sakralbau. Was hat sich im
Kirchenbau über die 100 Jahre geändert?
Es gibt neue Materialien, die auch neue Lösungen ermöglichen wie beispielsweise bei der Herz-JesuKirche in München mit ihrer komplett in Glas aufgelösten Fassade. Trotzdem gibt es auch heute
Kirchenbauten aus einfachen Materialien, also massive Wände und gezielt eingesetzte Fenster. So
wurde auch schon vor 200 oder 500 Jahren gebaut. Erste Unterschiede allerdings sah man bereits bei
den Kirchen um 1900. Die technischen Voraussetzungen waren eben weiter fortgeschritten, als
beispielsweise in der Romanik.
Aber erst mit Stahlbeton und Stahl entstanden andere Möglichkeiten als vor 100 Jahren und so
können heute große Dächer mit weiten Spannweiten konstruiert werden. Mit Holzkonstruktionen war
das nicht möglich.
Es gibt weltweit sehr viel städtebauliche Zerstörung durch Kriege. Gibt es einen Ort, da würden Sie
gern einmal aktiv werden?
Wo man meines Erachtens die Ärmel hochkrempeln sollte, ist der Wiederaufbau in Jemen, der auch
über das Städtebauliche hinausgeht. Ich bin überzeugt, wenn in Jemen alte Orte mit großer Baukultur
zerstört werden, die wird keiner mehr aufbauen. Sie werden ersetzt durch billige Containerdörfer.
Kulturgut zu erhalten, sprich wie im Fall Jemen Denkmalpflege zu betreiben, wäre mir ein wichtiges
Anliegen. Das ist nicht nur eine Architektur, sondern auch eine Lebensform, die möglicherweise mit
der Zerstörung so nicht mehr stattfinden wird.
Welche städtebaulichen Fehlplanungen fallen Ihnen ein?
In jeder Stadt gibt es Bausünden und zwar nicht zu knapp. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten
wie in der Charta von Athen gefordert, führte letztlich zu Fehlentwicklungen. Die Trennung von
Wohnviertel und Gewerbeansiedlungen hat in vielen Bereichen zu großen Bausünden geführt, weil in
den Gewerbegebieten der ästhetische Aspekt leider überhaupt nicht von Belang ist. Dies sieht man
z.B. gut an den Gewerbegebieten im Osten Deutschlands, die nach der Wende entstanden. Es
entstanden an den Ortsrändern viele solcher Gebiete, die mit den Orten nichts mehr zu tun hatten.
Oder die sogenannten Trabantenstädte. Das sind für mich, durch die Monotonie, große Bausünden
und zwar großflächig. Ursprünglich hatten die Architekten die konzeptionelle Idee, dann ist die Idee in
die Baugesetze geraten und das Unheil hat seinen Lauf genommen. Heutzutage ist Gewerbe nur
noch selten mit Umweltbelastung verbunden. Das sieht man beispielsweise im Textilviertel in Leipzig
in seiner jetzigen Form. Ein mit Wohnen durchmischtes Gewerbegebiet mitten in der Stadt und somit
ein Beispiel wie Wohnen und Arbeiten in der Durchmischung künftig aussehen kann.
An welchem Gebäude, welches unter Ihrer planerischen Feder entstanden ist, hängt Ihr Herz am
meisten?
Das ist das Haus meines Bruders und zwar deshalb, weil ich da freie Hand hatte. Der Traum jedes
Gestalters also. Es ging um eine Renovierung mit einem erheblichen Aufwand. Das setzt ein großes
Vertrauen voraus.
Ach, und das Kloster St. Klara. Das ist ein Gebäude, welches ich genauso wieder bauen würde. Es
gab technische Sachzwänge, die nicht vom Bauherrn definiert waren, aber mit ihm gemeinsam gelöst
wurden. Außerdem bin ich grundsätzlich der Meinung, dass Architektur nur dann stimmig ist, wenn sie
ruhig und unaufgeregt ist. Bei bestimmten Aufgaben ist vielleicht das Gegenteil gewünscht, aber ich
halte nichts von Architekten, die sich mit einem Gebäude ein Denkmal setzen wollen. Das ist häufig
ein Statement, was mit einem starken Verfallsdatum versehen ist. Die meisten Gebäude schauen
dann eben zehn bis fünfzehn Jahre später ziemlich angejahrt aus. Man spürt, da war der Wunsch
aufzufallen. Das Stararchitektentum sehe ich deshalb etwas kritisch.
Im Wohnungsbau wurde in den Nachkriegsjahren mit kostengünstigen Materialien gebaut. Welche
waren das?
Ziegel, Betondecken, Holzdachstühle, Holzfenster. Heutzutage sind die Baustoffe komplexer, aber
nicht viel anders. Früher gab es weniger Installationen, vor allem im sozialen Wohnungsbau. Hier
musste man sich an Flächenvorgaben orientieren, die sehr knapp waren. Wenn sie sich eine Küche
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der 1950iger Jahre betrachten, ist die Fläche deutlich kleiner als die heutigen Küchen. Auch die Bäder
waren mit 1,60 x 1,40 Meter winzig und würden heute keine Akzeptanz mehr finden.
Bauen für soziale Zwecke war immer eine große Säule des Schaffens von Haindl. Können Sie sich
noch an Ihr erstes Pflege- und Seniorenheim erinnern?
Ich denke man muß zuerst die Begriffe differenzieren. Die Unterscheidung zwischen Wohn- und
Pflegeheimen kam in den 1970iger Jahren und dort im Bereich des Bauens für Menschen mit
Behinderung. Letztere waren für die Pflegebedürftigen und Wohnheime waren z.B. für geistig
behinderte Menschen, die in einer Werkstatt ihre Beschäftigung fanden. Für alte Menschen gab es die
Altenheime, die man heute eher unter dem Begriff Seniorenresidenzen kennt. Hier hat jeder sein
eigenes Appartement. Eine weitere Differenzierung waren die Altenpflegeheime.
Mein erstes Bauvorhaben in dem ersteren Bereich war eine Erweiterung für eine Einrichtung für
behinderte Menschen in Erlkam.
Können Sie beziffern, wie viel Heimplätze bis zum heutigen Tag das Architekturbüro Haindl und Haindl
+ Kollegen insgesamt geschaffen haben?
Bis vor einigen Jahren konnte ich das noch, da einst mehrheitlich in Plätzen gerechnet wurde.
Mittlerweile sind die Heime kleiner und differenzierter. Das schafft die Möglichkeit individuellen
Wohnens. Unter Inklusionsgesichtspunkten ist man viel näher am Leben.
Was vermieden werden soll, sind die Häuser mit Anstaltscharakter, wo Hunderte behinderte
Menschen miteinander wohnen.
Doch die zu bauen, passte nicht in Ihre Philosophie?
Altenwohnheime haben wir in den letzten zehn Jahren nicht mehr gebaut. Diese Träger schauen
extrem auf das Geld und weniger auf die Qualität - das ist nicht unsere Philosophie. Dafür sind wir
nicht der richtige Ansprechpartner.
Wie sehen Sie das Instrument der öffentlichen Ausschreibung?
An Wettbewerben hat das Büro immer teilgenommen, aber jetzt so gut wie nicht mehr. Früher hatten
die Ausschreibungen überschaubare 20 bis 60 Teilnehmer. Mittlerweile nehmen bis zu 200 und mehr
Teilnehmer teil. Ich war mal bei einem Wettbewerb Preisrichter mit über 250 Anmeldungen. Eine erste
Selektion erfolgte im Schnelldurchlauf. Bilder wurden an die Wand geworfen. Entschieden wurde mit
Daumen rauf oder runter, ohne dass man sich eigentlich genauer mit dem Projekt befassen konnte.
Erst nach Aussortieren von zwei Drittel, konnte man sich den Rest der Projekte genauer anschauen.
Das ist völlig absurd. Mitte bis Ende der 1990iger Jahre kam ein neues Instrument – das VOF
Verfahren. Hier müssen öffentliche Auftraggeber ab einer gewissen Kostengrenze ausschreiben. Da
dies auch unser Metier betraf, mussten wir uns darauf einstellen. Wenn wir bei unseren bisherigen
Auftraggebern einen größeren Auftrag wollten, war zwangsläufig eine Teilnahme an der
Ausschreibung erforderlich, sonst hätten wir den Auftrag nicht bekommen.
Was halten Sie von den derzeitigen Bestimmungen des VOF Verfahrens?
Absurd finde ich die niedrige Kostengrenze, ab wann VOF Verfahren laufen müssen. Sie ist seit
Bestehen der Leitlinien kaum verändert worden. D.h., für jedes Kleinprojekt wird ein VOF Verfahren
anberaumt. Ein Beispiel: Wenn ein Kindergarten auf dem Land gebaut werden soll, ist es doch
naheliegend, einen regional ansässigen Architekten zu wählen. Vermutlich bekommt der regionale
Architekt den Auftrag auch, aber das würde niemand so zugeben, dass man sich diesem Kriterium,
was gar keines sein darf, bedient hat. Das war immer schon ein Problem und das ist mit dem
Abgleiten der Grenze auf immer kleinere Projekte noch mehr Thema geworden.
Seit über 15 Jahren ist der Schulbau in den Fokus gerückt. Sind Sie in aktuelle Projekte noch
involviert?
Ja.
Machen sich die Trends aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen bemerkbar?
Ich kann da nichts beobachten, aber vielleicht liegt das auch an unseren Projekten. In der Regel
bearbeiten wir weiterführende Schulen oder Förderschulen.
Konsequenzen für das Bauen bei den weiterführenden Schulen sind hinsichtlich der Vorschriften nicht
spürbar. Als Beispiel der Gymnasialbereich. Hier gab es Schulbaurichtlinien, die eigentlich nicht mehr
existent sind, weil sie aus den 1980iger Jahren stammen. Doch genutzt werden sie noch, da es keinen
Ersatz für sie gibt. Konkrete Diskussionen mit Lehrern zeigen jedoch, dass es durch die Nutzung
moderner Technik (z.B. Tablets für die Schüler) sehr wohl zu Veränderungen kommt. Der
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gesellschaftliche Trend wie er beispielsweise an Hochschulen diskutiert wird, nämlich einen
Gebetsraum auch für Muslime zu integrieren, wird an Bedeutung gewinnen. Im Schulbau kam das
bisher bei uns noch nicht vor.
Zur aktuellen Wohnungsmarktsituation in München: Gibt es Maßnahmen, um den Wohnungsbau auch
im Zuge der Flüchtlingsthematik zu entspannen?
Wenn, dann kann man nur für Städte wie München, die bereits ziemlich zugebaut sind, Lösungen und
bauliche Erleichterungen für das Aufstocken, Erweitern, Nachverdichten suchen. Das funktioniert
meines Erachtens nicht ideal, weil es viele Hindernisse gibt, die in den Weg gelegt werden.
Welche Hindernisse wären das?
Zum Beispiel im Brandschutz oder Einbau von Aufzügen und die vielen Kleinigkeiten im Baurecht. Das
fängt beim Kinderspielplatz, Kinderwagen- oder Fahrradabstellplatz an. Wenn sie die nicht haben,
stößt man auf Widerstand. Das soll nicht heißen, dass ich Kinderspielplätze für entbehrlich halte, aber
ich fände es immer noch besser, es entsteht eine neue Wohnung, um dem Defizit etwas abzuhelfen.
Es wird oft davon geredet, dass man unsere mühsam erarbeiteten Standards verlassen muss. Klar
muß dann aber auch sein, wenn wir uns so viel zumuten, dann werden wir auch einige Standards
verlassen müssen.
Nächstes Jahr läuft Ihr Beratervertrag bei Haindl + Kollegen aus. Wie geht es für Sie weiter?
Das ist richtig. Danach wird man sehen, ob mich meine Nachfolger noch brauchen. Das hängt sicher
davon ab, ob ich für das Architekturbüro noch etwas beitragen kann oder nicht.
Abschließende Botschaft
Die Qualität für den Nutzer in der Diskussion zwischen Auftraggeber und Architekt muss immer an
erster Stelle stehen. Keinesfalls darf sie in die Schiene kommen, wie es in manchen Bereichen des
Bauens der Fall ist: im Vordergrund steht „billig, billig, billig.“
Vielen Dank für das Gespräch!
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