kommen sie! schauen sie!

15.09.2015
MALMOE
Erscheinungsland: Österreich | Auflage: 15.000 | Reichweite: k.A. | Artikelumfang: 114.102 mm²
Seite: 18
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Thema: Prater Wien
Autor:
Herrrreinspaziert und über Andere amüsiert
Trotz vieler Alternativen im Unterhaltungssektorbleibt
der Wiener Wurstelpraterein populärer Ort egal ob
Touristjnnenoder Wienerinnen, nicht nur am Ersten
Mai zieht es die Massen dahin. Doch was steckt hinter dem nostalgischen Zuckerguss des sissi-esken
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Eingangsportals und dem überlebensgroßen Zampano Basilio Calafati außer die Sehnsucht nach einer
Zeit, die es wohl nie gab und der Hunger nach Ner-
venkitzel? MALMOE erzählt auf den folgenden beiden
Seiten die etwas andere Pratergeschichte zwischen
rassistischen Völkerschauen, Volksbildung und dem
Versuch, den Blick umzudrehen und ein anderes Prater.Welt. Museum zu schaffen.
Vom Prater als Ort der Subversion und proletarischer Gegenkultur erzählt der Text "Vor der Pratersauna" auf S. 12 in dieser Ausgabe.
KOMMEN SIE! SCHAUEN SIE!
Der Wurstelprater,ein komischer Ort zwischen Rassismus, Kommerz und Vergnügen.
Mit dem Autodrom durch seine Geschichte(n).
Der Prater wurde 1766 vonJoseph II für die All- fremd erschienen, vor allem aus Afrika und mit dem FilmarchivAustria 2005 zeigte. Das So kam es am Tag der Prater-Eröffnung1766
gemeinheitgeöffnet. Die ehemaligenkaiserli- dem nördlichenEuropa, werden in ihrem frühe Kino findet im Prater seinen ersten gro- angeblichzu rund 100 Verhaftungen wegen
chen Jagdgründeteilten sich schon bald in zwei vermeintlichen Alltag (beim Kochen, Putzen, ßen Niederschlagund die Popularisierungdes sexueller "Unzucht" im Allgemeinen.Von der
rechtverschiedeneBereiche:den flächenmäßig Singen etc.) dargestellt,tanzen Folkloristi- Kinos beginnt in den Schaubuden, die um die Quellenlage her nachweisbar sind Verurteilungrößeren GrünenPrater, der bis heute primär sches und der oder die Wienerin kann sich Jahrhundertwende zu Kinos umgestaltetwer- gen wegen spezifisch"homosexueller Unzucht"
zur Naherholungund für Sport genutzt wird, dabei ein angeblichauthentischesBild vom den. Allein 1904 werden hierfünf neue Kinos erst ab Mitte der 1930er. Seitdamalsliegen,so
und den Wurstelprater,seines Zeichens Vergnü- "wenigerzivilisierten"Rest der Welt machen. eröffnet.Diese Geschichteverweist auf einen Sulzenbacher, Straftaktedes Wiener Landesgungsparkund Rummelplatz.Dessen Vorläufer Üiese Shows stehen einerseits in der gleichen weiteren, relevanten Moment des Wurstelpra- gerichtesvor.
warenWirtshäusermit Unterhaltungselementen, Tradition wie die "Abnormalitätenparaden",ters: die Technik. Nicht nur was Kino, sondern
Seit 1971 ist Homosexualität nun endlich
in denen z.B. der Hanswurstauftrat, deshalb sich durch das Schauen und die Konstruktion auch was die Hochschau- und Geisterbahnen nicht mehr strafbar, der Prater als Cruisingauch der Name. Der Wurstelpraterist ein Ort, anderer Menschenals "anders" und "minder- betrifftwird experimentiert und neue Erfin- Zone ist aber erhaltengeblieben.Wenig übrig
an dem es zu einer seltsamenVerknüpfung wertig" der eigenenÜberlegenheit und "Nor- dungenwerden einer Allgemeinheitzugänglich geblieben ist vom Prater als Ort in erster Livon Unterhaltungsindustrie mit all ihren malität"zu versichern sowie sich dabei und gemacht.Der Prater um 1900 wird dann auch, nie weiblicher Sexarbeit: Hier war und ist der
Abgründen und populärwissenschaftlicher auf Kosten anderer köstlichzu unterhalten-, treffend, im Pratermuseumals "Übergangsräum" Prater umkämpftesTerrain. 1776 zählt man im
Volksbildung,von traditionellem Vergnügen andererseits wird versucht, dem Ganzeneinen beschrieben als verwunschenerOrt zwischen Prater 2000 Sexarbeiterinnen, mit der Novellieund modernerTechnikkam. Während der wissenschaftlichen, ethnographischen Back- traditionellem, vulgärem Vergnügen und Zur- rung des WienerProstitutionsgesetzes2011 war
technischeund vergnüglicheAspekt mit den ground und damit Legitimitätzu verleihen Schau-Stellen und fortschrittlichen, modernen der Prater noch vomVerbot des Straßenstrichs
immer höher undimmer schneller werdenden (vgl. dazu Schwarz, Schneider). Das war auch technischenAttraktionen.
ausgenommen, nach Stadtteilaufwertungund
Auf den Schautafelnheißt es: "Das Schau- neuer Wirtschaftsuniversität sieht die Sache
Attraktionen heute weithinsicht- und hörbar durchaus ein ernstgemeintes,volksbildneriist, zeugt vom volksbildnerischen nur mehr sches Ansinnen(www._prater.at), allerdings en (...) spielte im Wurstelpratervon jeher eine aber anders aus: 2013 wird Sexarbeitaus dem
das Planetariumals Hybridvon Unterhaltung, den Rassismen des Zeitgeistes und den Kom- große Rolle, hier konnte man "die Welt" be- Prater verbannt und damit fällt ein weiterer
Fiktionund Wissenschaft.
promissen mit der Unterhaltungsindustrie trachten." Über die dahinterstehendenInte- Raum, an dem sich bezahlter Sex in relativ zenunterworfen bzw. diesebefördernd. "Im Prater ressen völkischer Chauvinismus, unterneh- tralen und vor allem sicherenWegen anbahnen
DAS ANDRE ALS SPEKTAKEL
sollte man an plastischen Anschauungsobjek- merischausgeschlachteterVoyeurismus und kann, weg (nachzulesen in MALMOE59 & 64).
ten lernen, immervermischt mit Vergnügungs- diskriminierendenStereotype rassistische
Wissensvermittlungund Vergnügenhaben im kultur" (Schneider: S. 3). Prototypischdafür Bildervom unterlegenen,nicht-europäischen Nikola Staritz
historischenPrater jedenfalls einesgemeinsam: ist Hermann PräuschersPanoptikum, dessen "Anderen", sexistische Annahmenhypersexusie warenzutiefstvon Rassismusund Voyeuris- Menschenmuseumnebenbei bemerkt nicht alisierter "exotischer" Frauen etc. ist damit (1) Okay, diewillkürlicheZusammensetzungder
Exponate erklärt sich immerhindaraus, dass es
mus geprägt. Das beste Beispiel dafür sind die mehr oder weniger wissenschaftlichwar als freilich noch nichts gesagt.
Schenkung eines Privatsammlers
populären"Menschenschauen". Menschen, die der "Rassensaal" im anerkannten Naturhisto- Auf einer anderen Ebene finden sich die sich um die
nicht der erklärten Norm entsprechen,anzu- rischenMuseum, welcher bis 1996 (!) existierte kruden rassistischen "Rassentheorien"als An- handelt, die man eben ausstellen wollte. Was ja
gaffen war schon lange vor dem Wurstelprater und erst durchmassiveProteste entferntwurde. tisemitismusund mit den Enteignungenund grundsätzlich sehr zu begrüßen ist.
Teil der Unterhaltungsindustrie in Zirkussen Oder auch die "Völkerschauen" des Hambur- Vertreibungenjüdischer Schausteller_innen
oder den "Abnormalitätenparaden",
die es im gers Carl Hagenbeck,die im Prater gastierten und Besitzerinnen nach 1938 fortgesetzt.Im- Literatur:
WienerPrater bis nachdem zweiten Weltkrieg und wohl auch aus kommerziellen Interessen merhin, die Geschichte der "Arisierung" des Karin Schneider: "DasMuseum und der Prater",
gab. Im Pratermuseum (Standortdes Wien Mu- zurErschließungneuer und zahlungskräftiger Riesenradesist mittlerweile gemeinhinbe- Broschüre zum Projekt Strange Views,Wien 1999
seums neben dem Planetarium) kann man se- Kund_innen eine Befreiungder "Völkerschau- kannt. Und auch den traditionellenHakoah Werner MichaelSchwarz: "Anthropologische
hen, was es da zu sehen gab: der Allgemeinheit en" vom Schmuddel-Imageals Spektakel und Sportplatzim Prater gibt es seit 2008 wieder. Spektakel. Zur Schaustellung .exotischer'
zu große oder zu kleine, zu behaarteoder zu Belustigungfür den "einfachen Mann" zum Der erfolgreichste Sportklub der Zwischen- Menschen, Wien 1870-1910",VerlagTuria+Kant,
kriegszeit bekam erst 2002 seinenalten Platz Wien 2001
wenig behaarte, zu hellhäutige oder zu dunkle, Ziel hatten.
restituiert und der FC Finanzministerium
zu dicke oder zu dünne, mit zu vielen oder zu
Zum Anschauen:
wenigenGliedmaßenausgestattete Menschen. TECHNISCHES EXPERIMENTIERFELD musste weichen.
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Anfragen für weitere Nutzungsrechte an den Verlag
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In Showswerden diese "Abweichungen"zum
Spektakel inszeniert und die dort zur Schau
Gestelltenbewundert, verachtet, ausgelacht,
mit Staunenoder Ekel betrachtet.(Wer denkt
hier nicht an The Elephant Man von David
Lynch?) Viel UnterschiedzwischenMensch
und Tier wird nicht gemacht.Waren etwa mit
dem Plakat "Exotische Tierschau größte Seltenheiten lebend!"wirklichAffen gemeint?
Mit der Blütedes Kolonialismus Mitte des 19.
Jahrhunderts wird dieserVoyeurismus durch
sogenannte"Völkerschauen" ergänzt.Menschen
aus Teilen der Welt, die den Wienerinnen
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EinkleinerTeil des Pratermuseumswirktvöllig
andersals der Rest: keinewild nebeneinander
gestelltenBilder und Reliktevon angeblich"Wilden", die wenig bis problematischbeschriftet
sind und eher an ein wenig betreutesBezirksmuseum denn an eine Außenstelledes Wien
Museums erinnern
(1), sondern: lesbare und
museumsdidaktischprofessionelle Schautafeln
mit Text samt Zitaten, Kontextualisierung
und
Struktur. Das sind Relikte aus der Ausstellung
"Prater Kino Welt Filmvergnügenim alten
Prater", die das Wien Museumgemeinsam
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SEXUALITÄT UND REPRESSION
Pratermuseum
(beim Planetarium): 1020 Wien,
Oswald-Thomas-Platz1
Die Abgelegenheithat Teile des Praters auch
attraktivgemacht für, im Wortlaut kaiserlicher
Verordnungen:"zu besorgenden Unfug und
Mißbrauch".Männer suchtenund fanden im
Prater Sexmit andren Männern oder Prostituierten und wurdennicht selten Opfer von
Erpresserbanden. Hannes Sulzenbachervon
QWIEN, dem Zentrumfür schwul/lesbische
Kultur und Geschichte, nennt das die "erotische bzw. kriminelle Halbweltdes Praters".
Presseclipping erstellt am 16.09.2015 für Prater Wien GmbH und Wiener Praterverband zum eigenen Gebrauch nach §42a UrhG.
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