Unklare Kommunikation verpufft und Tabus wirken

 „Stop. Moment mal.“ Unklare Kommunikation verpufft und Tabus wirken Wie der Körper mitredet: Fünf Gebärden für überzeugenden Ausdruck und Präsenz Die Hand wirkt wie ein Stoppschild: „ Halt, Moment mal,“ sagt Gisela Maria Schmitz, „diese Gebärde ist gesellschaftlich tabuisiert.“ Das Patt, das uns blockiert: „Innen sind wir im Nein, nach außen dürfen wir es nicht zeigen.“ Was machen wir? Wir reden um den heißen Brei, schauen weg, stellen uns tot. „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Unklare Kommunikation verfehlt ihre Wirkung. Wie wir es schaffen, überzeugend aufzutreten, ist eine Frage der Haltung, sagt Schmitz. Die Regisseurin arbeitet als Trainerin für das Top‐Management deutscher Konzerne und verwendet Schauspieltechniken. Ein Interview zu den fünf Grundgebärden der Kommunikation. Angelika Sachs: Das Zeitungsfoto springt ins Auge: Die IWF‐Chefin Christine Lagarde streckt den Arm aus und zeigt mit dem Finger ins Bild, auf den Betrachter. Das macht Eindruck. Aber: Darf man mit dem Finger auf andere Leute zeigen? Gisela Maria Schmitz: Es gibt anerzogene Sachen, die man hinterfragen kann. Ich sehe, dass sie die erste Grundgebärde des Behauptens macht. In ihrer Position muss man das können. Dies geht auf vielfältige Weise, unter anderem auch, in dem ich die Hand ausstrecke und mit dem Finger auf etwas weise. Es ist etwas anderes, auf jemanden zu zeigen und eine abschätzige Bemerkung machen. Das ist eine Abwertung. Wie bei jeder Gebärde ist das eine Frage des Kontextes. Mir geht es aber um die Körperhaltung. Wahrscheinlich wurde Frau Lagarde für das Pressefoto so hingestellt. Und das soll heißen: Sie hat alles im Griff. Gibt es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern? Nein, die Gebärden sind gleich. Allerdings: In der behauptenden Gebärde, dem Agredi, da steckt auch Aggression. Nicht im negativen Sinne, sondern in der Bedeutung von: auf jemanden zugehen. Frauen vermischen das häufig: „Entschuldige, das ich gerade behaupte (Schmitz öffnet die Arme und legt den Kopf leicht schräg).“ Im Coaching sage ich: „Nein, behaupte mal ganz.“ Und warum nicht mit ausgestrecktem Arm und Finger irgendwohin zeigen? Eine Behauptung zu verwässern ist tendenziell Seite | 1 frauenspezifisch. Also etwas behaupten und gleichzeitig wieder zurücknehmen? Im Sprechen und Behaupten gleichzeitig noch etwas anderes erzählen. Da ich nicht verstehe, was sie nun sagen will, fange ich an, zu interpretieren: „Ich nehme es mal ein bisschen zurück, sonst bin ich ja so angreifbar.“ Die behauptende Gebärde stellt einen Tatbestand in den Raum. Wenn ich es weniger deutlich mache, dann bin ich auch weniger angreifbar. Lässt sich ein Körperausdruck im Training verbessern? Den Begriff Körperausdruck finde ich schwierig. Das Wort „Gebärde“ passt besser. Weil Gebärde heißt: Ein innerer Zustand oder ein seelisches Geschehen drückt sich in einer Bewegung aus. Gisela Maria Schmitz arbeitet im Coaching mit dem Modell der fünf Grundgebärden. Diese leiten sich aus einer Theorieüber das griechische Theater ab, wonach alle zwischenmenschlichen Beziehungen von fünf inneren Haltungen ausgehen. 1.
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Behaupten Aufnehmen Verneinen Sich sammeln Abwägen Die Gebärde beschreibt Schmitz als den physischen Ausdruck einer inneren Haltung. Die Gebärde hat einen eindeutigen Bewegungscharakter. Eine klar geführte Gebärde macht Eindruck und eine Botschaft deutlich. Innere Haltung und Ausdruck in Übereinstimmung erzielt Glaubwürdigkeit. Mein Training leite ich aus der Schauspielarbeit ab: Wie komme ich in den passenden Ausdruck. Wenn im Vordergrund steht, entschlossen zu wirken, dann sehe ich nicht entschlossen aus, nur weil ich denke, ich muss entschlossen wirken. Ich benötige dazu das entsprechende innere Erleben, das dann nach außen transportiert wird. Welche Bedeutung hat in Ihrer Arbeit das Axiom: „Man kann nicht nicht kommunizieren“? Ich sage mit Schulz von Thun: Durch den Körperausdruck wird das Gesagte qualifiziert. Mein Gegenüber kann einordnen, wie ich es meine: Ist jemand gerade überheblich oder wohlwollend. Es geht immer um die Beziehung. Aber wenn ich meine Gefühle verbergen will? Den Menschen möchte ich erleben, der das wirklich kann. Was man nicht sieht, schimmert im Dunkeln. Oft ist es so: Wenn Menschen meinen, sie würden die Gefühle nicht zeigen, blitzen sie aus Seite | 2 jeder Pore raus. Wie sieht das aus? Wenn die Wut hochkommt, dann höre ich das an der Stimme. Ich höre vielleicht nicht genau, was es ist, aber ich höre, dass etwas unterdrückt wird. Den möchte ich gerne sehen, der das im Griff hat. Es gibt andere Gefühle, die ich als Führungskraft nicht zeigen will, zum Beispiel Unsicherheit. Ich kann mir natürlich nicht in jedem Kontext erlauben, zu sagen, was mich gerade unsicher macht. Das geht nicht. Ich arbeite mit einer Führungskraft an der inneren Unsicherheit, indem ich ihr deutlich mache, wo im Körper die Unsicherheit zum Ausdruck kommt. Körpermuster und Körperausdruck lassen sich verändern. Wenn ich einen Menschen vor mir habe, der bei einem Vortrag gerne das Handgelenk nach außen dreht, verwässert er die Behauptung. In diesem Fall rate ich, mehr Spannung in das Handgelenk hinein zu bekommen. Wer das trainiert, verändert auch den inneren Zustand, dann geht die innere Unsicherheit zurück oder gar weg. Das heißt, ich wirke unglaubwürdig, wenn ich einen Vortrag halte und mit offenen Armen dastehe wie ein … … Priester. Genau, und wenn ich es gänzlich machen würde (öffnet die Arme, mit den Handflächen nach oben und abgewinkelten Handgelenken), dann wäre ich in der zweiten Gebärde des Aufnehmens. Ich lasse die Welt zu mir. Aber ich stehe gerade da, soll etwas vermitteln, einen Tatbestand darlegen und gehe gleichzeitig in die aufnehmende Gebärde: Das passt überhaupt nicht zusammen. Deshalb: Zuerst behaupte ich (Schmitz betont den Satz mit einer kurzen klaren Handbewegung vor ihrem Oberkörper) und dann stelle ich eine Frage (öffnet leicht beide Arme und Hände): „Haben Sie meine Ausführungen bis hierher verstanden?“ Wann absolvieren Führungskräfte ein Training? Wenn sie merken, dass sie an manchen Stellen Defizite haben. Sie wissen, dass es nicht einfach darum geht, sich durchzusetzen. Man kommt heute durch kein Assessment Center mehr, wenn man einfach nur behauptet. In den Führungsetagen wird eine andere Kultur des Miteinanders gewünscht. Ob die wirklich immer stattfindet, ist etwas anderes. Aber so kommt es, dass Führungskräfte sagen: Wie kann ich mit meinen Mitarbeitern umgehen, dass sie auch gut mitarbeiten? Mit mehr Druck geht es nicht. Es geht immer um gute Kommunikation in Ausdruck und Präsenz: Behaupten, an der passenden Stelle. Zuhören, an der passenden Stelle. An der passenden Stelle auch einmal sagen: Stop. Halt. Nein. Das ist ja die ganz spannende Gebärde, die sehr tabuisiert ist. Seite | 3 Erste Gebärde: Behaupten „Ich will“, ist die innere Haltung. Die Welt ist geprägt von „Ich will“, denn ohne das „Ich will“ kann kein Mensch überleben, sagt Schmitz. Die Gebärde der Behauptung ist willensbetont , im Sinne einer inneren Haltung, beispielsweise: Ich will etwas in Angriff nehmen, anführen, bestimmen, beanspruchen, einen Tatbestand in den Raum stellen, entscheiden, beanspruchen. Der physische Ausdruck dafür ist eine Gebärde mit einem klaren Anfang und einem klaren Schluss. Zum Beispiel: Mit ausgestreckter Hand auf einen Punkt zeigen. Die Stop‐oder Nein‐Gebärde ist tabuisiert? Innen sind wir im Nein, und nach außen dürfen wir es nicht zeigen. Woran erkennt man das? Das sieht jeder, wenn jemand an seiner Sache nicht dran ist. Leidenschaftslosigkeit ist auch ein Merkmal von innerem Nein. (Schmitz geht in die Rolle des Mitarbeiters, guckt weg, mit ausdrucklosem Gesicht und tonloser Stimme): „Ja, ja. Mach ich. Klar.“ (Schmitz wechselt in die Rolle des Chefs): „Ja, wollen sie das Projekt nicht übernehmen?“. Mitarbeiter: „Doch, doch. Klar.“ Warum ist das Nein tabuisiert? Weil viele meinen, dass eine Beziehung ein für alle Mal in den Brunnen gefallen ist, wenn ich zu einem Menschen in Bezug auf ein bestimmtes Thema richtig klar und offen Nein sage. Die meisten verstehen nicht, dass Grenzziehung Beziehung schafft. Dann ziehe ich hier mal eine Grenze und bedanke mich fürs Gespräch. Wenn Sie weitere Informationen zu den fünf Grundgebärden wünschen, schicken Sie eine Mail an: [email protected] Seite | 4