grOW – Frauen gründen (in) Ost und West 25 Jahre

Univ.-Prof. Dr. Brigitta Schütt,
Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin
(Hrsg.)
grOW – Frauen gründen
(in) Ost und West
25 Jahre Wiedervereinigung –
Frauengründungen in Ost- und
Westdeutschland auf dem Prüfstand.
Rückblick – Status – Ausblick
Abschlussdokumentation
Autoren in alphabetischer Reihenfolge:
Christine Acker
Kerstin Ettl
Traudel Gemmer
Cornelia Klaus
Romy Oleynik-Weber
Nicole Steffens
Steffen Terberl
Friederike Welter
mit einem Vorwort von
Prof. Dr. Johanna Wanka
Diese Broschüre ist ein Produkt des Verbundprojektes
„grOW – Frauen gründen (in) Ost und West“
der Freien Universität Berlin und der Universität Siegen
in Zusammenarbeit mit dem Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM Bonn).
Das Vorhaben wird gefördert vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen
01FP1314 und 01FP1315.
Stand: November 2015
Weitere Informationen zum Projekt
unter www.fu-berlin.de/grow
Layout: Ralf Morling
Redaktionelle Unterstützung: Ilka Bickmann
Fotos: Sharon Adler sowie Freie Universität Berlin
und bundesweite gründerinnenagentur (bga)
INHALT
Vorwort
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung ................................................................ 4
I. Einleitung
Steffen Terberl, Freie Universität Berlin, Profund Innovation
Prof. Dr. Friederike Welter, Universität Siegen und Institut für Mittelstandsforschung Bonn:
Das Projekt „Frauen gründen (in) Ost und West“ (grOW) –
Zentrale Ergebnisse und Handlungsempfehlungen .......................................................................................... 6- 13
II. Ergebnisse der Themen-Initiativen
Dr. Kerstin Ettl, Universität Siegen
Prof. Dr. Friederike Welter, Universität Siegen und Institut für Mittelstandsforschung Bonn:
Das Unternehmerinnenbild in den deutschen Medien .................................................................................... 14 - 23
Cornelia Klaus, bundesweite gründerinnenagentur (bga), Regionalverantwortliche – Niedersachsen:
Rahmenbedingungen und Standortfaktoren für junge Gründerinnen ......................................................... 24 - 29
Nicole Steffens, bundesweite gründerinnenagentur (bga), Regionalverantwortliche – Thüringen:
Stadt, Land, Zwischenräume – Erfolgsfaktoren für Unternehmerinnen
in Metropolregionen und ländlichem Raum .................................................................................................... 30 - 35
Romy Oleynik-Weber, Freie Universität Berlin, Profund Innovation:
Von der Wissenschaft in die Wirtschaft – Welche Unterstützungsangebote an Hochschulen
fördern weibliche Gründungen? ..................................................................................................................... 36 - 41
Christine Acker, bundesweite gründerinnenagentur (bga), Regionalverantwortliche – Hessen:
Chefin gesucht – Chancen und Erfolgsfaktoren für eine Unternehmensnachfolge durch Frauen ............... 42 - 47
Traudel Gemmer, bundesweite gründerinnenagentur (bga), Regionalverantwortliche – Sachsen-Anhalt:
Zukunft in Magdeburg! – Für Frauen möglich! – HighTech und HighHeels ................................................... 48 - 53
III. Fazit und Ausblick
Ein Vierteljahrhundert nach der Wende:
„Frauen gründen (in) Ost und West“ (grOW) ................................................................................................... 54 - 56
3
Vorwort
PROF. DR. JOHANNA WANKA,
BUNDESMINISTERIN FÜR
BILDUNG UND FORSCHUNG
4
Prof. Dr. Johanna Wanka
Bundesministerin für Bildung und Forschung
In Deutschland gibt es immer mehr Unternehmensgründerinnen. Aktuell sind in 43 Prozent aller Fälle Frauen
die treibenden Kräfte von Existenzgründungen. Das ist
ein neuer Höchstwert. Trotzdem müssen wir Strategien
entwickeln, um noch mehr Frauen zur Selbständigkeit
zu ermutigen. Dazu müssen wir auch überlegen, welche
Aspekte die Entscheidungen von Frauen beeinflussen.
Werden Verhaltensmuster generationenübergreifend
weitergegeben? Prägen die unterschiedlichen Erfahrungen
in der Zeit des geteilten Deutschlands die Einstellungen
von Frauen noch heute? Diese und andere Fragen sollen
in der weiteren Forschung adressiert werden.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
fördert seit vielen Jahren Projekte, die die Gründungsmotivation und -qualifikation von Frauen untersuchen.
Auf der Grundlage dieser Ergebnisse werden passgenaue
Informations- und Beratungsangebote für interessierte
Frauen entwickelt. Mit diesem Engagement des Bundes
werden Impulse für die Genderforschung gegeben. Damit
wird auch gesellschaftlichen Veränderungen der Weg
bereitet.
Das vom BMBF geförderte Verbundprojekt „grOW! Frauen
gründen (in) Ost und West“ der Freien Universität Berlin
und der Universität Siegen ist hierfür ein wichtiges Beispiel.
Der Blick auf Erfolgsfaktoren und Herausforderungen bei
Unternehmensgründungen in Ost- und Westdeutschland
in den vergangenen 25 Jahren zeigt, an welchen Stellen
Gründerinnen ansetzen können und wo es Veränderungsbedarf gibt. Ich bin überzeugt, dass die Ergebnisse des
Projektes Frauen hilfreiche Hinweise für ihren Weg in
die Selbständigkeit geben und Unternehmerinnen zum
Erfolg verhelfen können.
Die vorliegende Dokumentation ist dabei eine große
Unterstützung. Sie führt die Sicht von Expertinnen und
Experten sowie Unternehmerinnen zusammen. Ich danke
allen Beteiligten für ihre Mitarbeit an diesem besonderen
Projekt, das Frauen Mut zur Selbständigkeit machen kann.
5
Einleitung
»FRAUEN GRÜNDEN (IN) OST
UND WEST« (grOW)
STEFFEN TERBERL,
FREIE UNIVERSITÄT BERLIN,
PROFUND INNOVATION
PROF. DR. FRIEDERIKE
WELTER, UNIVERSITÄT
SIEGEN UND INSTITUT FÜR
MITTELSTANDSFORSCHUNG BONN
(IFM BONN)
6
25 Jahre nach der Wiedervereinigung werden Frauen als
Unternehmerinnen immer wichtiger für den Innovationsund Wirtschaftsstandort Deutschland. Das Verbundprojekt
der Freien Universität Berlin und der Universität Siegen
„Frauen gründen (in) Ost und West“ (grOW), gefördert
vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, hat
dabei den Blick auf ein Vierteljahrhundert weiblichen
Unternehmertums in Ost- und Westdeutschland gelenkt.
Bei der Auftaktkonferenz im November 2014 und in den
darauf aufbauenden, regional verankerten Folgeworkshops wurden Erfolgsstrategien, Förderkonzepte und
Perspektiven des weiblichen Unternehmertums von heute
analysiert und erarbeitet. In der Abschlussveranstaltung
im Oktober 2015 wurden die Ergebnisse der interessierten
Öffentlichkeit vorgestellt und Handlungsempfehlungen für
eine zukünftige Gründungsförderung für Frauen gegeben.
Das Projekt „grOW“ richtete sich an Unternehmerinnen
ebenso wie an Expertinnen und Experten aus Wissenschaft,
Politik, Wirtschaft und Medien.
Projektidee und Relevanz für Forschung und Praxis:
demografischer Wandel – Zukunftspotenziale
weiblicher Gründungen entdecken und entwickeln
Die aktuelle Diskussion über den nach wie vor geringen
Frauenanteil in Führungspositionen zeigt einmal mehr,
dass die Herausforderungen für beruflich engagierte
Frauen nicht zu unterschätzen sind. Im Hinblick auf den
demografischen Wandel zeichnet sich eine volkswirtschaftlich brisante Entwicklung ab. Wurde bisher der Bevölkerungsrückgang und die damit einhergehende sinkende
Zahl potentieller Arbeitskräfte unter anderem durch eine
steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen kompensiert,
werden die Herausforderungen in den kommenden Jahren
weiter wachsen. Die Kombination aus Geburtenrückgang
und Alterung der Bevölkerung könnte nach Angaben des
Statistischen Bundesamtes dazu führen, dass bis 2060 in
Deutschland 27 Prozent weniger Arbeitskräfte zur Verfügung
stehen als heute 1. Da die Frauen-Erwerbstätigenquote
in Deutschland mit 71 Prozent noch zehn Prozentpunkte
unter der von Männern liegt2, könnten Lücken – neben
der gezielten Integration von Einwanderern – v.a. auch
durch eine stärkere Mobilisierung der Frauen geschlossen
werden – und dies bestenfalls nicht allein durch einen
Ausbau der Angestelltenverhältnisse.
Die demografische Entwicklung, aber auch die wachsenden
Ansprüche gut qualifizierter Frauen an die Rahmenbedingungen ihrer Berufstätigkeit haben in den vergangenen Jahren die unternehmerische Selbstständigkeit als
Karrieremodell für Frauen stärker in den Fokus gerückt.
1
Vgl. Kolodziej, Daniela (2011): Fachkräftemangel in Deutschland. Statistiken, Studien und Strategien. Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag,
Infobrief WD 6 – 3010-189/11, PDF verfügbar unter http://www.bundes tag.de/dokumente/analysen/2012/Fachkraeftemangel_in_Deutschland.pdf.
2 Vgl. Statistisches Bundesamt (2012): Männer verbringen EU-weit deutlich mehr Zeit im Beruf als Frauen. Pressemitteilung Nr. 380 vom 02.11.2012,
verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/11/PD12_380_132.html.
7
Einleitung
Ein Vierteljahrhundert nach der Wende:
„Frauen gründen (in) Ost und West“ (grOW)
Rückblick – Status – Ausblick
Aus historischem Anlass – ein Vierteljahrhundert Deutsche
Einheit – wurde die Initiative „grOW“ mit Unterstützung
des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ins
Leben gerufen. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand
die Würdigung des Engagements der Gründerinnen und
Unternehmerinnen seit der Wiedervereinigung sowie die
Betrachtung der Entwicklung und des Status Quo der
Gründungen von Frauen in beiden Teilen Deutschlands:
Wie stellte und stellt sich die Situation im Vergleich von
Ost- mit Westdeutschland, in einzelnen Bundesländern
und innerhalb einzelner Regionen dar? Welchen Einfluss
haben unterschiedliche Standort- und Rahmenbedingungen
auf Gründungen von Frauen? Aus diesen Erkenntnissen
wurden Handlungsempfehlungen für die künftige Förderung von Gründungen durch Frauen abgeleitet – damit
möchte das Projekt Impulse für eine (weitere) positive
Entwicklung des künftigen Unternehmerinnentums geben.
Die zentrale, übergreifende Forschungsfrage des Projektes „grOW“ lautete wie folgt: „Welche Faktoren und
Rahmenbedingungen ermöglichen die Erhöhung bzw.
Verbesserung von Anzahl, Wachstum und Nachhaltigkeit
von Unternehmensgründungen durch Frauen?“
8
Begleitende Medienanalyse: Das Unternehmerinnenbild in der deutschen Presse
Parallel wurde der Einfluss der Medien auf das Unternehmerinnenbild in den deutschen Printmedien untersucht. Medien sind deshalb so wichtig, weil sie das Potential haben, Vorbilder zu erschaffen und dadurch die
Fremd- und Selbstwahrnehmung von Unternehmerinnen
beeinflussen können. Hierzu wurde im Teilprojekt mit
dem Titel „Untersuchung des Unternehmerinnen- und
Gründerinnenbildes in der west- und ostdeutschen Presse
1995-2012. Eine diskursanalytische Betrachtung“ eine
Analyse der Berichterstattung von sechs ausgewählten
überregionalen deutschen Tageszeitungen durchgeführt.
Zentrale Fragen, die in diesem Teilprojekt der Universität
Siegen im Vordergrund standen, waren folgende: Welches Bild zeichnen die untersuchten Printmedien von
Unternehmerinnen(tum)? Hat sich die Berichterstattung
mit der steigenden Anzahl von Unternehmensgründungen
durch Frauen in den letzten Jahren qualitativ und/oder
quantitativ verändert? Was bedeutet das für Frauen in
Deutschland und für das Unternehmerinnenbild innerhalb
der Gesellschaft?
Sechs Themenfelder
im Wissenschafts-Praxis-Dialog
Ausgehend von der o.g. übergeordneten Forschungsfrage wurden neben dem Teilprojekt zum Unternehmerinnenbild fünf weitere Themenfelder definiert und im
Rahmen von Workshops bearbeitet. Dabei koordinierte
Profund Innovation, die Servicestelle für Wissens- und
Technologietransfer an der Freien Universität Berlin, den
Wissenschafts-Praxis-Dialog zwischen regionalen Initiativen
der bundesweiten gründerinnenagentur (bga), der science2public – Gesellschaft für Wissenschaftskommunikation
e.V., der Universität Siegen und zahlreichen ExpertInnen,
UnternehmerInnen und GründerInnen.
In der folgenden Tabelle werden die Themen, der Veranstaltungsort/das Veranstaltungsdatum des jeweiligen
Workshops und die erreichte TeilnehmerInnenzahl als
Übersicht dargestellt:
Netzwerken im Rahmen der Zukunftskonferenz
am 8.11.2014 in Berlin
Abbildung 1:
Übersicht der Folgeworkshops in den ausgewählten Regionen
(Quelle: eigene Darstellung)
Ort
Thema
Datum
Hannover
Strukturelle Rahmenbedingungen für Gründungen durch Frauen
18.02.2015 16
TN-Anzahl
Siegen
Das Unternehmerinnenbild in den deutschen Medien
13.03.2015 15
Schmalkalden
Gründungsperspektiven für Frauen in Metropolregionen und
ländlichem Raum
07.05.2015 26
Berlin
Gründungen aus der Hochschule durch Frauen
21.05.2015 23
Frankfurt am Main
Unternehmensnachfolge durch Frauen
23.06.2015 16
Magdeburg
Gründerinnen in Naturwissenschaft und Technik
10.07.2015 35
9
Einleitung
Drei-Stufen-Programm: Auftaktkonferenz,
Folgeworkshops und Abschlussveranstaltung
Den Auftakt und damit Stufe 1 bildete am 8. und 9.
November 2014 – „25 Jahre Mauerfall“ – eine zweitägige
Konferenz in Berlin unter dem übergeordneten Thema
„Frauen gründen (in) Ost und West“. In einer ersten Phase
erfolgte hierbei eine Wissensvermittlung durch Impulse
von Expertinnen und Experten sowie ausgewählter Gründerinnen und Unternehmerinnen. Es wurde sowohl die
Entwicklung ost- und westdeutscher Gründungen durch
Frauen im Rückblick betrachtet als auch eine aktuelle
Bestandsaufnahme vorgenommen. Zudem wurden zukünftige Perspektiven diskutiert und im weiteren Verlauf
relevante Erfahrungen, förderliche Faktoren und Rahmenbedingungen, aber auch Hemmnisse und Hindernisse für
weibliche Gründungen in Vorbereitung der o.g. Workshops
analysiert und dokumentiert.
Abbildung 2: „grOW“-Initiative als Drei-Stufen-Programm
(Quelle: eigene Darstellung)
10
Erste Ergebnisse der Auftaktkonferenz flossen in Stufe
2 in die sechs regional verankerten Folgeworkshops
ein. Zielsetzung dieser Arbeitsphase war es, die im Rahmen der Konferenz erzielten Ergebnisse auszuwerten,
zu vertiefen und daraus Empfehlungen in Bezug auf die
zentrale Forschungsfrage des Projektvorhabens abzuleiten.
Die Diskussionsergebnisse und Handlungsempfehlungen
wurden anschließend dokumentiert sowie für eine öffentlichkeitswirksame Präsentation und die zukünftige
Implementierung aufbereitet.
Stufe 3 der Initiative bildete die Abschlussveranstaltung
am 2.10.2015: „25 Jahre Deutsche Einheit“. In diesem
Rahmen wurden VertreterInnen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Politik erstmalig die entwickelten
Handlungsempfehlungen für eine künftige Gründungsförderung von Frauen vorgestellt.
Ergebnisse der Auftaktkonferenz: Ost-West „gefühlt“
kein Thema mehr, Gender Gap in Ostdeutschland
jedoch fast verdoppelt
Ein erster Blick zurück auf die Entwicklung von Unternehmensgründungen durch Frauen zu Beginn des Projektes
im Rahmen der Auftaktkonferenz zeichnete zunächst
ein positives Bild, denn die Zahl von Frauengründungen
in Deutschland steigt kontinuierlich: Laut Mikrozensus
zwischen 1996 und 2009 von 33,3 auf 41,6 Prozent3. Der
KfW-Gründungsmonitor bescheinigt sogar, dass im Jahr
2014 bereits 43 Prozent der Gründungen durch Frauen
realisiert wurden 4. Rückmeldungen seitens der Unternehmerinnen und Gründerinnen selbst ergaben, dass
diese 25 Jahre nach dem Fall der Mauer die Unterschiede
zwischen Ost- oder Westdeutschland gar nicht mehr als
so bedeutend empfänden, wie die Diskussionen der mehr
als 120 TeilnehmerInnen im Rahmen der Auftaktkonferenz
zeigten.
Mikrozensus-Auswertungen des Mittelstandsforschers
und Gründungsexperten Dr. René Leicht vom Institut für
Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim (ifm)
stützen diese subjektive Wahrnehmung der KonferenzteilnehmerInnen allerdings nur zum Teil. Zwischen 1991
und 2012 haben sich die Selbständigenquoten zwischen
Ost- und Westdeutschland im Verlauf zwar stark angenähert – sowohl die Quoten bei Männern als auch bei Frauen
sind insgesamt deutlich angestiegen – in Ostdeutschland
wachsen die Selbständigenquoten bei Frauen jedoch deutlich langsamer als bei Männern. Lag der Unterschied 1991
zwischen Frauen und Männern noch bei 3,2 Prozentpunkten,
so ist der Gender Gap 2012 in Ostdeutschland fast doppelt
so groß, d.h. 5,9 Prozentpunkte. Hier zeige sich insgesamt
ein unzureichend ausgeschöpftes Gründungspotenzial,
denn bei gleicher Gründungsneigung der Frauen wie bei
den Männern, gäbe es im Osten Deutschlands knapp
20.000 Frauen und im Westen 173.000 Frauen mehr, die
jährlich gründen. In Berlin würde dies 14.000 zusätzlichen
Gründerinnen pro Jahr entsprechen, so Leicht.
Geschlechtsspezifische Rollenmuster auch nach
25 Jahren präsent
Die Ursachen dafür, dass Frauen bei Gründungen nach
wie vor hinter den Männern zurück liegen, sind u.a. auf
ihr Berufswahlverhalten zurückzuführen, das immer noch
geschlechtsspezifischen Mustern folgt – sowohl in Ost- wie
auch in Westdeutschland. Typische Frauenberufe bieten
nur wenige Möglichkeiten, sich selbständig zu machen. Die
Chancen sind den Mikrozensus-Analysen von Leicht zufolge
dort nur ein Drittel so hoch wie in einem Männerberuf.
„Die Stellschrauben für eine stärkere unternehmerische
Präsenz von Frauen liegen in Ost- und Westdeutschland
bei Fragen der Sozialisation und der Auflösung von geschlechtsspezifischen Rollenmustern“, so das Fazit von
Dr. René Leicht im Rahmen der „grOW“-Auftaktkonferenz
am 8. November 2014.
Constanze Buchheim,
Geschäftsführerin und Gründerin
i-potentials GmbH
3
4
Vgl. „Frauen machen Sachsen-Anhalt. Neue Gründerzeit – zielstrebig, selbstbewusst, … weiblich!“, Magdeburg, S. 7.
Vgl. KfW-Gründungsmonitor 2014.
11
Einleitung
Selbständigkeit als berufliche Alternative:
im Westen gefragter als in Ostdeutschland
Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland in
Bezug auf die berufliche Selbständigkeit liefert auch
eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung5. Im Osten Deutschlands gründen deutlich
mehr Frauen aus Mangel an Alternativen ein Unternehmen
als dies bei Frauen in Westdeutschland der Fall ist. 43
Prozent der ostdeutschen Gründerinnen, aber lediglich
23 Prozent der westdeutschen Gründerinnen würden
sich eher für eine abhängige Beschäftigung entscheiden.
Unterschiede im Gründungsverhalten sind auch auf die
Siedlungsstrukturen zurückzuführen. Tendenziell gilt, dass
in ländlichen Regionen weniger Gründungen entstehen
als in (hoch-)verdichteten Räumen. Frauen gründen in
peripheren Räumen dabei weniger häufig als Männer. Im
Westen Deutschlands gelten 28 Prozent aller Regionen als
hochverdichtet, dies gilt allerdings nur für 14 Prozent der
ostdeutschen Regionen. Im Gegensatz dazu sind 30 Prozent
der westdeutschen, aber 68 Prozent der ostdeutschen
Regionen ländlich. Die schwächere Gründungsaktivität
aufgrund der geringeren Bevölkerungsdichte in Ostdeutschland wird teilweise durch die in Ballungsräumen höhere
Gründungsneigung kompensiert.
Langsame Annäherung
der Rahmenbedingungen
in Ost- und Westdeutschland
Deutliche wirtschaftliche Unterschiede im Allgemeinen
bestätigt auch Prof. Dr. Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität
Berlin. In seinem Impulsvortrag im Rahmen der Auftaktkonferenz beleuchtete er das Thema „Wirtschaft und
Unternehmertum in Ost- und Westdeutschland vor und nach
der Wiedervereinigung“ vor allem aus historischer Sicht.
Die von ihm dargelegten Daten und Zahlen zeigen einen
großen Angleichungsprozess beider Teile Deutschlands,
gleichzeitig aber auch anhaltende Differenzen bis ins Jahr
2015. So lag die Wirtschaftskraft der DDR 1989/90 laut
Prof. Schroeder bei 40-45 Prozent und die Produktivität
pro Erwerbstätigem bei einem Drittel des westdeutschen
Niveaus. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die ostdeutsche
Wirtschaft (inkl. Berlin) bei ca. 70 Prozent und die Produktivität bei 80 Prozent angelangt. Eine ähnliche Anpassung
fand auch bei der Entwicklung der Geldvermögen statt
– aufgrund der Relevanz des Startkapitals ein ebenfalls
wichtiger Faktor für die Gründungsbedingungen. Dieses
entsprach in Ostdeutschland im Juli 1990 nur 19 Prozent
5
12
des durchschnittlichen Vermögens Westdeutscher; bis heute
ist dieser Wert auf etwa 60 Prozent angestiegen. Bezogen
auf das Einkommen entsprach die Situation ostdeutscher
Haushalte 1989 der der bundesdeutschen Haushalte im
Jahr 1959. Heute liegen die Haushaltseinkommen unter
Einbeziehung kaufkraftbedingter Unterschiede im Osten
Deutschlands bei ungefähr 85-90 Prozent des Niveaus
in Westdeutschland6. Hier besteht zwar noch ein Unterschied, diesen gibt es aber auch zwischen westdeutschen
Regionen. Prof. Schroeder vergleicht hierzu die Stadt
Hamburg mit dem Bundesland Niedersachsen, hier sind
die Einkommensunterschiede sogar größer als zwischen
Ost- und Westdeutschland.
Als Zwischenfazit der Konferenz lässt sich entsprechend
festhalten, dass zwischen ost- und westdeutschen Unternehmerinnentum grundsätzlich eine Annäherung der
Rahmenbedingungen stattgefunden hat, aufgrund des
großen Aufholbedarfs und der unterschiedlichen Siedlungsstrukturen jedoch auch in den nächsten Jahren
vermutlich nur eine langsame Angleichung der Verhältnisse
stattfinden wird. Somit spielt die Herkunft, 25 Jahre nach
der Wiedervereinigung, eine größere Rolle, als von den
Gründerinnen und Unternehmerinnen selbst wahrgenommen wird. Dennoch wird die „Einheit in den Köpfen“,
die sich auch in den Diskussionen und Ergebnissen der
Folgeworkshops widerspiegelte, als positiv und als Schritt
in die richtige Richtung bewertet.
Ergebnisse der Folgeworkshops:
Sensibilisierung, Beratung, Vernetzung relevanter
Themen- und Handlungsfelder
Im Rahmen der Folgeworkshops – „Gründerinnen in Naturwissenschaft und Technik“, „Gründungsperspektiven
für Frauen in Metropolregionen und ländlichem Raum“,
„Strukturelle Rahmenbedingungen für Frauengründungen“,
„Unternehmensnachfolge durch Frauen“, „Das Unternehmerinnenbild in den deutschen Medien“ und „Gründungen aus
der Hochschule durch Frauen“ – diskutierten und arbeiteten
die TeilnehmerInnen in Kleingruppen nach der „World
Café Methode“7. Zu den insgesamt 131 TeilnehmerInnen
zählten u.a. Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft,
Verbänden, Gründungsförderungen sowie GründerInnen,
Unternehmerinnen und WissenschaftlerInnen.
Die folgende Abbildung fasst als Auszug einer ausführlichen Evaluation zusammen, welchen Themengebieten
über sämtliche Workshops hinweg die größte Relevanz in
Bezug auf die Förderung von Frauengründungen zukam.
Brixy, U.; Sternberg, R.; Vorderwülbecke, A. (2015) „Selbstständigkeit in Ost- und Westdeutschland. Gründungen sind selten Frauensache“.
Aktuelle Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Seite 6.
Finden von MitgründerInnen
Gewinnung von Fachkräften
Vereinbarkeit mit Familie
Soziale Absicherung
Gründungsinfrastruktur
Abbau von administrativen Hürden
Weiterbildungsmöglichkeiten
Lobbyarbeit
Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten
Kontakt zu Wirtschaftsvertreterinnen
UnternehmensnachfoIge
Kontakt zu anderen Gründerinnen
Mentoring
Gründungsberatung
Sensibilisierung von Frauen
Unternehmerinnentum in den Medien
0
10
20
30
40
50
60
70
Abbildung 3: Themenbereiche der entwickelten Maßnahmen
(Angaben in % derjenigen, die den Themenbereich als „relevant“ angegeben haben)
Quelle: eigene Darstellung (Evaluation der deutschlandweiten Folgeworkshops im Rahmen des Projekts „Frauen gründen (in) Ost und West”
2015 der Freien Universität Berlin)
Die Grafik zeigt, dass vor allem den Bereichen Sensibilisierung, Unternehmerinnentum in den Medien,
Gründungsberatung und Vernetzung (mit MentorInnen,
anderen GründerInnen und WirtschaftsvertreterInnen)
eine hohe Bedeutung beigemessen wird. Diese Themen
spiegelten sich in fast allen Workshops gleichermaßen
wieder, d.h. entsprechende Bedarfe scheinen unabhängig
von spezifischen regionalen Gegebenheiten, Zielgruppen
und Rahmenbedingungen zu bestehen. Dementsprechend
überrascht es auch nicht, dass in den Workshops konkrete
Handlungsempfehlungen vor allem in diesen als sehr
relevant eingestuften Themenfeldern entwickelt wurden.
Die sechs einzelnen Folgeworkshops, ihre Ergebnisse und
die daraus resultierenden Handlungsempfehlungen werden
im Teil „Ergebnisse der Themen-Initiativen“ vorgestellt.
In diesem Zusammenhang möchten wir uns für die gute
Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern bedanken, wünschen allen Leserinnen und Lesern viel Spaß bei
der Lektüre der einzelnen Beiträge und hoffen, dass sie die
Ergebnisse unseres Projektes für die Weiterentwicklung der
Rahmenbedingungen von Gründungen durch Frauen nutzen.
6
Vgl. Schroeder, K. (2015): Angleichung und Distanz – Deutschland 25 Jahre nach der Wiedervereinigung. In: Wirtschaftsdienst, Heft 6/Juni 2015,
S. 388 ff.
7 Die Idee des World Cafés ist es, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei soll es um Gespräche über Fragestellungen gehen, die
für die Teilnehmenden wirklich von Bedeutung und Interesse sind. Intensive Diskurse in kleinen Kreisen, ganz so wie im normalen Straßen-Café
und in der früheren Salon-Kultur, das ist die Idee. Um den Diskurs zu vertiefen, wechseln die Teilnehmer mehrmals die Tische und die Gruppen
werden durchmischt. Am Ende steht eine Abschlussrunde im Plenum, bei der die Teilnehmer ihre Ergebnisse präsentieren. http://www.kas.de/wf/
de/71.9278/, 15.10.2015.
13
Ergebnisse der Themen-Initiativen
»DAS UNTERNEHMERINNENBILD
IN DER DEUTSCHEN PRESSE«
DR. KERSTIN ETTL,
UNIVERSITÄT SIEGEN
PROF. DR. FRIEDERIKE
WELTER, UNIVERSITÄT
SIEGEN UND INSTITUT FÜR
MITTELSTANDSFORSCHUNG BONN
(IFM BONN)
14
Die Presseberichterstattung über Unternehmerinnen und
Gründerinnen wurde an der Universität Siegen in einem
eigenständigen Teilprojekt des Verbundprojektes „grOW“
analysiert. Der Titel des Teilprojekts lautete „Untersuchung
des Unternehmerinnen- und Gründerinnenbildes in der
west- und ostdeutschen Presse 1995 bis 2012. Eine
diskursanalytische Betrachtung“.
1. Ausgangssituation – Zur Bedeutung von (Rollen-)
bildern und Stereotypen
Trotz des langsamen, wenn auch kontinuierlichen Anstiegs
des Frauenanteils an allen Selbstständigen (30,1 Prozent
im Jahr 2005, 32,2 Prozent im Jahr 2013),8 stellen sich
Akteurinnen und Akteure aus Politik, Wirtschaft und
Wissenschaft nach wie vor die Frage, wie mehr Frauen
zu einer unternehmerischen Selbstständigkeit motiviert
werden können. Vorhaben, wie bspw. die Initiative „FRAUEN
unternehmen“ des Bundesministerium für Wirtschaft und
Energie verfolgen das Ziel, erfolgreiche Unternehmerinnen als Vorbilder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich
zu machen, Frauen zu beruflicher Selbstständigkeit zu
ermutigen, Mädchen für das Berufsbild „Unternehmerin“
zu begeistern und die Präsenz und Sichtbarkeit von Unternehmerinnen in der Öffentlichkeit zu erhöhen.9
Rollenbilder und Stereotype bestimmen dabei sowohl die
Selbst- wie auch die Fremdwahrnehmung von Individuen.
Gerade weil Medien Vorbilder schaffen (oder auch nicht),
nehmen sie auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung von
(potenziellen) Unternehmerinnen Einfluss. Es ist wissen-
8
9
Vgl. Berechnungen des IfM Bonn auf Basis des Mikrozensus.
Vgl. bundesweite gründerinnenagentur (2015).
15
»Das Unternehmerinnenbild in der deutschen Presse«
schaftlich belegt, dass Rollenvorbilder die Gründungsintention beeinflussen können.10 Defizite in der Identifikation
als UnternehmerIn üben einen negativen Einfluss auf
die Gründungsneigung aus.11 In der Folge tragen Medien
daher – als ein Faktor unter vielen – langfristig zur Anzahl
und Qualität realisierter Gründungen bei.
Vor dem Hintergrund der Leitfrage „Welche Faktoren und
Rahmenbedingungen ermöglichen die Erhöhung bzw.
Verbesserung von Anzahl, Wachstum und Nachhaltigkeit
von Unternehmensgründungen durch Frauen?“, die
über dem Gesamtprojektvorhaben „grOW“ steht, zielte
das zweite Teilprojekt darauf ab, das Bild von Unternehmerinnen und Gründerinnen in der deutschen Presse zu
untersuchen und mit ihnen sowie Medienvertreterinnen
und Wissenschaftlerinnen zu diskutieren, um daraus Handlungsempfehlungen für die Unternehmerinnenforschung,
-förderung und -beratung abzuleiten.
Die Untersuchung basierte auf den nachfolgend dargestellten, eng miteinander verzahnten drei Säulen:
Im Rahmen der Pressediskursanalyse wurde die Presseberichterstattung über Unternehmerinnen und Existenzgründerinnen in exemplarisch ausgewählten überregionalen
Tageszeitungen im Zeitraum 2004-2013 ausgewertet. Die
Analyse knüpfte dabei an frühere Studien an, in denen
bereits das Pressebild in ost- und westdeutschen überregionalen Zeitungen zwischen 1995 und 2004 analysiert
worden war.12 Im Einzelnen wurde untersucht, wie oft und
in welcher Art über Unternehmerinnen und Gründerinnen berichtet wurde und inwieweit sich Veränderungen
in der Berichterstattung im Zeitablauf zeigen: Ist die
Berichterstattung parallel zur gestiegenen Anzahl von
Unternehmensgründungen durch Frauen umfassender
geworden? Welches Unternehmerinnenbild verbirgt sich
hinter der heutigen Presseberichterstattung – und wie
ist dieses zu bewerten? Welche Themen werden aufgegriffen? Spiegelt die Presseberichterstattung die Vielfalt
weiblichen Unternehmertums wieder? Welche Bedeutung
haben die Ergebnisse für die Rahmenbedingungen von
Unternehmerinnentum in Deutschland und für das Unternehmerinnenbild in der Gesellschaft?13
© IfM Bonn 2015
Abbildung 4: Bausteine der Untersuchung des Unternehmerinnenbildes in den deutschen Medien
(Quelle: Eigene Darstellung)
10 Vgl.
Lafuente et al. (2007), S. 792.
Vgl. Werner et al. (2005).
12 Vgl. Achtenhagen/Welter (2003), (2007), (2008), (2011), Welter/Achtenhagen (2006), Welter et al. (2006).
13 Die wissenschaftlich aufbereiteten Studienergebnisse finden sich in der Publikation Ettl, Kerstin; Welter, Friederike & Leona Achtenhagen (2015,
im Erscheinen): „Das 21. Jahrhundert ist weiblich“ – Unternehmerinnen in der deutschen Presse“, IfM Bonn: IfM-Materialien, Bonn.
11
16
Die ersten Ergebnisse dieser Auswertung dienten als
Diskussionsgrundlage für den Themenworkshop mit
Unternehmerinnen, Medienvertreterinnen und Wissenschaftlerinnen an der Freien Universität Berlin am
08./09.11.2014 (II.) und dem Folgeworkshop an der Universität Siegen am 13.03.2015 (III.). Die Ergebnisse der
Workshops flossen wiederum in die laufende Auswertung
des Pressediskurses ein.
Die Artikelrecherche fand unter Rückgriff auf die teils
frei zugänglichen, teils kostenpflichtigen Online-Archive
der jeweiligen Zeitung statt. Die Trefferlisten wurden um
inhaltlich „fremde“ Begriffe (z.B. „Unternehmerinstitut“)
bereinigt, die zutreffenden Artikel mit Hilfe einer Software
für Qualitative Datenanalyse (NVivo 10) ausgewertet.
Unter Einbezug der früheren Studie lassen sich nun Entwicklungstendenzen über einen Zeitraum von 20 Jahren
aufzeigen.14
2. Das Unternehmerinnenbild in der deutschen
Presse
Quantitative Facetten der Berichterstattung:
Anzahl der Berichte über Gründerinnen und
Unternehmerinnen gestiegen
2.1 Ergebnisse der Pressediskursanalyse
Im Rahmen der in Säule I dargestellten Diskursanalyse
wurden alle Presseberichte aus den Jahren 2004 -2013 in
den sechs überregionalen Tageszeitungen Berliner Zeitung
(BZ), Die Welt (Welt), Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ),
Neues Deutschland (ND), Süddeutsche Zeitung (SZ) und
der taz. die tageszeitung (taz) untersucht, in denen das
Stichwort Unternehmerin* und/oder Gründerin* vorkam.
Insgesamt ergab die Recherche für den Untersuchungszeitraum 2004-2013 eine Trefferquote von 4.514 Artikeln
mit dem Stichwort Unternehmerin* und 4.307 Artikeln mit
dem Stichwort Gründerin*. Verglichen mit der früheren
Studie ist dieses Ergebnis durchaus positiv: So waren in
den sechs untersuchten Zeitungen im Jahr 1995 nur insgesamt 175 Berichte mit dem Stichwort „Unternehmerin*“
und 145 Berichte zum Stichwort „Gründerin*“ erschienen.15
© IfM Bonn 2015
Abbildung 5: Gesamtzahl gefilterter Zeitungsartikel mit den beiden Suchbegriffen Unternehmerin* und Gründerin*, Zeitraum 2004 -2013
(Quelle: Eigene Darstellung)
14 Einschränkend
muss angemerkt werden, dass sich die Anzahl der Treffer sowie die zur Verfügung stehenden Angaben über Rubriken,
in denen die Artikel erschienen sind, zeitungsübergreifend und im Laufe der Zeit auch innerhalb einzelner Zeitungen seit der Durchführung
der Vorgänger-Recherche geändert haben, wodurch eine exakte Fortschreibung der Daten aus der ersten Diskursanalyse nicht möglich war.
Hinweise auf langfristige Trends im Zeitraum 1995 -2013 konnten nichtsdestotrotz abgeleitet werden.
15 Vgl. Welter et al. (2006).
17
»Das Unternehmerinnenbild in der deutschen Presse«
Die Entwicklung der Anzahl der untersuchten Artikel mit den Stichwörtern Unternehmerin* und Gründerin* differenziert
nach Zeitungen im Zeitablauf ist in den nachfolgenden Grafiken dargestellt.
Stichwort
Unternehmerin*
© IfM Bonn 2015
Abbildung 6: Anzahl der untersuchten Artikel mit dem Stichwort Unternehmerin* (2004 -2013)
(Quelle: Eigene Darstellung)
Stichwort
Gründerin*
© IfM Bonn 2015
Abbildung 7: Anzahl der untersuchten Artikel mit dem Stichwort Gründerin* (2004 -2013)
(Quelle: Eigene Darstellung).
18
Im Untersuchungszeitraum 2004-2013 hat die Anzahl
der Berichte mit den Stichworten Unternehmerin* und
Gründerin* deutlich zugenommen: Beim Suchbegriff Unternehmerin* stieg die Gesamtzahl der Berichte um 33,7
Prozent, beim Suchbegriff Gründerin* um 33,3 Prozent.
Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Berichte mit
dem Stichwort Unternehmer* 16 nur um 2 Prozent, die
Anzahl der Berichte mit dem Stichwort Gründer* 17 um
6,4 Prozent. Allerdings ist die Gesamtzahl an Berichten
mit dem Stichwort Unternehmer* oder Gründer* immer
noch weitaus umfangreicher – allein in 2013 wurden in
den untersuchten Zeitungen insgesamt 10.294 Berichte
mit dem Stichwort Unternehmer* und 10.394 Berichte mit
dem Stichwort Gründer* veröffentlicht. Anders formuliert:
Die Anzahl der Berichte mit dem Stichwort Unternehmer*
ist damit über 20 Mal höher als die Anzahl der Berichte
mit dem Stichwort Unternehmerin*. Selbst wenn berücksichtigt wird, dass in vielen Artikeln mit dem Stichwort
Unternehmer* oder Gründer* geschlechtsneutral weibliche und männliche Unternehmer- und Gründerpersonen
gemeint sind, entspricht das mengenmäßige Verhältnis
in der Berichterstattung nicht dem Frauenanteil an allen
Selbstständigen (32,2 Prozent im Jahr 2013).18
Als Fazit der quantitativen Auswertung lässt sich festhalten: Die Zahl der veröffentlichten Berichte mit den Stichwörtern „Unternehmerin*“ und „Gründerin*“ stieg in den
untersuchten Tageszeitungen im Untersuchungszeitraum
kontinuierlich an. Im Verhältnis zur Zahl an selbstständig
tätigen Frauen ist die Gesamtzahl der Berichte jedoch
immer noch auf vergleichsweise niedrigem Niveau – rein
quantitativ betrachtet, sind Unternehmerinnen und Gründerinnen in der Presse damit immer noch „unsichtbarer“
als Unternehmer und Gründer.
Qualitative Facetten der Berichterstattung:
Unternehmerinnentum wird selbstverständlicher
Ein Blick auf die Inhalte der untersuchten Zeitungsartikel
zeigt mittlerweile ein vielschichtigeres Bild der Berichterstattung als in früheren Studien. Mehr und mehr Artikel
befassen sich auf rein sachlicher Ebene mit Gründerinnen
oder Unternehmerinnen und ihren Betrieben. Auch bestätigt sich, dass das „Exotische“ an Unternehmerinnen
im Laufe der Jahre immer seltener als Aufhänger für die
Berichterstattung genutzt wird. Unternehmerinnentum ist
also auch in der Presseberichterstattung angekommen
und etwas Selbstverständliches geworden.
Nichtsdestotrotz wird weiterhin die häusliche Verantwortung sowie die Vereinbarkeit von Familie/Beruf gerne
thematisiert – besonders in Unternehmerinnenporträts.
Allerdings ist dies auch tatsächlich ein großes Thema im
Alltag vieler Unternehmerinnen und Gründerinnen. Und
noch immer finden sich Artikel, in denen althergebrachte
Stereotype und traditionelle Rollenbilder – auch indirekt
durch Klischees und Metaphern – transportiert werden.
Besonders deutlich wird das bei der Wahl der Überschriften,
z. B. „Herrin des guten Geschmacks“19 oder „Die Prinzessin mag Computer“20 und auch in der Formulierung der
Einleitungssätze, z.B. „Aus der Küche ertönt geschäftiges
Klappern[…]“21. Zwar sind im Laufe der Jahre diejenigen
Berichte weniger geworden, in denen sich die stereotype
Darstellung selbstständig tätiger Frauen als eine Art roter
Faden durch die Berichterstattung zieht. Kleine Hinweise
auf gesellschaftlich zugeschriebene Rollen finden sich
jedoch weiterhin. So heißt es bspw. in einem insgesamt
sachlich formulierten Bericht über eine lettische Seifenfabrik
„Chefin statt Praktikantin – Leva Eglite ist 25 Jahre alt
und Miteigentümerin des Unternehmens“22, als wäre einer
jungen Frau nur der Job als Aushilfe, nicht aber Führung
zuzutrauen. Insbesondere in Unternehmerinnenporträts
in der Rubrik „Feuilleton“ finden sich derartige Bilder
wieder, wobei hier auch der Feuilletoncharakter eine
Rolle spielen dürfte.
Als Fazit der qualitativen Auswertung lässt sich festhalten: Die Berichterstattung über Unternehmerinnen in den
untersuchten Tageszeitungen ist sehr vielschichtig – und
immer noch werden teilweise tradierte Rollenbilder durch
die Berichterstattung (absichtlich oder unabsichtlich)
verstärkt und verfestigt. Zugleich wird jedoch auch in
zunehmendem Maße ein sachliches Bild von Unternehmerinnen reflektiert. Im Vergleich zu den Jahren 1995-2003
wird das Unternehmerinnen-Dasein in der Presse als
selbstverständlicher dargestellt – in vorsichtiger Bewertung scheint sich hier doch langsam ein moderneres
Unternehmerinnen- und Gründerinnenbild abzuzeichnen.
16 Zahl
bereinigt um die Zahl der Berichte zu Unternehmerin*.
bereinigt um die Zahl der Berichte zu Gründerin*.
18 Vgl. Berechnungen des IfM Bonn (2015) auf Basis des Mikrozensus.
19 Die Welt, 06.06.2004.
20 Die Welt, 04.01.2005.
21 taz Köln, 03.01.2004.
22 Berliner Zeitung, 27.12.2004.
17 Zahl
19
»Das Unternehmerinnenbild in der deutschen Presse«
2.2 Einschätzungen von Unternehmerinnen und
Medienvertreterinnen
Gemeinsam Perspektiven schaffen:
Unternehmerinnen und Journalistinnen im Gespräch
Die regionalen Workshops (Bausteine II und III) standen
im Zeichen der Reflektion eigener Erfahrungen und Einschätzungen der Teilnehmerinnen aus ihrer jeweiligen
Perspektive/Rolle. Eingeladen waren Unternehmerinnen,
Wissenschaftlerinnen und Medienvertreterinnen. Ein zentraler Aspekt des gemeinsamen Erfahrungsaustausches
war die generelle Sensibilisierung der Teilnehmerinnen für
das Thema der Stereotype und Rollenbilder in der Debatte
um Unternehmerinnentum. Ein weiterer wichtiger Aspekt
war, unter den verschiedenen Teilnehmerinnen gegenseitig
Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven zu
schaffen. Zudem wurden in der offenen Diskussion sowohl Handlungsempfehlungen für Unternehmerinnen, als
auch für Medienvertreterinnen und Wissenschaftlerinnen
erarbeitet.
Im Berliner Workshop standen der thematische Austausch
und die Formulierung zentraler Themen für die weitere
Untersuchung des Unternehmerinnenbildes in der Presse
bzw. den Medien im Vordergrund. Anschließend wurde
die angestoßene Diskussion im regional verankerten
Folgeworkshop in Siegen in gemischten Kleingruppen
konkretisiert: Im ersten Block ging es um das Selbstbild
der Unternehmerinnen und die Fragen „Wie empfinden
Unternehmerinnen die Medienberichterstattung über
Unternehmerinnen?“ und „Identifizieren sie sich mit dem
Unternehmerinnenbild?“. Die zweite Diskussionsrunde
thematisierte die Rolle der Medienvertreterinnen: „Wie
empfinden MedienvertreterInnen die generelle Medienberichterstattung über Unternehmerinnen?“ und „Wie
berichten sie selbst /ihre Medien über Unternehmerinnen?“
Weiterhin wurden regionale Besonderheiten hinsichtlich
der Presseberichterstattung über Unternehmerinnen
thematisiert.
Zentrale Ergebnisse der beiden Workshops werden im
Folgenden dargestellt.
23 Vgl.
20
Welter et al. (2015).
Das Selbst- und Fremdbild von Unternehmerinnen
divergiert
Viele Unternehmerinnen scheuen davor, sich selbst als
Unternehmerin zu bezeichnen: „Wenn ich danach gefragt
werde, was ich mache, sage ich immer ich bin selbstständig.“
Für diese Haltung traten in der Diskussion verschiedene
Ursachen zutage: Einige Unternehmerinnen nehmen sich
nicht als „Unternehmerin“ wahr, da sie ihre Unternehmen
als zu klein oder sich selbst als nicht professionalisiert
genug betrachten. Andere Unternehmerinnen wollen
sich bewusst vom Unternehmerbegriff abgrenzen um
zu signalisieren, dass das, was scheinbar landläufig mit
„Unternehmer“ und „Unternehmertum“ verknüpft wird,
nicht mit ihrem Selbstbild in Einklang zu bringen ist. Sie
sehen sich als „anders“ und sind stolz darauf.
Da sich viele Unternehmerinnen nicht mit der Bezeichnung
„Unternehmerin“ identifizieren, fühlen sie sich auch nicht
von dem angesprochen, was über Unternehmerinnen in
den Medien berichtet wird. Gleichzeitig fühlen sie sich
von ihrer Umwelt als selbstständig tätige Frau oftmals
nicht ernst genommen bzw. nicht genügend anerkannt.
In den Diskussionen zeigte sich, dass Unternehmerinnen
teilweise selbst nicht klar reflektieren, was sie selbst als
Person und was sie in ihrer Tätigkeit als Unternehmerin
ausmacht und welchen Teil ihrer Persönlichkeit sie in den
Medien dargestellt wissen möchten – Unternehmerin zu
sein ist letztendlich nur eine von zahlreichen Rollen im
Leben selbstständiger Frauen.
Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass es in
erster Linie ein Gefühl ist, ob sich Unternehmen bzw.
Unternehmerpersonen dem Mittelstand zuordnen, oder
nicht.23 Ähnlich scheint es sich offenkundig mit dem Dasein
als Unternehmerin zu verhalten: Auch „Unternehmerin
sein“ ist ein Gefühl – für viele Unternehmerinnen aus den
beiden Workshops mit negativen Assoziationen behaftet,
wenngleich sie sich als stolze, unabhängige, (beruflich)
selbstständige Frauen präsentieren und auch selbst so
wahrnehmen.
Das in der Presse/den Medien vermittelte Bild –
gute Geschichten sind gefragt
Sowohl Unternehmerinnen wie auch Medienvertreterinnen
nehmen immer noch häufig eine klischeehafte Berichterstattung über Unternehmerinnen wahr, gerade wenn es
um Solo-Selbstständige geht. Die Medienvertreterinnen
äußerten in den Workshops selbstkritisch, vorhandene
Klischees und Rollenbilder bislang an manchen Stellen
zu wenig hinterfragt zu haben.
Nach Ansicht der Workshop-Teilnehmerinnen spiegelt die
Berichterstattung über Unternehmerinnen die generell
geringe Wahrnehmung von Frauen als „Expertinnen“
wider. (Zu) oft fokussieren sich Berichte über Unternehmerinnen ihren Einschätzungen nach auf Themen
wie „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, anstatt auf
sachliche, fachbezogene Themen.
Die Medienvertreterinnen in den Workshops betonten,
dass Medien immer gute Geschichten brauchen, die sie
erzählen können. Nur wenn JournalistInnen einen guten
Aufhänger für einen Bericht haben, wird dieser Bericht
auch letztendlich in den Zeitungen platziert. Eine Wirtschaftszeitung legt dabei stärkeren Wert auf Zahlen,
Daten, Fakten als beispielsweise ein Lifestyle Magazin.
Da die Medien darauf angewiesen sind, Material und
Geschichten von außen zugetragen zu bekommen, seien
sie daher dankbar für Ideen und Vorschläge seitens der
Unternehmerinnen.
Mit Blick auf eine ideale Berichterstattung über Unternehmerinnen wurde geäußert, dass Unternehmerinnen stärker
mit Fokus auf ihre tatsächliche unternehmerische Tätigkeit
wahrgenommen werden wollen und Wert auf eine auf
Inhalte und Kompetenzen fokussierte Berichterstattung
legen. Gerade jüngere Unternehmerinnen wünschen sich,
seriös und kompetent dargestellt zu werden. Gleichzeitig
sollte die Berichterstattung die eigene „Begeisterung“
der Unternehmerinnen für ihre beruflich selbstständige
Tätigkeit vermitteln und damit Begeisterung bei anderen
Frauen (potenziellen Unternehmerinnen) wecken können.
Regionale Besonderheiten in der Berichterstattung
– Das Gründungsklima einer Region ist bedeutsamer
als Ost/West-Unterschiede
Der Einfluss regionaler Faktoren auf die Gründungsmotivation ist in wissenschaftlichen Studien bereits hinlänglich
nachgewiesen worden.24 Auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung werden die Unterschiede zwischen Ost- und
Westdeutschland als Erklärungsmöglichkeiten für regional
unterschiedliches Gründungsgeschehen gesehen. Quellen
wie der KfW-Gründungsmonitor25, der Mikrozensus26 die
Gewerbeanzeigenstatistik27 etc. lassen dabei allerdings
nur wenige Rückschlüsse auf qualitative Einflussfaktoren des Gründungsgeschehens von Frauen in Ost- und
Westdeutschland zu.
Überraschender- und zugleich erfreulicherweise waren in
den Workshops im Hinblick auf regionale Besonderheiten
in der Berichterstattung „Ost-West Unterschiede“ weder für
die Unternehmerinnen, noch für die MedienvertreterInnen
ein zentrales Thema. Das deckt sich mit Ergebnissen aus
anderen Forschungsprojekten, nach denen institutionelle
Rahmenbedingungen von Frauen meist einfach als gegeben
hingenommen werden und innerhalb der vorgegebenen
Rahmenbedingungen bestmöglich agiert wird.
Regionale Unterschiede werden stattdessen eher in Abhängigkeit vom Gründungsklima einer Region gesehen,
beispielsweise differenziert zwischen dienstleistungsorientierten, städtischen Regionen und eher traditionell
geprägten, ländlichen Regionen. Die „geistige Offenheit“
einer Region hat sich in den Diskussionen als ebenso
bedeutsam herausgestellt, wie der dortige generelle
Bildungsstand.
24 Vgl.
Lafuente (2007).
Metzger (2015).
26 Vgl. Statistisches Bundesamt (2015a).
27 Vgl. Statistisches Bundesamt (2015b).
28 Vgl. Ettl & Welter (2010a), (2010b).
25 Vgl.
21
»Das Unternehmerinnenbild in der deutschen Presse«
3. Ausblick:
Es braucht eine proaktive und gendergerechte
Medienkommunikation
Um nachhaltig zu einem positiver besetzten Bild von Unternehmer- und Unternehmerinnentum beizutragen, mit dem
sich mehr Frauen identifizieren können, und um dadurch
möglicherweise mehr Frauen für eine eigene berufliche
Selbstständigkeit sensibilisieren zu können, ist es wichtig,
alle Beteiligten zu einem bewussteren Medienumgang zu
sensibilisieren – Unternehmerinnen, MedienvertreterInnen,
WissenschaftlerInnen und auch politische Akteure. Jede
Einzelne, jeder Einzelne ist selbst verantwortlich für den
eigenen Beitrag zur Darstellung von Unternehmerinnen
in der Öffentlichkeit: Jede Unternehmerin kann selbst
Vorbild sein (oder auch nicht). Jeder Medienvertreter, jede
Medienvertreterin kann bewusst reflektieren, welches
Unternehmerinnenbild durch die eigene Art der Berichterstattung vermitteln werden soll (oder auch nicht). Jede
Wissenschaftlerin, jeder Wissenschaftler, der sich mit
Unternehmerinnen und Gründerinnen beschäftigt, kann
durch Wissenschaftskommunikation gendergerechte Ergebnisse der Forschung für die Öffentlichkeit aufbereiten
(oder auch nicht).
Unternehmerinnen können ihre eigene Darstellung in
den Medien und so auch die generelle Medienberichterstattung dadurch beeinflussen, dass sie eine proaktive,
bewusste und gezielte Medienkommunikation betreiben.
Dabei hilft ein klares Konzept, was sie wie und an wen
kommunizieren möchten.
JournalistInnen und MedienverterInnen können durch
eine Berichterstattung, die keine (bewussten oder unbewussten) Wertungen enthält, zu einer zukünftig noch
stärker gendergerechten Berichterstattung beitragen und
so neue und andere Rollenbilder für zukünftige Unternehmerinnen schaffen.
WissenschaftlerInnen können durch eine bessere Wissenschaftskommunikation einen Beitrag zur Veränderung
von Stereotypen und Rollenbildern leisten, wenn sie
ihre Wissenschaft so transparent machen, dass sie für
alle zugänglich ist, und gezielter mit denjenigen kommunizieren, die ihre Ergebnisse betreffen – im Fall des
Pressediskurses sind dies sowohl MedienvertreterInnen
wie auch UnternehmerInnen.
Die im Rahmen dieser Studie untersuchte Berichterstattung über Unternehmerinnen in der Tagespresse bildet
nur eine Facette der vielfältigen Medienlandschaft in
Deutschland ab.
Der Einfluss von Online-Medien, Sozialen Medien etc. wird
zunehmend größer, gerade bei der jüngeren Generation.
Hier ist weitergehender zukünftiger Forschungsbedarf.
Stereotype und Rollenbilder zu ändern, ist eine generationenübergreifende Aufgabe. Unsere Untersuchung zeigt:
Im vergangenen Jahrzehnt hat sich hier in der einiges
bewegt – Unternehmerinnentum ist in der Presseberichterstattung (wie auch der Gesellschaft) selbstverständlicher
geworden. Zwar gibt es noch immer Presseberichte, in
denen veraltete Rollenbilder vermittelt werden, aber sie
werden weniger – die Vielfalt der Unternehmerinnen
findet sich immer mehr auch in der Vielfalt der Berichterstattung wieder.
22
Quellen
Achtenhagen, L.; Welter, F. (2003): Female Entrepreneurship in Germany. Context, Development and its Reflection
in German Media, in: J. E. Butler (Hrsg.): New Perspectives on Women entrepreneurs, Greenwich, Conn., 71-100.
Achtenhagen, L.; Welter, F. (2007): Media Discourse in Entrepreneurship Research, in: H. Neergard & J. P. Ulhoi
(Hrsg.): Handbook of Qualitative Methods in Entrepreneurship Research, Cheltenham, 193-215.
Achtenhagen, L.; Welter, F. (2008): Le discours entrepreneurial dans les journaux allemands:
«Esprit entrepreneurial, montre-toi», Revue internationale PME: Économie et gestion de la petite et moyenne
entreprise, 21 (3-4), 67-89.
Achtenhagen, L.; Welter, F. (2011): ’Surfing on the Ironing Board’ – The Representation of Women‘s
Entrepreneurship in German Newspapers, Entrepreneurship & Regional Development, 23 (9-10), 763-786.
bundesweite gründerinnenagentur (2015): FRAUEN unternehmen, verfügbar unter http://www.
existenzgruenderinnen.de/DE/Vernetzung/Frauen-unternehmen/frauen-unternehmen_node.html,
Abruf am 18.08.2015.
Ettl, K. & Welter, F. (2010): How female entrepreneurs learn and acquire (business relevant) knowledge,
International Journal Entrepreneurship and Small Business, 10 (1), 65-82.
Ettl, K. & Welter, F. (2010): Gender, Context and Entrepreneurial Learning, International Journal of Gender
and Entrepreneurship 2 (2), 108-129.
Konrad Adenauer Stiftung e.V. (o.J.): Methodeneinsatz – World Café, verfügbar unter http://www.kas.de/wf/
de/71.9278/, Abruf am 18.08.2015.
Lafuente, E.; Vaillant, Y.; Rialp, J. (2007): Regional Differences in the Influence of Role Models: Comparing
the Entrepreneurial Process of Rural Catalonia, Regional Studies, 41 (6), 779-796.
Metzger, G. (2015): KfW-Gründungsmonitor 2015. Gründungstätigkeit nimmt zu – Freiberufliche Tätigkeitsfelder
dominieren, verfügbar unter https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-DokumenteGr%C3%BCndungsmonitor/Gr%C3%BCndungsmonitor-2015.pdf, Abruf am 18.08.2015.
Statistisches Bundesamt (2015a): Der Mikrozensus stellt sich vor, verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/
ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Mikrozensus.html, Abruf am 18.08.2015.
Statistisches Bundesamt (2015b): Erläuterungen zur Gewerbeanzeigenstatistik,
verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/UnternehmenHandwerk/
Gewerbemeldungen/Methodisches.html, Abruf am 18.08.2015.
Welter, F.; Achtenhagen L. (2006): „Unternehmerinnenbild und Unternehmerinnenidentität“, in: A. D. Bührmann;
K. Hansen; M. Schmeink & A. Schöttelndreier (Hrsg.): Das Unternehmerinnenbild in Deutschland, Münster, 73-100.
Welter, F.; Achtenhagen, L.; Kolb, S.; Ettl, K. (2006): „Süßes Leben mit bitteren Noten“ – Unternehmerinnen
und Gründerinnen in der deutschen Presse – eine diskursanalytische Betrachtung, Endbericht für das Ministerium
für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.
Welter, F.; May-Strobl, E.; Holz, M.; Pahnke, A.; Schlepphorst, S.; Wolter, H.-J.; unter Mitarbeit von Kranzusch,
P. (2015): Mittelstand zwischen Fakten und Gefühl, in: IfM Bonn, IfM-Materialien Nr. 234, Bonn.
Werner, A.; Kranzusch, P.; Kay, R. (2005): Unternehmerbild und Gründungsentscheidung – Genderspezifische
Analyse, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): Schriften zur Mittelstandsforschung Nr. 109 NF,
Wiesbaden.
23
Ergebnisse der Themen-Initiativen
»RAHMENBEDINGUNGEN
UND STANDORTFAKTOREN FÜR
JUNGE GRÜNDERINNEN«
CORNELIA KLAUS,
HANNOVERIMPULS GMBH,
GRÜNDERINNEN-CONSULT,
BUNDESWEITE GRÜNDERINNENAGENTUR (BGA),
REGIONALVERANTWORTLICHE –
NIEDERSACHSEN
24
„Frauen gründen anders“ war der Titel des regionalen
Workshops im Februar 2015 in Hannover. Die während
der „grOW“-Zukunftskonferenz aufgeworfene Frage
nach den „Rahmenbedingungen und Standortfaktoren
für Gründerinnen“ wurde in dem Treffen um konkrete
Fragestellungen und Perspektiven junger Gründerinnen
als besondere Zielgruppe erweitert.
Ausgangssituation: Welche Rahmenbedingungen
brauchen (junge) Frauen für Gründung?
Die Zahlen sind bekannt: Es gibt einen immer noch deutlichen Unterschied in der Gründungsquote von Frauen
und Männern in Deutschland. Laut GEM-Länderbericht
2014 liegt die Gründungsquote bei 1,65 Männern zu 1
Frau. Der KfW-Gründungsmonitor 2014 gibt den Frauenanteil an Gründungen in Deutschland für 2013 mit 43
Prozent an. Außerdem liegt der Anteil der Frauen bei
den Nebenerwerbsgründungen deutlich höher als bei
den Vollerwerbsgründungen. Laut IAB-Zahlen ist Selbstständigkeit noch immer eine Männer-Domäne. Auch 2014
betrug die Gründungsquote von Frauen zwischen 18 bis
64 Jahren „nur“ vier Prozent im Vergleich zu Männern,
bei denen die Quote bei 6,4 Prozent lag. Fakt ist folglich,
dass Frauen nach wie vor seltener gründen als Männer.
Potenzialanalyse: Wie können Gründerinnen
mobilisiert werden?
In dem Workshop „Frauen gründen anders – Welche Faktoren
und Rahmenbedingungen ermöglichen die Erhöhung bzw.
Verbesserung von Anzahl, Wachstum und Nachhaltigkeit
von Unternehmensgründungen durch Frauen?“ auf der
„grOW“-Zukunftskonferenz am 8. und 9. November 2014
wurden mit den Teilnehmerinnen, meist erfahrene und
länger am Markt tätige Unternehmerinnen, zunächst
Überlegungen zur Weiterentwicklung der Förderung von
Gründerinnen im Allgemeinen angestellt. Dabei wurden
folgende Feststellungen und Handlungsempfehlungen
festgehalten:
– Gründerinnen sollen im Vergleich zu männlichen Gründern sichtbarer werden.
– Eine größere Wertschätzung der volkswirtschaftlichen
Leistungen von Unternehmerinnen dient der Gründungsmobilisierung.
– Gründerinnen sind häufig Trendsetterinnen in der nachhaltigen Unternehmensführung (Social Entrepreneurship)
und haben daher eine hohe gesellschaftliche Relevanz.
– Gründerinnen sollen in die Fortentwicklung von Beratungsansätzen und -methoden („Societing“) einbezogen
werden.
25
»Rahmenbedingungen und Standortfaktoren
für junge Gründerinnen«
Standortanalyse: Junge Gründerinnen werden
bisher kaum erreicht
Im Rahmen einer Standortanalyse für die Region Hannover
wurde die Themenstellung im Folgenden fokussiert auf
die Zielgruppe der jungen Gründerinnen. Positive Veränderungen im Gründerinnengeschehen können herbeigeführt
werden, wenn sich zukünftig stärker den Bedürfnissen der
„jungen Gründerinnengeneration“ gewidmet werden wird,
lautete die These. Ausgangspunkte für die Konzeption
des Folgeworkshops waren im Zusammenhang mit dieser
These daher u.a. die folgenden Fragen:
–
–
–
–
Gibt es einen neuen Feminismus bei jungen Frauen?
Wie denken junge Frauen?
Was fehlt ihnen?
Was brauchen diese?
Die Relevanz der Beschäftigung mit neuen Zugängen
und Formaten für junge Gründerinnen belegt zudem eine
Statistik von hannoverimpuls, der von Stadt und Region Hannover initiierten Wirtschaftsfördergesellschaft.
Sie zeigt, dass junge Frauen bei Gründerinnen-Consult
(GC), hannoverimpuls, mit vergleichbar geringen Zahlen
von jungen Gründerinnen auch in den niedersächsischen
Gründerinnenprojekten, unterpräsentiert sind: nur 16,1
Prozent der Teilnehmerinnen von GC an Beratungen und
Qualifizierungsmaßnahmen im Jahr 2014 waren unter 30
Jahre alt (vgl. Abb. 9).
Altersklasse
Anzahl
In Prozent
Bis 30 Jahre
263
16,1
Bis 45 Jahre
853
52,2
Bis 60 Jahre
487
30,0
60+
29
1,7
Gesamt
1.632
100
Abbildung 9: Altersverteilung der aktiven Kontakte
(Beratungen und Qualifizierungsmaßnahmen) von GründerinnenConsult im Jahr 2014 bis 19.2.2015 (Quelle: eigene Darstellung)
29 Das
Es gibt folglich eine starke Diskrepanz zwischen der Wichtigkeit der Zielgruppe der jungen Gründerinnen für das
zukünftige Gründerinnengeschehen und der Wahrnehmung
von frauenspezifischen Angeboten durch diese Zielgruppe.
Auf dieser Grundlage wurde in Zusammenarbeit mit dem
Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit
und Gleichstellung sowie dem Niedersächsischen Netzwerk „Gründerinnen kompetent beraten“29 entschieden,
sich der Zielgruppe „Junge Gründerinnen“ zu widmen.
Gründerinnen-Consult hatte in diesem Zusammenhang
bereits im Mai 2014 spezifische Formate wie eine WomenWebNight veranstaltet und Trends wie „Coworking
Spaces“ und „Digitalisierung“ berücksichtigt. Zusätzlich
werden neue Formate entwickelt und angeboten, um auch
junge Gründerinnen für das Beratungs- und Qualifizierungsangebot zu gewinnen (beispielsweise Fashion Camp,
After Work Dinner, Green Marketing). Über Social Media
(Facebook, Twitter, XING) werden zudem Informationen
und Veranstaltungen veröffentlicht.
Niedersächsische Netzwerk „Gründerinnen kompetent beraten“ ist ein Zusammenschluss aus niedersächsischen ESF und EFREgeförderten Gründerinnenberatungsstellen und verfügt über langjährige Erfahrung in der Begleitung von Frauen in die Selbstständigkeit.
Es besteht seit Juni 2010 und wird vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung begleitet.
26
Im Fokus: Nachwuchs. Was brauchen junge
Gründerinnen? Wie erreicht man junge
Gründerinnen? Ein Fakten-Check
Zur Vorbereitung auf den regionalen Workshop wurde
zunächst ein Faktencheck erstellt. Gefragt wurde, was
junge Gründerinnen im Alter von bis zu 34 Jahren benötigen und was zur Gründungsentscheidung fehlt bzw.
welche besonderen Präferenzen sie im Vergleich zu älteren
Zielgruppen haben:
– Junge Gründerinnen brauchen generell höhere Sichtbarkeit und mehr Vorbilder. Dazu zählen neben mehr
Referentinnen ganz einfach auch mehr junge Frauen
auf Werbe- und Informationsmaterialien wie z.B. Flyern.
Eine intensivere Werbung beispielsweise in Schulen,
Hochschulen, Universitäten und auf Zukunftstagen
kann entsprechend zur Wirkung beitragen. Junge
Gründerinnen bevorzugen besondere Locations und
lassen sich im Zeitalter des Smartphones und der
Digitalisierung am besten über die Social Media-Kanäle
erreichen. Facebook, Twitter, WhatsApp, Google+, etc.
sind daher wichtige Kommunikationsmedien für junge
Gründerinnen.
– Zugänge zu Fremdkapital sind ihnen oft erschwert;
hier sollte es vermehrt einfachere Lösungen wie beispielsweise den so genannten MikroSTARTer geben.
– Junge Frauen nutzen häufig neuartige Methoden zur
Lösung von Herausforderungen oder Entwicklung neuer
Ideen wie bspw. „Design Thinking“ und verwenden
Begriffe aus der Startup-Szene.
– Probleme rund um die Vereinbarkeit von Familie und
Beruf erschweren es nach wie vor jungen Gründerinnen,
zu starten.
– Sie verfügen häufig über geringere Praxis-, Fach- und
Lebenserfahrung, die für die berufliche Selbstständigkeit
wichtig sind. Dies kann bei der Gründung ein höheres
Risiko bedeuten.
Aus den Erfahrungen junger Gründerinnen lernen
Gemeinsam mit dem Niedersächsischen Netzwerk „Gründerinnen kompetent beraten“ wurden Fragestellungen für
eine Diskussionsrunde mit jungen Gründerinnen festgelegt.
Diese waren zum einen Basis für den Workshop und
zum anderen Ausgangspunkte für die nachfolgenden
realistischen Einschätzungen und daraus abzuleitenden
Handlungsempfehlungen. Die jungen Gründerinnen wurden zunächst aus den Kontakten der Datenbank von
Gründerinnen-Consult (GC), hannoverimpuls GmbH ermittelt.
Anschließend wurden alle Beraterinnen vom Niedersächsischen Netzwerk „Gründerinnen kompetent beraten“ mit
einbezogen, um eine persönliche Einschätzung des Status
Quo abzuleiten und um sicherzustellen, dass auch eine
aussagekräftige Diskussion in einer möglichst heterogenen
Gruppe zustande kommt.
Auf eine anschließende Einladung hin nahmen insgesamt
fünf junge Gründerinnen aus der Region Hannover teil.
Die Frauen waren zwischen 27 und 35 Jahren alt. Sie
hatten unterschiedlich lange Erfahrungen in der beruflichen
Selbstständigkeit. Diese reichte von der gegenwärtigen
Testphase bis zur dreijährigen Tätigkeit. Die Branchen
waren Marketing, E-Commerce, Online & Digitalisierung,
Eventdienstleistungen, Floristik und Fotografie.
Nach einer Kennenlernphase und Einführung in den
Workshop wurden verschiedene Fragestellungen zum
Zeitpunkt vor/während und nach der Gründung zur Diskussion gestellt:
– Was war Beweggrund und die Motivation zur Gründung?
– Was oder wer hat bei der Gründung geholfen?
– Welche Voraussetzungen, Unterstützungs- und Umfeldfaktoren, Rahmenbedingungen waren wichtig oder
wären wünschenswert gewesen?
– Welche Unterschiede werden in der Gründungsphase
bei Gründern und Gründerinnen wahrgenommen?
– Wie sind die Gründerinnen auf Unterstützungsangebote
aufmerksam geworden?
– Haben sie gezielt gründerinnenspezifische Beratung
genutzt?
– Welches Beratungsangebot fanden sie besonders gut/
effektiv?
– Welches Beratungsangebot erschien ihnen überflüssig/
zu viel/methodisch nicht gut genug?
27
»Rahmenbedingungen und Standortfaktoren
für junge Gründerinnen«
Die neunzigminütige Diskussion brachte interessante
Ergebnisse hervor:
Ausblick: Was braucht eine zukünftige
Gründungsförderung für (junge) Frauen?
→ Gegründet wird vor allem, um Monotonie zu vermeiden,
flexibel und selbstbestimmt zu sein und eigene Ideen selbst
umzusetzen. Erste Anlaufstellen bei einer Beratung sind
ausgewiesene Facheinrichtungen, aber auch die Einschätzungen aus dem Familien- und Bekanntenkreis sind von
Bedeutung. Insbesondere zu den Themen Finanzierungsmöglichkeiten, Austausch mit Gleichgesinnten, Beratung
zum Thema Preisgestaltung und Marketing besteht aus
Sicht der Jung-Gründerinnen hoher Beratungsbedarf.
Somit ergaben sich aus dem gegenseitigen Erfahrungsund Wissenstransfer konkrete und realistische Handlungsfelder zur Verbesserung von Rahmenstrukturen und
Standortfaktoren für Gründerinnen: Mentoring und damit
einhergehend die Qualifizierung von Gründerinnen in
Landkreisen sowie der Aufbau eines (lokalen) Netzwerkes
sind von hoher Bedeutung. Zudem sollen der Umgang
mit Rollenbildern, Stereotype sowie die Herausforderung
einer Selbstständigkeit auch mit Kind(ern) im Fokus der
Beratungen stehen.
→ Auch Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen
GründerInnen wurden deutlich: Die Gründerinnen sehen –
immer noch – Verantwortung für die Familienplanung vor
allem bei sich. Eine große Frage ist daher nach wie vor,
wie sie Kinderbetreuung und berufliche Selbstständigkeit
miteinander vereinbaren können. Fragen, wie sie vor allem
in einer ausschließlichen Beratung von und für Frauen offen
gestellt werden können, durch eine offene Gesprächshaltung
und gleiche Gesprächsebene bei gleichzeitig geringeren
Hemmungen – all das sind Aspekte, die bei Gründerinnen
für eine genderspezifische Beratung sprechen.
→ Eine anschließende Betrachtung der Standpunkte und
Vorschläge der Diskussionsrunde, wie man eine bestimmte
Sache bestmöglich umsetzen kann, ergab ein konkretes
Ranking der wichtigsten Themen aus Sicht der Gründerinnen.
Diese Themen wurden abschließend auf eine realistische
Übertragbarkeit hin diskutiert.
Netzwerken und der Kontakt zu Gleichgesinnten sind ebenfalls wichtige Punkte. Denkbar wären hier Coworking-SpaceModelle, also die Schaffung gemeinsamer Arbeitsräume
für Freiberuflerinnen, oder auch der Aufbau von Foren zum
Austausch mit anderen Gründerinnen und Unternehmerinnen, die etwa in Beratungsstellen und Veranstaltungen
langfristig thematisch stärker integriert werden.
Deutlich wird auch, dass das bereits bestehende Beratungsangebot von Interesse ist, aber nicht vollständig zu den
Jung-Gründerinnen durchdringt. Langfristiges Ziel muss
es sein, eine neue Art der Ansprache und des Marketings
zu entwickeln, indem zum Beispiel die Sozialen Medien
stärker bedient werden, mit der die nachwachsende jüngere
Klientel erreicht werden kann ohne dabei die anderen
Altersklassen aus dem Auge zu verlieren.
Das Thema Selbständigkeit und Kind sollte in den Beratungen intensiver platziert und aktiver auf die jeweilige
Lebenssituation der Ratsuchenden eingegangen werden.
So könnte beispielsweise bereits während der Beratung auf
die Fördermöglichkeiten während und nach der Schwangerschaft eingegangen werden. Die Bemessungsgrundlagen
von Elterngeld während der Selbstständigkeit könnten
benannt werden. In Veranstaltungen sollte auf die Herausforderungen und Chancen eingegangen werden. Themen
wie Zeitmanagement und die Angst vorm Scheitern sowie
entsprechende Strategien sollten eine größere Rolle spielen. Dies kann zum einen eine Ausweitung bestehender
Netzwerke sein (beispielsweise Integration in Foren von
Gründungsinteressierten mit Gastbeiträgen) oder zum
anderen die Entwicklung und Erweiterung einer eigenen
Plattform zum Austausch.
28
Folgeworkshop am 18. Februar 2015 in Hannover
29
Ergebnisse der Themen-Initiativen
»STADT, LAND, ZWISCHENRÄUME –
ERFOLGSFAKTOREN FÜR
UNTERNEHMERINNEN IN
METROPOLREGIONEN UND
IM LÄNDLICHEN RAUM«
NICOLE STEFFENS,
BILDUNGSWERK DER
THÜRINGER WIRTSCHAFT E.V.,
BUNDESWEITE GRÜNDERINNENAGENTUR (BGA),
REGIONALVERANTWORTLICHE –
THÜRINGEN
30
Um Erfolgsfaktoren für Unternehmerinnen im ländlichen
Raum ging es im Rahmen der „grOW“-Zukunftskonferenz
beim Themenworkshop sowie dem darauf aufbauenden
Folgeworkshop des Bildungswerks der Thüringer Wirtschaft, welcher im Mai 2015 in Schmalkalden stattfand.
Ziel war es, Empfehlungen für die Förderung des Unternehmerinnentums im Speziellen für ländliche Regionen
abzuleiten.
Was fördert das Unternehmerinnentum und was hindert
Frauen, sich beruflich selbstständig zu machen? Das
waren zentrale Fragen bei der Zukunftskonferenz an der
Freien Universität Berlin sowie in dem Folgeworkshop
„Stadt, Land, Zwischenräume – Erfolgsfaktoren für Unternehmerinnen im ländlichen Raum“ in Schmalkalden.
Der Workshop im Rahmen der Zukunftskonferenz hatte
gezeigt, dass die Unterschiede zwischen Gründerinnen
in der Stadt und auf dem Land wesentlich größer sind
als die Unterschiede zwischen Gründerinnen in den alten und neuen Bundesländern. Dies und die Tatsache,
dass der Freistaat Thüringen ein Flächenland ist, in dem
fast 80 Prozent der Bevölkerung im ländlichen Raum
leben, war Anlass, den Fokus des Folgeworkshops auf
die Gründerinnen und Unternehmerinnen im ländlichen
Raum zu legen. Ziel war es, bestehende Verhältnisse
darzustellen und Probleme und Hürden unternehmerisch
tätiger „Landfrauen“ zu definieren sowie entsprechende
Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten.
Angelika Scheuch, Katrin Fiedler und Nicole Steffens (v.l.n.r.) Vertreterinnen des Themenraums „Stadt, Land, Zwischenräume“
31
»Stadt, Land, Zwischenräume – Erfolgsfaktoren für
Unternehmerinnen in Metropolregionen und im ländlichen Raum«
Ausgangssituation: Demografischer Wandel auf dem
Land ist Herausforderung und Chance zugleich
lag im Erhebungszeitraum (2003) nur halb so hoch wie
die der Männer.
In den ländlichen Regionen Deutschlands zeigen sich zunehmend die Auswirkungen des demografischen Wandels.
Junge und gut ausgebildete Menschen wandern ab, die
rückläufigen Bevölkerungszahlen wirken sich nachteilig
auf die Lebensbedingungen und Wachstumsperspektiven
vor Ort aus. Die Aufrechterhaltung einer angemessenen
Daseinsvorsorge stellt die ländlichen Regionen zunehmend
vor eine große Herausforderung. Diesen wirtschaftlichen
und demografischen Herausforderungen begegnen gerade
Frauen als Existenzgründerinnen mit neuen Ideen. Gründerinnen machen oftmals aus der Not eine Tugend, gründen
in Marktnischen und schließen Lücken in den vorhandenen
Infrastrukturen, etwa im Bereich der haushaltsnahen und
familienunterstützenden Dienstleistungen. Die Frauen,
die gut ausgebildet aus anderen Bundesländern zurück
in die „alte Heimat“ kommen, stellen eine Chance für
die peripheren Regionen dar. Wie die Studie zum Kongress „Frauen machen Sachsen-Anhalt. Ich will gründen,
jetzt und hier.“ zeigt, sehen die Rückkehrerinnen in der
Selbstständigkeit, auch in den ländlichen Regionen, für
sich eine berufliche Option. Es gilt, durch kreative Ideen
und lokale Akteure den Unternehmergeist von Frauen
in ländlichen Gebieten zu fördern und zu entwickeln.
Laut Thüringer Gründerreport 2014 lag die weibliche
Gründungsquote im August 2014 bei 36,4 Prozent. Hierbei dominierten, wie im gesamten Bundesgebiet, die
Nebenerwerbsgründungen. Erfreulich zu beobachten ist
die Zunahme der Existenzgründungen, die bewusst als
Chance verstanden werden (48 Prozent der Gründungen sind
Chancen-Gründungen, laut KfW-Gründungsmonitor 2015)
und nicht aus der Not heraus entstehen. Eine Aussage zur
Gründerinnenquote in den ländlichen Regionen Thüringens
kann anhand der Erhebung leider nicht getroffen werden.
Aktuelle Veröffentlichungen zum Thema Frauengründungen in ländlichen Räumen aus den Jahren 2014 und 2015
zeigen wenig Veränderung. Der Beitrag „Unabhängigkeit
ist das Hauptmotiv“ in LandInForm 02/2014 belegt, dass
„die Gründungsneigung in sogenannten Agglomerationsräumen deutlich stärker ausgeprägt ist als in den
ländlichen Räumen.“ 30
Die Datenlage zu Existenzgründungen durch Frauen im
ländlichen Raum ist jedoch unzureichend und erschwert
daher die Ursachenanalyse. Es gibt wenig verwertbare
Daten und Forschungsliteratur, eine Differenzierung
nach Geschlechterverhältnissen ist in den vorliegenden
Auswertungen in den meisten Fällen nicht vorhanden.
Die aktuellsten Publikationen zum Unternehmerinnentum
im ländlichen Raum, die auf wissenschaftlich erhobenen und ausgewerteten Daten basieren, wurden bereits
2008 veröffentlicht. Beispielsweise untersuchte das
Forschungsvorhaben der Agrarsozialen Gesellschaft e.V.
„Erfolgsfaktoren eines positiven Existenzgründungsklimas
für Frauen in ländlichen Räumen“. Diese Untersuchung
bezieht sich auf die vier Landkreise Cloppenburg in
Niedersachsen, Odenwaldkreis in Hessen, den Landkreis
Halberstadt in Sachsen-Anhalt und den Ilm-Kreis in
Thüringen. Im Rahmen dieser Arbeit wurde der Anteil
der Gewerbeanmeldungen durch Frauen in den Jahren
2003 bis 2005 erhoben. Die Untersuchung zeigt eine
Gründungsbeteiligung von Frauen bei knapp über 30
Prozent und damit auch hier eine Unterrepräsentanz
im Vergleich zu Männern im Gründungsgeschehen im
ländlichen Raum. Damit ähnelte es zum damaligen Zeitpunkt zahlenmäßig dem gesamten Gründungsgeschehen
in Deutschland. Die Selbstständigen-Quote der Frauen
30
32
Die Begleitforschung des Modellvorhabens „LandZukunft“
des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
untersuchte in diesem Zusammenhang von 2012 bis 2014
unter anderem auch unternehmerisches Engagement von
Frauen in ländlichen Regionen. Zusammenfassend erklärt
die Studie eine sehr geringe Beteiligung von Frauen am
ländlichen Unternehmertum, welches sie darauf zurückführt, dass vorwiegend mittlere und größere Unternehmen
in die Studie einbezogen wurden, in denen Frauen im
Management immer noch Ausnahmen sind. Weiterhin
heißt es: „Zudem könnte man ihre geringe Beteiligung
auch durch das Fehlen notwendiger materieller und immaterieller Voraussetzungen erklären.“ Darauf, welche
Voraussetzungen konkret gemeint sind, wurde nicht
genauer eingegangen. Das Modellvorhaben „LandZukunft“
kommt zu dem Schluss, dass strukturelle Probleme wie
fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen, diskriminierende Praktiken im Personalwesen und gesellschaftlich
verzerrte Wahrnehmungen von Geschlechtereigenschaften
negativen Einfluss auf das unternehmerische Handeln von
Frauen haben könnten. Das Projektbüro Ländliche Räume
(proLR) definiert als weitere Hemmnisse für Unternehmerinnen in ländlichen Räumen unter anderem weite
Wege (beispielsweise zur nächsten Gründungsberatung)
und fehlende Unternehmerinnen im Umkreis und damit
fehlende Netzwerke. Aber auch geringe Anerkennung für
den gewählten Lebensentwurf, die Frauen zwingt, neben
der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zusätzlich Energie
zur Integration der unternehmerischen Pläne in das soziale Umfeld aufbringen zu müssen, hemmen weibliches
Unternehmertum im ländlichen Raum.
Dr. Kay, Rosemarie, 2014, „Unabhängigkeit ist das Hauptmotiv“ in LandInForm 04/2014 Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume.
Mehr ostdeutsche Gründungen von Frauen:
Mangel an Alternative oder neue Potenziale für die
regionale Wirtschaftsförderung?
Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2014 führt
die geringeren Gründungsaktivitäten von Frauen unter
anderem auf strukturelle Rahmenbedingungen zurück,
Männer gründen beispielsweise häufiger aufgrund klassischer Motive wie Gewinnstreben, Selbstverwirklichung,
Unabhängigkeitswunsch. Frauen hingegen gründen häufig
dann, wenn sie keine passende Stelle finden. Ostdeutsche
Frauen gründen in diesem Fall sogar erheblich häufiger
aus einem Mangel an Alternativen (43 Prozent) als westdeutsche Frauen (23 Prozent).
Hinzu kommt, dass in städtischem Umfeld mit besserer
Infrastruktur, höherer Bevölkerungsdichte, besserer Altersund Qualifikationsstruktur und sogenannten Spill-OverEffekten generell häufiger Unternehmen gegründet werden
als in ländlichen Gebieten. In den neuen Bundesländern
ist der Anteil ländlich-peripherer Regionen hoch. In den
alten Bundesländern leben 51 Prozent in hochverdichteten
(ländlichen) Regionen, im Osten nur 35 Prozent.
Kleine und mittlere Unternehmen im Dienstleistungsbereich, dem Tourismus, im Handwerk sowie land- und
forstwirtschaftliche Betriebe und Kleinstunternehmer
dominieren den ländlichen Raum.
Frauen gründen am häufigsten im Bereich der persönlichen
und wissensintensiven Dienstleistungen, etwa in den
Bereichen Bildung, Gesundheitswesen oder Unterhaltung.
Aufgrund des demografischen Wandels werden die Branchen zukünftig verstärkt nachgefragt werden.
Dies bietet Potenziale für die wirtschaftliche Entwicklung
der ländlichen Regionen, wenn es gelingt, Frauen mit
Unternehmergeist und kreativen Ideen zu mobilisieren.
Mehr Gründerinnen braucht das Land!
Hemmnisse und Handlungsempfehlungen
Durch den hohen Anteil ländlicher Gebiete in den neuen
Bundesländern gilt es hier im besonderen Maße, Ideen
zu entwickeln, um die berufliche Selbstständigkeit von
Frauen quantitativ und qualitativ zu erhöhen. In den
Diskussionen der Workshops wurde deutlich, dass die
Unternehmerinnen aus ländlichen Regionen das Fehlen
von Netzwerken und direkten Geschäftspartnern sowie
die mangelhafte Infrastruktur als Hindernis für ihren
Weg in die Selbstständigkeit empfanden. Um Frauen
im ländlichen Raum zur Gründung von Unternehmen
anzuregen, bedarf es vor allem entsprechender Vorbilder,
allerdings sind Unternehmerinnen in ländlichen Regionen
kaum sichtbar. Traditionelle Rollenmuster bremsen
zudem den Enthusiasmus vieler Frauen.
Im Rahmen der Wissenschafts-Praxis-Dialoge während der
Zukunftskonferenz in Berlin und des Folgeworkshops in
Schmalkalden wurde deutlich, dass sich die Anforderungen
vieler „Landfrauen“ an ein gründungsfreundliches Umfeld
in ländlichen Regionen ähneln: Sowohl die Vereinbarkeit
von Familie und Beruf in Wohnortnähe als auch der
Einsatz der von den Frauen erworbenen Qualifikationen
nach ihrer eigenen Definition von Erfolg und Nachhaltigkeit
stellen für die Frauen wichtige Erfolgsfaktoren für eine
Unternehmensgründung dar.
Der Thüringer Workshop hat die bestehende Situation
aufgegriffen, um Ideen zur zielgruppengerechten Gründungsförderung zu entwickeln. Die anwesenden Unternehmerinnen bewerteten die verschiedenen Angebote im
Bereich Gründungsförderung grundsätzlich als positiv.
Angeregt durch die Erfahrungen der Unternehmerinnen
und den Impuls „Mehr Gründerinnen braucht das Land!“
– Ihre Ideen sind gefragt! von Dr. Kareen Schlangen vom
Referat für Forschung und Wissenstransfer an der Hochschule Nordhausen, diskutierten die Anwesenden über
die Gründerinnen der Zukunft sowie die Anforderungen
an die regionale Wirtschaftsförderung.
33
»Stadt, Land, Zwischenräume – Erfolgsfaktoren für
Unternehmerinnen in Metropolregionen und im ländlichen Raum«
Die Teilnehmenden des Folgeworkshops einigten sich
bei der Betrachtung wichtiger Grundlagen zur Stärkung
der Gründerinnenlandschaft auf die Themen Wissen
und Vorbilder, Berichterstattung, die Entwicklung von
regionalen Verdichtungsansätzen sowie die Förderung
der Gründerinnen entsprechend ihren Bedürfnissen.
Wissen und Vorbilder:
Dies wurde als Grundlage für Gründungsbereitschaft und
Gründungsfähigkeit hervorgehoben. Bereits im Kindergarten und in der Schule wäre es hilfreich, den Kindern und
Jugendlichen spielerisch und durch Wissensvermittlung
wirtschaftliches Verständnis zu vermitteln. Es gelte dabei,
den Gründungsbegriff zu „entängstigen“ (Gründungen
schaffen Lösungen statt Probleme) und Aufgeschlossenheit gegenüber Gründungsideen zu vermitteln. Inhaltlich
sollte der Unterricht im Schulfach „Berufskunde“ auch die
Option einer späteren Selbständigkeit als Berufschance
einbeziehen. In einer zweiten Stufe der „wirtschaftlichen
Bildung“ sind die Universitäten, die angewandten Hochschulen und Akademien gefragt, junge Menschen auf
das Arbeitsleben vorzubereiten und unternehmerisches
Denken fächerübergreifend als Teil des ganzheitlichen
beruflichen Denkens zu vermitteln.
Die Vorbildwirkung durch Unternehmerinnen, die ihren
Beruf mit Leidenschaft ausüben, kann impulsgebend für
Gründerinnen sein. Diese sollten stärker in der Öffentlichkeit und in Begegnungen mit jungen Menschen zu
Wort kommen.
Berichterstattung:
Um kurz- und mittelfristig das Problem der fehlenden
Vorbilder zu lösen, könnte eine gemeinsame Berichterstattung und Pressearbeit mit allen Wirtschaftsfördereinrichtungen angestrebt werden. So könnten regelmäßige
Portraits und Berichte über lokale Gründerinnen und
Unternehmerinnen in Tageszeitungen, Newslettern sowie auf den entsprechenden Homepages das Berufsbild
„Unternehmerin“ transportieren. Zudem sollten Anreiz
orientierte Instrumente, wie Ehrungen für Gründungskonzepte oder Unternehmen, gezielt Gründerinnen und
Unternehmerinnen in den Fokus nehmen.
Lokale und regionale Verdichtungsansätze:
tragen sichtbar zur Förderung der Gründungsdynamik
bei. Um Austausch, Kooperationen und Wachstum in
der Gründungslandschaft zu fördern, sind die bereits
erprobten Coworking-Spaces sehr gute Orte für vernetztes,
branchenübergreifendes Arbeiten. Mittelfristig könnten
leer stehende Räume kostengünstig zur Etablierung
von Unternehmen im ländlichen Raum erschlossen und
34
zur Verfügung gestellt werden. Ausschlaggebend ist
hierbei allerdings, dass Rahmenbedingungen wie gute
Erreichbarkeit und schneller Internetzugang gegeben
sind. Hierfür braucht die Gründungslandschaft die kooperierende Bereitschaft der privaten und öffentlichen
Immobilieninhaber und der fördernden Institutionen.
Gemeinschaftliche Unternehmensorte bieten Raum zum
Probieren, um Erfahrungen zu sammeln und sich auszutauschen. Branchenunabhängige Gründungszentren sind
insbesondere für Frauen, die oftmals soloselbstständig
sind, attraktiv.
Bedürfnisgerechte Förderung:
Langfristig kann die Gründungsdynamik von Frauen befördert werden, indem man die Zielgruppe bedürfnisgerecht
fördert. Hierzu zählt unter anderem, dass Wirtschaftsfördermaßnahmen Branchen und Gründungsformen einbeziehen, in denen vermehrt Frauen gründen. So sollten
beispielsweise geförderte Kredite auch für Gründungen im
Gesundheitswesen und im Nebenerwerb zugänglich sein.
Des Weiteren sind Beratungs- und Weiterbildungsangebote
auf die Bedürfnisse von gründungsinteressierten Frauen
auszurichten. Zum einen durch eine geschlechtergerechte
Kommunikation der Angebote, zum anderen durch die
Berücksichtigung des spezifischen Informationsbedarfes
von Gründerinnen (zum Beispiel Vereinbarkeit von Familie
und Beruf, Stärkung der Persönlichkeit, Entwicklung von
tragfähigen Gründungskonzepten, Zugang zu Fremdkapital)
und der individuellen Lebenssituation der Frauen. Auch
eine vernetzte Arbeitsweise der lokalen Wirtschaftsfördereinrichtungen, die zur Verdichtung von Unterstützungsstrukturen führen, auch in der Nachgründungsphase, ist
ein oft geäußerter Wunsch der Gründerinnen.
Folgeworkshop am 7. Mai 2015 in Schmalkalden
Quellen
Bauer, U.; Dähner S. (Hrsg.) (2012): Neue Gründerzeit – zielstrebig, selbstbewusst, ... weiblich!“ Studie zum
Kongress „Frauen machen Sachsen-Anhalt. Ich will gründen, jetzt und hier!“, Bundesministerium des Innern
Brixy, U.; Sternberg, R.; Vorderwülbecke, A. (2015): Global Entrepreneurship Monitor (GEM), Länderbericht
Deutschland 2014
Deutscher LandFrauenverband (Hrsg.) (2014): Fraueneinkommen in ländlichen Regionen: Weibliche Lebensverläufe
zwischen tradierten Rollenbildern und veränderten Lebenswirklichkeiten.
Margarian, A. (Hrsg.) (2014): „Frauen auf dem Land – weniger engagiert oder ausgebremst?“
in LandInForm 04/2014 Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume.
Metzger, G. (Hrsg.) (2015): KfW-Gründungsmonitor 2015, KfW Bankengruppe
Kay, R. (Hrsg.) (2014): „Unabhängigkeit ist das Hauptmotiv“
in LandInForm 04/2014 Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume
Kohn, K.; Ullrich, K. (Hrsg.) (2011): Gründerinnen – Frauen als eigene Chefs, KfW Bankengruppe
BMEL (Hrsg.) (2014): Ländliche Regionen verstehen.
Lauxen-Ulbrich, M; Fehrenbach, S. (2004) „Gründungen von Frauen in Deutschland“
Beitrag zur Tagung „Frauen, Gründung, Förderung“ (bundesweite gründerinnenagentur bga) 28./29.6.2004
35
Ergebnisse der Themen-Initiativen
»VON DER WISSENSCHAFT
IN DIE WIRTSCHAFT – WELCHE
UNTERSTÜTZUNGSANGEBOTE
AN HOCHSCHULEN FÖRDERN
GRÜNDUNGEN VON FRAUEN?«
ROMY OLEYNIK-WEBER,
FREIE UNIVERSITÄT BERLIN,
PROFUND INNOVATION
36
Wie können kurz- bis mittelfristig Gründungen durch
Frauen aus Hochschulen gefördert werden? Dieser Frage
widmeten sich zwei Workshops der „grOW“-Initiative
direkt an der Freien Universität Berlin. Im Rahmen der
Zukunftskonferenz wurden in einer Diskussionsrunde mit
einer Gründerin relevante Themenfelder definiert. Diese
und die Frage nach möglichen Unterstützungsangeboten
für Gründungen von Frauen aus der Wissenschaft wurden
im darauf aufbauenden Folgeworkshop vertieft und daraus
entsprechende Handlungsempfehlungen entwickelt.
Ausgangssituation:
Studienwahl beeinflusst Gründungen
Den aktuell 43 Prozent der Unternehmensgründungen
durch Frauen im Allgemeinen (KfW Gründungsmonitor 2014)
steht mittlerweile ein Frauenanteil in Gründungsteams aus
Hochschulen von 45 Prozent für das Jahr 2013 gegenüber.
Dieser vergleichsweise hohe Anteil gilt allerdings noch nicht
für den Bereich der technologieorientierten Gründungen
aus Hochschulen. Betrachtet man die auf technologie- und
wissensbasierte Gründungen von HochschulabsolventInnen ausgerichteten Förderprogramme EXIST SEED und
EXIST-Gründerstipendium von 2000 bis 2012, lässt sich
feststellen, dass der Frauenanteil unter den Geförderten
im genannten Zeitraum gerade einmal bei 13,9 Prozent lag.
Auch im Bereich Startups , darunter vor allem IT-basierte
Gründungen, sind nur rund 10,7 Prozent der Gründer
weiblich. Laut „Fokus Volkswirtschaft“ der KfW machen
sich nach wie vor die meisten HochschulabsolventInnen
in den freien Berufen selbstständig und gründen ihr
Unternehmen als ÄrztInnen, AnwältInnen oder ArchitektInnen. In entsprechenden Studiengängen – Medizin,
Jura und Architektur – ist der Frauenanteil gleichzeitig
deutlich höher als in den naturwissenschaftlichen und
technischen Studiengängen. Zum Beispiel lag der Anteil
weiblicher Studierender in den Geisteswissenschaften und
Künsten im Jahr 2011 bei 66 Prozent und in den Bereichen
Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften bei 51
Prozent. Im Vergleich dazu waren Frauen im Jahr 2011
in Studiengängen wie Ingenieurwesen, verarbeitendes
Gewerbe und Baugewerbe mit einem Anteil von lediglich
18 Prozent vertreten, in den sogenannten MINT-Fächern
insgesamt zu 36 Prozent.
37
»Von der Wissenschaft in die Wirtschaft –
Welche Unterstützungsangebote an Hochschulen
fördern Gründungen von Frauen?«
Dementsprechend ist davon auszugehen, dass die Studienwahl die zentrale Einflussgröße auf die Art und Anzahl
von Gründungen durch Frauen aus der Hochschule ist
und sich der niedrige Anteil technologieorientierter und
IT-basierter Gründungen durch Frauen aus Hochschulen auf
die geringe Anzahl von Studentinnen in diesen Bereichen
zurückführen lässt. Ergebnisse der beiden Gründungsumfragen „Patent verwertet – Gründungsumfrage 2012 der TU
Berlin“ und „Gründungsumfrage – Wissenschaft befördert
Wirtschaft: eine Analyse des Gründungsgeschehens im
Umfeld von zehn Hochschulen in Berlin-Brandenburg“
stützen diese Annahme. Während die ausschließlich an
der TU Berlin durchgeführte Studie „Patent verwertet –
Gründungsumfrage 2012 der TU Berlin“ einen Anteil von
30 Prozent der Gründungen mit weiblicher Beteiligung
ausweist, kommt die mit insgesamt zehn verschiedenen
Hochschulen aus Berlin und Brandenburg durchgeführte
und im Jahr 2014 veröffentlichte Gründungsumfrage auf
einen Frauenanteil von 41 Prozent.
Auch hier wird deutlich: Die Zusammensetzung der Studierendenschaft an der TU Berlin spiegelt den niedrigeren
Anteil an Gründungsteams mit weiblicher Beteiligung wider.
Der Anteil weiblicher Studierender an der TU Berlin lag im
Sommersemester 2012 bei 32 Prozent. Da Hochschulen mit
kreativem oder wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt
wie die Universität der Künste Berlin oder die Hochschule
für Wirtschaft und Recht Berlin, beide beteiligt an der
Gründungsumfrage 2014, einen vergleichsweise hohen
Anteil weiblicher Studierender verzeichnen, ergibt sich aus
der genannten Umfrage entsprechend auch ein höherer
Anteil an Gründungen mit weiblicher Beteiligung.
Als Zwischenfazit lässt sich also festhalten, dass der Gender
Gap bei Gründungen aus Hochschulen insgesamt eher
gering, jedoch der Unterschied bei technologieorientierten
beziehungsweise IT-basierten Gründungen, bedingt vor
allem durch die geringere Anzahl weiblicher Studierender
in MINT-Fächern, sehr groß ist.
Ursachen für die insgesamt etwas geringere Gründungsaktivität von Frauen in Hochschulen liegen vermutlich
jedoch nicht nur in der Sozialisation und der dadurch
bedingten Wahl des Studiengangs. Zahlreiche Studien
zum Gründungsverhalten von Frauen38 beschreiben, dass
Frauen ihre Fähigkeiten in Bezug auf Unternehmertum
sehr viel schlechter einschätzen als Männer. Selbiges
gilt für die Angst vorm Scheitern, die bei Frauen weitaus
ausgeprägter ist als bei ihren männlichen Kollegen. 39
Darüber hinaus scheint auch die Wahrnehmung der Grün-
Folgeworkshop am 21. Mai 2015 in Berlin
38 u.a.
Mueller et al. 2004, Josten et al. 2008 a; 2008 b, Koellinger et al. 2011.
Kulicke, 2013, S. 34 f.
40 Vgl. Brixy, U. et al, 2015, S. 16.
41 Vgl. Metzger, G., 2015, S. 4.
39 Vgl.
38
Folgeworkshop am 21. Mai 2015 in Berlin
dungschancen in Deutschland eine Rolle zu spielen. Denn
nur 33 Prozent der Frauen, im Gegensatz zu 42 Prozent
der Männer, empfinden diese als positiv.40 Besonders das
Thema „Verantwortung“ spielt bei der Wahrnehmung der
Gründungshemmnisse bei Frauen eine große Rolle. Für
44 Prozent der Frauen birgt die Unternehmensgründung
eine zu hohe Verantwortung, besonders in Bezug auf eine
große Belastung für die Familie, dies nehmen aber nur
26 Prozent der Männer so wahr.41
Fehlende Vorbilder, wenig Möglichkeiten zum
Ausprobieren, Scheu vor Finanzierungsvolumina –
Ergebnisse des Wissenschafts-Praxis-Dialogs
Speziell für Hochschulausgründungen scheinen sich unter
anderem auch fehlende Vorbilder, zu schwach ausgeprägte Netzwerke, die Scheu vor Gründungen mit hohem
Finanzierungsbedarf und unzureichende Möglichkeiten
des Ausprobierens in vielen Studiengängen negativ auf
die Gründungsaktivitäten von Frauen auszuwirken, wie
der praxisorientierte Dialog zum Thema „Von der Wissenschaft in die Wirtschaft – Gründungen von Frauen aus der
Hochschule“ im Rahmen der „grOW“-Zukunftskonferenz
im November zeigte. Zudem könnte das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Gründerinnen aus der
Hochschule von Relevanz sein, so die These. Der Zeit-
punkt der Ausgründung fällt häufig in die Familienphase,
und die Gründerinnen können oft nicht auf die von den
Hochschulen angebotenen Kinderbetreuungsangebote
zugreifen, da sie im Gründungsprozess nicht mehr den
Status „Hochschulangehörige“ aufweisen.
Ein möglicher Lösungsansatz:
stärkere curriculare Verankerung des Themas –
Entrepreneurship an Hochschulen
Ziel des Folgeworkshops im Mai 2015 war es, neben dem
Ideen- und Erfahrungsaustausch vor allem die Ergebnisse
der zuvor erfolgten Situationsanalyse aufzugreifen, bestehende Gründungsangebote an Hochschulen zu beleuchten
und zu bewerten und im Anschluss Strategien für die
Implementierung neuer beziehungsweise zielgruppengerechter Förderangebote zu erarbeiten. Neben der sich erst
langfristig auswirkenden Wahl des Studienfaches sollte
die Frage beantwortet werden, wie sich auch kurz- bis
mittelfristig sowohl qualitativ als auch quantitativ Erfolge
bei der Förderung von Gründungen durch Frauen aus
Hochschulen erzielen lassen.
Mögliche Lösungswege und entsprechende Handlungsempfehlungen wurden im Rahmen des Folgeworkshops
in Berlin intensiv diskutiert.
39
»Von der Wissenschaft in die Wirtschaft –
Welche Unterstützungsangebote an Hochschulen
fördern Gründungen von Frauen?«
Aus Sicht der Gründerinnen selbst, die im Rahmen des
Workshops von ihren Erfahrungen berichteten, sind für
den Schritt in die Selbständigkeit Angebote der Gründungsförderungen der Hochschulen entscheidend, da
ohne deren Unterstützung Ideen mitunter nicht weiter
verfolgt worden wären. Als wichtig und hilfreich definierten
die Unternehmerinnen themenspezifische Netzwerke, in
denen sie sich mit Gleichgesinnten austauschen können
– unabhängig vom Geschlecht. Das heißt insbesondere
zu den Themen „branchenspezifische Netzwerke“, „Weiterentwicklung der Geschäftsidee“, aber auch im Bereich
„Hard Skills“ (Buchhaltung, Marketing, Finanzen) besteht
besonderer Beratungs- beziehungsweise Vernetzungsbedarf. Kontakte zu Unternehmen entsprechender, für
die Gründung relevanter Branchen gelten ebenfalls als
wichtiges Unterstützungsangebot. Frauenspezifische Beratungs- oder Förderangebote wurden dagegen nicht explizit
als Bedarf definiert. Förderungen müssen entsprechend
nicht zwangsläufig geschlechtsspezifisch ausgerichtet
sein, sondern sollten vielmehr auf die Orientierung und
Motivation der GründerInnen angepasst werden, denn
Männer und Frauen gründen zum Teil aus unterschiedlicher Motivation und mit unterschiedlichen Zielsetzungen.
Weibliche Gründungsmotive sind unter anderem Vereinbarkeit von Familie und Beruf42 und Unabhängigkeit und
Verwirklichung der eigenen Geschäftsidee.43 Finanzieller
Erfolg ist dagegen einer der unwichtigsten Aspekte für
Frauen, wenn es um eine Unternehmensgründung geht.44
Darüber hinaus führen bei 35 Prozent der Gründerinnen
fehlende Erwerbsalternativen zum Schritt in die Gründung,
während dies nur bei 26 Prozent der Gründer der Fall ist45.
Nicht nur durch die Erfahrungsberichte der Gründerinnen
und Unternehmerinnen, sondern insbesondere durch die
intensive Arbeit in den vier Themengruppen „Gründungsberatungsangebote an Hochschulen“, „Sensibilisierungs- und
Qualifizierungsangebote an Hochschulen“, „Netzwerke und
Mentoring“ und „Individuelle Kinderbetreuungsmöglichkeiten als Angebote der Hochschule“ konnten relevante
Handlungsfelder zur Erhöhung von Anzahl, Wachstum und
Nachhaltigkeit von Hochschulgründungen durch Frauen
definiert werden.
Eine frühzeitige Sensibilisierung kann etwa durch die
curriculare Verankerung von Entrepreneurship-Kursen in
allen Fachbereichen erreicht werden. Wichtig ist dies vor
allem vor dem Hintergrund, dass Risikobereitschaft nach
wie vor eher Männern zugesprochen wird. Bestehende
Ängste können bei Frauen beispielsweise durch entsprechende „Möglichkeiten des Ausprobierens“ aufgelöst
42 Vgl.
Abel-Koch, 2014, S. 2.
Brink, S. et al, 2014, S. 28.
44 Vgl. Brink, S. et al, 2014, S. 28.
45 Vgl. Abel-Koch, 2014, S. 2.
43 Vgl.
40
werden, was wiederum dazu beiträgt, entsprechendes
Selbstvertrauen bei potentiellen Gründerinnen aus der
Hochschule zu schaffen und den Weg in die Gründung damit
zu erleichtern. Da Frauen zudem häufiger Schwierigkeiten
mit selbstsicherem Auftreten haben als ihre männlichen
Kollegen und entsprechende Vorbilder eine bedeutende
Rolle spielen, können weiterhin konkrete Maßnahmen wie
eine auf die Motivation und Orientierung der Gründerinnen
angepasste Förderung und Beratung sowie die Darstellung
von „role models“ und der Einsatz gründungserfahrener
Mentorinnen dazu beitragen, vorerst Gründungsinteresse
zu wecken und dieses im zweiten Schritt in tatsächliche
Gründungen umzuwandeln. Bezüglich der „role models“
ist vor allem wichtig, nicht ausschließlich die an Umsatzund Mitarbeiterzahlen gemessenen „Top-Gründerinnen“
als Vorbilder darzustellen, sondern auch Personen mit
„normalen“, langfristig erfolgreichen Gründungs- und
Unternehmensentwicklungen. So gelingt es, eine stärkere
Identifikation mit dem Thema Gründung bei Frauen zu
erreichen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, die
entsprechenden „role models“ ebenfalls als Mentorinnen
und Referentinnen einzusetzen, um bereits frühzeitig
eine Vernetzung zwischen (potentiellen) Gründerinnen
und Unternehmerinnen herzustellen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die stärkere
Verankerung einer Gründungskultur an Hochschulen
einen zentralen Einfluss auf die Förderung von technologie- und wissensbasierten Frauengründungen hätte.
Zudem wird an politische Entscheidungsträger appelliert,
eine gründungsbezogene Ausbildung bereits an Schulen
einzuführen sowie die dortige Förderung des Interesses
am Thema „MINT“ bei Mädchen auszubauen.
Quellen
Abel-Koch, J. (2015) „Gründungsfreudige Akademiker setzen auf Geschäftsideen aus der Berufspraxis“
in KfW Economic Research, Fokus Volkswirtschaft, Nr. 80.
Abel-Koch, J. (2014) „Gründerinnen holen auf – Selbstständigkeit als Weg in die Erwerbstätigkeit“
in KfW Economic Research, Fokus Volkswirtschaft, Nr. 71.
Brink, S.; Kriwoluzky, S.; Bijedic, T.; Ettl, K.; Welter, F. (2014) „Gender, Innovation und Unternehmensentwicklung“,
Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM).
Brixy, U.; Sternberg, R.; Vorderwülbecke, A. (2015) Global Entrepreneurship Monitor (GEM), Länderbericht
Deutschland 2014.
Brixy, U.; Sternberg, R.; Vorderwülbecke, A. (2015) „Selbstständigkeit in Ost- und Westdeutschland.
Gründungen sind selten Frauensache“. Aktuelle Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
Dautzenberg, K.; Steinbrück, A. (2013) „Wachstumspotenziale inhaberinnengeführter Unternehmen – wo steht
Deutschland im EU-Vergleich?“: Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.
Deutscher Startup Monitor (DSM) (Hrsg.) (2014): KPMG in Deutschland Gründungsumfrage – Wissenschaft
befördert Wirtschaft: eine Analyse des Gründungsgeschehens im Umfeld von zehn Hochschulen in BerlinBrandenburg, 2014.
Josten, M.; Laux, J.; Thomm M. (2008b): Gründungsquell Campus (II). Neue akademische Gründungspotenziale
in wissensintensiven Dienstleistungen bei Wissenschaftlichen Mitarbeitern. Trierer Arbeitspapiere zur
Mittelstandsökonomie Nr. 13. Trier: Institut für Mittelstandsökonomie an der Universität Trier e.V. (Inmit).
Josten, M.; van Elkan, M.; Laux, J.; Thomm M. (2008a): Gründungsquell Campus (I). Neue akademische
Gründungspotenziale in wissensintensiven Dienstleistungen bei Studierenden. Trierer Arbeitspapiere zur
Mittelstandsökonomie Nr. 12. Trier: Institut für Mittelstandsökonomie an der Universität Trier e.V. (Inmit).
Koellinger, P.; Minniti M.; Schade C. (2011): Gender Differences in Entrepreneurial Propensity.
In: Oxford Bulletin of Economics and Statistics, Vol. 75, S. 213-234.
Kulicke, M.; Kripp, K.; Berghäuser, H. (2013) „Ergebnisse und Wirkungen der Förderprogramme EXISTGründerstipendium und EXIST SEED Realisierungs- und Überlebensquoten, Gründe für die Aufgabe von
Gründungsvorhaben.“
Metzger, G. (2015) „Wo ein Wille, da ein Weg? Hürden beim Gang in die Selbstständigkeit“
in KfW Economic Research, Fokus Volkswirtschaft, Nr. 82.
Metzger, G. (2014) KfW-Gründungsmonitor 2014, KfW Bankengruppe (Hrsg.).
Mueller, S. (2004): Gender gaps in potential for entrepreneurship across countries and cultures,
In: Journal of Developmental Entrepreneurship, Vol. 9, S. 199-220.
Patent verwertet – Gründungsumfrage 2012 der TU Berlin, 2012.
41
Ergebnisse der Themen-Initiativen
»CHEFIN GESUCHT – CHANCEN
UND ERFOLGSFAKTOREN FÜR
EINE UNTERNEHMENSNACHFOLGE
DURCH FRAUEN«
CHRISTINE ACKER,
JUMPP – IHR SPRUNGBRETT
IN DIE SELBSTÄNDIGKEIT –
FRAUENBETRIEBE E.V.,
BUNDESWEITE GRÜNDERINNENAGENTUR (BGA),
REGIONALVERANTWORTLICHE –
HESSEN
42
Übernahmegründungen durch Frauen stellen ein bedeutendes, noch nicht ausgeschöpftes Wirtschaftspotenzial
dar. Sowohl im Rahmen der Zukunftskonferenz „grOW“
als auch im Folgeworkshop im Juni 2015 in Frankfurt
am Main wurden Chancen und Erfolgsfaktoren für eine
Unternehmensnachfolge durch Frauen analysiert.
Darüber hinaus haben nur 29 Prozent der Senior-UnternehmerInnen für die reibungslose Fortführung des Betriebs
durch den sogenannten „Notfallkoffer“ gesorgt, d.h.
die wichtigsten Unterlagen griffbereit für eine Vertrauensperson zusammengestellt. Insgesamt 31 Prozent der
Senior-UnternehmerInnen suchen eine IHK-Beratung erst
sechs bis zu 12 Monate vor der Übergabe auf.
Ausgangssituation:
Demografischer Wandel und Übernahmestau
Der Bedarf an qualifizierten NachfolgerInnen wird laut
der Schätzung des IfM Bonn in den kommenden Jahren
kontinuierlich zunehmen, wenn die heutigen UnternehmerInnen aus Altersgründen eine Nachfolgeregelung
anstreben 47. Laut IfM Bonn 48 suchen im Zeitraum 2014
bis 2018 jedes Jahr 27.000 Unternehmen und 400.000
Beschäftigte in Deutschland eine neue Chefin oder einen
neuen Chef. In Hessen sind es im Schnitt jährlich 2.120
Betriebe mit 30.800 MitarbeiterInnen.
Aufgrund des demografischen Wandels verengt sich auch
der Markt für Unternehmensnachfolgen und damit drohen
Verluste der gewachsenen Unternehmenskultur: Heute
finden laut aktuellem DIHK-Nachfolgereport bereits 41
Prozent der Klein- und Mittelständischen Unternehmen
(KMU) nicht die passende neue Chefin oder den passenden
neuen Chef46 . Waren 2010 auf jedes von der IHK beratene
Senior-Unternehmen noch 1,6 Nachfolgeinteressierte
gekommen, hat sich dieses Verhältnis im Jahre 2013
nahezu umgekehrt: den 5.555 von der IHK beratenen
übergabewilligen Unternehmen standen lediglich 4.700
potenzielle NachfolgekandidatInnen gegenüber.
Fazit: Ein drohender Übernahmestau bei den Klein- und
Mittelständischen Unternehmen kann daher unter anderem durch Erhöhung des Anteils von Frauen bei der
Unternehmensnachfolge entschärft werden.
46 Vgl.
http://www.dihk.de/, zum DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2014.
Infolge der Schätzung des IfM Bonn werden rund 80 Prozent der Unternehmen aus Altersgründen abgegeben. Diese Übergaben können mit dem
entsprechenden zeitlichen Vorlauf geplant und vorbereitet werden. Die restlichen 20 Prozent der Unternehmensübergaben erfolgen ungeplant
aufgrund einer Notsituation wie Krankheit oder Tod (vgl. IfM Bonn (2010), IfM-Materialien Nr.198 zur Unternehmensnachfolge).
48 Vgl. IfM Bonn, 2014.
47
43
für eine Unternehmensnachfolge durch Frauen«
Nachfolge ist noch lange nicht weiblich
Ursachenanalyse: Alles eine Frage von Ressourcen?
Hinsichtlich des Frauenanteils bei den Unternehmerinnen
bzw. Nachfolgegründerinnen findet sich in den wenigen
vorliegenden genderspezifischen Studien eine große
Spannbreite: Der von der KfW ermittelte Frauenanteil
an sogenannten Übernahmegründungen liegt bei rund
37 Prozent, während eine Studie der Universität Siegen
und des IfM Bonn den Anteil der Betriebsübernahmen
durch Frauen mit 26 Prozent beziffert.49
Obwohl 25 Prozent der Gründerinnen eine Übernahmegründung einer Neugründung vorziehen würden, sind sie
am Nachfolgegeschehen noch unterproportional beteiligt.
In den vorliegenden Untersuchungen wird diese Aussage
mit vier primären Erklärungen begründet:52
Ebenso hat gut die Hälfte der Unternehmer, die eine
familieninterne Übergabe favorisieren, den Sohn im Blick
(57,6 Prozent). Knapp ein Drittel plant die Übergabe an
eine Tochter und 26 Prozent streben eine gemeinschaftliche Übergabe an mehrere Kinder an.50 Dies gilt auch im
Handwerk, in der in den nächsten Jahren ein Generationswechsel bevorsteht: Es zeigt sich, dass nur jeder fünfte
Betrieb sich eine Tochter dafür vorstellen könnte. In der
Realität rücken die Töchter als Nachfolgerinnen nach, aber
erst, wenn die „erste Wahl“, der Sohn, gescheitert ist.51
Eine Erkenntnis ist allen Aussagen gemein: Die Frauen
holen auf in Bezug auf die berufliche Selbständigkeit.
Und: Jede vierte Gründerin möchte lieber übernehmen,
statt neu zu gründen.
Anders als bei Neugründung bietet die Gründungsform der
Übernahme ein „fertiges Unternehmen“ mit bewährten
Strukturen. Diese Gründungsalternative wird hinsichtlich
der höheren Überlebenswahrscheinlichkeit als weniger
risikoreich angesehen.
Fazit: Um eine höhere Beteiligung der Frauen an der
Gestaltung der Wirtschaft zu erreichen und vor dem
Hintergrund des demografischen Wandels, sollte es das
u. A. das Ziel sein, einen höheren Anteil Nachfolgerinnen
bei der Übernahme von Betrieben anzustreben.
Fazit: Um die vorrangigen Argumente aus Unternehmenssicht gegen Frauen als Nachfolgerinnen zu entkräften, gilt
es, spezielle Zugänge für Frauen zur Unternehmensnachfolge zu schaffen, einhergehend mit der erforderlichen
Qualifizierung für den Übernahmeprozess55.
49 Vgl.
52
50 Vgl.
53
51
44
– Geringere verfügbare Zeitressourcen für eine Erwerbsoder Unternehmerinnentätigkeit aufgrund der tradierten
Rollenverteilung: Frauen übernehmen nach wie vor häufiger die Familienarbeit wie Haushalt, Kindererziehung
und Pflege von Angehörigen. Die mögliche Vereinbarkeit
von Beruf und Familie ist ein entscheidender Aspekt,
ob die Übernahme eines Unternehmens für Frauen
überhaupt eine Option darstellt.53
– Geringere Finanzressourcen: Frauen sind zum großen
Teil nur unzureichend mit Eigenkapital ausgestattet.
– Persönliche Einstellungen: Frauen haben bei der Berufswahl seltener das Karriereziel „Unternehmerin“ im
Blick. Trotz des von ihnen erworbenen Humankapitals
wie branchenbezogene Berufsausbildung oder Führungsund Unternehmenserfahrung und Risikobereitschaft
haben Frauen eher eine defensive Einstellung zur Unternehmensübernahme.
– Das tradierte Entscheidungsverhalten des Alt-Eigentümers bei der Auswahl des Nachfolgers. Hier belegt eine
Vielzahl von Studien54, dass männliche Unternehmer
bei der familieninternen Nachfolge dazu neigen, dem
Sohn anstelle der Tochter die Verantwortung für die
Weiterführung des Unternehmens zu übertragen.
z.B. Ullrich et al. (2013).
IfM Bonn (2014).
Vgl. Fachhochschule des Mittelstands (FHM) (2009).
Vgl.
Vgl.
54 Vgl.
55 Vgl.
z.B. Schlömer-Laufen et al. (2013).
Isfan, 2002.
z.B. Schlömer-Laufen et al. (2013).
bga Daten und Fakten III Nr. 32/2013, Seite 21.
Wichtige Handlungsfelder und Ergebnisse:
Öffentliches Bewusstsein, Prozessbegleitung,
Qualifizierung, Vernetzung
Anlässlich der „grOW“-Zukunftskonferenz am 08.11.2014
in Berlin widmeten sich die Workshop-Teilnehmerinnen
der übergeordneten Forschungsfrage: „Welche Faktoren
und Rahmenbedingungen ermöglichen die Erhöhung bzw.
Verbesserung von Anzahl, Wachstum und Nachhaltigkeit
von Unternehmensnachfolgen durch Frauen?“
Daraus resultierte die Formulierung der Problemstellung
im Plenum: Unternehmensnachfolge ist ein komplexes
Thema, denn es betrifft ‚harte‘ Fakten wie Unternehmensbewertung, Kaufpreisfindung, Finanzierung und Erhalt
bzw. Schaffung von Arbeitsplätzen. Ebenso wichtig sind
die ‚weichen‘ Faktoren wie Emotion, loslassen können,
Selbstvertrauen, Risikobereitschaft und Visionen.
Der Nachfolgeprozess umfasst viele wesentliche Etappen
für die beiden beteiligten Seiten ÜbergeberIn und ÜbernehmerIn und kann sich über einen Zeitraum von bis zu
5 Jahren erstrecken. Ein Leitfaden mit Zeit- und Umsetzungsplan sowie eine professionelle Prozessbegleitung
können maßgeblich zum gewünschten Erfolg beitragen.
Grundsätzlich ist es wichtig, das Nachfolge-Thema weiter
stark in den Fokus des öffentlichen Bewusstseins zu
rücken und sichtbar zu machen. Dazu müssen auch die
korrespondierenden Grundlagen und Rahmenbedingungen
geschaffen werden, denn es gibt gerade im Zusammenhang
mit der Unternehmensnachfolge durch Frauen bisher nur
wenig Studien und auswertbare Daten.
Auf Übergabeseite gilt es, die Senior-UnternehmerInnen
zu erreichen, entweder z. B. über direkte Ansprache oder
durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit und Fachvorträge.
Die zur Übergabe anstehenden Betriebe müssen darüber
hinaus eine attraktive Perspektive zur Schaffung des
eigenen Arbeitsplatzes und zum Erhalt von bestehenden
Stellen darstellen.
Auf Seiten der potenziellen NachfolgerInnen muss die
Übernahmegründung als lohnenswerte Alternative zur
Neugründung wahrgenommen werden. Die Stärkung des
Selbstvertrauens gerade von weiblichen Gründern in der
Nachfolge und die entsprechende Qualifizierung der unternehmerischen Kompetenz spielen hier eine große Rolle.
Positiv-Beispiele sind daher für beide Seiten eine gute
Möglichkeit, erfolgreiche Unternehmensübergaben zu
kommunizieren und damit auch den Frauen Mut zu machen,
diesen Schritt in die Selbständigkeit zu gehen.
Die im Plenum formulierten Themencluster bildeten die
Ausgangsbasis für den anschließenden Regional-Workshop
am 23.06.2015 in Frankfurt am Main:
→ Grundlagen – Datenbasis, Studien
→ Bewusstsein – Sensibilisierung, Geschichten-Erzählen
(Best Practice)
→ Nachfolgeprozess – Leitfaden, Prozessbegleitung
→ Qualifizierung – unternehmerische Kompetenz,
Mentoring
→ Vernetzung – Matching, Netzwerk, Unternehmensbörsen
Der Folgeworkshop „Chefin gesucht – Chancen und Erfolgsfaktoren für eine Unternehmensnachfolge durch
Frauen“ war eingebettet in den nationalen Aktionstag
„Nachfolge ist weiblich“ der bundesweiten Gründerinnenagentur (bga). Gemeinsam mit Multiplikatoren aus
Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wurden Ideen und
Maßnahmen für die Zukunft entwickelt, die der neuen
Gründerinnengeneration Y zugutekommen und die Unternehmensnachfolge durch Frauen weiter fördert. Folgende
Bereiche und Fragestellungen standen dabei im Fokus:
→ Qualifizieren & Trainieren: Was macht eine
erfolgreiche Unternehmerin aus?
→ Schnittstellen & Netzwerke finden: Wo sind die
potenziellen NachfolgerInnen?
→ Erfolgreiches Matching: Wie kommt der Deckel
zum Topf?
→ Nachfolgeprozesse fördern: Wer soll das bezahlen?
Ein Impulsvortrag von Sabrina Schell von der Universität
Siegen zur Lage der Familiennachfolge im Allgemeinen
und zum Aufruf „Chefin gesucht“ im Besonderen bildete
den Auftakt zur Veranstaltung. Darin skizzierte sie wesentliche Ergebnisse wie: Weibliche Nachfolgerinnen werden
zukünftig an Bedeutung gewinnen, es wird sich jedoch
kein automatischer Wandel vollziehen. Die Prägung der
übergebenden Generation ist ein entscheidender Faktor
für die Auswahl des Nachfolgers. Der aktuelle Status ist
eine Akzeptanz der Erwerbstätigkeit von Frauen – Unternehmerinnen sind noch nicht die Norm. Gesellschaftliche
Rahmenbedingungen müssen weiter aktiv angepasst
werden an den Bedarf an weiblichen Führungskräften und
Nachfolgerinnen. Potenzielle Nachfolgerinnen müssen ihre
Sichtbarkeit erhöhen – die Ausbildung haben sie bereits.
Das anschließende World Café zu den Clusterthemen
45
»Chefin gesucht – Chancen und Erfolgsfaktoren
für eine Unternehmensnachfolge durch Frauen«
Folgeworkshop am 23. Juni 2015
in Frankfurt am Main
„Sensibilisierung“ – „Finanzierung“ – „Matching“ bot den
TeilnehmerInnen die Möglichkeit zu einem intensiven
Austausch zu dem komplexen Themenspektrum der
Unternehmensnachfolge durch Frauen.
Die Ergebnisse der „Murmelgruppen“ wurden im Plenum
präsentiert und führten zu weiteren regen Diskussionen.
Eine wesentliche Erkenntnis für alle TeilnehmerInnen des
Workshops ist, dass der Begriff „Übernahmegründung“
eine besondere Betrachtung verdient und eine spezielle
Herangehensweise erfordert – und deshalb als solcher
„mit Leben gefüllt“ werden sollte. Allen ist klar, dass eine
Übernahmegründung sich von einer Neugründung zwar
differenziert, zugleich aber auch für NeugründerInnen eine
denkbare Alternative darstellen kann: Eine Übernahme ist
auch eine Gründung – und kann auch der Tochter angeboten werden! Dieses neue Bewusstsein wird künftig in
der Begleitung von Nachfolgen eine immer bedeutendere
Rolle spielen.
56 Vgl.
46
bga Daten und Fakten III Nr. 32/2013, Seite 21.
Eine weitere Handlungsempfehlung gilt dem Thema „Netzwerk“. Bei der Auseinandersetzung mit den letzten drei
Schwerpunkten kam die besonders positive Wirkung des
interdisziplinären Austauschs zwischen verschiedenen
Ebenen von Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zutage. Solche Plattformen werden in Zukunft weitergeführt.
Ein konkretes Ergebnis des „grOW“-Folgeworkshops
in Hessen ist die Erstellung einer Broschüre durch die
hessenweite Koordinierungsstelle „Frauen & Wirtschaft“
im Auftrag des hessischen Wirtschaftsministeriums. In
dieser Publikation werden sowohl Gründerinnen als auch
Unternehmerinnen als Best Practice-Beispiele porträtiert,
unter anderem mit dem Schwerpunkt Unternehmensnachfolge.
In Zukunft empfiehlt es sich, spezielle Zugänge für Frauen
in die Unternehmensleitung zu schaffen und für eine für
den Übernahmeprozess ausreichende Qualifizierung zu
sorgen.56
Quellen
bundesweite gründerinnenagentur (bga) (2013): Unternehmensnachfolge durch Frauen in Deutschland –
Daten und Fakten III. Nr. 32. Stuttgart.
bundesweite gründerinnenagentur (bga) (2015): Heft Nr. 38/2015 Unternehmensnachfolge durch Frauen in
Deutschland – Daten und Fakten IV. Stuttgart.
Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2012): Fachkräftemangel in Deutschland. Statistiken, Studien und Strategien.
In: Wissenschaftliche Dienste Infobrief WD 6 – 3010-189/11, S. 12. Berlin. http://www.bundestag.de/blob/192372/
e82c8527320c780e9c8f92589bd07489/fachkraeftemangel_in_deutschland-data.pdf
Deutscher Industrie- und Handelstag DIHK (2014): DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2014. Berlin.
Fachhochschule des Mittelstands (FHM) (Hrsg.) (2009): Gründerinnen im Handwerk. Analyse von Strukturen
und Potenzialen von Existenzgründungen durch Frauen im Handwerk. Bielefeld.
IfM-Bonn (2014): Unternehmensnachfolgen in Deutschland von 2014 bis 2018. Bonn.
Isfan, Katrin (2002): Unternehmensübernahmen durch Frauen. Zur Sicherung des familieninternen
Generationenwechsels. In: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): Schriften zur Mittelstandsforschung.
Nr. 93 NF. S. 1–107. Wiesbaden.
KfW Bankengruppe (Hrsg.) (2014): Gründungsmonitor 2014. Frankfurt am Main.
Schlömer-Laufen, Nadine und Kay, Rosemarie (2013): Zum Einfluss des Geschlechts des Übergebers auf die Wahl
des familieninternen Nachfolgers. Eine theoretische und empirische Analyse in deutschen Familienunternehmen.
Working Paper des IfM Bonn. Bonn.
Statistisches Bundesamt (2011): Pressemitteilung Nr. 380 vom 02.11.2012: Männer verbringen EU-weit deutlich
mehr Zeit im Beruf als Frauen. Wiesbaden.
https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/11/PD12_380_132.html
Ullrich, Katrin und Werner, Arndt (2013): Alt oder Neu? Übernahmegründer und Neugründer im Vergleich.
In: KfW Bankengruppe (Hrsg.): KfW Economic Research, Studien und Materialien. Frankfurt am Main.
47
Ergebnisse der Themen-Initiativen
»HIGH TECH AUF HIGH HEELS?
FRAUEN GRÜNDEN IN
NATURWISSENSCHAFT
UND TECHNIK«
TRAUDEL GEMMER,
BPC –
DIE UNTERNEHMERINNEN
AKADEMIE, BUNDESWEITE
GRÜNDERINNENAGENTUR (BGA),
REGIONALVERANTWORTLICHE –
SACHSEN-ANHALT
48
„High Tech auf High Heels? Frauen gründen in Naturwissenschaft und Technik“ hieß der Themenworkshop
im Rahmen der „grOW“-Zukunftskonferenz in Berlin. In
Magdeburg schloss sich im Juli 2015 der gleichnamige
Folgeworkshop an. Unter dem Motto: „Wo ein Gründungswille ist, ist auch ein Weg“ haben die Teilnehmerinnen in
thematischen Gruppen neue Unterstützungsaktivitäten
und Begleitformen für die Gründerinnen von morgen
formuliert.
Ausgangssituation: Nach wie vor kaum Frauen
im High Tech-Bereich
Nach letzten Erhebungen der Zahl von High Tech-Gründungen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Der Anteil an
weiblichen Gründungen im High Tech-Bereich liegt nach
dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)
bei durchschnittlich gerade mal acht Prozent. Dabei bezieht
sich der High Tech-Bereich auf die forschungsintensive
Industrie. Hiermit sind Wirtschaftszweige gemeint, die
durchschnittlich 3,5 Prozent ihrer kumulierten Umsätze
für Forschung und Entwicklung (F&E) ausgeben (insbesondere die Sektoren der Spitzentechnologie sowie der
hochwertigen Technologie) sowie technologische und
daran orientierte Dienstleistungen und Fernmelde- und
Datenverarbeitungsdienstleistungen.
Betrachtet man das Gründungsverhalten von Frauen
differenziert für jeden Bereich, so ergibt sich folgendes
Paradigma: In den High Tech-Sektoren finden Frauengründungen vor allem im Bereich der Dienstleistungen
statt. Hier liegt der Anteil einer ZEW Befragung aus dem
Jahr 2007 bei 9,7 Prozent.57 Dagegen liegt der Anteil in
der forschungsintensiven Industrie für den Sektor der
Spitzentechnologie bei lediglich 5,4 Prozent und für den
Sektor „hochwertige Technik“ bei 6,0 Prozent.58
Die Gründungen durch Frauen in High Tech-Bereichen
zeichnen sich im Allgemeinen durch ein moderates Wachstum und eine stabile Unternehmensentwicklung aus.
Dabei gründen die Frauen häufiger alleine, und ihr Anteil
an Teamgründungen ist im Gegensatz zu den Männern
sehr gering.59 Die Ausgangslage orientiert sich bei den
Gründungen im High Tech-Bereich durch Frauen eher auf
kaufmännischen und weniger auf technischen Kenntnissen
als bei den Männern.
46 Außer
im Bereich der Softwareentwicklung. Hier liegt der Anteil bei 6,2 Prozent.
Alle prozentuale Anteile aus der Befragung des ZEW aus dem Jahr 2007.
48 High-Tech-Gründungen in Deutschland (2008)- Trends, Strukturen, Potenziale.
47
49
»High Tech auf High Heels?
Frauen gründen in Naturwissenschaft und Technik«
Positive Standortfaktoren für forschungsintensive
Industrie in Sachsen-Anhalt
Beim Magdeburger „grOW“-Folgeworkshop wurde parallel zu der Problematik von Frauengründungen im High
Tech-Bereich die allgemein niedrige Gründungsintensität auf diesem Gebiet für Sachsen-Anhalt diskutiert.
Insgesamt entwickelt sich die Situation der Gründungen im High Tech-Bereich für die forschungsintensive
Industrie positiv für Sachsen-Anhalt, hingegen hat sich
die Gründungsintensität im Bereich der technologieorientierten Dienstleistung deutlich verringert. 60 Diese
Entwicklung der Gründungsintensitäten wird durch den
eher ländlichen Raum Sachsen-Anhalts geprägt, da die
Kapitalkosten für Unternehmen in städtischen Gebieten
im Mittel höher sind als in ländlichen.61 Betrachtet man in
diesem Zusammenhang die Tatsache, dass deutschlandweit die Frauengründungen in der forschungsintensiven
Industrie, im Vergleich zu den technologieorientierten
Dienstleistungen, eher unterrepräsentiert sind, sollte sich
Sachsen-Anhalt zukünftig darauf konzentrieren, Frauen
für die forschungsintensive Industrie zu mobilisieren.
Herauszufinden, wie hier Potenzial aktiviert werden kann
und welche Rahmenbedingungen dazu geschaffen werden
müssen, war Aufgabe des Workshops in Magdeburg.
Ergebnisse aus den Themenkreisen des Workshops:
Frühzeitige Sozialisation für technische Arbeitsfelder,
Investoren- und Branchennetzwerke während der
Gründung und des Wachstums, Sichtbarkeit und
„role models“ befördern
Beim Magdeburger Arbeitstreffen wurden mehrere Themenkreise diskutiert. „Berufswege im Fokus“ war einer
von ihnen. Wie können Frauen in der Schulzeit und in der
beruflichen Orientierungsphase für Existenzgründungen
und Technik motiviert werden? Eine solche Sensibilisierung sollte bereits im Kindergarten beginnen und in der
Schulzeit intensiviert werden. Die natürliche Neugier von
Kindern kann für technische experimentelle Angebote
entsprechend geschulter ErzieherInnen und PädagogInnen
genutzt werden. In der Schule sollte das Fächerangebot
im Rahmen der Lehrpläne auch an Entreprenieurial Education angepasst und überarbeitet werden. Dabei muss
über die Einführung von Schulfächern wie Management,
Ökonomie und Bankwesen mit entsprechender Expertise
z.B. über Wirtschafts- und Wissenschaftskooperationen
nachgedacht werden.
Erfahrungsberichte zeigen, dass junge Frauen besonders
motiviert werden, im High Tech-Bereich zu gründen, sofern
sie ein konkretes Frauenvorbild aus dem wissenschaftlichen,
unternehmerischen oder politischen Bereich haben. Sichtbarkeit solcher „role models“ und geeigneter Mentorinnen
müssen daher ebenfalls ausgebaut werden.
Folgeworkshop am 10. Juli 2015
in Magdeburg
50
Folgeworkshop am 10. Juli 2015
in Magdeburg
Auch die handwerkliche Tätigkeit an Schulen sollte deutlich verstärkt werden, um entsprechende Talente hier
frühzeitig zu erkennen, so ein weiteres Ergebnis des
Workshops. In diesem Kontext steht auch die Forderung
nach deutlich praxisorientierter Lehre, mehr Betriebsbesuchen, Offenheit für dauerhafte Projekte mit Wissenschaft
und Wirtschaft. Das Potenzial der offenen Kinder- und
Jugendeinrichtungen sollte auch für die außerschulische
Freizeit angesprochen werden, in ihren freien Angeboten
das Handwerk praktisch und ebenfalls als möglichen
Ausbildungsberuf einzubeziehen.
assoziieren Schüler oft mit Mehraufwand und wählen sie
daher schneller ab. Die Tatsache, dass man diese Fächer
auch abwählen kann, kräftigt die derzeitig stagnierende Entwicklung. Entsprechend sollten MINT-Fächer im
Rahmen der schulischen Ausbildung als obligatorische
Fächer in Lehrpläne aufgenommen werden. Die zentrale
Frage dieses Themenkreises befasste sich vor allem mit
der gesellschaftlichen Ursache und der Frage: „Warum
gehen Mädchen so wenig in technische Unternehmen?“
Hier muss sich etwas ändern, um das klassische Bild von
Mann und Frau neu zu definieren und somit die allgemeine
Scheu von Frau vor technischen Berufen zu verringern.
„Von der Idee zur Umsetzung“: Durch welche Ansätze
kann die aktive Gründungsphase im High Tech-Bereich
gefördert werden? So lautete eine weitere Fragestellung.
Dabei arbeiteten die TeilnehmerInnen heraus, wie relevant
Netzwerke sind, um erste Ideen für konkrete Gründungsvorhaben weiter zu entwickeln. Der High Tech-Bereich ist
charakterisiert durch einen zu Beginn sehr hohen Bedarf
an Finanzierungsmitteln. Ein seriöses Netzwerk aus InvestorInnen, InkubatorInnen und MentorInnen kann hier
konkret unterstützen. Zudem sollten MentorInnen vor allem
mit Branchenkompetenz beratend zur Seite stehen. Eine
generelle Stärkung des MINT-Bereiches gerade in Schulen
sowie in der Berufsberatung durch die Agentur für Arbeit
war ebenfalls Gegenstand der Diskussion. MINT-Fächer
60 Vgl.
61
High-Tech-Gründungen in Deutschland – Von Tabellenführern, Auf- und Absteigern:
Regionale Entwicklung der Gründungstätigkeit (2011), Seite 14 -17.
Vgl. Kärting, (2001).
51
»High Tech auf High Heels?
Frauen gründen in Naturwissenschaft und Technik«
„Jungunternehmerinnen auf Wachstumskurs“: Welche
Faktoren begünstigen das Wachstum eines jungen HighTech-Unternehmens? Diese Fragestellung griff bereits
skizzierte Punkte wie Sozialisation und Vernetzung auf
und wies auch noch einmal als Basis auf den hohen
Bildungsabschluss von Frauen und ihrer entsprechenden
Kompetenzen hin.
„Den Staffelstab übernehmen“: Wie kann die Nachfolge durch Frauen verbessert werden? Auch dies gehörte
zu den in Magdeburg diskutierten Themenkreisen. Alle
TeilnehmerInnen waren sich einig, dass das Thema Nachfolge im High Tech-Bereich kaum öffentlichkeitswirksame
Wahrnehmung erzeugt, dem es entgegenzuwirken gilt.
Darüber hinaus wurde die Wichtigkeit betont, Nachfolge
im High Tech-Bereich effektiv und effizient zu gestalten.
Dazu wurden zwei Möglichkeiten in der Diskussionsrunde
erarbeitet. Zum einen wäre eine Börse für Unternehmen,
die speziell NachfolgerInnen suchen, wünschenswert. Zum
anderen sollte Übernahmeoptionen durch eine frühere
oder aktuelle Mitarbeiterin gestärkt werden, um deren
bereits vorhandene Kenntnisse und Expertise in die –
neue – Führung zu übernehmen.
(Regionale) Netzwerke, Patenschaften, Mentoring als
relevante Erfolgsfaktoren
High Tech auf High Heels? Gründen Frauen in Naturwissenschaft und Technik? Die Analyse der gegenwärtigen
Situation zeigt, dass die Gründungsintensität der Frauen in
High Tech-Bereichen noch gering ist, insbesondere in der
forschungsintensiven Industrie (Spitzentechnologie). Frauen
gründen, wie in allen Bereichen, auch im High Tech-Bereich
häufiger alleine, verzeichnen moderate Wachstumszahlen
sowie gut geführte und solide Unternehmensstrukturen und
einen differenzierten Wissensstand als Motiv der Gründung.
Eine wichtige Voraussetzung für Frauen bei der Gründung
eines High Tech-Unternehmens sind Vorkenntnisse im
Kaufmännischen. Dies wurde auch als mögliche Erklärung
für die Unterrepräsentanz der Gründungen von Frauen
im High Tech- Bereich herangezogen (Risikoaversität).
Im Zuge der Veranstaltung „High Tech und High Heels?“
in Magdeburg wurde der Fokus auf die regionale Entwicklung im Gesamten gelegt, um Gemeinsamkeiten
sowie Parallelen zwischen der gesamtwirtschaftlichen und
frauenspezifischen Entwicklung im Gründungsgeschehen
zu ermitteln. Dabei zeigte sich, dass Sachsen-Anhalt
gerade für die forschungsintensive Industrie sehr gute
Rahmenbedingungen aufweist. Diese Erkenntnis soll in
Zukunft in Sachsen-Anhalt dazu beitragen, das Potenzial
der Frauen für Gründungen in den Sektoren Spitzentechnologie und hochwertiger Technologie zu aktivieren und
frühzeitig zu fördern.
Es hat sich gezeigt, dass Netzwerke für Gründerinnen
im High Tech-Bereich sehr relevant sind. Die Netzwerke
erfüllen zweierlei Aufgaben beziehungsweise Funktionen.
Zum einen besteht zu Beginn der Gründung ein hoher
Finanzierungsbedarf. Ein breites Netzwerk kann „Türen
öffnen“ und die Verbindung zu potenziellen Investoren
herstellen. Zum anderen kann das Netzwerk PatInnen und/
oder MentorInnen vermitteln. Diese können der Gründerin
(im besten Fall mit Branchenkenntnis) beratend zur Seite
stehen. Verbunden werden könnte dies wiederum mit
dem Aufbau einer Vorbildfigur.
Heidi Werner, RKW Kompetenzzentrum – Impulsreferat im Rahmen des Magdeburger Folgeworkshops
52
Quellen
Heger, Diana; Höwer, Daniel; Müller, Bettina; Licht, Georg (Hrsg.) (2011): High-Tech-Gründungen in Deutschland –
Von Tabellenführern, Auf- und Absteigern: Regionale Entwicklung der Gründungstätigkeit. Mannheim.
Metzger, Georg; Niefert, Michaela; Licht, Georg (Hrsg.) (2008): High-Tech-Gründungen in Deutschland – Trends,
Strukturen, Potenziale. Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit der High-Tech-Gründerinitiative „unternimm
was.“ und Microsoft Deutschland angefertigt.
Körting, T. (2001), Bankbeziehungen kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland – Eine Zusammenfassung
empirischer Ergebnisse, in: Szczesny, A. (Hrsg): Kreditrisikomessung und Kreditrisikomanagement, ZEW Wirtschaftsanalysen. Baden-Baden.
53
Fazit und Ausblick
EIN VIERTELJAHRHUNDERT
NACH DER WENDE:
»FRAUEN GRÜNDEN (IN) OST
UND WEST« (GROW)
54
Weniger Ost-West, sondern das Gründungsklima
in Regionen im Blickpunkt
Handlungsfelder für die Gründungsförderung:
Von Sensibilisierung bis Mentoring-Programm
Im Erfahrungsaustausch und in den Diskussionsrunden
mit den TeilnehmerInnen auf der Zukunftskonferenz
sowie in allen darauffolgenden Workshops in West- und
Ostdeutschland wurde deutlich, dass die Entscheidung zu
einer Unternehmensgründung und Unternehmerinnentum
25 Jahre nach der Wende nicht (mehr) entscheidend
von Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland
beeinflusst wird. Ost-West-Unterschiede spielen in der
Wahrnehmung von Gründerinnen und Unternehmerinnen
keine zentrale Rolle für die Aufnahme einer unternehmerischen Tätigkeit und werden auch nicht als ausschlaggebend für die Qualität oder Nachhaltigkeit der von Frauen
gegründeten Unternehmen angesehen. Unterschiede in den
Gründungszahlen in Ost- und Westdeutschland scheinen
eher in strukturellen Unterschieden begründet zu sein,
die bei der Entwicklung zukünftiger gründungsfördernder
Maßnahmen regionenübergreifend berücksichtigt werden
müssen.
Bei der Zusammenführung der Ergebnisse der sechs
einzelnen Themen-Initiativen wird deutlich, dass es neben
themenabhängigen Faktoren und regional unterschiedlichen
Rahmenbedingungen einige wiederkehrende, themenübergreifende Schnittpunkte gibt. Allen voran sind hier
eine frühe Sensibilisierung für das Thema Gründung,
und die Bedeutung von gesellschaftlichen Rollenbildern,
Netzwerken, Vorbildern und MentorInnen zu nennen.
Eine frühzeitige Sensibilisierung wurde in allen sechs
Themen-Initiativen als wichtiges Instrument für die Förderung von Gründungen durch Frauen definiert. Diese könnte z.B. durch eine curriculare Verankerung von
Entrepreneurship-Kursen in der schulischen und später vor
allem in der Hochschulausbildung in allen Fachbereichen
erreicht werden. Auch schon davor, bereits in der frühkindlichen Pädagogik, im Kindergarten und in der Schule,
können Kindern und Jugendlichen spielerisch und durch
Wissensvermittlung sowie Planspiele wirtschaftliches
Verständnis vermittelt werden. Es gilt, dabei dem Gründungsbegriff, insbesondere für Mädchen und junge Frauen,
Attraktivität zu verleihen und die Aufgeschlossenheit für
kreative Gründungsideen zu wecken. Eine frühzeitige
Auseinandersetzung mit dem Thema Gründung könnte
dann die spätere Berufswahl mit beeinflussen.
Die Erfahrungen der Unternehmerinnen zeigen, dass es
noch zu wenige Vorbilder und damit entsprechend positive
Impulse für angehende Gründerinnen gibt. Eine höhere
öffentliche Präsenz von Unternehmerinnen könnte die
Zahl der möglichen Vorbilder positiv beeinflussen. Dabei
ist wichtig, nicht ausschließlich „Top-Unternehmerinnen“
als Vorbilder darzustellen, sondern Unternehmerinnen, mit
denen sich gründungsinteressierte Frauen auf Augenhöhe
identifizieren können. Wichtig in diesem Zusammenhang
ist, diese „Vorbilder auf Augenhöhe“ auch als MentorInnen und ReferentInnen einzusetzen, um eine frühzeitige
Vernetzung zwischen (potentiellen) Gründerinnen und
Unternehmerinnen herzustellen.
55
Fazit und Ausblick
Mit der Entwicklung neuer bzw. der Ausweitung bestehender
Netzwerke ist themenübergreifend eine besonders positive Wirkung des interdisziplinären Austauschs zwischen
verschiedenen Ebenen von Wirtschaft, Wissenschaft und
Gesellschaft verbunden. So gilt es, insbesondere für ländliche Regionen, lokale Verdichtungsansätze zu entwickeln,
z.B. durch die Schaffung von Coworking-Spaces, um den
Austausch, die Kooperation und das Wachstum vor allem
in der peripheren Gründungslandschaft für Gründerinnen
und Unternehmerinnen weiter zu stärken. Über alle Bereiche hinweg gilt der Aufbau von branchenspezifischen
Foren als hilfreiche Maßnahme, in denen Gleichgesinnte
Erfahrungen austauschen können, um eine Vernetzung
von erfahrenen und angehenden Gründerinnen und Unternehmerinnen zu erreichen.
Verankerung einer Gründungskultur in Deutschland
Die „grOW“-Initiative hat themen- und regionenübergreifend
gezeigt, dass die weitere Verbesserung der Gründungskultur
in Deutschland einen positiven Einfluss auf die Förderung
von Frauengründungen hätte. Wesentliche Maßnahmen
dazu sind der Ausbau der Gründerausbildung an Schulen,
der Aufbau von Netzwerkmöglichkeiten insbesondere
für Gründerinnen aus Naturwissenschaft und Technik,
Gründerinnen in ländlichen Regionen und Gründerinnen
aus dem Bereich Social Media. Auch das Thema Unternehmensübernahme bzw. Unternehmensnachfolge durch
Frauen wird in Zukunft an Bedeutung zunehmen. Laut
KfW liegt der Frauenanteil an sogenannten Übernahmegründungen aktuell bei nur 37 Prozent.62 In Zukunft
empfiehlt es sich, spezielle Zugänge für Frauen in die
Unternehmensleitung zu schaffen und für ausreichende
Qualifizierung zu sorgen.
Grundsätzlich gilt: Unternehmensgründungen durch Frauen
werden vor dem Hintergrund des demografischen Wandels
immer wichtiger. Nach Einschätzung des Statistischen
Bundesamtes werden in Deutschland bis 2060 circa 27
Prozent weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen als
heute.63 Da die Frauen-Erwerbstätigenquote in Deutschland mit 71 Prozent noch zehn Prozentpunkte unter der
von Männern liegt, kann eine stärkere Mobilisierung
von Frauen für das Thema Unternehmensgründung und
Unternehmensnachfolge zur Schließung der genannten
Lücke beitragen.
62 Vgl.
63 Vgl.
56
z.B. Ullrich et al. (2013).
Deutscher Bundestag, Infobrief WD 6, S. 12 (2012).
Notizen