Steh-Sitz-Arbeitsplatz als Standard

20
NORMEN
Die neue Fassung der DIN 33402–2
Steh-Sitz-Arbeitsplatz
als Standard
Die Erkenntnis, dass nur höhenverstellbare Arbeitstische den verschiedenen Körpermaßen gerecht werden, ist nicht neu. Dennoch wird diese bereits 1968 in der DIN-Norm für Bürotische festgehaltene Feststellung wegen wirtschaftlicher und technischer Vorbehalte in Deutschland bisher
nur zögerlich umgesetzt. Mit der neuen Norm DIN 33402–2 könnte sich
das flächendeckend ändern.
Weniger konsequent als bei der Einführung von Bürodrehstühlen verfuhr man mit der Anpassung von Arbeitstischen. Bereits
in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden menschliche Körpermaße und deren Bedeutung für die Gestaltung von
Arbeitstischen analysiert. Die Ergebnisse flossen nicht nur in
die DIN 4549 ein – die erste Änderung der Norm für Büromöbel
seit 1936 (!) –, sondern später, 1981, in die DIN 33402, die Norm
für Körpermaße des Menschen. Diese ist nun Anfang des Jahres 2006 in stark veränderter Form erschienen. Was für ein Änderungsbedarf ergibt sich daraus für Büromöbel?
Die wichtigste Änderung in der neuen DIN 33402–2 besteht darin, dass die neuen Werte nicht mehr nach Staatsangehörigkeit,
sondern nach Wohngebiet (BRD) differenziert werden, mit der
Folge, dass Menschen mit kleinerem und größerem Wuchs mit
berücksichtigt werden müssen. Hierdurch erhöht sich vor allem
die Variationsbreite bei jedem Maß, zum Beispiel die Körperhöhe. Zudem ist die deutsche Wohnbevölkerung erheblich „gewachsen“, das heißt, die Menschen sind viel größer als vor
Jahrzehnten. Daraus folgt, dass man Verstellbereiche von Produkten vergrößern muss, sofern ihre Benutzung durch Men-
Mensch&Büro SPEZIAL
4/2006
Büromöbel aus dem Jahr 1920.
Foto: Graf Kein, J.: The Office Book,
Quarto Marketing Ltd. London, 1982
21
NORMEN
Immer wenn die Unterarme bei der Mausbedienung nicht genau waagerecht
ausgerichtet sind, verdreht sich das Handgelenk. Foto: privat
schen unterschiedlicher Größe erforderlich ist. Und bei festen
Größen, zum Beispiel festen Tischhöhen, muss überprüft werden, ob diese noch stimmen.
Die Konsequenz, die man aus den Änderungen für die Dimensionierung von Büromöbeln ziehen muss, wurde bereits im
Jahre 1968 (!) eindeutig formuliert. Sie findet sich in den Bemerkungen zur DIN 4549:1968 wie folgt: „Der Arbeitsausschuss
hat bei der Festlegung der Höhenmaße für Schreibtische und
Schreibmaschinentische arbeitsmedizinische und arbeitsphysiologische Erkenntnisse berücksichtigt, soweit das technisch
möglich und wirtschaftlich vertretbar war. Unter Mitarbeit des
Max Planck Instituts für Arbeitsphysiologie in Dortmund und
des Instituts für Arbeitsmedizin der Universität Düsseldorf wurden die Ergebnisse neuester anthropometrischer Untersuchungen des In- und Auslands herangezogen, um die festzulegenden Höhenmaße auch an den biologischen Gegebenheiten zu
orientieren. Die Berücksichtigung dieser Gegebenheiten ist bedeutungsvoll, weil durch arbeitsphysiologisch richtig bemessene Höhen der Schreibtische und Schreibmaschinentische
krankmachende Arbeitshaltungen vermieden werden können.
Die vorgenannten Untersuchungen über das arbeitsmedizinisch richtige Sitzverhalten haben ergeben, dass
a) die in der bisherigen Norm … festgelegten Höhenmaße
grundsätzlich zu hoch sind,
b) höhenverstellbare Tische erforderlich sind, um in Verbindung
mit höhenverstellbaren Stühlen eine den individuellen Körpermaßen der Sitzenden entsprechende Einstellung des Arbeitsplatzes zu ermöglichen.“
Dieser Diagnose ist nichts mehr hinzuzufügen. Dass man ihr
nicht gefolgt ist, wurde technisch und wirtschaftlich begründet. Damals war kaum ein Unternehmen in der Lage, eine Höhenverstellung von Bürotischen mit den hohen Anforderungen
an die technische Qualität der Produkte herzustellen. Auch die
Anwender waren nicht bereit, für Bürotische sehr viel Geld zu
investieren. So favorisierte man eine Lösung, bei der die Tischhöhe gleich (720 mm) bleiben sollte und die Unterschiede der
Benutzer durch verstellbare Stühle und Fußstützen ausgeglichen wurden.
Weil Fußstützen weder gekauft noch benutzt werden, hängen
viele Menschen mit geringen Körperabmessungen buchstäblich in der Luft, während die Zahl derer, die sich unter einen zu
niedrigen Tisch zwängen müssen, stark zugenommen hat.
Auch die Nutzung von Büromöbeln hat sich deutlich geändert.
So ist heute die Benutzung von zwei Eingabemitteln „Standard“, weil die meisten Computer ohne Maus nicht mehr zu bedienen sind. Um diese beschwerdefrei benutzen zu können,
muss die Tischhöhe sehr genau eingestellt werden.
Folgerichtig müssten Tischhöhen neu berechnet werden. So ergab eine Berechnung für Arbeitsplätze in der Produktion eine
Höhe von 780 mm. Bei festen Tischhöhen müssen nunmehr
viel mehr Menschen erheblich höhere Fußstützen benutzen. Da
dies sehr unwahrscheinlich bleiben wird, muss das Konzept der
festen Tischhöhe im Bürobereich verlassen werden.
Die von der Norm für ergonomische Bildschirmarbeitsplätze
(DIN EN ISO 9241–5) verlangte individuelle Anpassung des Arbeitsplatzes an den Benutzer lässt sich nur mit höhenverstellbaren Bürotischen realisieren. Anders als früher können heute
weder wirtschaftliche noch technische Gründe gegen einen
Kauf angeführt werden, weil sich benutzungsfreundliche Produkte zu annehmbaren Kosten beschaffen lassen.
Wenn man diesen Gedanken konsequent weiterverfolgt, liegt
es nahe, gleich einen ganzen Schritt anstelle eines halben zu
machen, den Steh-Sitz-Arbeitsplatz im Büro einzuführen beziehungsweise zum Standard zu machen.
Dipl.-Ing. Gisela Çakir und Dr.-Ing. Ahmet Çakir
DIN EN ISO 9241–5, Ausgabe:1999–08 Ergonomische Anforderungen für
Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten – Teil 5: Anforderungen an Arbeitsplatzgestaltung und Körperhaltung (ISO 9241–5:1998); Deutsche Fassung
EN ISO 9241–5:1999
DIN EN ISO 14738, Ausgabe:2005–03 „Sicherheit von Maschinen – Anthropometrische Anforderungen an die Gestaltung von Maschinenarbeitsplätzen (ISO 14738:2002); Deutsche Fassung EN ISO 14738:2002 +
AC:2002)“
DIN EN 527–1, Ausgabe:2000–07 „Büromöbel – Büro-Arbeitstische –
Teil 1: Maße; Deutsche Fassung EN 527–1:2000“
MENSCH&BÜRO COMMUNITY
Dipl.-Ing. Gisela Çakir und Dr.-Ing. Ahmet Çakir vom
ERGONOMIC Institut für Arbeits- und Sozialforschung
Forschungsgesellschaft mbH in Berlin untersuchten im
Auftrag des Büromöbelforums und des Verbandes Büro-,
Sitz- und Objektmöbel e.V. (BSO) die potenziellen Auswirkungen der Neufassung der DIN 33402–2, die sich aus
den darin enthaltenen Veränderungen gegenüber der Fassung der gleichen Norm vom Jahre 1986 ergeben. Der Titel der aktuellen Studie lautet: „Neufassung DIN 33402
Aktualisierte Körpermaße – Auswirkungen auf die Produktgestaltung von Büromöbeln und die Arbeitsplatzgestaltung im Büro- und Verwaltungsbereich“. Sie finden
sie unter www.office-work.net/community
Mensch&Büro SPEZIAL
4/2006