Stadthalle Hofgeismar „Kino vor Ort“ 16:00 Uhr : DIE WILDEN KERLE – DIE LEGENDE LEBT Acht Jahre sind seit dem letzten Teil der "Wilde Kerle"-Reihe vergangen, Zeit für einen Reboot, wie es heutzutage heißt. In diesem Sinne ist der Neuaufguss von Joachim Masanneks Jugend-Fußballabenteuer ganz zeitgemäß: Die Story lehnt sich deutlich am Original an und die Helden von einst übergeben den Staffelstab an eine neue Generation. Das ist zwar mehr vom Bekannten, das aber auf immerhin unterhaltsame Weise. Erstaunlich zeitgemäß ist es, was Drehbuchautor und Regisseur Joachim Masannek hier bewerkstelligt: 13 Jahre nach dem Start des Original "Wilde Kerle"-Kinofilms dreht er eine Neuauflage des Stoffes, lässt die Schauspieler der ursprünglichen Filme - inzwischen alle Mitte 20 - in einem Kurzauftritt das Zepter oder in diesem Fall die Fußballschuhe an ihre Nachfolger übergeben. Die Geschichten der ersten fünf Filme zu einem Mythos zu erklären, dem eine neue Gruppe Kinder nacheifert, erweist sich als clevere Methode, mit der es Masannek möglich wird, dass Bekannte zu variieren. Und das ist einmal mehr eine Huldigung der Phantasie: Es wäre einfach und billig, den "Wilde Kerle"-Filmen vorzuwerfen, dass sie in einer irrealen Welt spielen, dass hier "normale" Probleme von Kindern kaum eine Rolle spielen, dass diese Kinder ihre Dialogsätze oft mit einer Emphase vortragen, als ginge es um alles. Aber genau das tut es beim Spiel von Kindern ja oft, genau diese Bedeutung vermag die kindliche Phantasie den Dingen zu verleihen und genau dieses Gefühl evoziert Masannek hier immer wieder auf routinierte, aber unterhaltsame Weise. (Michael Meyns). Deutschland 2015; Regie, Buch: Joachim Masannek, Darsteller: Michael Sommerer, Aaron Kissiov, Ron Antony Renzenbrink, Vico Mücke, Bennet Meyer, Mikke Rasch, Stella Pepper, 100 Min., ab 0 J. 19:30 Uhr : SUFFRAGETTE – TATEN STATT WORTE Sie wollten wählen - und wurden verlacht: Fast achtzig Jahre lang forderten britische Frauen mit friedlichen Mitteln das Wahlrecht, ohne Erfolg. Anfang des 20. Jahrhunderts radikalisierten sie sich, auch unter Einsatz ihres Lebens. Das spannende Period Piece setzt der in Geschichtsbüchern immer noch ausgeblendeten Suffragetten-Bewegung ein würdiges filmisches Denkmal. Fesselnd wie ein Thriller erzählt Regisseurin Sarah Gavrons leidenschaftlich von den mutigen Pionierinnen in diesem Bürgerkrieg der Geschlechter. Nicht zuletzt durch die Oscar-reife Leistung der neuen englischen Kinokönigin Carey Mulligan trifft das aufwühlende Historiendrama auch heute den Nerv der Zeit. London, West End, März 1912. Maud Watts (Carey Mulligan) hastet nach einem langen Arbeitstag in der feuchtkalten Wäscherei durch die Straßen. Sie muss noch ein Paket bei der Kundschaft abliefern, obwohl sie längst Feierabend hätte. Plötzlich splittert vor der jungen Mutter die Schaufensterscheibe eines Modegeschäftes. „Wahlrecht für Frauen“, ertönt es neben ihr. Und innerhalb von Sekunden entsteht ein Tumult. Polizisten verhaften umstehende Frauen, zerren sie in ihre Autos. Verwirrt steht sie am Straßenrand als plötzlich ihre Kollegin Violett (Anne-Marie Duff) auftaucht. Die macht aus ihrer politischen Einstellung kein Hehl. Wortreich versucht die Aktivistin Maud zu überzeugen, sich den Suffragetten anzuschließen. Nach anfänglichem Zögern lässt Maud sich überreden, zu einem geheimen Treffen zu kommen. Im Laden der engagierten Apothe- kerin Edith (Helena Bonheim-Carter) versammeln sich die Frauen im Hinterzimmer. Ein folgenschwerer Moment. Denn bald darauf findet sich Maud im englischen Parlament wieder. In Gegenwart von Ministerpräsident David Lloyd George (Adrian Schiller), einem LabourFunktionär, schildert sie bei einer Anhörung zum Frauenwahlrecht ihre Arbeitsbedingungen. Zum ersten Mal in ihrem Leben erlebt sie das Gefühl, wirklich gehört zu werden. Engagiert beleuchtet Regisseurin Sarah Gavron den mit zivilem Ungehorsam geführten Kampf der Suffragetten. Weder beschönigt die Britin, noch verfällt sie in nostalgisches überlebensgroßes Heldinnenpathos. Die fast dokumentarisch anmutenden Szenen wirken bis ins Detail authentisch. Aufrüttelnd vermitteln sie die schockierende Erinnerung an die Opfer, die Frauen bringen mussten. Das erstrebte Wahlrecht ist dabei nur ein Baustein einer patriarchalen Gesellschaft, die Frauen aller Schichten entmündigte. Nicht zuletzt deshalb stellt Drehbuchautorin Abi Morgan das Schicksal der fiktiven Arbeiterfrau Maud in den Mittelpunkt der emotionalen Milieustudie samt packendem politischem Lehrstück. (Luitgard Koch) Großbritannien 2015, Regie: Sarah Gavron, Darsteller: Carey Mulligan, Helena BonhamCarter, Brendan Gleeson, Anne-Marie Duff, Ben Whishaw, Romola Garai, Meryl Streep, Finbar Lynch, Natalie Press, Samuel West, Geoff Bell, 106 Min., ab 12 J.
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