Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK Département fédéral de l'environnement, des transports, de l'énergie et de la communication DETEC Dipartimento federale dell'ambiente, dei trasporti, dell'energia e delle communicazioni DATEC Bundesamt für Strassen Office fédéral des routes Ufficio federale delle Strade Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Prévention des suicides sur les ponts: bases Suicide prevention at bridges: basic evaluation Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, Universitätsklinik für Psychiatrie Th. Reisch, Dr. med. U. Schuster, med. pract. C. Jenny, cand. phil. K. Michel, Prof. Dr. med. Forschungsauftrag AGB2003/013 auf Antrag der Arbeitsgruppe Brückenforschung (AGB) Juli 2006 Vorwort 1 Vorwort Brücken dienen der Verbindung über Abgründe und Tiefen, und werden zu diesem Zweck für die Menschen konstruiert und gebaut. Ein unbeabsichtigter Aspekt der Brücken liegt jedoch in der Tatsache, dass Menschen mit Suizidabsichten hohe Brücken wählen, um durch den Sprung in die Tiefe zu Tode zu kommen. Solche so genannten „Suizidbrücken“ sind weltweit zu trauriger Berühmtheit geworden. Dem folgenden Bericht liegen Forschungsergebnisse zugrunde, die sich mit den Brückensuiziden in der Schweiz beschäftigen, besonders im Hinblick auf bereits bestehende präventive Massnahmen und deren objektivierbare Wirksamkeit. Der Zweck dieser Arbeit ist es, gesamtschweizerisch Suizidbrücken zu identifizieren, sowie Möglichkeiten präventiver Massnahmen zur Verhinderung von Brückensuiziden zu formulieren, sowohl allgemein für Brücken, die sich in Planung befinden, als auch für bereits bestehende Brücken, die wir als Suizidbrücken identifiziert haben. Die Arbeiten wurden von der Arbeitsgruppe Brückenforschung des Bundesamtes für Strassen (ASTRA) in Auftrag gegeben. Die Autoren danken der Begleitkommission C, bestehend aus den Herren P. Matt (Vorsitz), M. Donzel, H. Figi, Prof. Dr. A. Muttoni, W. Schuler und Dr. D. Somaini für die Unterstützung. Bern, Juli 2006 Die Verfasser 2 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Inhaltsverzeichnis 3 Inhaltsverzeichnis Zusammenfassung 5 Résumé 8 Summary 11 1 Einleitung 15 1.1 Suizide und Suizidversuche in der Schweiz 15 1.2 Psychologische Hintergründe suizidaler Handlungen 16 1.2.1 1.2.2 Allgemeine Hintergründe Das Phasenmodell der suizidalen Handlung 16 17 1.3 Suizid durch Sturz aus grosser Höhe (Brücken, Wohnhäuser, hohe öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser, Sehenswürdigkeiten usw.) 18 1.4 Suizidprävention 18 1.5 Bedeutung der Medien 21 1.6 Suizidprävention durch Reduktion der Verfügbarkeit von Suizidmethoden 22 1.7 Sicherung von Orten grosser Höhe 23 1.7.1 1.7.2 Zum Beispiel: Sicherheitsnetze an der Berner Münsterplattform Weitere wichtige Arbeiten 23 24 2 Methode 27 2.1 Forschungsplan im Überblick 27 2.2 Datenerfassung 27 2.2.1 2.2.2 2.2.3 2.2.4 Brücken Medienberichte Angaben zu Suizidpräventionsmassnahmen an Brücken weltweit Statistische Berechnungen 28 30 31 31 3 Ergebnisse 35 3.1 Suizide durch Sprung von Brücken bzw. Sturz in die Tiefe 35 3.2 Methodenverlagerung: Kantone mit bzw. ohne Brückensuizide 37 3.3 Hotspots 38 3.3.1 3.4 3.4.1 3.4.2 3.5 3.5.1 3.5.2 3.5.3 3.5.4 Technische Daten der Hotspots Mediendaten Hotspots Mythos-Effekt Berichte über Brückensuizide in der Schweiz Pont Bessière Alte und neue Lorzentobelbrücke Pont Butin Kirchenfeldbrücke 40 41 41 44 45 45 46 46 46 4 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen 3.5.5 3.5.6 3.5.7 3.5.8 3.5.9 3.5.10 3.5.11 Haggenbrücke Fürstenlandbrücke Pont de Zähringen SBB Brücke über Sitter Pont Chauderon Pont du Gottéron Hohe Brücke 47 47 47 47 47 48 48 3.6 Präventive Massnahmen bei Brücken in der Schweiz 48 3.7 Präventive Massnahmen bei Brücken im Ausland 51 3.7.1 3.7.2 3.7.3 Prävention durch bauliche Massnahmen Prävention durch nicht-bauliche Massnahmen Weitere Erfahrungen mit präventiven Massnahmen im Ausland 51 53 54 4 Diskussion und Empfehlungen 59 4.1 Allgemeines 59 4.2 Hotspots 59 4.3 Brückensuizide und andere Methoden (Methodenverlagerung) 60 4.4 Medienberichterstattung 61 4.5 Mythos-Effekt 62 4.6 Zugänglichkeit und Höhen bei Hotspot Brücken 62 4.7 Suizidpräventionsmassnahmen 63 4.7.1 4.7.2 4.7.3 4.7.4 Schilder und Telefone Unvollständige bauliche Massnahmen Geländererhöhungen Netze 63 64 64 65 4.8 Empfehlungen 65 5 Literaturverzeichnis 69 Anhang Nr. 1: Beschreibung der einzelnen Brücken, geordnet nach Häufigkeit der Suizide.71 Anhang Nr. 2: Übersicht alle Brücken 107 Anhang Nr. 3: Richtlinien für die Medienberichterstattung zum Thema Suizid 111 Anhang Nr. 4: Beispiele für ungünstige Medienberichterstattung 115 Zusammenfassung Résumé Summary 5 Zusammenfassung Allgemeiner Hintergrund: Pro Jahr sterben in der Schweiz ca. 1400 Menschen durch Suizid und ca. 500 Menschen durch Verkehrsunfälle. Suizid durch Sturz in die Tiefe stellt die vierthäufigste Suizidmethode in der Schweiz dar. Ein grosser Teil dieser Suizide erfolgt durch Sturz von Brücken. Im internationalen Vergleich ist die Rate der Suizide durch Sprung in die Tiefe in der Schweiz hoch. Ziel der Studie: Ziel der vorliegenden Studie war eine schweizweite Erfassung der Brückensuizide. Der Anteil von Brückensprüngen an allen Suiziden durch Sprung in die Tiefe wurde erhoben. Ein weiteres Ziel der Studie lag darin, so genannte Hotspots, d.h. Brücken mit einer speziell hohen Suizidrate zu identifizieren. Im Weiteren sollten bestehende Sicherheitsmassnahmen an diesen Brücken erfasst und deren suizidpräventive Wirkung beschrieben werden. Die Daten von Suizidsprüngen von Brücken sollten ferner in Bezug zu Medienberichterstattung gesetzt werden, um die Bedeutung der Medien bezüglich der Gefahr von Nachfolgesuiziden (WertherEffekt) zu analysieren. Als letztes sollte untersucht werden, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass nach Anbringen von Sicherungen an Brücken eine Verschiebung der Sprünge zu anderen Objekten stattfindet. Aus den Daten und unter Einbezug der internationalen Literatur sollten erstmals für die Schweiz datenbasierte Empfehlungen für suizidpräventive Massnahmen bei Brücken abgeleitet werden. Methode: Die Gesamtzahl der Suizide wurde mittels offizieller Daten der Jahre 1990-2001 des Bundesamtes für Statistik (BFS) erhoben. Diese Daten beschreiben, wie viele Suizide mit welcher Methode durchgeführt werden, wobei eine weitere Differenzierung der Kategorie „Suizid durch Sprung in die Tiefe“ vom BFS nicht vorgenommen wird. Diese Differenzierung erfolgte in der vorliegenden Studie durch direkte Befragung der für diesen Sachverhalt jeweils verantwortlichen offiziellen Stellen. Im Fall von Brückensuiziden sind dies: Institute für Rechtsmedizin, Polizei, Kantons- und Bezirksärzte. Bauliche Veränderungen von Brücken, welche einen Einfluss auf Suizide haben könnten, wurden von den jeweiligen offiziellen Stellen 6 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen (Tiefbauämter, etc.) erfasst. Der Kanton Tessin konnte wegen kantonaler Datenschutzbestimmungen nicht erfasst werden. Die Erfassung der Mediendaten erfolgt mittels Swissdox. Ergebnisse: Insgesamt konnten 475 Brückensuizide zwischen 1990 und 2004 erfasst werden. Es muss jedoch angenommen werden, dass die Anzahl geringfügig unterschätzt wurde, da in einigen Kantonen die Erfassung der Brückensuizide z.B. durch Kantonsärzte möglicherweise nicht vollständig war. Der Anteil der Suizide durch Sprung in die Tiefe an allen Suiziden beträgt 10.9%. In Kantonen mit systematisierter Erfassung betrug der relative Anteil der Brückensuizide innerhalb der Kategorie Suizid durch Sprung 22.3%. Diese Brückensuizide verteilten sich auf 141 Brücken. Insgesamt wurden 23 Brücken gefunden, welche eine Suizidrate > 0.4 Suiziden pro Jahr hatten, und damit als Brücken-Hotspots der Schweiz bezeichnet werden können. Drei Brücken wiesen im Durchschnitt mehr als 2 Suizide pro Jahr auf (Pont Bessière in Lausanne, VD; Lorzentobelbrücken in Baar, ZG; Kirchenfeldbrücke in Bern, BE). 82% aller Hotspots fanden sich innerhalb eines 5-Kilometerradius eines Stadtkerns. Es fielen zwei verschiedene Kategorien von Brücken auf: Zum einen hohe Brücken (mehr als 25 Meter) innerhalb einer Stadt und zweitens sehr hohe Brücken (mehr als 50 Meter) in nichtstädtischen Gebieten. In Kantonen mit vielen Brückensuiziden war die Gesamtzahl der Suizide durch Sprung signifikant höher als in Regionen ohne solche Brücken. Diese Daten deuten indirekt darauf hin, dass nach erfolgreicher Verhinderung von Brückensuiziden ein grosser Teil der Menschen nicht von anderen Orten wie z.B. Gebäuden springen wird. Sicherheitsmassnahmen sind bislang nur an wenigen Brücken installiert worden. An mehreren Brücken wurden Geländererhöhungen angebracht. An zwei Brücken mit partiellen Sicherungsmassnahmen (Geländererhöhungen in begrenzten Bereichen, um zum Beispiel darunter liegende Gewerbeareale zu schützen) zeigten sich keine Veränderungen bzw. sogar eine Erhöhung der Suizide nach Anbringung der Barrieren. Bei Geländererhöhungen über die gesamte Brückenlänge zeigten sich nach Installation dagegen deutliche Reduktionen der Suizidzahlen, wobei die relative Reduktion abhängig von der absoluten Geländerhöhe war. Eine Geländererhöhung auf 133cm (Pont Gottéron, FR) zeigte keinen Einfluss auf die Anzahl der Sprünge, wohingegen bei der Pont Bessière mit einer Geländererhöhung auf 155cm eine Reduktion auf ca. 50% der Suizide nach Installation gefunden wurde. Diese Ergebnisse zeigen, dass hohe Geländer nötig sind, um Suizide an Brücken vollständig bzw. nahezu vollständig zu verhindern. Keinen direkten Einfluss (weder positiv noch negativ) auf die Suizidzahl konnten Zusammenfassung Résumé Summary 7 durch andere bauliche Massnahmen wie Telefone oder Hinweisschilder „Die Dargebotene Hand“ (10 Brücken) gefunden werden. Die Nutzung der Telefone z.B. bei der Ganterbrücke deutet aber indirekt auf einen suizidpräventiven Effekt dieser Massnahme hin. An 11 Brücken wurde eine relevante Anzahl von Medienberichten gefunden. Die Anzahl der Suizide korreliert hoch mit der direkten Anzahl der Medienberichte sowie mit der Zunahme der Anzahl der Medienberichte. Unklar bleibt jedoch, wieweit hier eine Kausalbeziehung vorliegt (Medienberichte wegen der Zunahme oder Zunahme durch die Medienberichte). Eine zeitliche Häufung von Suiziden im Sinne eines unmittelbaren Werther-Effektes konnte bei 5 Brücken nachgewiesen werden. Es ist insgesamt anzunehmen, dass die Medienberichterstattung einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung eines Suizid Hotspots hat. Empfehlungen: Präventive Massnahmen bei Brücken mit hoher Suizidhäufigkeit sind angezeigt. Neben Sicherheitsnetzen sind Geländererhöhungen sinnvolle Massnahmen, sie sollten mindestens 180 cm hoch und sprossenfrei sein. Neue Brücken, die sich zum Sprung in die Tiefe eignen, sollten à priori mit erhöhtem Geländer gebaut werden. Ausserhalb von Städten erscheint ein höheres Geländer bei den für Fussgänger zugänglichen Brücken ab einer Brückenhöhe von 50 Meter sinnvoll, ab 90 Meter zwingend. Bei bestehenden Brücken sollten diese baulichen Massnahmen erfolgen wenn eine Brücke zu einem Hotspot geworden ist. Der Bau unvollständiger Massnahmen, die gefährliche Sprungbereiche offen lassen, sollte vermieden werden. Bestehende unvollständige Geländererhöhungen, die gefährliche Sprungbereiche nicht absichern, sollten vervollständigt werden. Im Weiteren braucht es eine Instanz, welche die Einhaltung der Richtlinien für die Medienberichterstattung von Suiziden gewährleistet. 8 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Résumé Contexte: En Suisse, chaque année, 1400 personnes meurent par suicide et environ 500 personnes par accidents de la route. Se précipiter dans le vide est la méthode de suicide qui vient en quatrième place de par sa fréquence. En grande partie, il s’agit de chutes de ponts. Par rapport aux données internationales, le taux de suicide par chute dans le vide est élevé en Suisse. Objectif de l’étude: L’objectif la présente étude était un inventaire et une analyse des suicides par chute de pont en Suisse. Il s’agissait de déterminer la part que représente cette manière de mettre la fin à ses jours par rapport à l’ensemble des suicides par saut dans le vide et d’identifier les „hot spots“, c’est-à-dire les ponts avec un taux de suicide particulièrement élevé. En outre les mesures de sécurité existantes devaient être décrites et évaluées du point de vue de leur efficacité. Les suicides par chute de pont devaient aussi être mis en relation avec les articles de presse, pour analyser l’effet d’incitation de l’information des médias sur les suicides (effet Werther). Finalement, il s’agissait d’examiner si la mise en place de dispositifs de sécurité sur un pont avait un effet préventif réel ou s’il y avait une augmentation du nombre de suicides sur d’autres ponts. Sur la base de toutes les informations réunies, la littérature étrangère comprise, des recommandations de mesures pour prévenir les suicides par chute de pont devaient être formulées. Ceci constitue une première en Suisse. Méthode: Le nombre de suicides a été établi sur la base des données officielles de l’Office Fédéral de la Statistique pour la période allant de 1990 à 2001. Ces données fournissent comme information le nombre de suicides et la méthode utilisée, sans toutefois donner des informations différenciées pour la catégorie «saut dans le vide». Cette différenciation a été réalisée dans le cadre de la présente étude en contactant, cas par cas, les instances compétentes. Pour les suicides par chute de pont, ce sont les instituts médico-légaux, la police, les médecins cantonaux et les médecins de district. Les informations relatives aux modifications constructives qui auraient pu avoir un effet sur les suicides par chute de pont ont été fournies par les services compétents (Ponts et chaussées). Les données du canton du Tessin n’ont pas pu être prises en considéra- Zusammenfassung Résumé Summary 9 tion en raison de la réglementation cantonale sur la protection des données. La recherche des articles de presse a été réalisée au moyen de Swissdox. Résultats: Dans l’ensemble, 475 suicides par chute de pont ont été enregistrés pour la période allant de 1990 à 2004. II est cependant probable que ce nombre est légèrement sous-estimé, car dans quelques cantons l’enregistrement des suicides, par exemple par les médecins cantonaux, pourrait être lacunaire. Les chutes dans le vide représentent 10.9% des suicides. Dans les cantons disposant d’un enregistrement systématique, 22.3% des suicides chute dans le vide étaient des chutes de ponts. Ces suicides se sont produits sur 141 ponts. Sur 23 d’entre eux, plus de 0.4 suicides ont eu lieu chaque année, en moyenne. Ces ponts peuvent être qualifiés de «hot spots». Trois ponts sont annuellement le théâtre de plus de deux suicides, en moyenne (pont Bessières à Lausanne, VD; Lorzentobelbrücke à Baar, ZG; Kirchenfeldbrücke à Berne, BE). 82 % des «hot spots» se trouvent à moins de 5 km d’un centre de ville. On peut distinguer deux catégories de «hot spots»: les ponts hauts (plus de 25m) situés à l’intérieur d’une ville et les ponts très hauts (plus de 50m) dans les régions non urbaines. Il y a une corrélation entre la présence de tels ponts et le nombre total de suicides par saut dans le vide dans une région. Cette constatation permet de déduire que la plupart des personnes que l’on aura pu empêcher de sauter d’un pont par des mesures appropriées ne chercheront pas un autre endroit, comme par exemple un bâtiment, pour se suicider. Peu de ponts ont été munis de dispositifs particuliers pour prévenir les suicides jusqu’ici. Quelques ponts ont été équipés de garde-corps surélevés. Deux ponts n’ont été dotés de garde-corps surélevés que localement pour protéger une zone industrielle située en contrebas; le nombre de suicides n’a pas diminué après la mise en œuvre de cette mesure partielle, il a même augmenté Par contre, lorsque la hauteur du garde-corps a été surélevée sur toute la longueur du pont, on a pu constater une réduction notable du nombre de suicides, dépendant cependant de la hauteur de la barrière. La mise en place d’un garde-corps de 133 cm de haut sur le pont de Gottéron (FR) n’a pas eu d’influence sur le nombre de suicides alors que sur le pont Bessières à Lausanne, une barrière de 155 cm en a réduit le nombre de moitié. Ces résultats indiquent qu’il faut des garde-fous de grande hauteur pour empêcher efficacement les suicides. Aucune influence sur le nombre de suicides, ni positive, ni négative, n’a été observée après la mise en place d’autres mesures comme des téléphones ou des panneaux indicateurs de «la Main tendue» sur 10 ponts. Le fait que les téléphones ont été utilisés, par exemple 10 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen sur le pont du Ganter, montre cependant qu’ils ont eu un effet préventif, même s’il n’a pas été mesurable. Onze ponts ont fait l’objet d’information dans les médias. Il y a une forte corrélation entre le nombre d’articles de presse et le nombre de suicides. Toutefois, la relation causale reste peu claire (rapports des média à cause de l’augmentation des suicides ou accroissement des suicides à cause des rapports des média). Une prolifération momentanée dans le sens d’un «effet Werther» a été observée dans le cas de 5 ponts. On peut admettre que les médias ont une influence déterminante sur la création «hot spots». Recommandations: Des mesures de prévention sont indiquées dans le cas de ponts avec une haute fréquence de suicides. Des filets de sécurité et des garde-fous surélevés sont tout particulièrement appropriés. Les barrières doivent avoir une hauteur minimale de 180 cm et ne pas comporter de traverses qui pourraient servir d’échelons. Les nouveaux ponts qui pourraient être utilisés pour commettre des suicides devraient être d’emblée équipés de garde-fous surélevés. Hors des villes, pour les ponts accessibles aux piétons, un garde-fou surélevé parait indiqué à partir d’une hauteur de 50m. Il est impérativement nécessaire à partir de 90m. Les ponts existants devraient être transformés pour répondre à ces exigences dès qu’ils sont devenus des «hot spots». Il faut éviter les mesures partielles qui laissent des espaces libres pour des chutes. Les lacunes des mesures partielles existantes devraient être comblées, là où il existe un danger. Enfin, il est nécessaire de créer une instance qui contrôle l’observation des règles relatives à l’information des média sur les suicides. Zusammenfassung Résumé Summary 11 Summary Background: Switzerland has about 1400 suicides each year and about 500 deaths by road accidents. Falling from height is the forth most frequent suicide method. Of those persons who commit suicide by jumping, a significant part leaps from bridges. In an international perspective, Switzerland has a high rate of suicides by jumping from heights. Objective of the study: The central goal of the study was the nation-wide evaluation of suicides by jumping from bridges in Switzerland. The proportion of bridge suicides within the category of suicide by jumping was determined. Bridges with significant accumulations of suicides (hotspots) were identified. Furthermore, safety means (barriers, help signs etc.) on such hotspots were registered and the impact on the number of suicides was analysed. Suicide data was related to media publication to analyse the copy cat (Werther) effect. The phenomenon of suicide method substitution (jumping from other structures instead of jumping from a bridge) was investigated. Recommendations regarding suicide prevention measures on bridges were derived from the given study data. Method: The total number of suicides was provided by the Swiss National Office for Statistics (BFS) for the years 1990 to 2001. The data include the description of the method according to international classifications, but do not differentiate between submethods of suicide by jumping. These data therefore refer to the number of persons who committed suicide by jumping but do not allow to determine the number of persons who jump from bridges. To gather the necessary information local authorities, cantonal medical officers (Kantonsärzte), regional medical officers (Bezirksärzte), institutes for medical legal institutes (Institute für Rechtsmedizin) and local police authorities were contacted. The nature of structural changes with potential suicide preventive effects was collected from the respective official services (Infrastructure authorities). Data related to the canton Tessin could not be included due to cantonal data protection regulations. Media data were gathered using the Swissdox system. 12 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Results: A total of 475 bridge suicides were found for the time period 1990 to 2004. However, this number may be minimally underestimated due to incomplete data collection in some cantons. Suicide by jumping accounted for 10.9% of all suicides. In cantons with systematic recording systems the proportion of persons who jumped from a bridge in relation to all suicide victims who jumped from heights was 22.3%. Twenty three bridges were found with a rate of 0.4 suicides or above per year and were classified as suicide hotspots. Two or more suicides per year were found on three bridges: Pont Bessière in Lausanne, VD; Lorzentobelbrücken in Baar, ZG; Kirchenfeldbrücke in Bern, BE. Eighty two percent of all hotspots are located within a 5 kilometre diameter of a city. Two different categories of hotspots attracted persons to jump: First, high bridges (more than 25 metres) within or close to city centres and, second, very high bridges (more than 50 meters) in rural regions. Cantons with a high number of persons who jumped from bridges were found to have a higher number of persons who jumped from (all) heights in contrast to those cantons with few jumps from bridges. The results indicate that people will not necessarily substitute bridge jumps by jumping from other structures e.g. buildings. Suicide prevention measures on bridges are therefore most likely to reduce the overall number of suicides by jumping. Suicide prevention measures were found only on few bridges. Incomplete barriers securing only parts of the whole length (e.g. to protect people living or working below) were installed on two. On these bridges either an increase of the number of suicides or no effect on suicide numbers were observed. Elevations of railings of the whole length showed suicide prevention effects related to the total height of the railing. Railing elevation of 133cm (Pont Gottéron, FR) did not influence the number of jumps, whereas the reduction of the numbers of suicides was 50% on a bridge with a height of 155cm (Pont Bessière, VD). These results demonstrate that railing elevations have to be constructed with a significant height to prevent suicides. No direct influence on the suicide numbers were found for help signs and phones located at or close to the bridge. However, phones with help lines on the “Ganterbrücke” (VS) were regularly used by suicidal persons indicating indirectly a possible suicide prevention effect. Relevant media attention was found on 11 hotspot bridges. The number of media reports was significantly correlated with the number of suicides and with the increase of jumps per year. However, a clear causal relation (more suicides due to media reporting or more media reporting due to increased number of suicides) could not be identified. An accumulation of suicides in certain time periods in the sense of a Werther effect was found for five bridges. Altogether, Zusammenfassung Résumé Summary 13 it can be assumed that media publications have a relevant influence on the emergence of suicide hotspots. Recommendations: The implementation of suicide prevention methods can be recommended. Besides safety nets railing elevations can effectively reduce the number of suicides on bridges and probably will reduce the total number of suicides by jumping. The height should not be less than 180 cm. Bars or other structural elements that allow easy climbing over should be avoided. New bridges with a height above ground of 25 meters in urban regions should be constructed from the beginning with effective barriers (e.g. elevated railing). In rural areas bridges should be built with barriers if they can be used by pedestrians and if the height exceeds 50 meters. On existing bridges the same structural changes should be introduced as a secondary measure if a bridge has become a hotspot. Incomplete barriers leaving potentially dangerous parts open to jump have to be avoided. Existing incomplete barriers should be supplemented with high priority. The adherence of media professionals to media guidelines for suicide reporting should be secured by an independent body. 14 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen 1 Einleitung 1 Einleitung 1.1 Suizide und Suizidversuche in der Schweiz 15 In der Schweiz sterben jährlich zwischen 1’350 und 1’500 Menschen an Suizid, im Vergleich dazu sterben jährlich ca. 500 Menschen an einem Verkehrsunfall (Angaben des Bundesamtes für Statistik BFS). Insgesamt weist die Schweiz mit 17.5 Suiziden/100'000 (2002, BFS) im internationalen Vergleich eine überdurchschnittlich hohe Suizidrate auf. Männer begehen im Verhältnis 3:1 häufiger Suizid als Frauen. Männer zwischen 15 und 44 Jahren sind die am stärksten suizidgefährdete Gruppe der Gesamtbevölkerung, Suizid ist in dieser Gruppe die häufigste Todesursache. Aufgrund ausländischer Untersuchungen muss man davon ausgehen, dass mehr als zehn Prozent aller Schweizer im Laufe ihres Lebens einen oder mehrere Suizidversuche begehen, und rund jede zweite Person berichtet, bereits einmal in ihrem Leben Suizidgedanken gehabt zu haben. Im Anschluss an Suizidversuche werden in der Schweiz jährlich gegen 10’000 Menschen (Michel et al. 1991) medizinisch behandelt. Man geht jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer weit höher liegt, und bis zu 25’000 Menschen jährlich einen Suizidversuch begehen, bei denen der Grossteil unbehandelt bleibt. Im Gegensatz zu den Suiziden sind Suizidversuche bei Frauen häufiger als bei den Männern. Diese Geschlechtsdifferenz ist vor allem bei den Jugendlichen stark ausgeprägt. Am häufigsten werden Suizidversuche von Frauen zwischen 15 und 19 Jahren begangen. Bei den Suizidmethoden finden sich deutliche Geschlechtsunterschiede. Es wurde spekuliert, dass Frauen mehr Suizidversuche jedoch weniger Suizide verüben, da sie weniger gewaltsame, weniger entstellende und weniger letale Methoden wählen. Entsprechend Daten des Bundesamtes für Statistik werden bei den Männern Suizidmethoden wie Erhängen und Erschiessen mit Anteilen von je 25% mit Abstand zu anderen Suizidmethoden am häufigsten angewandt, Suizid durch Sturz aus grosser Höhe kommt bei Männern an fünfter Stelle. Bei den Frauen stellen Vergiften, gefolgt von Erhängen, Ertränken und Herunterstürzen, die häufigsten Suizidmethoden dar. Beide Geschlechter zusammengenommen ist Suizid durch Sturz in die Tiefe die am vierthäufigsten benutzte Suizidmethode in der Schweiz. Entsprechend der von unserer Arbeitsgruppe anderenorts erhobenen Daten spielen bei den Suizidversuchen - anders als bei den Suiziden - Medikamente (besonders Benzodia- 16 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen zepine) und Drogen eine grössere Rolle. Sie kommen bei gut zwei Dritteln aller Methoden zur Anwendung. In der Frage nach den präventiven Möglichkeiten durch die Beeinflussung der Verfügbarkeit einer Suizidmethode gilt es folgendes zu berücksichtigen: Wird Suizid reduziert oder verhütet, wenn eine Restriktion im Vorhandensein einer bestimmten Suizidmethode stattfindet? Oder wird so eine Restriktion nur dazu führen, dass stattdessen eine andere, besser verfügbare Methode für den Suizid verwendet wird? 1.2 Psychologische Hintergründe suizidaler Handlungen 1.2.1 Allgemeine Hintergründe Suizide und Suizidversuche sind Handlungen und stellen für sich alleine betrachtet keine Krankheit dar. Sie werden jedoch durch psychische Erkrankungen begünstigt: Praktisch alle psychiatrischen Diagnosen sind mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden. Eine Suizidhandlung erwächst zumeist auf dem Boden eines krisenhaften Geschehens. Die Krise bleibt häufig im Verborgenen, der Suizidversuch oder vollendete Suizid tritt als Konsequenz der vermeintlichen Ausweglosigkeit in Erscheinung. Prototypisch geht der suizidalen Handlung meist eine Entwicklung voraus: zuerst wird ein Suizid als Möglichkeit in den Gedanken in Erwägung gezogen, später ist es ein Spielen mit dem Gedanken (wenn es mir einmal schlecht geht, könnte Suizid eine Lösung sein), ein Konkretisieren (wie würde ich es machen), ein Entwickeln von Plänen (wie, wo), ein Speichern von Plänen (man weiss ja nie). Das Umsetzen des Handlungsplanes erfordert einen Energieschub (Krise), gefolgt von konkreten Vorbereitungen (Fahrplan, aufsuchen eines geeigneten Ortes). Zum Schluss braucht es einen mitunter kleinen Auslöser, um den Handlungsplan in Gang zu bringen. Suizidalität hat in der Regel mit einem als negativ erlebten Selbst und mit seelischem Schmerz zu tun. Es handelt sich dabei um einen als subjektiv unerträglich erlebten seelischen Zustand, oft kombiniert mit ebenso unerträglichen Gedanken. Dieser Zustand seelischen Schmerzes wird mittlerweile in der Fachliteratur häufig mit „Mental Pain“ (seelischer Schmerz) bezeichnet. In diesem Ausnahmezustand versagen zunehmend die üblichen Bewäl- 1 Einleitung 17 tigungsmöglichkeiten, und Suizid scheint dem Betroffenen oft noch der einzige Fluchtweg zu sein. Baumeister spricht von „escape from self“ (Baumeister 1990). 1.2.2 Das Phasenmodell der suizidalen Handlung 90% aller Patienten welche einen Suizidversuch unternehmen, leiden an einer psychiatrischen Störung, insbesondere einer Depression. Patienten mit Depressionen haben eingeschränkte Bewältigungsmöglichkeiten und eine allgemeine krankheitsbedingte negative Sichtweise. Jedoch sind nicht alle depressiven Patienten auch suizidal. Depressionen (und andere psychische Störungen) sind somit wichtige Vorbedingungen, erklären den Suizid aber nicht hinreichend. Früher wurde die Lebensbilanz als Ursache des Suizides in den Vordergrund gestellt. Heute gehen wir davon aus, dass diese Lebensbilanz zwar gemacht wird, aber zumeist unter dem Einfluss von Depressionen durchgeführt wird und daher eine Abwägung in einem Ausnahmezustand darstellt, welcher nicht mit einer „gesunden“ oder realistischen Abwägung übereinstimmt. Die Lebensbilanz ist somit krankheitsbedingt verfälscht und nicht zeitüberdauernd. Die eigentliche Suizidhandlung läuft vereinfacht betrachtet in zwei Phasen ab. In der ersten Phase (Trauma oder Mental Pain Phase) erlebt der Betroffene ein Ereignis, welches seine Bewältigungsstrategien überfordert. Rein numerisch wissen wir von Studien auf unserer Kriseninterventionsstation, dass Partner- und Familienkonflikte die häufigsten Auslöser sind. Es kommt zu einer zunehmenden Einschränkung der Bewältigungsmöglichkeiten sowie zu einer Einengung des persönlichen Horizontes. Der/die Betroffene sieht weder in die Zukunft (z.B. andere Lebenspläne) noch in die Vergangenheit (z.B. bisherige Erfolge im Leben), noch erkennt er sinngebende Aspekte der Gegenwart (z.B. Verantwortung gegenüber eigenen Kindern). Diese Einengung kann innerhalb kurzer Zeit entstehen. Schliesslich erscheint der Suizid als die einzige Möglichkeit, das unerträgliche Leiden zu beenden, und damit werden alle anderen Lebensinhalte als bedeutungslos. Hier beginnt prototypisch die Phase 2, die Suizidhandlungsphase, in der zuvor durchdachte und abgespeicherte Handlungspläne aktiviert werden. Diese Suizidhandlung verläuft in einem Ausnahmezustand, in einer Art Trance, der suizidale Mensch handelt quasi entsprechend einem inneren „Autopilot“. Da jetzt ein Ende des Leidens abzusehen ist und die Lösung gefunden scheint, ist der seelische Schmerz nur noch gering. Menschen in dieser Phase werden von der Aussenwelt häufig als entspannt erlebt und erscheinen nicht selten ruhig und ausge- 18 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen glichen. Die einzelnen Handlungsschritte laufen entsprechend dem zur früheren Zeit durchdachten ab. Mit dem Satz “Ich wusste genau, was ich tun musste“ wird dieser Zustand häufig im Nachhinein von Überlebenden beschrieben. Es kommt zur suizidalen Handlung wie zum Beispiel dem Gang zur Brücke und das Übersteigen des Geländers. Mit Hilfe des „Autopiloten“ können ansonsten essentiell wichtige Mechanismen wie insbesondere der Selbsterhaltungstrieb ausgeschaltet werden. Aus den Erzählungen von Menschen, die einen Suizidversuch überlebt haben wissen wir, dass diese Phase des Autopiloten oft abrupt endet. Viele bereuen bereits unmittelbar nach der eigentlichen Suizidhandlung, also zum Beispiel während des Sprunges von der Brücke, die Tat. Suizidalität ist somit in der Regel ein transitorisches, das heisst zeitlich limitiertes Phänomen. Suizide und Suizidversuche stellen somit nur selten von langer Hand vorbereitete und zeitlich geplante Handlungen dar. Überlebt der Mensch die Krise, tritt die Suizidalität nach der Krise zumeist in den Hintergrund. 1.3 Suizid durch Sturz aus grosser Höhe (Brücken, Wohnhäuser, hohe öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser, Sehenswürdigkeiten usw.) Ca. 10% aller Suizide fallen gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) in der Schweiz in die Kategorie „Sprung in die Tiefe“, was über dem internationalen Durchschnitt liegt. Diese Suizide verteilen sich auf Brückensprünge und auf Sprünge von hohen Gebäuden. Die Ermittlung der genauen Zahl ist Teil dieser Arbeit. Im Zeitraum 1969 bis zum Jahre 2001 suizidierten sich in der Schweiz 4664 Menschen durch Sprung aus grosser Höhe. Der Sturz aus grosser Höhe liegt damit an der vierten Stelle der Suizidmethoden in der Schweiz. Die Anzahl der Männer und Frauen ist laut Statistik annähernd gleich, ist jedoch auf die jeweilige Geschlechtergruppe umgerechnet (es suizidieren sich insgesamt weniger Frauen als Männer) bei Frauen sogar höher als bei Männern. 1.4 Suizidprävention Das Thema Suizid wird in unserer Gesellschaft stark tabuisiert, obwohl die meisten Menschen mindestens einmal in ihrem Leben damit konfrontiert werden, dass eine ihnen bekannte Person einen Suizidversuch macht oder durch Suizid stirbt. Suizide und Suizidversuche sind kein individuelles Problem, sondern ein Thema der öffentlichen Gesundheit und deren Prävention 1 Einleitung 19 somit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Suizidpräventive Massnahmen werden von der WHO (World Health Organisation) gefordert und können auf regionaler wie auch auf nationaler Ebene durchgeführt werden. Es gibt keinen verlässlichen Prädiktor (Vorhersagevariable), der Voraussagen erlaubt, wie sehr ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt suizidgefährdet ist. In der ärztlichen Krisenintervention versucht man meist, die Suizidalität eines Menschen über dessen sprachliche Äusserungen einzuschätzen. Die Einschätzung der Gefährdung ist damit jedoch nicht zuverlässig. Das Angebot an suizidpräventiven Massnahmen in der Schweiz ist gering. Im Fokus der Suizidprävention stehen derzeit vor allen Dingen Jugendliche und junge Erwachsene, Suizidpräventionsangebote für Menschen im höheren und hohen Alter fehlen. Dies ist besonders bemerkenswert, da das Suizidrisiko mit zunehmendem Alter zunimmt. In der Suizidprävention werden zwischen Public Health Massnahmen und Health Care Massnahmen unterschieden. Unter Public Health Massnahmen fallen suizidpräventive Massnahmen, die primär auf der Ebene der Allgemeinbevölkerung ansetzen und erst sekundär Auswirkungen auf einzelne, gefährdete Menschen haben. Eine wichtige Massnahme, die unter diese Kategorie fällt, ist die Restriktion des Zugangs zu häufigen Suizidmethoden wie zum Beispiel die Absperrung von „Suizidbrücken“. Die Tatsache, dass erschwerter Zugang zu einer Methode deren Häufigkeit für Suizid verringert, ist an sich unbestritten. Ob und wieweit es mittel– oder langfristig zu einem Wechsel zu einer anderen Methode kommt, ist dagegen schwer zu bewerten. Die meisten Autoren vermuten, dass die Reduzierung der Verfügbarkeit einer rasch tödlichen Methode – wie ein Sprung aus der Höhe – nicht automatisch zu einer Verlagerung auf eine andere Suizidmethode führt, und daher ein allgemein suizidpräventiver Effekt wahrscheinlich ist. Die Untersuchung, in wieweit eine Verlagerung von Brücken auf andere Sprungorte zu erwarten ist, ist ein Nebenaspekt, welcher untersucht werden wird. Als weitere wichtige Public Health Massnahme sind die Medienberichterstattung über Suizid, die Optimierung der Primärversorgung durch Hausärzte, die Schaffung von vermehrtem Problembewusstsein, die Aufklärung der Bevölkerung zu Themen wie Sucht und psychische Erkrankung und deren Enttabuisierung zu nennen. 20 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Health Care Massnahmen fokussieren auf Hochrisikogruppen. Bei Hochrisikostrategien geht man davon aus, dass nach der Identifikation besonderer Risikogruppen ein spezifisch auf diese Patienten zugeschnittenes Vorgehen eine präventive Wirkung zeigen müsste. Wie oben beschrieben, leiden 90% aller Menschen, die Suizid begehen, an einer psychiatrischen Erkrankung. Ein besonders hohes Suizidrisiko haben Menschen mit rezidivierenden (wiederkehrenden) Depressionen, bipolar affektiven Störungen (Manisch-Depressives Kranksein) und Suchterkrankungen sowie Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis. Besonders gefährdet sind in dieser Gruppe wiederum Patienten in der Zeit nach stationärer psychiatrischer Behandlung. Goldacre et al. (1993) errechneten für die ersten 4 Wochen nach Entlassung aus der Klinik ein bis zu 200-mal höheres Risiko im Vergleich zur Normalbevölkerung. Eine weitere besondere Risikogruppe bilden die Menschen, die einen Suizidversuch unternommen haben. Das Suizidrisiko ist bei ihnen 40-mal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt und es bleibt über viele Jahre hoch. Man geht davon aus, dass Menschen noch 20 Jahre nach dem Suizidversuch ein wesentlich erhöhtes Suizidrisiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung haben. Zehn bis fünfzehn Prozent der Menschen mit einem oder mehreren Suizidversuchen in der Vorgeschichte sterben durch Suizid. Im Sinne der Suizidprävention muss den Menschen, die bereits einen Suizidversuch gemacht haben, daher besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Obwohl es sich hier um die Menschen mit dem höchsten Suizidrisiko handelt, heisst dies, dass selbst bei dieser Risikogruppe sich circa 90% nicht suizidieren werden, weswegen es methodisch schwierig ist, statistisch signifikante Effekte einer Therapie auf die Suizidzahl nachzuweisen. Als Präventivmassnahme für diese Hochrisikogruppe gilt die adäquate, psychologische, psychosoziale und pharmakologische Behandlung dieser Menschen, wobei nur wenige Studien zeigen konnten (z.B. Brown et al. 2005), dass eine spezifische Therapie für Suizidversucher das langfristige Suizidrisiko tatsächlich signifikant reduzieren kann. Bei Brown et al. (2005) konnte das Risiko etwa halbiert werden. Der Sprung von einer Brücke mit gewisser Höhe ist eine hoch letale Suizidmethode, und man muss annehmen, dass bei der Wahl einer Brücke als Suizidmethode die hohe Letalität einer der ausschlaggebenden Faktoren ist. Die hohe Letalität einer Suizidbrücke ist bei der Bevölkerung meist gut bekannt. Anders als zum Beispiel bei Suizid durch Erhängen besteht bei Brücken die Möglichkeit, den Zugang zu erschweren, was der Frage nach präventiven Mass- 1 Einleitung 21 nahmen und ihren Auswirkungen auf die Suizidhäufigkeit eine besondere Bedeutung zukommen lässt. Brücken, die in der Öffentlichkeit als Suizidbrücken bekannt sind, werden in der Literatur als „Suicide Hot Spots“ bezeichnet. Eine Brücke wird vor allem dann zu einem „Hot Spot“, wenn die Medienberichterstattung auf prominente Weise darüber berichtet. 1.5 Bedeutung der Medien Als Goethe Ende des 18. Jahrhunderts seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ veröffentlichte, löste der darin beschriebene Selbstmord der Hauptperson eine ganze Reihe von Suiziden in Europa aus. Quellenmässig belegt ist eine zweistellige Zahl von Suiziden, in verschiedenen europäischen Ländern, die in direkter Verbindung mit Goethes Buchpublikation stehen. Die Suizidenten waren beim Suizid genau wie die tragische Romanfigur mit blauer Jacke und gelber Weste gekleidet oder führten das Buch beim Suizid direkt bei sich. Die Nachahmung von fiktiven und realen Suiziden blieb kein zeitspezifisches Einzelphänomen, sondern ereignete sich in verschiedenen Variationen bis heute. Der amerikanische Soziologe David Phillips verwendete erstmals den Begriff „Werther-Effekt“ als wissenschaftlichen Arbeitsbegriff zur Kennzeichnung von Nachahmungen medial vermittelter Suizide. Er stellte 1974 fest, dass nach Zeitungsberichten über Suizide prominenter Persönlichkeiten auch die Suizide in der Allgemeinbevölkerung statistisch messbar ansteigen. Suizide, über welche extensiv berichtet wurde, wie z.B. Marilyn Monroe’s Tod, hatten die höchsten Anstiege der Selbstmordraten in der Bevölkerung zur Folge. Der Werther-Effekt als Wirkzusammenhang zwischen Modell-Suizid und Nachahmungstat wird folgendermassen erklärt: Vom Modell her, als auch vom Suizidvorbild her betrachtet, handelt es sich beim Werther-Effekt um ein ungewolltes Suggerieren und Beeindrucken. Aus der Perspektive des Suizid Nachahmers handelt es sich um ein Imitieren bzw. ein sich Anstecken. Als Erklärung des Imitationsvorganges wird in den meisten Studien auf die klassische Theorie des Modelllernens nach Bandura (Bandura & Ross, 1963) verwiesen. Wird z.B. ein Suizid heroisiert, wird dieses Verhalten als heroisch memorisiert und als akzeptables Verhalten erlernt. Eine zweite wichtige Erkenntnis aus Banduras Lernexperimenten war die Beobachtung, dass die Lernenden umso eher einen Lerneffekt durch Nachahmung erzielen, je ähnlicher sie dem Modell sind. Die Möglichkeit zur Identifikation mit dem Modell, durch 22 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen genaue Beschreibung der biographischen Daten, Problemen und Motivationen hat sich als besonders gefährlich für Nachahmungstaten erwiesen. Bezüglich der Brückensuizide ist für uns die Imitation des Suizidortes und der Suizidmethode von grösstem Interesse. Eine seit langem erforschte Tatsache ist, dass bekannte Orte häufiger genutzt werden. Beispiele hierfür sind der Mount Mahira, Japan, oder die Golden Gate Bridge in San Francisco, USA (Daigle 2005). Ganz direkt wurde dieser Sachverhalt in einer Studie von Suiziden an der Golden Gate deutlich (Seiden & Spence, 1983): Es zeigte sich, dass die Hälfte der untersuchten Suizidenten ihren Wohnsitz ausserhalb von San Francisco hatte und auf ihrem Weg zur Golden Gate zuvor die ebenso hohe Oakland Bay Bridge überquerten. Dass die Änderung der Medienberichterstattung über Suizid einen präventiven Effekt hat, zeigte unter anderem die Studie von Sonneck et al. (1994): Wenige Jahre nach dem Bau der U–Bahn in Wien kam es in den Jahren 1984 – 1987 zu einem dramatischen Anstieg der Suizide und Suizidversuche auf den Gleisen der Untergrundbahn, über die in den Medien intensiv und plakativ berichtet wurde. Als der österreichische Verein für Suizidverhütung mit den Journalisten und Zeitungsredaktionen Kontakt aufnahm und Empfehlungen für eine zurückhaltendere und suizidpräventive Berichterstattung gab (Aufklärung der Medien über den Werther-Effekt) und den Kontakt zu den Journalisten weiter aufrecht erhielt, konnte im Jahr 1987 die Suizidrate bzgl. dieser Methode um 60% gesenkt und auch in den fünf Folgejahren auf niedrigerem Niveau stabilisiert werden. In der Schweiz konnten Michel et al. (2000) zeigen, dass sich nach einer breit gestreuten Kampagne zur Suizidberichterstattung, mit Pressekonferenz und Publikation von Richtlinien für Medienschaffende, die Qualität der Berichterstattung besserte, d.h. Berichte über Suizide weniger sensationell aufgemacht waren (z.B. weniger explizite Bilder mit der Suizidmethode bzw. dem Suizidort, weniger reisserische Überschriften). Ein allfälliger Einfluss auf die Suizidrate konnte allerdings mit dieser Untersuchung aus methodischen Gründen nicht gezeigt werden. 1.6 Suizidprävention durch Reduktion der Verfügbarkeit von Suizidmethoden In England und Wales wurde 1963 das kohlenmonoxid-haltige Haushaltsgas detoxifiziert. Dies hat anhaltend zu einer Reduktion der Suizide mit Haushaltsgas geführt. Als Methode der 1 Einleitung 23 Evaluation dieser Massnahme wurde ein Vergleich der Anzahl der Suizide mit und ohne COVergiftung vor und nach der CO-Entgiftung des Haushaltsgases herangezogen. Die Zahl der Suizide sank um 20% ohne Kompensation durch andere Suizidmethoden. Die Verfügbarkeit von potentiell gefährlichen Medikamenten spielt ebenfalls eine Rolle. So wurde in verschiedenen Untersuchungen gezeigt, dass der Rückgang der Rezepte für die in der Überdosis toxischen Barbiturate die Häufigkeit der tödlich endenden Überdosen reduzierte. In England hatte auch die Abpackung des Schmerzmittels Paracetamol, das in der Überdosierung tödliche Leberschäden zur Folge haben kann, in Aluminiumblister einen deutlichen Abfall der Lebertransplantate zur Folge. Im Weiteren gibt es mehrere Untersuchungen, die zeigen, dass eine Verschärfung der Waffengesetzgebung eine Reduktion der Anzahl Suizide mit Schusswaffen zur Folge hat. In Washington D.C. wurde dabei nicht nur ein Rückgang der Schusswaffensuizide um 23%, sondern eine Reduktion der gesamten Suizidrate um 9% gefunden. 1.7 Sicherung von Orten grosser Höhe 1.7.1 Zum Beispiel: Sicherheitsnetze an der Berner Münsterplattform Die Münsterplattform in Bern ist ein ca. 35 m hoch gelegener Park oberhalb des Mattequartiers. Wiederholt und häufiger als an der Kirchenfeldbrücke haben sich hier Menschen durch Sprung das Leben genommen. Wegen der Bedrohung der Menschen unterhalb der Plattform kam es zu einem massiven Medieninteresse. 1998 wurden zum Schutz der Menschen, welche im Mattequartier wohnten Sicherheitsnetze ca. 7 Meter unterhalb der weniger als 1 Meter hohen Mauer gespannt. Der mögliche suizidpräventive Effekt wurde vor dem Bau in Frage gestellt. Die Netze sind unvollständig, sie verhindern im Wesentlichen den Sprung auf den Asphalt, lassen aber theoretisch den wahrscheinlich weniger letalen Sprung auf die Gärten (Höhe ca. 25-35 Meter) rechts und links zu. Unsere Arbeitsgruppe untersuchte die Auswirkungen des Netzes auf Sprünge von der Plattform und die Anzahl der Suizidsprünge in der Agglomeration Bern. Es zeigte sich, dass keine Suizide im Zeitraum 1998 bis 2002 an der Plattform erfolgt waren. Ferner konnte gezeigt werden, dass es zu insgesamt weniger Suizidsprüngen im gleichen Zeitraum in der Agglomeration Bern gekommen war. An der nahen Kirchenfeldbrücke und Kornhausbrücke (Entfernung zu beiden Brücken ca. 400 Meter) hatte sich die Anzahl der Sprünge entgegen der Erwartung vorübergehend fast halbiert. Insgesamt 24 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen zeigen diese Ergebnisse, dass die Suizidverhinderung an einem Hotspot die Suizidrate an nahe gelegenen anderen Hotspots nicht automatisch erhöht. Bemerkenswert ist auch ein weiteres Ergebnis der Studie: Es fand sich eine Korrelation zwischen der Anzahl von Medienreporten und der Anzahl der Menschen, die ausserhalb der Agglomeration wohnten. Oder mit anderen Worten je mehr Medienberichte in einem Jahr gefunden wurden, desto häufiger reisten die Menschen von entfernteren Regionen an, um sich zu suizidieren. Dieses Ergebnis ist somit ein Hinweis darauf, dass Medien für den Werther-Effekt mitverantwortlich sind (Reisch & Michel, 2005). 1.7.2 Weitere wichtige Arbeiten Eine umfassende Arbeit zum Thema Suizidprävention von Brücken ist die Studie von Richard H. Seiden zur Golden Gate Bridge (Seiden 1978). Um eine wirksame Suizidprävention an der Golden Gate Bridge durchzuführen, wurde immer wieder dringlich in Erwägung gezogen, das 3 ½ Fuss hohe Brückengeländer auf 8 Fuss zu erhöhen. Das Projekt wurde jedoch stets mit der Begründung abgelehnt, dass solch eine Barriere keinen Sinn machen würde, da „der gesunde Menschenverstand uns sagt, dass ein Mensch, der an einem Ort vom Suizid z.B. durch eine Barriere zurückgehalten worden ist, einfach woanders hingehen wird, um Suizid zu begehen“. Seiden widmete seine Studie dem Ziel, dieses Argument zu überprüfen. Erfasst wurde die Überlebensdauer von 515 Personen, die zwischen 1934 und 1971 an der Golden Gate Bridge von Patrouillen vor dem Sprung in die Tiefe zurückgehalten wurden. Seiden untersuchte, wie viele dieser 515 Personen sich im späteren Leben suizidiert haben: 4,9 Prozent der 515 Personen sind innerhalb der nächsten 26 Jahre (Mittelwert) an Suizid gestorben, alle anderen Personen sind an einer anderen Todesursache verstorben oder waren noch am Leben. In der Diskussion dieser Resultate müssen wir zwischen dem aktiven Zurückhalten einer Person von einem Suizidversuch und dem Aufstellen einer Barriere unterscheiden. Das aktive Zurückhalten eines Menschen von einem Suizidversuch ist eine besonders wirkungsvolle Intervention, die häufig zur Folge hat, dass diese Person einer medizinischen Behandlung zugeführt wird. Die ledigliche Konfrontation mit einer Barriere kann zu unterschiedlichen Überlegungen führen. Im Idealfall wird in weiterer Folge ein Suizidversuch unterlassen, die Person „wacht auf“, in einer Situation, die ohnehin durch grosse Ambivalenz charakterisiert ist. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, dass der suizidale Mensch sich später eine andere 1 Einleitung 25 Brücke oder eine andere Methode sucht, um Suizid zu begehen. Im Falle dieser so genannten Methodensubstitution besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Person sich eine weniger letale Methode sucht, dass es zum Beispiel anstatt zu einem Sprung aus grosser Höhe zum Suizidversuch mit Medikamenten kommt. Insgesamt bieten sich bei Brücken folgende Möglichkeiten der Suizidprävention an: • Regelmässige Polizeipräsenz („Polizeistreifen“), bzw. Präsenz von Freiwilligen • Bauliche Massnahmen: Barrieren, Absperrungen, Netze • Hinweistafeln auf Tel. 143, Die Dargebotene Hand 26 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen 2 Methode 2 Methode 2.1 Forschungsplan im Überblick 27 Mit Hilfe der vorliegenden Studie wurden folgende Sachverhalte erfasst: • Erfassung der Brücken in Bezug auf Suizidzahl, technische Daten und präventive Massnahmen. • Erfassung der Medienberichterstattung über Suizide durch Sturz von Brücken. Mit Hilfe dieser Daten wurden folgende Hypothesen überprüft: • Suizidpräventionsmassnahmen bei Brücken haben einen Einfluss auf die Anzahl der Suizide. • Medienberichterstattung über Suizide durch Sturz von Brücken hat einen Einfluss auf die Anzahl der Suizide. Am Ende der Arbeit wurde auf Basis der durchgeführten Analysen Empfehlungen für mögliche Präventionsmassnahmen beim Neubau sowie der Sicherung bestehender Brücken formuliert. 2.2 Datenerfassung Folgende Daten wurden erfasst: - Anzahl der Suizide von Schweizer Brücken von 1990 – 2004 - Anzahl der jeweiligen Suizide an spezifischen Brücken - Datum der Suizide - Medienberichterstattung zu den Suiziden von Brücken mit Datum und quantitativen sowie qualitativen Angaben - Technische Daten der Brücken - Erfassen vorhandener Präventionsmassnahmen - Auswertung der Präventionsmassnahmen 28 2.2.1 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Brücken 2.2.1.1 Allgemeine Erfassung Als Erstes ging es darum, in allen Kantonen der Schweiz herauszufinden, von welchen Brücken Menschen sich durch Sprung in die Tiefe suizidieren, um anschliessend die Hotspots identifizieren zu können. Über das Bundesamt für Statistik erhielten wir Daten zu Suizid durch Sturz aus grosser Höhe (bis einschliesslich 2001; Die Datenerhebung des BFS zu späteren Jahren war noch nicht abgeschlossen). Aus den BFS-Daten gingen der Ort des Suizids, der Wohnort des Suizidenten, der Sterbeort und das Geschlecht hervor. In den Berechnungen wurden ferner BFS-Daten zu Einwohnerzahlen der Kantone einbezogen, um den relativen Anteil von Sturz durch Suizid und Brückensturz an allen Suiziden durch Sprung in die Tiefe auf einer kantonalen Ebene berechnen zu können. Ferner dienten diese Daten dazu, Vergleiche zwischen den Kantonen mit einer hohen Anzahl von Brückensuiziden und solche mit einer nur geringen Anzahl von Brückensuiziden durchzuführen. 2.2.1.2 Erfassung einzelner Brücken Durch Kontaktaufnahme mit den rechtsmedizinischen Instituten der Schweiz, mit der jeweiligen Kantonspolizei und mit den zuständigen Bezirksärzten konnten wir diese Daten konkretisieren. Unter Einhaltung der Schweigepflicht nahmen wir Akteneinsicht in die Berichte der rechtsmedizinischen Institute und gelangten so an die Akten zu den einzelnen Brückensuiziden. In anonymisierter Form erfassten wir in den Instituten die soziodemographischen und die medizinisch anamnestischen Daten der Suizidenten, um neben dem Auffinden der Hotspots weitere Rückschlüsse auf das Thema Brückensuizid ziehen zu können. Eine Akteneinsicht bei der Polizei und bei den Bezirksärzten war meist nicht möglich, in diesem Fall wurden uns die Eckdaten über die stattgefundenen Brückensuizide in anonymisierter Form von den betreffenden Stellen zur Verfügung gestellt. Die technischen Daten zu den Brücken konnten wir über die jeweils zuständigen Tiefbauämter in Erfahrung bringen, ebenso die baulichen Veränderungen an den Brücken, die im Sinne der Suizidprävention oder aus anderen Gründen vorgenommen worden sind. Das Datum des Anbringens der Schilder von Die Dargebotene Hand (143) erfuhren wir über die Tiefbauämter oder direkt über die Leiter von Die Dargebotene Hand der verschiedenen Kantone. 2 Methode 29 Tabelle 1: Übersicht Datenquellen Datenquelle Anzahl Tote durch Sprung BFS1 IRM2 Kantonsärzte Polizei Bezirksärzte ja ja Ja ja ja Anzahl der Suizide pro Brücke nein ja ja ja ja Soziodemographische Daten nein ja teilweise teilweise teilweise Medizinische Daten nein ja teilweise nein teilweise Bedingt durch den Sachverhalt, dass Daten aus unterschiedlichen Quellen gewonnen werden mussten, welche ausserdem einer kantonal unterschiedlichen Reglementierung der Datenfreigabe unterlagen, ergab sich eine unterschiedliche Vollständigkeit der gewonnenen Daten. Tabelle 2: Geschätzte Vollständigkeit der Daten (Hotspots) Vollständigkeit Bern Zug Waadt Wallis Genf Appenzell AR Graubünden Fribourg St. Gallen Obwalden Luzern Basel Stadt Basel Land Solothurn Aargau Jura Thurgau Nidwalden Appenzell IR Uri Schwyz Zürich Schaffhausen Neuenburg Glarus Tessin1 1 Anzahl Brückensuizid pro Brücke vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig keine Brückensuizide unvollständig keine Brückensuizide keine Brückensuizide keine Brückensuizide keine Brückensuizide keine Brückensuizide vollständig keine Brückensuizide keine Brückensuizide nicht erfasst Technische Daten vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig vollständig nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden Soziodemographische Daten vollständig unvollständig unvollständig unvollständig vollständig unvollständig vollständig unvollständig vollständig unvollständig unvollständig vollständig unvollständig vollständig unvollständig Medizinische Daten vollständig nicht vorhanden vollständig unvollständig vollständig unvollständig unvollständig unvollständig unvollständig nicht vorhanden nicht vorhanden vollständig unvollständig unvollständig unvollständig nicht vorhanden unvollständig unvollständig nicht vorhanden unvollständig unvollständig Aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken wurden die Daten nicht freigegeben. Das hierfür nötige Prüfungsverfahren hätte die Dauer der Studie zeitlich überschritten. 1 Bundesamt für Statistik 2 Institut für Rechtsmedizin 30 2.2.2 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Medienberichte Die Medienberichte recherchierten wir im Internet unter Swissdox (www.swissdox.ch), indem wir für einen unbestimmten Zeitraum zu jedem Hotspot Suchbegriffe in Form von Einzelbegriffen oder Begriffskombinationen zum Thema Brückensuizid machten, die relevanten Berichte herausfilterten und standardisiert auswerteten. Die qualitative Erfassung beinhaltete den Suizidort (die Brücke), das Datum des Suizids, die berichterstattende Zeitung, Art und Ausführlichkeit der Berichterstattung, allfälliges Bildmaterial, den Inhalt (bestimmter Suizid, Suizidversuch, Suizid und Tötungsdelikt, Suizid allgemein und Suizidprävention), die Angaben zur Person, Erwähnung von mitbetroffenen Personen. Tabelle 3: Medienberichterstattung: Suchbegriffe und Suchkombinationen(deutsch) Suchkombinationen Suizid Freitod Selbsttötung Selbstmord Sprung Sturz Suizidprävention Präventionsmassnahmen sich töten sich umbringen sich ermorden Stürzen Springen Todessturz Todessprung Einzelsuchbegriffe Brückensuizid Suizidbrücke Brückensturz Brückensprung Todesbrücke Brückendrama Brücke Sprung Sturz Höhe Selbstmord erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst Freitod Selbsttötung Suizid erfasst erfasst Erfasst Erfasst erfasst erfasst Tabelle 4: Medienberichterstattung: Suchbegriffe (französisch) Suchkombinationen Suicide automise à mort se tuer Chute Saut S'assassiner se suicider Pont mesures prévention pont erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst chute saut hauteur sauter tomber erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst erfasst 2 Methode 2.2.3 31 Angaben zu Suizidpräventionsmassnahmen an Brücken weltweit Internet: Google, Eingabe einer Auswahl oben genannter Suchbegriffe auf Deutsch, Englisch und Französisch. Die Literatursuche wurde mit Hilfe von Pubmed (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi ) durchgeführt. Ferner wurden Suizidexperten in Deutschland und Österreich kontaktiert. 2.2.4 Statistische Berechnungen Über die Erfassung von direkten Daten hinaus wurden folgende statistische Berechnungen durchgeführt: 2.2.4.1 Korrelation zwischen Suiziden und der Medienberichterstattung Bei dieser Berechnung werden Medienberichte und deren zeitlicher Zusammenhang zu Suiziden untersucht. Korrelationen im Allgemeinen zeigen Zusammenhänge auf, ohne aber die Richtung der Kausalbeziehung aufzeigen zu können. Wird ein Zusammenhang gefunden bleibt somit unklar, ob Medienberichte als Folge der Suizide zu sehen sind, oder ob Medienberichte Suizide nach sich gezogen haben. Es kann vermutet werden, dass beides der Fall ist, die interessante, aber mit dieser Methode nicht zu klärende Frage ist, welcher Anteil an der Korrelation der zweiten Möglichkeit (Einfluss der Medienberichte auf Folgesuizide) zukommt. 2.2.4.2 Quantifizierung des Werther-Effektes Ein Werther-Effekt (Copy-cat/Nachahmungseffekt) ergibt sich, wenn Menschen eine Suizidhandlung, über die berichtet wurde, nachahmen. In Bezug auf Brücken sind die Medien, aber auch direkte Mundpropaganda denkbare Wege. Folgende Zusammenhänge können erwartet werden: 1. Bei Brücken, über die in den Medien berichtet wird, kommt es zu einer Zunahme der Suizide. 2. Es ist zu erwarten, dass durch Medienberichte über einen speziellen Suizidfall die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Suizids erhöht ist, z.B. in einem Zeitraum von 1 – 2 Monaten nach dem Suizid. 32 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen So wurde zum Beispiel nach der Sendung „Tod eines Schülers“ (ZDF, 1981 und 1982) eine erhöhte Anzahl von Suiziden nach Ausstrahlung des Fernsehfilmes beobachtet. Übertragen auf das Problem Brückensuizide heisst dies, dass es nach einem erfolgten Suizid häufiger zu einem Folgesuizid in kurzem zeitlichem Abstand kommt. Zwei Suizide, welche in kurzem Abstand aufeinander erfolgen, könnten jedoch auch nur zufällig kurz hintereinander erfolgen, ohne dass der zweite Suizid etwas mit dem ersten zu tun hat. Es muss also zunächst erst einmal berechnet werden, wie sich die Suizide verteilen, wenn sie zufällig, d.h. voneinander unabhängig erfolgen würden. Um dies zu untersuchen wurde folgendes Vorgehen gewählt: Für jede Hotspot-Brücke, bei der genau datierte Suizide vorliegen, wurde die gleiche Anzahl von Suiziden zufällig in den Untersuchungszeitpunkt verteilt, ein Vorgehen, das in der Statistik mit dem Fachbegriff „Surrogatstichprobe“ umschrieben wird. Für jeden Hotspot individuell wurden 50 Surrogatstichproben gebildet. Im zweiten Schritt wurde nun untersucht, ob eine zeitlich schnellere Folge von Suiziden bei einem jeweiligen Hotspot im Vergleich zum Mittel der zugehörigen Surrogatstichproben gefunden werden kann. Oder mit anderen Worten: Liegen die Suizide zeitlich im Mittel näher zusammen, als dies erwartet werden könnte? In den unten genannten Analysen haben wir die Zeitspanne von 2 Monaten zwischen Original- und Surrogatstichprobe nach dem Suizid verglichen. Die Ergebnisse beantworten somit die Frage, ob sich innerhalb von 2 Monaten nach einem Suizidversuch häufiger als erwartet ein weiterer Suizidversuch ergeben hat. In einem weiteren Schritt haben wir untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen Medienberichten und dem quantifizierten Werther-Effekt besteht. 2.2.4.3 Mythos-Effekt Im Gegensatz zu dem oben erwähnten Beispiel bei der Aussendung des Filmes ist bei Brücken zu erwarten, dass sich ein Mythos entwickelt. Damit ist ein zeitlich überdauerndes Wissen gemeint, dass man sich von der oder jener Brücke suizidieren kann. Diese kann durch Mundpropaganda erfolgen, sich in Redensarten niederschlagen (z.B. „wenn ich nicht mehr weiterweiss, spring ich von der XY-Brücke“), oder ein überdauerndes Wissen durch Medienberichte sein. Ein Mythoseffekt könnte durch Bevölkerungsbefragungen quantifiziert werden. Dies überstiege aber die Möglichkeiten der vorliegenden Arbeit. Dagegen scheint es möglich abzuschätzen, welche der gefundenen Hotspots im direkten Vergleich einen stärkeren Mythos-Effekt haben. Drei Aspekte wurden bei der Abschätzung berücksichtigt: 2 1. Methode 33 die Anzahl der Suizide, welche ganz allgemein die Bekanntheit der Brücke als Suizidbrücke widerspiegelt, 2. die Steigerung der Suizide pro Jahr, welche indirekt die Dynamik der Bekanntheit zeigt (positive Steigung entspricht einer zunehmenden Bekanntheit) sowie 3. die Anzahl der Medienberichte, welche die Bekanntmachung widerspiegelt. Es wurde eine Rangliste der Hotspots für jede der drei Kriterien erzeugt und ein Gesamtrang durch Rangaddition berechnet. 2.2.4.4 Effekte von Präventionsmassnahmen Hier müssen allgemeine Massnahmen (z.B. Schilder von Die Dargebotene Hand) von unvollständigen Massnahmen (z.B. kurzstreckige Absperrungen zur Sicherheit darunter wohnender Menschen) und von vollständigen Massnahmen (insbesondere Geländererhöhungen) unterschieden werden. Die allgemeinen Massnahmen werden zusammengefasst dargestellt. Unvollständige und vollständige Massnahmen werden sowohl zusammengefasst als auch einzeln evaluiert. 34 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen 3 Ergebnisse 35 3 Ergebnisse 3.1 Suizide durch Sprung von Brücken bzw. Sturz in die Tiefe Für den Gesamtzeitraum von 1990 bis 2004 konnten insgesamt 475 Brückensuizide ermittelt werden. Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Zahl konservativ ist, d.h. die wirkliche Zahl wahrscheinlich geringfügig höher liegt. In einigen Kantonen konnten aufgrund der systematischen Erfassung durch einzelne Behörden sichere Daten gewonnen werden (im Folgenden als „Kantone mit sicherer Erfassung“ genannt), bei anderen Kantonen wurden Einzelbeobachtungen zusammengestellt. Die 475 Brückensuizide verteilen sich auf 141 Brücken. Der Anteil der Suizide durch Brückensprung an der Gesamtzahl aller Suizide durch Sprung in die Tiefe (Daten durch das BFS erhoben) kann wegen der zeitlich verzögerten Datenerfassung des BFS nur bis 2001 berechnet werden, er liegt im Zeitraum 1990 bis 2001 bei 20.1% (alle erfassten Kantone) respektive bei 22.3% in Kantonen mit sicherer Erfassung von Brückensuiziden. Brückenstürze sind zunehmend häufiger geworden, so hat sowohl die Gesamtzahl der Brückensprünge (F-Test; F=10.24; p= .007), als auch der Anteil der Brückenstürze an allen Suizidstürzen im Beobachtungszeitraum 1990 bis 2001 in der Schweiz signifikant zugenommen (F-Test; F=5.83; p= .036). Abbildung 1: Brückensuizide in Kantonen mit sicherer Erfassung 35 30 20 Brückensuizide 15 Linear (Brückensuizide) 10 5 04 03 20 02 20 01 20 00 20 99 20 98 19 97 19 96 19 95 19 94 19 93 19 92 19 91 19 19 90 0 19 Suizide pro Jahr 25 36 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Abbildung 2: Relativer Anteil der Brückensuizide an der Suizidmethode „Sturz in die Tiefe“ (nur Kantone mit sicherer Erfassung) 40 35 30 Anteil der Brückensprünge in % 25 20 Linear (Anteil der Brückensprünge in %) 15 10 5 0 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 Tabelle 5 zeigt die absolute Anzahl der Brückensuizide sowie die Anzahl der Brückensuizide pro 10’000 Einwohner pro Kanton. Tabelle 5: Suizide durch Brückensturz in der Schweiz Kanton Einwohnerzahl AI NW JU GL SZ UR NE ZH BL TG AG SO BS GE SH LU BE VS SG GR VD FR OW ZG AR 14'995 38'897 69'196 38'380 133'358 35'246 166'949 1'242'488 263'194 229'882 556'229 246'504 186'871 419'254 73'916 352'311 950'209 281'020 455'193 186'105 631'999 242'679 32'999 102'247 53'189 Brückensuizide total 0 0 0 0 0 0 0 3 2 2 7 4 7 23 2 9 72 47 49 28 107 41 7 41 24 Brückensuizid pro 10000 Einwohner pro Jahr 0.00 0.00 0.00 0.00 0.00 0.00 0.00 0.03 0.08 0.09 0.13 0.16 0.37 0.55 0.27 0.26 0.76 1.67 1.08 1.50 1.69 1.69 1.82 4.01 4.51 Anteil der Brückensuizide an allen Suiziden durch Sturz in % 0 0 0 0 0 0 0 1.4 4.4 7.7 9 9.1 9.9 11.6 14.3 16.1 30.4 47.5 57 57.1 59.4 61.2 66.7 95.3 100 Erfassungsperiode der Brückensuizide 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1996 - 2003 1994 - 2004 1995 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 1990 - 2004 3 Ergebnisse 3.2 37 Methodenverlagerung: Kantone mit bzw. ohne Brückensuizide Ein Brückensuizid setzt voraus, dass es eine Brücke gibt. Im Umkehrschluss gilt, dass Kantone mit weniger Brücken auch weniger Brückensuizide haben. Wir untersuchten die Frage, ob es in Kantonen mit weniger Brückensuiziden mehr Suizide durch andere Stürze (z.B. Sprung vom Hochhaus) gibt. Damit die Anzahl der Brückensuizide vergleichbar wird, wurde eine relative Anzahl der Brückensuizide pro 10’000 Einwohner pro Jahr für jeden Kanton berechnet. Die Daten wurden dann in 2 Gruppen aufgeteilt (dichotomisiert): in Kantone mit überdurchschnittlichem Anteil von Brückensuiziden (BE, VS, SG, GR, VD, FR, OW, ZG, AR) und solche mit unterdurchschnittlichem Anteil an Suiziden durch Brückensprung (AI, NW, JU, GL, SZ, UR, NE, ZH, BL, TG, AG, SO, BS, GE, SH, LU), siehe Tabelle 6. Rein statistisch gab es hierbei keine Unterschiede zwischen den Gruppen in Bezug auf Einwohnerzahl pro Kanton. Tabelle 6: Methodenverlagerung Alle Suizide durch Sturz pro 10’000 Einwohner pro Jahr Brückensuizide pro 10’000 Einwohner pro Jahr Suizid durch Sturz ohne Brückensuizide pro 10’000 Einwohner pro Jahr Kantone mit unterdurchschnittlichem Anteil von Brückensuiziden 1.75 0.12 1.63 Kantone mit überdurchschnittlichem Anteil von Brückensuiziden 3.06 2.08 0.98 Kantone mit einem geringen Anteil an Brückensuiziden zeigen 1.75 Suizide durch Sturz pro 10’000 Einwohner pro Jahr, wohingegen Kantone mit einem hohen Anteil an Brückensuiziden mit 3.06 einen um 75% höheren Wert zeigen. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant (t-Test, parametrisch, t=2.748, p= .011; bzw. Wilcoxon-Test, non-parametrisch, W= 160.5, p= .005). Aus den obigen Zahlen kann die Verschiebung von Brückenstürzen auf andere Stürze (Methodenverlagerung) abgeschätzt werden: Falls sich die Menschen in Kantonen mit vielen Brückensuiziden nicht mehr von der Brücke stürzen könnten, würden sie entweder sich von einem anderen Ort stürzen oder eine andere Suizidmethode benützen oder sich nicht das Leben nehmen. Aufgrund der Zahlen kann lediglich geschätzt werden, wie viele sich von einem anderen Ort stürzen würden. Dies berechnet sich an Hand folgender Formel: 38 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Methodenverlagerung von Brücke zu einem Sturz von andere Stürze Ktw – andere Stürze Ktv = 100 * --------------------------------------------------- = 33.2% einem anderen Ort (in %) Brückensuizide Ktv – Brückensuizide Ktw Ktw= Kantone mit wenigen Brückensuiziden Ktv= Kantone mit vielen Brückensuiziden Unter der Annahme, dass keine anderen Einflussfaktoren für die unterschiedlichen Zahlen zwischen Kantonen mit und ohne Brückensuiziden verantwortlich sind, würden im Mittel nur 33.2% von einem anderen Ort in die Tiefe springen. Umgekehrt bedeutet dies, dass sich der grössere Teil der Menschen (66.8%) nicht von anderen Bauwerken stürzen würde, wenn es keine Brücke gäbe. 3.3 Hotspots Von 23 Brücken suizidierten sich im Beobachtungszeitraum mehr als 6 Menschen. Diese Brücken mit gehäuften Suiziden werden im Weiteren als Hotspots bezeichnet. Es sind dies folgende Brücken: Tabelle 7: Hotspots Kanton Anzahl Suizide Beobachtungszeitraum Suizide pro Jahr (Mittelwert) 1 Pont Bessière VD 47 1990 - 2004 3.13 2 Alte und neue Lorzentobelbrücke ZG 41 1990 - 2004 2.73 3 Kirchenfeldbrücke BE 30 1994 - 2004 2.73 4 Kornhausbrücke BE 13 1994 - 2004 1.18 5 Rothenbachbrücke LU 9 1996 - 2003 1.13 6 Fürstenlandbrücke SG 17 1990 - 2004 1.13 7 Pont de Fénil VD 15 1990 - 2004 1.00 8 Pont Butin GE 15 1990 - 2004 1.00 9 Ganterbrücke VS 11 1994 - 2004 1.00 10 Pont de Gueuroz VS 14 1990 - 2004 0.93 11 Haggenbrücke AR 13 1990 - 2004 0.87 12 Pont de Zähringen FR 9 1990 - 2004 0.60 13 SBB Brücke über Sitter SG 9 1990 - 2004 0.60 14 Lorrainebrücke BE 6 1994 - 2004 0.55 15 Gorges de la Lienne VS 6 1994 - 2004 0.55 Hotspot 3 Ergebnisse 39 16 Fussgängersteg des Sitterviaduktes der N1 SG 8 1990 - 2004 0.53 17 Pont de Gilamont VD 8 1990 - 2004 0.53 18 Pont Chauderon VD 7 1990 - 2004 0.47 19 Pont du Gottéron FR 7 1990 - 2004 0.47 20 Pont de la Glâne FR 7 1990 - 2004 0.47 21 Salginatobelbrücke GR 7 1990 - 2004 0.47 22 Hohe Brücke OW 7 1990 - 2004 0.47 23 Hundwilertobelbrücke AR 6 1990 - 2004 0.40 Die vollständige Tabelle der untersuchten Brücken befindet sich im Anhang Nr. 2. Abbildung 3: Karte der Hotspots in der Schweiz >2 Suizide pro Jahr 1-2 Suizide pro Jahr 0.5-1 Suizid pro Jahr Wie auch bei der Gesamtheit der Brücken zeigt sich in der Erfassungsperiode eine absolute Zunahme von Suiziden bei Hotspots (F-Test; F=7.55; p=.017). Anmerkung: Der „Peak“ im Jahre 1996 ist hauptsächlich durch eine Serie von Suiziden bei der Pont de Fénil im Jahre 1996 bedingt. 40 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Abbildung 4: Suizide (Hotspots mit einer Erfassung ab 1990) 28 26 24 Suizide pro Jahr 22 Suizide pro Jahr 20 Linear (Suizide pro Jahr) 18 16 14 12 10 1994 1995 3.3.1 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 Technische Daten der Hotspots 10 der 23 als Hotspots bewerteten Brücken befinden sich in einem Stadtkern und 82% aller als Hotspots bewerteten Brücken befinden sich in einer Entfernung von 5 oder weniger Kilometern von einem Stadtkern. Mit Ausnahme der Pont Bessière und der Pont Chauderon sind alle Brücken höher als 30 Meter. Hotspots ausserhalb eines Stadtkerns sind signifikant häufiger hohe Brücken. Im Stadtkern wird häufiger auch von niedrigeren Brücken gesprungen (t-Test; t=3.34, p= .003 bzw. Wilcoxon-Test; W=29, p> .001). Unter den Hotspots finden sich zwei Autobahnbrücken, wobei bei beiden Brücken ein vorhandener zusätzlicher Fussgängerweg zum Suizid benutzt wird, nicht die Autobahn selbst. Wie oben schon erwähnt, wurde der Kanton Tessin nicht erfasst. Hier befindet sich eine Autobahnbrücke, von der sich voraussichtlich eine grössere, aber leider nicht genau bestimmte Anzahl von Menschen gestürzt hat. Ausserhalb der Hotspots fanden sich bei den nicht Hotspot Brücken insgesamt 13 Suizide von Autobahnbrücken. Andere technische Daten der Hotspot Brücken zeigten keine statistisch signifikanten Ergebnisse. 3 Ergebnisse 41 Tabelle 8: Technische Daten der Hotspots Pont Bessière Lorzentobelbrücken Kirchenfeldbrücke Kornhausbrücke Rothbachbrücke Pont Butin Pont de Fénil Fürstenlandbrücke Haggenbrücke Pont de Gueuroz Ganterbrücke Pont Zähringen Fussgängersteg des Sitterviaduktes der N1 Lorrainebrücke Pont Chauderon Pont de Gilamont Pont de la Glâne Pont du Gottéron SBB-Brücke über Sitter Gorges de la Lienne Hohe Brücke Hundwilertobelbrücke Salginatobelbrücke Höhe Länge Breite Geländerhöhe Entfernung zum Stadtzentrum Entfernung zur psychiatrischen Klinik Entfernung zum Akutspital 23 56 39 38 31 58 95 60 99 54 150 43 160 480 229 382 128 485 230 489 356 178 678 273 15.6 12 13 13 16.3 23 6.5 15 2.3 12 12 7.5 1.55 1.05 1.13 1.13 0.95 1.2 1.45 1.2 1.1 1.1 1.18 1.1 0 5 0 0 0 3.4 2 0.8 6 3.9 4.4 3 3.3 7 5.4 5 4.6 9 7.85 2 11.4 19 22 27.6 1.3 5.5 2.1 1.6 7.9 5.2 2 3.6 4.6 2.9 4.4 3.6 55 675 3.9 1.29 1.2 2.1 3.7 38 18 47 80 189 63 96 100 76.5 90 178 190 394 168 168 209 72 30 269 132 18 19.2 12.1 11 5.4 13 5.8 7.5 8.4 3.5 1.15 1.11 0.95 2 1.1 1.29 1.1 1.22 1.15 1.1 0 0 0 3 5.1 0.8 8.6 3.5 4 30 3.9 4 7.85 27.6 17.3 2 57 3.5 4 29.5 1 1.7 1 3.6 5.1 3.6 8.6 3.5 4 4.6 3.4 Mediendaten 3.4.1 Hotspots Insgesamt konnten wir nach oben beschriebenen Suchbegriffen bei 11 Hotspots Medienberichte zum Thema Brückensuizid finden, und zwar zur Pont Bessière, Lorzentobelbrücke, Kirchenfeldbrücke, Pont Butin, Haggenbrücke, Fürstenlandbrücke, Pont Zähringen, SBB Sitterviadukt, Pont Chauderon, Pont du Gottéron und zur Hohe Brücke. Zu nachstehender Tabelle ist zu sagen, dass es sich beim Grossteil der Berichterstattung über konkrete Suizide bei den einzelnen Brücken um den selben Suizid handelt, der in diesem Fall meist sehr spektakulär war, unter besonderen Umständen stattfand, besondere Fragen aufwarf, oder mit einem Mord oder Familiendrama assoziiert war. Weiter wurden in vielen Fällen in ein- und demselben Bericht mehrere Themen wie Suizid, Suizidproblematik allgemein und Suizidprävention behandelt. 42 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Tabelle 9: Medienberichte Hotspots Pont Bessière Lorzentobelbrücken Kirchenfeldbrücke Pont Butin Pont de Fénil Pont de Gueuroz Haggenbrücke Fürstenlandbrücke Kornhausbrücke Ganterbrücke Pont de Zähringen SBB Brücke über Sitter Rothenbachbrücke Fussgängersteg des Sitterviaduktes der N1 Pont de Gilamont Pont Chauderon Pont du Gottéron Pont de la Glâne Salginatobelbrücke Lorrainebrücke Hohe Brücke Hundwilertobelbrücke Gorges de la Lienne Anzahl der Berichte 38 14 16 1 0 0 2 5 0 0 1 1 0 0 0 2 8 0 0 0 15 0 0 S SA SP FD 15 12 15 28 7 1 37 6 1 11 7 1 1 1 2 1 2 1 1 1 2 6 7 10 5 1 SV M fS 2 1 1 2 11 7 1 1 3 12 12 S = bestimmter Suizid SA = Suizid allgemein SP = Suizidprävention FD = Familiendrama SV = Suizidversuch M = Mord fS = fiktiver Suizid 3.4.1.1 Medienberichterstattung und Werther-Effekt Zur Untersuchung des Werther-Effektes wurden zunächst die Daten zur Medienberichterstattung über Brückensuizide analysiert: Die Anzahl der Medienberichte hat seit 1997 deutlich zugenommen (F-Test, F= 33.83, p< .001). Von 1990 bis 1997 wurden 11 Berichte gefunden, wohingegen in den Jahren 1998-2005 insgesamt 96 Medienberichte veröffentlicht wurden. Die Anzahl der Medienberichte korreliert hoch mit der Anzahl der Suizide von Brücken (Pearson Korrelation, r=0.806; p< .001). Die Anzahl der Medienberichte zeigte eine statistisch signifikante Korrelation mit der Gesamtzahl der Suizide (höhere Anzahl von Medienberichten geht mit einer höheren Anzahl von 3 Ergebnisse 43 Suiziden einher). Ferner fand sich auch eine Korrelation der Medienberichte mit der Zunahme der Suizide über die Zeit (grosse Anzahl der Medienberichte ging einher mit einer „Beschleunigung“ der Suizidfolge [Anmerkung: Ausgenommen von diesen Analysen wurden Brücken mit baulichen Suizidpräventionsmassnahmen]). Die Anzahl der Suizide einer Brücke zeigte jedoch keine statistisch signifikante Korrelation mit dem Anstieg der Anzahl der Suizide über die Zeit (Brücken mit sehr vielen Suiziden hatten keine stärkere „Beschleunigung“ der Suizidzahlen). Die Kausalbeziehung bleibt bei diesen Ergebnissen jedoch unklar, einerseits sind Medienberichte als Medienreaktion auf vollzogene Suizide zu sehen, anderseits können Suizide auch Folge der Medienberichte sein (im Sinne eines Werther-Effektes). Die Tatsache, dass die Anzahl der Medienberichte signifikant mit der Zunahme der Suizide der jeweiligen Brücke korreliert (Pearson Korrelation, r=0.433, p= .05), die Gesamtanzahl der Brückensuizide aber nicht signifikant mit dem Anstieg der Suizide im zeitlichen Verlauf korreliert, deutet indirekt darauf hin, dass ein Werther-Effekt vorhanden sein könnte. Mit andern Worten: Gibt es viele Medienberichte, so gibt es auch eine stärkere Zunahme der Suizide. Abbildung 5: Anzahl der Medienberichte zum Thema Brückensuizide 30 Anzahl pro Jahr 25 20 15 10 Medienberichte Linear (Medienberichte) 5 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 0 Kommt es nun zu schnell aufeinander folgenden Suiziden bei einer Brücke? Diese Frage wurde mit Hilfe so genannter Surrogatvariablen untersucht. Hierbei wurde die Abweichung der realen Verteilung von Suiziden im zeitlichen Verlauf untersucht und verglichen, ob sich diese von der erwarteten Verteilung unterscheidet. Es wurde untersucht, ob häufiger Suizide 44 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen innerhalb der ersten 2 Monate aufgetreten waren. Bei 18 Brücken lagen zeitlich aufgeschlüsselte Daten (genauer Suizidmonat) vor, so dass dieses Verfahren angewandt werden konnte. Bei 5 der 18 Brücken konnte eine derartige Häufung schnell aufeinander folgender Suizide festgestellt werden, diese waren: die Hohe Brücke, die Kirchenfeldbrücke, die Rothenbachbrücke, die Pont de Fénil und die Fürstenlandbrücke. Bei Brücken mit errechnetem Werther-Effekt fand sich signifikant häufiger gleichzeitig auch eine höhere Zahl von Medienberichten (Kirchenfeldbrücke, Fürstenlandbrücke und Hohe Brücke; Chi2=5.72, p= .017). Dieser Effekt - obwohl statistisch signifikant - basiert jedoch auf einer geringen Zellenbesetzung, ist daher für sich alleine genommen mit Vorsicht zu interpretieren. Tabelle 10: Suizidhäufungen und Medienberichte Keine Suizidhäufungen Eindeutige Häufungen von Suiziden gegenüber Surrogatstichproben 3.4.2 Brücken mit keinen Medienberichten (N) 12 2 86 Brücken mit Medienberichten (N) 1 % 25 14 3 75 % Mythos-Effekt Unter Berücksichtigung des im Methodenteil beschriebenen Rankings rücken fünf Brücken in das Zentrum. Die Kirchenfeldbrücke, die Lorzentobelbrücken und die Pont Butin fallen durch eine hohe Anzahl von Suiziden, eine hohe Anzahl von Medienberichten und einen starken Anstieg der Suizide auf. Die Pont Bessière dagegen zeigt einen Abfall der Anzahl der Suizide, welche wahrscheinlich durch die weiter unter beschriebenen Suizidpräventionsmassnahmen bedingt sind. Bei der Kornhausbrücke kommt es vor allem durch die starke Zunahme der Suizide zu einem hohen Ranking, wohingegen hier nur ein geringes Medieninteresse insbesondere im Vergleich zu der nahe gelegenen Kirchenfeldbrücke besteht. 3 Ergebnisse 45 Tabelle 11: Mythos-Effekt Rang total 1 1 3 4 4 6 7 7 8 9 11 12 12 14 14 16 17 17 19 19 21 22 23 3.5 Kirchenfeldbrücke Lorzentobelbrücken Kornhausbrücke Pont Butin Pont Bessière Fürstenlandbrücke Haggenbrücke Gorges de la Liènne Pont du Gottéron Pont de Gilamont Rothbachbrücke Pont Chauderon Fussgängersteg des Sitterviaduktes der N1 Ganterbrücke Pont de Gueuroz Hohe Brücke Pont de la Glâne Lorrainebrücke SBB-Brücke über Sitter Hundwilertobelbrücke Pont de Fénil Pont de Zähringen Salginatobelbrücke Rang Medienberichte 2 4 12 9 1 6 7 12 5 12 12 7 Rang Suizide 3 2 7 7 1 6 11 15 18 16 5 18 Rang Anstieg der Suizide 3 2 1 7 21 12 13 4 9 5 17 11 12 16 8 12 12 3 12 12 9 12 12 9 12 7 10 22 18 12 12 23 7 12 18 18 15 14 10 16 20 6 23 22 19 Berichte über Brückensuizide in der Schweiz Im Folgenden werden die Brücken mit wiederholter Berichterstattung über Suizide durch Sprung in die Tiefe aufgelistet. Eine ausführliche Beschreibung der einzelnen Brücken mit ihren baulichen und geographischen Charakteristika findet sich im Anhang Nr. 1. 3.5.1 Pont Bessière 38 Medienberichte, davon 15 Berichte zu konkret stattgefundenen Suiziden. Der Grossteil der Berichte handelt von Suizid allgemein und Suizidprävention an der Pont Bessière. Es hat eine gehäufte Berichterstattung diesbezüglich in den Jahren 2001 bis 2003 stattgefunden, als die suizidpräventiven Massnahmen an der Pont Bessière verwirklicht wurden. Weiter gibt es fast jährlich einen Bericht über die suizidpräventiven Massnahmen zu Weihnachten, wo die Brücke durch freiwillige Helfer bewacht wird. 8 der 15 Berichte über konkrete Suizide berichten über den Suizid einer Frau im Januar 04, die das neu erhöhte Geländer mit einer Leiter überwunden hat. Es geht in diesen 8 Berichten 46 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen auch um die Frage, wie sinnvoll präventive Massnahmen sind und ob die Geländererhöhung überhaupt etwas gebracht hat. Bei den weiteren Berichten über einzelne Suizide hat es in einem Fall im selben Monat der Berichterstattung noch einen Suizid gegeben, ob dieser vor oder nach der Berichterstattung war, ist unklar. Im anderen Fall hat es 2 Monate nach der Berichterstattung einen weiteren Suizid gegeben. 3.5.2 Alte und neue Lorzentobelbrücke 14 Medienberichte, 12 dieser Medienberichte handeln von konkret stattgefundenen Suiziden, wobei 11 dieser 12 Berichte vom gleichen, sehr spektakulären, mit einem Familiendrama verbundenen Suizid im Jahr 2005 handeln. In diesen 11 Berichten wurde parallel zum konkreten Fall auch das Thema Suizidprävention an der Lorzentobelbrücke aufgegriffen. Ein Bericht handelt von einem Suizid 1995, weiter gibt es dazu einen kritischen Leserbrief zur stattgefundenen Berichterstattung. Ob es Folgesuizide nach Medienberichterstattung gegeben haben könnte, ist nicht beurteilbar, da uns Daten bezüglich der Monate der Suizide von der Lorzentobelbrücke nicht übermittelt wurden. 3.5.3 Pont Butin Ein Medienbericht zu einem stattgefundenen Suizidversuch im Februar 1998. Es handelt sich um einen sehr konkreten Bericht, wo das Thema sexueller Missbrauch und Suizidalität gestreift wurde. Im März 1998 erfolgte dann ein Suizid auf der Pont Butin, der ein Folgesuizid der Berichterstattung sein könnte. 3.5.4 Kirchenfeldbrücke 16 Medienberichte, alle 16 Berichte handeln von konkret stattgefundenen Suiziden. 13 dieser Berichte teilen sich jedoch auf zwei Suizidfälle auf, die besonders spektakulär waren, da in einem Fall der Suizid mit einem vorangegangenem Tötungsdelikt verbunden war, und im anderen Fall der Suizid unter mysteriösen Umständen stattfand, bei dem mehrere aussenstehende Personen involviert waren. In zwei Fällen der Suizidberichterstattung kam es im gleichen Monat zu einem weiteren Suizid von der Kirchenfeldbrücke, in einem Fall der Berichterstattung fanden in den beiden darauf folgenden Monaten je ein Suizid von der Kirchen- 3 Ergebnisse 47 feldbrücke statt. Es könnte sich also in drei Fällen der Berichterstattung zu Folgesuiziden gekommen sein. 3.5.5 Haggenbrücke 2 Medienberichte, wobei ein Bericht einen konkret stattgefundenen Suizid beschreibt, und eher als Sensationsbericht gestaltet ist. Der zweite Bericht beschäftigt sich mit Suizid allgemein und Suizidprävention, wobei auf das Anbringen der Schilder der Dargebotenen Hand auf der Haggenbrücke Bezug genommen wird. 3.5.6 Fürstenlandbrücke 5 Medienberichte, davon 1 Bericht konkret über einen stattgefundenen Suizid, in diesem Bericht gleichzeitig Behandlung des Themas Suizidprävention an der Fürstenlandbrücke. 2 Berichte über Suizidversuche und 2 weitere Berichte über Suizid allgemein und Suizidprävention. Laut unseren Daten gibt es keinen konkreten Hinweis zwischen Suizidberichterstattung und Folgesuiziden an der Fürstenlandbrücke. 3.5.7 Pont de Zähringen Ein Medienbericht, dieser handelt von einem Suizidversuch eines jungen Mannes. Im Bericht wird auch Bezug genommen zum Thema Suizidprävention, dabei wird die in nächster Nähe zur Pont Zähringen liegende Pont du Gottéron erwähnt. 3.5.8 SBB Brücke über Sitter Ein Medienbericht über Suizid und Suizidprävention, wir fanden keine Berichte über konkret stattgefundene Suizide. 3.5.9 Pont Chauderon Zwei Medienberichte zum Thema Suizid allgemein, keine Berichte über konkret stattgefundene Suizide. 48 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen 3.5.10 Pont du Gottéron Acht Medienberichte, 2 der Berichte handeln von fiktiven Suiziden im Rahmen einer Buchvorstellung eines Krimis. Alle weiteren Berichte handeln von Suizid allgemein und den massiven Suizidpräventionsmassnahmen, die an der Pont Gottéron durchgeführt worden sind. Es gibt keine Berichte über konkret stattgefundene Suizide von der Brücke. 3.5.11 Hohe Brücke 15 Medienberichte, wobei sich 12 dieser Berichte mit einem Tötungsdelikt im Jahr 2003 befassen, bei dem eine Mutter ihre 2 Kinder von der Hohe Brücke gestossen hat. In diesen Berichten wird auch Bezug genommen auf ein ähnliches Delikt 1990, bei dem ebenfalls eine Mutter ihre 2 Kinder von der Brücke gestossen und sich danach durch Sprung der Brücke suizidiert hat. Diese Berichte und die nachfolgenden Berichte 2004 und 2005 befassen sich auch eingehend mit dem Thema Suizid allgemein, Suizidprävention und der Planung von suizidpräventiven Massnahmen an der Hohe Brücke. Im November 1994 gab es noch einen Bericht zu einem konkret stattgefundenen Suizid. 3.6 Präventive Massnahmen bei Brücken in der Schweiz An 10 von 23 Hotspots fanden wir Schilder oder Aufkleber der Dargebotenen Hand. Es gab bei diesen Hotspots im Vergleich zu den andern keine statistisch relevanten Unterschiede in Bezug auf Anzahl der Suizide, Zunahme der Suizide oder anderer Variablen. Bei Brücken mit einem Werther-Effekt waren numerisch häufiger Schilder angebracht, dies verfehlte jedoch die statistische Signifikanzgrenze. An 8 von 23 Brücken sind bauliche Massnahmen durchgeführt worden, welche teilweise unvollständig sind. An zwei Brücken fanden sich unvollständige Absperrungen, die in beiden Fällen den überwiegenden Teil der Brücke freilässt. Auch wenn insbesondere hier nur wenige Daten vorliegen, erscheint es unwahrscheinlich, dass diese Massnahme eine Verringerung der Suizide herbeiführen kann. 3 Ergebnisse 49 Abbildung 6: Unvollständige Absperrungen Suizide pro Jahr (Mittelwert) 1 0.8 0.6 0.4 5 Jahre vorher danach 0.2 0 Die Brücken mit partiellen Absperrungen im Einzelnen: Abbildung 7: Fürstenlandbrücke vor und nach der Installation der unvollständigen Absperrung 1.2 Suizide pro Jahr 1 0.8 0.6 0.4 5 Jahre vor der Installation 5 Jahre nach der Installation 0.2 0 Abbildung 8: Fussgängersteg des Sitterviaduktes der N1 vor und nach der Anbringung des unvollständigen Drahtmaschengitters 1.2 10 Jahre vorher Suizide pro Jahr 1 0.8 5 Jahre vorher 0.6 0.4 0.2 0 2 Jahre nach der Installation des 180m langen Drahtmaschengitters 50 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen An drei Brücken fanden sich Geländererhöhungen. Bei zwei von dreien kam es zu einer deutlichen Verringerung der Suizidzahlen. Auffällig ist, dass bei der Brücke mit der geringsten Geländererhöhung (133cm) keine Reduktion der Suizide gefunden wurde. Erwähnt werden muss aber auch, dass die zweite Geländererhöhung auf ca. 200cm der Pont Gottéron nicht zu einer absoluten Verhinderung der Suizide führte. Insgesamt ist aber fast eine Halbierung der Suizide durch die Geländererhöhung gefunden worden. Abbildung 9: Geländererhöhung (aufsummierte Daten von 3 Brücken) Suizide pro Jahr (Mittelwert) 2.5 2 1.5 1 5 Jahre vorher danach 0.5 0 Die Brücken mit ausreichender Datenlage im Einzelnen: Abbildung 10: Pont Gottéron 5 Jahre vor und 5 Jahre nach der Geländererhöhung auf 133cm 0.5 Suizide pro Jahr 0.4 5 Jahre vorher 0.3 0.2 0.1 0 5 Jahre nach der Geländererhöhung auf 133cm 3 Ergebnisse 51 Abbildung 11: Pont de Fénil vor und nach der Geländererhöhung auf 140cm 2.5 10 Jahre vorher Suizide pro Jahr 2 1.5 5 Jahre vorher 1 5 Jahre nach der Geländererhöhung auf 140cm 0.5 0 Abbildung 12: Pont Bessière vor und nach der Geländererhöhung auf 155cm 4 Suizide pro Jahr 3.5 3 2.5 2 10 Jahre vor der Installation 5 Jahre vor der Installation 1.5 1 0.5 2 Jahre nach der Geländererhöhung auf 155cm 0 3.7 Präventive Massnahmen bei Brücken im Ausland 3.7.1 Prävention durch bauliche Massnahmen Zahlreiche Studien belegen, dass Verhinderung der Übersteigung durch Geländererhöhungen oder Netze etc. die effektivste Methode zur Suizidverhütung von Brücken ist (Beautrais, 2001, Lester, 1993, Nowers & Gunnell, 1996). 3.7.1.1 Grafton Bridge in Auckland, Neuseeland Ein sehr interessantes Beispiel, da die Brücke über einen Zeitraum von 4 Jahren Barrieren hatte (1992 –1995), die dann für einige Zeit entfernt wurden. Von 1992 bis 1995 kam es von der Brücke zu nur 3 Suiziden. 1996 wurden die Barrieren entfernt. Von 1997 bis 2000 kam es von der Brücke zu 15 Suiziden, was einen signifikanten Anstieg darstellt. Beautrais (2001) schloss daraus, dass das Entfernen von Barrieren den gegenteiligen Effekt wie das Errichten 52 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen von Barrieren hat. An der Grafton Bridge wurden in der Folge im März 2004 die Barrieren wieder installiert. 3.7.1.2 Sydney Harbour Bridge, Australien Sie wurde 1930 eröffnet, Barrieren wurden 1934 installiert. In den 4 Jahren vor Errichten der Barrieren kam es von der Brücke zu 58 Suiziden durch Sprung, das sind im Durchschnitt 14,5 pro Jahr. In den 48 Jahren nach Errichten der Barriere kam es zu 31 Suiziden von der Brücke, das sind im Durchschnitt 0,6 pro Jahr (Harvey und Solomons, 1983). 3.7.1.3 Duke Ellington Bridge in Washington An dieser Brücke wurde 1986 eine Einzäunung vorgenommen, was die Suizidrate von der Brücke ebenfalls drastisch gesenkt hat (Lester 1993). In den 6 Jahren vor Errichten dieser Barriere (1979 – 1985) kam es zu 24 Suiziden von der Brücke, in den drei Jahren nach Errichten der Barriere (1987 – 1989) zu keinem Suizid. Ebenfalls hat das Errichten der Barriere die Gesamtzahl der Brückensuizide in der Stadt gesenkt, d.h. es kam zu keinem Ausweichen auf eine andere Brücke. 3.7.1.4 Prince Edward Viaduct in Toronto, Canada („Luninous Veil“) Diese Brücke ist in Nordamerika die zweithäufigste Suizidbrücke, mit durchschnittlich 17 Suiziden pro Jahr. Seit der Eröffnung der Brücke 1918 haben sich von der Brücke über 400 Menschen suizidiert, alleine 100 Personen im letzten Jahrzehnt. Die Brücke hatte einen hohen Bekanntheitsgrad als Suizidbrücke. 1998 organisierten die zuständigen Behörden einen Architekturwettbewerb, mit dem Ziel, eine funktional und ästhetisch wertvolle Barriere auf der Brücke zu errichten. Im März 2003 wurde eine Eisenkonstruktion als Antisuizidbarriere fertig gestellt. „Luminous Veil“ Toronto, Bloor Street, Toronto 3 Ergebnisse 53 3.7.1.5 Colorado Street Bridge, Pasadena, USA Die Colorado Street Bridge wurde 1913 gebaut. Zahlreiche Personen haben sich seither von er Brücke suizidiert (95 Personen von 1919 bis 1937). 1993 wurde die Brücke renoviert, und dabei eine Antisuizidbarriere errichtet (mit „rails“ und“spikes“). 3.7.1.6 Le Pont rouge, Luxembourg Mehr als 100 Personen haben sich seit der Eröffnung der Brücke im Jahr 1966 von der Brücke gestürzt. Aus diesem Grund wurden auf der Brücke 1993 hohe Antisuizidbarrieren errichtet. 3.7.2 Prävention durch nicht-bauliche Massnahmen Dazu zählen Sicherheitskameras, Krisentelefone zu Hotlines (für Suizidenten und Passanten, um Hilfe zu holen) und Patrouillen (in Autos, Motorrädern, auf Velos oder zu Fuss). All diese Massnahmen haben dazu geführt, dass auf der Golden Gate Bridge 50 – 80 Personen pro Jahr zurückgehalten werden konnten, 30 Personen konnten jedoch jedes Jahr ungehindert Suizid begehen. (The New Yorker, 2003). Es gibt in der Literatur nur wenige Angaben über die Wirksamkeit von nicht-baulichen Massnahmen, insgesamt wird jedoch durch die oben erwähnten Beispiele deutlich, dass physische Barrieren als präventive Massnahme wahrscheinlich wesentlich wirksamer sind. Dies wird auch dadurch untermauert, dass an berühmten Suizidorten wie Mt. Mihara, Eiffelturm, Empire State Building usw. nach Errichten der Zäune die Suizidzahl an diesen Orten drastisch gesenkt werden konnte. 3.7.2.1 Golden Gate Bridge, San Francisco, USA Von 1937 bis 1991 stürzten sich nach offiziellen Statistiken 918 Personen von der Golden Gate Brücke in den Tod (Gunne1l & Nowers, 1997). Andere Zählungen gehen von mindestens 2000 Menschen aus. Viele der Suizidenten wurden vermutlich nie gefunden, nur 26 Menschen haben einen Sprung überlebt. Nachdem offiziell die 997. Person gesprungen war, wurde darauf verzichtet, weitere Zählungen zu veröffentlichen, um Imitationen zu verhindern („Zu viele hatten den Ehrgeiz, der 1000. zu werden“, Evers, 2005). Folgende Präventionsmassnahmen wurden bereits umgesetzt: Patrouillen per Scooter und zu Fuss, Kameras, 13 Nottelefone, „Auffanggitter“. In der Zeit von Anfang April 1996 bis Ende Dezember 1996 sind 34 potentielle Selbstmörder durch die Patrouille vom Sprung von der Brücke zurückgehalten worden. 54 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Die Errichtung von Barrieren wird seit Jahrzehnten diskutiert, wurde aber bisher nicht realisiert, unter anderem weil Kritiker befürchten, dass die Hängebrücke durch Barrieren einen Teil ihrer architektonischen Schönheit einbüssen könnte. Das Geländer an der Brücke ist ungefähr 1,40 Meter hoch, folglich ist es kein grosses Hindernis, dieses zu überwinden. Seit vielen Jahrzehnten wird von Angehörigen von Opfern und Psychiatern die Errichtung einer Barriere gefordert. Neunzehn verschiedene Modelle wurden bereits diskutiert. Am 24. Februar 2005 meldete die Internetzeitung MSNBC.com, dass die Verantwortlichen nun doch eventuell Barrieren bauen lassen wollen. Man schätzt, dass es zwei Jahre dauern würde, die Barrieren zu planen und zwei weitere Jahre in Anspruch nehmen würde, sie zu bauen. Die Kosten werden auf 2 bis 15 Millionen Dollar geschätzt. 3.7.3 Weitere Erfahrungen mit präventiven Massnahmen im Ausland 3.7.3.1 Göltzschtalbrücke, Deutschland Die Göltzschtalbrücke bei Reichenbach in Sachsen ist die grösste Ziegelsteinbrücke der Welt und hat eine Höhe von 78m. Es handelt sich um eine frei zugängliche Eisenbahnbrücke. Von 2000 bis 2004 haben sich von dieser Brücke 22 Menschen durch Sprung in die Tiefe das Leben genommen. Der traurige Höhepunkt der Suizidrate wurde 2001 erreicht, als sich drei Jugendliche aneinander fesselten und gemeinsam in die Tiefe sprangen. Dies fand massive Medienpräsenz, woraufhin sich innerhalb von 10 Monaten mehrere junge Menschen von der Göltzschtalbrücke suizidierten. Zahlreiche weitere Selbsttötungsversuche konnten in letzter Minute durch Beamten des Bundesgrenzschutzes verhindert werden. Unter Leitung des Bürgermeisters von Milau wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, welche folgende Massnahmen realisieren konnte: - Durch die Deutsche Bahn AG erfolgten weitgehende Sicherungsmassnahmen gegen das unbefugte Betreten des Brückenbauwerkes. - Durch den Bundesgrenzschutz werden schwerpunktmässig verstärkt Sicherheitskontrollen durchgeführt (die beiden Aufgänge der Brücke rund um die Uhr kontrolliert). - Durch die dringliche Sensibilisierung der Medien auf den Werther-Effekt wurde erreicht, dass keine Sensationsberichte mehr erfolgten. Damit wurde bewirkt, dass keine Nachahmungssuizide mehr zu verzeichnen waren. In der Diskussion wurden von Experten mechanische Barrieren (Gitter, Zäune) über die gesamte Länge der Brücke propagiert. Diese sind noch nicht realisiert. Suizide von Jugendlichen wurden als situativ geprägt eingeschätzt, d.h. eine wirkungsvolle Barriere am Suizidort könnte 3 Ergebnisse 55 einen Abstand zur suizidalen Handlung herstellen, von der dann insgesamt Abstand genommen wird. 3.7.3.2 Jacques Cartier Bridge, Montreal, Canada Die Jacques Cartier Bridge ist nach der Golden Gate Bridge einer der gefährlichsten Hotspots der Welt. Durchschnittlich finden jährlich von der Brücke 45 Suizidversuche und 10 Suizide statt. Es fand eine jahrelange Diskussion zwischen den Behörden und Suizidexperten zur Errichtung von Suizidbarrieren auf der Brücke statt. Die internationale „Suicide and Mental Health Association“ berichtet im Juni 2005, dass nun die Errichtung der Barrieren von den zuständigen Behörden aus Kostengründen abgelehnt wurde. Die Experten propagierten eine Antisuizidbarriere auf der Brücke, da sie ein sicherer Schutz für Menschen wären, die sich „impulsiv“ suizidieren wollen. Die Barriere würde den Menschen Zeit geben, die Tat zu überdenken und Abstand davon zu gewinnen. Es wurden schliesslich andere Massnahmen umgesetzt, wie das Installieren von Kameras und Polizei-Patrouillen auf Fahrrädern. 3.7.3.3 Suicide from the Story Bridge: Characteristics and potential for Prevention A report to the Brisbane City Council (Zusammenfassung), Matthew Parkyn, Karatu Kiemo, Travis Heller, Diego De Leo, Australian Institute for Suicide Research and Prevention (2004). In Queensland kam es zwischen 1990 und 2001 zu 204 Suiziden durch Sprung aus grosser Höhe, davon 70 Suizide durch Sprung von einer Brücke (34,3%). Fünfundfünfzig dieser Suizide (78,6%) wurden durch Männer begangen, 15 Suizide (21,4%) durch Frauen. Das Durchschnittsalter war 43,4 Jahre. Die Studie befasst sich mit den präventiven Möglichkeiten an der Story Bridge. Die Story Bridge umfasst drei Fahrbahnen in beiden Richtungen, auf beiden Seiten Fussgängerwege und Velowege. Von den 70 Suiziden in Queensland von 1990 bis 2001 waren 35 von der Story Bridge (50%), 25 von der Gateway Bridge (35,7%), 4 von anderen Brücken in Brisbane und 6 von anderen Orten in Queensland. Ein Drittel der Suizide von der Story Bridge wurde zwischen 9 Uhr abends und 7 Uhr am Morgen begangen. Obwohl von 1990 bis 2001 sieben Suizide mehr von der Story Bridge als von der Gateway Bridge stattgefunden haben, war dies statistisch nicht signifikant. Von 1997 bis 2001 waren jedoch signifikant mehr Suizide von der Story Bridge als von der Gateway Bridge. Dies liegt daran, dass die Gateway Bridge Barrieren in Form von Zäunen bekam, die 1993 fertig gestellt waren. Die Barrieren wurden errichtet, da es nach der Eröffnung der Brücke im Jahr 56 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen 1986 zu einer Serie von Suiziden von der Brücke kam. Von 1990 bis 1992 kam es zu 19 Suiziden von der Gateway Bridge (6,3 pro Jahr), in den folgenden 8 Jahren (1994 – 2001) nach Errichten der Barrieren kam es zu 12 Suiziden von der Brücke (1,5 pro Jahr). Die Anzahl der Suizide von der Story Bridge blieb nach Errichten der Barrieren auf der Gateway Bridge relativ konstant. - Das Forschungsteam empfiehlt dringend, dass auf der Story Bridge Barrieren an den Fussgängerwegen installiert werden. Um die Schönheit der Brücke zu erhalten, wurde ein Architekturwettbewerb vorgeschlagen. - In der Zwischenzeit sollten auf der Brücke an bestimmten Punkten Videokameras installiert werden, mit einer direkten Verbindung zu lokalen Rettungskräften wie Polizei, Rettung und Feuerwehr. Erhöhte Aufmerksamkeit soll Menschen gewährt werden, die alleine auf der Brücke sind und über längere Zeit am Fussgängerweg an einem Ort verharren. - Notruftelefone sollten an der Brücke installiert werden. Diese sollten in kostenloser und direkter Verbindung mit Krisenhotlines stehen. Die Telefone sollten gut sichtbar und ordnungsgemäss gekennzeichnet sein. - An der Story Bridge könnten Patrouillen eingesetzt werden, z.B. Polizei, Sicherheitskräfte oder speziell ausgebildete Freiwillige. - Da 1/3 der Suizide von der Story Bridge zwischen 9 Uhr abends und 7 Uhr morgens begangen werden, wäre es vorstellbar, die Brücke durch Zäune über Nacht für Fussgänger zu sperren. Es ist bekannt, dass bei der Methode Suizid durch Sprung Impulsivität eine grosse Rolle spielt. Die Brücke in dieser vulnerablen Nachtphase als Suizidort nicht zur Verfügung zu haben, könnte Leben retten. - Eine andere Möglichkeit wäre das Installieren von Netzen unter der Brücke, die Menschen vor dem Sprung abhalten oder nach dem Sprung auffangen. In diesen Netzen könnte sich jedoch auch Abfall sammeln, den Leute über die Brücke werfen. Weiter wären Rettungsaktionen, welche die Menschen aus den Netzen bergen, kostspielig und für Rettungsmannschaften auch gefährlich. 3 Ergebnisse 57 - Es wird angenommen, dass die Installation von Barrieren / Zäunen an der Story Bridge nicht zu einer Zunahme der Suizide von andern Orten oder mit andern Methoden führen würde. Die Story Bridge ist eine Ikone von Brisbane, und es besteht eine Anziehung für suizidgefährdete Menschen, eben auf dieser Ikone ihr Leben zu beenden. Dieselbe Symbolik wie die Story Bridge gibt es an keinem anderen Ort in Brisbane. - Vor, während und nach der Errichtung der gewählten Suizidpräventionsstrategie an der Story Bridge sollte die Brücke wissenschaftlich beforscht werden, um die Effizienz der Massnahme auszuwerten. Längerfristige Forschung würde aufzeigen, ob sich ein Migrationseffekt zu anderen Brücken entwickelt. 58 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen 4 Diskussion und Empfehlungen 4 Diskussion und Empfehlungen 4.1 Allgemeines 59 Suizid durch Sprung in die Tiefe ist im internationalen Vergleich eine häufig zu findende Suizidmethode in der Schweiz. Im Untersuchungszeitraum 1990 ist dies mit einem Anteil von 10.5% an allen Suiziden die vierthäufigste Suizidmethode. Zum Vergleich: In Deutschland macht der Anteil der Suizide durch Sturz aus der Höhe 9,87% aus (insgesamt etwa 1100 Personen im Jahre 2003). Und in Österreich sterben etwa 12% aller Suizidenten durch Sprung, in England und in Australien sind es nur rund 5%. Die Schweiz hat damit ebenso wie angrenzende deutschsprachige Länder einen hohen Anteil an Suiziden durch Sprung. Im Untersuchungszeitraum 1990 bis 2004 konnten wir 475 Suizide durch Sprung von einer Brücke in der Schweiz (nicht erfasst: Kanton Tessin, s.o.) ausmachen, was 20.1% der Suizidsprünge in allen erfassten Kantonen entspricht. Es ist anzunehmen, dass die Zahl in Wirklichkeit höher liegt, da aufgrund der kantonal unterschiedlichen Dokumentationsmethoden nicht davon ausgegangen werden kann, dass wir alle Brückenstürze erfassen konnten. Im selben Beobachtungszeitraum, in der die Gesamtzahl der Suizide in der Schweiz insgesamt leicht abgenommen hat, nahm die Anzahl der Brückensuizide aber gegenläufig zu. Ein wichtiger, oft unterschätzter Aspekt ist die Tatsache, dass Suizide dieser Art zu emotionalen Traumata bei Personen führen können, die den Suizid mitansehen (Karlehagen et al., 1993; Tang, 1994; Tranah & Farmer, 1994). Dieser Aspekt war jedoch nicht Gegenstand der vorliegenden Studie. 4.2 Hotspots Im Kontext der Suizidforschung bedeutet "Hotspot" ein Ort, an dem im Vergleich zu anderen Plätzen überzufällig häufig Suizide stattfinden. Solche Cluster (ungewöhnlich hohe Häufigkeit von Suizidfällen in Raum und Zeit) finden sich an öffentlich zugänglichen Plätzen wie Gebäuden, Brücken, Klippen und sonstigen Orten grosser Höhe. Bei der Wahl von Ort und Methode spielt offensichtlich die Popularität von beiden eine entscheidende Rolle. So ist der Bekanntheitsgrad des Ortes häufig eines der prägnantesten Merkmale eines „Suicide Hotspots“. Suizide populärer Personen, literarische Werke, besondere Architektur (Golden Gate Brücke), herausragende Eigenschaften (Clifton Suspension Bridge in England), Schönheit des Ortes (Niagarafälle) und Mythen (Beachy Head, Aokigahara Wald) tragen zur Popularität eines Hotspots bei. 60 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Im Weiteren trägt die hohe Verfügbarkeit und die meist einfache Zugänglichkeit zur Wahl der Methode "Sprung aus der Höhe" bei. So ist die Suizidmethode "Sprung" in New York mit den vielen Hochhäusern verbreiteter als im Rest der gesamten USA. Verglichen mit der Beschaffung von Medikamenten oder der einer Waffe, ist der Weg zu einem hohen Gebäude oder zu einer Brücke häufig schneller und einfacher. Generell gilt eine Präventionsmassnahme an einem Hotspot dann als effektiv, wenn die Reduktion von Suiziden an einem Ort nicht zu einem Anstieg der Suizide an einem anderen Ort führt. An Brücken und hohen Gebäuden wurde bereits mehrfach die Wirksamkeit von Präventionsmassnahmen nachgewiesen, so z.B. am Eiffelturm, Mt. Mihara und an der Arroyo Secco Brücke (Prevost et al., 1996). 4.3 Brückensuizide und andere Methoden (Methodenverlagerung) Zweiundzwanzig Prozent der Suizide durch Sturz in die Tiefe entfallen auf Brückensuizide. In Kantonen, in denen es Suizidbrücken gibt, liegt die Zahl der Suizide durch Sturz in die Tiefe deutlich höher. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Nähe von Brücken einladend auf gefährdete Personen wirkt. Ein Mensch, der in einer Krise von einer Brücke springen möchte, springt aber nicht automatisch von einem anderen Ort, wenn diese Brücke gesichert ist. Aufgrund unserer Daten schätzen wir, dass nur ca. 23% der Menschen, die von Brücken springen, also weniger als ein Viertel, sich von einem Gebäude, Berg oder anderen Ort in die Tiefe stürzen würden, wenn es keine Möglichkeit zum Brückensuizid gäbe. Seiden (1978) fand, dass nur etwa 5% der Personen, die aktiv am Sprung von der Golden Gate Bridge, USA, gehindert wurden, sich zu einem späteren Zeitpunkt suizidierten. Das direkte Vor-Ort-Verhindern eines Sprunges ist zwar eine spezielle Situation, trotzdem weist dieser Befund darauf hin, dass suizidale Krisen Ausnahmesituationen sind und sich die grosse Mehrheit der geretteten Personen im späteren Verlauf ihres Lebens nicht umbringt, obschon sich Gelegenheit dazu bieten würde. Ein verhinderter Suizid ist also oft eine langfristig lebensrettende Massnahme. Tatsächlich wissen wir aus Studien, die andere Suizidmethoden untersuchen, dass eine Verhinderung von Suizidmöglichkeiten („restriction of means“) zu einer de facto Reduktion von Suiziden führen kann. Zum Beispiel wurden bei der Detoxifika- 4 Diskussion und Empfehlungen 61 tion des Haushaltsgases oder bei der gesetzlich reglementierten Verschreibungspraxis von Schmerzmitteln in Grossbritannien reduzierte Gesamtsuizidraten gefunden. 4.4 Medienberichterstattung Die Berichterstattung über spezifische Suizidmethoden wie z.B. Brückensprünge kann Menschen animieren, die gleiche Methode zu benutzen. Gefährlich für einen solchen WertherEffekt sind Berichte, die sensationell aufgemacht sind, mit reisserischen Überschriften und explizitem Bildmaterial, das den Ort und weitere Details zeigt (siehe dazu Anhang Nr. 4). Eine suizidpräventive Berichterstattung steht scheinbar oft im Gegensatz zu journalistischen Grundregeln. Der Schweizer Presserat schrieb in einer eigenen Stellungnahme zur Berichterstattung über Suizid am 23. Dezember 1992: “Wegen der Gefahr der Nachahmung sind detaillierte Berichte über Suizide und Suizidversuche zu vermeiden. Dies gilt nicht nur für reale Fälle, sondern auch für fiktive in Kriminalfilmen, Beziehungsgeschichten, Milieufilmen usw. Die Frage der Medienwirkung ist beim Entscheid über die Publikation oder die Ausstrahlung eines Berichtes über einen Suizidfall mit zu berücksichtigen.“ Diese Stellungnahme ist laut Auskunft des Presserates bis heute gültig. In Bezug auf Brücken Hotspots zeigen unsere Ergebnisse zwei Tendenzen. Die Gesamtzahl der Medienberichte ist absolut gesehen zwar tief, bemerkenswert ist aber doch, dass das Medieninteresse im Verlaufe des letzten Jahrzehntes offenbar gewachsen ist. Ein rechnerisch fassbarer, möglicher Werther-Effekt, d.h. Suizide, welche schneller aufeinander folgen als erwartet (Clusterbildung) werden könnte, fand sich gehäuft bei Hotspots mit einer hohen Anzahl von Medienberichten. Dies weist auf die besondere Bedeutung der Berichterstattung selbst bei geringer Anzahl von Medienberichten hin. Unter dem Gesichtspunkt, dass relativ wenige Medienberichte bereits einen messbaren Werther-Effekt auslösen können, ist die Steigerung der Anzahl der Medienberichte alarmierend. Michel et al. (2000) zeigten, dass die medienwirksame Publikation von Richtlinien die Suizidberichterstattung tatsächlich wesentlich beeinflussen kann. Im Anhang Nr. 3 finden sich die Richtlinien zur Medienberichterstattung. 62 4.5 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Mythos-Effekt Bei unserer Datenerhebung fiel auf, dass die Existenz eines konkreten Hotspots tief im Bewusstsein der Menschen verankert ist, ohne dass diese Menschen sagen können, aus welcher Quelle sie ihr z.T. auch vermeintliches Wissen beziehen. Das Wissen ist also von der ursprünglichen Informationsquelle abgekoppelt worden und die Quelle des Wissens kann nicht mehr benannt werden. Das abgekoppelte Wissen ist dauerhaft abgespeichert. Dieses Phänomen hat eine hohe psychologische Bedeutung. Ein Mensch begeht einen Suizid am häufigsten in einer psychosozialen Krise, in einem psychologischen Ausnahmezustand. Der Plan, wie man sich suizidieren könnte, ist zumeist zu einem anderen Zeitpunkt entstanden, er wird in der Krise meist abgerufen, nur selten entsteht er neu. In Bezug auf ihren Mythos ragen zwei Brücken bei der von uns verwendeten Methode der indirekten Quantifizierung des Mythos-Effektes ausserordentlich und fünf weitere deutlich heraus: Ausserordentlich stark waren sie bei der Kirchenfeldbrücke in Bern und den Lorzentobelbrücken in Zug. In allen drei verwendeten Kriterien (Anzahl der Suizide, Anzahl der Medienberichte, Anstieg der Suizidzahlen) sind diese beiden Brücken im negativen Sinne herausragend. In zweiter Linie fallen 5 weitere Brücken auf, die wegen unterschiedlicher Kriterien einen hohen Gesamtrang erreichen: Die Pont Bessière als Hotspot Nummer 1 mit der höchsten Anzahl an Suiziden zeigt einen Deckeneffekt: Nach mehreren, offensichtlich unzureichenden baulichen Massnahmen hat sich die Anzahl der Suizide auf einem hohen Niveau stabilisiert. Die Kornhausbrücke fällt durch eine Zunahme der Suizide in den letzten Jahren auf. Die Pont Butin, die Fürstenlandbrücke und die Haggenbrücke zeigen wiederum ein ähnliches Bild wie die beiden ersten Brücken mit jedoch geringerer Ausprägung. 4.6 Zugänglichkeit und Höhen bei Hotspot Brücken Die meisten der gefundenen Hotspots befinden sich in den Städten selbst. Mit Ausnahme der Pont Bessière und der Pont Chauderon sind alle Brücken höher als 30m. Die Brücken, die ausserhalb der Städte liegen, fallen zumeist durch eine deutlich grössere Höhe von 90 oder mehr Metern auf. Die Lorzentobelbrücken mit einer Höhe von 56m stellen eine Ausnahme dar. Alle Hotspots sind Fussgängern direkt zugänglich. Sprünge von einer Autobahnbrücke direkt wurden bei Hotspots nicht gefunden bzw. die Sprünge fanden ausschliesslich von die Autobahnbrücke begleitenden Fussgängerwegen statt. Nicht berücksichtigt werden konnte hier die N2 im Kanton Tessin (Biaschina Brücke, mindestens 4 Suizide), welche möglicher- 4 Diskussion und Empfehlungen 63 weise das Kriterium des Hotspots erfüllt hätte, aber wegen kantonaler Datenschutzbestimmungen nicht hinreichend erfasst werden konnte. Dieser Fall sollte bei einer Folgestudie nachuntersucht werden. Bei nicht Hotspot Brücken wurden darüber hinaus insgesamt 13 Suizide von 13 verschiedenen Brücken erfasst. 4.7 Suizidpräventionsmassnahmen 4.7.1 Schilder und Telefone Insgesamt gibt es zurzeit nur wenige Suizidpräventionsmassnahmen an Brücken. Wir konnten keinen direkt messbaren präventiven Effekt der Schilder von Die Dargebotene Hand finden. Umgekehrt spiegelt sich in den von uns erhobenen Zahlen aber auch kein negativer Effekt wider. Es muss jedoch erwähnt werden, dass indirekte Effekte der Schilder nicht ausgeschlossen werden können. Menschen, die Suizid durch einen Brückensprung begehen, haben wahrscheinlich diese Brücke im Alltag mehrfach alleine oder eventuell sogar in Begleitung von vertrauten Personen überquert. Die Schilder von Die Dargebotene Hand können zu Gesprächen mit Angehörigen führen und so das häufig bestehende Tabu des Themas Suizid verringern. Wie oben schon beschrieben, ist davon auszugehen, dass Menschen den Plan, „hier könnte ich mich suizidieren“, bereits längere Zeit vor dem Suizidversuch durchspielen. Die Präsenz der Schilder am Ort des möglichen Suizides kann helfen, darauf aufmerksam zu machen, dass es Hilfsangebote für Menschen in schwierigen Zeiten gibt. Es ist uns ein Einzelfall bekannt, in dem ein Mensch in einer psychosozialen Krise aufgrund eines Schildes die professionelle psychiatrische Hilfe unserer Klinik aufgesucht hat. Umgekehrt ist zumindest denkbar, dass die Schilder signalisieren, „hier ist ein Ort, an dem sich viele suizidiert haben“, und so einen kontraproduktiven non-präventiven Effekt haben könnten. Die von uns erhobenen Daten lassen keine Rückschlüsse zu, ob diese Effekte vorhanden sind und welches Gewicht auf der einen bzw. auf der anderen Seite liegt. Auf der Ganterbrücke wurden Nottelefone eingerichtet. Auch hier reichen die Zahlen nicht aus, um deren Effektivität beurteilen zu können. Wir wissen durch Einzelfallberichte und Gespräche mit Helfern, welche Notruftelefone betreuen, dass diese von Menschen in Krisen genutzt werden, insofern sind Telefone aus unserer Sicht insgesamt als möglicherweise hilfreich einzuschätzen. Ob die Einrichtung von Notruftelefonen an Brücken eine suizidpräventive Wirkung hat, wurde von Glatt (1987) untersucht. Er zeigte auf, dass diese Telefone benutzt werden, weil viele vor dem Sprung ambivalent sind, das Telefon nutzen und dann gerettet 64 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen werden können. Das Telefon bei der Mid-Hudson Bridge, New York, USA, wurde innerhalb von 2 Jahren 30mal genutzt. 4.7.2 Unvollständige bauliche Massnahmen An zwei Brücken fanden sich Geländererhöhungen über Teilstrecken der jeweiligen Brücke. Ziel war es, die darunter lebenden oder arbeitenden Menschen zu schützen. Aufgrund der geringen Anzahl der beobachteten Jahre und der geringen Anzahl der Orte kann keine statistisch abgesicherte Aussage gemacht werden. Rein numerisch kommt es aber im Mittel zu einer Zunahme der Anzahl der Suizide nach der Installation der unvollständigen Massnahmen. Denkbar ist, dass die Massnahmen einen Hinweischarakter haben, im Sinne von „Hier ist ein Ort, an dem man sich das Leben nimmt“, ähnlich wie dies bei den Schildern von Die Dargebotene Hand erwähnt wurde, aber ohne dass durch die Massnahme selbst im Gegensatz zu Die Dargebotene Hand Hilfsangebote signalisiert werden. Die unvollständigen Massnahmen unterscheiden sich deutlich von den in der Einleitung beschriebenen unvollständigen Massnahmen an der Berner Münsterplattform. Das Netz der Münsterplattform ist zwar eine unvollständige Präventionsmassnahme, deckt aber im Gegensatz zur Fürstenlandbrücke und zum Sittersteg nahezu vollständig die sicher letalen Sprungbereiche ab bzw. lässt nur Sprungbereiche mit deutlich geringerer Höhe und weichem Untergrund zu. 4.7.3 Geländererhöhungen An drei Brücken können Aussagen zu Effekten von Geländererhöhungen gemacht werden. Durch diese Massnahmen kam es im Mittel zu einer Halbierung der Suizide. Erwartungsgemäss ist der präventive Effekt abhängig von der Geländerhöhe, es fand sich ein höherer präventiver Effekt bei höherem Geländer. Erwähnenswert ist aber, dass selbst eine zweite Geländererhöhung an der Pont Gottéron auf ca. 200cm nicht zu einer vollständigen Verhinderung von Suiziden führte. Es kann nicht abgeschätzt werden, ob es sich möglicherweise um Einzeleffekte handelt, welche im längeren zeitlichen Verlauf sich als Ausnahmen darstellen werden. Neben der absoluten Geländerhöhe erscheint aber die Beurteilung wichtig, wie schwer oder leicht ein Geländer übersteigbar ist. Suizidale Menschen werden hier den Ort wählen, der die leichteste Möglichkeit zum Überstieg bietet. So ist bei der Pont Bessière das Geländer zwar überhängend, kann aber an den Pfosten immer noch relativ leicht überstiegen werden. Bei dem Bau von Präventionsmassnahmen erscheint dieser Aspekt wichtig, da das sozusagen 4 Diskussion und Empfehlungen 65 schwächste Glied über den präventiven Gesamteffekt entscheiden wird, nicht die messbare Geländerhöhe. 4.7.4 Netze Sicherheitsnetze wurden bislang nur an der Hohen Brücke angebracht. Daten über die Effektivität liegen aufgrund der kurzen Untersuchungsspanne noch nicht vor. Die Ergebnisse der Münsterplattform Bern zeigen jedoch ermutigende Ergebnisse (s.o.) und es ist davon auszugehen, dass Sicherheitsnetze ähnlich präventiv sind wie Geländererhöhungen. Darüber hinaus kommt möglicherweise ein positiver psychologischer Effekt „aufgefangen zu werden“. Diese Effekte sind jedoch noch nicht untersucht worden. 4.8 1. Empfehlungen Präventive bauliche Massnahmen erscheinen aufgrund der Vielzahl der Suizide, der steigenden Anzahl von Brückensuiziden, der ermutigenden Befunde solcher präventiver Massnahmen in der Schweiz und zahlreicher Erfahrungen im Ausland als dringend angezeigt. 2. Geländererhöhungen sind sinnvolle Massnahmen. Bereits Geländerhöhen bis 155cm führen wahrscheinlich zu einer Reduktion von Suiziden, diese werden aber hierdurch nicht vollständig verhindert werden. Aus diesem Grund sind grössere Geländerhöhen (mindestens 180cm) empfehlenswert. Geländererhöhungen sollten sprossenfrei gebaut sein, um das Hochklettern so weit wie möglich zu verhindern, da suizidale Menschen den leichtesten Weg zur Übersteigung wählen werden. Möglicherweise ist es sinnvoll, neben architektonischen ästhetischen Aspekten insbesondere auch den Blick in die Ferne zu ermöglichen, um das aversiv erlebte Gefühl der Einzäunung zu verhindern. Erwähnenswert an dieser Stelle ist, dass ausser an der Hohen Brücke an keiner der Brücken Netze angebracht wurden, obwohl es baulich nicht völlig undenkbar gewesen wäre. Die Anbringung von Netzen erscheinen in Anbetracht der ermutigenden Ergebnisse der Berner Münsterplattform als die bessere Alternative. Ein Netz ist psychologisch gesehen ein Symbol der Rettung, ein hohes Geländer dagegen eher ein Symbol der Einengung und Einzäunung. 66 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Neue Brücken sollten à priori mit erhöhtem Geländer gebaut werden, wenn sie höher als 25m sind, und sich gleichzeitig in Städten befinden, einen harten Untergrund aufweisen und Fussgängern zugänglich sind. Ausserhalb von Städten erscheint ein höheres Geländer bei Fussgänger zugänglichen Brücken ab einer Brückenhöhe von 50 Metern sinnvoll, ab 90 Metern zwingend. Bei bestehenden Brücken könnten diese baulichen Massnahmen bei anstehenden Renovierungsarbeiten erfolgen oder vorher, wenn eine Brücke zu einem Hotspot geworden ist. Brücken mit einem unmittelbaren Bedarf für bauliche Massnahmen besteht aufgrund der Daten aus unserer Sicht bei allen aufgeführten Hotspots. Wichtig erscheinen Massnahmen insbesondere bei der Kirchenfeld- und der Kornhausbrücke in Bern. Eine weitere Verbesserung der Suizidpräventionsmassnahmen bei der Pont Bessière in Lausanne erscheint uns möglich. Bei den Lorzentobelbrücken sind im Jahre 2005 bauliche Planungen zur Geländererhöhung durchgeführt worden, welche voraussichtlich im Jahre 2006 umgesetzt werden können. 3. Unvollständige Massnahmen erscheinen nur dann sinnvoll, wenn sie die sicher letalen Sprünge verhindern. Unvollständige Massnahmen, die gefährliche Sprungbereiche offen lassen, sind in Bezug auf den Schutz darunter lebender Menschen sinnvoll, in Bezug auf die Reduktion von Suiziden wahrscheinlich kontraproduktiv. 4. Andere präventive Massnahmen vor Ort: Schilder von Die Dargebotene Hand weisen auf Hilfsangebote hin, die suizidalen Menschen häufig (oder indirekt betroffenen Menschen wie Familienangehörige) nicht bekannt sind. In Anbetracht der geringen Kosten erscheinen sie, auch wenn sich in unserer Studie kein direkter positiver Effekt ergab, dennoch als sinnvoll. Keine ausreichenden Daten liegen zu den Hilfstelefonen vor. Die relativ häufige Benutzung der Telefone durch Menschen in Krisen ist ein indirekter Hinweis auf deren Wirksamkeit. Wegen der im Vergleich zu baulichen Massnahmen geringen Kosten sind sie für alle aufgeführten Hotspots auch als Sofortmassnahme empfehlenswert. Sie bieten eine doppelte Präventions-Chance: Erstens durch die mögliche Nutzung durch die suizidalen Menschen selbst, zweitens für Passanten, die damit um Hilfe rufen können. 4 5. Diskussion und Empfehlungen 67 Die Medienberichterstattung ist ohne Zweifel ein wesentlicher Faktor bei der Schaffung und der Aufrechterhaltung von Hotspots für Brückensuizide. Die Beispiele im Anhang sprechen eine deutliche Sprache. Erfahrungen aus Wien wie auch aus der Schweiz zeigen, dass die Publikation von Richtlinien zur Medienberichterstattung allein nicht genügt. Vielmehr braucht es (a) ein Monitoring der Medienberichterstattung und (b) direkte und wenn möglich persönliche Kontakte zu den Redaktionen von Printmedien und elektronischen Medien. Es stellt sich natürlich die Frage, welche Stelle in der Schweiz eine solche Aufgabe übernehmen könnte. 6. Insgesamt ist die Anzahl der Suizid-Präventionsmassnahmen an Brücken in der Schweiz gering. Einige Massnahmen sind in der Planungsphase (Lorzentobelbrücken, Ganterbrücke), einige sind vor wenigen Jahren fertig gestellt worden (Hohe Brücke, OW; Pont de Gottéron, FR). Studien zu Präventionsmassnahmen zeigen immer wieder überraschende Ergebnisse, wie z.B. die positiven Effekte der Netze der Münsterplattform, die negativen Effekte der Partiellenabsperrungen beim Fussgängersteg des Sitterviaduktes, SG, oder die Tatsache, dass es in Kantonen ohne hohe Brücken insgesamt weniger Suizidsprünge gibt. Diese Ergebnisse zeigen, dass wir die Dynamik des Brückensuizides bislang nur unzureichend verstehen. Die Schaffung einer ständigen Arbeitsgruppe zur Begleitforschung von Suizid-Präventionsmassnahmen bei Brücken ist angezeigt, um diese Prozesse besser zu verstehen sowie um die neuen Massnahmen zu evaluieren. Letztendlich können nur auf dieser Basis weitreichendere Empfehlungen als die hier beschriebenen entwickelt werden. Aber nur durch die gezielte Umsetzung sinnvoller Massnahmen wird langfristig die Anzahl der Brückensuizide weiter reduziert werden können. 68 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen 5 5 Literaturverzeichnis 69 Literaturverzeichnis Bandura A, Ross D, Ross SA. Imitation of film - mediated aggressiv models. Journal of Abnormal and Social Psychologie, 1963 66, S. 3 - 11. Baumeister RF. Suicide as escape from self. Psychological Review. 1990 Jan;97(1):90-113. Beautrais AL. Effectiveness of barriers at suicide jumping sites: a case study. The Australian and New Zealand Journal of Psychiatry. 2001 Oct;35(5):557-62. Brown GK, Ten Have T, Henriques GR, Xie SX, Hollander JE, Beck AT. Cognitive therapy for the prevention of suicide attempts: a randomized controlled trial. JAMA: the journal of the American Medical Association. 2005 Aug 3;294(5):563-70. Daigle, MS. "Suicide prevention through means restriction: assessing the risk of substitution. A critical review and synthesis." 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Mit 47 Suiziden im Beobachtungszeitraum von 1990 bis 2004 ist sie die Brücke mit den meisten Suiziden in der Schweiz. Im Jahr 1985 sollen von der Pont Bessière sogar 10 Suizide stattgefunden haben. Die Pont Bessière ist eine Stahlbogenbrücke, mit einer Höhe von 23m und einer Länge von 160m. Die Geländerhöhe ist zum jetzigen Zeitpunkt 1,55m. An der Pont Bessière sind wiederholt suizidpräventive Massnahmen durchgeführt worden, die auf die Erhöhung des Geländers fokussiert waren: 72 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Die erste Geländererhöhung fand 1972 statt, von der Standardhöhe von ca. 1,13m auf eine Höhe von 1,3m. Von Herbst 2001 bis November 2003 fand die zweite Geländererhöhung statt, die Hauptarbeiten diesbezüglich waren 2003. In dieser Etappe wurde das Geländer von 1,3 auf 1,55m erhöht. Die Geländererhöhung fand über die gesamte Länge der Brücke und auf beiden Seiten statt, ist also primär als suizidpräventive Massnahme und nicht ausschliesslich für den Schutz der Anrainer gedacht. Zusätzlich ist das Geländer im oberen Bereich leicht nach Innen geneigt. Ein Übersteigen ist somit für durchschnittlich trainierte Menschen deutlich erschwert und nur mit Hilfsmittel, wie mit einer kleinen Leiter, möglich. Seit 2001 bewacht eine Gruppe freiwilliger Personen über die Weihnachtsfeiertage die Brücke, indem sie eine Art Camp auf der Brücke errichtet und gesprächsbereit ist für Menschen, die in dieser Zeit einsam und suizidgefährdet sind. Die Pont Bessière ist als Suizidbrücke bei der Bevölkerung sehr gut bekannt und hat häufige Medienpräsenz. Von 1990 bis 2004 konnten wir 38 Zeitungsbeiträge finden, die sich mit dem Thema Suizid bezogen auf die Pont Bessière beschäftigten. In 15 dieser Berichte wurden konkrete Suizide beschrieben, in den anderen Beiträgen ging es um die Themen Suizidprävention und die Suizidproblematik allgemein. Es wurden in den Zeitungsartikeln stets besonders die präventiven Massnahmen an der Brücke und die Sitzwache über die Weihnachtsfeiertage hervorgehoben. Das Besondere an der Pont Bessière ist deren Bekanntheitsgrad als Suizidbrücke, die zentrale Lage mitten in der Stadt und der dementsprechend guten Erreichbarkeit für jeden. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Klinik Cery in Prilly und eine Alkohohlentzugsklinik sowie die psychiatrischen und psychosozialen Einrichtungen der Stadt Lausanne. Anhang Nr. 1 Alte und neue Lorzentobelbrücke, Baar, Kanton Zug Die alte Lorzentobelbrücke wurde 1910, die neue Lorzentobelbrücke wurde 1985 erbaut. 73 74 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Die Lorzentobelbrücken liegen am Rand der Gemeinde Menzingen im Kanton Zug. Die Lorze ist die Grenze zwischen den Gemeinden Baar und Menzingen. Der grössere Teil der Brücken liegt auf Baarer Gebiet. Die neue Lorzentobelbrücke hat für die Gemeinde Menzingen eine grosse Bedeutung für die Verbindung nach Zug. Diese Brücken über das Lorzentobel sind historisch gesehen das Tor ins Aegerital. Die neue Brücke verkürzt den Weg massiv, die alte Brücke wird heute eher touristisch genutzt und liegt in einem gut besuchten Wandergebiet. Von 1990 bis 2004 fanden von der alten und der neuen Lorzentobelbrücke 41 Suizide durch Sprung in die Tiefe statt. Es war nicht möglich zu eruieren, wie sich diese Zahl auf die beiden Brücken aufteilt, wir gehen jedoch davon aus, dass beide Brücken wesentlich zu der Gesamtzahl beitragen. Die alte Lorzentobelbrücke ist eine Steinbogenbrücke mit einer Höhe von 58m und einer Länge von 187m. Das Eisengeländer ist mit 1,10m Höhe sehr tief und sehr leicht übersteigbar. Die alte Brücke hat eine Fahrbahn und zwei Trottoirs, wird jedoch für den Autoverkehr nicht mehr genutzt, sie dient hauptsächlich Fussgängern und Velofahrern. Blumen und Kerzen, die von Angehörigen der Suizidenten dort niedergelegt werden, machen auf die traurige Bedeutung der Brücke aufmerksam. Bei der neuen Lorzentobelbrücke handelt es sich um eine Spannbetonbrücke mit einer Höhe von 68m und einer Länge von 570m. Das Betongeländer hat einen Leichtmetallaufsatz und ist mit einer Gesamthöhe von 1,20m ebenso sehr gut übersteigbar. Die neue Lorzentobelbrücke ist eine hochfrequentierte Strassenbrücke mit zwei Fahrbahnen und einem Trottoir. Die Brücken liegen nicht zentral in einer Stadt, sind jedoch mit dem Auto oder zu Fuss sehr gut erreichbar. Es wurden an beiden Brücken seit deren Eröffnung keine baulichen Veränderungen zur Suizidprävention vorgenommen. Als suizidpräventive Massnahmen wurden an der alten Lorzentobelbrücke im April 2003 vier Schilder der Dargebotenen Hand angebracht, jeweils am Eingang der Brücke auf beiden Seiten. Bei der alten Lorzentobelbrücke wurde beim Widerlager auf der Seite Zug von privater Seite im Mai 2002 ein Wegkreuz erstellt. An der neuen Lorzentobelbrücke wurde von privater Hand am Brückengeländer ein kleiner Kleber angebracht mit der Aufschrift: „Jesus Christus – deine Chance“. Im Jahre 2005 wurden jedoch umfassende Planungsarbeiten vorgenommen, um an beiden Brücken Geländererhöhungen vorzunehmen. Diese werden voraussichtlich 2006 umgesetzt werden. Über die Suizide von der Lorzentobelbrücke wurde in den Jahren 1990 bis 2004 wenig berichtet, nur 1995 gab es zwei Berichte über einen Suizid. Im Zuge eines dramatischen Suizids im Juni 2005 wurde das Thema der Suizidprävention und der Sicherung der beiden Brücken von den zuständigen Behörden nochmals aufgenommen und diskutiert, die Brücken erhielten in dieser Zeit starke Medienpräsenz. Mittlerweile sind an beiden Brücken Massnahmen zur Suizidprävention in Planung. Die Brücken haben in der Bevölkerung einen hohen Bekanntheitsgrad als Suizidbrücken. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Psychiatrische Klinik Meisenberg und die Psychiatrische Klinik Oberwil, beide ca. 7km von den Brücken entfernt. Anhang Nr. 1 75 Kirchenfeldbrücke, Bern, Kanton Bern Die Kirchenfeldbrücke wurde innerhalb von 21 Monaten erbaut und im September 1983 eingeweiht. Sie liegt im Zentrum von Bern, führt über die Aare und verbindet die Altstadt mit dem Kirchenfeldquartier. Von 1994 bis 2004 fanden von der Kirchenfeldbrücke 30 Suizide statt. Es handelt sich um eine Stahlhochbrücke mit einer Höhe von 39m und einer Länge von 229m. Das Staketengeländer aus Stahl ist 1,13m hoch und sehr leicht übersteigbar. Die Kirchenfeldbrücke ist eine hochfrequentierte Brücke mit zwei Fahrbahnen, Tramschienen, Velowegen und zwei Trottoirs. Sie ist eine touristische Attraktion und ein viel besuchter Aussichtspunkt mit Blick auf das Bundeshaus, die Aare und die Berner Altstadt. An der Brücke wurden seit deren Entstehung keine baulichen Veränderungen zur Suizidprävention durchgeführt. Es wurden 4 Schilder der Dargebotenen Hand angebracht und zwar jeweils am Eingang der Brücke auf beiden Strassenseiten. Von 1994 bis 2004 fanden wir 16 Medienberichte zum Thema Suizid von der Kirchenfeldbrücke, wobei alle 16 Berichte teils nüchtern und knapp, teils sensationell und emotional von soeben stattgefundenen Suiziden von der Kirchenfeldbrücke handelten. Wir fanden in diesem Zusammenhang keine Berichte zum Thema Suizidprävention. 76 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Die Brücke hat in der Bevölkerung einen sehr hohen Bekanntheitsgrad als Suizidbrücke, und wird auch von Menschen als Suizidort aufgesucht, die nicht in Bern oder in der Umgebung leben. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Psychiatrische Poliklinik des Inselspitals, das Kriseninterventionszentrum Bern, die Psychiatrische Klinik Waldau und die Psychiatrischen Kliniken Kirchlindach und Münsingen. Die Kirchenfeldbrücke ist sehr gut erreichbar. Anhang Nr. 1 77 Pont Butin, Genf, Kanton Genf Die Pont Butin liegt ca. 3,4 km ausserhalb des Stadtzentrums von Genf und führt über die Rhône. Von 1990 bis 2004 haben sich von der Pont Butin 15 Menschen suizidiert. Es handelt sich um eine Steinbogenbrücke mit einer Höhe von 58m, das 1,20m hohe Stahlgeländer ist sehr leicht übersteigbar. Die Pont Butin ist eine hochfrequentierte und gut erreichbare Brücke mit Trottoirs, Strassen und Velowegen. Die Medienberichterstattung zu den Suiziden von der Pont Butin war äusserst zurückhaltend. Wir konnten für den Zeitraum von 1990 bis 2004 lediglich einen Bericht über einen Suizidversuch von der Pont Butin finden, alle 15 Suizide wurden in den Medien nicht erwähnt. Trotzdem hat die Brücke einen hohen Bekanntheitsgrad als Suizidbrücke. An der Pont Butin gibt es keine baulichen Veränderungen oder sonstige Massnahmen zur Suizidprävention. Eine psychiatrische Klinik innerhalb des Umkreises von 20km ist die Psychiatrische Klinik Chêne-Bourg, 9km von der Brücke entfernt. 78 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Pont de Fénil, Corsier-sur Vevey, Kanton Waadt Die Pont de Fénil wurde 1903 erbaut und liegt 2km vom Stadtzentrum von Vevey entfernt, auf einer wichtigen Verbindungsstrasse. Die Pont de Fénil ist mit dem Auto gut erreichbar, liegt in einem Naherholungsgebiet und ist auch zu Fuss über Wander- und Spazierwege gut erreichbar. Von 1990 bis 2004 haben sich von der Pont de Fénil 15 Menschen suizidiert. Es handelt sich um eine Fachwerkbalkenbrücke mit einer Höhe von 95m und einer Länge von 230m. Das Metallgeländer ist mit einer Höhe von 1,40m überdurchschnittlich hoch und erscheint nicht so leicht übersteigbar. Das Geländer wurde 1999 im Sinne einer suizidpräventiven Massnahme von 1,20 auf oben genannte Höhe von 1,40 erhöht. Die Pont de Fénil ist eine hochfrequentierte Strassenbrücke ohne Trottoirs. Zu den Suiziden von der Pont de Fénil haben wir keine Medienberichte gefunden, ebenso gab es in Bezug auf die Brücke keine Berichte zum Thema Suizidprävention oder Suizid allgemein. Eine psychiatrische Klinik im Umkreis von 20km ist die Psychogeriatrie Clarens (7,8km von der Brücke entfernt). Anhang Nr. 1 79 Pont de Gueuroz, Vernayaz, Kanton Wallis Die Pont de Gueuroz besteht aus einer alten und einer neuen Brücke. Die alte Brücke wurde in den Jahren 1932 – 1934 erbaut, die neue Brücke wurde 1996 parallel zur alten Brücke gebaut. Die neue Brücke ist ausschliesslich eine Strassenbrücke ohne Fussgängerwege. Die Pont de Gueuroz liegt auf der Verbindungsstrasse zwischen Salvan und Martigny und führt über die Schlucht Gorges du Trient. Sie gehört zur Gemeinde Vernayaz. 80 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Von 1990 bis 2004 haben sich unseres Wissens 14 Personen von der Pont de Gueuroz suizidiert. Man geht davon aus, dass die Suizide von der alten Brücke durchgeführt werden. Die beiden Brücken gelten als Touristenattraktion, sie haben einen hohen architektonischen Wert und zählen zu den Spitzenleistungen der Ingenieurbaukunst. Die beiden Brücken haben eine Höhe von 189m und eine Länge von 54m. Das Geländer der alten Brücke ist ein massives Betongeländer mit einer Höhe von 1,1m und einer Breite von 21cm. Obwohl das Geländer sehr leicht zu übersteigen ist, vermittelt die Massivität ein Gefühl der Sicherheit. Ausserhalb des Geländers gibt es keine Möglichkeit zu stehen. Das Geländer der neuen Brücke ist aus Metall mit einer Höhe von 1,18m, es hat eine integrierte Leitplanke, erscheint eher fragil und ist leicht übersteigbar. Die Brücken liegen 5,1 km vom Stadtzentrum Martigny entfernt. Mit dem Auto sind die beiden Brücken gut erreichbar, zu Fuss sind sie sehr abgelegen und nur durch eine längere Wanderung erreichbar. Zur Pont de Gueuroz haben wir keine Medienberichte zu den stattgefundenen Suiziden, zu Suizid allgemein oder Suizidprävention gefunden. Es wurden keine baulichen Veränderungen oder sonstige Massnahmen zur Suizidprävention durchgeführt, es sind jedoch solche in Diskussion, und zwar im Sinne von Präventionsmassnahmen am Geländer und durch eine bessere Beleuchtung der Brücken. Anhang Nr. 1 81 Haggenbrücke, Stein, Kanton Appenzell AR Die Brücke wurde nach anderthalb Jahren Bauzeit im Oktober 1937 eröffnet. Bei der Haggenbrücke handelt es sich um eine der höchsten Fussgängerbrücken Europas. Die Brücke wird auch „Ganggelibrugg“ genannt, da sie mit einfachen Mitteln in Schwingung versetzt werden kann. Sie stellt eine Verbindung zwischen der Stadt St. Gallen und der Gemeinde Stein her, überquert das Sittertobel und die Sitter und verkürzt die Verbindung zwischen Haggen und Stein. Die Region ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Wir konnten 13 Suizide in Erfahrung bringen, die von 1990 bis 2004 von der Haggenbrücke verübt worden sind. Die Haggenbrücke ist eine Fachwerkbrücke aus Stahl, mit einer Höhe von 98,6m und einer Länge von 355,6m. Das Eisengeländer von 1,10m ist sehr leicht übersteigbar. Sie ist eine hochfrequentierte Fussgängerbrücke mit zwei schmalen Trottoirs zu beiden Seiten und einer Fahrspur in der Mitte. Die Brücke ist jedoch für Autos gesperrt. Die Haggenbrücke ist dennoch zu Fuss oder mit dem Auto sehr gut erreichbar, das Stadtzentrum von St. Gallen ist ca. 6km entfernt. Die Medienberichterstattung zu den Suiziden von der Haggenbrücke ist sehr zurückhaltend. Wir konnten für den Zeitraum von 1990 bis 2004 nur zwei Medienberichte zum Thema Suizid von der Haggenbrücke finden, wobei ein Bericht direkt über einen zu diesem Zeitpunkt aktuell stattgefundenen Suizid handelt und ein Bericht sich mit Suizid allgemein und Präventionsmassnahmen befasst. Es wurden seit dem Bau der Brücke keine baulichen Veränderungen zur Suizidprävention vorgenommen. Im November 1999 hat Die Dargebotene Hand zwei Schilder auf beiden Strassenseiten angebracht. 82 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Auf der Brücke werden immer wieder Blumen und Kerzen zum Andenken an die Toten niedergelegt. Eine psychiatrische Klinik innerhalb des Umkreises von 20km ist die Kantonale Psychiatrische Klinik Herisau, 11,4 km von der Brücke entfernt. Anhang Nr. 1 83 Fürstenlandbrücke, St. Gallen, Kanton St. Gallen Die Fürstenlandbrücke wurde 1941 eröffnet, und befindet sich im Westen der Stadt St. Gallen zwischen den Quartieren Bruggen und Winkeln. Sie überspannt den Graben der Sitter, die aus dem Appenzellerland kommend die Stadt westlich und nördlich umfliesst. Die Fürstenlandbrücke stellt einen wichtigen Verkehrsweg aus dem Stadtzentrum Richtung Westen dar. Sie ist eine Strassenbrücke der Staatsstrasse von St. Gallen Richtung Gossau. Sie ist stark befahren durch den innerstädtischen Verkehr, aber auch durch Pendler. Sie zeichnet sich durch die grosse Höhe über dem Fluss aus, und ist als Suizidbrücke bekannt und immer wieder in Diskussion. Wir konnten für den Zeitraum von 1990 bis 2004 13 Suizide in Erfahrung bringen. Die Fürstenlandbrücke ist eine 60m hohe und 489m lange Betonbrücke. Das Geländer ist aus Stahl und mit einer Höhe von 1,20m leicht übersteigbar. Die Brücke hat eine zweispurige Fahrbahn und auf beiden Seiten ein Trottoir und einen Veloweg. Sie wird auch von Fussgängern und Velofahrern stark genutzt. Wir haben für die Zeit von 1990 bis 2004 fünf Medienberichte zum Thema Suizid von der Fürstenlandbrücke gefunden. Nur ein Bericht handelte von einem stattgefundenen Suizid direkt, die anderen Berichte handelten von Suizidversuchen (einer im Zusammenhang mit einem Mord), Suizid allgemein und Präventionsmassnahmen. Zum Schutz der unter der Brücke liegenden Liegenschaften wurden 1979 an der Südseite der Brücke über eine Länge von etwa 20m horizontal ausragende Fangnetze angebracht. Zur Vermeidung des Übersteigens wurden zusätzlich auf die Netze Stacheldrahtrollen ausgelegt. Dieser Schutz wurde in den Monaten August / September 1994 im Zuge der Brückeninstandsetzung durch vertikale Plexiglaswände in praktisch gleicher Lage und Länge ersetzt. 84 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Die Geländerhöhe von 1,20m ist die vorgeschriebene minimale Höhe, wenn eine Brücke einen Radweg führt. Es wurde keine bauliche Veränderung zur Suizidprävention durchgeführt. Auf einer Brückenseite wurden im November 1999 acht Aufkleber von Die Dargebotene Hand angebracht, auf der anderen Seite vier Aufkleber. Die Fürstenlandbrücke ist sehr gut erreichbar, das Stadtzentrum St. Gallen ist ca. 800m entfernt. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Psychiatrische Tagesklinik St. Gallen und die Psychiatrische Klinik Herisau. Die Psychiatrische Klinik Wil ist 28km entfernt. Anhang Nr. 1 85 Kornhausbrücke, Bern, Kanton Bern Die Kornhausbrücke wurde innerhalb von drei Jahren erbaut und 1898 eröffnet. Sie liegt im Zentrum der Stadt Bern, führt über die Aare, und verbindet die Altstadt mit dem Breitenrainquartier und dem nördlichen Teil Berns. Für den Zeitraum von 1994 bis 2004 konnten wir 13 Suizide von der Kornhausbrücke in Erfahrung bringen. Bei der Kornhausbrücke handelt es sich um eine 38m hohe und 382 m lange Stahlhochbrücke. Das Staketengeländer aus Stahl ist 1,13m hoch und sehr leicht übersteigbar. Die Brücke führt zwei Fahrbahnen mit Tramschienen und auf beiden Seiten ein Trottoir. Es handelt sich um eine hochfrequentierte Brücke für Autos, Fussgänger, Velofahrer und Benutzer des Trams. Die Kornhausbrücke ist sehr gut erreichbar und gut zugänglich. Wir konnten für den oben genannten Zeitraum weder Medienberichte zu den Suiziden von der Kornhausbrücke, noch zu Suizid allgemein oder Suizidprävention bezüglich der Kornhausbrücke finden. Die Kornhausbrücke wird lediglich in Zusammenhang mit den suizidpräventiven Massnahmen an der Münsterplattform erwähnt. Die Medienberichterstattung über konkret stattgefundene Suizide von der Kornhausbrücke ist also äusserst zurückhaltend. Dennoch ist die Kornhausbrücke bei der Bevölkerung als Suizidbrücke bekannt, allerdings weniger als die nur einige 100 Meter entfernte Kirchenfeldbrücke. Es wurden seit dem Bau der Brücke keine baulichen Veränderungen zur Suizidprävention vorgenommen. Von der Dargebotenen Hand wurden drei Schilder angebracht, auf der Seite 86 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen des Kurhauses (stadtauswärts) je ein Schild auf beiden Strassenseiten, auf der Seite des Kornhauses (stadteinwärts) nur auf einer Strassenseite. Wann diese Schilder angebracht worden sind, konnte wie bei der Kirchenfeldbrücke und der Lorrainebrücke weder über die Dargebotene Hand noch über das für Beschilderung zuständige Amt der Stadt Bern eruiert werden. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Psychiatrische Poliklinik des Inselspitals, das Kriseninterventionszentrum Bern, die Psychiatrische Klinik Waldau und die Psychiatrischen Kliniken Kirchlindach und Münsingen. Anhang Nr. 1 87 Ganterbrücke, Ried-Brig, Kanton Wallis Die Ganterbrücke wurde von 1977 – 1980 gebaut. Sie überquert das tief eingeschnittene Gantertal. Die Brücke ist Teil der historisch bedeutsamen Simplonpasstrasse und ist derzeit die am weitesten gespannte Brücke der Schweiz. Es handelt sich um eine hochfrequentierte Strassenbrücke mit zwei Fahrbahnen und ohne Trottoirs. Für den Zeitraum von 1994 bis 2004 konnten wir 11 Suizide von der Ganterbrücke in Erfahrung bringen. Es handelt sich um eine Schrägseil- / Betonsegelbrücke mit einer Höhe von 150m und einer Länge von 678m. Die seitliche Brückenbegrenzung ist durch eine Betonbrüstung mit aufgesetztem Stahlkasten gesichert. Die Abschrankung ist auf einer Seite 1,10m, auf der anderen Seite 1,18m hoch. Sie ist auf beiden Seiten gut übersteigbar. Die Ganterbrücke ist nur mit dem Auto gut erreichbar, mit dem öffentlichen Verkehr und zu Fuss ist die Erreichbarkeit aufwendiger, jedoch problemlos möglich. Das Stadtzentrum von Brig ist ca. 15 km entfernt. Wir konnten für den oben genannten Zeitraum im Swissdox weder Medienberichte zu den Suiziden von der Ganterbrücke noch zu Suizid allgemein oder Suizidprävention bezüglich der Ganterbrücke finden. Es besteht jedoch ein Fernsehbericht, der die Problematik der Brückensuizide von der Ganterbrücke behandelt. Trotz der fehlenden Anzahl der Printmedien ist die Ganterbrücke als Suizidbrücke gut bekannt. Es wurden seit dem Bau der Brücke keine baulichen Veränderungen an der Brücke zur Suizidprävention vorgenommen. 88 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Als suizidpräventive Massnahme brachte Die Dargebotene Hand 143 Notruftelefone an. Jeweils an dem Ort der grössten Falltiefe befinden sich auf der Brücke ausserdem Schilder an beiden Strassenseiten, mit Hinweisen zu den oben genannten Telefonen. Im Jahre 2006, kurz vor Abschluss dieser Studie, wurde eine Geländererhöhung von kantonalen Instanzen im Sinne einer Suizidprävention geplant. Eine psychiatrische Klinik innerhalb des Umkreises von 20km ist das Oberwalliser Psychiatriezentrum Brig, 15 km von der Brücke entfernt. Anhang Nr. 1 89 Pont de Zähringen, Fribourg, Kanton Fribourg Die Pont de Zähringen liegt im Zentrum der Stadt Freiburg. Für die Zeit von 1990 bis 2004 konnten wir neun Suizide von der Pont de Zähringen in Erfahrung bringen. Zusätzlich haben von dieser Brücke von 1990 bis 2004 sieben Suizidversuche stattgefunden. Wir konnten für die Zeit von 1990 – 2004 lediglich einen Bericht über einen Suizidversuch finden, mit nachfolgender Berichterstattung zum Thema Suizidprävention. Es gibt unseres Wissens keine Medienberichte zu den stattgefundenen Suiziden. An der Pont de Zähringen haben seit deren Erbauung keine baulichen Veränderungen zur Suizidprävention stattgefunden. Das besondere an der Pont de Zähringen ist, dass sie in direkter Sichtweite der sehr gut gesicherten Pont Gottéron liegt. 90 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen SBB – Brücke über die Sitter, St. Gallen, Kanton St. Gallen Die SBB ist eine der drei Sitterbrücken in St. Gallen, sie wurde 1924 – 1925 erbaut. Von 1990 bis 2004 haben sich laut unserer Nachforschungen 9 Menschen durch Sprung von der Sitterbrücke suizidiert. Es handelt sich um eine 63m hohe und 209m lange Eisenbahnbrücke aus Beton, die mit Natursteinen verkleidet ist. Das Metallgeländer mit einer Höhe von 1,29m ist sehr leicht übersteigbar. Die Brücke läuft parallel zur Fürstenlandbrücke über den Sittergraben. Die Eisenbahnbrücke führt zweispurig Schienen, sie wird auf der Nordseite von einem Fussgängerund Velosteg begleitet und ist damit gut zugänglich und durch die Stadtnähe insgesamt sehr gut erreichbar. Sie ist einerseits ein beliebter Spazierweg von Bruggen zum 1km entfernten Gübsensee und gehört ins übergeordnete Velonetz. Es handelt sich also um eine hochfrequentierte Eisenbahnbrücke, die auch von Fussgängern und Velofahrern genützt wird. Zur SBB-Brücke über die Sitter konnten wir keine Suizidberichterstattung und keine Berichte über Suizid allgemein und Präventionsmassnahmen finden. Auf der Nordseite der Brücke, wo sich auch der Fussgänger- und Veloweg befindet, wurde auf das Geländer über eine Strecke von ca. 15m ein ca. 2m hohes, nicht übersteigbares Gitter aufgesetzt, um die darunter liegende Strasse zu schützen. Zur Suizidprävention wurden im November 1999 zwei Schilder von der Dargebotenen Hand angebracht, jeweils am Beginn bzw. Ende der Brücke. Es wurden keine baulichen Massnahmen an der Brücke zur Suizidprävention vorgenommen. Psychiatrische Kliniken im Umkreis von 20km sind die Tagesklinik St. Gallen und die Psychiatrische Klinik Herisau. Die Psychiatrische Klinik Wil liegt 28km entfernt. Anhang Nr. 1 91 Neue Rothenbachbrücke, Rothenburg, Kanton Luzern Die Rothenbachbrücke wurde in den Jahren 1911 / 12 als eine der ersten Betonbogenbrücken erbaut. Ende der 50er Jahre zeigte diese Betonbrücke erste Materialermüdung. Es wurde überlegt, eine neue Brücke an einem anderen Ort zu bauen. Unter Zeitdruck und Sachzwängen entschied man sich 1974 für die Beibehaltung der bestehenden Verkehrsachsen. 1975 wurde die Brücke in Folge „Altersschwäche“ in zwei Anläufen gesprengt, innerhalb nur 10 Monaten wird am gleichen Ort die neue Rothenbachbrücke gebaut. Diese neue Spannbetonbrücke geht von Emmen nach Rothenburg. Sie ist eine hochfrequentierte Brücke mit zwei Fahrbahnen und auf beiden Seiten je ein Trottoir. Über die Brücke führt die viel befahrene Hauptstrasse Luzern-Beromünster. Die Brücke überwindet das steile und tiefe Rothbachtobel. Auf dem Gemeindegebiet Emmen befindet sich der Bahnhof Rothenburg Station, von wo aus viele Rothenburger den Zug nehmen. Sie wird daher auch rege von Fussgängern benutzt. Die Rothenbachbrücke ist bei der Bevölkerung gut als Suizidbrücke bekannt. Für die Zeit von 1996 bis 2003 konnten wir durch die Kantonspolizei Luzern neun Suizide von der Rothenbachbrücke in Erfahrung bringen. Es handelt sich bei der Brücke um eine Hohlkasten- / Spannbetonbrücke mit einer Höhe von 28m und einer Länge von 128,6m. Das 95cm hohe Stahlgeländer ist sehr leicht übersteigbar. Von der neuen Brücke aus hat man Sicht auf die alte Rothenbachholzbrücke, die eine wesentlich geringere Höhe aufweist, als die neue Rothenbachbrücke. Über die Rothenbachbrücke liegen für den oben genannten Zeitraum keine Medienberichte über stattgefunden Suizide, Suizid allgemein oder Suizidprävention vor. Geländererhöhungen wurden bislang nicht vorgenommen. Als suizidpräventive Massnahme hat am 30. März 2003 die Dargebotene Hand Hinweisschilder montieren lassen. 92 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Geplant war, dass im Rahmen der Instandsetzung der Brücke in den Jahren 2004 / 2005 die Geländerhöhe der Brücke von 95cm auf 120cm erhöht wird, was nun so auch stattgefunden hat. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Psychiatrische Klinik in Luzern und die Psychiatrische Klinik St. Urban. Anhang Nr. 1 93 Fussgängersteg des Sitterviaduktes der N1, St. Gallen, Kanton St. Gallen Die Autobahnbrücke N1 liegt im westlichen Abschnitt der so genannten Stadtautobahn durch St. Gallen und ist Teil der Autobahn N1, welche von Genf bis St. Margrethen führt. Direkt unterhalb der Autobahnbrücke N1 läuft der Sittersteg, welcher ein unter die Fahrbahn gehängter Fuss- und Veloweg ist und die Stadt St.Gallen mit der Gemeinde Gaiserwald sowie zwei Spazier- und Ausflugsgebiete verbindet. Bei der Autobahnbrücke und dem Sittersteg handelt es sich um einer der drei Sitterbrücken von St. Gallen. Der Sittersteg ist beliebt bei Spaziergängern, mit dem Velo pendelnden Personen und Wanderern, und ist aufgrund seiner Höhe über Grund schon von Bungee–Jumpern benutzt worden. Die Autobahnbrücke und der Fussgängersteg wurden 1984 fertig gestellt. Für die Zeit von 1990 bis 2004 konnten wir acht Suizide in Erfahrung bringen. Die Suizide wurden laut Auskunft des Tiefbauamtes St. Gallen mit höchster Wahrscheinlichkeit vom Sittersteg und nicht von der Autobahn verübt, da die Autobahnbrücke über hohe, nicht übersteigbare Lärmschutzwände verfügt. Beim Sittersteg handelt es sich um eine Betonbrücke mit einer Höhe von 55m und einer Länge von 675m. Das auf einer Betonbrüstung aufgesetzte Stahlgeländer ist trotz seiner überdurchschnittlichen Höhe von 1,29m gut übersteigbar. Der Sittersteg ist sehr gut erreichbar, das Stadtzentrum von St. Gallen ist ca. 1,2km entfernt. Wir haben keine Medienberichte zu den Suiziden vom Sittersteg, zu Suizid allgemein oder Suizidprävention in Bezug auf den Sittersteg gefunden. Sittersteg und Autobahn überspannen den Graben der Sitter, in dem auch das Firmenareal der Firma Filtrox liegt. Am Sittersteg wurde im März 2002 an den Geländern ein Drahtmaschengitter zum Schutz der darunter liegenden Firma Filtrox montiert und im Februar 2003 wegen einer Fabrikerweite- 94 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen rung noch etwas verlängert. Dieses Schutzgitter zieht sich nicht über die Länge des gesamten Steges, sondern ist auf einer Seite 130m und auf der anderen Seite 170m lang. Es wurden keine weiteren baulichen Veränderungen zur Suizidprävention durchgeführt. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Psychiatrische Tagesklinik St. Gallen und die Psychiatrische Klinik Herisau. Die Psychiatrische Klinik Wil ist 28km entfernt. Anhang Nr. 1 95 Pont de Gilamont, Vevey, Kanton Waadt Die Brücke befindet sich auf der Kantonalstrasse RC 743b zwischen den Gemeinden Corsier sur Vevey und St. Légier la Chiésaz, auf der Strecke Lausanne – St. Maurice. Die Pont de Gilamont ist eine hochfrequentierte Strassenbrücke mit zwei Trottoirs, sie geht über den Fluss Veveyse. Die Brücke ist sehr gut erreichbar. Von 1990 bis 2004 haben sich von der Pont Gilamont acht Menschen suizidiert. Bei der Pont de Gilamont handelt sich um eine Betonbalkenbrücke mit einer Länge von 594m. Das auf einen Betonsockel aufgesetzte Eisengeländer hat insgesamt eine Höhe von 1,10m und ist sehr leicht übersteigbar. Es liegen uns keine Medienberichte zu den Suiziden der Pont Gilamont vor, auch scheint sie sonst nicht in der Berichterstattung zum Thema Suizid auf. An der Pont de Gilamont wurden keine Massnahmen zur Suizidprävention durchgeführt. Vor einiger Zeit wurde ein Antrag der Gemeinden um eine Erhöhung des Geländers an den Kanton gestellt, der Antrag wurde jedoch aus finanziellen Gründen abgelehnt. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die psychogeriatrische Klinik Nant und die Psychiatrische Klinik Clarens. 96 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Pont Chauderon, Lausanne, Kanton Waadt Die Pont Chauderon wurde von 1904 bis 1905 erbaut und liegt im Zentrum von Lausanne. Die Anzahl der Suizide, die wir in Erfahrung bringen konnten, waren sieben im Beobachtungszeitraum von 1990 bis 2004. Wir konnten die Daten ab 1990 durch das Institut für Rechtsmedizin in Lausanne und ab 1995 durch die Polizei eruieren. Die Verkehrsdirektion ergänzte diese Zahl auf acht Suizide. Bei der Pont Chauderon handelt es sich um eine hochfrequentierte Strassenbrücke mit zwei Trottoirs. Die Brücke ist 18m hoch und 190m lang, das kunstvoll schmiedeiserne Geländer mit einer Höhe von 1,11m kann sehr leicht überstiegen werden. Die Pont Chauderon ist durch ihre zentrale Lage sehr gut erreichbar. Über die Pont Chauderon wurde in den Medien in der Zeit von 1990 bis 2004 zweimal über Suizid allgemein berichtet, es fand jedoch keine Medienberichterstattung zu den konkreten Suiziden von der Brücke statt. Es wurden an dieser Brücke keine Suizidpräventionsmassnahmen durchgeführt. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Psychiatrische Klinik Cery in Prilly und eine Alkoholentzugsklinik. Anhang Nr. 1 97 Pont du Gottéron, Fribourg, Kanton Fribourg Die Brücke liegt auf der B080 Fribourg – Schwarzsee. Das Stadtzentrum von Fribourg ist 3km weit von der Brücke entfernt. Es handelt sich um eine hochfrequentierte Strassenbrücke mit zwei Trottoirs. Die Brücke gilt als Touristenattraktion, da sie einen schönen Ausblick auf die Altstadt von Fribourg und auf die Pont Zähringen bietet. Die Pont Gottéron ist sehr gut erreichbar. Wir konnten für den Zeitraum von 1990 bis 2004 sieben Suizide von der Pont Gottéron in Erfahrung bringen. Bei der Pont Gottéron handelt es sich um eine Betonbogenbrücke mit einer Höhe von 80m und einer Länge von 168m. Das Metallgeländer ist 2 bis 2,5m hoch und im oberen Abschnitt nach innen geneigt, das Geländer ist praktisch nicht mehr übersteigbar. Zur Pont Gottéron gibt es in unserem Beobachtungszeitraum acht Medienberichte, wobei nie über einen konkret stattgefundenen Suizid berichtet wurde. Zwei Medienberichte sind über eine Buchvorstellung eines Krimis, in dem sich ein junges Mädchen von der Pont Gottéron stürzt. Die anderen Berichte befassen sich mit den Suizidpräventionsmassnahmen an der Brücke und handeln auch von Suizid allgemein. Als Suizidpräventionsmassnahme wurde an der Brücke eine umfassende Geländererhöhung durchgeführt. Die erste Geländererhöhung fand 1996 von der Standardhöhe auf eine Höhe von 1,33m statt, dies hatte jedoch nicht den gewünschten Erfolg. Zwischen 20.11.2002 und 17.12.2002 wurde das Geländer in der Höhe von 1,33m auf 2 bis 2,5m erhöht, mit einer Neigung des Geländers nach innen im oberen Teil. 98 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Das Auffallende an der Brücke ist, dass sie einen besonders legendären Ruf als Suizidbrücke hat, wobei die Anzahl ihrer Suizide weit geringer ist als z.B. von der Pont Bessière oder der Lorzentobelbrücken. Obwohl das Geländer nicht übersteigbar erscheint, fanden im Jahr 2004 zwei weitere Suizide von der Brücke statt. Die Psychiatrische Klinik Marsens ist 27,6 km entfernt. Anhang Nr. 1 99 Pont de la Glâne, Villars-sur-Glâne, Kanton Fribourg Die Brücke wurde 1958 erbaut, 1969 verbreitert und von 1995 bis 2000 saniert. Sie liegt auf der Kantonsstrasse B100 Freiburg - Bulle und führt über die Glâne, sie befindet sich in einer sehr idyllischen Landschaft. Die Pont de la Glâne ist eine mässig frequentierte, etwas abgelegene Strassenbrücke mit zwei Trottoirs. Sie ist gut erreichbar, das Stadtzentrum von Fribourg liegt 3,9km entfernt. Von 1990 bis 2004 haben sich sieben Personen von der Pont de la Glâne suizidiert. Die Pont de la Glâne ist eine Steinbogenbrücke aus Sandstein mit einer Höhe von 54m und einer Länge von 178m. Das Metallgeländer von einer Höhe von 1,10m ist sehr leicht übersteigbar. Die in das Geländer integrierte Leitplanke erleichtert das Übersteigen zusätzlich, lädt vom optischen Aspekt her fast dazu ein. Weiter ist es möglich, ausserhalb des Geländers zu stehen, auf einem Sims von 32cm Breite. Wir haben zur Pont de la Glâne keine Medienberichte zu stattgefundenen Suiziden, Suizid allgemein oder Suizidprävention gefunden. Es wurden seit dem Bau der Brücke an dieser keine Massnahmen zur Suizidprävention durchgeführt. Eine psychiatrische Klinik im Umkreis von 20km ist die Psychiatrische Klink Marsens. 100 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Salginatobelbrücke, Schiers, Kanton Graubünden Die Salginatobelbrücke ist die bekannteste Brücke von Robert Maillart (1872 - 1940). Sie wurde 1991 durch die American Society of Civil Engineers (ASCE) zum Internationalen Denkmal der Ingenieurbaukunst erklärt und zählt heute zu den Baudenkmälern von internationaler Bedeutung. Die Brücke wurde in den Jahren 1929 / 1930 gebaut. In den Jahren 1975 / 1976 wurden erste bauliche Erhaltungsmassnahmen ausgeführt. Weitere Erhaltungsmassnahmen erfolgten im 1997/98. Sie liegt auf der Verbindungsstrasse von Schiers nach Schuders. Von 1990 bis 2004 haben sich sieben Personen von der Salginatobelbrücke suizidiert. Bei der Brücke handelt es sich um eine Dreigelenkbogenbrücke aus Stahlbeton mit einer Höhe von 90m und einer Länge von 132,3m. Die Betonbrüstung mit einer Höhe von 1,10m ist sehr leicht übersteigbar. Die Brücke ist eine wenig frequentierte, einspurige Strassenbrücke von 3,5m Breite, sie führt keine Trottoirs. Die Salginatobelbrücke ist mit dem Auto gut, ansonsten schwer erreichbar. Zu Fuss erreicht man sie in 1 ½ Stunden von Schiers und in 1 1/3 Stunden von Schuders. Das Stadtzentrum von Chur ist 30km entfernt. Wir haben keine Medienberichte für die Zeit von 1990 bis 2004 zu stattgefundenen Suiziden, Suizid allgemein oder Suizidpräventionsmassnahmen zur Salginatobelbrücke gefunden. An der Brücke wurden keine baulichen oder sonstige Massnahmen zur Suizidprävention durchgeführt, diese würden auch schon alleine aufgrund des Denkmalschutzes wahrscheinlich nicht zur Diskussion stehen. Die nächste psychiatrische Klinik ist die Klinik Waldhaus in Chur, 29,5km von der Salginatobelbrücke entfernt. Anhang Nr. 1 101 Lorrainebrücke, Bern, Kanton Bern Als Ersatz für die Fahrstrasse der Eisenbahnbrücke wurde die Lorrainebrücke in den Jahren 1928 / 1930 erbaut und am 17. Mai 1930 eröffnet. 1968 wurden die Trottoirs um je 1m auf 2,5m Breite reduziert. Die Lorrainebrücke liegt im Zentrum Berns und verbindet die Innenstadt mit dem Lorrainequartier, weiter dient die Lorrainebrücke als Ein- / Ausfalltor für nach Bern reisende Gäste. Sie führt über die Aare und ist eine hochfrequentierte Strassenbrücke mit Trottoirs und Velowegen. Die Lorrainebrücke ist sehr gut erreichbar. Für die Zeit von 1994 bis 2004 konnten wir von der Lorrainebrücke sechs Suizide in Erfahrung bringen. Die Lorrainebrücke ist eine Betonbrücke mit einer Höhe von 37,5m und einer Länge von 178m. Sie hat eine Brüstung aus Naturstein mit einer Höhe von 1,15m. Ausserhalb der Brüstung befindet sich ein Sims, auf dem man stehen und sogar gehen kann. Dieser Sims ist bei Beginn und Ende der Brücke jeweils mit einem quer verlaufenden Gitter gesperrt, damit man ihn nicht betreten kann. Um auf den Sims zu gelangen, müsste man in diesem Sinne über das Geländer steigen. Wir fanden für oben genannten Zeitraum keine Medienberichterstattung zu Suiziden, Suizid allgemein oder Suizidprävention konkret zur Lorrainebrücke. An der Brücke wurden keine baulichen Massnahmen zur Suizidprävention vorgenommen. Im August 2005 wurden an der Brücke an deren Eingängen beidseits insgesamt vier Schilder der Dargebotenen Hand angebracht. Psychiatrische Kliniken innerhalb des Umkreises von 20km sind die Psychiatrische Poliklinik des Inselspitals, das Kriseninterventionszentrum Bern, die Psychiatrische Klinik Waldau sowie die Psychiatrischen Kliniken Kirchlindach und Münsingen. 102 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Hohe Brücke, Kerns, Kanton Obwalden Die Hohe Brücke geht in 103m Höhe über die Ranftschlucht mit dem Bach „Grosse Melchaa“ und ist die höchste Holzbrücke Europas. Sie wurde im Jahr 1893 erbaut und ist als Kulturobjekt von regionaler Bedeutung geschützt. 1943 hat eine umgehende Sanierung der Brücke stattgefunden. Sie befindet sich auf der Strasse von Kerns nach Sachseln (Verbindungsstrasse Kern / Flüeli Ranft) Die Brücke ist einspurig befahrbar und hat Fussgängerstege. Die Hohe Brücke ist mit dem Auto und zu Fuss (von Kerns, Flüeli Ranft und Sachseln) sehr gut erreichbar. Es handelt sich um eine gedeckte Holzbrücke mit einer Höhe von 103m und einer Länge von lediglich 30m. Das Holzgeländer mit einer Höhe von 1,10m ist sehr leicht übersteigbar. Von 1990 bis 2004 haben sich von der Hohen Brücke sechs Menschen suizidiert. Bei einem der Suizide im Jahr 1990 handelte es sich um einen erweiterten Suizid, bei dem eine Mutter ihre zwei Kinder von der Brücke gestossen hat und danach selbst hinunter gesprungen ist. Im März 2003 wurden erneut zwei Kinder ermordet, indem sie von der Brücke gestossen wurden. Insgesamt haben von der Brücke vier Tötungen von Kindern stattgefunden. Die Tötungsdelikte an den Kindern im 2003 haben starke Medienpräsenz gefunden, es wurde in verschiedenen Zeitungen sehr ausführlich über die Delikte berichtet. Diese Delikte waren auch der Anstoss, an der Brücke suizidpräventive Massnahmen vorzunehmen. Als Suizidpräventionsmassnahmen wurden im Jahr 2003 / 2004 Schilder von der Dargebotenen Hand an- Anhang Nr. 1 103 gebracht. Im März 2004 wurden ausserhalb der Brücke über die gesamte Länge der Brücke in horizontaler Lage Fangnetze aus Metall angebracht, die ein Hinunterspringen verhindern bzw. erschweren sollen. Eine Klinik im Umkreis von 20km ist die Psychiatrische Klinik Sarnen. 104 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Hundwilertobelbrücke, Waldstadt-Hundwil, Kanton Appenzell AR Die heutige Hundwilertobelbrücke wurde von 1989 bis 1991 neu erstellt und 1992 eingeweiht. Sie ersetzte eine ähnliche Bogenbrücke, die 1925 eröffnet worden ist und damals eine Holzbrücke ersetzte, die tiefer im Tobel lag (28m hoch). Die Brücke verbindet Hundwil mit Waldstatt, ist Teil der Hauptstrasse Herisau – Appenzell und führt über das Hundwilertobel mit dem Fluss Urnäsch. Die Hundwilertobelbrücke ist mit dem Auto oder zu Fuss (von Hundwil oder Waldstatt aus) gut zu erreichen. Das Stadtzentrum von Herisau ist ca. 4km, das Stadtzentrum von Appenzell ist ca. 11km entfernt. Es handelt sich um eine hochfrequentierte Strassenbrücke mit einer Höhe von 76,5m und einer Länge von 268,8m. Auf beiden Seiten ist ein Trottoir, einseitig zusätzlich noch ein Veloweg. Die Betonbrüstung mit aufgesetzten Holmen. hat eine Höhe von 1,15m und ist leicht übersteigbar. Von 1990 bis 2004 haben sich laut unserer Nachforschungen sechs Personen an der Hundwilertobelbrücke suizidiert. Zur Hundwilertobelbrücke haben wir keine Medienberichte über die stattgefundenen Suizide, Suizid allgemein oder Suizidprävention gefunden. Es wurden seit dem Bau der Brücke keine baulichen Veränderungen an der Brücke zur Suizidprävention vorgenommen. Die Brüstung hatte vorerst ein aufgesetztes Kastenprofil aus Beton, auf dem man stehen konnte. Dieses Kastenprofil wurde durch ein rundes Profil (Stahlrohr) ersetzt. Dabei hätten jedoch nicht Massnahmen zur Suizidprävention, sondern ästhetische Gründe eine Rolle gespielt. Psychiatrische Kliniken im Umkreis von 20km sind die Psychiatrische Tagesklinik St. Gallen und die Psychiatrische Klinik Herisau. Anhang Nr. 1 105 Gorges de la Lienne, Ayent, Kanton Wallis Die Brücke wurde 1954 erbaut und liegt auf der Verbindungsstrasse zwischen Ayent und Icogne. Sie geht über eine 96m tiefe Schlucht mit dem Fluss la Lienne. Das Stadtzentrum von Sion ist 8,6km entfernt. Sie ist mit dem Auto gut erreichbar, mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuss schwer erreichbar. Die Gorges de la Lienne ist eine zweispurige Strassenbrücke ohne Trottoirs. Es handelt sich um eine Betonbogenbrücke mit einer Höhe von 96m und einer Länge von 72m. Das Metallgeländer mit einer Höhe von 1,10m ist sehr leicht übersteigbar. Von 1994 bis 2004 haben sich von dieser Brücke sechs Personen suizidiert. Die Suizide haben keine Medienpräsenz gefunden, auch wurde im Zusammenhang mit der Brücke nicht über Suizid allgemein oder Suizidpräventionsmassnahmen berichtet. An der Gorges de la Lienne wurden keine Massnahmen zur Suizidprävention durchgeführt. Eine psychiatrische Klinik innerhalb des Umkreises von 20km ist die Höhenklinik Montana mit einer Psychosomatischen Abteilung (13,3km von der Brücke entfernt). 106 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Anhang Nr. 2 107 Anhang Nr. 2 Übersicht alle Brücken Kanton Brücke Suizide AG Brücke, 4310 Rheinfelden Hochbrücke, 4515 Obersiggenthal Hochbrücke, Baden Neue Limmatbrücke, Baden Reussbrücke, Bremgarten Haslenbrücke, 9053 Teufen Leuenbachbrücke, Umfahrungsstrasse, Teufen Schwanenbrücke, zw. Stein und Niederteufen AR 1 1 3 1 1 3 1 1 AR Haggenbrücke, 9063 Stein Hundwilertobel Brücke, Waldstatt-Hundwil 13 6 BE Autobahnbrücke in Rubigen, A6 - Süd Autobahnviadukt Saanen, Mühleberg Brücke der Reichenbachfälle,3860 Meiringen Brücke Stadtbachstrasse, Bern Brücke über Fahrbahn, Aarau Eisenbahnbrücke, 3852 Goldswil Forsthausbrücke, Murtenstrasse 85, Bern Halenbrücke, Herrenschwanden Kirchenfeldbrücke Kornhausbrücke Lorrainebrücke Monbijoubrücke Nydeggbrücke Radfahrer Holzbrücke, 3752 Wimmis Schwarzwasserbrücke, Mittelhäusern Tiefenaubrücke Tschingelbrücke, 3655 Sigriswil Wohlenbrücke, 3034 Murzelen 1 1 1 1 1 1 1 3 30 13 6 2 2 1 3 3 1 1 BL Autobahnbrücke N2, 4132 Muttenz Brücke über Bahnstrecke, Liesberg 1 1 BS Dorenbachviadukt, 4054 Basel Dreirosenbrücke, Basel Mittlere Rheinbrücke, Basel Rialtoviadukt, 4054 Basel 4 1 1 1 FR Aergerabrücke, Giffers Autobahnbrücke A1 Autobahnbrücke, Grattavache Autobahnviadukt, Flamatt Autobahnviadukt, Le Bry, A12 1 1 1 1 1 108 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Autobahnviadukt, Vuippens Passerelle Grabensaal, Fribourg Pont de Grandfey, Fribourg Pont de la Glâne, Villars-sur-Glâne Pont de Pérolles, Fribourg Pont du Gottéron, Fribourg Pont de Zähringen, Fribourg unbekannte Brücke, Domdidier unbekannte Brücke, Flamatt unbekannte Brücke, Marly Viaduc de la Madelaine, Granges-Paccot 1 1 3 7 4 7 9 1 1 1 1 GE Brücke über Bahngeleise Pont Butin, Genf (60m) (eingangs Vernier) Pont Butin, Genf (eingangs Vernier) Pont CFF Jonction, Genf Pont de Cartigny, Cartigny Pont de Lancy, Grand-Lancy 1 1 14 3 3 1 GR alte Solisbrücke, zw. Solis & Tiefenkastel Brücke über Plessur, 7203 Trimmis Brücke über vereinigten Rhein, Reichenau (Tamins) Cascellabrücke, 6563 Mesocco Fachwerkbrücke, 7015 Tamins Grosstobelbrücke, 7136 Obersaxen Friggahüs Gurlainabrücke, 7550 Scuol Langwieserviadukt, zw. Wiesen & Filisur Militärbrücke, 7306 Fläsch Naninbrücke, 6563 Mesocco Pont del Margin, 6548 Rossa Pont del Ram, 6535 Roveredo Salginatobelbrücke, 7220 Schiers Versamerbrücke, 7104 Versam Viamalabrücke, 7411 Sils im Domleschg 3 1 1 1 1 1 3 4 1 1 1 1 7 1 1 LU Rothenbachbrücke, Rothenburg 9 OW Hohe Brücke, Kerns 7 SG Autobahn N1, Verbindungsbrücke Wil - Rickenbach Autobahnbrücke Sittertobel, Fussweg unter Sitterviadukt Autobahnbrücke Toggenburgstrasse in Will Autobahnbrücke, Sittertalsteg Autobahnviadukt, Sittertalsteg Eisenbahnbrücke der BT über Wissbach Fürstenlandbrücke Holzbrücke im Schwänberg, 30m, über Wissbach Martinsbrugg SBB Brücke in Stocken, St. Gallen Winkeln SBB-Brücke über die Sitter Sitter Höhe, Openair Gelände, St. Gallen - Bruggen Spinnereibrücke, Stadtautobahnüberführung N13 1 1 1 6 1 1 16 1 4 1 9 1 1 Anhang Nr. 2 109 Splügenbrücke Autobahn Fahrtrichtung Rohrschach Splügenbrücke, Güterbahnhofareal, St. Finden St.Gallen: BT Brücke,an der Haggenstrasse nähe Aetschbergweg Stadtautobahn SG zw. St.Fidentunnel u. Rosenbergtunnel verm. Fürstenlandbrücke 1 1 1 1 1 SH Eisenbahnbrücke Schaffhausen - Feuerthalen Schaffhausen, A4, St. Peterbrücke, Fahrspur Bargen 1 1 SO Holzfluhbrücke, 4710 Balsthal Tüfelsbrücke, 4614 Hägendorf 2 2 TG Eisenbahnbrücke Bergstr., Kreuzlingen Eisenbahnbrücke MThB Steinbruchstr., Kreuzlingen 1 1 VD Autobahnbrücke Autobahnbrücke nahe Corsier Autobahnbrücke, Vevey Brücke beim Boulevard de la Fôret, Pully Brücke der Strasse St.Martin, Vevey Brücke in Bau, A9, Sierre Brücke Le Vallon des Vaux, Yvonand Brücke nahe der "Dingue Vaudaire", Lutry Grand Pont, Lausanne Grand-Pont, Orbe Passerelle reliant la gare du Flon (Lausanne) Pont Bessière, Lausanne Pont Chauderon, Lausanne Pont d`Aigremont, Route Diablerets Pont de Brent, Brent Pont de Fénil, Corsier- sur-Vevey Pont de Gilamont, Vevey Pont de la Carrière, Crissier Pont de la Petite-Gryonne, Villars-sur-Ollon Pont de la route sec. Montherod-Saubraz Pont de la Veveyse, Vevey Pont du Devin, Vevey Pont du Niouc, 3960 Niouc Pont Fégire, Corsier-sur-Vevey Pont Gryonne, Arveyes Pont Paudèze, 1092 Belmont-Lausanne Viaduc de Fégir, St.Légier-La Chiésaz Viaduc des Vaux "Niédens", Yvonand Viaduc de Chillon, Veytaux 1 1 1 1 1 1 1 1 3 1 1 47 7 1 1 15 8 1 3 1 1 1 1 1 2 1 1 1 1 VS BLS-Baltschieder-Viadukt, 3939 Eggerberg Dalabrücke, 3953 Leuk Findelbachbrücke, 3920 Zermatt Ganterbrücke, 3911 Ried-Brig Gorges de la Lienne, 1966 Ayent Haselruffina, 3922 Stalden Kelchbachbrücke / Bella Vista, 3904 Naters 1 1 1 11 6 1 4 110 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Luogelkin-Viadukt, 3949 Hohtenn Munderbrücke, 3903 Mund Neue Brücke Fee-Vispa, 3906 Saas-Fee Panoramabrücke, 3906 Saas Fee Pont de Gueuroz, 1904 Vernayaz Pont du Glarier, 3969 Lourtier Teufelsbrücke, 3953 Leuk Vernerbrücke, 3969 Varen 1 1 1 1 14 1 1 2 ZG Lorzentobelbrücken 41 ZH Duttweilerbrücke Zürich Eglisauer Eisenbahnbrücke Kantonale Hochleistungsstrasse Glattfelden K12, über Glatt 1 1 1 Total 475 Anhang Nr. 3 111 Anhang Nr. 3 Richtlinien für die Medienberichterstattung zum Thema Suizid Es ist heute erwiesen, dass manche Formen der Berichterstattung über Suizide in den Medien weitere Suizide als so genannte Imitationshandlungen hervorrufen können. Die Aufmerksamkeit auf den Bericht und damit die Gefahr von Suizidhandlungen wird erhöht, wenn - in einem reisserischen Aushang auf den Bericht hingewiesen wird - der Bericht auf der Titelseite erscheint, besonders auf der oberen Hälfte - der Ausdruck „Selbstmord“ oder „Suizid“ in der Artikel-Überschrift verwendet wird - eine Fotografie der betreffenden Person gezeigt wird - implizit die Haltung des Suizidanten als bewundernswert, heroisch oder mit Billigung dargestellt wird („In dieser Situation war eigentlich nur klar, dass…“). Der Effekt wird umso grösser sein, je mehr - spezielle Details (z.B.: Örtlichkeiten) und der gesamte Ablauf der Suizidmethode dargestellt werden - der Suizid als „unverständlich“ dargestellt wird („wo er doch alles hatte, was das Leben bieten kann“) - romantisierende Motive verwendet werden („ewig vereint sein“) - Simplifizierungen vorkommen („Selbstmord wegen schlechter Noten in der Schule“) Der Imitations-Effekt wird geringer sein, wenn - deutlich Alternativen aufgezeigt werden (wo hätte der Betroffene Hilfe finden können?) - auch solche Berichte folgen, in denen Bewältigungsmöglichkeiten aufgezeigt werden - Informationen über Hilfsmöglichkeiten und Arbeitsweise von Hilfsstellen gebracht werden - Hintergrundinformationen über die Suizidgefährdung und das weitere Vorgehen gegeben werden - über mögliche Warnsignale informiert wird Kontaktadresse Ipsilon, Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz. Elfenstrasse 18, 3000 Bern 16, 031 359 11 81, / [email protected], www.ipsilon.ch 112 Suizidprävention bei Brücken: Grundlagen Anhang Nr. 4 Anhang Nr. 4 Beispiele für ungünstige Medienberichterstattung 113
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