An der Leine auf Angriff Abschlussarbeit

An der Leine auf Angriff
Leinenaggression verstehen und richtig damit umgehen
Abschlussarbeit
zum Lehrgang
„Ganzheitlich Orientierte Hundeverhaltenstrainerin“
beim Verein
„Tiere Helfen Leben“
von Marielies Steindl
Wien, August 2015
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung ............................................................................................................ 1
B. Aggression .......................................................................................................... 3
I. Definition ....................................................................................................................... 3
II. Entstehung von Aggression ...................................................................................... 4
III. Affektive und nicht affektive Aggression ................................................................ 5
IV. Motivation für Aggression ......................................................................................... 6
V. Ziele des Aggressionsverhaltens .............................................................................. 9
VI. Das Ausdrucksverhalten ......................................................................................... 10
VII. Einfluss des Menschen auf die Aggressivität ...................................................... 12
VIII. Die Eskalationsleiter .............................................................................................. 13
C. Leinenaggression ............................................................................................. 15
I. Definition ..................................................................................................................... 15
II. Entstehung von Leinenaggression ......................................................................... 15
D. Grundlagen zum Lernverhalten ...................................................................... 18
I. Lerntheorie .................................................................................................................. 18
II. Wie lernt der Hund? .................................................................................................. 18
III. Wann lernt der Hund? ............................................................................................. 18
IV. Verschiedene Lernformen und Lerntheorien ........................................................ 19
1. Lernen durch Assoziation ......................................................................................... 19
2. Klassische Konditionierung ...................................................................................... 20
3. Operante Konditionierung ........................................................................................ 22
V. Training mit Belohnung ............................................................................................ 22
VI. Strafe und Druck ...................................................................................................... 24
VII. Trainingsprinzipien ................................................................................................. 25
1. Timing....................................................................................................................... 25
2. Belohnungskriterien.................................................................................................. 26
3. Belohnungsrate ........................................................................................................ 26
VIII. Unterschiedliche Belohnungssysteme ................................................................ 27
E. Stress ................................................................................................................. 29
I. Definition ..................................................................................................................... 29
II. Unterscheidung von Eustress und Distress........................................................... 29
III. Unterscheidung verschiedener Stressoren .......................................................... 30
IV. Fünf wichtige Aspekte in Bezug auf Stress ........................................................... 31
V. Stressmodelle ............................................................................................................ 32
1. Stressreaktion in drei Stufen nach Selye ................................................................. 32
2. Stressreaktion in drei Stufen der Bewertung nach Lazarus ..................................... 34
VI. Stresssymptome ...................................................................................................... 36
VII. Stressfaktoren bei Hunden .................................................................................... 38
VIII. Stress senken ........................................................................................................ 44
F. Die Körpersprache der Hunde ......................................................................... 46
I. Körpersprache und Kommunikation von Hunden .................................................. 46
II. Eskalationsleiter ........................................................................................................ 47
III. Beschwichtigungssignale ....................................................................................... 47
I IV. Rasseunterschiede in der Kommunikation ........................................................... 49
V. Die verlorene Sprache............................................................................................... 50
G. Trainingsansätze zur Überwindung von Leinenaggression ......................... 52
I. Allgemeines ................................................................................................................ 52
II. Markersignal .............................................................................................................. 53
III. Leinenführigkeit ....................................................................................................... 54
IV. Marker für Blick ........................................................................................................ 55
V. Zeigen und Benennen ............................................................................................... 58
VI. Aufbau eines Alternativverhaltens ......................................................................... 58
VII. Trainingsvariante im Freilauf ................................................................................. 60
VIII. Konditionierte Entspannung ................................................................................ 61
IX. Notfalllösungen ........................................................................................................ 62
X. Maulkorbtraining ....................................................................................................... 63
H. Ausrüstung ....................................................................................................... 64
I. Allgemeines ................................................................................................................ 64
II. Halsband oder Brustgeschirr, eine Glaubensfrage? ............................................. 64
III. Die Passform ............................................................................................................ 66
IV. Geschirrarten ............................................................................................................ 67
V. Die Auswahl der Leine .............................................................................................. 68
VI. Weitere Hilfsmittel .................................................................................................... 70
VII. Maulkorb .................................................................................................................. 72
VIII. Aktion „Gelber Hund“ ........................................................................................... 72
I.
Rechtliche Aspekte der Leinenaggression ..................................................... 74
I. Allgemeines ................................................................................................................ 74
II. Verwaltungsrecht ...................................................................................................... 74
III. Strafrecht .................................................................................................................. 75
IV. Zivilrecht ................................................................................................................... 76
Literaturverzeichnis.................................................................................................77
Abbildungsverzeichnis............................................................................................80 II A. Einleitung
Nur mit wenigen Themen befasst sich ein Hundetrainer so oft wie mit dem
Problem der Leinenaggression. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Städte immer
enger werden und der Asphalt immer weiter wächst und jegliches Grün verschluckt,
kommt es gehäuft zu Konflikten zwischen Hunden, an denen diese Reizüberflutung
nicht spurlos vorübergeht. Die Grundmotivation Hunde zu halten hat sich geändert.
Der beste Freund des Menschen soll Spaß und Freude bringen und unsere spärliche
Freizeit versüßen. Wenn dann Probleme auftauchen, ist der Traum vom besten
Freund schnell vorüber und die Realität holt einen ein.
Aggressives Verhalten belastet unsere Beziehung zum Hund. Wer schon einmal
einen Hund, der an der Leine Probleme mit anderen Hunden hat, mitten in Wien
spazieren geführt hat, kann ein Lied davon singen. Nicht nur die Handlung unserer
Hunde an sich, sondern in hohem Maße auch der Druck durch unser Umfeld, die
Missgunst unserer Mitmenschen und Schuldgefühle plagen uns. Die Akzeptanz
gegenüber Hunden die aggressiv auffallen, ist niedrig und durch immer neue
Schlagzeilen über beißende Hunde in den Medien werden Hunde, die sich nicht
„normkonform“ verhalten, gemeinsam mit ihren Besitzern immer weiter an den
gesellschaftlichen Rand gedrängt. Wenn ein Hund einen anderen an der Leine
verbellt, erntet der an der Leine hängende Besitzer meist böse Blicke, Unverständnis
und schüttelnde Köpfe. Jeder Spaziergang wird zum Spießrutenlauf, aus Angst
andere Hunde zu treffen. "Der ist ja aggressiv, der braucht einen Maulkorb!" schallt
es von der Seite. Der Besitzer des "Rivalen-Hundes" schüttelt missbilligend den Kopf
und geht, ohne den Abstand zu vergrößern, unbeirrt an dem tobenden Hund vorbei.
Der berühmte Satz "Meiner tut eh nix" lässt jeden Besitzer eines leinenaggressiven
Hundes erschauern. Leider kann ich aus Erfahrung sagen, dass man gerade von
Hundebesitzern oft am wenigsten Verständnis für den eigenen Hundes erntet, wird
ein solches Verhalten doch oft als ein Erziehungsfehler oder Dominanzproblem
dargestellt.
Die gemeinsame Zeit im Freien wird zur Qual. Während der Hund seinen Frust
dem fremden Artgenossen entgegenwirft, lassen die Besitzer manchmal an ihren
tobenden Hunden den Dampf ab und verschärfen mit Strafmaßnahmen das Problem
zusätzlich. Das Vertrauensverhältnis zu unseren Hunden verschlechtert sich
zunehmend.
1 Doch welche Ursachen hat Leinenaggression wirklich und was kann man dagegen
tun? Dieser und vielen anderen Fragen widme ich meine Abschlussarbeit.
Im ersten Abschnitt der Arbeit geht es um das Thema Aggression, das die Basis
der Leineaggression bildet. Ich gehe der Frage nach was Aggression ist und wie sie
entsteht. Danach gehe ich ausführlich auf die Leinenaggression ein. Um die
Gedanken und Lernvorgänge unserer Hunde besser zu verstehen, beschreibt das
Kapitel Lernverhalten alles rund um das Thema lernen und Denkprozesse unserer
Hunde. Diese Basis brauchen wir, um zu verstehen, warum Hunde so reagieren wie
sie eben reagieren und warum auch der verträglichste Hund ein Problem an der
Leine entwickeln kann. Da Stress gerade in unserem Zeitalter ein immer größer
werdendes Thema ist, befasse ich mich anschließend mit diesem Thema und gehe
auf Stresssymptome und Stressfaktoren ein. Gerade wenn es um das Thema
Aggression geht, ist es wichtig die Körpersprache der Hunde zu verstehen. Mit dem
Wissen über die Signale der Hunde, kann man frühzeitig erkennen, wenn eine
Situation zu eng und für den Hund unangenehm wird, noch bevor dieser zum Angriff
übergehen muss. Darauf gehe ich im Kapitel über die Körpersprache der Hunde ein.
Im darauf folgenden Kapitel geht es um Trainingsansätze und Möglichkeiten, wie
man an dem Problemverhalten arbeiten kann. Dabei zeige ich verschiedene
Trainingsansätze auf. Den einzig richtigen Trainingsplan gibt es nicht und man muss
jedem Hund ein individuell angepasstes Training zukommen lassen, um erfolgreich
zu sein. Anschließend folgt ein Kapitel über die richtige Ausrüstung, auch darüber
sollte man sich Gedanken machen, bevor man sich auf das Training stürzt.
Abschließend gehe ich im letzten Kapitel noch auf rechtliche Aspekte der
Leinenaggression ein.
2 B. Aggression
I.
Definition
Aggression ist die Auseinandersetzung mit einem Gegner und dadurch ein
Bestandteil der Kommunikation. Es leitet sich vom lateinischen „aggredī” ab, was
übersetzt „angreifen“1 heißt.
Aggressives Verhalten umfasst eine Vielzahl von Handlungen: Es beginnt bei
Drohungen und Einschüchterungen des Gegners, der Vergrößerung der eigenen
Individualdistanz, Angriff und Schmerzzufügung mit Beschädigungsabsicht und geht
bis zur Tötung des Gegenübers. Dieses biologisch verankerte Verhaltensprogramm
ist stark ritualisiert und in seinem Ausdrucksverhalten sehr eindeutig, um
Missverständnisse zu vermeiden. Von einem gehemmten Aggressionsverhalten
spricht man, solange dieses noch ritualisiert ist. Durch die ritualisierte Kommunikation
werden Missverständnisse verringert. Kommt es zum Ernstkampf, spricht man von
einem freien Aggressionsverhalten.2
James
O`Heare
beschreibt
Aggression
in
seinem
Buch
„Das
Aggressionsverhalten des Hundes“ folgendermaßen:
Aggression ist ein artspezifisches Droh- oder Angriffsverhalten, mit dem das Tier auf
einen bestimmten Reiz reagiert. Der Begriff Aggression wird dabei nicht als präziser
diagnostischer Terminus verwendet, sondern als allgemeine Bezeichnung für Drohund Angriffsverhalten. Es ist schwierig, eine genaue Definition des Begriffes zu
finden. Für viele Menschen zählt jedes Verhalten, das zu einer Verletzung führen
kann, zur Aggression, andere sprechen nur dann von Aggression, wenn der Hund
damit die Absicht verfolgt jemanden zu verletzen. Die Abgrenzung, wann aus
allgemeiner Aufregung und Erregung Aggression wird, ist also umstritten. Hier wird
der Begriff Aggression als allgemeine Bezeichnung für Verhaltensprobleme
angewendet, die aus Droh- und Angriffsverhalten entstehen.
Aggression kann
3
innerartlich, also zwischen Hund und Hund, als auch
zwischenartlich, zum Beispiel zwischen Hund und Mensch, entstehen und ist eine
natürliche Strategie der Verhaltensanpassung. Die Aggressivität, also die innere
Bereitschaft zur gegnerischen Auseinandersetzung, wird von vielen Faktoren
1
Duden, http://www.duden.de/rechtschreibung/Aggression, zugegriffen am 08.08.2015. Neumann (2015): 1f. 3
O´Heare (2003):16. 2
3 beeinflusst, wie zum Beispiel der genetischen Disposition, den gemachten
Erfahrungen, Umwelteinflüssen, dem sozialen Umfeld, der Erziehung, Krankheiten,
etc.
Die Agonistik beschreibt dabei alle Verhaltensweisen, die mit einer kämpferischen
Auseinandersetzung in Verbindung stehen, also Drohverhalten, Angriff, Verteidigung,
Kampf und Flucht.4
II.
Entstehung von Aggression
Wenn Hunde sich in einer Konfliktsituation befinden, reagieren sie mit dem
Verhalten, das für sie den meisten Erfolg bringt. Welche Strategie ein Hund dabei
verfolgt, ist von vielen verschiedenen Dingen abhängig, wie zum Beispiel dem
Charakter des Hundes, seiner Vorerfahrung, von seinem sozialen Umfeld, von
seinem Geschlecht und Alter, etc. Der Hund hat vier Möglichkeiten auf eine
Konfliktsituation zu reagieren. Diese werden „Die 4 Fs“ genannt. Der Name leitet sich
aus englischen Wörtern dafür ab.
Abb. 1: Grafik übernommen von Reichel, Leinenrambo (2014): 6.
4
Neumann (2015):2 4 Aggressionsverhalten gehört zum natürlichen Verhaltensrepertoire, nicht nur bei
unseren Hunden sondern bei allen Lebewesen. Es ist genetisch verankert und
sichert das Überleben.5
Um das eigene Überleben sichern zu können, muss jedes Lebewesen die
Fähigkeit besitzen sich an seine Umwelt anzupassen. Jede Reaktion auf einen Reiz
ist letztendlich eine Anpassung an unsere Umwelt, auch das Aggressionsverhalten.
Der Hund setzt aggressives Verhalten ein, um das zu bekommen was er will und das
zu Vermeiden was er nicht will.
III. Affektive und nicht affektive Aggression
Wir können Aggression in zwei Kategorien einteilen, affektives und nicht affektives
Verhalten.6
Die nicht affektive Aggression wird auch Beuteaggression genannt und umfasst
alle Elemente der Jagd. Eine Jagd besteht aus verschiedenen Verhaltenssequenzen,
die von Ray und Lorna Coppinger7 folgendermaßen beschrieben werden:
Orten > Fixieren > Anpirschen > Hetzen > Packen > Töten > Zerreissen >
Konsumieren
Im Laufe der Domestizierung des Hundes wurden Teile dieser Verhaltensabfolge
verstärkt, andere abgeschwächt oder gelöscht. Bei der Zucht von verschiedenen
Hunderassen, wurden auf einige Verhaltensmerkmale besonders geachtet, während
andere Verhaltensweisen für den Einsatzort des Hundes unbrauchbar gewesen
wären. So wurden zum Beispiel bei Hütehunden wie Border Collies die
Jagdverhaltenssequenzen Orten > Fixieren > Anpirschen > Hetzen durch gezielte
Zucht verstärkt, womit sie bestens ausgerüstet sind, um eine Schafherde zu treiben.
Die Verhaltenselemente Packen und Töten sind bei dieser Rasse hingegen nur stark
abgeschwächt vorhanden und gelten bei der Zuchtauslese als Fehler. Die
Verhaltenselemente
Zerreißen
und
Konsumieren
wiederum
sind
von
der
Jagdsequenz abgekoppelt, so dass sie bei der Arbeit keine Probleme damit
bekommen. Bei Herdenschutzhunden sind nach Coppinger alle Elemente der
Jagdsequenz unterdrückt, bis auf „Fressen“.
5
Reichel (2014): 6. O’Heare (2003): 18ff. 7
Coppinger (2013): 123ff. 6
5 Wichtig zu wissen ist, dass nicht affektive Aggression zu keiner Erregung der
sympathischen Nervensystems führt, es führt zu keiner emotionalen Erregung und
muss deshalb deutlich von der affektiven Aggression unterschieden werden. Das Ziel
des Beutefangverhaltens ist die Distanzverringerung und das Töten der Beute,
während das Aggressionsverhalten Distanz schafft und nicht auf die Vernichtung des
Gegners abzielt. Das Beutefangverhalten ist lustbetont und Dopamin wird
ausgeschüttet, das Aggressionsverhalten wird hingegen immer durch negative
Gefühle ausgelöst und vom Körper wird Adrenalin ausgeschüttet.
Die affektive Aggression ist die hochgradig emotionale Reaktion auf einen
aversiven
Stressor
(negative
Gefühle)
und
führt
zu
einer
Erregung
des
sympathischen Nervensystems. Das limbische System im Gehirn spielt dabei eine
zentrale Rolle.
Emotionen
und
Gefühlslagen
lösen
die
affektive
Aggression
aus.
Als
wahrscheinlichste Auslöser für affektive Aggression gelten nach O`Heare Wut und
Angst.8
IV. Motivation für Aggression
Aggressives Verhalten kann aus unterschiedlichsten sich überschneidenden
Motivationen
entstehen,
deren
Unterscheidung
wichtig
ist,
um
geeignete
Trainingsmethoden zu entwickeln.
„Gegen Menschen gerichtet Aggression ist üblicherweise angstbedingt. [...]
Aggression, die sich gegen andere Hunde richtet, ist im Gegensatz dazu
üblicherweise auf ein Konkurrenzverhältnis oder auf Frustration zurückzuführen.“ 9
Es können folgende Arten von Aggressionen unterschieden werden10:
•
Angstbedingte Aggression: Sie dient der allgemeinen Verteidigung gegen
Schmerz, Schreck oder Feinde und soll die Bedrohung vermeiden,
vertreiben
oder
unter
Kontrolle
bringen.
Angst
löst
zuerst
das
Fluchtverhalten aus, der Hund kann aber in beängstigenden Situationen
aggressiv reagieren, wenn die Flucht „[…] keine größere Entfernung zum
8
O’Heare (2003): 18. Vgl. ebd.: 36. 10
Vgl. ebd.: 33ff. 9
6 angsteinflößenden Reiz […]“ verschafft.11 Auch wenn die Flucht von
vornherein unmöglich ist, z. B.: weil der Hund an der Leine festgehalten
wird, oder der Hund bereits gelernt hat, dass die Flucht keinen Erfolg bringt,
kann er zum offensiven Verteidigungsverhalten überwechseln. Manche
Hunde neigen auch von vornherein zum Angriff.
•
Aggression durch Frustration: Frust ist ein häufiger Auslöser für Aggression
und kann in vielen Situationen entstehen. Der Hund scheitert dabei daran,
ein Ziel zu erreichen bzw. wird an einer Aktion gehindert. Die Erregung und
der Stresspegel steigern sich und eskalieren irgendwann in aggressivem
Verhalten. Ein Hund, der an der Leine gerne andere Hunde begrüßen will
und das nicht darf, kann diese Situationen als sehr frustrierend empfinden
und mit steigender Frustration leinenaggressiv reagieren.
•
Territoriale Aggression: Das Territorium als wichtige Lebensgrundlage wird
gegen alle Unbekannten verteidigt. Ein typisches Merkmal ist das
Verbellen, das als Warnung und sehr deutliches, offensiv drohendes
Verhalten dient. Ein besonderer Fall ist die von Kettenhunden gezeigte
Aggression. Ihre aggressiven Verhaltensweisen sind eine Folge von
Frustration,
die
durch
das
Angebunden
sein
und
die
fehlende
Fluchtmöglichkeit ausgelöst werden. Das führt zu verstärkter Angst und
einem hohen Frustrationspegel und hat daher vermutlich weniger mit
Territorialität zu tun.
•
Ressourcenverteidigung und Aggression: Dabei handelt es sich um ein
genetisch fixiertes Anpassungsverhalten, zu dem jeder Hund neigen kann.
Je größer die Motivation ist, eine Ressource zu behalten um so eher wird er
diese verteidigen (z.B.: ein hungriger Hund hat einen Knochen gefunden).
•
Aggression von Muttertieren: Dieses Verhalten, welches stark durch
genetische Faktoren und Hormonstatus beeinflusst wird, ähnelt der
Ressourcenverteidigung, kommt aber nur bei Hündinnen während der
(Schein-)Trächtigkeit, beim Werfen und bei der Welpenaufzucht vor. Dabei
verteidigt die Hündin ihre Welpen oder – bei Scheinträchtigkeit – einen
weichen Gegenstand.
•
Pathophysiologische Aggression: Aggression kann auch verschiede
medizinische Ursachen haben. Darum sollte in jedem Fall ein kompetenter
11
Vgl. ebd.: 38. 7 Tierarzt eine Untersuchung durchführen. Durch Schmerzen wird die
Stresstoleranz und damit die Reizschwelle herabgesetzt, was unter andrem
dazu führen kann, dass ein sonst unproblematischer Hund anfängt
leinenaggressiv zu reagieren, wenn er auf andere Artgenossen trifft.
•
Idiopathische
Aggression
(„Cockerwut“/„Retrieverwut“):
Unter
diese
Kategorie fallen Aggressionsfälle, die besonders heftig und ohne vorherige
Warnung auftreten. Die betroffenen Hunde haben Phasen besonders
heftiger Aggressivität, sind aber nicht generell aggressiv. Nachdem dieses
Phänomen gehäuft bei bestimmten Rassen und Zuchtlinien auftritt, geht
man davon aus, dass es zu einem großen Teil erblich bedingt ist.
•
Aggressives
Jagdverhalten:
Jagdbedingte
Aggression
kommt
am
häufigsten bei Terriern und Hütehunden vor, dabei werden Elemente des
Jagdverhaltens in unerwünschter Weise an den Tag gelegt. Es handelt sich
nicht um eine emotionale Reaktion, wie das bei allen anderen
Aggressionsformen der Fall ist. Der Angriff erfolgt meist lautlos ohne
vorherige Warnsignale, in den meisten Fällen mit Bissen in die Rückseiten
der Beine.
•
Übertragung des Jagdverhaltens: Wenn ein großer Hund einen kleinen
Hund angreift, sollte man ebenfalls Jagdverhalten als mögliche Ursache in
Betracht ziehen. Es handelt sich um eine Übertragung des Beuteschemas,
wobei der kleine Hund den Beutereflex des großen durch schnelle
Bewegungen auslöst.
•
Aggressive Übersprungs- und Ersatzhandlungen/umadressiertes Verhalten:
Dabei reagiert der Hund auf einen bestimmten Reiz aggressiv und wird
gleichzeitig mit einem zweiten Reiz konfrontiert, auf den er die Aggression
überträgt. Das kann zum Beispiel passieren wenn ein Hund leinenaggressiv
auf seinen Erzfeind reagiert, der Besitzer ins Halsband greift, um ihn
weiterzuziehen und der Hund dann in die Hand beißt.
•
Aggression zwischen Geschlechtsrivalen: Diese Form der Aggression
betrifft meistens Hunde des gleichen Geschlechts. Häufig fallen Konflikte
unter Hündinnen heftiger aus als unter Rüden. Ursächlich dafür ist oft der
Hormonstatus. So kann es während der Läufigkeit zu Konflikten zwischen
Hunden des gleichen Geschlechtes kommen. „Man diskutiert, dass
aggressive Hündinnen als Föten freiem Testosteron im Uterus ausgesetzt
8 waren.“12 Bei diesen Hündinnen spricht man umgangssprachlich auch von
„Rüdinnen“. Aggression gegenüber fremden Hunden betrifft vermehrt
unkastrierte
Rüden
und
ist
meist
angstbedingt
oder
dient
dem
Selbstschutz.13
V. Ziele des Aggressionsverhaltens
Das Ziel des Aggressionsverhaltens unserer Hunde ist das Sichern des eigenen
Lebens, also Selbstverteidigung gegen Bedrohungen, der Erhalt der körperlichen
Unversehrtheit und die Herstellung einer bestimmten Distanz. Der Hund möchte
einen gewissen Abstand zwischen sich und einem anderen Individuum oder
zwischen einer wichtigen Ressource und einem anderen Individuum gewahrt wissen.
Wir können dabei folgende Distanzen unterscheiden:14
•
Die Territoriumsdistanz ist stark rasseabhängig und wird von den Genen
beeinflusst. Einigen Rassen ist die Sicherung des eigenen Territoriums
besonders wichtig, nachdem sie über Jahrhunderte Territorialität gezüchtet
wurden. Dazu gehören zum Beispiel Herdenschutzhunde und Molosser.
Was zum zu beschützenden Territorium dazu gehört, hängt vom einzelnen
Individuum ab. Neben den eigenen vier Wänden und dem Garten kann ein
Hund zum Beispiel auch die im Blickfeld des Hauses befindliche Umgebung
als sein Territorium betrachten oder auch den täglichen Spazierweg und
den Hundeplatz.
•
Die Beutedistanz kann sich auf Spielzeug, Nahrung, Beute und ähnliches
beziehen.
•
Die Sozialverbandsdistanz (wurde früher oft Rudeldistanz genannt)
beschreibt die Distanz zwischen Hunden bzw. Menschen aus der eigenen
Gruppe und fremden Individuen, das können Menschen, Hunde oder
andere Tiere sein. Diese Distanz kann zum Beispiel variieren wenn ein
Baby dabei ist.
•
Während die bisher genannten Arten von Distanz relativ konstant sind,
kann die Individualdistanz ständig variieren, weshalb sie einen Sonderfall
darstellt. Die Individualdistanz wird permanent neu bestimmt und hängt
12
Vgl. ebd.: 60. Vgl. ebd.: 2003:36ff 14
Vgl. Neumann (2015): 3. 13
9 sehr stark von der Art der Begegnung und der Tagesverfassung ab. Dabei
sind folgende Faktoren wichtig:
o Ist das Gegenüber bekannt oder fremd?
o Welche Erfahrungen hatte der Hund bisher mit dem Gegenüber?
o Wie verhält sich das Gegenüber?
o Ist das Gegenüber dem Hund sympathisch oder nicht?
o Hat der Hund Schmerzen?
o Wie ist die momentane Stimmung des Hundes?
o Hat der Hund körperliche Beeinträchtigung, z. B. eingeschränktes
Sehvermögen?
o Wie wirkt der Besitzer auf den Hund ein? Beispielsweise wird durch
Verkürzen der Leine das Gefühl ausgelöst der Situation nicht
ausweichen zu können.
o Rassespezifische Eigenschaften
VI. Das Ausdrucksverhalten
Offensives und defensives Aggressionsverhalten ist sehr unterschiedlich.
Während eine offensiv-aggressive Reaktion nach vorne gerichtet ist und einen
Angriff ankündigt, zeigt der defensiv-aggressive Hund, dass er einen Fluchtweg sucht
und bereit ist, sich zu verteidigen. Bis zum Ernstkampf ist das Aggressionsverhalten
stark ritualisiert. Bei einem Ernstkampf spricht man von freiem Aggressionsverhalten,
welches Verletzung und Tötung des Kontrahenten zum Ziel hat.
10 Abb. 2: Grafik übernommen vom Skript „Aggressionsverhalten“ von Sabine Neumann (2014):7 (Quelle: animal Learn),
Das Agonistische Ausdrucksverhalten im Detail:
Abb. 3: Grafik übernommen und adaptiert von Dorit /Feddersen-Petersen, Ausdrucksverhalten beim Hund (2008): 296.
11 VII. Einfluss des Menschen auf die Aggressivität
Wir können aus verschiedenen Gründen negativen Einfluss auf die Aggressivität
von Hunden haben.
Durch entsprechende Zuchtziele und bewusste Zucht auf hohe Aggressivität,
entstehen
Hundepopulationen
mit
gesteigerter
Aggressionsbereitschaft
und
Reizbarkeit. Das heißt zwar nicht, dass diese Hunde automatisch aggressiver als
andere sind, aber es kann eine genetische Disposition bestehen. Grundsätzlich kann
jeder Hund bei der Begegnung mit Artgenossen oder Menschen abwehrend
reagieren, unabhängig von seiner Rassezugehörigkeit. Ausschlaggebend für das
individuelle Hundeverhalten ist viel mehr eine Kombination aus genetischer
Disposition und Erfahrungen.15
Trainingsmethoden, die über Druck, Strafe und Gewalt arbeiten, erzeugen
Gegengewalt, Frust und zerstören die Vertrauensbasis zwischen Hund und Halter.
Trotzdem erscheint es vielen Haltern logisch, ihren Hund für aggressives Verhalten
zu bestrafen um ihm zu zeigen, dass sein Verhalten unangemessen ist. Oft wird das
mit längst überholten und veralteten Dominanztheorien begründet.
Auch
Fehlverknüpfungen
und
unbewusste
Bestätigung
können
ein
Aggressionsproblem verstärken. Bekommt der Hund zum Beispiel jedes Mal einen
Leinenruck wenn er an der Leine zu einem anderen Hund will, kann der Hund die
schmerzhafte Einwirkung an der Leine mit seinem Artgenossen verbinden.
Durch eine mangelnde Sozialisierung auf Menschen, Hunde, andere Tiere und
Umwelteinflüsse können Hunde nicht die Fähigkeiten erlernen, die sie brauchen, um
sicher und entspannt durch das Leben zu gehen.
Auch eine falsche Fütterung mit hohem Getreideanteil kann durch einen
Serotonin-Mangel zu erhöhter Aggression führen.
Auch die Übertragung menschlicher Moralvorstellungen auf Hunde kann zu Frust
und Unverständnis führen, weil diese für den Hund keinen Sinn machen. Wenn man
zum Beispiel einen Hund dafür bestraft, dass er ein gammeliges Wurstbrot auf der
Straße frisst und es ihm mit Gewalt abnimmt, dann reagiert der Hund das nächste
Mal vielleicht mit einem Knurren, wenn er wieder einen körperlichen Übergriff seines
Besitzers vermutet, während er seine Beute noch schneller schluckt. Er kann nicht
verstehen, dass wir uns vor verdorbenen Lebensmitteln ekeln und nach den
15
Hallgren (2006): 48. 12 Moralvorstellungen des Hundes ist die gewaltsame Abnahme der Beute aus dem
Maul eine grobe Missachtung seiner „Hunde-Rechte“.
Nicht zuletzt führt mangelndes Fachwissen und Unwissenheit des Hundehalters
zu vielen Problemen.
VIII. Die Eskalationsleiter
Abb. 4: animal Learn, http://www.animal-learn.de/images/tipps/Eskalationsleiter.pdf, zugegriffen am 08.08.2015.
Diese Grafik beschreibt die normale Reaktion von einem Hund auf einen
bedrohlichen Reiz. Die Eskalationsleiter beginnt mit normaler Kommunikation im
grünen Bereich, mit Beschwichtigungssignalen (auf welche im Kapitel „F – Die
Körpersprache der Hunde“ genauer eingegangen wird). Werden diese nicht beachtet
oder dauert die Situation unverändert an, wird der Hund in einigen Situationen zu
stärkeren Mitteln greifen, Abwehrsignale zeigen (gelber Bereich) und zunächst
knurren oder vielleicht abschnappen. Hält die Bedrohung dennoch an und ist eine
bestimmte Distanz, in der sich der Hund noch einigermaßen sicher fühlt, bereits
unterschritten, kann die Situation eskalieren und der Hund beißt zu (roter Bereich).
13 Hat der Hund einen hohen Stresspegel, kann es passieren, dass er bei einer
Hundebegegnung die unteren Stufen der Leiter auslässt und sofort knurrt oder die
Zähne zeigt.
Stufen, die nicht funktionieren, werden ausgelassen. Lernt ein Hund zum Beispiel,
dass ein Mensch die Distanz trotz starker Beschwichtigungssignale nicht vergrößert,
wird der Hund die ersten Stufen auslassen und direkt bei der Annäherung eines
Menschen knurren.16 Wird ihm dann auch noch das Knurren verboten, bleibt ihm nur
noch das Abschnappen, welches die meisten Menschen zurückweichen lässt und
der Hund lernt dass das Schnappen wirkungsvoll ist. Der Hund kann so lernen sein
Verteidigungsverhalten in unangenehmen Situationen vorweg zu nehmen und auf
gewisse Auslösereize direkt offensiv verteidigend zu reagieren. Im nächsten Schritt
kann es zur Generalisierung kommen. Der Hund verknüpft dabei seine Angst und
Frustration mit immer mehr Reizen, die sein Verhalten auslösen, bis es kaum noch
möglich ist, den ursprünglichen Auslöser zu finden.17
16
Scholz/v. Reinhardt (2004): 57. O`Heare (2003): 106. 17
14 C. Leinenaggression
I.
Definition
Man spricht von Leinenaggression, wenn ein angeleinter Hund gegenüber einem
anderen Hund aggressives Verhalten, im Freilauf aber normales kommunikatives
Sozialverhalten zeigt. Meistens ist die Leinenaggression gegen Artgenossen
gerichtet, seltener kann sie sich auch gegen Menschen richten.
Wenn ein Hund mit und ohne Leine aggressives Verhalten gegenüber Menschen
und Hunden zeigt, handelt es sich nicht um Leinenaggression. Hierbei hat der Hund
generell Probleme bei der Begegnung mit Hunden und/oder Menschen und es sollte
grundlegend an der Verfeinerung des Sozialverhaltens gearbeitet werden. Hunde,
die generell Probleme mit anderen Hunden oder Menschen haben, können sich
durch die Leine in ihrem Aktionsradius eingeschränkt fühlen wodurch sich ihre
Probleme verschärfen.
II.
Entstehung von Leinenaggression
Es gibt mehrere Ursachen, die zur Leinenaggression führen können. Die
Dominanztheorie oder das Rangordnungsproblem gehören erwiesener Maßen nicht
dazu, denn ein leinenaggressiver Hund ist unsicher oder sogar ängstlich. Dies hat mit
Dominanz nichts zu tun.
Meist entsteht das Aggressionsverhalten an der Leine schleichend und wird nach
und nach intensiver gezeigt. Es gibt mehrere Ursachen, die sich meistens
überschneiden.
Die Ursachen können sein:
•
Fehlverknüpfung: Die wohl häufigste Ursache für Leinenaggression ist die
so genannte „Fehlverknüpfung“. Dazu kommt es zum Beispiel wenn ein
Hund etwas Negatives mit dem Anblick eines anderen Hundes verknüpft.
Das könnte so ablaufen: Bei einem Spaziergang an der Leine begegnet
man mit dem eigenen Hund einem anderen Spaziergänger mit Hund. Der
Hund möchte hin und den fremden Hund begrüßen während der Besitzer
weitergehen möchte. Er ruckt einmal heftig am Halsband, um dem Hund zu
signalisieren, dass er weiter gehen möchte. Der Hund ist in dem Augenblick
total auf seinen Artgenossen fokussiert und spürt genau in diesem
15 Augenblick den Schmerz durch den Leinenruck. Wenn es ein paar Mal zu
solchen Situationen gekommen ist, wird der Hund den Anblick anderer
Hunde an der Leine mit einem unangenehmen Gefühl verknüpfen. Um den
Auslöser des unangenehmen Gefühls von sich fern zu halten, kann der
Hund zunehmend abwehrend bei Hundebegegnungen reagieren.18 Zu
negativen Einwirkungen kommt es schnell und manchmal realisiert man
den Zusammenhang anfangs nicht. Bei vielen Hunden reicht oft schon das
unangenehme Gefühl des einschneidenden Halsbandes aus, das sie
spüren wenn sie zu einem anderen Hund hinziehen, um die negativen
Gefühle in Verbindung mit anderen Hunden oder Menschen ansteigen zu
lassen. „Mit jeder neuen Episode, sammelt der Hund neue Daten, die direkt
mit der Angst oder Wut verknüpft werden.“19 Außerdem wird das Gehirn bei
Aggression
mit
verschiedenen
chemischen
Stoffen
überfluten,
die
selbstbelohnend wirken und sogar süchtig machen und damit das Verhalten
noch zusätzlich verstärken. Deshalb darf man nicht zulassen, dass ein
Verhaltensmuster eingeübt wird.
•
Frustration: Auch Frustration kann zur Leinenaggression führen, denn
Frustration und Aggression liegen eng bei einander. Frust entsteht dann,
wenn der Hund daran gehindert wird, eine momentane Verhaltenstendenz
auszuführen. Ein kontaktfreudiger Hund, der gerne alle fremden Hunde
begrüßen möchte, kann Situationen, in denen er mit der Leine davon
abgehalten wird, als sehr frustrierend und damit als negativ empfinden. Der
Erregungszustand baut sich mit jeder frustrierenden Begegnung weiter auf,
bis der Hund beim Anblick anderer Hunde bellend und knurrend in der
Leine hängt.
•
Negative Erlebnisse: Ein einzelnes Erlebnis kann „ […] eine heftige
emotionale Reaktion beim Hund auslösen und zu einem aggressiven
Zwischenfall führen.“20 Hunde, die von einem anderen Hund angegriffen
und verletzt wurden und durch die Leine daran gehindert wurden
wegzulaufen oder sich zu wehren, können aus Angst, dass sich dieses
Ereignis widerholen könnte, künftig leinenaggressiv reagieren.
18
Reichel (2014): 8. O`Heare (2003): 30. 20
Vgl. ebd.: 39. 19
16 •
Individualdistanz: Alle Lebewesen haben eine gewisse Individualdistanz,
die sie gewahrt wissen möchten, um sich sicher zu fühlen. Ein angeleinter
Hund wird in seiner Bewegung eingeschränkt und kann einem Hund, dem
er nicht begegnen möchte, nicht ausweichen. Frontales aufeinander
zugehen ist unter Hunden keine freundliche Annäherung und kann zu
abwehrendem
Verhalten
gegenüber
Artgenossen
führen.
Die
Individualdistanz schwankt ständig und ist von unterschiedlichen Faktoren
abhängig, wie zum Beispiel Tagesverfassung und Art der Begegnung.
•
Stimmungsübertragung: Hunde sind Meister im Lesen von Körpersprache.
Sie nehmen kleinste Anzeichen von Erregung bei uns wahr, wie
stockenden Atem oder verkrampfte Haltung und können unseren Stress
sogar riechen. Kein Wunder, dass sie in Alarmbereitschaft sind, wenn der
Halter beim Anblick eines näherkommenden, fremden Hundes verkrampft
mit angehaltener Luft und pochendem Herz die Leine kürzer nimmt und zu
schwitzen beginnt. Während manche Hunde in so einer Situation ängstlich
und nervös werden, gehen andere in Verteidigungsverhalten über. Diese
Stimmungsübertragung funktioniert natürlich auch von Hund zu Hund. So
können Hunde von ihren Freunden in eine aggressive Stimmung
mitgerissen werden.
17 D. Grundlagen zum Lernverhalten
I.
Lerntheorie
Zu wissen wie, wo und warum Lernen stattfindet, ist die Basis von artgerechtem,
modernem Hundetraining. Das Internet ist voll mit Tipps und Tricks. Es gibt für jedes
Problem unzählige Trainingsanleitungen und „Rezepte“, die sich oft widersprechen
und mit „Das haben wir schon immer so gemacht“ sehr fragwürdig begründet
werden. Es ist oft nicht leicht herauszufinden, welche Trainingsmethode die richtige
ist. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist aber das Verständnis für das HundeLernverhalten.
II.
Wie lernt der Hund?
Lernen ist das Ändern von Verhaltensweisen aufgrund von Erfahrungen.21 Das
Ziel jedes Lernprozesses ist Gefahren zu vermeiden und den eigenen Zustand zu
optimieren. Dabei schließen sich Nervenzellen zusammen und bilden eine neuronale
Repräsentation im Gehirn. Je häufiger und intensiver eine solche neuronale
Repräsentation aktiviert wird, umso größer wird sie ausgebaut und vom Gehirn als
besonders wichtig eingestuft. Die „[…] Datenweiterleitung innerhalb des Gehirns und
des Körpers erfolgt zunehmend schneller und geübter.“22 Bildlich gesprochen
entsteht eine Art Daten-Autobahn zwischen den betreffenden Nervenzellen, der
Informationsfluss läuft zunehmend schneller ab.
III. Wann lernt der Hund?
Hunde lernen ohne Pause, rund um die Uhr, auch außerhalb der Trainingszeiten.
Sogar im Schlaf wird Gelerntes abgespeichert. Nicht zu lernen ist also unmöglich. Im
Schlaf werden genau die Teile im Gehirn noch einmal aktiv, die kurz davor im
Training neue Nervenzellen-Verbindungen geknüpft haben, was zu einer Festigung
des Gelernten im Gedächtnis führt. Lernen ist für alle Lebewesen überlebenswichtig
und findet von Geburt an in jeder Situation ein Hundeleben lang statt. Ein Hund ist
also auch nie zu alt, um etwas Neues zu lernen.
21
Schneider (2005): 11. Schneider (2014): 1. 22
18 IV. Verschiedene Lernformen und Lerntheorien
Jeder Lernprozess beinhaltet mehrere unterschiedliche Arten des Lernens, die
fließend ineinander übergehen. Man kann sich nicht aussuchen ob man eine
Lernform anwendet oder nicht, da die unterschiedlichen Lernformen rund um die Uhr
unbemerkt ablaufen. Man kann sich aber überlegen wie man die verschiedenen
Arten des Lernens beim Training am sinnvollsten einsetzt. Wenn wir verstehen wie
Hunde lernen, können wir auch besser beurteilen warum sie etwas tun. Vor allem im
Zusammenhang mit Leinenaggression sind folgende Lernformen besonders wichtig
und werden von mir hier genauer beschrieben:
1.
•
Assoziationslernen
•
Klassische Konditionierung
•
Operante Konditionierung
Lernen durch Assoziation
Assoziationslernen ist das Verknüpfen von zwei gleichzeitig oder annähernd
gleichzeitig auftretenden Reizen. Hunde sind Meister der Verknüpfung. Auch wir
Menschen verknüpfen ständig Reize, allerdings nehmen wir unsere Umwelt ganz
anders wahr als Hunde, weshalb es für uns oft schwer zu verstehen ist, welche Reize
sich im Gehirn unseres Hundes miteinander verknüpft haben.
So kann es im Training mit Hunden zu unbeabsichtigten Assoziationen kommen,
da eine Situation aus Sicht des Hundes vollkommen anders aussehen kann als in
unserer eigenen Wahrnehmung. Lernen durch Assoziation ist ein häufiger Grund
oder Verstärker von Leinenaggression. Ich beobachte häufig Hundehalter die bei der
Begegnung mit anderen Hunden die Leine kurz nehmen, um den eigenen Hund an
dem anderen vorbeizuführen.
Der Hund, der gerne zu seinem Artgenossen hin möchte, hängt mit vollem
Gewicht in der Leine, während der Besitzer ihn kurz zurückzieht, um ihn vom Ziehen
abzuhalten. Der Hund ist in diesem Augenblick aber so auf seinen Artgenossen
fixiert, dass er den unangenehmen Zug an der Leine und den schmerzhaften Ruck
nicht damit verbindet, dass er ruhig an dem anderen Hund vorbei gehen soll. Er
verknüpft die Schmerzen in dem Moment mit dem anderen Hund und bildet eine
19 Fehlverknüpfung. Kommt er noch ein paar Mal in so eine Situation und widerholt sich
diese falsche Verknüpfung, dann lernt der Hund den Anblick eines anderen Hundes
mit Schmerzen zu verknüpfen und der Hund reagiert leinenaggressiv.23
„Damit der Hund durch Verknüpfung Ursache und Wirkung (bzw. Nicht-Wirkung)
erlernen kann, muss beides zeitlich eng zusammenfallen. […] Beim Training sollten
Ursache und Wirkung nicht länger als maximal 1 Sekunde aufeinander folgen, damit
der Hund beides optimal miteinander verbinden kann.“
24
Die Assoziation erfolgt ganzheitlich und bezieht alle Umweltfaktoren mit ein, auch
Reize die wir Menschen nicht wahrnehmen können wie zum Beispiel Gerüche. Das
nennt man kontextbezogenes Lernen. Unerwünschte Nebenverknüpfungen reduziert
man, indem das Training in ablenkungsarmer Umgebung begonnen wird, der
Mensch die Aufmerksamkeit seines Hundes hat und das Verhalten nach und nach
sorgfältig generalisiert wird. Dabei festigt man das Gelernte in möglichst
unterschiedlichen Situationen mit steigendem Schwierigkeitsgrad.25
Beim
„Changing
the
Association“-Programm
macht
man
sich
das
Assoziationslernen bei leinenaggressiven Hunden zunutze, indem man ihnen den
angst- bzw. aggressionsauslösenden Reiz auf große Distanz präsentiert und mit Hilfe
von Belohnungen eine positive Assoziation zum Auslöser herstellt. Das kann zum
Beispiel so aussehen, dass man dem Hund in dem Moment, in dem er den anderen
Hund in einer für ihn angenehmen Distanz wahrnimmt, ein attraktives Leckerlie
anbietet.26
2.
Klassische Konditionierung
Die klassische Konditionierung hängt eng mit dem Assoziationslernen zusammen.
Während beim Assoziationslernen gedankliche Verknüpfungen gelernt werden, wird
bei der klassischen Konditionierung eine physiologische Reaktion gelernt. Wird
einem Hund nach einem zuerst unbedeutenden Reiz wie einem Glockenton
wiederholt Futter angeboten, so lernt der Hund den Glockenton mit Futter zu
verbinden. Nach einer solchen klassischen Konditionierung löst bereits der
23
Schneider (2005): 56ff. Vgl. ebd.: 59 25
Vgl. ebd.: 63 26
Scholz/v. Reinhardt (2004): 70. 24
20 Glockenton den Speichelfluss des Hundes aus, auch wenn noch kein Futter zu
sehen oder zu riechen ist.
„Zunächst ist wichtig, dass man sich klar macht, dass die klassische Konditionierung
bei jedem Training eine Rolle spielt. […] Das Tier hat im Training entweder ein gutes
Gefühl oder ein schlechtes. Das ist klassische Konditionierung. Sie bewirkt das
Gefühl, das hinter dem Verhalten steckt.“
27
Deswegen spielt klassische Konditionierung als Gegenkonditionierung eine ganz
große Rolle in Fällen, wo es zum Beispiel um Angst und Aggression geht und ist
somit bei der Leinenaggression von entscheidender Bedeutung.
Der russische Forscher Iwan Pawlow (1849 – 1936) erforschte die klassische
Konditionierung Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts und setzte seine Forschung
bis zu seinem Tode fort, weshalb diese Lernform heute auch als „Pawlow´sche
Konditionierung“ bezeichnet wird.28
„Damit
eine
klassische
Konditionierung
eintreten
kann,
müssen
folgende
Bedingungen erfüllt sein: Ein unbedingter Reiz (zum Beispiel Futter), der zuverlässig
eine Reaktion/Reflex (Speichelfluss) hervorruft, ein Reiz (zum Beispiel Ton), der
diese Reaktion ursprünglich nicht hervorruft, und eine wiederholte, zeitlich enge
Darbietung beider Reize (Ton-Futter).“29
Die klassische Konditionierung macht man sich beim Klickertraining zunutze, wo
ein Klickgeräusch mit Futter verknüpft und so ein sekundärer Verstärker erzeugt wird.
Da
emotionale
Reaktionen
stark
nach
den
Prinzipien
der
klassischen
Konditionierung ablaufen, können viele Aggressionsprobleme durch konditionierte
Reaktionsmuster
verschärft
werden,
aber
man
kann
sich
die
klassische
Konditionierung auch zunutze machen. Um bei einem leineaggressiven Hund eine
negative emotionale Reaktion zu verändern, kann der Hund über die klassische
Konditionierung lernen, den gefürchteten Reiz – in dem Fall ein Zusammentreffen mit
einem Artgenossen – mit angenehmen Emotionen zu verbinden. Man spricht von
einer so genannten Gegenkonditionierung.30
27
Theby (2012): 123. Schneider (2005): 64. 29
Vgl. ebd.: 66. 30
O`Heare (2003): 133ff. 28
21 3.
Operante Konditionierung
Bei der operanten Konditionierung ist der Hund aktiv am Lernprozess beteiligt, er
handelt. Er kann entscheiden ob er eine gewisse Handlung ausführt oder nicht. Der
Hund lernt ob seine Verhaltensweisen sich lohnen und künftig öfter gezeigt werden,
oder ob sich ein Verhalten nicht lohnt und in Zukunft seltener gezeigt wird. Das
Verhalten wird also durch seine Konsequenzen bestimmt.31
Folglich muss man, um ein Verhalten zu ändern, die bisherigen Konsequenzen so
verändern, dass dieses Verhalten für den Hund nicht mehr lohnenswert ist.32
Im Unterschied zur klassischen Konditionierung werden bei der operanten
Konditionierung nicht reflexartige, unbewusste Reaktionen verknüpft, sondern
zufällige oder bewusste, freiwillige Verhaltensweisen des Hundes belohnt.
Was der Hund als angemessene Belohnung empfindet, hängt von der Situation
ab. So kann ein leinenaggressiver Hund, der an der Leine Angst vor dem
Zusammentreffen mit Artgenossen hat, lernen auszuweichen oder umzudrehen,
wenn er einen anderen Hund sieht. Der belohnende Effekt steigert sich nicht nur
durch Futter vom Hundehalter sondern auch das Ausweichen und Umdrehen wirkt
belohnend, da der Hund sich der unangenehmen Situation entziehen kann.
V. Training mit Belohnung
Oft haben Menschen, wenn sie von Training mit Belohnung sprechen, nur die
Gabe von Leckerlie im Kopf. Belohnung kann aber noch viel mehr sein. Alles, was
beim Hund positive, angenehme Gefühle hervorruft, kann als Belohnung eingesetzt
werden, zum Beispiel auch das Buddeln in einem Mäuseloch, das Spiel mit einem
anderen Hund, ein Bad in einem Schlammloch, positive Zuwendung, etc.
„Eine Belohnung wird charakterisiert als positive Erfahrung, die einem Verhalten des
Hundes direkt nachfolgt. Positive Erfahrungen während des Verhaltens bezeichnet
man hingegen als Bestätigung.“ (Bestätigung = Verstärkung) Beides bewirkt, „[…]
dass ein Verhalten künftig häufiger und intensiver gezeigt wird.“
33
31
Schneider (2005): 67f. Reichel (2014): 16. 33
Schneider (2005): 98. 32
22 Abb. 5: Universität Duisburg-Essen, https://www.uni-due.de/edit/lp/behavior/skinner.htm, zugegriffen am 08.08.2015.
Über positive Verstärkung Gelerntes wird im Gehirn von Säugetieren dauerhafter
abgespeichert als Dinge, die über Meidemotivation, also Strafe, beigebracht werden.
Bei der Auswahl der Belohnung gibt es einiges zu beachten. Wenn man mit Futter
arbeitet, dann muss man darauf achten etwas zu füttern, was dem Hund auch
wirklich schmeckt und eine ausreichende Belohnung für sein Verhalten darstellt. Je
höher der Arbeitsaufwand des Hundes ist, umso attraktiver muss die Belohnung
ausfallen.34
Verhalten entsteht durch die Motivation, ein Bedürfnis zu befriedigen. Um ein
Verhalten effektiv verstärken zu können, muss man das Bedürfnis des Hundes
befriedigen. Wenn sich ein Hund an der Leine aggressiv verhält, ist es wichtig
herauszufinden, was er mit dem Verhalten erreichen will. Möchte er mehr Abstand zu
dem anderen Hund oder will er eigentlich hin? Je nach Motivation muss hier eine
andere Belohnung gewählt werden.35
Wichtig ist auch zu unterscheiden, ob man ein „teures“ oder ein „billiges“ Verhalten
belohnt. Ein „Sitz“ ist für Hunde ein billiges Verhalten, es erfordert Dank der
Schwerkraft kaum Energie und für die meisten Hunde wird ein Stück Trockenfutter
als „Bezahlung“ reichen. Ein teures Verhalten, wie zum Beispiel ein Herankommen
aus Entfernung, muss besser belohnt werden. Wenn es für das Herankommen aus
Entfernung das gleiche Stück Trockenfutter gibt wie für ein einfaches Sitz, dann ist
die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Motivation nicht reicht, um den Hund aus
einem Spiel abzurufen.36
34
Riepe (2012): 37ff. Reichel (2014): 19. 36
Theby (2012): 74ff. 35
23 VI. Strafe und Druck
Das Thema Strafe wird unter Trainern und Hundebesitzern heiß diskutiert und
wenn es um das Thema Leinenaggression geht, gibt es leider noch immer viele
Trainingsanleitungen, die auf Strafreizen basieren. Immer wieder beobachte ich
Hundehalter auf der Straße, die ihre aggressiv auf Artgenossen reagierenden Hunde
anschreien, an der Leine reißen und zur Seite rempeln, während die Leine so kurz
genommen wird, dass der Hund mit den Vorderbeinen in der Luft hängt.
Fernsehtrainer, die Aggression mithilfe von Wasserspritzpistolen, körperlichen
Bedrohungen und anderen Strafreizen unterdrücken, tun ihr übriges dazu. Was man
einem Hund mit diesen Maßnahmen sicher nicht beibringen kann ist, dass andere
Hunde etwas Positives sind. Das unerwünschte Verhalten wird kurzzeitig gehemmt,
die Symptome werden bekämpft, die Ursache und die damit verbundenen Emotionen
der
Leinenaggression
werden
aber
nicht
verändert,
sondern
eher
noch
verschlechtert. „Beim Training über Strafreize wird nicht auf die Motivation des
Hundes eingegangen und die emotionale Grundlage wird völlig außer Acht
gelassen.“37
Mit einer Strafe können viele Nebenwirkungen einhergehen. Das negative Gefühl,
das durch Bestrafung entsteht, kann der Hund durch klassische Konditionierung mit
der Situation verknüpfen. Im Fall von Leinenaggression erfährt der Hund durch Strafe
eine negative Konditionierung auf andere Hunde, genau das Gegenteil von dem was
man erreichen will.
Im Sinne der Eskalationsleiter (siehe Kapitel B.VII.), wird sich der Hund, der
aggressiv auf einen anderen Hund reagiert, im orangen bis roten Bereich befinden.
Ein Strafreiz
wird zwar vielleicht die körpersprachliche Reaktion des Hundes
unterbinden, emotional befindet er sich aber weiter im orangen bis roten Bereich. So
kann es dazu kommen, dass Hunde jegliche Frühwarnsignale wie Erstarren oder
Knurren einstellen und sofort zu stärkeren Mitteln greifen.
Gefühle können das Lernen blockieren. Das Gehirn ist in verschiedene Bereiche
aufgeteilt, im Cortex findet das logische Denken statt, während das limbische System
die Gefühle steuert.
37
Reichel (2014): 19ff. 24 „[…] Strafe und schon die Angst vor Strafe beeinflussen das Tier in seinen Gefühlen
negativ, wodurch es zu einer Herabsetzung, evtl. sogar Blockade des logischen
Lernens und Denkens kommt.“38
Wie schon weiter oben erwähnt, wird sich beim Training mit Strafe das Verhalten
oberflächlich kurzfristig verbessern, weil der Hund das unerwünschte Verhalten nicht
mehr zeigt. Da die Ursachen aber nicht beseitigt werden, werden die Schwierigkeiten
bald wieder auftauchen, womit die Anforderungen und damit die Strafen steigen und
der Halter immer tiefer in eine Gewaltspirale hineingezogen wird.39
VII. Trainingsprinzipien
Um
ein
Training
erfolgreich
gestalten
zu
können,
müssen
einige
Trainingsprinzipien beachtet werden, auf die ich hier eingehen werde. Gutes Training
baut auf 3 Säulen auf:
•
Timing
•
Belohnungskriterien
•
Belohnungsrate
Wenn es im Training nicht vorwärts geht, dann stimmt meistens bei einem oder
mehreren dieser Punkte etwas nicht.40
1.
Timing
Das richtige Timing ist beim Belohnen extrem wichtig, damit der Hund überhaupt
versteht was man von ihm will. Wenn man zum Beispiel ein Sitzen belohnen will und
man hat das Leckerlie erst aus der Hosentasche gefischt, wenn der Hund schon
wieder aufsteht, wird der Hund nicht verstehen, dass man das Sitzen belohnen
wollte, sondern glaubt vielleicht das Aufspringen ist Ziel der Übung.41 Damit der Hund
ein Verhalten mit einer Konsequenz verknüpfen kann, hat man nur einen Spielraum
von etwa 0,5 – 1 Sekunde.
38
Hallgren (2006): 93. Vgl. ebd.: 97f. 40
Theby (2012): 28. 41
Vgl. ebd.: 28. 39
25 2.
Belohnungskriterien
Auch über die Belohnungskriterien, also darüber was man eigentlich belohnen will
und was man nicht belohnen will, muss man sich vor dem Training Gedanken
machen. Wenn man sich überlegt hat was man belohnen will, kann man den
Schwierigkeitsgrad langsam erhöhen und die Belohnungskriterien an den Hund und
die aktuelle Situation anpassen. So kann beim Training mit einem leinenaggressiven
Hund zum Beispiel die Distanz zu einem anderen Hund ein Belohnungskriterium
sein. Oft kommt es vor, dass Trainingskriterien zu schwierig gewählt werden. Ist ein
Hund mit der gestellten Aufgabe überfordert und macht Fehler, kann man die Übung
in kleinere Teilschritte zerlegen und gibt dem Hund so eine Chance zu verstehen was
man von ihm will.
3.
Belohnungsrate
Die Belohnungsrate beschreibt wie oft ein Hund in einer gewissen Zeitspanne
belohnt wird. Die Belohnungsrate wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst42:
•
Die Erfahrung des Hundes: Um die Motivation aufrecht zu erhalten, muss
die Belohnungsrate bei einem unerfahrenen Hund deutlich höher sein als
bei einem Hund, der schon weiß worum es bei einer Übung geht. Mit
steigender Erfahrung sollte auch die Herausforderung steigen und durch
komplexere Übungsabläufe sinkt die Belohnungsrate.
•
Die Qualität der Belohnung: Je höher die Wertigkeit einer Belohnung ist,
desto seltener braucht belohnt werden.
•
Die Ablenkung: „Je höher die Ablenkung, desto höher muss die
Belohnungsrate sein“43, da eine größere Ablenkung eine Übung schwieriger
macht.
Man
kann
Ablenkung
auch
als
konkurrierende
Motivation
bezeichnen.
•
Die Trainingskriterien: Es ist die Aufgabe des Trainers, Trainingskriterien so
leicht oder schwer zu gestalten, dass der Hund Erfolg haben kann.
•
Die Art der Aufgabe: Die Höhe der Belohnungsrate wird auch davon
beeinflusst, wie schwierig ein Verhalten ist.
42
Theby (2012): 43. Vgl. ebd.: 41. 43
26 Man kann sagen, dass eine hohe Belohnungsrate dem Hund mehr Informationen
über das gewünschte Verhalten liefert, was dem Hund wiederum mehr Sicherheit
gibt, auf dem richtigen Weg zu sein. „Timing, Kriterium und Belohnungsrate sind die
drei absoluten Grundlagen jedes Trainings!“44
VIII. Unterschiedliche Belohnungssysteme
Um ein Verhalten zu belohnen, gibt es unterschiedliche Belohnungssysteme, die
verschiedene Auswirkungen auf das Verhalten haben. Ich stelle hier die gängigsten
Modelle vor.
•
Regelmäßige Belohnung nach einer bestimmten Anzahl von Verhalten:
Verhalten so zu belohnen, ist einfach und wirkungsvoll, es wird jedes Mal
nach dem gewünschten Verhalten belohnt, was zu einer sehr hohen
Belohnungsrate führt und die besten Ergebnisse bringt. Man kann auch
regelmäßig
jedes
zweite
oder
dritte
Verhalten
belohnen,
das
Belohnungsschema bleibt dabei aber vorhersehbar für den Hund. Der
Nachteil davon ist, dass es den Hund verunsichern kann, wenn er noch
nicht verstanden hat was von ihm verlangt wird und nur jedes zweite
Verhalten belohnt wird. Wenn der Hund das Belohnungsmodell der
Belohnung von jedem zweiten oder dritten Verhalten verstanden hat,
besteht außerdem die Gefahr, dass das Verhalten direkt nach der erfolgten
Belohnung langsamer erfolgt, weil der Hund weiß, dass es dafür keine
Belohnung gibt.45
•
Variable Belohnung nach einer bestimmten Anzahl von Verhalten: Bei der
variablen Belohnung wird nicht jedes Verhalten belohnt, sondern variabel
nach einer bestimmten Anzahl. Es ist nicht vorhersehbar wann die
Belohnung kommt, was theoretisch zu einer gesteigerten Motivation führt
und das Verhalten ist resistenter gegen Löschung.46 Spielautomaten
bedienen sich dieses Effekts, man weiß nie wann der Jackpot geknackt
wird und mit jeder weiteren eingeworfenen Münze steigt die Vorfreude und
Motivation den großen Gewinn zu knacken. Der Effekt der variablen
Belohnung ist wissenschaftlich nachgewiesen und wurde in verschiedenen
44
Vgl. ebd.: 44 Vgl. ebd.: 94. 46
Vgl. ebd.: 94f. 45
27 Versuchsreihen bestätigt und doch bleibt die Frage, ob die Ergebnisse von
Labor-Untersuchungen auf den Alltag mit Hunden so leicht übertragen
werden können. Der Hund muss bei der variablen Belohnung genau wissen
was von ihm verlangt wird und dieses Verhalten schon sicher ausführen. Ist
das Verhalten noch nicht gefestigt, dann kann die variable Belohnung zu
Verunsicherung führen. Obwohl in vielen Büchern geraten wird beim
Training bald von der regelmäßigen Belohnung zur variablen zu wechseln,
um ein Verhalten zu festigen, bleibt die Frage ob Laborergebnisse auf
alltägliche
Trainingssituationen
übertragen
werden
können.
Durch
unterschiedliche Belohnungen (Trockenfutter, Käse, Streicheln, Stimmlob,
Spielzeug,…) hat man die Möglichkeit jedes Verhalten variabel zu
belohnen, was einen ähnlichen Effekt wie die variable Belohnung erzielt,
aber die unerwünschten Nebenwirkungen gering hält.
•
Regelmäßige Belohnung nach einer bestimmten Zeitdauer: Bei diesem
Belohnungsschema
wird
nach
einer
vorgegebenen
Zeit
belohnt,
unabhängig vom Verhalten. Dieses Belohnungsschema nutzt man in
abgewandelter Form beim Training von „Bleib-Übungen“. Dabei ist die
Belohnung zwar auch abhängig vom Verhalten, erfolgt aber erst nach einer
bestimmten Zeit. Wenn der Hund in diesem Zeitraum aufsteht, wird die
Übung abgebrochen und nicht belohnt.47Variable Belohnung nach einer
bestimmten Zeit: Hier ist es für den Hund wieder nicht vorhersagbar wann
die Belohnung kommt, daher lohnt es sich ein Verhalten beizubehalten.
Das kann zum Beispiel bei einer „Bleib-Übung“ bedeuten, dass mal nach 5
Sekunden und mal nach 3 Minuten die Belohnung kommt und der Hund sie
quasi jeden Moment erwartet.48
47
Vgl. ebd.: 95f. Vgl. ebd.: 95. 48
28 E. Stress
I.
Definition
„Stress, Angst und Aggression laufen im Körper fast völlig gleich ab.“49 Um ein
Problemverhalten beim Hund zu lösen, ist es wichtig die Stressfaktoren in seinem
Leben zu analysieren, weil sie ein wichtiger Bestandteil von Problemen sind. Der
Stressmechanismus sorgt dafür, dass sich der Körper optimal an bestimmte
Situationen anpassen kann, er kann aber auch fehlschlagen. Eine gewisse
Stressbelastung kann jeder Organismus vertragen, jedoch nur begrenzt. Durch
Stress wird die Reizschwelle gegenüber verschiedenen Umweltfaktoren vermindert,
was das Thema Stress gerade in Bezug auf Leinenaggression zu einem wichtigen
Punkt macht.
Stress tritt auf wenn ein Organismus sich an eine Situation anpassen muss und
sorgt
für
eine
Vorbereitung
und
Mobilisierung
von
Reserven.
Normale
Stresssituationen, die gut zu bewältigen sind, werden als Eustress bezeichnet und
stellen eine positive Stimulation dar. Werden die Bewältigungsstrategien des Körpers
überfordert, kann Stress schädlich sein und wird als Distress bezeichnet. In
Gefahrensituationen erhöht sich durch die Stressreaktion der Sauerstoffgehalt des
Blutes, das Blut wird mit Fett und Nährstoffen angereichert und durch einen
beschleunigten
Herzschlag
schneller
durch
den
Körper
transportiert.
In
Sekundenbruchteilen wird die Energie enorm gesteigert, der Körper ist auf die Gefahr
vorbereitet. Alles, was in dem Moment unwichtig ist, wird vom Gehirn ausgeschaltet,
logische und kognitive Gedanken werden blockiert.50
II.
Unterscheidung von Eustress und Distress
Der Begriff Eustress leitet sich von der griechichen Vorsilbe „eu“ ab, was „gut“
bedeutet und beschreibt positiven Stress, der nicht als Belastung empfunden wird.
Es gibt zahlreiche Beispiele für Eustress, zum Beispiel das Ausarbeiten einer
Fährte, Vorfreude auf den bevorstehenden Spaziergang, das Spiel mit einem
Hundefreund etc. Diese Ereignisse bedeuten zunächst Stress für den Hund, es
werden dieselben Stresshormone wie in einer Gefahrensituation ausgeschüttet.
49
Hallgren (2013): 9. Vgl. ebd.: 17f. 50
29 Durch die gleichzeitige Ausschüttung von Glückshormonen wie Serotonin werden
aber
Wohlbefinden
und
Leistungsfähigkeit
gesteigert
und
Glücksgefühle
hervorgerufen.
Distress hat demgegenüber eine Verschlechterung des Wohlergehens, der
Leistungsfähigkeit und Gesundheit des Tieres zur Folge und ist schädlich und nicht
alltäglich.
„Mit Distress wird der Zustand eines Tieres bezeichnet, das nur noch über
unzureichende biologische Reserven verfügt, um die körperliche Belastung der
Stressreaktion auszugleichen. Somit müssen Ressourcen umgeleitet werden, die
eigentlich anderen biologischen Vorgängen vorbehalten sind.“
51
Wie ein Tier mit Distress umgeht und welche Bewältigungsstrategien gewählt
werden, hängt von vielen Faktoren ab und ist individuell unterschiedlich. Situationen,
die für den einen Hund gar nicht belastend sind, können für einen anderen Hund
starken Stress bedeuten. Innerlich entsteht Stress zum Beispiel dann, wenn ein Hund
an eine Anforderung denkt. Stellt hingegen ein Umweltfaktor eine Anforderung, wird
der Stress von außen erzeugt.
III. Unterscheidung verschiedener Stressoren
Man kann folgende Stressauslöser unterscheiden52:
•
Äußere
Stressoren
sind
zum
Beispiel
reale
oder
simulierte
Gefahrensituationen, eine Überflutung mit Reizen wie auch der Entzug von
Reizen (Deprivation) und Schmerzreize.
•
Werden die Grundbedürfnisse wie Wasser, Nahrung, Schlaf und Bewegung
nicht erfüllt, führt das zu Stress.
•
Soziale Stressoren sind etwa die Isolation des Hundes oder auch das
Zusammenleben mit Artgenossen oder Menschen, mit welchen sich der
Hund nicht versteht.
•
Psychische Stressoren sind zum Beispiel Angst, Trauer, Konflikte,
Erwartungsunsicherheit und Trennungsangst.
51
Moberg (2000) zitiert nach O`Heare (2009): 31. Scholz/v. Reinhardt (2012): 12. 52
30 •
Stressoren im Bezug auf die Leistung sind zum Beispiel Überforderung wie
auch Unterforderung oder die Angst vor einer drohenden Strafe.
•
Zu den inneren Stressoren gehören Krankheit und Behinderung.
Bei einer akuten Stressreaktion wird das Gehirn von verschiedenen Botenstoffen
überflutet, die Reaktions- und Aggressionsschwelle wird herabgesetzt und das
rationale Denken wird gehemmt. Der Hund ist in voller Alarmbereitschaft und bereit
für Flucht oder Angriff.53
IV. Fünf wichtige Aspekte in Bezug auf Stress
Alles, was ein Individuum versucht, um sich an eine Situation anzupassen, ist
Stress. Dabei ist Stress nicht als negativ zu betrachten, auch positive Gefühle wie
zum Beispiel Erfolgserlebnisse beim Training bedeuten Stress für den Organismus.
Entscheidend
ist
die
innere
Ausgeglichenheit,
die
zum
Beispiel
in
einer
Gefahrensituation durch eine Stressreaktion wieder stabilisiert wird. Diesen Vorgang
bezeichnet man Homöostase oder Selbstregulation, mit deren Hilfe man sich auf
bevorstehende Situationen vorbereiten und sich an ein sich änderndes Umfeld
anpassen kann.54
Fünf wichtige Aspekte in Bezug auf Stress:
•
Summe aller Stressfaktoren: Man sollte versuchen alle Stressfaktoren nicht
einzeln zu sehen, sondern muss sie in Summe betrachten. Ein angeleinter
Hund, der normalerweise kein Problem mit Artgenossen hat, kann durch
einen Stresspegel, der durch verschiedene kleine Stressoren wie Hunger,
Unterforderung, leichte Schmerzen und Angst vor einer Strafe durch den
Besitzer in die Höhe getrieben wird, unerwartet leinenaggressiv reagieren.
Eine Trainerin hat mir dies mit folgender Metapher veranschaulicht: Jedes
Individuum hat eine „Stress-Tasse“, die sich im Laufe des Tages immer
weiter füllt. Jeder Stressfaktor lässt den Stresspegel in der Tasse weiter
ansteigen, bis diese übergeht. In Erholungs- und Ruhephasen leert sich die
Tasse wieder langsam, was auch veranschaulicht wie wichtig Erholung ist.
•
Kurzzeitiger Stress: Der Stressmechanismus ist dafür vorgesehen,
kurzzeitige, schwierige Situationen mithilfe einer Stressreaktion zu
53
O`Heare (2009): 33. Hallgren (2013): 25. 54
31 meistern. Das System ist nicht auf langanhaltenden Stress ausgerichtet,
auch wenn der Stresspegel im jeweiligen Moment niedrig erscheinen mag.
•
Die Reaktionen sind individuell unterschiedlich: Die Stressresistenz von
Hunden ist genetisch bedingt und kann sich von Rasse zu Rasse stark
unterscheiden.
•
Stressreaktionen hängen von der individuellen Wahrnehmung bzw. den
individuellen Erfahrungen ab: Eine Situation, die von dem einen Hund als
kaum stressig empfunden wird, kann von einem anderen Hund als große
Belastung wahrgenommen werden. Zum Beispiel kann eine Begegnung mit
einem fremden Artgenossen für einen Hund, der keine guten Erfahrungen
gemacht hat, belastend sein, während ein Hund der nie schlechte
Erfahrungen gemacht hat, die Begegnung als positiv erlebt.
•
Stresserfahrungen sind davon abhängig, wie Situationen gemeistert
werden: Begegnet ein Hund einem bedrohlichen Artgenossen, wird er
diesen beschwichtigen und die Hunde werden sich begrüßen können. Das
Problem ist gelöst. Hätte der Hund das Problem nicht lösen können, weil
zum Beispiel der Besitzer die Leine straff hält und der Artgenosse hätte
angegriffen, hätte das eine starke Stressreaktion bei unserem Hund
ausgelöst.55
V. Stressmodelle
1.
Stressreaktion in drei Stufen nach Selye
Der ungarische Arzt Hans Selye beschäftigte sich in den 1930er-Jahren mit
Stressmechanismen und fand heraus, dass Stressreaktionen in drei Stufen
ablaufen.56
•
Die Alarmreaktion: Die Alarmreaktion ist das Erste, was in einer
Stresssituation passiert. Dabei werden alle Körperressourcen mobilisiert, es
kommt zu einem Zustand allerhöchster Leistungsbereitschaft und der
Körper macht sich bereit für Flucht oder Abwehr. Das Reaktionsvermögen
nimmt
innerhalb
von
Sekunden
stark
zu,
Nervenimpulse
und
Hormonausschüttungen sorgen für die optimale Reaktionsbereitschaft. Der
55
Hallgren (2013): 27ff. Scholz/v. Reinhardt (2012): 11ff. 56
32 Blutdruck erhöht sich durch eine Blutgefäßverengung, die Herzfrequenz
steigt, die Pupillen weiten sich und durch Kontraktion der Haut stellen sich
die Haare auf. Weiters erweitern sich die Bronchien, die Magen-DarmTätigkeit
verlangsamt
Blutzuckerspiegel
sich,
erhöht,
Fettsäuren
die
werden
Muskulatur
freigesetzt,
stärker
der
durchblutet,
Körpertemperatur und Schweißabsonderung (Pfotenabdrücke auf dem
Boden) steigen, die Wahrnehmung wird sensibilisiert und Schmerzen und
komplexe Denkvorgänge werden gehemmt.
•
Die Widerstandsphase: In der zweiten Phase wird versucht die Gefahr zu
meistern oder zu kontrollieren. Der Körper versucht eine Gegenreaktion zu
starten, um den hohen Energieverbrauch zu senken und die Alarmreaktion
abzuschwächen. Dafür ist der Parasympathikus zuständig. Er sorgt unter
anderem für ein zusammenziehen der Bronchien, vermehrten Speichelfluss
sowie für Anregung der Magen-, Darm-, und Blasentätigkeit. Allerdings
bleibt die Adrenalin-, Noradrenalin- und Cortisolausschüttung hoch. Somit
wird die Schilddrüsenfunktion geschwächt, die Fortpflanzungsorgane
werden in Mitleidenschaft gezogen, außerdem werden entzündliche
Prozesse gefördert. Die Gedächtnisleistung und die Immunabwehr sind
beeinträchtigt, die Resistenz gegenüber neu auftretenden Stressfaktoren ist
deutlich reduziert.
•
Die Erschöpfungsphase: Hält der Stress zu lange an oder treten ständig
neue Stressoren auf, kann der Organismus die Widerstandsphase nicht
länger aufrecht erhalten. Die Anpassungsmöglichkeiten des Körpers gehen
verloren, durch die hohe Ausschüttung energierelevanter Stoffe kommt es
zu Energiebereitstellungsproblemen. Die Funktion des Immunsystems und
der Geschlechtsdrüsen wird beeinträchtigt, der Appetit ist gestört und
Fortpflanzungs-
und
Wachstumsprozesse
funktionieren
nicht
mehr.
Langzeitfolgen sind zum Teil schwere Erkrankungen wie Herz-KreislaufErkrankungen, Nierenerkrankungen, Allergien, Entzündungskrankheiten,
Krebs und im Extremfall kann es sogar zum frühzeitigen Tod kommen.
33 Abb. 6: „General Adaptation Syndrome“ von David G. Myers - Exploring Psychology 7th ed. (Worth) page 398.. Lizenziert unter
CC BY 3.0 über Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:General_Adaptation_Syndrome.jpg#/media/File:General_Adaptation_Syndrome.jpg
2.
Stressreaktion in drei Stufen der Bewertung nach Lazarus
Lazarus differenziert danach, ob ein Individuum glaubt die Situation kontrollieren
zu können und ob die Gefahr als die eigenen Kräfte übersteigend eingeschätzt wird.
Bedeutsam für den Stressgehalt einer Situation oder eines Ereignisses sind seiner
Meinung nach nicht die objektiven Merkmale der Situation, sondern die
Empfindungen, Gedanken und Überlegungen des betreffenden Individuums. Ein
Reiz ist nicht deshalb stressend weil er eine bestimmte Intensität übersteigt, sondern
wird erst durch die subjektive Wahrnehmung des Individuums zu einem Stressreiz.
Lazarus Stressmodell unterscheidet drei Stufen der Bewertung57:
•
Die
Primärbewertung:
In
der
ersten
Phase
werden
Umweltreize
wahrgenommen und es wird bewertet ob sie eine Bedrohung enthalten.
Dabei kann die Situation als positiv, irrelevant oder potentiell gefährlich
beurteilt werden.
57
Van der Bellen (2014): 3ff. 34 •
Die Sekundärbewertung: In der zweiten Phase wird geprüft, ob die
verfügbaren Ressourcen ausreichen, um eine Situation zu bewältigen und
nur wenn die Ressourcen nicht ausreichend sind, wird eine Stressreaktion
ausgelöst. Die Bewältigungsstrategie ist abhängig von der Situation, von
der Persönlichkeit und den kognitiven Strukturen des Individuums. Diese
als
Coping
bezeichneten
Abläufe
stellen
eine
Art
Selbstregulierungsmechanismus dar. Über Erfolg und Misserfolg lernt das
Individuum Bewältigungsstrategien selektiv einzusetzen.
•
Neubewertung: In der dritten Phase wird aufgrund der veränderten äußeren
und inneren Bedingungen die ursprüngliche Situation noch einmal bewertet.
Wird die individuelle Ausgangslage nicht wieder erreicht, erfolgt eine
Anpassung und es werden neue Sollwerte erstellt.
Lazarus unterscheidet zwei Arten der Stressbewältigung, problemorientiertes und
emotionsregulierendes Coping. Beim problemorientierten Coping versucht das
Individuum aktiv durch Informationssuche oder Handlungen bzw. unterlassene
Handlungen eine Problemsituation zu überwinden. Diese Bewältigungsstrategie
bezieht sich auf die Situation und den Reiz. Beim emotionsregulierenden Coping wird
in erster Linie versucht entstandene Emotionen abzubauen, ohne sich mit der
Ursache auseinander setzen zu müssen.58
58
Kriegl (2015), 1ff. 35 Abb 7: „Stressmodell von Richard Lazarus“ von Philipp Guttmann (Diskussion) - selbst erstellt. Lizenziert unter CC BY-SA
3.0 über Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stressmodell_von_Richard_Lazarus.png#/media/File:Stressmodell_von_Richard_Lazarus.pn
g
VI. Stresssymptome
Es gibt viele verschiedene Symptome die auf einen erhöhten Stresspegel
schließen lassen. Meist treten mehrere Symptome gleichzeitig auf, man muss aber
immer den Gesamtzusammenhang und die Häufigkeit, in der sie auftreten,
beobachten. Ein Hecheln kann zum Beispiel ein Anzeichen für Stress sein, bei
heißen Temperaturen kann es aber auch einfach der Versuch des Hundes sein, sich
abzukühlen. Jeder Hund zeigt auf eine ganz spezielle Art, wenn er gestresst ist.
Es gibt auch rassespezifisch, unterschiedliche, spezielle Stresssymptome, bei der
die besondere Fähigkeit einer Rasse ein ungesundes Ausmaß annimmt, zum
Beispiel zwanghaftes Hüten bei Hütehunden.
Die häufigsten Stresssymptome sind:59
59
Scholz/ v. Reinhardt (2012): 40ff. 36 •
Nervosität und Schreckhaftigkeit
•
Ruhelosigkeit - der Hund kann sich schlecht entspannen und wirkt gehetzt
•
Überreaktion in Situationen, in denen der Hund normalerweise ruhig
bleiben würde
•
Vermehrter Einsatz von Beschwichtigungssignalen
•
Einstellen
der
Beschwichtigungssignale
und
„einfrieren“,
geistiges
Abtauchen
•
Vermehrtes Koten und Urinieren durch die Aktivierung des sympathischen
Nervensystems
•
Ausschachten des Penis beim Rüden
•
Aufreiten
•
Hypersexualität und Hyposexualität
•
Veränderter Sexualzyklus
•
Übertriebene Körperpflege bis hin zum Wundlecken, häufig an den Pfoten
und im Genitalbereich
•
Zerstören von Gegenständen
•
Übertriebene Lautäußerungen wie Dauerbellen oder ständiges Winseln
•
Störungen im Magen-Darm-Trakt wie Durchfall und Erbrechen
•
Allergien
•
Appetitlosigkeit und Fresssucht
•
Unangenehmer Körpergeruch und Mundgeruch
•
Die Tasthaare am Kopf werden aufgestellt und vibrieren vielleicht auch
•
Das Fell im Nacken- und Rückenbereich wird aufgestellt
•
Verhärtete Muskeln durch erhöhten Muskeltonus
•
Schuppenbildung
•
Plötzlicher Haarausfall
•
Schlechte Fellbeschaffenheit und starker Haarausfall
•
Ungesundes Aussehen
•
Gehetzter Gesichtsausdruck
•
Hautprobleme wie Ekzeme und Juckreiz
•
Veränderung der Augenfarbe
•
Hecheln
•
Vermehrte Produktion von Nasenflüssigkeit und dadurch tropfende Nase
37 •
Schweißpfoten hinterlassen feuchte Pfotenabdrücke auf glatten Böden
•
Zittern
•
Hektisches Um-sich-Schnappen
•
Weit aufgerissene Augen und flatternder Blick
•
Vermehrter Speichelfluss
•
Übermäßiges
Fixieren
eines
anderen
Lebewesens
oder
eines
Gegenstandes
•
Stereotypien wie Schwanzjagen oder monotones Dauerbellen
•
In die Leine beißen
•
Schlechte Konzentrationsfähigkeit
•
Vergesslichkeit - der Hund scheint „neben sich zu stehen“
•
Übersprungshandlungen und umorientiertes Verhalten
•
Fixierung auf Reize wie Lichtkegel oder Fliegen
•
Passivität
•
Schütteln soll die eigene Anspannung lösen
VII. Stressfaktoren bei Hunden
In diesem Abschnitt möchte ich beschreiben, welche Erfahrungen Stressfaktoren
darstellen und die Stresstoleranz von Hunden beeinflussen. Dabei wird alles, was
Stressreaktionen auslöst, als Stressfaktor bezeichnet. Diese Zusammenfassung stellt
die häufigsten Stressfaktoren dar, erhebt dabei aber keinen Anspruch auf
Vollständigkeit, nicht zuletzt auch deshalb, weil Stress immer von den eigenen,
individuellen Empfindungen und Erfahrungen abhängt.60
•
Vererbte Eigenschaften: Wenn man verschiedene Hunderassen auf ihre
Stresstoleranz hin vergleicht, wird offensichtlich, dass die Gene wohl eine
wichtige Rolle spielen. Während manche Rassen kaum aus der Ruhe zu
bringen sind, sind andere sehr temperamentvoll und leicht gestresst.
•
Pränataler Stress: Man hat herausgefunden, dass Welpen, deren
Mutterhündin während der Trächtigkeit starkem Stress ausgesetzt war,
eher zu einer verringerten Stresstoleranz neigen. Durch das Blut gelangen
die Stresshormone der Hündin schon im Mutterleib zu den Föten und
beeinflussen diese.
60
Vgl. zu den Stressfaktoren etwa Scholz/v. Reinhardt (2012): 56ff. 38 •
Frühe Einflüsse: In der ersten Lebensphase ist das Gehirn in gewisser
Weise noch offen für neue Programmierungen, um sich bestmöglich an das
zukünftige Leben anzupassen. „Frühe Erfahrungen, die in irgendeiner Form
die Stressempfindlichkeit vergrößern oder vermindern, können eine
lebenslange Wirkung haben.“61 Welpen, die von Anfang an Kontakt zu
Menschen haben und täglich betreut werden, entwickeln durch diese leichte
Form von Stress eine höhere Stresstoleranz. Natürlich muss dieser tägliche
Umgang mit einem kleinen Welpen in einem gewissen Rahmen bleiben und
darf nicht übertrieben werden, denn das kann einen Stressfaktor darstellen,
der sich negativ auf die künftige Stresstoleranz auswirkt.
•
Sozialisierung:
Der
Welpe
hat
eine
sensible
Phase
(ca.
8.-16.
Lebenswoche), der besondere Beachtung geschenkt werden sollte, weil er
in dieser Zeit besonders schnell und nachhaltig lernt. In dieser Phase soll
der junge Hund unterschiedliche Artgenossen, Tiere und Menschen
verschiedener Altersstufen positiv kennenlernen. Bei der Sozialisierung
geht es um die soziale Interaktion mit Lebewesen. Lernt der Welpe
verschiedene Untergründe, Umgebungen und Verkehrsmittel kennen,
spricht man von Gewöhnung, weil es sich um keine soziale Interaktion
handelt. Sozialisierung und Gewöhnung reichen aber weit über die 16.
Lebenswoche hinaus. Hunde lernen ihr ganzes Leben lang.
•
Anpassung an verschiedene Umgebungen: Ein Hund braucht die
Gelegenheit, sich an unterschiedliche Umgebungen zu gewöhnen. Hunde,
die mit sehr wenigen Reizen heranwachsen und nicht genügend
Erfahrungen im Welpenalter machen können, können in ihrem späteren
Leben Probleme mit neuen Situationen haben und auf diese mit Stress
reagieren.62
Im Zusammenhang mit Sozialisierung und Gewöhnung an Umweltreize hört
man immer wieder von Welpenspielgruppen. Welpenspielstunden gehören
für viele Hundehalter zu einem guten Start ins gemeinsame Leben,
allerdings ist Vorsicht geboten, denn bei nicht professionell geführten
Gruppen kommt es schnell zu einer Überreizung. Die Welpen werden
dadurch nicht nur für den Augenblick gestresst. Eine schlecht geführte
61
Hallgren (2013): 82. Vgl. ebd.: 87 62
39 Welpenspielgruppe kann starke Auswirkungen auf das spätere Verhalten
haben. Faktoren wie Dauer der Einheit, Gruppengröße und gestellte
Aufgaben können schnell zu Überforderung führen und Mobbing sowie
raues Spiel unter den Welpen kurbelt den Stresspegel weiters kräftig an.63
•
Ernährung: Das Verhalten des Hundes kann erheblich durch seine
Ernährung beeinflusst werden. Futter von minderer Qualität kann zu
Mangelernährung
und
damit
zu
Stress
im
Organismus
führen.
„Nebenerzeugnisse und Füllstoffe aus Getreide sind schon schlimm genug,
doch
gewisse
chemische
Konservierungsmittel,
Farbstoffe
und
Chemikalien, die dazu dienen, das Futter feucht zu halten, können zu
Problemen führen. Viele Hunde reagieren auf diese Inhaltsstoffe negativ,
was sich auch in Verhaltensproblemen manifestieren kann.“64
•
Krankheit und Verletzung: Krankheiten und Schmerzen sind ein häufiger
und oft unterschätzter Stressfaktor. Abhängig davon, was dem Hund fehlt,
können Krankheiten und Schmerzen auf verschiedene Arten geringen bis
sehr starken Stress verursachen. Laut Hallgren sind Schmerzen die
häufigste Ursache für Verhaltensprobleme.65 Laut Untersuchungen haben
zum Beispiel 60% einer normalen Hundepopulation Rückenschmerzen.
Krankheit und Schmerz bedeuten unabhängig vom Alter immer Stress, aber
ein kranker Hund hat nicht nur Schmerzen, auch der Tierarztbesuch
bedeutet Stress und kann weitere Schmerzen verursachen. Auch eine
Beeinträchtigung der Sinnesorgane wie Taubheit und Blindheit erhöhen den
Stresspegel, weil der Hund ständig sein Defizit ausgleichen muss, da er
nicht die gleichen Möglichkeiten wie ein gesunder Hund hat, sich mit der
Außenwelt zu verständigen.66
Unsere Hunde zeigen kaum Anzeichen bei Schmerzen, oft sind es nur
kleine Veränderungen in ihrem Blick, weshalb es schwer für uns ist zu
glauben, dass der Hund Schmerzen hat.
•
Hormone: Viele Hormone können die Stresstoleranz negativ beeinflussen.
So ist Testosteron zum Beispiel auch ein mögliches Stresshormon. Auch
63
Scholz/Clarissa v. Reinhardt (2012): 61f. O`Heare (2009): 51. 65
Hallgren (2013). 66
Scholz/v. Reinhardt (2012): 56. 64
40 eine Läufigkeit bringt einige Stressfaktoren wie beispielsweise das
Abwehren von aufdringlichen Rüden mit sich.
•
Das Vorbild: Auch der eigene Einfluss als Vorbild auf den Hund darf nicht
außer Acht gelassen werden. „Es gibt eine plausible Korrelation zwischen
autoritären, strafenden Hundehaltern und dem Aggressionsverhalten von
deren Hunden gegenüber Artgenossen.“67
•
Schlafdefizite und Erschöpfungszustände: Diese können Krankheit und
Schmerzen, fehlende Rückzugsmöglichkeiten und Überbeanspruchung
verursachen.
•
Plötzliche Veränderungen: Für jedes Lebewesen bedeuten plötzliche
Veränderungen Stress. Veränderungen wie Familienzuwachs oder Umzug
können die Stresstoleranz vorübergehend herabsetzen und so zu
Überreaktionen in verschiedenen Situationen führen. Auch der plötzliche
Tod eines Bindungspartners und die damit verbundene Trauer können
einen Hund negativ beeinflussen.
•
Bedrohung: Bei einer möglichen Bedrohung, egal ob imaginär oder real,
wird der Körper in eine Alarmbereitschaft versetzt.
•
Verunsicherung: Wenn ein Hund nicht weiß was ihn erwartet und er die
Situation nicht einschätzen kann, kommt er in eine Erwartungsunsicherheit.
Das kann passieren, wenn beim Training Kommandos verlangt werden, die
der Hund noch nicht verstanden hat. Ein zusätzlicher Stressfaktor kann die
Ungeduld des Halters sein. Die Angst vor Strenge und Strafen können den
Stresspegel weiter nach oben treiben. Auch ein unberechenbarer Halter
bringt seinen Hund in eine unangenehme Erwartungsunsicherheit. So eine
Situation entsteht wenn der Hund beispielsweise manchmal auf die Couch
darf, ein anderes Mal wird er aber genau dafür bestraft.68 Das ist häufig bei
Hunden mit autoritären oder unter Stimmungsschwankungen leidenden
Besitzern der Fall. Oft sind unzureichendes Wissen über Hunde und
mangelndes Einfühlungsvermögen der Grund für Strafe, Verbote und das
Gefühl den Hund „dominieren“ zu müssen. Dabei verliert der Hund das
Gefühl
Situationen
kontrollieren
zu
können.
Gerade
bei
Aggressionsproblemen wie der Leinenaggression wird in den Medien
67
Hallgren (2013): 91. Scholz/v. Reinhardt (2012): 58f. 68
41 meistens eine autoritäre, auf Strafe basierende Trainingsphilosophie
propagiert und den Zusehern suggeriert, der Hund dürfe nichts selbst
kontrollieren und müsse stets unter unserer Kontrolle sein. „Wir können
aber Kontrolle über unsere Hunde haben, ohne ihnen das Gefühl zu
nehmen, Eigeninitiative zu entwickeln und einen freien Willen zu haben.“69
Es gibt viele Dinge die einen Hund verunsichern können. Dazu gehört zum
Beispiel auch sich über einen Hund lustig zu machen und ihn auszulachen.
Hunde verstehen keine Scherze und Sticheleien, weshalb solche
Situationen für den Hund unverständlich und stressig sind. Auch
Streitigkeiten innerhalb der Familie können ein „versteckter“ Stressfaktor
sein. Die meisten Hunde reagieren sehr sensibel auf Familienstreitigkeiten
und können die Aufregung ihrer Besitzer mit sich selbst in Verbindung
bringen.
Hunde brauchen eine gewisse Vorstellung davon, was geschieht und was
auf sie zukommt. Dinge nicht vorausberechnen zu können, verunsichert.
Auch Situationen, in denen sie Drohung, Zwang oder Aggression des
Besitzers nicht verstehen, können zu einer großen Stressbelastung führen.
Im Falle einer Leinenaggression beobachte ich manchmal Menschen, die
ihre Hunde durch eine bedrohliche Stimme und teilweise auch durch
körperliche Übergriffe für etwas Strafen, was sie vielleicht tun könnten,
noch bevor der Hund etwas getan hat. In so einer Situation wird der eigene
Hund zum Beispiel schon gestraft, bevor er den in Sichtweite befindlichen
Artgenossen anbellt. Eine weitere Verunsicherung erfährt ein Hund, der an
kurzer Leine an einem fremden Hund vorbeigeführt wird, ohne die
passenden Körpersignale aussenden zu können.70
•
Harte
Ausbildungsmethoden
(siehe
auch
Kapitel
Lernverhalten):
Trainingsmethoden die Angst und Schmerzen beinhalten, verursachen
großen Stress. Leinenruck, schmerzzufügende Ausrüstungsgegenstände
wie Stachelhalsbänder oder Erziehungsgeschirre, Reizstromgeräte und
auch
die
Ängstigung
einschüchternde
durch
Körperhaltung
scharfe
Kommandos
verursachen
und
und
steife,
verstärken
Stresszustände und zerstören das Vertrauen zwischen Hund und Halter.
69
Hallgren (2013): 91. Vgl. ebd.: 98f. 70
42 •
Leistungsdruck:
Agility,
Dog-Dancing,
Obedience
und
ähnliche
Hundesportarten können, vor allem auf Wettkampf-Niveau, zu einem stark
erhöhtem Stresspegel führen. Leistungsdruck und hohes Tempo bringen
die Hunde an ihre körperlichen und auch mentalen Grenzen.
•
Überreizende Stressfaktoren wie raues und wildes Spiel, Jagd- und
Rennspiele: Ein zu grobes, hektisches und aggressionsgeladenes Spiel
unter Hunden und auch zwischen Hund und Mensch ist ein Stressfaktor.
Durch körperlichen Einsatz wie starkes Beschleunigen und übermäßige
Geschwindigkeit wird das Stresssystem im Körper aktiviert und der
Adrenalin-Pegel steigt, was eine vorübergehende Erhöhung der Körperkraft
bewirkt. Bei zu vielen Jagd-, Kampf- oder Rennspielen besteht die Gefahr
einer Überreizung.
Die
Jagd
auf
ein
Beutetier
besteht
aus
verschiedenen
Handlungssequenzen. Es beginnt mit der Suche nach Beute, was Tage in
Anspruch nehmen kann. Ist die Beute aufgespürt, wird die Fährte bis zu
dem Tier und dann das Tier selbst verfolgt. Der nächste Schritt ist das
Beutetier bis zu seiner Erschöpfung zu hetzen. Dann erfolgt der Angriff, bei
dem es zu hohen Adrenalin-Ausschüttungen kommt, um Geschwindigkeit
und Kraft zu erhöhen und die Sinne zu schärfen. Eine echte Jagd findet bei
den wild lebenden Verwandten unserer Hunde aber relativ selten statt,
durchschnittlich ein bis zweimal pro Woche. Das bedeutet, dass auch der
Körper unserer Haushunde darauf ausgerichtet ist, nicht zu oft in eine solch
extreme Jagdsituation gebracht zu werden.
Das
tägliche
Werfen
von
Spielzeugen
und
Stöcken,
viele
Male
hintereinander, überreizt das Stresssystem und imitiert nur ein Element der
Jagdhandlungskette, das Hetzen. Auch sich gegenseitig spielerisch
jagende Hunde sowie Kampf-, Beute- und Zerrspiele können zu einer
Überreizung und einem erhöhten Stresshormon-Pegel führen. „Bei Tieren,
die über lange Zeit überreizt werden, vergrößert sich die Nebennierenrinde
und produziert ständig erhöht Stresshormone.“71
•
Unterforderung: Langeweile und viel zu wenig Beschäftigung sind die
häufigsten Gründe für Unterforderung beim Hund. Heutzutage haben zwar
viele Hunde einen ausgefüllten Tagesplan und finden oftmals keine Ruhe,
71
Hallgren (2013): 92. 43 es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein. Wenn Hunde die meiste Zeit
des Tages zuhause verbringen und keine mentale Stimulation haben, kann
es bei den täglichen Spaziergängen als einziges Highlight des Tages durch
den vorhandenen Energieüberschuss schnell zu Verhaltensproblemen
kommen. Hunde sind intelligente, in sozialen Verbänden lebende Jäger, die
genau wie wir Menschen mentale Stimulation, Herausforderungen und
Auslastung brauchen um glücklich zu sein. „Tiere und Menschen brauchen
Erfahrungen auf dreierlei Art: durch die Sinne, durch kognitive Erfahrungen
und durch soziale Kontakte, aber sogar hiervon kann ein Zuviel Stress
auslösen. Auch die körperliche Bewegung ist eine weitere Erfahrung, die
zum Wohlfühlen beiträgt. […] Monotonie steht oft in Verbindung mit dem
Nebennieren-Stresshormon Cortisol, was sowohl für seelische Spannung
als auch für unangenehme Gefühle sorgt.“72
•
Körperliches Unwohlsein: Auch körperliches Unwohlsein führt zu Stress.
Das kann zum Beispiel verursacht werden durch Hunger, Durst, Lärm,
keine Möglichkeit zum Kot- oder Harnabsatz, Hitze und Kälte, Unwetter,
etc.73
•
Zu hohe Populationsdichte und falsche Zusammensetzung mehrer Hunde
in einem Haushalt: Überbevölkerung und die damit verbundene soziale
Konfrontation bedeuten Stress für Hunde. Stress durch Überbevölkerung
kann auftreten wenn mehrere Hunde über längeren Zeitraum eng
zusammenleben und erhöht die Freisetzung von Stresshormonen, was zu
einer Vergrößerung der Stresshormon-produzierenden Nebenniere führt.
Noch größer wird das Risiko wenn die Hunde sich nicht mögen. Dabei
muss es nicht unbedingt gleich zu Beißereien kommen. Die gegenseitige
Anwesenheit und der Versuch, sich aus dem Weg zu gehen, bedeuten
einen enormen Stress für die Hunde.
VIII. Stress senken
Jedes Verhaltensproblem, auch Leinenaggression, kann Stress als Auslöser
haben, verursacht aber auch gleichzeitig Stress. Ein erfolgreiches Training muss alle
Stressfaktoren mit einbeziehen und senken. Die in Kapitel E.IV. beschriebene Stress 72
Hallgren (2013): 94ff. Scholz/v. Reinhardt (2012): 67f. 73
44 Tasse verdeutlicht, wie wichtig es ist, alle Faktoren mit einzubeziehen und nicht nur
die Symptome zu bekämpfen. Was ein Hund als stressend empfindet, ist individuell
und hängt von vielen verschiedenen Faktoren wie Genetik und Erfahrung ab.
45 F. Die Körpersprache der Hunde
I.
Körpersprache und Kommunikation von Hunden
Um den Hund richtig zu verstehen und darauf reagieren zu können, ist es für
jeden Hundehalter wichtig, die hundliche Körpersprache lesen zu lernen. Hunde
sprechen hauptsächlich durch ihren Körper und geben durch kleine Zeichen eine
Vielzahl von Informationen preis. Einen ersten Anhaltspunkt liefert die Geometrie des
Hundekörpers. Wenn man sich den Körper des Hundes wie ein Quadrat vorstellt,
kann man Anhaltspunkte dafür erhalten, welche Absichten der Hund verfolgt.
„Je mehr Körperteile des Hundes nach vorne oder oben ausgerichtet sind, desto
größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund die Distanz zum Auslöser verringern
wird. […] Reicht die große Anzahl der Körperteile des Hundes nach hinten oder
unten, wird er eher zurückweichen.“74
Diese Geometrie kann uns einen ersten Eindruck geben.
Abb. 8: Geometrie des Hundekörpers (Foto: privat)
Das Ausdruckverhalten der Hunde umfasst eine große Menge an kleinen, subtilen
Signalen, aus welchen man viel ableiten kann. Diese Signale lesen zu lernen und zu
verstehen, ist die Grundlage jedes erfolgreichen Trainings.
74
Reichel (2014): 23. 46 II.
Eskalationsleiter
In diesem Zusammenhang ist es wichtig sich noch einmal die Eskalationsleiter
(Kapitel B.VIII) ins Gedächtnis zu rufen. Wenn der Hund auf einen Artgenossen trifft,
startet er – um aufkommende Aggression zu unterbrechen und Konflikte zu lösen –
mit seiner Kommunikation normalerweise im grünen Bereich, mit leichten
Beschwichtigungssignalen. Wenn die Situation sich dadurch nicht entspannt, wird
der Hund mit seiner Kommunikation in den gelben Bereich übergehen und dadurch
signalisieren, dass er auch bereit ist, sich zu verteidigen. Wenn auch das keinen
Erfolg bringt, wird der Hund in den roten Bereich wechseln und sich verteidigen.
Ein häufig falsch verstandenes Kommunikationssignal des Hundes ist zum
Beispiel das Knurren. Viele Menschen halten einen knurrenden Hund für aggressiv
und
bestrafen
ihn
dafür.
Der
Hund
versucht
mit
dem
Knurren
eine
Distanzvergrößerung zwischen sich und den bedrohlich wirkenden Artgenossen oder
Menschen zu bewirken. Es ist eine Warnung, dass es ihm zu viel oder zu eng wird.
Durch das Abstrafen des Knurrens wird der Hund lernen, diese Treppe der
Eskalationsleiter zu überspringen. Der Hund wird nicht mehr warnen, sondern gleich
zum Angriff übergehen.75
III. Beschwichtigungssignale
Die Beschwichtigungssignale, oder auch „Calming Signals“ genannt, sind ein
wichtiger Teil des Ausdrucksverhaltens von Hunden und wurden von Turid Rugaas
viele
Jahre
erforscht
und
in
Beschwichtigungssignale der Hunde“
ihrem
76
Buch
„Calming
Signals
–
Die
zusammengefasst.
„Beruhigungssignale unterbrechen Aggression, Stress, Angst und unerfreuliche Dinge
aller Art, oder lassen diese gar nicht erst aufkommen. Beruhigungssignale bauen
Vertrauen auf, vermitteln ein Gefühl der Sicherheit, und vor allem: helfen verstanden
zu werden.“
77
Sie dienen als Vorbeugungsmaßnahme, um Konflikte gar nicht erst entstehen
bzw. eine Situation eskalieren zu lassen und können auch der eigenen Beruhigung
75
Riepe (2012): 23f. Rugaas (2001). 77
www.dogz.at, http://www.dogz.at/artikel/34-­‐fremdartikel/54-­‐calming-­‐signals-­‐qbeschwichtigungssignaleq-­‐
bei-­‐hunden.html, zugegriffen am 15.07.2015. 76
47 dienen. „Hunde verwenden Sprache und Signale die ganze Zeit, in der sie wach sind
und die geringste Kleinigkeit um sie herum geschieht.“78
Entstehen Missverständnisse zwischen Hund und Mensch, dann geschieht das oft
wegen sprachlicher Probleme. Zur Veranschaulichung möchte ich hier ein Beispiel,
dem ich im Alltag schon einige Male begegnet bin, anführen. Ich beobachte immer
wieder gestresste Menschen, die ihre Hunde hektisch zu sich her rufen. Der Hund
wird auf dem Weg immer langsamer, leckt sich die Nase und schaut nach links und
rechts. Der Besitzer wiederholt das Kommando in scharfem Ton. Der Hund wird noch
langsamer, dreht den Kopf immer wieder zur Seite und beginnt am Boden zu
schnüffeln. Wutentbrannt stampft der Besitzer auf und schreit nochmals den Namen
seines Hundes in barschem Ton. Der Hund kommt ganz langsam einen Bogen
gehend angeschlichen, setzt sich und dreht den Kopf weg. Während der Besitzer
denkt, sein Hund würde absichtlich die Kommandos nicht befolgen, hat der Hund die
ganze Zeit nur versucht seinen Besitzer zu beruhigen und zu beschwichtigen.79
Beginnt man Hunde zu beobachten, so erkennt man schnell, dass alle Hunde
Beschwichtigungssignale einsetzen. Man beginnt zu erkennen was die Hunde einem
mitteilen wollen und kann dementsprechend darauf auf angebrachte Art und Weise
reagieren. Man ist in der Lage zu erkennen, wenn der Hund unsicher, müde oder
unkonzentriert ist und Kommandos nicht versteht.
Turid Rugaas hat ungefähr 30 verschiedene Beschwichtigungssignale erforscht.80
Ich liste hier die am häufigsten zu beobachtenden Signale auf:
•
Wegschauen, den Kopf abwenden
•
Blick „verkürzen“, Augenzwinkern und Augenlider senken
•
Sich abwenden und die Seite oder den Rücken zudrehen
•
Nase lecken
•
Langsame Bewegungen
•
Erstarren/Einfrieren
•
Vorderkörpertiefstellung
•
Hinsetzen/Hinlegen
•
Gähnen
•
Boden beschnüffeln
78
Rugaas (2001): 19. Mayr (2014): 1ff. 80
Vgl. ebd. 25ff. 79
48 •
Schlangenlinien gehen, im Bogen gehen
•
Schwanzwedeln
•
Welpe spielen, den Mund der anderen lecken, ein Welpengesicht machen
•
Urinieren/Markieren
•
Pfote hochheben
•
Zungenschlagen
•
Übersprungshandlungen
All diese Signale müssen immer ganzheitlich und auf den Kontext bezogen
betrachtet werden und können in verschiedenen Situationen unterschiedliche
Bedeutungen
haben.
Gähnen
ist
zum
Beispiel
ein
häufig
eingesetztes
Beschwichtigungssignal, wenn ein Hund aufgeregt oder gestresst ist, wie im
Wartezimmer vom Tierarzt. In entspannten, angenehmen Situationen wie Zuhause
auf der Couch wird es aber vermutlich einfach nur bedeuten, dass der Hund müde
ist.
IV. Rasseunterschiede in der Kommunikation
Die Fähigkeit der Konfliktvermeidung über Beschwichtigungssignale ist bei allen
Hunden, egal welcher Rasse sie angehören, genetisch fixiert. So können Hunde auf
der ganzen Welt miteinander kommunizieren, sie sprechen eine Sprache.
„Einige Rassen verwenden eher einfache Signale, weil es besser zu den ihnen zur
Verfügung stehenden Ausdrucksmöglichkeiten passt. Für einen Hund mit stark
behaartem Gesicht ist es schließlich effektiver, sich das Maul zu lecken oder den
Kopf abzuwenden, als seine Augenmimik einzusetzen, wie es viele andere Rassen
oft tun. [...] Deshalb läuft Kommunikation auch nicht nach einem festen Schema ab,
jeder Hund kommuniziert ein bisschen anders, allerdings mit Signalen, die alle Hunde
verstehen. Diese Art Konflikte zu lösen sorgt in der Gruppe für Ruhe und Frieden und
spart Kräfte, die für die Jagd und Nahrungsbeschaffung nötig sind. 81
81
Vgl. ebd. 21f. 49 V. Die verlorene Sprache
Das Ausdrucksverhalten unserer Hunde verfügt über viele verschiedene Signale,
um Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Neben den Beschwichtigungssignalen können
Hunde auch Droh- und distanzfordernde Signale wie knurren, Zähnefletschen und
bellen einsetzen, um ein Individuum auf Distanz zu halten oder zu verscheuchen. All
diese Signale sind wichtig für die Kommunikation unserer Hunde, die Fähigkeit diese
einzusetzen, können aber verloren gehen. Wenn Hunde nie die Möglichkeit dazu
haben, mit anderen Hunden zu Kommunizieren und all diese Signale einzusetzen,
verlieren sie langsam ihre Sprache.
Auch wenn Menschen alle Signale von Hunden ignorieren und nicht auf ihre Art
der Kommunikation entsprechend reagieren, lernen sie, dass ihre Versuche der
Kontaktaufnahme bei uns nicht funktionieren, wir sie nicht verstehen. Dadurch
verlieren Hunde allmählich Elemente ihres Ausdrucksverhaltens.
Ein weiterer Grund, warum Hunde verlernen zu kommunizieren ist, dass sie dafür
bestraft werden. Zum Beispiel wenn ein Hund beim Heranrufen am Boden schnüffelt
oder wenn er sich in ganz langsamen Bewegungen seinem Besitzer nähert und dafür
bestraft wird. Der Hund lernt, dass diese Signale keinen Sinn haben und wird sie
künftig seltener oder gar nicht mehr einsetzen. Probleme gibt es auch häufig wenn
es um Drohsignale wie das Knurren geht.
„Viele Menschen glauben noch immer, ein knurrender Hund sei aggressiv und
generell sei es einem Hund nicht erlaubt, einen Menschen anzuknurren, weshalb er
bestraft werden müsse, wenn er dies tut. Dabei ist das Knurren nichts weiter als eine
Mitteilung, dass der Kommunikationspartner die Handlung die er gerade ausführt,
unterlassen soll.“82
Wird dem Hund durch Bestrafung das Warnen abgewöhnt, dann knurrt der Hund
zwar nicht mehr, aber an seinen negativen Gefühlen und Emotionen hat sich nichts
geändert. Der Hund wird, so lange er es aushält, seine Gefühle unterdrücken und
danach gleich ins Abwehrverhalten übergehen.
Im Umgang mit Hunden hat man immer die Wahl
freundlichem
bzw.
beschwichtigendem
Verhalten.
zwischen drohendem und
Die
Wahl
wird
immer
Auswirkungen auf die Beziehung zu unserem Hund haben.
82
Riepe (2012): 23f. 50 „Wenn Sie eine drohende Haltung einnehmen, muss der Konfliktlöser Hund
versuchen, Sie zu beschwichtigen. Falls das nicht gelingt, wird er versuchen, Sie zu
vertreiben.
Aber
warum
in
aller
Welt
sollten
wir
einem
Hund
drohend
gegenübertreten?“83
83
Rugaas (2001): 22. 51 G. Trainingsansätze zur Überwindung von Leinenaggression
I.
Allgemeines
Sucht man im Internet nach Tipps zum Thema Leinenaggression, so stößt man
auf eine unendliche Zahl an Trainingsanleitungen, Regeln und Weisheiten. Dabei die
Spreu vom Weizen zu trennen, ist oft nicht leicht, zumal man sich mit einem
leinenaggressiven Hund vielfach selbst in einer emotionalen und bedrückenden Lage
befindet. Wenn der Spaziergang zum Spießrutenlauf wird und der Frustpegel bei uns
Menschen und auch bei unserem Hund steigt, so sind viele Halter verleitet, nach
einer schnellen Methode zur Verhaltenskorrektur zu suchen. Auch in den Medien
versprechen
hochumworbene
Hundetrainer
schnelle
Erfolge
bei
Aggressionsproblemen und arbeiten mit Schreckreizen wie Spritzpistolen oder
Wurfketten und anderen aversiven Trainingsmethoden. Die Nebenwirkungen dieser
vermeintlich schnellen Methoden sind aber, wie in Kapitel D.VI beschrieben, groß
und man kann mit diesen Methoden lediglich ein Verhalten abbauen und
unterdrücken, das ändert aber nichts an den Emotionen des Hundes, er kann keine
positiven Emotionen und kein positives Verhalten aufbauen.
Ich fasse hier einige Trainingsansätze zusammen, die dem angeleinten Hund
helfen, Begegnungen mit Hunden positiv zu erleben. Das stärkt nicht nur das
Selbstbewusstsein des Hundes und senkt seinen Stresspegel, sondern der Halter
kann mit positivem Training auch die Beziehung zu seinem Vierbeiner vertiefen und
ein neues Vertrauensverhältnis schaffen.
Die hier zusammengefassten Trainingsansätze erheben keinen Anspruch auf
Vollständigkeit und ich werde keine Trainingsanleitungen geben, sondern lediglich
mögliche Trainingselemente aufzeigen. Zusätzlich muss im Training jeder Hund als
Individuum gesehen werden und das Training auf ihn, seinen Halter und alle
Begleitumstände angepasst werden. Es gibt nicht den einen richtigen Weg sondern
viele Möglichkeiten, das Leben unserer Hunde zu verbessern.
In einem Mehrhundehaushalt entwickeln die Hunde Beziehungen zueinander,
beeinflussen sich gegenseitig und übernehmen manchmal auch Verhaltensweisen
des anderen. So kommt es häufig vor, dass der eine Hund der Gruppe
leinenaggressives Verhalten zeigt und die anderen sich von der hohen Erregung
mitreißen lassen. Im Prinzip ist der Trainingsablauf im Mehrhundehaushalt derselbe
52 wie in einem Haushalt mit nur einem Hund, allerdings sollte man am Anfang mit den
Hunden getrennt trainieren.
II.
Markersignal
Im Kapitel über Lernverhalten habe ich mich schon mit der klassischen
Konditionierung und primären Verstärkern befasst.
„Primäre Verstärker sind alle Dinge, die ein Tier von Natur aus angenehm findet. […]
Dazu gehören zum Beispiel Futter, Wasser, Sozialkontakt, Sex, ein schützender
Unterschlupf und was sonst noch zum Überleben wichtig ist.“84
Ein positiver Verstärker trägt in Verbindung mit einer Handlung dazu bei, die
Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die Handlung wiederholt wird. Im Training
verwenden wir hierzu meistens Futter. In vielen Situationen ist es aber unmöglich,
dem Hund das Futter genau in dem Moment zu geben, in dem er das Verhalten
zeigt, welches wir belohnen wollen. Zur Lösung dieses Problems setzen wir
konditionierte Verstärker, also Markersignale ein. Ist ein Markersignal einmal
konditioniert, so kann man damit das gewünschte Verhalten markieren.85 Das
Markersignal sagt dem Hund nichts anderes als „Gut gemacht!“, das gezeigte
Verhalten war korrekt, du bekommst eine Belohnung. Als Markersignal kann man ein
Zungenschnalzen, einen Clicker oder ein Wort einsetzten.
„Bevor ein Markersignal im Training eingesetzt werden kann, muss seine Bedeutung
gelernt werden ("Click = Belohnung"). Viele Hunde motivieren kleine, weiche
Leckerchen zur Mitarbeit, andere finden ein gemeinsames Spiel mit dem Menschen,
streicheln, rennen oder schnuppern besser. Der Click kündigt eine beliebte
Belohnung an, die der Hund auch als solche empfindet. Das müssen nicht unbedingt
Leckerchen sein!“86
Das Markersignal schafft eine Brücke zwischen Belohnung und Verhalten, darum
wird es auch Brückensignal genannt und ermöglicht es deutlicher mit unserem Hund
zu kommunizieren. Ein Verhalten und seine Konsequenz können vom Hund nur
binnen ca. einer Sekunde verknüpft werden. Das Brückensignal verschafft mehr Zeit,
84
Theby (2012): 14. Pryor (2006): 27. 86
Easy Dogs – Alltagstraining für Familienhunde, http://www.easy-­‐
dogs.net/home/blog/training/claudia_matten/was_hat_es_mit_dem_clickern_auf_sich.html, zugegriffen am 25.07.2015 85
53 um diese Verknüpfung zu schaffen. Zusätzlich löst das Markersignal eine positive
Grundstimmung und eine freudige Erwartung aus, weil es mit vielen für den Hund
wichtigen Sachen wie Futter und Spiel verknüpft ist. Diese positiven Emotionen
wirken den negativen Emotionen einer Aggression entgegen.
Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass sich auch die Einstellung des Besitzers zum
Training mit dem Hund durch das Klicker-Training verändern kann. Der Fokus liegt
auf dem Belohnen von erwünschtem Verhalten und Hundebesitzer sind dadurch
motiviert, vermehrt auf positive Verhaltensweisen des Hundes zu achten, statt sich
auf Negatives zu konzentrieren.
III. Leinenführigkeit
„Die Leine ist mehr als nur eine Verbindung zum Hundehalter. Die Leine des
Hundes ist nicht zum Führen da, sondern zum Sichern und Leiten.“87
Ein an der Leine ziehender Hund ist nicht nur für den an der Leine hängenden
Menschen unangenehm, sondern schadet auch seiner eigenen Gesundheit. Der
empfindliche Halsbereich und der Rücken werden durch den Zug stark beansprucht
und der ganze Körper wird in Mitleidenschaft gezogen.
Durch den Zug an der Leine verändert sich auch die Körpersprache des Hundes.
Der Körperschwerpunkt wird nach vorne verlegt. Wird der Hund an einem Halsband
geführt, wird zusätzlich sein Hals und Kopf durch den Zug aufgerichtet und er wirkt
auf Artgenossen bedrohlich. Auch das starke Atmen und Röcheln, das durch den
Zug an der Leine entsteht, kann von Artgenossen als bedrohlich wahrgenommen
werden und zu Konflikten führen.
Druck erzeugt Gegendruck, das ist auf den Oppositionsreflex zurückzuführen und
Hunde müssen erst lernen, diesen zu überwinden und einem Zug nachzugeben.
Durch die gespannte Leine kann sich eine negative Anspannung aufbauen, die ein
erfolgreiches Training schwer bis unmöglich macht.88
Um beim Leinentraining erfolgreich sein zu können, muss man auch genau
definieren, was eine gute Leinenführigkeit ausmacht. Ziel ist das Gehen an lockerer
Leine. Ein kurzes Anspannen der Leine, weil der Hund etwas beschnuppert, würde
ich aber nicht sofort als mangelnde Leinenführigkeit bezeichnen und als Problem
ansehen. Ich habe meine Hunde im Alltag an 3 Meter langen Leinen und passe die
87
Reichel (2014): 40. Vgl. ebd. 88
54 Leinenlänge der Situation an. Auf einem engen Gehsteig ist es nicht möglich, dem
Hund die volle Leinenlänge zu lassen. Aber sobald es die Situation zulässt, lasse ich
die Leinen lang und ermögliche meinen Hunden dadurch die Umgebung zu
beschnuppern und entspannt mit mir gemeinsam vorwärts zu kommen.
Für das Leinentraining gibt es viele Methoden und fast jeder Trainer macht es ein
bisschen anders. Natürlich ist auch beim Training der Leinenführigkeit jede aversive
Trainingsart abzulehnen. Leinenruck und Erziehungsgeschirre erzeugen Angst und
Verunsicherung und zerstören das Vertrauen zum Menschen.
Eine Methode, welche mir besonders gut gefällt, ist das Leinegehen als
Targetaufgabe. Unter einem Target versteht man im Hundetraining normalerweise
ein Ziel, das der Hund berühren soll, also zum Beispiel das Ende eines Stabes.
Wenn ich das Gehen an lockerer Leine trainieren will, kann ich mir ein Bodentarget
vorstellen, welches sich mit mir mit bewegt und ca. einen Durchmesser von 5 Metern
hat. Der Hund wird belohnt, wenn er in diesen Bereich hinein läuft. Indem man das
Leckerlie beim Belohnen hinter sich wirft, ist die Wahrscheinlichkeit groß dass der
Hund, nachdem er seine Belohnung gefressen hat, gleich wieder in den
Targetbereich läuft und belohnt werden kann. Nach einigen Wiederholungen wird der
Hund langsamer an seinem Besitzer vorbeilaufen, sich neben ihm einbremsen und
genau diese Entschleunigung kann man wieder markern. In weiterer Folge kann man
dann langsam den Targetbereich schrumpfen lassen, bis auf den Bereich, in dem der
Hund an der Leine laufen soll.89
IV. Marker für Blick
Hängt ein Hund springend in der Leine und verbellt einen Artgenossen, ist er meist
kaum ansprechbar. Das Verhalten wird durch viele negative Emotionen wie Wut,
Frust und am häufigsten durch Angst und Verunsicherung ausgelöst. Die Angst eine
Ressource zu verlieren und die Angst um die eigene Sicherheit sind die größten
emotionalen Antriebe einer Aggression. Aber Hunde sind auch frustriert wenn sie
nicht bekommen was sie wollen, zum Beispiel an der Leine einen Artgenossen
begrüßen. Frust lässt ebenfalls aggressives Verhalten wahrscheinlicher werden. Ist
der Hund einmal in einem hohen emotionalen Erregungslevel, hemmt das sein
logisches Denken und er wird nur schwer ein neues, erwünschtes Verhalten lernen
89
Hunde Denken Markertraining, http://markertraining.de/an-­‐lockerer-­‐leine-­‐gehen-­‐als-­‐targetaufgabe/, zugegriffen am 25.07.2015. 55 können. Deshalb ist ein wichtiger Schritt zur Überwindung einer Leinenaggression
diese negativen Emotionen zu mildern und ins Positive zu verändern.
In einer kontrollierten Trainingssituation wählt man die Distanz zum Auslöser, in
der der Hund den Artgenossen zwar wahrnimmt, aber noch nicht auf ihn reagiert.
Wie groß diese Distanz gewählt werden muss, hängt ganz individuell vom Hund ab
und wird von verschiedenen Faktoren wie Tagesverfassung, Ablenkung und
Sympathie des erblickten Artgenossen ständig beeinflusst. So kann ein Hund zum
Beispiel im Training auf einer ruhigen Wiese eine Wohlfühldistanz von 50 Metern zu
einem Artgenossen haben, während derselbe Hund in der Stadt zwischen Autos und
Menschengetümmel möglicherweise schon beim Anblick eines Hundes in 100
Metern Entfernung reagiert.
Der Hund muss sich für ein erfolgreiches Training also in seiner Wohlfühldistanz
zum Auslöser befinden. Wenn der Hund zum Auslöser sieht, wird genau dieses
Verhalten mit dem Markersignal „markiert“ und belohnt. Zusätzlich kann auch jedes
gezeigte Beschwichtigungssignal gelobt werden. Der Hund muss jederzeit die
Möglichkeit haben die Distanz zum Auslöser zu vergrößern, wenn er das möchte.
Das Markersignal
werden
ist für den Hund mit lauter positiven Dingen verknüpft, es
Glückshormone
freigesetzt.
Dieses
positive
Gefühl,
welches
das
konditionierte Markersignal auslöst, färbt für unseren Hund auf den Auslöser ab und
nach vielen Wiederholungen ändert sich die Erwartungshaltung des Hundes.
„Ziel des Trainings ‚Marker für Blick’ ist, dass sich Ihr Hund selbstständig von dem
Auslöser abwenden kann und Kontakt mit Ihnen sucht. Der andere Hund wird zum
Signal, dass sich Ihr Hund Ihnen zuwendet.“90
Auch wenn sich der Hund nach dem Markersignal nicht dem Halter zuwenden
kann, findet eine erste Stimmungsveränderung statt. Freudige Stimmung und Lob
des Halters wirken auf sehr viele Hunde positiv.
Hunde gehen nicht gerne frontal aufeinander zu, sie bevorzugen es sich im Bogen
anzunähern. Das gemeinsame Bogenlaufen mit dem Hund und die damit
verbundene Distanzierung zum Feind kann gerade für ängstliche Hunde eine nicht
zu unterschätzende Belohnung sein. Auch die Art, wie man dem Hund die Belohnung
gibt, kann die Situation für den Hund erleichtern. Die Belohnung weg vom Auslöser
zu geben, nimmt den Hund ein wenig aus der Situation.
90
Reichel (2014): 50. 56 Die oft von Hundehaltern und auch Hundetrainern befürchtete Gefahr, man könne
Aggression und Angst durch Belohnung verstärken, kann man verneinen. Positive
Gefühle können durch weitere positive Dinge noch positiver gemacht werden.
Umgekehrt
können
negative
Gefühle
durch
das
Hinzufügen
von
etwas
Unangenehmen noch negativer gemacht werden. Bestrafe ich also zum Beispiel
einen Hund für Aggression gegen einen Artgenossen, so werden seine Gefühle beim
Anblick eines Artgenossen noch negativer sein.
Man kann sich das auch wie eine mathematische Gleichung vorstellen, addiert
man positive Zahlen miteinander, kommt immer etwas Positives dabei heraus,
addiert man negative Zahlen miteinander, so ist das Ergebnis negativ. Fügt man aber
zu einer negativen Zahl etwas Positives hinzu, so wird das Ergebnis ins Positive
gerückt.
„Aggressionsverhalten kann durch Belohnung nicht verschlimmert werden.“91 Man
kann sich überlegen, wie es uns Menschen gehen würde, wenn wir in einer
furchteinflößenden Situation ein Stück Torte bekämen. Die Torte würde unsere Angst
nicht verschlimmern.
Es gibt auch einige schlaue Hund, die eine Verhaltenskette bilden und verknüpfen,
dass sie immer ein Keks bekommen, wenn sie bellen. Dabei hat sich aber auch ihre
Erwartungshaltung ins Positive geändert, die Motivationsgrundlage hat sich geändert
und der Hund bellt nicht mehr aus Angst. Dem Hund kann jetzt beigebracht werden,
dass das gewünschte Verhalten ist, den Artgenossen ruhig anzusehen.
Nur bei einem Punkt muss man vorsichtig sein, nämlich bei der Wahl der richtigen
Belohnung. Manche gut gemeinten Belohnungen können in beängstigenden
Situationen genau das Gegenteil bewirken und die Angst verstärken. Dies ist dann
der Fall, wenn die Belohnung für den Hund in dem Moment unangenehm, also eine
Strafe ist. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn man einen aufgebrachten Hund
beim Anblick eines anderen Hundes versucht zu beruhigen, indem man ihn
körperlich bedrängt und zum Beispiel streichelt oder umarmt. Die negativen
Emotionen werden durch das zusätzliche negative Gefühl, welches der Besitzer
auslöst, noch verstärkt.92
91
Vgl. ebd. 51. Vgl. ebd. 51. 92
57 V. Zeigen und Benennen
Beim Zeigen und Benennen soll der Hund lernen, dass ein Signal, zum Beispiel
„Hund“, das Auftauchen eines Artgenossen bedeutet. So hat der Halter in
Situationen, in welchen der Hund einen fremden Hund nicht bemerkt hat, die
Möglichkeit, seinen Hund auf die Begegnung vorzubereiten und erspart dem Hund
eine Schrecksekunde, wenn er plötzlich einem Fremden gegenübersteht. „Denn
wenn man weiß, was auf einen zukommt, kann man sich vorbereiten, mental und
körperlich.“93 So beziehen wir uns in die Umwelt unserer Hunde mit ein und
übernehmen eine Führungsrolle.
Hat der Hund verstanden, dass es für den Blick zu einem anderen Hund eine
Belohnung gibt, wird er anfangen andere Hunde anzuzeigen. Das heißt, der Hund
wird, wenn er einen Artgenossen entdeckt, den Blick zum Halter werfen, weil er
gelernt hat, dass der andere Hund eine Belohnung für ihn bedeutet.
Als nächstes wird der Auslöser benannt. Dabei muss man unbedingt darauf
achten, dass der Hund entspannt ist und sich in seiner Wohlfühldistanz zum Auslöser
befindet. Sonst ist die Gefahr groß, das neue Signal mit Aufregung zu verknüpfen.
Das wäre genau das Gegenteil von dem, was man erreichen will. Kann der Hund
schon mindestens 3 Sekunden lang den Auslöser anschauen, ohne sich aufzuregen,
kann man das Signal einführen.
Schaut der Hund zu dem Auslöser, sagt man das Signalwort und danach folgt das
Markersignal und die Belohnung. Schaut der Hund danach gleich noch einmal zum
Auslöser, kann das neue Signal gleich wiederholt werden. Der Hund lernt seine
Aufmerksamkeit zu teilen und stärkt seine Impulskontrolle.
VI. Aufbau eines Alternativverhaltens
Mit den zuvor beschriebenen Trainingsansätzen versucht man die emotionale
Grundlage des Hundes zu verändern und baut teilweise schon erwünschtes
Verhalten auf, zum Beispiel beim Erblicken des Auslösers den Blick von diesem
abzuwenden und sich zum Menschen umzuorientieren. Diese wünschenswerten
Verhaltensweisen sind jedoch oft nicht stark genug, um beim Hund als neue
Strategie abgespeichert zu werden. „Je mehr Strategien unser Hund in einer
93
Vgl. ebd. 52 58 auslösenden Situation lernt, umso größer ist die Chance, dass er eine von uns
gewünschte anwendet.“94
Dabei kann der Aufbau eines Alternativverhaltens helfen. Hierbei bringt man dem
Hund ein Verhalten bei, das er statt dem unerwünschten Verhalten zeigen soll. Als
Alternativverhalten eignen sich alle positiv aufgebauten Verhaltensweisen, die als
funktionaler Verstärker dienen, deeskalieren und entspannen.
Im Falle von Leinenaggression wären mögliche Alternativverhalten zum Beispiel:
•
Handtouch: Beim Handtouch lernt der Hund die Handfläche oder den
Handrücken mit der Nase zu berühren. Alternativ kann man ihm auch ein
Fußtouch beibringen, wobei der Hund mit der Pfote auf den Fuß des
Halters tapst. Mit dem Handtouch kann man dem Hund in angespannten
Situationen eine Aufgabe geben und ihn ablenken, gleichzeitig hat er aber
noch die Möglichkeit den anderen Hund weiterhin wahrzunehmen. Die
Aufmerksamkeit zu teilen und sich nicht nur auf den Auslöser zu fixieren,
hilft dem Hund die Situation besser auszuhalten. Zusätzlich kann man den
Hund mit dem Handtouch wortwörtlich aus der Situation rausführen. Ich
habe meinem eigenen Hund Timo das Touchen meiner Hand beigebracht
und habe dadurch auch die Möglichkeit, ihn an stressigen Situationen
vorbei zu führen, ohne dass er sich voll auf einen zu nahe kommenden
fremden Hund konzentrieren muss. Gerade wenn man in der Stadt
unterwegs ist, bleibt manchmal nicht genug Platz, um in einem für den
Hund angemessenen Abstand auszuweichen. Hinzu kommt, dass vielen
Hundehaltern das Problem der Leinenaggression nicht bekannt ist und sie
dadurch nicht angemessen reagieren oder oft auch nicht die Notwendigkeit
sehen auszuweichen. In solchen Situationen darf Timo im Gehen einen
Handtouch nach dem anderen machen und wir kommen aus brenzligen
Situationen, ohne uns direkt zu konfrontieren.
•
Bogen laufen oder Seite wechseln: Eine weitere Alternative wäre das
Bogen gehen oder die Seite neben dem Besitzer zu wechseln. Bei einer
höflichen Hundebegegnung kommen Hunde im Bogen aufeinander zu, sie
laufen nicht frontal aufeinander zu. Wir Menschen sind es gewöhnt auf
Wegen und Straßen geradeaus zu gehen und bringen unsere Hunde
dadurch manchmal in unangenehme Situationen. Man kann dem Hund die
94
Vgl. ebd. 54. 59 Begegnung mit Artgenossen erleichtern, wenn man ihm beibringt, einen
Bogen zu gehen. Einigen Hunden reicht es auch aus, die Seite neben dem
Besitzer zu wechseln und so den Halter zwischen sich und dem fremden
Hund zu haben, der Seitenwechsel schafft Distanz und ist so wie das
Bogen laufen ein funktionaler Verstärker, also eine Belohnung. Ist der
Grund für die Leinenaggression allerdings Frust, weil der Hund nicht zu
dem anderen Hund hinlaufen darf, ist die Distanzvergrößerung kein
Verstärker, schließlich liegt die Motivation beim Hund ja darin, die Distanz
zu verringern.
•
Nachschnüffeln: Gerade für Hunde, die gerne Kontakt zu fremden Hunden
aufnehmen
möchten,
kann
das
Nachschnüffeln
ein
gutes
Alternativverhalten darstellen, um mit dem anderen Hund so indirekt in
Kontakt zu treten, ohne ihm zu nahe zu kommen. Dabei belohnt man den
Hund für ruhiges Verhalten bei einer Begegnung, in dem man ihn die Spur
des Artgenossen nachschnüffeln lässt.
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten an Alternativverhalten. Dies sind nur drei
Beispiele. Ich habe schon öfter gehört, dass von leinenaggressiven Hunden bei
Begegnungen mit dem Auslöser ein durchgehender Blickkontakt mit dem Menschen
verlangt wird. Der Hund kann dabei den Auslöser nicht mehr wahrnehmen, er kann
sich nicht mehr mit der Situation auseinandersetzten und weiß nicht, was auf ihn
zukommt, weshalb ich diesen Trainingsvorschlag nicht empfehlen würde.
VII. Trainingsvariante im Freilauf
Bei Hunden, deren Leinenaggression dadurch ausgelöst wird, dass sie mit allen
anderen Hunden Kontakt aufnehmen wollen, kann das Training im Freilauf begonnen
werden. Im Freilauf fallen alle das aggressive Verhalten auslösenden Faktoren weg.
Die Hunde haben dabei die Gelegenheit sich kennenzulernen und die Leine wird
immer wieder für kurze Sequenzen eingesetzt und die Hunde danach direkt wieder in
den Freilauf entlassen. Dabei lernt der Hund das Körpergefühl an der Leine mit einer
positiven Situation zu verknüpfen. Im Trainingsverlauf sollte man mit verschiedenen
Hunden üben, die erste Begegnung sollte aber immer im Freilauf stattfinden. Erst
wenn der Hund sehr fortgeschritten im Training ist, kann auch die erste Begegnung
an einer langen Leine stattfinden.
60 „Besonders effektiv ist diese Methode übrigens bei Hunden, die aus Frustration
leinenaggressiv wurden, denn durch die vorherige Begegnung im Freilauf wird Frust
gar nicht erst aufgebaut.“95
VIII. Konditionierte Entspannung
„Erregung und Entspannung sind gegenläufige Prozesse, die im Gehirn entstehen
und gesteuert werden. Beide beeinflussen die Reaktion auf Umweltreize und das
daraus resultierende Verhalten.“96
Umso höher das Erregungsniveau ist, umso heftiger fallen emotionale Reaktionen
wie Aggression aus. Deshalb ist die Beeinflussung des Erregungslevels eine wichtige
Grundlage zur Veränderung von unerwünschtem Verhalten.
In vielen Situationen kann man die konditionierte Entspannung unterstützend
einsetzen um Hunde zu beruhigen und die Erregung zu senken. Emotionen und eine
hohe Erregung hemmen das logische Denken und damit auch die Fähigkeit, Neues
zu lernen.
Das Hormon Oxytocin spielt beim Aufbau der konditionierten Entspannung eine
große Rolle. Das Hormon ist unter anderem für Entspannung und soziale Bindung
verantwortlich und die Ausschüttung im Gehirn kann von außen durch sanfte
Berührungen stimuliert werden. Das macht man sich bei der konditionierten
Entspannung zu Nutze, indem man den Hund in einer sehr entspannten Situation
berührt und streichelt und diese Entspannung mit einem Signalwort, Geruch oder
einem Gegenstand verknüpft.
„Konditionierte Entspannung bedeutet nicht, dass der Hund auf die Seite fällt und
schläft. Es bedeutet, dass sein Erregungsniveau ein wenig absinkt und er dadurch
wieder auf unsere Signale reagieren kann.“97
95
v. Reinhardt (2014): 62. www.easy-­‐dogs.net, Artikel von Dr. Ute Blaschle-­‐Berthold, http://www.easy-­‐
dogs.net/home/blog/training/gastautor/dr_ute_blaschke_berthold/konditionierte_entspannung/entspannung
_grundlagen.html, zugegriffen am 31.07.2015. 97
Vgl. ebd.: http://www.easy-­‐
dogs.net/home/blog/training/gastautor/dr_ute_blaschke_berthold/konditionierte_entspannung/konditionieru
ng_der_entspannung.html, zugegriffen am 31.07.2015, 96
61 IX. Notfalllösungen
Auch wenn man versucht anderen Artgenossen aus dem Weg zu gehen, wird es
doch immer wieder Situationen geben, in welchen man unerwartet und zu knapp auf
einen anderen Hund trifft und nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann. Für solche
Situationen sollte man sich einen Notfallplan zulegen, der dann zum Einsatz kommt,
wenn man mit dem Hund in eine unausweichliche Situation kommt.
„Haben Sie das Training mit Ihrem Hund begonnen, ist es wichtig, dass das
unerwünschte Verhalten Ihres Hundes nicht mehr ausgelöst wird, damit ein Umlernen
effektiv stattfinden kann.“ 98
Die folgenden Notfalllösungen verändern das unerwünschte Verhalten nicht, sie
verschlimmern es aber auch nicht.
•
Die Kehrtwendung: Bei einer Kehrtwendung lernt der Hund auf ein Signal
gemeinsam mit dem Halter einen Richtungswechsel weg vom Auslöser zu
machen.
Das
kann
zum
Beispiel
in
einer
engen
Gasse
ohne
Ausweichmöglichkeiten den einzigen Ausweg darstellen, ohne den Hund in
eine
sehr
unangenehme
Situation
zu
bringen,
die
vermutlich
unerwünschtes Verhalten auslösen würde. Ziel bei der Kehrtwendung ist
es, den Hund möglichst schnell aus der unangenehmen Situation
herauszubekommen. Mit einer Kehrtwendung wird die Distanz zum
Auslöser schnellstmöglich vergrößert und der Blickkontakt zum Auslöser
wird
dadurch
unterbrochen.
Ich
nutze
bei
meinen
Hunden
die
Kehrtwendung oft wenn wir auf der Straße einem Hund begegnen und das
Ausweichen nicht möglich ist. Auch im Training kann man die
Kehrtwendung nützen, wenn man unbeabsichtigt zu nahe zum Auslöser
gekommen ist und der Hund darauf zu reagieren beginnt.
•
Die Futterhand: In Situationen, in welchen man weder Ausweichen noch
Umkehren kann, reiche ich meinen Hunden eine Hand voll Futter und öffne
diese nur soweit, dass sie langsam und Stück für Stück an das Futter
kommen. Diese Notfalllösung soll den Hund von seinem Auslöser ablenken
und beschäftigen. Dabei geht es wirklich lediglich darum, zu verhindern,
dass der Hund unerwünschtes Verhalten zeigt.
98
Reichel (2014): 60. 62 •
Der konditionierte Geschirrgriff dient dem Verhaltensabbruch und der
Umorientierung des Hundes. Der Hund lernt durch den Griff ins Geschirr
eine körperliche Bewegungseinschränkung durch den Menschen zu
akzeptieren
und
später
auch
diesem
nachzugeben,
also
den
Oppositionsreflex zu überwinden.99 Ist die Übung gut aufgebaut, veranlasst
das Signalwort den Hund zu stoppen und sich zu seinem Halter
umzuorientieren und kann so auch ohne Leine oder auf Entfernung
eingesetzt werden. Der Geschirrgriff ist universell einsetzbar und kann zum
Beispiel auch zur Kontrolle von unerwünschtem Jagdverhalten eingesetzt
werden.
X. Maulkorbtraining
Um das Risiko zu minimieren, dass andere Hunde und Menschen durch einen
leinenaggressiven Hund zu Schaden kommen, können Maulkörbe sehr hilfreich sein.
Bei der Wahl des richtigen Maulkorbes ist auf eine gute Passform zu achten (siehe
dazu Kapitel H.VII.). Auch das Tragen eines Maulkorbes sollte geübt und positiv
verknüpft werden. Durch eine schrittweise Gewöhnung an den Maulkorb kann der
Hund lernen, diesen ohne Probleme zu tragen. Bei der Gewöhnung sollte man in
möglichst kleinen Schritten die Anforderungen steigern. Man kann zum Beispiel
damit beginnen, den Hund Leckerlies in einem Umkreis von 20 cm um den Maulkorb
herum am Boden suchen zu lassen und steigert das langsam, bis der Hund freiwillig
seine Nase in den Maulkorb steckt, um an ein Leckerlie zu kommen. Später kann
man etwa auch Leberwurst in den vorderen Teil des Korbes schmieren und so die
Tragezeit langsam ausdehnen. Wenn man das Training ins Freie verlegt, muss man
darauf achten, den Maulkorb in unterschiedlichsten Situationen nur für kurze Zeit
anzulegen. Würde man den Maulkorb nur in für den Hund unangenehmen
Situationen anlegen, so hätte er den Maulkorb schnell mit diesen negativen Gefühlen
verknüpft.
99
www.dogwalker-­‐ausbildung.com, Der Geschirrgriff – Ein universelles Abbruchsignal ,http://dogwalker-­‐
ausbildung.com/der-­‐geschirrgriff-­‐ein-­‐universelles-­‐abbruchsignal/, zugegriffen am 31.07.2015. 63 H. Ausrüstung
I.
Allgemeines
Die passende Ausrüstung ist für ein erfolgreiches Training sehr wichtig. Im Handel
gibt es heute gerade auch im Bezug auf Leinenaggression ein kaum überschaubares
Angebot an Ausrüstungsgegenständen und Trainingshilfsmitteln, auf die ich in
diesem Kapitel gerne etwas genauer eingehen möchte.
II.
Halsband oder Brustgeschirr, eine Glaubensfrage?
Immer wieder kommt es auf Hundeplätzen und in diversen Internetforen zu
hitzigen Diskussionen zum Thema Halsband oder Brustgeschirr und gerade im
Bezug auf Leinenaggression gehen die Meinungen weit auseinander. In vielen
Hundevereinen ist es heute noch Vorschrift den Hund am Halsband zu führen, auf
Prüfungen sind Brustgeschirre verboten. Gerade bei Aggressionsproblemen wird den
Besitzern oft zur Verwendung eines Kettenhalsbandes geraten, mir selbst wurde
sogar einmal von einer Hundetrainerin erklärt, dass die Versicherung im Schadensfall
durch einen aggressiven Hund nicht zahlt, wenn dieser nicht an einem
Kettenhalsband geführt wird.
Das Halsband sitzt an einer sehr empfindlichen Stelle am Hundekörper. Zug auf
der Leine und ruckartige Bewegungen haben Auswirkungen auf Kehlkopf, Luftröhre
und Schilddrüse. Durch eine verringerte Blutzufuhr in den Kopf kann ein erhöhter
Augeninnendruck entstehen und es kommt zu Fehlbelastungen und Verspannungen
in Nacken- und Halsmuskulatur. Gerade ein leinenaggressiver Hund springt oft mit
viel Kraft in die Leine, was sich negativ auf die Gesundheit des Hundes auswirkt und
zusätzlich noch die Gefahr birgt, dass der durch das Halsband verursachte Schmerz
mit den fremden Artgenossen verknüpft wird.100
Das Ziehen am Halsband hat folgende Auswirkungen auf die Gesundheit:
•
Schäden an der Wirbelsäule
•
Traumatisierung der Hals- und Rückenwirbelsäule
•
Schädigung des Bewegungsapparates
100
Hunde Denken Markertraining, http://markertraining.de/halsband-­‐oder-­‐geschirr/, zugegriffen am 12.07.2015. 64 •
Schädigung der Haut- und Fellstruktur
•
Quetschungen am Kehlkopf
•
Schäden an der Luftröhre
•
Schäden an der Lunge
•
Zu hoher Blutdruck
•
Erhöhter Augeninnendruck, was wiederum das Risiko für ein Glaukom
erhöht
•
Bildung von Arthrosen durch Schonhaltung und Fehlbelastungen
Mögliche Konsequenzen für das Verhalten sind:
•
Gesteigerte Aggressionsbereitschaft durch einen durch Stress erhöhten
Cortisolspiegel
•
Veränderte und eingeschränkte Körpersprache
•
Erlernte Hilflosigkeit
•
Durch die Fehlverknüpfung Schmerz und Umwelt kann es zu erhöhten
Angst- und Aggressionsreaktionen kommen
Der Zug am Halsband schränkt den Hund in seiner Körpersprache stark ein und
eine kurz geführte, straffe Leine richten Kopf und Oberkörper des Hundes auf. Dies
lässt
den
Hund
für
seine
Artgenossen
bedrohlicher
aussehen,
was
von
entgegenkommenden Artgenossen leicht Fehlinterpretiert werden kann. Zusätzlich
kann diese körperliche Einschränkung und der Druck im Halsbereich mit dem
entgegenkommenden Hund negativ verknüpft werden. Ein zusätzlicher Leinenruck
durch seine Vertrauensperson lassen den Hund auch die entstandenen Schmerzen
mit dem anderen Hund verknüpfen.
Die Vorteile eines gut sitzenden Brustgeschirrs sind die Schonung des gesamten
Bewegungsapparates, der Wirbelsäule, des Kehlkopfes, der Luftröhre, der Lunge,
der Schilddrüse und der Hautoberfläche. Gleichzeitig ermöglicht ein gut sitzendes
Geschirr dem Hund seine Körpersprache nahezu uneingeschränkt einzusetzen.
„Das Führen am passenden Geschirr ist nach unseren Erkenntnissen die
schonendste Art, den Hund zu sichern. Im Alltag passiert es immer wieder, ob gewollt
oder ungewollt, dass Zug über die Leine auf das Geschirr und damit Kräfte auf den
Hundekörper wirken. Dies lässt sich situationsbedingt oftmals nicht vermeiden. Trägt
65 der Hund in diesen Situationen allerdings ein gut sitzendes Geschirr, minimieren wir
das Risiko, dass er ernsthaft geschädigt wird.“
101
Wie ein zusätzlicher Puffer wirkt dabei eine weiche Unterfütterung, die die Kräfte
abfedert. Breite, gut abgepolsterte Gurte haben dabei einen höheren Tragekomfort
als schmale, ungepolsterte Gurte. Auch alle Ringe, Verschlüsse und Schnallen
sollten abgepolstert sein. Ringe die auf das hervorstehende Brustbein oder die
Dornfortsätze am Rücken drücken, können Schäden hervorrufen, wenn Druck
aufgebaut ist. Man kann sich vorstellen welche Kräfte auf den Hundekörper
einwirken, wenn man unabsichtlich auf die Schleppleine steigt.
III. Die Passform
Eine wissenschaftliche Studie über das Bewegungsverhalten unserer Hunde, die
Jenaer Studie aus dem Jahr 2011102, hat unter anderem ergeben, dass Hunde ihre
Schulterblätter zur Vorwärtsbewegung drehen. Daher sollten weder Schultergelenk
noch Schulterblatt in der Bewegung eingeschränkt oder gehemmt werden. Das
Geschirr muss dem Bewegungsapparat des Hundes ideal angepasst sein, große
Auflageflächen auf den Schulterblättern und Geschirre, die die Schulterfreiheit
einschränken, stellen sich als ungeeignet dar.
Das Material, aus dem das Geschirr gefertigt ist, sollte weich und anschmiegsam
sein. Ein leicht waschbares und schnell trocknendes Material hat sich ebenfalls als
Vorteil erwiesen, vor allem wenn man einen Hund hat, der sich gerne in übel
riechenden Dingen wälzt. Geschirre, die an beiden Seiten leicht zu öffnen sind und
so dem Hund ohne großen Aufwand angezogen werden können, sind Geschirren, in
die erst Pfoten hineingehoben oder durchgezogen werden müssen, auf jeden Fall
vorzuziehen. Die meisten Hunde empfinden derartige körperliche Manipulationen als
unangenehm.
Der Rückensteg sollte breit sein und nicht verrutschen. Der Bauchgurt sollte bei
großen Hunden circa eine Hand breit und bei kleinen ungefähr drei Finger breit hinter
den Achseln liegen, um ein Scheuern in den Achselhöhlen zu vermeiden.
Falls das Geschirr einen Ring vorne an der Brust hat, muss man darauf achten,
dass dieser nicht auf das Brustbein drückt. Das Geschirr sollte auch nicht zu eng
101
Wuff Hundemagazin, http://www.wuff.at/cms/Brustgeschirre-­‐Um.2124.0.html, zugegriffen am 12.07.2015. Universität Jena, http://www.uni-­‐jena.de/Mitteilungen/PM110527_Hundestudie.html, zugegriffen am 12.07.2015. 102
66 verschnallt werden und auf die Wirbelsäule drücken. Zwischen Geschirr und Hund
sollte man noch mit der Hand durchgleiten können.103
IV. Geschirrarten
Es gibt viele verschiedene Geschirrarten mit unterschiedlichen Funktionen. Ich
werde hier die gängigsten vorstellen.
Abb. 9: Norwegergeschirre (Foto: privat)
Norweger- und Sattelgeschirre, die im Prinzip die gleiche Form haben, haben den
Vorteil, dass sie schnell an- und ausgezogen werden können. Zudem werden sie von
manchen Hunden wegen dem fehlenden Steg zwischen den Vorderbeinen besser
toleriert, allerdings verrutscht es dadurch auch leichter. Ein weiterer Nachteil dieser
Geschirrvariante ist, dass die Hunde sich relativ leicht aus dem Geschirr winden
können.
Zusätzlich
bieten
die
meisten
Geschirre
dieser
Art
wenig
Verstellmöglichkeiten und sind daher schwer individuell an den Hund anzupassen.
Der Brustgurt und auch schwere, unflexible Sättel liegen bei vielen Hunden direkt auf
den Schulterblättern und schränken dadurch die Bewegung ein. Unter dem Sattel
kann sich Wärme und auch Feuchtigkeit anstauen und bei längerem Fell bilden sich
Verfilzungen oder die Fellstruktur wird zerstört.104
103
Scholz/v. Rainhardt (2014): 21f. Wuff Hundemagazin, http://www.wuff.at/cms/Brustgeschirre-­‐Umden.2139.0.html, zugegriffen am 12.07.2015. 104
67 Abb. 10: Führgeschirr in T-Form (Foto: privat)
Führ- und Sicherheitsgeschirre gibt es in verschiedenen Ausführungen und
Formen, die häufigste ist die so genannte T-Form, bei der das angezogene Geschirr
von oben betrachtet wie ein „T“ aussieht. Sicherheitsgeschirre unterscheiden sich
von normalen Führgeschirren nur durch einen zusätzlichen Bauchgurt hinter dem
üblichen Bauchgurt, der verhindert, dass Hunde aus dem Geschirr auskommen
können.
Der größte Vorteil dieser Geschirre ist, dass sie von den meisten Hunden ohne
Einschränkung des Bewegungsapparates getragen werden können. Zusätzlich sind
diese Geschirre meist mehrfach verstellbar und so an den Hund individuell
anpassbar.105
V. Die Auswahl der Leine
Auch bei der Auswahl der Leine sollten einige Dinge bedacht werden. Die
meisten, im Handel erhältlichen Leinen sind, meiner Meinung nach, für das Training
mit einem leinenaggressiven Hund zu kurz. Die Leine ist der entscheidende Faktor
bei einer Leinenaggression – ohne Leine hätte der Hund schließlich kein Problem.
Dabei ist wohl das größte Problem, dass sie Druck und Spannung erzeugt, dem
Hund das Gefühl gibt, nicht flüchten zu können und zusätzlich wird die Anspannung
des Besitzers übertragen. Ich verwende, je nach Größe und „Aktionsradius“ des
Hundes, 3 bis 5 Meter lange Leinen. So kann man dem Hund ermöglichen, sich
möglichst frei zu bewegen und eine angespannte Leine zu vermeiden. Die lange
Leine erfordert bei den Haltern oft eine kurze Eingewöhnungszeit, das Aufnehmen
105
Wuff Hundemagazin, http://www.wuff.at/cms/Brustgeschirre-­‐Umden.2139.0.html, zugegriffen am 12.07.2015. 68 und wieder lang lassen der Leine automatisiert sich aber erfahrungsgemäß recht
schnell.
Leinen werden in den unterschiedlichsten Materialien erzeugt. Fettlederleinen
liegen angenehm in der Hand, müssen aber gepflegt werden und saugen sich bei
Regen schnell mit Wasser voll und werden dadurch schwer. Nylon- und
Biothaneleinen (Biothane ist eine mit Gummi überzogene Nylonleine) sind sehr
Pflegeleicht und robust, es gibt sie in unterschiedlichen Breiten und Farben. Beim
Kauf sollte man darauf achten, dass der Leinen-Karabiner der Größe des Hundes
entspricht. Die meisten Leinen sind mit einem recht schweren und großen Karabiner
ausgestattet. Gerade bei kleinen Rassen sollte man auf einen kleinen und leichten
Karabiner achten.
Abb. 11: Leinen in unterschiedlichen Materialien und Längen (Foto: privat)
Ausziehbare Leinen, auch Flexi-Leinen genannt, verwende ich aus folgenden
Gründen nicht: Ein großer Nachteil ist, dass man in Gefahrensituationen die Leine
kaum aufnehmen kann. Während ich mich bei einer langen Leine oder Schleppleine
einfach durch nachgreifen nach vorne arbeiten kann, um bis zu meinem Hund zu
gelangen, hab ich in der selben Situation mit einer Flexileine wenig Möglichkeiten die
Leine zu verkürzen. Auch die Verletzungsgefahr darf nicht unterschätzt werden. Die
dünnen Schnüre und scharfkantigen Bänder von Flexi-Leinen können tiefe Schnitte
und Verbrennungen erzeugen. Fällt der schwere Handgriff aus der Hand, so
reagieren viele Hunde panikartig wenn der laut polternde Handgriff sie „verfolgt“ und
ihnen um die Ohren fliegt. In einer solchen Panik können Hunde nicht mehr logisch
denken und rennen blind vor ihrem „Verfolger“ davon. Ich habe selbst schon so eine
69 Szene beobachtet und man kann nur von Glück reden, dass sich die Leine des
geschockt davon laufenden Hundes um einen Baum gewickelt hat und den Hund
ruckartig ausgebremst hat, da er gerade in blinder Panik auf eine viel befahrene
Straße zugelaufen ist.
VI. Weitere Hilfsmittel
Im Handel sind die unterschiedlichsten Trainingshilfen erhältlich, die eine schnelle
Verbesserung der Probleme, vor allem auch in Bezug auf Leinenaggression,
versprechen und das Internet ist voll mit Trainingsanleitungen.
„In der Regel wird versucht, Stachelhalsband, Reizstromgerät, Kettenwürger, Gentle
Leader, Anti-Bell-Halsband, Klapperbüchse, Leg Leader und Co. mit einer Mischung
aus
Verharmlosung
(‚So
schlimm
ist
das
gar
nicht!’
zum
Beispiel
beim
Reizstromgerät) und unsinnigen Versprechen (‚Nie wieder ziehen, sobald Sie den
Gentle Leader angelegt haben’) anzupreisen. […] Der weitaus größte Teil an
Ausrüstungsgegenständen in der Hundeerziehung zielt darauf ab, dem Hund
Schmerzen zuzufügen oder ihn einzuschüchtern, wenn er nicht so funktioniert, wie
106
Herrchen, Frauchen oder der Trainer sich das vorstellen.“
Das heißt, viele dieser so genannten Hilfsmittel verursachen Schmerzen oder sind
unangenehm.
Hilfsmittel,
die
Schmerzen
zufügen,
ein
Tier
einschüchtern,
erschrecken oder physisch und psychisch unter Druck setzen, sind unbedingt
abzulehnen. Diese Hilfsmittel fallen im österreichischen Tierschutzgesetz unter das
Verbot der Tierquälerei, wo unter anderem folgendes steht:
§5. (1) Es ist verboten, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden
zuzufügen oder es in schwere Angst zu versetzen.
(2) Gegen Abs. 1 verstößt insbesondere, wer
[…]
3. a) Stachelhalsbänder, Korallenhalsbänder und elektrisierende oder chemische
Dressurgeräte verwendet oder
106
Riepe (2012): 65. 70 b) technische Hilfsmittel oder Vorrichtungen verwendet, die darauf abzielen, das
Verhalten eines Tieres durch Härte oder durch Strafreize zu beeinflussen;
107
So sollte man bei jedem Hilfsmittel überlegen wie es wirkt und was es bewirkt.
Auch das Arbeiten über Schreckreize wie Wurfketten oder Schepperdosen und das
Anspritzen mit Wasser ist zu hinterfragen. Für den Hund ist nicht nachvollziehbar
warum und woher der Strafreiz kommt. Er versteht den Zusammenhang nicht und es
entsteht eine Erwartungsunsicherheit, die sich zu einer erlernten Hilflosigkeit
entwickeln kann. Man kann also nicht sagen, dass Reize, die keine Schmerzen
zufügen, harmloser sind als Schmerzreize. Darüber hinaus kann es auch zu den in
Kapitel C.II. erwähnten Fehlverknüpfungen kommen.108
Im Fall einer Leinenaggression kann ein Leinenruck am Kettenhalsband zwar
bewirken, dass der Hund durch den Schmerzreiz kurzfristig aufhört zu bellen, das
unerwünschte Verhalten wird kurzzeitig unterdrückt. Seine Emotionen können
dadurch aber nur verschlechtert, nicht verbessert werden. Die Wahrscheinlichkeit,
dass der Hund zusätzlich den Schmerz mit den fremden Artgenossen verbindet und
in Zukunft noch heftiger reagiert, ist groß. Die Strafen werden härter und eine
Gewaltspirale kann entstehen, in der der Halter Frust loswird und das unerwünschte
Verhalten kurzzeitig unterdrückt wird. Zusätzlich wird dabei die Kommunikation des
Hundes bestraft, was auf längere Sicht dazu führt, dass der Hund verschiedene
Elemente
seines
Ausdrucksverhaltens
nicht
mehr
zeigt
bzw.
Stufen
der
Eskalationsleiter überspringt (siehe Kapitel B.VIII.).
Eine Wurfkette wirkt auf den ersten Blick harmloser, da sie keine unmittelbaren
Schmerzen zufügt, hat über kurz oder lang aber denselben Effekt wie ein Leinenruck.
Die Wurfkette kann zwar bewirken, dass der Hund vor Schreck aufhört zu bellen, wir
verbessern aber seine Emotionen beim Anblick des fremden Artgenossen nicht.
Zusätzlich verliert der Hund das Vertrauen zu seinem Halter und wird verunsichert.
All die erwähnten Hilfsmittel behandeln lediglich die Symptome, nicht aber die
Ursache des Problems.
107
Bundesgesetz über den Schutz der Tiere (Tierschutzgesetz – TSchG), BGBl I, 2004/118 idF 2013/80. Riepe (2012): 65f. 108
71 VII. Maulkorb
Gerade wenn es um das Thema Aggression geht, macht es Sinn, den Hund
schonend an den Maulkorb zu gewöhnen. Bei der Auswahl des richtigen Modells hat
die Passform natürlich oberste Priorität. Der Maulkorb sollte der Kopfform
entsprechen, im Handel gibt es Modelle speziell für lange, kurze, breite und schmale
Schnauzen. Bei der Auswahl der richtigen Größe ist es wichtig zu beachten, dass der
Hund mit Maulkorb ungestört hecheln und Wasser trinken können muss. Das ist auch
der Grund warum Maulschlaufen und eng anliegende Nylonmaulkörbe ungeeignet
sind. Der Hund kann damit nicht hecheln und seine Körpertemperatur regulieren.
Abb. 12: Maulkorb aus Biothane (Foto: privat)
Ein großer Vorteil ist, wenn der Maulkorb so gefertigt ist, dass man leicht
Leckerlies durchstecken kann, um eine Möglichkeit zu haben, den Hund auch mit
Maulkorb zu belohnen. Maulkörbe werden in unterschiedlichen Materialien gefertigt,
die gängigsten sind aus Metall, Plastik, Leder oder Biothane. Wie man einen Hund
schonend an den Maulkorb gewöhnt, ist im Kapitel G.X. beschrieben.
VIII. Aktion „Gelber Hund“
Die Kampagne „Gelber Hund“ wurde für Hunde entwickelt, die mehr Freiraum
brauchen als andere. Den Hunden wird eine gelbe Schleife an das Brustgeschirr
oder die Leine gebunden, diese können andere Hundehalter schon von weitem
sehen und ausweichen. Warum mancher Hund mehr Freiraum braucht, kann
72 verschiedene Gründe haben, zum Beispiel weil er krank ist, sich in Ausbildung
befindet, alt ist oder Angst vor fremden Hunden hat. Die Kampagne startete am 27.
Juni 2012 in Schweden und verbreitet sich vor allem über die Sozialen Medien wie
„facebook“ über die ganze Welt.
Die Homepage der Kampagne lautet www.gulahund.de. Dort findet man unter
anderem auch Downloads für Flyer.
Abb. 13: Aktion „Gelber Hund“, www.gulahund.de
73 I.
Rechtliche Aspekte der Leinenaggression
I.
Allgemeines
Wenn man das Thema Leinenaggression aus rechtlicher Sicht betrachtet, so kann
man dies in verwaltungsrechtlicher, strafrechtlicher und zivilrechtlicher Hinsicht
tun.109 Während es beim Verwaltungs- und Strafrecht darum geht, dass der Staat
unter anderem aus Sicherheitsüberlegungen ein bestimmtes Verhalten vorschreibt
und bei einem Fehlverhalten Strafen vorsieht, geht es beim Zivilrecht um das
Verhältnis zwischen Privatpersonen und um Fragen des Schadenersatzes oder
Schmerzengeldes bei Verletzungen.
II.
Verwaltungsrecht
Vorweg ist zwischen der artgerechten Hundehaltung, bei welcher das Wohl des
Tieres im Mittelpunkt steht, und der sicheren Verwahrung, die den Schutz Dritter zum
Inhalt hat, zu unterscheiden.
Während die artgerechte Haltung ein Thema des Tierschutzes ist und die
Gesetzgebung in diesem Bereich dem Bund zukommt, sind für das Problem der
sicheren Verwahrung die Länder zuständig.
Diesbezüglich möchte ich beispielhaft das Wiener Gesetz über die Haltung von
Tieren (Wiener Tierhaltegesetz)110 hervorheben111 , welches gemäß § 1 Abs 1 „dem
Schutz von Menschen vor Gefahren, die sich aus der Tierhaltung ergeben“ dient. In §
3 Z 1 dieses Gesetzes ist zu lesen, dass Tiere „so zu halten oder zu verwahren
[sind], dass Menschen nicht gefährdet werden“. Diese Bestimmung wird unter
anderem in § 5 konkretisiert. So müssen Hunde an öffentlichen Orten gemäß Absatz
1 entweder Maulkorb tragen oder „so an der Leine geführt werden, dass eine
jederzeitige Beherrschung des Tieres gewährleistet ist.“ Wenn der Hund bissig ist,
muss er gemäß Absatz 3 jedenfalls einen Maulkorb tragen. Als bissig gilt ein Hund
nach § 2 Abs 3 des Gesetzes dann, wenn er „einmal einen Menschen oder einen
Artgenossen gebissen hat oder von dem auf Grund seiner Aggressivität eine Gefahr
109
Vgl. etwa die Übersicht „Hundehaltung in der Gemeinde – Rechtsfragen“ der Gemeinde Göfis, http://www.goefis.at/uploads/media/Hundehaltung_rechtliche_Grundlagen.pdf, zugegriffen am 08.08.2015. 110
LGBl 1987/39 idF 2015/05.
111
Vgl. hierzu den Artikel zur Tierhalterhaftung von Braun auf http://www.rechtsanwaeltin-­‐
braun.at/news/tierhalterhaftung/, zugegriffen am 08.08.2015. 74 für die Sicherheit von Menschen oder anderen Hunden ausgeht“. Wenn die
Leinenaggression des jeweiligen Hundes also sehr stark ausgeprägt ist und er eine
Gefahr für seine Umwelt darstellt, wird man rein rechtlich von einem bissigen Hund
und somit von der Maulkorbpflicht ausgehen müssen. Jedenfalls erscheint bei
Leinenaggression aber eine entsprechend aufmerksame Leinenführung geboten,
was aber auch bei nicht leinenaggressiven Hunden selbstverständlich sein sollte.
Wer gegen die genannten Regeln verstößt, kann mit Geldstrafen bis zu EUR
20.000,-- bestraft werden.
III. Strafrecht
Was das Strafrecht angeht, so sind je nach Sachverhalt verschiedene strafbare
Handlungen
denkbar.
Geht
man
davon
aus,
dass
ein
Hundehalter
mit
leinenaggressivem Hund vorsätzlich handelt, so wäre sogar Mord nicht ganz
ausgeschlossen, da Vorsatz nämlich schon dann vorliegt, wenn man etwas ernstlich
für möglich hält und sich damit abfindet.112 Dass jemand mit einem sehr
leinenaggressiven
Hund
ganz
bewusst
an
der
langen
Leine
durch
eine
Einkaufsstraße spaziert und jemanden tödlich verletzt, wird aber wohl kaum
vorkommen.
Bei
Vorsatzdelikten
Körperverletzungsdelikte
und
wäre
daneben
Sachbeschädigung
an
(Verletzung
verschiedene
eines
anderen
Hundes) zu denken.
Für gewöhnlich wird ein Halter aber wohl nicht vorsätzlich sondern nur fahrlässig
handeln. Fahrlässig handelt, wer gemäß § 6 Abs 1 Strafgesetzbuch (StGB)
„die Sorgfalt außer acht läßt, zu der er nach den Umständen verpflichtet und nach
seinen geistigen und körperlichen Verhältnissen befähigt ist und die ihm zuzumuten
ist, und deshalb nicht erkennt, daß er einen Sachverhalt verwirklichen könne, der
einem gesetzlichen Tatbild entspricht.“ 113
Fahrlässig handelt man vereinfacht gesagt also dann, wenn man sorglos handelt
bzw. die nötige Sorgfalt außer Acht lässt. In diesem Zusammenhang wird man bei
einem leinenaggressiven Hund ohne Maulkorb wohl in einigen Fällen Fahrlässigkeit
annehmen müssen. Das erhöhte Risiko, das von seinem Hund ausgeht, ist dem
112
Perthold-­‐Stoitzner (2014): 40. Bundesgesetz vom 23. Jänner 1974 über die mit gerichtlicher Strafe bedrohten Handlungen, BGBl 1974/60 idF BGBl I 2014/106. 113
75 Halter nämlich bekannt und er muss daher auch entsprechende Sorgfalt an den Tag
legen. Je nach strafbarer Handlung sind bei Fahrlässigkeit Gefängnisstrafen bis zu
zwei Jahren möglich.
IV. Zivilrecht
In
§
1320
Allgemeines
bürgerliches
Gesetzbuch
(ABGB)114
ist
die
Tierhalterhaftung geregelt.115 Grundsätzlich ist wie beim bisher Gesagten auch im
Zivilrecht wichtig, dass ein leinenaggressiver Hund besonders gewissenhaft und
sicher verwahrt wird. Wenn ich mit dem Hund ohne Maulkorb im städtischen Gebiet
unterwegs bin, wo jederzeit Menschen oder andere Hunde um die Ecke biegen
können, werde ich recht schnell schadenersatz- bzw. schmerzengeldpflichtig, wenn
mein Hund einen Menschen oder andere Hunde verletzt. Es gilt: Je größer die
Gefährlichkeit des individuellen Hundes, desto sorgfältiger muss dieser vom Halter
verwahrt bzw. beaufsichtigt werden.
Will man rechtliche Probleme bei einem leinenaggressiven Hunden weitgehend
ausschließen, wird man daher wohl zum Maulkorb greifen müssen. Was man
dadurch aber nicht verhindert kann, sind beispielsweise Schäden, die ein Hund
verursachen kann, wenn er aufgrund seiner Leinenaggression abrupt auf die Straße
springt und es zu einem Unfall kommt. Insgesamt gilt bei leinenaggressiven Hunden
rechtlich also weitgehend dasselbe wie auch faktisch, nämlich erhöhte Vorsicht.
114
Allgemeines bürgerliches Gesetzbuch für die gesammten deutschen Erbländer der Oesterreichischen Monarchie; JGS 1811/946 idF BGBl 2015/35. 115
Vgl. hierzu den Artikel zur Tierhalterhaftung von Braun auf http://www.rechtsanwaeltin-­‐
braun.at/news/tierhalterhaftung/, zugegriffen am 08.08.2015. 76 Literaturverzeichnis
Monographien
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Hallgren, Anders (2013): Stress, Angst und Aggression bei Hunden.
O`Heare, James (2003): Das Aggressionsverhalten des Hundes
O`Heare, James (2009): Die Neuropsychologie des Hundes
Perthold-Stoitzner, Bettina (2014): Einführung in die Rechtswissenschaften und ihre
Methoden. Teil I: Öffentliches Recht
Pryor, Karen (2006): Positiv bestärken – sanft erziehen
Reichel, Sabrina (2014): Leinenrambo
v. Reinhardt, Clarissa (2014): Leinenaggression
Riepe, Thomas (2012): Herz, Hirn, Hund
Rugaas, Turid (2001): Calming Signals. Die Beschwichtigungssignale der Hunde
Schneider, Dorotheé (2005): Die Welt in seinem Kopf
Scholz, Martina/v. Reinhardt, Clarissa (2004): Calming Signals - Workbook
Scholz, Martina/v. Reinhardt, Clarissa (2012): Stress bei Hunden
Theby, Viviane (2012): Verstärker verstehen
Skripten zur Ausbildung zum ganzheitlich orientierten Hundeverhaltenstrainer
beim Verein THL
v. d. Bellen, F. (2014): Stress
Kriegl, Carina (2015): Unerwünschte Copingstrategien des Hundes
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78 Wuff Hundemagazin, http://www.wuff.at/cms/Brustgeschirre-Um.2124.0.html, zuletzt
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Wuff Hundemagazin, http://www.wuff.at/cms/Brustgeschirre-Umden.2139.0.html,
zugegriffen am 12.07.2015
79 Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Grafik übernommen von Reichel, Leinenrambo (2014): 6
Abb. 2: Grafik übernommen vom Skript „Aggressionsverhalten“ von Sabine Neumann
(2014):7 (Quelle: animal Learn)
Abb. 3: Grafik übernommen und adaptiert von Dorit /Feddersen-Petersen,
Ausdrucksverhalten beim Hund (2008): 296
Abb. 4: animal Learn, http://www.animal-learn.de/images/tipps/Eskalationsleiter.pdf,
zugegriffen am 08.08.2015
Abb. 5: Universität Duisburg-Essen, https://www.unidue.de/edit/lp/behavior/skinner.htm, zugegriffen am 08.08.2015
Abb. 6: „General Adaptation Syndrome“ von David G. Myers - Exploring Psychology
7th ed. (Worth) page 398.. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia
Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:General_Adaptation_Syndrome.jpg#/m
edia/File:General_Adaptation_Syndrome.jpg
Abb. 7: „Stressmodell von Richard Lazarus“ von Philipp Guttmann (Diskussion) selbst erstellt. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stressmodell_von_Richard_Lazarus.png#/me
dia/File:Stressmodell_von_Richard_Lazarus.png
Abb. 8: Geometrie des Hundekörpers (Foto: privat)
Abb. 9: Norwegergeschirre (Foto: privat)
Abb. 10: Führgeschirr in T-Form (Foto: privat)
Abb. 11: Leinen in unterschiedlichen Materialien und Längen (Foto: privat)
Abb. 12: Maulkorb aus Biothane (Foto: privat)
Abb. 13: Aktion „Gelber Hund“, www.gulahund.de
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