Morgenandachten im WDR zum

Msgr. Prof. Dr. Peter Schallenberg Paderborn
Kirche in WDR 3-5
10.–15.08.2015
Montag 10. 8. 2015: Adam und Eva
Guten Morgen!
In meiner Wohnung hängt Das Bild eines modernen Künstlers, mit dem vielsagenden
Titel „Adam und Eva besprechen den Sündenfall“. Man sieht zwei spärlich bekleidete
Gestalten, Mann und Frau, offenkundig Adam und Eva, ein Garten im Hintergrund,
den sie verlassen. Hastig, und einander im Gespräch zugewandt. Der Betrachter
fragt sich unwillkürlich: Was bereden die beiden wohl miteinander? Wohin wandern
ihre Gedanken? Und wohin, also in welche ungewisse Zukunft, wandern sie selbst?
Wie malen sie sich ihre Zukunft aus? Und vor allem: Was geschah vor dem Auszug
aus dem Paradies? Werden sie etwas vermissen oder wenigstens etwas Besseres
finden?
Diese und ähnliche Fragen mögen sich nicht nur Adam und Eva gestellt haben, sie
gehören zum Menschen seit altersher dazu. Sie tauchen auf, nicht nur im Buch
Genesis, dem ersten Buch der Bibel. Seit Menschen denken und reden und dies
aufgeschrieben haben geht es um Fragen wie: Was ist der ursprüngliche Anfang des
Menschen? Was ist der Sinn des Menschen und was ist der Sinn seines Lebens?
Irgendwann musste einmal diese Frage gestellt werden, und irgendwann muss jeder
Mensch sich dieser Frage aller Frage stellen: Wozu ist es gut, dass ich da bin?
Anders ausgedrückt: Wird mich jemand vermissen, wenn ich nicht mehr da bin? Die
Antwort der Bibel in der Erzählung vom Paradies ist ganz schlicht und einfach: Ja!
Gott vermisst den Menschen und zwar jeden einzelnen Menschen! Am Anfang
vermisst Gott den Menschen – und deswegen erschafft er den Menschen überhaupt,
und seitdem jeden weiteren Menschen. Und am Ende, nein über das irdische Ende
hinaus, da vermisst Gott den Menschen auch – und deswegen will er den Menschen
auf ewig bei sich haben. Das nennen die Christen Auferstehung und ewiges Leben.
Worin aber zeigt sich, dass Gott den Menschen vermisst – am Anfang wie über das
Ende hinaus? Im Bild vom Paradies lässt sich das beantworten. Das Wort „Paradies“
stammt aus der altpersischen Sprache und meint soviel wie „ummauerter Garten“,
eine lebensspendende Oase in todbringender Wüste. Gemeint ist in der Bildwelt des
Orients: Der Mensch lebt von Wasser und Brot. Aber beschreibt das schon ein
umfassendes Glück? Würde der Mensch sich damit begnügen müssen, dann lebte er
allzu kärglich. Er lebt vielmehr nicht nur vom Brot allein, sondern von jedem Wort der
Liebe und Zuwendung aus dem Mund eines anderen Menschen. Paradies ist nur
denkbar mit Menschen, die sich einander liebend zuwenden. Und weiter gefragt:
Lebt der Mensch letztlich nicht von der Liebe jenes Gottes, der jeden Menschen von
Anbeginn und auf ewig liebt? Aber was hieße das dann für das Leben des
Menschen?
Zuerst und vor allem hieße das, auf keinen Fall und unter gar keinen Umständen
diese grundlegende Liebe Gottes und die Liebe der Mitmenschen zu bezweifeln.
Denn der Zweifel an der Liebe Gottes zu den Menschen drückt sich ja bildlich
gesprochen aus im Griff des Adam nach dem Apfel vom Baum in der Mitte des
Gartens. Dieser Baum bildet ja die Mitte des Gartens und die Mitte des
paradiesischen Lebens. Diese Mitte war und ist das Geschenk der ungeschuldeten
Liebe Gottes zu den Menschen. Die kann man sich nur schenken lassen, aber nicht
ergreifen um sie zu besitzen, wie es der Griff nach dem Apfel durch Adam nahelegt.
Letztlich meint dieser Griff den Zweifel an Liebe und die Verzweiflung der
Lieblosigkeit. Das bildet den Kern dessen, was das Christentum Erbsünde nennt: Im
Erbe des Menschen liegt der verhängnisvolle Zwang zu zweifeln an der Liebe von
Menschen, an der Liebe Gottes. Und ist erst fest gezweifelt, setzt sich die ganze
Spirale der Überlebenskämpfe und Sünden in Gang – jeder gegen jeden! Umgekehrt
heißt das aber: Paradies ist dort, wo Liebe verschenkt und empfangen wird.
Aus Paderborn grüßt Sie Monsignore Peter Schallenberg
Dienstag 11. 8. 2015: Kain und Abel
Guten Morgen!
Wettbewerb belebt nicht nur das Geschäft. Wettbewerb macht auch einsam. Der
erste Wettbewerb wird in der Bibel erzählt von den Brüdern Kain und Abel. Dabei ist
Kain bei Licht besehen ziemlich allein, oder sagten wir besser: Er grübelt in der
Dämmerung und anbrechenden Finsternis seines Herzens allein über der Frage: Wer
hat die Nase vorn, mein Bruder oder ich? Wer ist mehr geliebt von Gott, Abel oder
ich? Oder, wenn das zu fromm ausgedrückt ist: Wer ist mehr wert, wertvoller,
angesehener, ich oder die anderen? Jeder Mensch kennt dieses Grübeln, denn es
gehört zum alltäglichen Überlebenskampf im Karussell der Eitelkeiten und
Bedeutsamkeiten. Ja, unser ganzes Wirtschaftssystem baut darauf auf, und wir
nennen es etwas beschönigend eben „Wettbewerb“ und meinen doch damit den
Kampf um den Kunden. Damit beginnt aber auch aller Krieg unter den Menschen.
Und wo dieser Wettbewerb und diese Wirtschaft nicht reguliert und zivilisiert werden,
da bleibt in der Tat das Ergebnis, das Kain liefert: Er erschlägt Abel. Oder, um es mit
Papst Franziskus zu sagen: Diese Wirtschaft tötet! Zwar brauchen wir den
Wettbewerb der Wirtschaft, um Leistung und Produktivität zu erbringen und zu
verbessern, niemand würde das schlanker Hand nach dem Zusammenbruch des
bankrottierenden Kommunismus leugnen; selbst China führte etwas verschämt den
Kapitalismus ein; und von Nordkorea ist besser zu schweigen. Und dennoch: Wo der
Kampf um den Kunden übergreift zum Lebenskampf um die Mitmenschen und ihrer
Liebe, da wird geht es mörderisch zu. So wie bei Kain und Abel: Am Ende seines
quälenden Grübelns, wer nun eigentlich mehr geliebt sei, Kain oder Abel, und trotz
der rührend hilflosen Ermahnung des hinzutretenden Gottes, erschlägt Kain den
Abel. Jetzt hat die Not des verzweifelten Grübelns ein Ende – aber die Not des
einsamen Überlebens, die beginnt jetzt! Denn die Fragen im Herzen, die Fragen im
Gewissen und die Fragen Gottes bleiben und sie lassen sich nicht totschlagen: Was
hast Du getan? Und es hilft auch nicht die trotzige Gegenfrage des Kain: Bin ich der
Hüter meines Bruders? Altes und Neues Testament geben in unzähligen Bildern und
Geschichten und Belehrungen die eine Antworten, ja in der Tat: Du bist der Hüter
des Menschen, Du als Mensch, wer sonst?
Das sind das Ergebnis und die Lehre aus der uralten Geschichte von Kain und Abel:
Es ist der Mensch in seiner Geschichte, der hier dargestellt und erzählt wird, der
Mensch, der sich zu klein und unbedeutend und unwichtig vorkommt im Vergleich mit
seinen Mitmenschen. Ja sogar mehr: Der Mensch, der Gott in perfider Weise
einspannt in diesen todbringenden Überlebenskampf um Anerkennung: Liebt Gott
nicht die anderen mehr als mich? Bringt er ihnen nicht mehr Glück und
Wohlergehen? Und mancher erschlägt sogar im Eifer des Gefechts nicht nur
gedanklich andere Menschen, sondern auch noch Gott. Bei all diesem Tun
verkrümmt sich der Mensch letztlich in sich selbst, denn wenn er Liebe denkt, denkt
er sogleich auch Hass; wenn er Begehren denkt, denkt er sogleich auch Abneigung;
wenn er Freundschaft denkt, denkt er sogleich auch Feindschaft und Abwendung
und Untreue und Verachtung. Aus dieser Dialektik kommt er selbst nicht heraus. So
gesehen, lässt sich das ganze Alte Testament eigentlich verstehen als der manchmal
rührend hilflos wirkende, manchmal erschreckend grausam anmutende Versuch,
dieses Drama eines sich selbst unverständlich gewordenen Menschen in Geschichte
und Geschichten auszurollen. Kein Mensch kennt und versteht mehr den anderen.
Und bestenfalls bleibt die Frage: Was hast Du getan? Und manchmal auch, und
unbeholfen zögerlich: Was kannst Du wiedergutmachen?
Aus Paderborn grüßt Sie Monsignore Peter Schallenberg
Mittwoch 12. 8. 2015: Jeremia
Guten Morgen!
Viele eindrucksvolle und aufrüttelnde Sätze gibt es in der Bibel, zumal auch im Alten
Testament, das prall gefüllt ist mit Geschichte und Geschichten von Menschen, die
alle eines gemeinsam haben: Sie denken über das menschliche Leben möglichst
nachhaltig nach. Anders formuliert: Sie versuchen Ewigkeit zu denken. Nichts
anderes meint ja Ewigkeit als den Versuch, so nachhaltig wie möglich, bis an die
äußersten Grenzen des Denkens und der Vorstellung zu gehen. Ein einfaches
Beispiel zeigt das schon: Denken Sie bitte jetzt für einen Moment einen viereckigen
Kreis! Aus und vorbei – nicht möglich, beim besten Willen nicht! Also gut, neuer
Versuch: Denken Sie bitte für einen Moment Ewigkeit! Aha – wieder beginnt das
Grübeln und muss scheitern. Wir können uns lediglich ahnungshaft etwas darunter
vorstellen. Auch wenn das Grübeln scheitert, ich mich nur an gedanklich annähern
kann: Es wäre doch zu überprüfen, ob sich etwas änderte für das eigene Leben,
wenn Ewigkeit gedacht wird ohne sie zu ergründen oder zu verstehen? Ich frage
daher noch einmal etwas anders: Wie müsste solche Ewigkeit aussehen, sollte sie
anziehend, verheißungsvoll, wünschenswert sein? Müsste sie nicht von Liebe,
ehrlicher und dauerhafter Liebe erfüllt sein? Und wäre es denkbar, dass die Mitte
jener dauerhaften und unbezweifelbaren Liebe eine ewige Person ist, die wir
Christen Gott nennen? Und die wir versuchen uns vorzustellen? Deren Liebe und
ewige Treue wir versuchen uns auszumalen?
Die Propheten im Alten Testament sind solche Menschen, die über Gott und den
Menschen nachdenken. Jeremia ist einer jener eindrucksvollen Gestalten. Und im
Buch Jeremia, im 20. Kapitel, findet sich ein ungemein berührender und anrührender
Aufschrei: „Du hast mich betrogen, Herr, und ich ließ mich betrügen! Du warst der
Stärkere, Du hast triumphiert! Ich bin zum Gespött geworden, bei Tag und bei
Nacht!“ Der, der so verbittert aufschreit, hat – wie es weiter heißt – keinen Lorbeer
erhalten und keinen Weizen geerntet mit seiner Predigt von Gott und mit seinen
Ermahnungen zu Umkehr und zur Gottesfurcht: Er wird eingekerkert und festgesetzt
und bei lebendigem Leibe unschädlich gemacht. Gott hat ihm nicht geholfen, im
Gegenteil. Angesichts einer solchen Erfahrung formulierte vor vielen Jahren einmal
ein Theologe die Frage: „Macht Gott glücklich?“ Dies ist in der Tat mit guten Gründen
zu bezweifeln. Und rückgebunden an die verschiedenen Figuren in Bibel und
Kirchengeschichte ließe sich konkreter fragen: Waren die Propheten mit ihrem
Glauben an Gott glücklich? War Jesus von Nazareth in den bittersten Stunden der
Täuschung durch Judas und der Enttäuschung durch die geflohenen Jünger
glücklich? Glücklich am Kreuz? War Thomas Morus im Kerker Heinrichs VIII. und war
Maximilian Kolbe in der Todeszelle von Auschwitz glücklich? Wenn wir nur wüssten,
was sie tatsächlich gedacht haben mögen in den letzten Stunden und Minuten vor
dem Tod, dann hätte die Antwort auf die Frage nach dem Glück eine Chance. So
aber wird viel zu schnell geredet vom „lieben Gott“. Ist Gott denn immer lieb und
Glücksgarant angesichts der Tragik des Lebens? Ist er nicht auch widerständig,
unkonventionell, anders, als ich es mir wünsche und vorstelle? Die Erfahrung Gottes
wird auf die Probe gestellt, wenn es nicht glatt geht. Wie ist es, wenn ich Unrecht
erleide von Freunden und geliebten Menschen, bei denen ich ein Recht auf Liebe
und Treue wähnte? Und wenn ich Unrecht erleide von Gott, dem ich alles anvertraut
habe? Schärfer noch erhebt sich die dahinter liegende Frage: Sind alle
Enttäuschungen im Leben eines Menschen überwindbar und unverbittert
durchzustehen? Gibt es nicht Narben, die das Leben und der Glaube an die Liebe
von Gott und Menschen schlagen, die nicht heilen wollen und können? Jedenfalls
nicht hierzulande, in diesem Leben? Ich spreche von Scheitern und meinem
Mißlingen des Lebens. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr wird mir klar:
Der Glaube an Gott ist kein sonniger Sonntagsspaziergang. Aber die Alternative,
ohne Gott zu sein, die wäre für mich noch verheerender.
Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn.
Donnerstag 13. 8. 2015: Der Samariter
Guten Morgen!
Barmherzigkeit ist eines der zentralen Themen in den großen Geschichten die Jesus
erzählt. Papst Franziskus hat diese Tugend immer wieder in seinem Pontifikat betont.
Kein Wunder, dass die Barmherzigkeit auch im Zentrum der Bischofssynode im
Oktober in Rom steht zum Thema der Ehe und Familie. Das deutsche Wort
Barmherzigkeit deutet noch sehr schön an, um was es denn eigentlich geht: Das
Herz, die Mitte, das eigentliche Wesen eines Menschen in den Blick zu nehmen, und
nicht stehen zu bleiben an seinen äußeren Taten, Fehlern, Sünden und
Unzulänglichkeiten. Im Grunde ist der Gedanke einfach und gerade bei Eltern ganz
natürlich zu beobachten: Das Kind wird angeschaut mit den Augen des Herzens,
nicht mit den Kriterien von Leistung und Erfolg. Wenn ein Kind eine kostbare Vase
zerschlägt, sei es unabsichtlich, sei es mit Absicht, bleibt es doch sicher immer und
vollkommen das Kind seiner Eltern, bleibt es sicher in der Liebe der Eltern, ihrer
Zuwendung und Hilfe beim Wiedergutmachen des Schadens und beim Einsehen der
Schuld.
Was in der Familie mehrheitlich sicher als selbstverständlich anzusehen ist, das
kennt im Strafrecht sogar eine Ausformung: wenn Rechtsstaat von Resozialisierung
spricht. Bei der Resozialisierung erhält jeder Mensch jederzeit und bis in die letzte
Minute seines irdischen Lebens hinein jede erdenkliche Hilfe zu Reue und Umkehr
und Einsicht und Besserung. All das ist um schrieben mit Barmherzigkeit. Und die
bildet demnach den innersten Kern des Rechtes, das auf Einsicht und Besserung
setzt, nicht allein auf Sühne und Strafe.
Was Barmherzigkeit konkret bedeuten kann, dass zeigt besonders eindrucksvoll und
besonders wirkmächtig in der Geschichte der Menschheit die Erzählung vom
barmherzigen Samariter im Lukasevangelium: Ein Mensch fällt unter die Räuber,
unter die Wegelagerer des Lebens. Das Wegelagerertum von heute verstehe ich so:
überfallen von Untreue, überfallen von Habsucht oder überfallen von Ehebruch,
überfallen von Neid oder überfallen von Misstrauen, überfallen durch die Ungnade
der Geburt in zerfallenden Staaten oder überfallen durch die Ungunst des Lebens in
zerfallenden Freundschaften. Keinem bleibt sein Lebensschicksal erspart. Jetzt der
rettende Gedanke der Geschichte: Könnte es sein, dass der überfallene Mensch
nicht liegen bleiben muss in der tödlichen Falle seines Schicksals eines zerfallenden
Lebens? Auch wenn zunächst alle vorübergehen und mit den Achseln zucken. Die
Freunde und Nachbarn, auch die Kirche? Könnte es sein, dass jemand vorbei
kommt, der schlicht und einfach denkt: Wer, wenn nicht ich? Der denkt: Wärest Du
selbst unter die Wegelagerer gefallen, wie sehr würdest Du Dir Hilfe wünschen?
Könnte es sein, dass jemand vorbei kommt, der versucht das Herz des Menschen
überfallenen Menschen zu sehen und wiederzuentdecken? Der sich nicht mit Fragen
der Ursachenerforschung begnügt: Wie konnte es so weit kommen? Sondern der
Zukunftserforschung in Angriff nimmt: Wie kann es zum neuen Anfang und zum
neuen Leben kommen? Es müsste ein Mensch sein, der Mut hat, etwas anzupacken;
es müsste ein Mensch sein, der ein Herz hat und auch etwas Zeit; es müsste eben
ein Mensch sein, und nicht einfach nur ein Roboter oder eine fern gelenkte
Maschine, ein anonymes System gar. Es müsste ein Mensch sein, der noch nicht
abgehärtet ist gegen die Wechselfälle des Lebens und noch nicht allzu enttäuscht ist
über die scheinbare Vergeblichkeit des Mitleids. Es müsste einer sein, der einfach
barmherzig ist.
Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn
Freitag 14. 8. 2015: Der verlorene Sohn
Guten Morgen!
Zu den bekanntesten Gleichnissen Jesu zählt das vom verlorenen Sohn. Es ist nach
meinem Verständnis eine überraschende Fortsetzung der Erzählung von Kain und
Abel, diesen beiden Brüdern im Alten Testament, von denen der eine zum Opfer und
der andere zum Mörder wurde. Manchmal wird das Gleichnis vom verlorenen Sohn
auch das Gleichnis vom barmherzigen Vater genannt und lenkt dann den Blick
vielleicht allzu schnell auf die beeindruckend gleichbleibende und dauerhafte Treue
des Vaters, der ganz natürlich als Vater (und als Mutter) das Herz des Sohnes im
Blick hat und deswegen nicht das verschleuderte Geld oder die begangene Sünde
nachrechnet. Man kann aber darüber hinaus auch weitere Knotenpunkte der
Erzählung in den Blick nehmen.
Das ist zunächst der verlorene Sohn. Er war nicht einfach nur verloren, er hatte sich
buchstäblich verloren, weil er den Anker eines geborgenen Zuhauses, die Liebe des
Vaters, die Freundschaft von Menschen verloren hatte. Kurzfristig und trügerisch
eingetauscht gegen käufliche Liebe landet er schließlich bei den Schweinen. Er hat
sein Vermögen verloren. Das deutsche Wort deutet noch an, um was es da geht:
Das Mögen hat er verloren und das Können, das was er vermag: Er hat verloren das
Wissen um freigebige Freundschaft und um nicht berechnende Liebe. Dafür hat er
eingetauscht das sichere Fressen bei den Schweinen – aber es gibt ihm niemand
etwas zu essen. Eigentlich ist der verlorene Sohn tot bei lebendigem Leib; er
überlebt ohne Sinn und Verstand; er hat vergessen, wozu es gut sei, dass er da ist.
Nur der Vater vermisst ihn. Und daran erinnert sich schließlich der verlorene Sohn
wundersamerweise irgendwann und er kehrt zurück zur alten Liebe und zur Wahrheit
des Menschen, der nicht vom Fressen, sondern von der Gabe lebt. Er bricht auf,
kehrt um und geht zurück zu seinem Vater. Und der kommt ihm entgegen, der Vater
sieht ihn von weitem, aber er sieht eigentlich nicht den jetzigen Sohn in der Fremde,
sondern den eigentlichen Sohn, eben die Idee des guten Sohnes, so könnte n wir
man sagen, das Urbild, das Herz, das Innere, das Eigentliche.
Ich bin mir sicher: Jeder Mensch lebt letztlich von der Hoffnung, dass es solch ein
Eigentliches im eigenen Herzen gibt, unzerstörbar und nicht zu zerschreddern durch
die Maßlosigkeiten und Wahnwitzigkeiten eines Menschenlebens, und dass es
immer genug Menschen gibt, die das Eigentliche und unter dem Schutt der
Lebensgeschichte verschüttete Herz erkennen und daran glauben. Wie der Vater im
Gleichnis. Der Vater sah es.
Neben dem verlorenen Sohn gibt es auch noch einen älteren Sohn. Und der ältere
Sohn, der sieht auch nicht das Herz. Das ist ungeheuer erschütternd. Er bleibt
versteinert draußen stehen angesichts der straflosen Rückkehr des jüngeren
Sohnes, das er als himmelschreiendes Unrecht ansieht. Die Rückkehr, die gefeiert
wird, ist ja auch Unrecht, aber liebevolles Unrecht.
Was ist damit gemeint? Gerechtigkeit ist letztlich immer kalt, wenn sie nicht zielt auf
Liebe, aber Liebe ist nicht berechenbar und abrechenbar und nicht in zählbare
Fürsorge zu packen. Natürlich: Es braucht die Gerechtigkeit, unbedingt, wo sie aber
sich begnügt mit der Aufrechnung und Versorgung wird sie unmenschlich und sieht,
wie der ältere Sohn, nicht mehr den eigenen Bruder, sondern nur noch den Sohn des
gemeinsamen Vaters, der doch schon sein Erbe bekommen und verprasst hat. So
weit ist es gekommen, dass der ältere Sohn seinem Bruder die Verwandtschaft
aufkündigt. Moralische gesprochen: Jetzt ist der Ältere bei den Schweinen
angekommen und der Jüngere wiedergefunden.
Die Geschichte endet für mich seltsam beklommen und in fahlem Licht: Hilflos fast
verzweifelnd die Antwort des Vaters an den aufbrausenden älteren Sohn: Aber jetzt
müssen wir uns doch freuen! Umkehr heißt doch Leben! Wie es schließlich ausgeht,
erfahren wir nicht in der Bibel. Aber wie es heutzutage ausgehen könnte, dass
könnte sich im eigenen Leben zeigen: Bin ich in der Lage, über den Schatten der
Gerechtigkeit zu springen und Gnade vor Recht walten zu lassen? Vergebung vor
Rache?
Jeder ist in der Lage die Rolle des älteren oder jüngeren Sohnes im Gleichnis zu
spielen. Aber egal, welche Rolle ich auch spiele: Jeder Mensch ist angewiesen auf
die ausdauernde Barmherzigkeit, die er empfängt.
Monsignore Peter Schallenberg aus Paderborn
Samstag 15. 8. 2015: Maria
Guten Morgen!
Heute ist für katholische Christen das Hochfest „Mariä Himmelfahrt“, ganz korrekt
heißt es: Das Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. In
Süddeutschland und in manchen Ländern Europas ist es sogar staatlicher Feiertag,
also kann es so unwichtig und auch so altbacken und verstaubt gar nicht sein.
Gefeiert wird vordergründig zunächst schlicht der Tod der Gottesmutter, die nach
katholischem Glauben unmittelbar nach dem Tod mit Leib und Seele in den Himmel,
also in die ewige Wirklichkeit Gottes aufgenommen wurde. Das ist natürlich zunächst
ein Bild oder ein Gleichnis: Ausgedrückt werden soll, dass Maria ein solch
einzigartiger Mensch war, dass sie am Ende ihres irdischen Lebens vollkommen
bereit war für die Ewigkeit, vollkommen vorbereitet war für Gott und das ewige
Leben.
Das freilich ist ein Gedanke, der vielleicht etwas fremd ist, aber – davon bin ich
überzeugt – alle Menschen angeht und betrifft: Wenn es um die Aufnahme Mariens
in den Himmel geht, dann heißt das: Nichts im Leben ist umsonst und nichts ist
vergeblich. Es heißt aber auch: Nichts bleibt freilich auch ohne Folgen. Und es gibt
Narben an der Seele und am Leib, und sie erzählen noch nach Jahren von Wunden
und Verletzungen und Misshandlungen. Aber am Ende – und darauf gilt es zu
vertrauen – wird Gott alle Wunden heilen durch ein Übermaß an Liebe. Denn das
heißt ja übersetzt Gott.
Das Fest Mariä Himmelfahrt erinnert aber auch noch an einen zweiten Gedanken,
der elementar zum christlichen Glauben gehört:
Jeder Mensch hat ja seine eigene Geschichte. Die ist auch voller Irrungen und
Wirrungen. Und jeder Mensch hat auch ein Recht auf eine Geschichte von Umwegen
und Abwegen und Irrwegen. Zu dieser Lebensgeschichte gehört auch, dass die
größten Erkenntnisse im Leben sich in kleinen und fast unscheinbaren Momenten
vorbereiten und ankündigen und dass der Mensch Kraft und Zeit und Geduld sich
nehmen muss, dieser Lebensgeschichte nachzugehen. Dazu gehören nicht nur das
Nachdenken sondern auch Gefühle wie Hadern, Zorn, und die Tat der Versöhnung
mit sich selbst, dem Nächsten und Gott.
An Maria kann man das alles sehr schön sehen. Interessanterweise hat auch Martin
Luther es deutlich betont in seiner schönen Auslegung zum „Magnificat“, dem
Lobgesang Mariens: Maria lernt im Laufe ihres Lebens und wächst und entwickelt
sich und ist nicht einfach von Anfang an schon fertig. Gerade das zeigt sich im
Evangelium in den Momenten der Verwunderung oder der Verwirrung oder der
Verblüffung bei Maria; berühmt und eindrucksvoll ist da zum Beispiel ihr Vorwurf an
den zwölfjährigen Jesus im Tempel, den sie mit Joseph zusammen voll Angst drei
Tage vergeblich gesucht hatte: „Kind, wie konntest Du uns das antun?“ Spricht so
nicht eine besorgte Mutter, spricht so nicht ein gefühlsvoller Mensch? Viel, ja sehr
viel, nein alles hat Maria lernen müssen von dem Augenblick an, als sie dem Engel
ihr Ja-Wort zur Menschwerdung Gottes gab.
Wenn Gott in meinem Leben Mensch werden soll und Gestalt gewinnen soll, dann
muss ich bereit sein zu lernen und geduldig zu sein und ich muss um langen Atem
kämpfen und bitten – wie Maria.
Menschen, die sich zugleich auf Gott und auf andere Menschen einlassen und ihnen
vertrauen und Treue und Zuwendung versprechen, denen ist – wie Maria – die
Aufnahme in den Himmel verheißen. Menschen, die vertrauen, dass nichts umsonst
ist, was aus wirklicher Liebe geschieht – ihnen gehört der Himmel.
Davon bin ich überzeugt. Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn.