Blauer Brief Nr.5 - Ultras Gelsenkirchen

Ausgabe 05 / Saison 15/16 • Hertha B.S.C • Auflage: 1.500 / gegen freiwillige Spende
22.10.2015, 19:00 Uhr
FC Schalke 04 - Sparta Prague
Arena Auf Schalke
25.10.2015, 17:30 Uhr
Bor. M´gladbach - FC Schalke 04
Borussia Park
28.10.2015, 20:30 Uhr
FC Schalke 04 - Bor. M´Gladbach
Arena Auf Schalke
31.10.2015, 15:30 Uhr
FC Schalke 04 - FC Ingolstadt 04
Arena Auf Schalke
Fotos: UGE
Herausgeber „Blauer Brief“:
Ultras Gelsenkirchen e.V.
Daimlerstraße 6
45891 Gelsenkirchen
www.ultras-ge.de
[email protected]
V.i.S.d.P.: Zoran Stanisavljevic
Themen in dieser Ausgabe:
Einleitung +++ Rückblick FC Schalke 04 e.V. -PAE Asteras Tripolis +++ Rückblick FC Schalke 04 e.V. - 1.FC Köln
GmbH & Co. KGaA +++ Gegnervorstellung: Sparta Prague +++ Unter Freunden +++ Interview: Vorsänger Teil III
+++ aUsGEholt - jetzt wird´s kritisch! +++ Gedankenaustausch +++ Zurück zu den Wurzeln - Italien +++ Blick
über den Tellerrand: Reisebericht Russland +++ Gemischte Tüte +++
Glückauf Schalker,
wir hoffen, dass ihr die Länderspielpause zum Entspannen genutzt habt und heute wieder alle top motiviert seid,
um unsere Elf bei dem wichtigen Spiel gegen den Verein aus der Hauptstadt lautstark zu unterstützen. Nach dem
mehr als schwachen Auftritt der Nordkurve beim Heimspiel gegen den 1.FC Köln muss heute definitiv wieder
mehr passieren auf den Rängen. Die alte Schlampe aus Berlin sitzt uns mit lediglich zwei Punkten Rückstand
unmittelbar im Nacken und es ist somit umso wichtiger, am heutigen Spieltag auf die Erfolgsspur zurückzufinden
und sich so in der oberen Region der Tabelle festzusetzen.
In den letzten Tagen schaffte es wieder einmal der Fussballweltverband “Fifa” für Schlagzeilen zu sorgen. Die
eigene Ethik-Kommission suspendierte Josef Blatter sowie den UEFA-Chef Michel Platini für 90 Tage aus dem
Amt. Hintergrund sind, die von der schweizer Justiz eingeleiteten, Ermittlungen gegen Blatter. Hierbei geht es
um eine Zahlung der Fifa von zwei Millionen Schweizer Franken an Platini aus dem Jahre 2011, angeblich für
Beratertätigkeiten. Sicherlich ein erster Schritt in die richtige Richtung, allerdings stolpert der Weltverband hierbei
von der Traufe in den Regen. So übernimmt vorerst kommissarisch Issa Hayatou die Position des Präsidenten. Der
Kameruner war allerdings selbst schon in diverse Korruptionsfälle verwickelt. Ob dies nun der Anfang war und
sich tatsächlich nachhaltig etwas ändert, bleibt wohl mehr als unwahrscheinlich, aber zumindest weiß auch die
Öffentlichkeit jetzt, dass die angeblichen Saubermänner doch mehr als genug Dreck am Stecken haben.
So ziemlich jeder Fußballfan in Deutschland sollte außerdem mittlerweile mitbekommen haben, dass wir das
diesjährige Derby boykottieren werden. Die Gründe sind unserer ausführlichen Stellungnahme zu entnehmen,
die vor 13 Tagen auf unserer Homepage erschienen ist. Zahlreiche Fanclubs und Fanorganisationen haben sich
seitdem unserem Aufruf angeschlossen und uns darin bestärkt, dass diese Entscheidung, so schwer sie uns
gefallen ist, unumgänglich war.
Auf den kommenden Seiten findet ihr die Rückblicke zu unseren Heimspielen gegen Tripolis und Köln sowie eine
Vorstellung unseres nächsten Europapokalgegners aus Prag. Gefolgt wird dies von einem ausführlichen Bericht
über einen Besuch bei unseren Brüdern aus Skopje und der aktuellen Situation in Nürnberg und Enschede. In
der “aUsGEholt” Sparte werden nochmals unser Boykott und seine Hintergründe beleuchtet, bevor ihr auf den
dritten Teil des ausführlichen Vorsänger Interviews stoßt. Unter “Gedankenaustausch” könnt ihr die persönliche
Sicht eines unserer Mitglieder zum Thema “Pyrotechnik” lesen, dann folgt schon das nächste Interview in der
Italien Rubrik. Zu guter Letzt informiert euch wie immer die “Gemischte Tüte” über die Geschehnisse rund um
das runde Leder in den letzten Tagen.
Rückblick FC Schalke 04 e. V. - PAE Asteras Tripolis 4:0 (3:0)
Und zum ersten Mal in dieser Saison hieß es: Europapokal-Heimspiel Auf Schalke. Es kam der griechische Vertreter
Asteras Tripolis zum Berger Feld. Eine mehr als nur lösbare Aufgabe für unsere Mannschaft, für die gleichzeitig
der sechste Pflichtspielsieg in Folge winkte. Optimistisch setze ich mich, wie es sich in Münster gehört, auf
meinen Drahtesel Richtung Hauptbahnhof, um mich von dort aus mit dem Zug nach Gelsenkirchen zu begeben.
Dieses Mal alleine, da mein eigentlicher Mitfahrer nicht mitbekommen hat, dass schon um 19 Uhr Anstoß ist,
typisch. Die Anreise fand ohne erwähnenswerte Ereignisse statt und so fand ich mich circa eine Stunde vor
Anpfiff im Block N4 ein. Selten war die Arena eine Stunde vor Spielbeginn so leer, was natürlich vor allem an der
Anstoßzeit lag. Bis zum Spielbeginn fanden dann etwas mehr als 42.000 Zuschauer den Weg ins Stadion, davon
circa 200 Anhänger von Asteras. Der Großteil davon saß außerhalb des Gästeblocks und konnte in dieser kleinen
Anzahl natürlich nicht auf sich aufmerksam machen. Einige wenige Zaunfahnen hingen im Oberrang, von denen
angeblich ein paar den Weg nach Griechenland nicht zurückgefunden haben.
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Die Stimmung in der Nordkurve im ersten
Spielabschnitt war akzeptabel, verflachte im
zweiten Teil aber ein wenig. Im Vergleich zu
manch anderem Europacup Heimspiel in der
Vergangenheit aber durchaus in Ordnung. Das ist
zwar nicht unser Anspruch, betrachtet man aber
die letzten 10 Minuten, kann man damit schon
zufrieden sein.
Leider hatte das Ganze insgesamt etwas
Testspielcharakter, nachdem das Spiel in der
ersten Halbzeit entschieden war. Da halfen auch
die zahlreichen Schwenker, die etwas Leben in
die Nordkurve brachten nichts.
Denn aus sportlicher Sicht ist das Spiel schnell
erzählt. Schalke tat sich in den ersten 20 Minuten
schwer gegen einen tiefstehenden Gegner, ehe
Franco di Santo eine Flanke von Sascha Riether,
eine Ecke von Johannes Geiß und einen Strafstoß
zu einem lupenreinen Hattrick verwertete.
Die zweite Halbzeit plätscherte durch dieses
deutliche Ergebnis vor sich hin, bis der Hunter
nach sehr schöner Vorlage von Sané noch sein
49. Europapokaltor für Schalke schoss.
Nach dem Spiel ging es noch kurz zum Club
75, um von dort mit dem Auto nach Münster
gebracht zu werden.
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Rückblick FC Schalke 04 e. V. - 1. FC Köln GmbH & Co KGaA 0:3 (0:1)
Ein Heimspiel am Sonntag, gutes Wetter und ein attraktiver Gegner mit dem Pack aus der Domstadt. Dazu spielt
unsere Mannschaft seit meinem letzten Bericht wieder Fußball mit Kampf, Herz und Laufbereitschaft.
Bevor ich aber diesen Fußballsonntag für euch hier aufarbeite, muss ich mal etwas loswerden: Es bleibt mir
ein Rätsel, wie man unserer jungen Mannschaft, die sich derzeit den Arsch aufreißt und die Meter auf dem
Platz macht, so dermaßen in den Rücken fallen kann, wie die Schalker, die nach 80 gespielten Minuten einfach
aufstehen und gehen, weil wir halt mal mit 0:3
verlieren. Es zeugt von Respektlosigkeit gegenüber
den Jungs auf dem Rasen. Natürlich ist nicht alles
Gold, was die Jungs fabrizieren, aber den Willen
kann ich wieder erkennen, wenn ich mir unsere Elf
anschaue. Soviel mal dazu.
Der Tag begann jedoch früher mit der Erkenntnis,
dass die geplante Zugfahrt für unsere Region nicht
zustande kommt aufgrund eines Stellwerkbrandes
auf der Strecke. Was man nicht so alles erlebt.
Für uns jedoch kein Hindernis, so machten wir
kurzerhand die Autos voll und es ging auf Rädern
statt auf Schienen nach GE. Der Fantreff war für ein
Sonntagsspiel nur mäßig besucht, was nicht an der fehlenden Versorgung des leiblichen Wohls gelegen haben
kann. Erfreulich hingegen ist, dass unser Projekt “Vorwärts Nordkurve” weiter Fortschritte macht. So können wir
nach diesem Wochenende das erste Mitglied aus Übersee, genauer gesagt aus Nordirland begrüßen. Schön zu
sehen, wie weit unsere Werte reichen.
Auf dem Weg zum Stadion fiel erst einmal die hohe Präsenz der Staatsmacht auf, welche für den heutigen Tag
wieder groß aufgefahren hatte. Sinnvoll oder nicht, dies stellte für uns kein Hindernis dar und so ging es zügig
in das Stadion und in den Block.
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Auf der Gästeseite beflaggten die Domstädter rund um die Wilde Horde, Boyz und Co. zügig die Plexiglasscheibe
und so dauerte es nicht lange bis die ersten Nettigkeiten und Abneigungsbekundungen durch das weite Rund
hallten.
Stimmungstechnisch gab es auf unserer Seite Licht und Schatten. Wenn es gelang das Stadion zum Mitsingen zu
animieren, gab es eine ordentliche Lautstärke, andere Lieder schleppten sich hingegen mehr schlecht als recht
durch das Spiel. Gerade die 2. Hälfte muss man leider teilweise als Komplettausfall bezeichnen: Kein Pfeffer in
den Liedern, sogar phasenweise bloßes dahin Murmeln jener Strophen, die eigentlich mit Schmackes durchs
Stadion hallen sollten und das bei einem Spiel, dass aus Fansicht eines der wichtigsten der Saison ist. Auch ein
Gegentor darf dafür nicht als Argument dienen. Im Gegenteil, es sollte uns noch mehr motivieren, unsere Elf
nach vorne zu schreien. Daher muss man so selbstkritisch sein und zugeben, dass gerade bei solchen Spielen die
Kurve noch viel Luft nach oben hat.
Der Anhang aus dem Rheinland fiel optisch durch eine ordentliche Anzahl an Ziegenböcken auf, welche
den Gästeblock samt Oberrang bevölkerten und ordentlich beflaggten. Dazu gab es einige Schwenker und
Doppelhalter, die dauerhaft im Einsatz waren. Auch wenn die Mitmachquote relativ hoch war, fehlte doch dem
ein oder anderen Lied der Gäste die Durchschlagskraft. Gerade nach dem 0:3 hätte man da wohl mehr erwartet.
Alles in Allem aber einer der besseren Gästeauftritte in unserem Stadion.
Nach dem Abpfiff ging es geschlossen zurück zum Club 75. Natürlich auch hier wieder unter massiver Begleitung
der Staatsmacht, welche uns sogar bis zur Einfahrt begleitete und die Straße abriegelte.
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Gegnervorstellung: Sparta Prag
Der dritte Gegner, der den Schalkern neben APOEL Nikosia und
Asteras Tripolis zugelost wurde, heißt Sparta Prag.
Sparta Prag ist neben dem Stadtrivalen Slavia Prag der populärste und
gleichsam erfolgreichste Club Tschechiens. In der bereits 122-jährigen
Geschichte zählte Sparta, abgesehen von den 1950er bis 1980er
Jahren, durchweg zur tschechoslowakischen Spitze. In den 1920er
Jahren war Sparta Prag einer der besten Fußballclubs Europas. In
den letzten 30 Jahren gewann der Verein 19 Mal die Meisterschaft
(bis 1993 die tschechoslowakische, danach die tschechische) und
war etliche Male in der Champions League vertreten.
Nachdem Sparta, nach einem Unentschieden gegen Asteras Tripolis,
einen 2:0 Sieg gegen APOEL Nikosia feiern konnte, scheint sich
herauszukristallisieren, dass es sich bei dem tschechischen Vertreter nicht
nur um den vom Namen her größten, sondern auch sportlich schwersten
Gruppengegner handelt. Auch wenn Sparta die heimische Liga knapp anführt
und das Spiel gegen Nikosia siegreich gestaltete, kann es auch in diesem
Duell kein anderes Ziel geben als sechs Punkte auf dem Weg zum Gruppensieg. Drei davon werden wir
am 22. Oktober in der heimischen Arena verteidigen, bevor sich nur zwei Wochen später die Königsblauen auf
den Weg machen werden, drei weitere aus der tschechischen Hauptstadt zu entführen.
Erkämpft werden müssen diese im Stadion Letná (offizieller Name richtet sich nach einem Versicherungskonzern),
benannt nach dem Landschaftsteil rund um den Prager Hügel, auf dem sich diese Spielstätte befindet, die etwas
über 20.000 Zuschauer fasst. Ausverkauft ist dieses nur gelegentlich zu großen Spielen, wie den Derbys gegen
Slavia. Zu einem normalen Ligaheimspiel pilgern nur selten mehr als 10.000 Anhänger in das knapp 100 Jahre alte
Stadion, dem man aufgrund etlicher Rekonstruktionsmaßnahmen, die das Stadion ungefähr Platz für 25.000 Leute
kosteten, das hohe Alter nicht ansieht. Seit 1994 ist die Spielstätte ein reines rundum überdachtes Sitzplatzstadion.
Die besten Zeiten hat die tschechische Fankultur bereits hinter sich gelassen. Ähnlich wie bei den Balkanstaaten litt
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der Fußball durch die Zerstückelung der Ligen ungemein. Auf dem Balkan fand dies zwar weitaus drastischer statt, da
sich aus der Tschechoslowakei nur zwei Staaten bildeten, genug jedoch, um das Niveau der Liga und die Attraktivität
der Gegner signifikant zu senken und das Interesse am Sport einzudämmen. Duelle zwischen Slovan Bratislava aus der
heutigen Slowakei und den großen Prager Vereinen waren mitunter ein Zuschauermagnet für mehr als doppelt so viele
Leute wie heutzutage überhaupt noch in das größte aktive Stadion der tschechischen Liga hineinpassen.
Dem Anschein nach werden die reiselustigen Schalker einen Großteil der Hintertortribüne belegen. Schräg gegenüber
vom Gästeblock befindet sich im Oberrang der Bereich der Ultras Sparta. Sparta Prag ist mit Banik Ostrau der Verein mit
der größten Anhängerschaft in Tschechien. Freundschaften werden von den Ultras nicht gepflegt. Als größter Feind zählt
Slavia Prag. Auch der weitere Stadtrivale Bohemians Prag zählt, nicht zuletzt wegen seiner zu gewissen Teilen linken
Anhängerschaft, als großer Feind. Größter Konkurrent auf Hooligan-Ebene ist Banik Ostrau. Eine “klare” Trennung von
Ultras und Hooligans erfolgt in Tschechien ähnlich wenig wie in Polen.
Die Ultras Sparta genießen ihren durchaus guten Ruf auch nicht wegen besonderer atmosphärischer
Höchstleistungen oder ausgefeilten Choreografien - selbst in einem wichtigen Spiel findet man kaum einen
Stimmungskern von mehr als 600 Leuten vor. Vielmehr sind es die Aktionen fernab vom Stadion, mit denen die
Anhänger des blau-gelb-roten Clubs auffallen. Auffallen tut ein Großteil der Anhänger Spartas im Übrigen auch
mit einer fremdenfeindlichen, rechten politischen Gesinnung. In diesem Bereich brachte sich die Szene Spartas
erst vor kurzem erneut ins Gespräch als das Heimspiel gegen APOEL Nikosia boykottiert wurde, weil ein Euro pro
Ticket an Flüchtlinge gespendet werden sollte.
Nachdem unsere Mannschaft die drei Punkte dann eingefahren hat, wird sicherlich der ein oder andere noch
etwas Zeit in der Stadt verbringen wollen. Hier zeigt sich ein komplett konträres Bild zu den anderen beiden
Gruppengegner, denn Prag hat einiges zu bieten.
Prag ist die Hauptstadt Tschechiens und ebenso mit gut 1,2 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt des
Landes. Das bedeutendste Zeitalter hatte die Stadt Prag im 14. Jahrhundert, als sie als Kaisersitz des Heiligen Römischen
Reiches für Karl IV. und seinen Sohn Wenzel IV. diente. Über die Zeit hinweg bis ins 20. Jahrhundert mit dem “Prager
Frühling” und der Samtenen Revolution spielt Prag in etlichen Geschichtsschreibungen eine Rolle.
Der Altstädter Ring mit den angeschlossenen Gassen und der naheliegenden Karlsbrücke sind für jeden, der
etwas für Kultur und Geschichte übrig hat, daher ein absolutes Muss. Auch Freunde der Architekturgeschichte
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werden vollkommen auf ihre Kosten kommen. Da die Prager Innenstadt vom Zweiten Weltkrieg weitestgehend
verschont blieb, sind noch etliche Häuser und Bauten durchweg aus Romantik, Gotik, Barock und Renaissance
vorzufinden.
Sicherlich ist auch die Prager Burg mit dem Veitsdom ein Highlight. Hier befindet sich das weltweit größte
geschlossene Burgareal. Ein “Abzocker-Burgticket” kann man sich aber eigentlich sparen und dennoch
genügend Eindrücke dort sammeln und das Gesparte wesentlich besser in die Köstlichkeiten investieren, die
die tschechische Hauptstadt bietet. Wer auf Fett steht, bekommt schmackhafte Klobasa, wer auf Zucker steht,
bekommt leckere Trdelnik und wer auf Bier steht, bekommt Bier.
Genügend Zutaten für einen gelungenen Europapokalabend mit dem Königsblauen S04!
Unter Freunden
Ultras Nürnberg
Aktuelle Lage:
Das letzte Spiel führte die Nordkurve Nürnberg nach Leipzig. Wie bereits in unserer letzten Ausgabe
angekündigt riefen unsere Freunde zu einer Art Mottotour (Ich bereue diese Liebe nicht-Kampagne) auf, um
den Unterschied zwischen einem durchweg kommerziell ausgerichteten und einem Traditionsverein besonders
deutlich aufzuzeigen. Dies klappte sehr gut und so betrat die Nordkurve Nürnberg geschlossen – singend und
mit wehenden Fahnen – den Gästeblock des Zentralstadions. Des weiteren schmückten zig Fahnen der IbdLnKampagne den gesamten Oberrang. Nach einer katastrophalen ersten Halbzeit lag der Glubb mit 3:0 zurück und
kurz kamen Erinnerungen an den ersten Spieltag auf. In der zweiten Halbzeit kam man zwar noch einmal auf 3:2
an die zusammengekauften Leipziger heran, verlor am Ende jedoch trotzdem verdienterweise.
Vergangenen Sonntag fand in der Frankenhalle die Jahreshauptversammlung des 1. FC Nürnberg e.V. statt.
Die 1.495 anwesenden stimmberechtigten Mitglieder wählten unter anderem vier Aufsichtsräte. Mit Christian
Ehrenberg hat es aus Fansicht ein sehr erfreulicher Name in den Aufsichtsrat geschafft, jedoch mit Günter Koch
und Hanns-Thomas Schamel auch zwei Leute denen die aktive Fanszene des FCN eher skeptisch gegenübersteht.
Komiti
Aktuelle Lage:
Fangen wir mal mit der SEHA-League im Handball an, in der es für den RK Vardar derzeit sehr gut läuft, nachdem
Vardar den HT Tatran mit 39:32 schlug. HT Tatran hat sich in den letzten Jahren zum erfolgreichsten und
stärksten Verein der Slowakei entwickelt und spielt häufig in der Champions League mit. Im letzten Jahrzehnt
stieg der Verein zum Serienmeister seines Landes auf. Auch in der neugegründeten SEHA-Liga gehört Tatran zu
den Spitzenmannschaften. Vardar steht nach diesem erneut starken Auftakt an der Spitze der supranationalen
Liga, zumal dann auch noch das nachfolgende Spiel Spartak Vojput - Vardar mit 27:36 gewonnen wurde.
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Ganz kurzer Schwenk mal auf den Vereinsnamen der Vardar-Handballabteilung: Viele Interessierte unter uns
werden sicherlich die Verwendung „HC Vardar“ im Internet finden, auch die offizielle Internetseite nutzt diesen
Vereinsnamen. Es ist letztendlich die englische Übersetzung vom eigentlichen Vereinsnamen „RK Vardar“. Das
mazedonische Kürzel „RK“ bedeutet „rakometen klub“, was ins Deutsche übersetzt „Handballclub“ bedeutet.
Kommen wir zum Fußball. Dort konnte sich der FK Vardar nicht an der Tabellenspitze festbeißen und steht derzeit
hinter dem albanischen Club Shkendija Tetovo auf dem zweiten Platz. Das Stadtderby gegen Rabotnicki Skopje
gewann Vardar 2:1. Hier war eine größere UGE-Abordnung vor Ort, der Reisebericht folgt weiter unten.
Beim darauffolgende Spiel bei Sileks Kratovo sicherte sich das Team einen 0:3-Auswärtssieg. Damit rangiert der
mazedonische Rekordmeister auch nach dieser Partie auf dem zweiten Tabellenplatz.
Im mazedonischen Pokal wurde der Erzfeind Pelister Bitola mit 4:1 im Hinspiel geschlagen. Circa 100x Komiti war
vor Ort, Ckembari blieb dem Spiel aber fern. Grund dafür waren personalisierte Eintrittskarten bei diesem Spiel,
was die Ultras aus Bitola jedoch boykottierten. Hierzu solltet ihr wissen, dass es seit circa anderthalb Jahren in
Mazedonien ein neues Gesetz gibt, welches der staatlichen Willkür für solche Maßnahmen Tür und Tor offen hält.
Zum ersten Mal trat das Gesetz im Handball beim Spiel RK Vardar gegen HSV Hamburg ein - bei diesem Spiel gab
es urplötzlich keine Ausgabe der Eintrittskarten ohne Personalisierung der jeweiligen Zuschauer. Wohlbemerkt
sollten solche Maßnahmen laut dem mazedonischen Staatsorgan nur bei Risikospielen angewandt werden warum jedoch Vardar gegen Hamburg im Handball ein Risikofaktor birgt, bleibt uns ein Rätsel. Diese Schikane
hat man sich übrigens in Kroatien abgeschaut - dort hat es aber nicht wirklich gefruchtet und wurde wieder
eingestampft.
Komiti solidarisierte sich dann mit Ckembari und kaufte Eintrittskarten für den Erzfeind - die Jungs nahmen es
aber nicht an und blieben lieber zu Hause. Der aufmerksame Leser fragt sich jetzt natürlich, warum Komiti sich mit
seinem Erzfeind solidarisiert - seit dem Derby Pelister - Vardar, bei welchem Goran ein paar seiner Finger verlor,
gab es schon einmal beidseitig die Solidarisierung in Form von diversen Gesten, um dem mazedonischen Staat
auf Augenhöhe zu begegnen. Es wird also kein Kuschelkurs gefahren, sondern nur dann an einen gemeinsamen
Tisch gesetzt, wenn es gegen den Staat beziehungsweise die Polizei geht.
Nur am Rande: In den vergangenen Tagen, genauer gesagt am 25.09.2015, feierte Ckembari seinen 30.
Geburtstag und sieht sich damit als älteste mazedonische Ultra-Gruppe. Dass das Gründungsdatum des
Erzfeindes in der Hauptstadt Skopje sehr umstritten ist, sollte hier erwähnt werden. Unumstritten ist jedoch,
dass Ckembari damals beim Fußball überhaupt nicht präsent gewesen ist, der Schwerpunkt in Bitola wurde
auf die Handball-Mannschaft gelegt, zumal Bitola damals immer unter den besten drei Clubs im Handball in
der jugoslawischen Liga war. Umgekehrt ist es bei unseren Brüdern aus Skopje: Hier liegt der Schwerpunkt des
Fandaseins schon seit Jahrzehnten auf dem Gang ins Fußballstadion.
Reisebericht Skopje
„You have to be full of acceptance“
Das Zitat der Zitate aus 54 Stunden Skopje
Gleich im Anschluss an die Partie in Hamburg machten sich zehn Ultras aus Gelsenkirchen auf die Reise gen
Capital City Skopje.
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So kam es, dass ich um ca. 6:30 Uhr daheim eingesammelt wurde und wir die letzten Kilometer zum Flughafen
im Nachbarland dann gemeinsam zurücklegten.Die angeschlagene Reisegruppe versorgte sich natürlich mit kaltem
Veltins und so kam auch schnell wieder Leben in die müden Knochen.
Die Zeit bis zum Check in verging wie im Flug und die Vorfreude war allen anzumerken. Besonders bei den zwei
Jungfrauen in der Gruppe, für die es der erste Trip zu unseren Brüdern aus Mazedonien war, war diese zu spüren. Der
niederländische Zoll sah sich wohl berufen ein wenig auf die Euphoriebremse zu treten und verwehrte zwei Personen
aus unserer Reisegruppe das Passieren der Zollkontrolle mit der Begründung, sie müssen jeweils eine DNA Probe
abgeben, weil sie mal in den Niederlanden im Knast gesessen hätten und das in Holland normal sei, halt fürs Archiv.
Ein Anwalt wurde natürlich verwehrt und die Frage, was geschehen würde, wenn man die Maßnahme verweigern
würde, wurde lapidar mit „dann kommt ein Arzt und ihr müsst abgeben, verpasst allerdings ganz sicher auch den
Flug“ beantwortet. Weil die Betroffenen nicht den Flug verpassen wollten und die Befürchtung einer Beugehaft bei
mangelnder Kooperation im Raum stand, ließ man die Maßnahme unter Protest über sich ergehen. Diese zog sich
auf Grund „technischer“ Probleme in die Länge und der Flug rückte immer weiter ins Unmögliche, als dann doch
alles ganz schnell ging und wieder Hoffnung aufkeimte. Wurde man zur Durchführung der Maßnahme noch via Auto
zum Präsidium chauffiert, musste der Rückweg mit einem Spurt zurückgelegt werden, wobei festzuhalten ist, dass
die Jugend von heute nix mehr drauf hat, zumindest konditionell nicht. Die Kontrollen passierten wir dann dank
freundlicher Fluggäste recht schnell und so schafften wir es am Ende doch kurz vor Toresschluss noch durch den Zoll.
Auf den Schock war erstmal ein Bier fällig, um runter zu kommen.
Gesprächsstoff, um den Flug kurzweilig zu gestalten war somit ja vorhanden und welch wunder, unser Fahrservice
stand auch schon am Flughafen bereit - Premiere. Halten es die Mazedonier ja sonst nicht mit der Pünktlichkeit.
Mit dem Hostel hatten wir bei dieser Tour auch echt Glück. Es gab Strom und sogar fließendes, heißes Wasser.
Vardar Skopje - Rabotnicki Skopje 2:1 (0:1)
Viel Zeit zum Regenerieren blieb allerdings nicht. Es stand ja das Stadtderby gegen Rabotnicki auf dem Programm
und so ging es umgehend zum Treffpunkt von Komiti Cento, einen kleinen Spielplatz umringt von Plattenbauten.
Bei kaltem Skopsko, Pleskawitza, guten Gesprächen und Schaukeleinlagen vertrieben wir uns die Zeit bis zur
Abfahrt zum Stadion, wo ein weiteres Treffen mit The Club und den Loyal Fans auf dem Programm stand.
Uns war im Vorfeld klar, dass dieses Spiel nicht gerade in den Top Ten der Spiele einzuordnen sein wird, weil
Rabotnicki nach mehreren Auseinandersetzungen mit Vardar keine Fanszene mehr hat. Aber die Fragen unserer
Brüder im Vorfeld, ob wir tatsächlich extra zu diesem Spiel angereist seien, machten uns auch nicht gerade Mut
für die bevorstehenden 90 Minuten.
Im Block angelangt wurden unsere Befürchtungen rasch zur Realität. Es hatten sich wohl so maximal 250 Fans
ins weite Rund der Philip II Arena verlaufen, davon circa 150 Ultras.
Gästefans waren keine anwesend, was insofern erwähnenswert ist, weil Rabatnicki seine Spiele ebenfalls im
Stadion von Vardar austrägt. Die Gründe hierfür hatte ich ja bereits beschrieben.
Die 1,50 Euro Eintritt waren allerdings dennoch gut angelegt. Die heimischen Ultras legten unter diesen
Umständen einen ganz guten Auftritt hin. Schade nur, dass man sich das Spiel aus Mangel an Bierständen
nicht hat schön trinken können. Fußballerische Magerkost stand auf dem Programm und dann kassierte Vardar
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auch noch rasch das 0:1, was aber nach gut 50 Minuten egalisiert wurde. Der Rest ist schnell erzählt. Das
Spiel plätscherte vor sich hin und das Schiedsrichtergespann zeigte aus unerfindlichen Gründen sechs Minuten
Nachspielzeit an. Naja, was soll ich sagen? Es machte den Anschein als ließe der Schiri einfach so lange spielen
bis das 2:1 für Vardar fallen sollte und es fiel dann auch quasi mit dem Schlusspfiff.
Im Anschluss stand eigentlich noch das Handball CL Spiel gegen Szezged aus Ungarn auf dem Programm,
welches von der Atmosphäre sicherlich ein Knaller gewesen wäre, aber auf Grund der FIFA Strafe wegen Pyro
sind die Fronten zwischen Fanszene und Verein verhärtet und mit den Anstoß- bzw. Anwurfzeiten wollte der
Verein ein paar Nadelstiche setzen. Sicherlich ein Eigentor, aber da steckt man halt nicht drin. Wer sich nun fragt
ob der Verein und nicht der Verband die Anstoßzeiten fest legt hat Recht. In Mazedonien kann der Verein die
Anstoßzeit festlegen, deshalb wohl eher wenig zielführend.
An Beschäftigung mangelte es dennoch nicht. Ging am Abend doch das Gedenkturnier für einen vor sieben
Jahren verstorbenen Komita in die zweite Runde. Zu Tode kam Tomo auf der Heimreise nach einem Auswärtsspiel,
weil er sich während der Fahrt auf das Dach eines Zuges stellte und dabei die Oberleitung berührte.
In beinahe romantischer Kulisse, in unmittelbarer Nähe der Vardar, hatten wir bei Fußball, Bier und frisch Gegrilltem eine
gute Zeit. Das gegen Mitternacht ausgetragene Freundschaftsspiel zwischen UGE und Komiti ging im Elfmeterschießen
knapp an die Hausherren. Wobei das erreichen des Elfmeterschießens schon als Geschenk an uns gewertet werden
muss. Nebenbei würfelte unsere Reisegruppe noch aus, wer sich von wem tätowieren lassen muss. Aber dazu später
mehr, ein Termin für ein gemeinsames Erinnerungstattoo stand für den kommenden Tag eh fest.
Im Anschluss ging es dann noch mit einem ganzen Haufen unserer Brüder in eine Gartenlaube auf ein
Zwischenbier, wo das oben genannte Zitat gelebt wurde. Auf den Weg dorthin wurde einem unserer Jungfrauen
klar zu verstehen gegeben was ihn dort erwarten würde: „If you go there, you have to be full of acceptance“
und so war es auch. Es wurde hart gefeiert und die Jüngsten unter uns lauschten gespannt den Berichten über
die sexuellen Erfahrungen der etwas Betagteren unter uns. Zitate hieraus erspare ich mir aus Gründen, die in den
Persönlichkeitsrechten zu suchen sind. Na und weil in Skopje jeder Tag Wochenende ist, ging es noch weiter in
eine Kneipe, wo dann endlich auch die Mazedonische Damenwelt attackiert werden durfte. Dann irgendwann
verlassen mich die Erinnerungen und als ich das nächste mal klar wurde, lag ich im Hostel.
Tag zwei begann im Prinzip wie Tag eins vermutlich endete. Mit Skopsko. Nach einem deftigen Frühstück steuerten
wir das Tattoostudio an, wo sich der Großteil unserer Reisegruppe mit einem kleinen Spruch, der die Freundschaft
zu Skopje verdeutlicht, eine bleibende Erinnerung unter die Haut stach. Nun, als alle durch waren, war es auch
an der Zeit den Wetteinsatz des Vortages einzulösen, Wettschulden sind nunmal Ehrenschulden. Als Motiv wurde
ein kleiner Würfel mit der Verliererzahl gewählt und der stolze Sieger, in diesem Falle ich, schritt voll motiviert
und mit bierberuhigter Hand zu Werke. Der Proband verspürte zwar authentischen Schmerz und blutete wie ein
abgestochenes Schwein, vermutlich bin ich ein klein wenig zu tief unter die Haut gegangen, aber die Farbe sollte
ja auch um jeden Preis drin bleiben und die kleinen Unebenheiten sind sicher nur zu Stande gekommen, weil
sich der Proband nicht ganz ruhig verhielt. Unter keinen Umständen hat dies fachlichen Ursprung oder Gründe,
die mein Talent betreffen.
Am Abend ging es dann zum Finaltag des Gedenkturniers und im Anschluss zum Feiern in einen Park am Stadion.
Hier zeigten sich dann auch die ersten Ausfallerscheinungen, indem einer unserer Jungs einfach mal mehrere
Minuten im Stehen mit erheblicher Schieflage schlief.
Am nächsten Morgen stand dann die Heimreise an, welche ohne besondere Vorkommnisse verlief.
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Alles in allem eine legendäre Reise, die bei allen Beteiligten sicher für immer in Erinnerung bleibt. Unter
anderem wegen der tiefen Einblicke ins Leben auf dem Balkan, dem Spaß, der Kultur und nicht zuletzt wegen
der unbeschreiblichen Gastfreundschaft unserer Brüder aus der Hauptstadt.
Gelsenkirchen - Skopje Brüder für die Ewigkeit!
Einer der dabei war
Vak-P
Aktuelle Lage:
Nichts neues von unseren niederländischen Freunden. Auch das Spiel in Alkmaar wurde deutlich und leider auch
zu Recht mit 3:1 verloren. Twente bleibt somit auf dem drittletzten Tabellenplatz. Am morgigen Sonntag ist das
Team von NEC Nijmegen, derzeit siebter der Eredivisie, zu Gast bei den Tukkern.
Interview: Vorsänger Teil III
Im dritten Teil unseres szeneübergreifenden Vorsänger Interviews dreht sich alles
Liedgut in den Kurven und vorallem ob man Lieder kopieren sollte oder
nicht.
Menne, du sagstest gerade: „Niemand wie wir“. Mich
persönlich würde an der Stelle, aus Vorsänger-Sicht,
interessieren, wie ihr so an euer Liedgut ran geht? Du
sagst ja selber, die Entwicklung mit youtube und so, du
musst im Endeffekt nirgendwo mehr hinfahren, um dir
mehr Eindrücke vor Ort zu holen. Ich sag mal, ihr seid
in eurer Kurve relativ frei, rein theoretisch könntet ihr
als Gruppe zum Beispiel acht-strophige Lieder singen,
das Feinste vom Feinsten rauskloppen. Wie ist da so
eure Philosophie? Wie geht ihr da an die Sache ran
und wo liegt da euer Schwerpunkt?
Also ich glaube, das meiste was wir haben sind vier
Strophen. Wir sind jetzt halt nicht so eine Popband wie
die Dortmunder Handballgruppe oder Fürth, die da
durch den Block tanzen. Um das zu verdeutlichen: Wir
hatten mal ein Spruchband gegen Zwickau: „SNAREVT
Langsam“ Als Anspielung auf ihre Snare.
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um das
Wir sind halt keine
Band. Das heißt, wenn
auch mal fünf Minuten
Ruhe ist, weil das Spiel
scheiße läuft, dann ist es
vielleicht nicht das beste
auf der Welt, aber es
ist halt einfach so. Wir
sind keine Maschinen sondern
wir
machen das aus Liebe und Zuneigung zu unserem
Verein. Deswegen ist es auch nicht unser Ziel, da nen
Wettbewerb zu machen wer am allerhöchsten im Block
springt oder sowas. Wir haben im Liedgut tatsächlich
viele alte Gesänge die schon seit 20 Jahren, 25, oder
eben 30 Jahren gesungen werden und haben die zum
Teil überarbeitet und rhythmischer gemacht. Generell
gehen wir dabei schon einen sehr melodischen Weg.
Wegen dem „Niemand wie wir“: Wir hatten auch mal
vor Jahren so eine Fahne: „Copy kills Ultras“. Die gibt’s
immer noch, aber hängt jetzt nicht mehr ganz so oft.
Gegen Lok oder Jena oder so vielleicht nochmal. Wobei
es aber natürlich auch manchmal eine Fessel ist. Wenn
man jetzt ein gutes Lied hört, zum Beispiel das „Kumpelund Malocherklub“, im eigentlichen von Roter Stern
Belgrad – das ist eines meiner Lieblingslieder von dort
und dann singt ihr das ausgerechnet, obwohl ich es am
liebsten auch singen würde. Ihr habt noch ein anderes
Lied von den Belgradern, da hatte ich schon einen Text
drauf gemacht und dann sehe ich irgendein Video oder
ran oder Sportschau und da singt ihr das schon. Da
denk ich dann: „Zettel zerreißen, weg!“ Wir haben
nun einmal festgelegt, dass wir das nicht machen. Das
ist manchmal ganz schön schwer, aber das geht schon
irgendwie und wir versuchen die Balance zu finden
zwischen so brachialeren, älteren Gesängen und den
rhythmischen Sachen. Oder wir versuchen mal die
älteren Sachen mit mehr Rhythmus zu versetzen, dass
dann die Hopper auf der Haupttribüne mit dem Fuß
mitwippen können.
Menne hat es gerade angesprochen:
Stichpunkt: “Copy kills Ultra”. Da dies
einige Szenen anscheinend anders sehen,
euer Kommentar dazu?
Es ist logisch, dass man als Ultrasgruppe auf andere
Szenen schaut und sich Ideen holt. Vor allem im
Ausland, im Speziellen die italienischen Kurven, aber
Ende der 90er Jahre haben uns auch die Gruppen in
Frankreich inspiriert. Ebenso haben wir uns viele Ideen
auf Reisen durch Südamerika geholt, beispielsweise die
Karawane Cannstatt oder unser bekanntes Lied “Ole
Ola”. Erst letztes Jahr kamen ein paar Jungs mit einer
geilen Melodie von einer Hoppingtour aus Schweden
zurück. Wir haben überlegt, ob und wie man bei uns
etwas daraus machen kann und inzwischen ist es ein
Knaller in unserer Kurve. Trotzdem ist es etwas anderes,
wenn man sich durch die youtube-Kanäle Deutschlands
klickt und einfach Verein A durch Verein B ersetzt. Von
reinem Kopieren halten wir nichts. Kopieren anderer
Kurvenhits ist für uns ein No Go. Wir wollen ein Unikat
sein und keine Kopie. Weder in der Liedauswahl noch in
der Mentalität oder im Stil. Insofern kann man schon
behaupten, dass stupides Kopieren völlig die
Ultrasmentalität verfehlt.
Wir haben uns als Gruppe auch auferlegt, dass wir
keine Lieder aus dem deutschsprachigen Raum
kopieren..
Aber, wenn ich dich mal kurz unterbreche, was ist
denn wenn ihr zum Beispiel bei Nürnberg was hört,
würde das gehen?
Nein. Es gab da auch schon Situationen, wo es Lieder
gab, die bei uns schon in den Startlöchern standen,
dann hat Nürnberg auf einmal ein Lied mit derselben
Melodie rausgehauen und dann ist unsere Idee
verworfen worden. Da sind wir dann halt selber ein
bisschen eitel auch wenn es oftmals sehr bitter ist,
aber wir bleiben auch da unserer Linie treu und
kopieren nichts aus dem deutschsprachigen Raum. Wir
versuchen auch immer die Mischung zwischen altem
und neuem Liedgut zu finden, wobei ich die
Diskussionen, was ist altes und was ist neues Liedgut,
oftmals sehr kurios finde. Ein Lied, welches von uns
stammt, zählt meiner Meinung nach auf gar keinen
Fall zum älteren Liedgut. Auch wenn das Lied vor zehn
Jahren das erste mal gesungen worden ist.
Ich denke, da ist auch einfach das Problem, dass wir
auf Schalke, Basti kann da auch ein Lied von singen,
gerade in der Anfangszeit immer so einen Spagat
finden müssen. Dieses leidige Thema, gerade von
Kutten
beziehungsweise
„normalen“
Fans
vorgeworfen zu bekommen, eine lalala- oder lololoGruppe zu sein, die nur ihre Partylieder singen und
sich selbst feiern. Diese Personen verstehen aber
oftmals nicht mal die Intention hinter den neuen
Liedern und den Texten und was man damit
ausdrücken möchte. Ich denke dieser Konflikt wird
auch definitiv in den nächsten Jahren bestehen, das ist
etwas mit dem wir immer kämpfen müssen. Genauso,
nimmt man jetzt mal den „Mythos vom Schalker
15
Markt“: Als wir damit angefangen haben das Lied zu
singen, hat es in Foren und von anderen Schalkern
Kritik gehagelt, das würde sich niemals durchsetzen,
das ist wieder so ein Ultra Singsang der keinen
Anklang findet. Ich glaube das erste mal beim
Pokalfinale gegen Duisburg, als 25.000 Schalker
dieses Lied inbrünstig gesungen haben und dazu
komplett an der Kordel gedreht sind, zeigte sich, dass
man niemals nie sagen kann. So gehen wir eigentlich
auch an die Sache ran, wir haben da einige Leute, die
sich kontinuierlich mit dem Thema „Neue Lieder“ und
„Neue Melodien“ beschäftigen. Kanne hat gesagt, wir
probieren definitiv keine Lieder aus dem
deutschsprachigen Raum zu kopieren. Wie Menne
schon gesagt hat, sind wir an der einen oder anderen
Stelle dem Belgrader Liedgut verfallen, weil es aber
auch vom Stil her, den die nun mal haben, am besten
zu Schalke passt. In den wenigsten Fällen haben wir
irgendwelche südamerikanischen Sambamelodien, da
wir diese auf Schalke nur mit ganz großen Problemen
irgendwann integrieren können. So eine Mischung aus
melodisch/brachial, etwas einfacher, kommt nun mal
in der Nordkurve aktuell deutlich besser an.
Die Schalker müssen die Lieder halt auch noch mit 2,5
Promille grölen können. Muss ich einfach so sagen,
das bekommt man immer mal wieder aufen Weg zum
Stadion, auf dem Heimweg, am Bierstand oder auch in
den Kneipen mit, wenn man nicht gerade mit der
Gruppe unterwegs ist. Die Schalker geben dann zu 99
Prozent “neuere” Lieder von sich. Lieder, die aus
unseren Händen stammen und den Weg in die Kurve
gefunden haben. Ähnlich ist es bei Testspielen, wo wir
nicht als Gruppe auftreten und dementsprechend kein
organisierter Support stattfindet. Wenn sich dort mal
Schalker zusammen gefunden haben und das ein oder
andere Lied von sich geben, dann sind es auch wieder
die “neueren” Lieder oder aber das bekannte “BVB
Hurensöhne”. Das ist aber auch ein Prozess, der sich in
den letzten Jahren so entwickelt hat.
Dazu hab ich auch ein schönes Beispiel: Ich bin ja noch
einer derjenigen Ultras, die die ganz alte
16
Festzeltatmosphäre bei Sachsen Leipzig mitbekommen
haben. Wir haben am Stadion einen Hartplatz und da
gab es einmal im Jahr ein sogenanntes Kinder- und
Sommerfest. Da gab es ein großes Festzelt, wo unter
anderem die Mannschaft präsentiert wurde. Was da
abging war teilweise so unterirdisch. Da wurden dann
die Nazi-Gesänge über meinen Verein ausgepackt und
lange Haare und Oberlippenbärte wippten im Takt.
Auf jeden Fall hatten wir letztes Jahr am 10. Mai unser
50-jähriges Meisterjubiläum, da gab es zum ersten Mal
seit langer Zeit wieder ein Festzelt. Und da wurden jetzt
unsere Lieder gesungen. Da ist eine Band von einem
Spieler der 2. Mannschaft aufgetreten und die haben
unser 50 Jahre Meister Lied rockig präsentiert, dass
die Leute da einfach nur drauf abgegangen sind. Für
alle, auch für die normalen Fans, war es einfach geil,
dass Bengalen im Festzelt gezündet wurden. Da hat
man dann 60jährige rumpogen sehen. Das ist wirklich
nochmal so ein Moment wo man sagt: „Wir haben es
geschafft“. Wir haben auch wirklich eine nachhaltige
Entwicklung mitgemacht und das ist dann so ähnlich
wie wenn du sagst, dass du am Bahnhof bist und alle
eure Lieder singen. Das ist schon ein gutes Gefühl.
EBOLN:
Ich glaube, das ganze Thema, was wir hier jetzt
debattieren, ist wirklich nur aus einer Sache raus
entstanden. Das hat Menne vorhin schon
angesprochen, das ist diese mediale Geschichte,
einfach das Internet. Ich denke, wenn wir jetzt die Zeit
zurückdrehen könnten und wir nicht 2015 hätten,
sondern, ich sag mal 2001, wo dieses Internet und
youtube und das ganze Problem noch nicht da war.
Wir würden über dieses Thema gar nicht reden. Das
glaube ich wirklich. Dann würden wir wahrscheinlich
auch alle unser Lied singen und es würde uns gar nicht
jucken. Es würde uns gar nicht interessieren, dass die
Schalker ein Lied singen, das sie von uns haben. Wir
würden sagen: „Ey geil, die Schalker singen unser
Lied!“. Dann würden wir nach Frankfurt fahren und
die singen da vielleicht Lieder, wo wir sagen: „Ey, das
singen doch wir, das haben die uns nach gesungen.“.
Die Frankfurter würden sagen, dass es ihnen die
Nürnberger nach singen, das würde aber letztlich auch
niemanden interessieren. Genauso ist auch diese
Debatte „Unsere Lieder“. Ist ja bei uns auch so. Da ist
wieder genau das Problem, dass wir uns halt alle
immer in diesem Internet aufhalten und da
Kommentare lesen, wo drin steht, bei uns ganz
klassisch: „Ihr müsst mehr: „FCN FCN FCN“ und nicht
„allez allez allez“ singen“. Da steht ja immer das
Gleiche, das ist seit 100 Jahren die gleiche
Argumentationskette. Allerdings ist das ja nur ein ganz
kleiner Teil. In Wirklichkeit, wie ihr schon gesagt habt,
werden in den Biersaufkneipen unsere Lieder
gesungen. Das Internet ist überhaupt nicht
repräsentativ. Wenn du es schaffst, individuelle Lieder
zu machen, und das musst du ja heute tun, da wir ja
im Jahre 2015 und nicht 2001 sind. Wir können die
Zeit ja nicht zurückdrehen. Jeder filmt das mit und die
stehen alle in dem Block und finden das geil. Du musst
ja versuchen es irgendwie für dich zu finden. Allerdings
sehe ich das nicht so dogmatisch, ich glaube halt
schon, dass wenn ich jetzt eine Idee für ein Lied habe
und das singe, dann kommt auf der anderen Seite der
Koblenz von uns, angerannt, und sagt: „Das kannst du
doch nicht singen, das singt Chemie seit zwei
Spieltagen“. Dann sag ich zu ihm, dass Chemie das
singen soll, ist mir jetzt auch wurscht. Ich glaube, dass
dieser Mittelweg schwer zu finden ist und dass das
Thema auch wieder so ein hausgemachtes ist. Jeder
kopiert immer vom anderen, das ist alles Kopie und
dann fängst du an, dass wir nicht innerhalb
Deutschlands kopieren, aber Italien ist natürlich okay.
Da frag ich mich: „Wer sind wir denn?“ Wir stehen
jetzt als deutsche Szene, egal welche Größe, ob es
Chemie oder Schalke ist, und wir können uns ja mit
denen vergleichen. Qualitativ und quantitativ kann
man sich ja vergleichen. Warum schauen wir denn
darüber? Wenn du es so dogmatisch machst, darfst du
gar kein Lied covern, weil wir alle Ultras sind.
Man muss es halt wirklich so sehen. Natürlich, ja
jetzt fangen wir wieder an, machen wir Deutschland,
sonst wird es halt auch unmöglich überhaupt Lieder
zu machen. Ich seh es nicht so ernst, ich lach die
auch nicht aus, wenn die das „Allez allez“, was wir
damals in Dortmund angefangen haben, alle singen.
Ich find das eigentlich auch ganz geil, weil ich weiß,
dass ich es gemacht hab. Die meisten wissen ja auch,
dass es von irgendwo anders her kommt. Fragt mich
bitte nicht aus welchem Land. Ich seh es nicht so
schlimm, ich finds geil, wenn du ein Lied hast, aber
du musst auch Massen bewegen und das ist ja auch
immer das Ding. Du musst ja Massen bewegen, da bist
du einfach in Texten und Melodien eingeschränkt. Bei
den großen Kurven musst du halt, wenn du was reißen
willst und nicht in der großen Gruppe mit 1.000 Leuten
da stehen willst, sondern was mit 5.000 bis 6.000
Leuten singen willst, ein bisschen einfacher werden.
Ich wäre da wahrscheinlich etwas popkulturiger in der
Ultrabewegung, ich würde da schon das Cavese singen.
Lustigerweise haben wir das, nicht diese, sondern die
Saison davor, gemacht. Da waren halt drei Leute übelst
besoffen und haben gesagt: „Lass uns das jetzt mal
singen.“ Dann haben wir auf einmal das Cavese Lied,
was eigentlich überhaupt nicht zu uns passt, weil es
eben so viele singen, einfach mal 45 Minuten gesungen.
Damals war einer von Dresden da und der meinte, dass
es das mit Beste war, was er je von uns gesehen hat. Wo
du natürlich recht hast, dass man da – vielleicht ist das
auch so ein deutsches Ding – alles perfekt machen will
und alles besser machen will als alle anderen. Ich bin
aber auch einer der sagt, für mich ist der wirkliche
Ultrastil der der 80er Jahre in Italien.
EBOLN:
Und die haben alle das Gleiche gesungen.
Genau – das ist für mich persönlich auch so ein
schwieriges Ding. Hinzu kommt der Balkan vielleicht
noch. Aber wenn es in Italien ein neues Lied gibt – zum
Beispiel das was die Argentinier letztes Jahr bei der WM
gesungen haben – singt das wirklich jeder. Das hat auch
irgendwann angefangen und in Süditalien singt das
jetzt wirklich jeder Scheiss-Verein und da würde
niemand sagen, dass die keine Mentalität haben. In
Belgrad dasselbe. Da singen die auch zum Teil die
selben Lieder und dann habe ich mich mal mit Leuten
vor Ort unterhalten die dann sagen: „ Yes, we made a
new song....but they copy“. Andersrum das selbe. So
geht das dann wirklich die ganze Zeit.
17
EBOLN:
Das ist ein komplett deutsches Ding.
Eigentlich müsste man da entspannter sein, allerdings
seh ich es ja an mir selber, man ist da zu
perfektionistisch.
EBOLN:
Ja, wenn du die Ressourcen hast und die Leute, die
den Output geben und die Kurve das annimmt. Dann
ist das natürlich perfekt. Aber ich sag halt, gut, wir
haben es in Nürnberg wirklich geschafft einen guten
Weg zu gehen, weil wir ein paar Geisteskranke haben,
die den ganzen Tag nicht anderes machen als mit der
Tusche zu spielen. Ich weiß auch nicht, aber wie du
genau richtig gesagt hast, keiner von uns würde ins
Italien der 80er/90er Jahre gucken, wo jede Kurve 1:1
das Gleiche gesungen hat und sagen, dass das keine
Ultras sind. Griechenland ist das Gleiche, die singen
alle dasselbe, das ist alles das Gleiche. Ich würde, das
heißt jetzt nicht, dass wir das auch machen müssen,
meinen Kopf frei kriegen davon. Ich seh es ja auch bei
unseren Freunden aus Brescia, da kommt ein Haufen
Männer zur Tür rein, saufen Bier und dann geht’s halt
los. Dann machen die irgendwas. Aber die denken ja
gar nicht wirklich darüber nach, das ist so. Ich hab das
schon mal gesagt, das sind so Typen, die denken gar
nicht mehr drüber nach, die sind einfach wie sie sind,
halt das was sie waren und die singen dann irgendwas.
Da kommt keiner und fragt: “Warum singen wir jetzt
eigentlich das Lied?”. Die singen halt irgendwas,
vollkommen wurscht. So muss das natürlich auch nicht
sein. Als bei uns der Julius und Oberst noch auf dem
Zaun waren, war ich mal krankgeschrieben und konnte
nicht selber hoch, da packt der Julius eine Liste aus wo
die Lieder drauf standen. Das habt ihr auch, oder?
Natürlich nicht.
18
EBOLN:
Und dann saß der da so: “Ja, das haben wir schon, das
schon, und das... jo, das ist gut” und steckt seinen
Zettel wieder ein. Ich wäre fast hoch gesprungen, hab
gesagt ihr seid doch nicht ganz dicht im Kopf! Weil das
so nicht funktioniert. Ich glaub halt einfach, dass du
halt Lieder und diese Stimmungen und diese
Emotionen nur transportierst, wenn sie halt von dir
kommen und du kannst das auch nicht planen. Auch
dieses Lieder erfinden und so, das ist ein Teil vom
Planen und das hemmt das ein. Ich hab lieber eine
Kurve mit 15.000 Leuten die “Cavese” singen und alle
singen mit, haben ihren Spaß daran. Es geht ja ganz
effektiv auch innerhalb der Kurve auch um Spaß. Wir
sind ja nicht in Polen, wo der Capo sagt: “Wer jetzt
nicht mitsingt kriegt sofort auf die Fresse.” Das ist ja
nicht durchzusetzen halt.
Wobei das machmal gut wäre.
EBOLN:
Ja, natürlich wäre das manchmal gut. Aber das geht ja
nicht. Wir können auch noch das Thema anschneiden,
dass wir von vielen Leuten mittlerweile als Entertainer
gesehen werden.
Also, ich kann mich noch an ein Spiel vom FCN in
Gladbach erinnern, da hast du den Gürtel
geschwungen und hast gesagt “Wer jetzt nicht
mitsingt, den prügle ich aus dem Block.”
EBOLN:
Ja, aber du weißt was ich meine. Du musst den Leuten
auch den Spaß vermitteln. Und wenn die Leute bei
Cavese mehr Spaß haben als bei einem Achtstrophigen Lied sollen sie das singen. Das gibt mir
persönlich mehr. Aber das ist ein philosophischer
Streit, den ich auch mit meinen Leuten führe und
dabei auch definitiv in der Unterzahl bin. In deren Welt
ist das auch richtig. Allerdings bin ich der Meinung,
dass auf lange Sicht meine Idee besser funktioniert
und wenn ich oben stehe ärgere ich sie auch
manchmal, weil ich dann genau die Lieder auspacke.
Also Cavese nicht mehr. Der Koblenz wollte das nicht,
da habe ich das mal bei einem Spiel angestimmt, um
ihn zu ärgern und die komplette Kurve ist auf das Lied
ausgerastet. Da kam er angerannt und war richtig
sauer auf mich. Da musste ich mich bei ihm
entschuldigen und versprechen, dass ich das nie
wieder mache. Da habe ich ein paar Minuten
gebraucht, um zu realisieren, dass er das wirklich ernst
meinte und richtig sauer auf mich war.
Aber das kenne ich bei uns auch. Kennt ihr das
Holländer Lied? Bei uns gab es da auch mal so einen
Moment. Das war die Abstiegssaison aus der
Regionalliga 03/04, in der wir im Zentralstadion
gespielt haben. Als wir das Lied gesungen haben
waren wir kurzzeitig dann nur noch 15 Leute bis auf
einmal die letzten 3.000 - 4.000 Zuschauer, die noch
da waren, alle mitgesungen haben – bis 45 Minuten
nach Abpfiff. Das Lied wurde dann die letzten drei
oder vier Spiele bis wir endgültig abgestiegen sind
nochmal mega ausgeschlachtet. Und ich hasse dieses
Lied, ich hasse das richtig und es gibt immer ein, zwei
Leute, die mich ärgern, wenn wir bei Spielen bei denen
eh alles egal ist richtige Oldschool Lieder raushauen,
fordern die dieses Lied. Dann stimmen es drei Leute an
und ich schaue böse. Aber ich habe da den
Perfektionismus in mir, der dann sagt: Hört auf mit der
Scheiße, wir haben eine Millionen richtig gute Lieder,
warum sollen wir das Lied dann singen? Auch wenn
ich deine Gedankengänge sehr gut nachvollziehen
kann und alle außer mir das Lied abfeiern würden.
EBOLN:
Ja, ich denk auch da hat halt jeder Recht und jeder
Unrecht. Ich glaub, dass das auch alle relativ richtig
machen, der Weg führt da schon irgendwo in das
gesunde Mittelmaß.
Wobei ich jetzt auch sagen muss, damit mache ich
mir wahrscheinlich Freunde, dass mir bei Dortmund
schlecht wird. Die haben mit dem einen Lied vom
Supergirl auch mal eins raus geballert, was ein
schönes Ding war. Aber sonst könnte ich auch alle
Lieder von Frankfurt und St. Pauli nehmen und
vielleicht noch eins von Nürnberg oder so und damit
hätte ich dir das Dortmunder Liedgut zusammen
gestellt. Das kann halt auch nicht der Weisheit letzter
Schluss sein. Wenn zum Teil wirklich, und das ist das
was ich den Leuten vorwerfen, die nicht nur die
Melodie kopieren, was auch schon nicht cool ist,
sondern zum Teil nur den Vereinsnamen ändern und
vielleicht noch drei Endungen anpassen. Da sag ich
halt: Fickt euch, das ist für mich nicht Ultras. Weil
Kreativität ist nun mal ein großer Teil dieser
Bewegung. Ich finde man verwässert diese wenn
alles einfach austauschbar ist.
EBOLN:
Ja ich glaube auch, dass jede Szene irgendwie seine
paar Lieder haben muss, die halt signifikant für diese
Szene stehen. So ein Alleinstellungsmerkmal, das
deren Lied ist. Das ist schon wichtig für die
Identifikation. Nimm bei uns den „kleinen Bub“, ich
wüsste nicht, wo es sowas in der Art nochmal gibt.
Aber wie gesagt, so dogmatisch braucht man es
nicht sehen. Zum Thema Lieder, bei denen man der
Meinung war, dass sie Scheiße sind muss ich
folgendes erzählen: Da kam der Koblenz zu mir und
hat gesagt, dass wir ein Lied irgendwie mit „Liebe
Glaube Leidenschaft, unser ganzes Leben haben wir
dir schon vermacht“ singen sollen. Ich dachte er will
mich verarschen, aber er wollte das singen. Ich hätte
1.000 Euro auf den Tisch gelegt und gewettet, dass
die uns von da oben runter prügeln, weil das gar
nicht geht. Meiner Meinung nach funktioniert das
heute auch nicht. Das kannst du gar nicht singen, da
es total merkwürdig ist. Was ist das den für ein Text:
Unser ganzes Leben haben wir dir schon vermacht?
Das sagt doch so kein Mensch. Alle flippen dabei
aber voll aus und drehen durch und ich steh da und
frag mich, ob die alle blöd sind. Und dann gibt es
wiederum andere Lieder, die man heute auch nicht
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mehr singen kann. Aber dieses Götterfunken Lied
„Oh du großer FC Nürnberg“ habe ich ja schon vor
zehn Jahren gedichtet und ich glaube das hat dann
auch St. Pauli irgendwann gesungen und dann war
das halt raus und wurde bei uns nicht mehr
gesungen. Ich dachte das wird ein Jahrhundert-Hit.
Ich habe das nie verstanden, warum wir das nicht auf
die Reihe bekommen haben.
Das ist ähnlich wie bei uns, wenn wir uns
zusammengesetzt haben und alle Feuer und Flamme
für ein neues Lied waren. Nachdem wir dann
angefangen haben das Lied zu singen denken wir
uns nach wenigen Durchgängen, dass wir das gleich
wieder eintüten und vergessen können. Dann sind
wir natürlich mit der Zeit und mit den Jahren dahin
gekommen, dass wir ein Lied nicht direkt
einstampfen, wenn es beim ersten mal Singen im
Stadion nicht geklappt und kein oder kaum Anklang
gefunden hat. Die Erfahrung hat halt auch gezeigt,
wie Dennis bereits beim Mythos vom Schalker Markt
einwarf, dass gewisse Lieder bei uns einmal den Aha-
Effekt brauchen. Wenn wirklich alle im Block auf
einmal Bock haben, alles scheiß egal ist und der
gesamte Gästeanhang zu dem Lied abgeht. So war
es zum Beispiel in München mit dem Lied „Wir sind
die Fans, die auch zu dir stehen..“. Da wurde es eine
Stunde lang und sogar in der Halbzeit gesungen. Das
sind solche Momente, die man braucht, um ein Lied
zu etablieren. Bei manchen Liedern sagen wir durch
die Erfahrung dann nach einer gewissen Zeit, dass es
nichts mehr wird und verdrängen es selbst.
Irgendwann wird es dann vielleicht nochmal bei den
Amas gesungen und findet vielleicht nochmal
Anklang.
Dann haben wir auch andere Lieder, die jahrelang
keinen Anklang in der Kurve gefunden haben, aber
nachdem man ein bisschen dran rumgefeilt und
sie modernisiert und vielleicht zwei,drei Liedzeilen
oder auch nur Wörter geändert hat, von der Kurve
super aufgenommen werden. So ist es zum Beispiel
mit dem Lied „Nur der S04 ist mein Verein“, das
mittlerweile ein starkes Lied für gewisse Situationen
geworden ist.
Gedankenaustausch
Nachdem zum letzten Gedanken keine Antworten mehr bei uns eingegangen sind, starten wir
heute mit einem neuen Text, dieses mal zum Thema Pyro. Auch hier gilt, jeder kann antworten,
schreibt uns einfach unter [email protected].
Hauptsache es brennt?!
Jeder von uns kennt sicherlich die unzähligen Pro und Contra „Pyrotechnik“ Debatten aus diversen Fanszines
und einschlägigen Magazinen. Seitenlang wird aufgeführt und diskutiert, welche Punkte für eine mögliche
Legalisierung sprechen würden und welche dagegen. In Funk und Fernsehen sowie in diversen bekannten
Printmedien gibt es quasi Woche für Woche neue Horrormeldungen über „die Chaoten“, welche den Fußball
zerstören und diesem einen extremen Schaden zufügen würden.
Dabei werden Begrifflichkeiten wie Ausschreitungen, Krawall und Gewalt unreflektiert mit dem Einsatz von Pyro in
einen Topf geworfen. Die eigentliche Bedeutung und die Hintergründe werden dabei oftmals komplett außer Acht
gelassen. Im schizophrenen Gegenzug dazu sorgt in diversen Berichterstattungen eben genau dieses verteufelte
Stilmittel bei anderen Veranstaltungen vom Skispringen bis zur Stockcar-Challenge für Gänsehautatmosphäre.
All dies sind Punkte, über die jeder wahrscheinlich schon gefühlte 3.000 Mal gelesen oder mit Freunden oder in
seiner Gruppe gesprochen hat.
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Fankultur gegen Verband, Ultras gegen Polizei, Fans contra Medien!Was mir persönlich in den letzten Monaten
bei diesem Thema deutlich zu kurz gekommen ist, ist die Bedeutung und die Intention, mit welcher wir Pyrotechnik
in unseren Kurven einsetzen.
So drängt sich einem immer mehr der Eindruck auf, in den meisten Fällen wird Pyro nur gezündet, um einfach
gezündet zu haben. Es gehört irgendwie halt zum Stadionalltag dazu. Oftmals eingesetzt ohne jeglichen Bezug
zum Spiel oder dem Geschehen auf den Rängen. Ja oftmals sogar ohne jegliche Regung von Emotionen, welche
wir sinnbildlich mit diesem Stilmittel verbinden sollten.
Dieses absurde Bild zeigt sich oftmals schon Minuten vor dem jeweiligen Spiel oder, als weiteres Beispiel, zum
Start der zweiten Halbzeit. Hektisches Treiben im unteren Bereich des Blockes beziehungsweise der jeweiligen
Kurven. Die ersten Stücke Stoff oder Schwenkfahnen werden langsam als Schutz über die Köpfe gezogen und
mittlerweile weiß jeder im Stadion ganz genau was in den kommenden zwei bis fünf Minuten passieren wird. Ein
Dutzend Personen tauchen unter dem Stoff hervor, erklimmen den Zaun oder die Brüstung und reißen auf einer
Reihe wild wedelnd ihre Fackeln, Rauchtöpfe oder andere entsprechende Gegenstände an. Der Block erleuchtet
nun im Glanze der Fackeln. Umhüllt vom Rauch sollte eigentlich jeder von uns in diesem Moment denken „Boah
Wahnsinn“ was ein geiler Anblick. Pure Emotion und Leidenschaft. Kampf für eine Sache, welche uns mit aller
Kraft vom Verband, der Polizei und mittlerweile auch der Politik verboten wird. Aber mittlerweile macht sich bei
mir genau dieses positive Gefühl bei diesem Anblick nicht mehr breit. Noch dazu, weil wir quasi selber einer der
Vorreiter dieser Vorgehensweise sind.
Eine Frage, welche ich mir selber in letzter Zeit häufig gestellt habe war, ob das Ganze in dieser Form überhaupt
noch mit der eigentlichen Bedeutung dieses ausdrucksvollen Stilmittels der Kurven zu tun hat? Die optische
Unterstützung und das leidenschaftliche, sowie emotionale untermalen von besonderen Momenten in der Kurve.
Den Funken sprichwörtlich überspringen lassen, egal ob auf den Rest der Kurve oder auf die eigene Mannschaft.
Neidisch schweift der eigene Blick in diversen Momenten über den Tellerrand. Auf Kurven und Länder, in welchen
Pyrotechnik noch frei und häufig aus der reinen Emotion heraus zum Einsatz gebracht wird. Nach einem Tor,
in einer Drangphase der eigenen Elf oder einfach zu einer passenden Melodie, wenn die Kurve kocht. Ohne
Vorbereitung, lange Planungsphasen und einen akribisch koordinierten Zeitrahmen.
An dieser Stelle kommt mir sofort ein Moment aus dem UEFA-Cup 1998 in den Sinn. Goossens haut in der 92.
Minute den Ball zum nicht mehr für möglich gehaltenen 1:0 gegen Inter Mailand in den Winkel. Schießt Schalke somit
in die Verlängerung. Das Parkstadion steht in diesem Augenblick Kopf. Die Leute hängen auf den Zäunen, das ganze
Stadion dreht komplett frei und überall in der Nordkurve erhellen nach und nach etliche Fackeln den Abendhimmel. Ehe
das ganze Stadion seine Stimme zu einem brachialen „Auf geht’s Schalke schieß ein Tor!“ erhebt. In keinem anderen
Augenblick passt dieses besondere Stilmittel emotional gesehen besser als in diesem Augenblick.
Richtet sich der Blick wieder zurück auf die Gegenwart, stellt sich jedoch die berechtigte Frage, ob es heutzutage
überhaupt noch möglich ist, Pyrotechnik so frei und ungezwungen einzusetzen. Immer bessere Überwachungsund Kameratechnik in den Stadien, scharfe Verfolgung durch Polizei und SKB’s, Anzeigen, Stadionverbote
und umgelegte Verbandsstrafen. Von Medienhysterie, bis zum möglichen Geisterspiel oder Teilausschluss der
Zuschauer ist alles dabei. Die Liste an Problemen, Strafen und Konsequenzen für den Einsatz von Pyro scheinen
gefühlt überhaupt kein Ende mehr zu finden.
Ist es heutzutage also überhaupt noch möglich vom eingeschlagenen Weg abzuweichen? Ist ein freier und
emotionaler Einsatz von Pyrotechnik noch zu verantworten, ohne einzelne Personen aus den eigenen
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Reihen bewusst den oben genannten Konsequenzen auszusetzen? Seine Freunde und Brüder bedingt durch
Stadionverbote oder andere Sanktionen für einen unbestimmten Zeitraum zu verlieren?
Die Antwort auf diese Frage kann nur mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden!
Aber ist der aktuelle Umgang mit diesem Stilmittel in den meisten Kurven unseres Landes dann überhaupt noch
authentisch?
Oder führen die gegebenen Umstände dazu, dass nur noch gezündet wird, um gezündet zu haben? Es darf
schließlich keiner anderen Szene in etwas nachgestanden werden. Das häufig vom gemäßigteren Publikum
angeführte Vorurteil der reinen „Selbstinzenierung“ steht also doch im eigenen Fokus? Getreu dem Motto:
“Hauptsache es brennt!”
Selbstreflektion und offene kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Verhaltensmustern ist in vielen Kurven
leider oftmals Fehlanzeige! Was also am Ende bleibt ist die große Kluft zwischen einem möglichst sicheren,
umsetzbaren und leider vermehrt selbstinzenierendem und einem echten authentischen Weg.
Ich hoffe letzterer findet nach und nach, trotz aller damit verbundenen Hürden, langsam den Weg zurück in die Kurven!
aUsGEholt - Jetzt wird’s kritisch
Denkanstoß für Alle!
Wie ein jeder von euch mitbekommen haben sollte, werden wir dem diesjährigen Auswärtsderby nicht beiwohnen.
Obwohl uns diese Entscheidung sicherlich nicht leicht gefallen ist, muss man manchmal steinige, ungemütliche
und schmerzhafte Wege gehen, um an sein Ziel zu kommen.
Aber welche konkrete Vorstellung verbirgt sich hinter einer solch abstrakt formulierten Phrase? Diese Frage
möchte und kann ich wahrscheinlich auch nicht beantworten, ohne bei dem Versuch dessen den Rahmen des
Blauen Briefes zu sprengen.
Deshalb versuche ich es auf dem umgekehrten Weg und zeichne ein Bild von einer Fußball- und Fankultur, wie
sie sicherlich NICHT als Ziel für uns und viele andere vorstellbar wäre. Also versuchen wir uns mal an unserer
kleinen Dystopie.
Stellt euch einfach mal vor, dass jedes Spiel unseres geliebten und jedes anderen Vereins bis in die unteren
Ligen zu Beginn der Saison auf seine “Risikohaftigkeit” bewertet werden würde. „Wird’s ja schon“, kann man
sicherlich als angemessenen Einwand an dieser Stelle einbringen.
Aber was wäre, wenn von dieser Einschätzung der Gefahrenlage durch die Polizei, Politik und Vertreter der
Vereine und des Verbandes, die Verteilung, der Verkauf und die Regulierung der Gästekontingente abhängig
wäre?
Beginnen würde das ganze Szenario mit der Einführung einer Fan Card, eines Ausweises, welcher persönlichste
Daten speichert und nur dem Inhaber einer solchen Karte die Möglichkeit gibt, für Spiele Karten zu erwerben.
Einfach spontan hoppen gehen würde da schon zum Himmelfahrtskommando werden. Für die Spiele der
verschiedenen Gefahrenkategorien würden unterschiedliche Regelungen gelten, wie beispielsweise die Anund Abreise zu organisieren wäre. Selbstorganisiert durch Fangruppen, organisiert durch den jeweiligen Verein,
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begleitet durch Ordnungskräfte in den Bussen oder durchgehend begleitet durch die Polizei, bis hin zu der Vorstellung,
dass es gar keine An- und Abreise gäbe, weil Gästefans zu bestimmten Spielen gar nicht zugelassen wären.
Ich weiß ja nicht, wie ihr euch fühlen würdet bei dem Gedanken, dass bei einer fünf stündigen Busfahrt die
ganze Zeit Ordnungskräfte im Bus dabei wären, die euch auf Schritt und Tritt womöglich beobachten. Ich für
meinen Teil kann behaupten, dass ich als erwachsener, entscheidungsfähiger und selbstdenkender Mensch mir
ziemlich bevormundet und kontrolliert vorkommen würde, auch wenn ich nichts zu verheimlichen hätte. Das
Prinzip des Generalverdachtes, unter welches man in diesem Szenario gestellt werden würde, könnte mitunter
einen nachvollziehbaren Grund für die persönliche Entscheidung des Fernbleibens von solchen Fußballspielen
geben. Oder wie wäre es, wenn zum Beispiel das Fernbleiben eines Spiels, nicht aus der eigenen Entscheidung
heraus getroffen werden würde, sondern womöglich für mehrere Jahre für ALLE Anhänger eines Vereins pauschal
verhängt werden würde. Also konkret, wenn die nächsten fünf Jahre keine Gästefans bei unseren Derbys erlaubt
wären und in dieser Zeit alle Anhänger, ob Hooligans, Ultras, Supporter, Kutten, Normalos, Familien und wer
noch alles zum Fußball fährt 1. unter Generalverdacht gestellt wären und 2. über den gesamten Zeitraum unter
Bewährung stehen würden.
Wer würde in dem Fall entscheiden, wann „Bewährungsauflagen“ verletzt wurden oder unter welcher Prämisse solche
Spiele überhaupt eingeschränkt werden? Wären wir Fans, wenn dem Namen eine solche Sammelbezeichnung für
die ganzen unterschiedlichen Fanmilieus gerecht wird, in Entscheidungsprozesse eingebunden? Welche gesetzliche
Grundlage könnte solche Eingriffe in die persönlichen Bewegungsfreiheit rechtfertigen?
Könnte nicht sogar die Gefahr bestehen, dass sich die Toleranzgrenze für „Fehlverhalten“ immer weiter nach
unten verschieben würde? Kleinste Bagatelldelikte in Zukunft sogar herhalten müssten, um die durchgesetzten
Maßnahmen in ihrer Effizienz rechtfertigen zu können?
Ihr merkt, dass das Thema viele Fragen aufwirft. Doch eine der größten Fragen, die mich beschäftigt, ist, was
wir dagegen unternehmen können, dass unsere Fußballkultur, für die viele uns mittlerweile beneiden, nicht
diesen Weg einschlägt? Ihr haltet das oben geschriebene für eine dystopische Gedankenspinnerei, wie ich es
auch angekündigt hatte. Da muss ich euch erschreckenderweise enttäuschen. Das von mir aufgezeigte Szenario
ist heute schon in Holland Gang und Gäbe und wird sicherlich nicht von wenigen Sicherheitsfanatikern in
Deutschland den Entscheidungsträgern schmackhaft gemacht. Also bleibt uns nur eine Möglichkeit: steinige,
ungemütliche und schmerzhafte Wege einschlagen und der Obrigkeit immer wieder aufzeigen, dass wir uns
unsere Kultur nicht nehmen lassen!
Zurück zu den Wurzeln - Italien
Mit der heutigen Ausgabe wollen wir damit beginnen, euch eingangs regelmäßig mit den Neuigkeiten aus
den Szenen Italiens zu versorgen, quasi eine Gemischte Tüte extra über Italien. Wir hoffen, wir treffen damit
euren Geschmack. Zu Beginn geht es vor allem um die Beendung beziehungsweise die Aufrechterhaltung des
Tessera Boykotts, der verschiedenen Szenen. Unsere Interview-Reihe wird natürlich auch fortgesetzt, wobei
Massimo von den Fighters Juve Gruppo Roma zum letzten Mal zu Wort kommen wird. Aber keine Sorge, die
nächsten Interviews mit anderen großen Szenen sind schon in Planung.
Gemischte Tüte Italien
Neben dem neusten Skandal um angebliche Absprachen bei der Verteilung der Übertragungsrechte an PayTV Sender, bei denen die Preise künstlich in die Höhe getrieben worden sein sollen, hat sich in den letzten
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Wochen einiges in den italienischen Fanszenen bewegt. So haben einige Gruppen zuletzt entschieden, wieder
die Auswärtsspiele ihrer Mannschaften zu besuchen und somit den Boykott der Tessera del Tifoso zu beenden.
Salerno: In Salerno teilte mit der Nuova Guardia die dort größte Gruppe in einem „comunicato“ mit, dass man
wieder die Auswärtsspiele der US Salernitana besuchen werde. Begründet wird dies mit einer Modifizierung
des berüchtigten Artikel 9 des “Decreto Amato“. Diese Modifizierung, die bereits nach dem Pokalfinale vom
August 2014 – eigentlich im Rahmen strengerer Gesetze gegen Fußballfans - erfolgte, soll es ehemaligen
Stadionverbotlern möglich machen, die Tessera zu erhalten. Vorher konnte man diese mit einem Stadionverbot
nicht bekommen und somit nicht zu Auswärtsspielen fahren, auch dann nicht, wenn das Stadionverbot schon
seit längerer Zeit abgelaufen war. Wie die Nuova Guardia mitteilte, sei für sie nun einer der entscheidenden
Punkte der Tessera del Tifoso abgemildert worden, weshalb der Kampf gegen eben diese nur noch ein
„sinnloser Kampf gegen die Windmühlen sei“. Dies sah die Gruppierung Ultras Movement Salerno allerdings
anders und veröffentlichte kurz darauf selbst eine Stellungnahme, in der sie sich von jeglicher Initiative, die
die Tessera akzeptiert, lossagen und der Nuova Guardia indirekt Verrat vorwerfen. Zudem steht UMS nun nicht
mehr wie gewohnt neben der Nuova Guardia, sondern im Oberrang. Beim ersten Auswärtsspiel in Pescara
waren dementsprechend als Gruppen auch nur die Nuova Guardia und die Selvaggi anwesend.
Rom: Auch in Rom haben sich die Fans von Lazio trotz oder gerade wegen der Ereignisse im heimischen
Stadion, wo die eigene Kurve durch einen Zaun geteilt wurde, dazu entschlossen, wieder Auswärtsspiele
zu besuchen. Man sei bis dato eine der nur noch wenigen Kurven gewesen, die den Boykott durchgehalten
habe, aber nach diesem sehr bitteren Tag für den römischen Tifo wolle man es allen zeigen und nun wieder
auswärts die Mannschaft unterstützen, was bei Heimspielen leider nicht mehr möglich sei. Für das „erste“
Auswärtsspiel gegen Sassuolo am morgigen Sonntag wird man mit zahlreichen Bussen anreisen und rechnet
mit circa 3.500 Fans aus Rom. Außerdem erklärte die Curva Nord, dass man das Derby gegen AS Rom wegen
der bereits erwähnten Ereignisse „wahrscheinlich boykottieren werde“ und kündigte eine Stellungnahme für
die nächsten Tage an. Die Curva Sud von AS Rom verweigert seit der Geschehnisse ebenfalls jegliche Form
von Support und fordert neben dem Rücktritt des römischen Polizeichefs auch den ihres Vereinspräsidenten.
Beim Spiel gegen Sassuolo blieb die Curva Sud leer, während man sich draußen versammelte und dort “frei”
die Mannschaft unterstützte. Dies nutzte die Polizei, um gegen zahlreiche identifizierte Personen Anzeige zu
erstatten, da es sich bei der Ansammlung um eine nicht genehmigte Demonstration gehandelt habe.
Hohe Wellen schlug auch die vom römischen Präfekt Gabrielli eingeführte Möglichkeit, ein Bußgeld für den
Fall auszusprechen, dass man im Stadion an einem Platz vorgefunden wird, der nicht mit dem auf dem
eigenen Ticket verzeichneten Platz übereinstimmt. Klingt dies nach einem schlechten Scherz, so musste es
jedoch ein römischer Fan am eigenen Leib erfahren und über 150 Euro Strafe zahlen.
Die Situation in Rom hat sich zu einem persönlichen Feldzug des Polizeipräsidenten gegen Fußballfans beider
Vereine entwickelt und ist kaum noch in Worte zu fassen. Beide Kurven wehren sich allerdings vehement
gegen die neuesten Maßnahmen der Polizei und es bleibt abzuwarten, wie sich die Lage dort in den nächsten
Wochen entwickelt. Das Unmögliche hat Gabrielli schon mal geschafft: Er hat die Fanszenen von Lazio und AS
Rom im Kampf gegen seine anvisierte Zerstörung der Fankultur vereint.
Catania: In Catania hingegen bleibt es seitens der Curva Nord beim kategorischen Nein zur Tessera. Man
werde seiner eigenen Linie sowie dem Protest treu bleiben und werde niemals den Kopf senken, aufgeben und
das Schlachtfeld verlassen, auch wenn dies hart und schmerzhaft sei, teilte man in einer Stellungnahme mit.
Venedig: Die Curva Sud Venezia Mestre, die ihr bereits im ersten Interview in dieser Rubrik kennenlernen
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durftet, teilte hingegen mit, dass man den Kampf gegen die Tessera und staatliche Repressionen fortsetzen
werde. Hier ereignete sich im Übrigen wieder ein sehr beispielhafter Fall von staatlicher Willkür. So wurden in
Venedig sowohl Trommeln als auch Megaphone verboten, obwohl diese nach den Amateur-Statuten in der 4.
Liga erlaubt sind. Begründet wird dies damit, dass der gesamte Verein schließlich auf den Aufstieg in die Serie
C ausgerichtet sei und man sich somit auch an den Regeln dieser zu orientieren habe.
Avellino: Beim Zweitligaspiel des US Avellino gegen Novara Calcio ist es zu der ungewöhnlichen Situation
gekommen, dass die Mannschaft beim Gang in die Kabine trotz eines verdienten Sieges lautstark von der
Kurve ausgepfiffen wurde, woraufhin der Rest des Stadions seinen Unmut über die Kurve deutlich machte.
Hintergrund ist, dass die Mannschaft sich nach dem Sieg nicht der Kurve angenähert hat, da man Angst vor
Strafen seitens des italienischen Verbandes FIGC hatte. Dieser legt eine Direktive zur Verhinderung von Gewalt
zurzeit so aus, dass auch der Gang in die Kurve in einigen Fällen mit Strafen in Höhe von bis zu 20.000 Euro
sanktioniert werden kann.
Sportliche Situation: Die Serie A wird derzeit vom AC Florenz mit 18 Punkten nach sieben Spielen
angeführt. Dahinter tummeln sich mit jeweils 16, 15 und 14 Punkten Inter, Lazio und AS Rom. Der aktuelle
Meister Juventus Turin konnte zwar das letzte Spiel gegen den FC Bologna mit 3:1 für sich entscheiden, legte
aber einen denkbar schlechten Saisonstart hin und dümpelt momentan mit acht Punkten auf dem 8.Platz
herum. Dies sorgt dort für einige Unruhe, handelt es sich bei dem Verein seinem Selbstverständnis nach doch
um das italienische Pendant zum FC Bayern in Deutschland. Das „Derby della Scala“ zwischen Chievo und
Hellas Verona vom letzten Sonntag endete hingegen 1:1. Für dieses Wochenende steht unter anderem das
Spiel zwischen dem FC Internazionale Milano und Juventus Turin an, welches sicherlich eines der brisanteren
Spiele darstellt.
Interview Fighters Juventus Gruppo Roma
Wo war euer Platz im Stadion?
“Wir standen immer in der Südkurve vom Stadio delle Alpi. Obwohl es zwei Kurven in Turin gab. Im Norden waren
die sogenannten Mailänder. Die Viking-Leute aus Mailand waren schon immer eine große Gruppe. Ich würde sagen,
auch auf Europa bezogen, waren sie eine der größten und geschlossensten Gruppen. Auch wenn wir immer gute
Kontakte zu den Jungs aus Mailand hatten, wollten wir immer in der Südkurve stehen. Wir haben immer gesagt,
die Südkurve ist unsere Kurve und deswegen bleiben wir bei den Turinern. Heute ist das neue Stadion viel zu klein.
Die Gruppo Roma ist seit 2005 beziehungsweise 2006 nicht mehr aktiv und hat somit auch keinen festen Platz im
neuen Stadion.”
Mit wie vielen seid ihr damals zu den Heimspielen gefahren?
“Wir sind in Bussen und Sonderzügen zu den Heimspielen gefahren, auch durch Europa usw..”
Es gab einen Sonderzug von Rom aus zu einem Heimspiel?
“Wir haben einmal einen Sonderzug von Rom nach Amsterdam organisiert für 700 Leute! Einmal haben wir zwei
eigene Flugzeuge für 500 Fans zum Finale gegen Manchester organisiert. Alles von Rom aus. Bei den großen
sportlichen Ereignissen kamen immer sehr viele Leute aus der Region zu uns und wollten mit uns fahren. Vom
Organisatorischen waren wir sehr “deutsch”. Positiv vom “Organisatorischen” gemeint. Andere haben immer
rumgeeiert, haben auch mal Leute verarscht, wir waren sehr, sehr zielgerichtet. Die anderen hatten dafür sehr viel
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Respekt vor uns und aus diesem Grund war die Resonanz immer sehr hoch bei unseren Touren. Leider konnten wir
das nicht weitergeben und die Gruppe gibt es jetzt nicht mehr, was sehr traurig ist.
Genauso traurig ist, dass ein Verein wie Turin nun so ein kleines Stadion hat. Das darf eigentlich nicht sein, leider
kann man sie nicht zwingen, dass sie ein größeres Stadion bauen. Auch das wäre dann immer ausverkauft.”
Wenn man jetzt die Geschichten der Schlachten aus Italien der 80er und 90er Jahre liest,
muss man ja verrückt gewesen sein, alle Spiele zu sehen. War es so wie man es sich
vorstellt, wenn von euch jede Tour quasi wie eine Auswärtstour war?
“Wir haben zwar nicht jedes Spiel geschafft, aber fast. Kannst du dir das vorstellen, in Rom stehen jetzt immer
diese Schnellzüge, damit kann man in drei, vier Stunden nun Turin erreichen. Aber bis vor Kurzem gab es diese noch
nicht. Früher fuhren die Züge von Piramide Ostiensie, dem alten Hauptbahnhof. Diese fuhren um 23:05 am Vortag
ab und waren dann um 7 Uhr morgens in Turin. Da warst du dann ohne zu schlafen in Turin und hattest 700 bis
800 Kilometer in den Knochen. Dann das Spiel gucken, denn bis Mitte der 90er Jahre waren fast alle Spiele um 15
Uhr, und dann hat man wieder um 22 Uhr den Zug von Turin bis Rom zurück genommen. Man saß also fast zwei
Tage nur im Zug. Oder man hat den Bus genommen aber das hat viel viel länger gedauert, es gab kaum ausgebaute
Autobahnen.
Da war man froh, wenn Juve zum Beispiel in Napoli, Ascoli oder in Firenze gespielt hat. Wir haben uns bei den
Spielen dann mit allen Turin-Fans aus dem Süden getroffen und sind gemeinsam zum Stadion gefahren.”
Warst du eigentlich der Capo der Gruppo Roma?
“Ja, was soll ich sagen. Wer soll das machen? Es haben mehrere probiert, mal die mal der. Nichts dauerhaftes. Also
habe ich das dann lang und leidenschaftlich gemacht.”
Wieso fehlte bei Einigen die “Beständigkeit”?
“Viele Leute wollten dann was anderes machen, haben sich verändert und haben das dann nicht mehr geschafft.
Viele waren irgendwann dann aufgrund von politischen Differenzen weg. Irgendwann gab es dann in Rom eine
Demonstration, wo zum ersten Mal rechte Juve-Leute auf die Antifa auch mit Juve-Leuten getroffen sind und es
einen Kampf gab. Im Nachhinein kamen dann die rechten Juve-Fans zu uns zum Treffpunkt, taten ganz normal,
“Hey, wie geht es euch, und und und”, und fragten dann irgendwann mit einer Liste nach einigen Namen von uns
und auf dieser Liste standen nur die Leute von der Antifa. Das war die erste politische Auseinandersetzung innerhalb
unserer Gruppe und selbverständlich haben wir diese damals gewonnen. Jedenfalls sagte ich ihm, “Das ist schön
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und gut, du machst diese Politik, das ist dein Problem. Aber hier wird keiner gesucht! Wenn du jemand suchen willst,
dann gehst du direkt zur Antifa. Zu unserer Gruppe kommst du jetzt nicht mehr, denn hier ist jeder willkommen,
aber ihr nun nicht mehr. Wenn ihr das nächste Mal zu mir kommt, dann ist es vorbei für euch.” Wir hatten diese
rechte Bewegung unterschätzt. Damals stand man noch gemeinsam im Stadion und dann hat es sich so entwickelt,
dass es zu einem Bruch innerhalb der Juve-Fans kommen musste. 2004, als ich die Gruppe dann schon mehr oder
weniger verlassen hatte und dann den Nachfolgern die Verantwortung gegeben hatte, haben sie nur noch ein Jahr
geschafft, die Gruppe weiter zu bringen, bevor es dann 2005 alles zerstört war. Es gab keine Kraft, keinen Dialog,
keine Verantwortung mehr. Und vor allem gab es keine Motivation mehr, sich gegen die rechten Kräfte zur Wehr zu
setzen. Da war es dann für uns leider vorbei.
Aber jetzt im Juli haben wir alte Leute von uns beim Champions League-Finale in Berlin getroffen. Dort haben wir
bei einem Dokumentationsfilm über das Brüsseldrama der ARD mitgewirkt. Dort waren alle dabei, wir, die Fighters,
die Drughi und so weiter. Es war schön, alle wiederzusehen. Wir haben uns schon vor dem Halbfinalspiel gegen
Monaco in einer alten Juve-Kneipe in Turin wiedergetroffen. Und keiner wusste, dass ich auch komme, das war so
drei, vier Uhr am Nachmittag und nach fast zwei Stunden Interview für den Film stand ich auf und all die Leute
haben fast geweint. “Oh, Massimo was machst du hier?”, “Schön dich zu sehen”, und so weiter. Und der deutsche
Journalist meinte dann, die größten Stars werden nicht so empfangen.”
Kannst du uns noch was zur politischen Entwicklung der Kurven in Italien sagen?
“Die Linken machen keine Politik mehr in den Stadien. Wir haben eine Riesengruppe von alten Linken und jüngeren
Leuten bei Juventus. Aber sie übernehmen keine Verantwortung. Politik wird bei den großen Vereinen einfach nicht
mehr gemacht. Und das ist sehr traurig. Es gibt bei Juventus noch die “Bravi Ragazzi”. Warum Bravi Ragazzi? Weil die
Kürzel BR ergeben und diese Abkürzung steht für die Brigate Rosse, der kommunistischen Untergrundorganisation
von Italien. All diese stehen auch noch in der Südkurve. Aber entweder zu alt oder keine Lust mehr und machen
nichts. Auch die Ultra Gruppe “Nucleo” von Juventus hat damals zur linken Szene gehört und machen nun gar
nichts mehr. Traurig und das selbe auch bei Milan, Atalanta, Ancona oder AS Rom”
Wenn sie motiviert wären, wäre es dann für die schwer, wieder in der Südkurve Fuß zu
fassen?
“Das ist egal. Bei Roma genau das Gleiche. Auch bei Irriducibili. Die wenigsten wissen, dass einer der Gründer von
Irriducibili ein Punk war in den 80er Jahren. Früher waren bei Irriducibili linke Parteiangehörige, aber die Rechten
haben dann viel bessere Organisation gemacht und heute ist daraus eine rechte Gruppe geworden. Wie sollen denn
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da Linke Fuß fassen? Es gibt wie gesagt Linke in den Kurven, aber die sind nicht richtig motiviert. Immer nur dieses
Blabla und machen lieber … auf der Straße. Das ist traurig. In Deutschland sieht das zum Glück anders aus.”
Du sagtest eingangs, dass es in Italien gar keine eingetragenen Vereine mehr gibt,
sondern es allesamt nur noch AG’s oder andere Geschäftsmodelle sind. Nun ist in Italien
ein Buch erschienen, dass von dem eingetragenen Verein nach deutschem Vorbild
handelt. Gibt es da aktuell ein Umdenken?
“Ja es gibt nun mehrere Fanszenen, alle von den großen Clubs wie Napoli, Juve, Roma, die nun eingetragene
Vereine gründen, wo der Fußball wieder richtig gelebt wird. Auch haben viele Leute keine Lust mehr auf die großen
Clubs mit Kurven, die sich nach rechts entwickeln und schließen sich nun diesen kleineren Vereinen an. In diesem
Zusammenhang ist der FC St. Pauli als e.V das beste Vorbild.”
Gibt es sonst noch große Highlights aus deiner Fankarriere, die du noch erwähnen
möchtest?
“Ach, Tausende. Das erste Mal, als ich im Stadion geweint habe, war ‘83, als sieben Flugzeuge von Rom zum
Landesmeisterschaftsfinale nach Athen geflogen sind. Sieben Flugzeuge! Das schafft sonst keiner.
Oder damals beim Spiel in Hamburg, als wir durch Hamburg gelaufen sind. Dort habe ich viele Fans vom FC St. Pauli
kennengelernt und dann mit dem damals noch provenziellen Verein die ganze Nacht gerockt habe.
Aber natürlich auch schreckliche Highlights, wie das Drama gegen Liverpool, zu dem fast alle rechten Bewegungen
von England anwesend waren und uns angegriffen haben. Das Ergebnis ist ja leider bekannt... Die wollten sich
revanchieren, da diese bisher fast immer von uns auf die Mütze bekommen hatten.
Das fing in den 80er Jahren schon an. Es hat immer geknallt, wenn wir auf britische Teams getroffen sind. ‘84 gab
es dann auch schon das Europapokalfinale gegen Liverpool in Rom, wo es große Ausschreitungen gab. Italien und
England waren damals die großen Fußballnationen. Und auch die Fußballszenen waren immer mit tausenden
Leuten präsent. In Birmingham haben wir gegen Aston Villa gespielt. Wir waren mit vielen Bussen da und Villa hat
auf die Mütze bekommen. Manchester United war nur mit zwei Bussen bei uns in Turin, die sind ausgestiegen,
hatten Steine dabei und haben sofort angefangen zu randalieren. Sind ins Stadion ohne Eintrittskarte gekommen,
haben alles verbrannt was ging. Es gibt Bilder, wo es richtige Brände gab im Stadion, und es wurde einfach weiter
gespielt. Kannst du dir das heute vorstellen? Über diese Ereignisse hat einer von Manchester dann im Nachhinein
noch ein Buch geschrieben. Manchester sind die einzigen aus England, die wir, und insbesondere ich, respektieren.
Wir war es zwar die bei dem Spiel in Turin auf die Mütze bekommen haben, aber die waren trotzdem immer fair.
Die waren auch die einzigen aus England, die nach der Heysel-Katastrophe Spruchbänder für uns gemacht haben.
Aber in Heysel wollten die Fans aus Liverpool England rächen und sind da auch gegen Familien vorgegangen. Auch
zwei Kinder sind dabei gestorben, und nicht wegen eines Stürzen von der Mauer, sondern wegen Verletzungen, die
durch Messer oder Flaschen verursacht worden sind.”
Möchtest du zum Abschluss noch etwas los werden?
“Wir müssen viel mehr miteinander reden. Die Ultraszene macht sich selber kaputt, wenn sie so weiter macht.
Der Dialog muss bei manchen Themen möglich sein, ohne Provokationen. Damit neue Wege gefunden werden
und Ziele, wie dass es keine personalisierten Tickets gibt, erreicht werden können und sich so keine Zustände wie
in Italien entwickeln können. Man muss sich gemeinsam mehr Fanrechte und Mitspracherecht in den Vereinen
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erkämpfen. Das ist die einzige Möglichkeit, um unsere Szene am Leben halten zu können. Man muss von Anfang
an dafür sorgen, dass sich Kämpfe mit Messern oder anderen Waffen nicht in der Szene durchsetzen. Da muss man
eine Grenze ziehen. Wir wollen keine Toten.
Ich möchte immer noch zum Fussball, den Fussball vereinigt.”
Vielen Dank für das sehr interessante Interview.
Blick über den Tellerrand: Reisebericht Russland
Anfang Oktober bedeutet für uns in Deutschland schon oft kaltes Wetter und verregnete Tage. Die richtige Zeit also
für einen Urlaub im Warmen. Für mich und einige andere Studienkollegen hieß es aber über 2.000 Kilometer in den
Osten nach Moskau zu fliegen, um dort zum Semesterbeginn eine Woche zu verbringen. Also ging es am Samstag
früh los, um nach knapp drei Stunden Flug Moskau zu erreichen.
Nachdem wir ankamen mussten wir uns erstmal den Weg durch das U-Bahn-System Moskaus erkämpfen, um
schließlich nach geschlagenen drei Stunden das Hostel zu erreichen. Dieses entpuppte sich als Bruchbude erster
Güte und ließ uns schnell klar werden, dass hier möglichst wenig Zeit verbracht werden sollte. Für weniger als
10 Euro die Nacht hatte auch niemand etwas anderes erwartet. Also hieß es schnell zu den schönen Seiten der
russischen Hauptstadt zu finden und sich mit reichlich Hochprozentigem einzudecken. Dieser sorgte auch rasch für
eine gehobene Stimmung und der Abend wurde entspannt in der nächstgelegenen Bar verbracht.
Dynamo Moskau vs. ZSKA Moskau 0:2 (0:0)
Am nächsten Morgen ging es für uns dann früh aus den Federn, um rechtzeitig zum ersten Ground zu gelangen.
Die Arena Chimki, in der sowohl Dynamo Moskau als auch ZSKA Moskau ihre Heimspiele austragen, liegt direkt an
der nordwestlichen Stadtgrenze Moskaus. Dorthin gelangten wir mit der Metro auch recht schnell. Dann ging es
weiter per Bus, der uns direkt zum Ort des Geschehens bringen sollte. Dies klappte dann, für mich überraschend,
auch völlig reibungslos, weshalb wir bereits knapp zwei Stunden vor Spielbeginn das Stadion erreichten und uns
für 11 Euro Karten für die Haupttribüne sicherten. So konnten wir noch etwas die Gegend unsicher machen, in der
es für uns zwischen den Plattenbauten und den Schalverkäufern, welche auch Sturmhauben in den passenden
Vereinsfarben verschacherten, nicht viel zu entdecken gab.
Insgesamt war ich vor Ort doch sehr überrascht von der kaum präsenten Staatsmacht bei dem Spiel. Dies hängt aber
sicherlich auch damit zusammen, dass Dynamo und ZSKA bekanntermaßen gut miteinander können und Spartak
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Moskau der gemeinsame Hauptfeind beider Fanlager ist. Historisch haben beide Vereine jedoch nicht viel gemeinsam.
Dynamo ist so etwas wie der HSV des russischen Fußballs – niemals abgestiegen und doch liegen die besten Zeiten
weit zurück. ZSKA hingegegen war lange Zeit der Fussballclub der russischen Armee, woher auch der heutige Name
„Zentraler Sportklub der Armee“ stammt.
Rund eine Stunde vor Anpfiff betraten wir dann das Stadion, welches erst 2008 eröffnet wurde und durch die gefliesten
Flure eher an eine Schule als an ein Stadion erinnerte. Die Ränge füllten sich auch nur langsam und insgesamt kamen
13.300 Zuschauer zum Spiel. Hiervon drückten etwa 5.000 Fans ZSKA die Daumen. Diese sollten auch das gesamte
Spiel über die Stimmhoheit inne haben. Etwa 3.000 von ihnen fanden sich auf einer Hintertortribüne ein, wo die
Mitmachquote durchgängig bei etwa 80 Prozent gelegen haben dürfte. Die andere Tribüne stand den Dynamo Fans
zu, die einzig bei dem gemeinsamen Wechselgesang mit ZSKA gegen Spartak eine ordentliche Lautstärke erreichten.
Das Spiel war ebenso schwach wie das Schauspiel auf den Rängen. Beide Mannschaften verstolperten reihenweise
gute Möglichkeiten ehe den „Gästen“ kurz nach der Halbzeit der Führungstreffer gelang. Kurz vor Schluss machten die
Rot-Blauen dann den Sack zu und die drei Punkte gingen verdient an den Armeeclub.
Nach dem Spiel trennte sich unsere Gruppe und nur ein anderer Weggefährte machte sich mit mir auf zum nächsten
Spiel.
Lokomotiv Moskau vs. Amkar Perm 3:0 (1:0)
Da die Zeit relativ knapp war, beeilten wir uns, um zum Lokomotiv-Stadion zu kommen. Hatte ich eben noch die
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geringe Bullenpräsenz gelobt, erwartete uns dort das komplette Gegenteil. Vor allem nach dem Spiel gaben sich
die Staatsknechte die Ehre und standen den kompletten Weg vom Stadion bis zur nächsten Metro Station für uns
Spalier. Bei der Brisanz des Spiels und etwa 40 Gästen natürlich absolut unverständlich.
Beim letzten Stadionumbau 2002 wurde viel Charme dem Sicherheitswahn geopfert. Auf dem Stadionvorplatz
steht eine Dampflokomotive, welche dem Verein ihrem Namen gibt. Kurz nachdem wir diese hinter uns gelassen
hatten, folgten die Sicherheitskontrollen, welche leider recht streng und penibel durchgeführt wurden. Als wir
diese überstanden hatten, erfolgte die nächste Enttäuschung, es bestand keine Möglichkeit in andere Blöcke oder
Tribünen zu kommen, um sich das Stadion noch einmal persönlich näher anzuschauen. So scheiterten alle höflichen,
nervigen oder dreisten Versuche die Ticketkontrollen an den Blöcken auszutricksen. Es blieb uns so nichts anderes
übrig als früh den Innenraum zu betreten.
Offiziell kamen 7.500 Zuschauer in die WM-Arena von 2018. Die Partie konnte „Loko“ mühelos mit 3:0 gewinnen.
Perm hatte über die kompletten 90 Minuten nicht eine Torchance. Auch auf den Rängen kommt der Sieger aus
Moskau. Die 40 Gäste, von denen sich etwa 20 gelegentlich um Support bemühten, hatten gegen den etwa 1.500
Mann großen Supporthaufen der Heimmannschaft keine Chance. Dieser feuerte seine Mannschaft auch recht
geschlossen die kompletten 90 Minuten an, wobei er von der leeren Arena und der deshalb besseren Akustik
deutlich profitierte. Insgesamt also alles andere als ein Highlight.
Nach dem Spiel ging es wieder Richtung Hostel. Dort traf man auf die anderen Nasen, die bereits einiges am Glas
vorgelegt hatten. Dies konnte man natürlich nicht auf sich sitzen lassen, weshalb es auch schnell in die nächste Bar
gehen sollte, um wieder für klare Verhältnisse zu sorgen.
Den Rest der Woche verbrachten wir mit einer angenehmen Mischung aus Pflichtterminen, Kultur und Suff. So ließ
es sich am Sonntag nach acht Tagen mit einem guten Gefühl wieder Richtung Heimat fliegen.
Gemischte Tüte
Darmstadt:
Das Fanbündnis „Bölle – Tradition hat Zukunft“ hat sich nach Bekanntgabe konkreterer Pläne für einen Stadionumbau
gegründet und konnte jetzt einen großen Erfolg erzielen. In den ursprünglichen Planungen des Umbaus sah das
Bündnis Faninteressen nicht genug gewürdigt, genauer gesagt ging es hierbei um die Verteilung von Stehplätzen.
So waren nur knapp über 8.000 Stehplätze im neuen Stadion vorgesehen, was einen Wegfall von 4.000 Plätzen
gegenüber der jetzigen Ausgangssituation bedeutet hätte. Konkreter wurde vor allem auch der Wegfall von
Stehplätzen auf der Gegengerade kritisiert. Das Fanbündnis sammelte daraufhin etwa 7.000 Unterschriften, welche
sich zum einen für Stehplätze in Höhe der halben Stadionkapazität und zum anderen für drei geteilte Tribünen,
bei denen unten Stehplätze und oben Sitzplätze entstehen, aussprachen. Diese Petition übergab die Initiative dem
Bürgermeister von Darmstadt. Zusätzlich erarbeitete man sogar ein eigenes detailliertes Stadionkonzept und stellte
dies der Öffentlichkeit vor. Bei Gesprächen einigte man sich dann mit der Stadt Darmstadt und der Darmstädter
Sportstätten GmbH & Co. KG auf einen gemeinsamen Kompromiss. So steht nun ein Entwurf, der 9.000 Stehplätze
bei einer Gesamtkapazität von 19.000 Zuschauern vorsieht, zur Ausschreibung bereit. Dabei sollen, wie von den
Fans gefordert, auf drei Tribünen vorne Stehplätze und im oberen Teil Sitzplätze entstehen. Planmäßig soll das
Stadion ab der zweiten Jahreshälfte 2016 umgebaut werden und 2018 fertig werden.
Rostock:
In Rostock spielt sich in den letzten Wochen eine Geschichte ab, die von der Verworrenheit und Komplexität auch
zu unserem Verein passen würde. Bisher stehen dabei ein zurückgetretener Aufsichtsratschef, ein zurückgetretener
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Vorstandsvorsitzender und eine Petition zur Abberufung des gesamten Aufsichtsrats zu Buche. Der Stand
der Dinge kann sich natürlich seit unserem Redaktionsschluss auch schon wieder geändert haben, doch
fangen wir von vorne an: Der zum damaligen Zeitpunkt amtierende Vorstandschef Dahlmann pflegte schon
über längere Zeit gute Kontakte zur Ultraszene von Hansa. Dies wurde plötzlich von der ortsansässigen
Presse skandalisiert, nachdem interne Mails zwischen Dahlmann und den Ultras an die Öffentlichkeit getragen
wurden. In einer absurden Nachtaktion riegelte die Polizei die Geschäftsstelle des Vereins ab, da Dahlmann
angeblich mit Mitgliedern der Ultraszene Dokumente des Vereins entwenden wollte. Danach beugte sich der
Vorstandschef dem öffentlichen Druck und trat zurück. Treibende Kraft hinter dem Rausekeln, des bei den Fans
ziemlich beliebten Michael Dahlmanns, war der Aufsichtsratsvorsitzende Harald Ahrens, der danach in das Ziel
der Kritik gerat. Ein paar Tage später musste auch dieser aufgrund des Drucks der Fans seinen Hut nehmen.
Nun plant der Fanszene Rostock e.V. mithilfe einer Petition auf der Mitgliederversammlung von Hansa Rostock
Anfang November über die Absetzung des Aufsichtsrates zu entscheiden, der sich aus Sicht vieler Fans in
dieser Situation vereinsschädigend verhalten habe. Alles in Allem eine brisante Angelegenheit, bei der das
letzte Wort bestimmt noch nicht gesprochen wurde.
England:
Vor zwei Wochen veranstaltete die Initiative „Twenty’s Plenty“ einen Aktionsspieltag, um für eine
Preisobergrenze bei Auswärtskarten zu protestieren. Diese soll nach Wünschen der Fans bei 20 Britischen
Pfund, also umgerechnet circa 27 Euro liegen. An der Aktion beteiligten sich Fans aller Premier League
Vereine sowie die einiger weiterer Teams mit Spruchbändern. Dies ist nur verständlich, wenn man bedenkt,
dass die Premier League neue Milliardendeals mit Sponsoren oder TV-Anstalten schließt und die Ticketpreise
dennoch kontinuierlich steigen. So mussten beispielsweise Manchester City-Fans für ihr Auswärtsspiel gegen
Arsenal 2013 über 80 Euro für die Karte bezahlen. Auch wenn der Kampf gegen millionenschwere Klubs in
dieser Frage wie ein Kampf gegen Windmühlen erscheinen kann, wurden selbst in England schon erste kleine
Teilerfolge erzielt. So hilft die Liga Vereinen finanziell, Auswärtstickets günstiger werden zu lassen. Außerdem
einigten sich manche Vereine auf ein beidseitiges Senken der Preise für Auswärtskarten des jeweils anderen
Teams. Das Ausmaß dieser Erleichterungen ist jedoch bisher ziemlich gering und der Weg zu faireren Preisen
bleibt weiterhin ein langer. Der Trainer von West Ham, Slaven Bilic, fasste das Ganze sehr passend zusammen:
„Fußball ist nicht Golf oder Polo für die VIP’s, für die Elite. Fußball ist Volkssport. Es sollte kein Privileg sein,
alleine, mit deinen Freunden, mit deiner Freundin, oder mit deiner Frau und deinen Kindern zum Fußball zu
gehen. Fußball sollte für jeden da sein.“ Punkt.
Schweden:
Menschen, die regelmäßig den Blauen Brief lesen, werden wissen, dass Polizeigewalt eine weltweite
Problematik darstellt. Im Zusammenhang mit dem Fußball offenbarte Anfang diesen Monats auch Schweden,
dass hier solche Vorfälle nicht fern liegen. Fans von Malmö FF wurden nach ihrem Auswärtsspiel bei AIK
Solna von einer Polizeikette im Stadionumlauf empfangen, da diese zwei Personen identifizieren wollte.
Soweit ist dies leider keineswegs unüblich oder ungewöhnlich. Ein Video, dass sich im Internet ansehen
lässt, protokolliert jedoch einen verrückten weiteren Verlauf. Wahnsinnig wurde es nämlich, als die Polizei
ohne erkennbaren Grund zum Angriff posaunte. Die Fans traten ohne Gegenwehr den Rückzug an. Einem
Anhänger von Malmö gelang dies nicht. Er wurde zu Boden gerissen und von mehreren Polizisten mit ihren
Schlagstöcken noch malträtiert als er schon bewusstlos war. Nach seinem Krankenhausaufenthalt gab er an,
dass er rechtlich gegen diesen Einsatz vorgehen werde. Eine Chance sähe er gegen dieses System jedoch
nicht. Der Verein Malmö FF hat das Verhalten der Polizei im Nachhinein auf seiner Homepage verurteilt und ist
bislang noch nicht wieder zurückgerudert. Soll ja auch vorkommen, dass Vereine dann doch noch einknicken
und den Anhängern die Rückendeckung wieder nehmen.
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