Charles J. Fillmore Ansätze zu einer Theorie der Deixis* Deixis1 ist

Charles J. Fillmore
Ansätze zu einer Theorie der Deixis*
1.
Deixis1 ist die Bezeichnung für solche formalen Eigenschaften von Äußerungen, die durch bestimmte Aspekte des Kommunikationsaktes, in denen die betreffenden Äußerungen eine Rolle spielen, bestimmt werden und die aufgrund
der Kenntnis dieser Aspekte interpretiert werden. Die Aspekte von Kommunikationsakten, die traditionell unter dieser Bezeichnung behandelt werden, sind:
(i) die Identität der Gesprächspartner, d.h. Personaldeixis; (ii) die Zeit, zu der
der Kommunikationsakt stattfindet, d.h. Zeitdeixis; und (iii) die räumliche(n)
Situierung(en) der Gesprächspartner zur Zeit des Kommunikationsaktes, d.h.
Ortsdeixis. Die auffälligsten Erscheinungen deiktischer Kategorien in Sprachen
finden sich in den Systemen der Pronomina, Demonstrativa und Tempora.
Eine umfassendere und erweiterte Beschreibung der Deixis natürlicher Sprachen kann dadurch erreicht werden, daß man zu der traditionellen Aufzählung
Dinge hinzufügt wie: (iv)Rededeixis, durch die ein Gesprächspartner sich auf
einen Teil der gerade verlaufenden Rede bezieht; und (v) Ausdrücke, die die
sozialen Beziehungen widerspiegeln, die der Sprecher zwischen den Gesprächspartnern annimmt; besonders die, die in Systemen ehrenbezeugender oder ehrerbietiger Redeweise kodifiziert sind.
Eine soziolinguistisch interpretierte Beschreibung deiktischer Merkmale in
einer Sprache schließt die Bezugnahme auf die Bedingungen der realen Welt
ein, die für bestimmte Klassen von Sprachbenutzern den Gebrauch und die Interpretation deiktischer Formen regulieren. Zwei Sprachen könnten darin gleich
sein, daß sie einen Kontrast zwischen formellen und familiären Pronomina der
2. Person aufweisen; die sozialen Bedingungen, unter denen die Formen gebraucht werden, können jedoch erheblich verschieden sein. Und in der Tat
können solche Gebrauchsbedingungen innerhalb einer einzigen Sprachgemeinschaft zwischen einer Generation und der nächsten oder zwischen einer sozioökonomischen Klasse und einer anderen differieren.2
Die Ausarbeitung der Details einer interpretierten Beschreibung des deiktischen Systems einer Sprache geht über den Bereich der eigentlichen Linguistik
hinaus, doch sollte diese traurige Tatsache für den Linguisten keine Entschuldigung sein, bei der Beschreibung eines deiktischen Systems nichts weiter zu tun,
als die minimale Menge von Oppositionen anzugeben, durch die die deiktischen
Formen „im Sprachsystem selbst" klassifiziert werden können. Mit anderen
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Worten: die Linguisten können bei der Beschreibung der Semantik der deiktischen Kategorien der Sprache, über die sie arbeiten, sorgfältiger sein, als sie es
manchmal sind.
Ich erwähne das, weil in der gegenwärtigen Lage diejenigen, die über kontrastive Linguistik und über Sprachuniversalien arbeiten, Mühe haben werden,
die vorhandenen Sprachbeschreibungen durchzuarbeiten und mit interessanten
und zuverlässigen Generalisierungen über die Deixis aufzuwarten, wenn sie
nicht willens sind, eine Menge harter Arbeit zu leisten, und wenn sie an ihre
Aufgabe nicht mit einer sorgfältigen begrifflichen Analyse deiktischer Kategorien und der Möglichkeiten, diese zueinander in Beziehung zu setzen, herangehen. Ich will nur ein Beispiel für die Schwierigkeiten geben, auf die ein Bibliothekslinguist treffen kann.
Nehmen wir an, wir wollten die semantische Struktur von Bewegungsverben,
die einen indirekten Bezug auf den Standort eines oder beider Sprecher in einer
Kommunikationssituation ausdrücken, untersuchen. Wir nehmen weiter an,
daß wir Merrifields äußerst informative Grammatik des Palantla Chinantec
(Merrifield 1968) benutzen. Was wir suchen, finden wir in einem Abschnitt mit
dem Titel „Direktive Präfixe" (S. 23). Dort erfahren wir, daß es für gewisse
Verbklassen unterschiedliche Mengen von Präfixen gibt, die die Bewegung ,auf
den Sprecher hin' und die Bewegung ,vom Spracher weg' angeben.
Wir betrachten die Präfixe, die unter der Kategorie ,auf den Sprecher hin'
aufgeführt sind, und bemerken, daß sie in zwei Gruppen zerfallen; diese heißen: .nicht 3. Person' und ,3. Pers.' für Subjekte, die nicht in der 3. Person
stehen, und für solche in der 3. Person. Da wir wissen, daß es unsinnig ist, von
,meinem Gehen zu mir hin' zu sprechen, nehmen wir an, daß die Präfixe dadurch bestimmt werden, ob das Subjekt in der 2. Person oder in der 3. Person
steht; wir vermuten, daß Merrifield die Bezeichnungen ,nicht 3. Person' und
,3. Pers.' gewählt hat, weil er an der Cornell-Universität gelernt hat, daß in
einem System mit einer lediglich zweiseitigen Opposition die Pole dieser Opposition mit Namen versehen werden sollten, die nur einen zweiseitigen Kontrast
implizieren. Daher notieren wir, daß es sich um eine Sprache handelt, in der es
bestimmte Mittel gibt, über die Bewegung auf die Person hin zu sprechen, die
der Sprecher des Satzes ist, in dem die Bewegung erwähnt wird.
Als nächstes betrachten wir den Teil der Tabelle mit der Überschrift ,vom
Sprecher weg'. Es gibt dort vier Reihen: ,1. Pers.Sg.', ,1. Pers.Pl.', ,2. Pers.'
und ,3. Pers.'. Das erstaunt uns. Bedeutet das, fragen wir uns, daß es in dieser
Sprache erlaubt ist, von ,meinem Gehen von mir weg' zu reden? Vermutlich
nicht. Der allgemeine Menschenverstand sagt uns, daß die Kategorie nicht
,weg vom Sprecher' ist, sondern ,weg von dem Standort, an dem sich der Sprecher zur Zeit des Sprechens befindet'. Die Kategorie wird mit anderen Worten
vermutlich besser mit ,von hier weg' als mit ,von mir weg' bezeichnet.
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Nachdem wir zu diesem Schluß gekommen sind, entschließen wir uns, die
vorhin übereilt gemachte Annahme über die Kategorie ,auf den Sprecher hin'
zu überprüfen. Wir überlegen, ob ,nicht 3 .Per.' bei Merrifield nicht einfach das
Präfix sein könnte, das gewählt wird, wenn das Subjekt entweder in der 1. oder
2. Person ist, und ob die Richtungskategorie nicht eher als ,hierhin' denn als
,auf mich zu' (,auf den Sprecher hin') zu verstehen ist. Auf diese Fragen suchen
wir an anderen Stellen der Grammatik nach Antwort, aber wir finden keine.
Merrifields Beispiele (S. 24) haben alle Subjekte in der 3. Person, was uns bedrückt; aber sie enthalten die Glosse ,hier', und das gibt uns Mut.
Da wir uns erinnern, vor einigen Jahren einen ertragreichen Aufsatz über die
Semantik des englischen Verbs come gelesen zu haben, fragen wir uns sogar, ob
Merrifields Kategorie ,auf den Sprecher hin' nicht eigentlich ,auf den Standort
des Sprechers entweder zur Zeit des Sprechaktes oder zur Zeit der Bewegung
hin' bedeuten könnte und ob ,vom Sprecher weg' nicht wäre: ,auf einen Standort hin, der weder der Standort des Sprechers zur Zeit des Kommunikationsaktes noch der Standort des Sprechers zur Zeit der Bewegung ist'. Man wünschte sich tatsächlich, daß in der linguistischen Theorie schon längst ein Inventar
der möglichen Funktionen deiktischer Kategorien in natürlichen Sprachen aufgestellt worden wäre, so daß jemand, der eine Sprache analysiert und beschreibt,
ohne Umwege auf die Unterscheidungen, auf die er achten muß, aufmerksam
gemacht würde.3
Das Ziel dieses Aufsatzes besteht in Folgendem: Ich will einen Überblick
über die Unterscheidungen und Konzepte geben, die ein Linguist im Sinn haben muß, wenn er über die Deixis in klarer Weise denken und schreiben will,
und ich will das,
was ich als Voraussetzungen für eine Theorie der Deixis ansehe, angeben.4
2.
Manche Sätze sind vollständig interpretiertbar, ohne Kenntnis der Umstände,
unter denen sie hervorgebracht werden. Ein solcher Satz ist: Die Sonne ist größer als der Mond. Dieser Satz vermittelt immer dieselbe Information, gleichgültig wer ihn sagt, gleichgültig, wann er gesagt wird, gleichgültig wo er gesagt
wird, gleichgültig wie groß der Zeitunterschied zwischen der Enkodierzeit und
der Dekodierzeit ist, und gleichgültig, ob er in Granit eingemeißelt ist, im
Morsealphabet übermittelt oder anonym über Telefon geflüstert wird.
Um andere Ausdrücke zu interpretieren, braucht man spezielle Kenntnisse
über einige der Umstände, unter denen sie produziert werden. Ein solcher Satz
ist: Ich bin jetzt hier drüben. Um zu wissen, auf wen sich das Subjekt des Satzes bezieht, muß man wissen, wer ihn sagt. Um zu wissen, wo der im Satz angesprochene Standort ist, muß man wissen oder muß man erkennen können,
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wo der Sprecher zu der Zeit, zu der er den Satz äußert, ist. Das Wort jetzt in
dem Satz weist darauf hin, daß der Sprecher in Bewegung ist oder war, so daß
es wichtig ist, daß der Empfänger das Gesprochene zur selben Zeit hört, zu der
es geäußert wird. Das Vorkommen des Wortes drüben in dem Satz zeigt, daß
der Sprecher glaubt, daß er und sein(e) Adressat(en) sich in einiger Entfernung
voneinander befinden.
Ich nenne die Person, die einen sprachlichen Ausdruck produziert, das Zentrum des dazugehörigen Kommunikationsaktes. Ich nenne sprachliches Material,
zu dessen Interpretation Bezug auf das Zentrum und seine Rolle im Kommunikationsakt — einschließlich aller Annahmen, die das Zentrum über seine Gesprächspartner und seine Zuhörer macht - nötig ist, zentriert, anderes sprachliches Material nenne ich nicht-zentriert. Der Satz Ich bin jetzt hier drüben
ist ein extremes Beispiel eines zentrierten Ausdrucks. Ich bezeichne den Standort des Zentrums zur Zeit des Kommunikationsaktes als den gegenwärtigen
Standort des Zentrums. Zur Bestimmung der Zeit des Kommunikationsaktes
benutze ich nach einem Vorschlag von Akira Ota den Begriff Kodierzeit.5
Die Kategorien der Personal-, Orts- und Zeitdeixis können nach der Opposition nah und fern unterschieden werden, je nachdem, ob die Subkategorien in
spezifischer Weise mit dem Zentrum, dem gegenwärtigen Standort des Zentrums oder der Kodierzeit verbunden sind oder nicht. Die Kategorie ,nah' und
,fern' der Personaldeixis finden sich im Englischen in den Wörtern / „ich" und
you „du"; bei der Ortsdeixis sind es here „hier" und there „dort"; bei der Zeitdeixis now „jetzt" und then „dann".
Deiktisches Material findet sich in vielen Bereichen einer Sprache. Es gibt
z.B. die Pronomina und Adverbien, die bestimmte Aspekte des Kommunikationsaktes ziemlich direkt festlegen, etwa die eben erwähnten Beispiele: „ich"
„hier" und „jetzt" und ihre Gegenstücke. Eine Sprache kann Formen haben,
die zur Identifizierung von Objekten und Zeiten in Bezug auf das Zentrum gebraucht werden, z.B. die Demonstrativa, zeitdeiktische Adjektive wie in your
future son-in-law „dein zukünftiger Schwiegersohn" oder zeitorientierte Wörter wie ago „vor". In vielen Sprachen wird die Morphologie flektierter Wörter
z.T. durch Informationen bestimmt, die mit dem Zentrum verbunden sind ob etwa der Sprecher oder der Angesprochene oder keiner von beiden mit dem
Subjekt oder Objekt des Satzes identifiziert wird; welche zeitliche Ordnungsbeziehung besteht zwischen der Zeit des erwähnten Zustandes oder Geschehens
im Satz und der Kodierzeit; ob der gegenwärtige Standort des Zentrums derselbe ist wie der im Satz erwähnte Ort; ob der eine oder der andere Gesprächspartner männlich oder weiblich ist; welchen sozialen Status das Zentrum sich
und welchen es dem Gesprächspartner zuschreibt usw.
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Umstände des Zentrums müssen auch bei der Beschreibung verschiedener
Typen der Begrüßung berücksichtigt werden. Die Wahl der angemessenen Grußformel kann von der Tageszeit abhängen, vom Geschlecht der Gesprächspartner,
vom Alter und Altersunterschied der Partner, vom Wissen, ob der Sprecher oder
der Angesprochene sich zu Hause befindet usw. Ein letzter Aspekt der Sprache
sollte im Zusammenhang mit dem Zentrum erwähnt werden; es handelt sich
um den Begriff des autorisierten Sprechers. Im besonderen scheint der Gebrauch
gewisser Arten von Namen davon abzuhängen, daß der Sprecher bestimmte Bedingungen der realen Welt erfüllt. Nicht jeder ist sprachlich autorisiert, seine
Feinde [gringos] oder [honkies] zu nennen.
3.
Im folgenden werde ich mich des öfteren auf eine wichtige Unterscheidung
beziehen müssen: auf die Unterscheidung zwischen gestischem und symbolischem Gebrauch der Deixis. Mit gestischem Gebrauch deiktischer Ausdrücke
meine ich die Gebrauchsweise, in der die Ausdrücke nur dann vollständig interpretiert sind, wenn der Angesprochene in der Lage ist, bestimmte physische
Aspekte des Kommunikationsaktes wahrzunehmen und zu kontrollieren. Ich
nehme nicht an, daß diese Beschreibung klar ist, und auch die Unterscheidung
ist nicht von vornherein völlig eindeutig; ich möchte aber einige Beispiele dafür geben, was ich meine.
Wenn Sie und ich bereits eine Unterhaltung führen und Sie mich fragen, ob
ich noch ein Bier möchte, und ich dann sage: Ja, ich möchte gern noch eins,
dann handelt es sich nicht um gestischen Gebrauch des Pronomens ich. Wenn
Sie jedoch eine Gruppe von Leuten ansprechen und fragen, ob noch jemand
ein Bier möchte, und ich dann sage Ich möchte gern noch eins, dann handelt
es sich um gestischen Gebrauch. Sie müssen feststellen, wer das gesagt hat, um
zu wissen, wer das Bier bekommt. Während ich spreche, muß ich Ihre Aufmerksamkeit erregen.
Wenn Sie und ich eine Unterhaltung führen und ich zu Ihnen sage: Ich möchte, daß Sie mit mir dorthin gehen, dann handelt es sich nicht um gestischen
Gebrauch des Pronomens Sie. Aber wenn ich, während ich mit den Armen in
einer Gruppe von Leuten herumfuchtele, sage: Ich möchte, daß Sie und Sie
und Sie mit mir dorthingehen, dann handelt es sich um gestischen Gebrauch.
Wenn ich sage: Wir sollten das Essen jetzt fertig kriegen, handelt es sich nicht
um gestischen Gebrauch des Wortes jetzt. Aber wenn ich sage: Du kannst mir
das Leben retten, wenn du den grünen Knopf da jetzt drückst, handelt es sich
um gestischen Gebrauch. Bei dem letzten Beispiel würde der Sprecher mehr als
das übliche Ungenügen am Mißlingen einer Kommunikation empfinden, wenn
sein Partner sagen würde: Es tut mir leid, aber ich habe das nicht ganz mitbekommen. Würdest du es noch einmal wiederholen?.
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Der gestische Aspekt in Ausdrücken mit hier kann durch die Stimme oder
durch Bewegung/Position bestimmt sein. Wenn Sie und ich in einem großen
Haus sind und Sie meinen Namen rufen und ich antworte: Ich bin hier, dann
mache ich nichts anderes als ein Geräusch, von dem ich annehme, daß es Ihnen
hilft herauszufinden, wo ich bin. Bei der durch Bewegung (oder Position) bestimmten Geste ist es nötig, daß der Angesprochene visuelle oder taktile Überprüfungsmöglichkeiten der Bewegungen oder Positionen des Sprechers hat; das
trifft nicht nur auf hier, sondern auch auf dort, dieses, jenes usw. zu. Ich kann
z.B. die Körperteile benutzen, die in meinem Kulturkreis zum Zeigen bestimmt
sind, zuerst auf einen Stuhl, dann auf einen anderen zeigen und sagen: Setz dich
nicht hierhin; setz dich hierhin.
Es wird sich zeigen, daß diese Unterscheidung zwischen gestischem und
nicht-gestischem Gebrauch der Sprache entscheidend ist für die Beschreibung
bestimmter Tatsachen von deiktischen Wörtern und Formen. Es erweist sich,
daß die meisten Wörter in einer Sprache nicht gestisch gebraucht werden können6, einschließlich der zeitdeiktischen Adverbien mit dem Merkmal ,fern'.
D.h. es gibt gestischen Gebrauch von / „ich",you „du", here „hier", there
„dort", this „dieses", that „jenes" und now „jetzt", aber nicht von then „dann",
Viele deiktische Wörter können sowohl gestisch als auch symbolisch gebraucht werden, wie z.B. engl. this „dieses". Wenn ich z.B. in San Francisco
etwas sage, das die Phrase diese Stadt enthält, braucht mein Zuhörer mich nicht
anzusehen, um zu wissen, worüber ich spreche: er muß es jedoch tun, wenn ich
die Phrase dieser Finger benutze. Es kann sein, daß viele deiktische Wörter nur
(oder hauptsächlich) gestisch gebraucht werden. Das scheint beispielsweise auf
fr. voici und voilá und russ. vot und von zuzutreffen.
Manchmal kann eine Sprache alternative Formen für deiktische Pronomina und Adverbien haben, wobei jeweils nur ein Element jedes Paars gestisch
gebraucht werden kann. Darin liegt nicht der Hauptunterschied zwischen den
konjunktiven und disjunktiven Personalpronomina des Französischen, aber
es sollte darauf hingewiesen werden, daß nur die disjunktiven Pronomina gestisch gebraucht werden (vermutlich aus recht guten akustischen Gründen). Soweit ich weiß, gibt es im Englischen nur ein Wort, das immer mit einer Geste
begleitet wird, und zwar handelt es sich um das größenanzeigende yea der Umgangssprache, wie z.B. in It's about yea big.7
Es kann passieren, daß eine Unterscheidung in Subkategorien der Ortsdeixis, die für den nicht-gestischen Gebrauch gilt, in bestimmten Arten des gestischen Gebrauchs neutralisiert wird. Wenn man mit einer Geste mit großer Genauigkeit auf Objekte zeigen kann, gibt es keinen besonderen Grund, die Unterscheidung in ,nah' und ,fern' beizubehalten. Wenn man etwas mit dem Finger oder einem Stock berühren kann, wie z.B. eine Stadt auf einer Landkarte
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oder eine Sommersprosse auf dem Knie, macht es keinen Unterschied, ob man
sagt: Sie ist genau hier oder Sie ist genau da oder ob man sagt: Es ist diese oder
Es ist jene. Da es sich so verhält, hat eine Sprache die Möglichkeit, die Einzelformen in diesen Kontexten zu anderen Zwecken zu benutzen. Um im Haussa
auf Dinge zu weisen, die sich nah, und zwar gleich nah, vom Sprecher befinden,
werden die Wörter nam (,dieses') bzw. cam (,jenes') beim ersten bzw. zweiten
Ding gebraucht (John Eulenberg, persönliche Mitteilung). Im Englischen können this und that auf gleiche Weise gebraucht werden.8
4.
Nachdem wir uns die Unterscheidung gestisch/nicht-gestisch klar gemacht haben, können wir uns jetzt Überlegungen zur Personaldeixis zuwenden. Im Englischen bilden die Wörter I „ich" und you „du" die Pole ,nah' und ,fern' der
Personaldeixis. Viele Sprachen besitzen in diesem Punkt eine größere Vielfalt.
Das Japanische z.B. hat personaldeiktische Ausdrücke, deren Wahl von Geschlecht oder sozialem Status der Gesprächspartner, vom Grad der zwischen
ihnen herrschenden Intimität oder Formalität und verschiedenen Kombinationen dieser Faktoren bestimmt wird. Und der Kaiser besaß, wie wir wissen, sein
eigenes privates Personalpronomen der 1. Person: [chin], das er, glaube ich, nur
in Erlassen und Proklamationen verwendete.
Wie schon vorhin erwähnt, zeigen viele Sprachen eine Opposition zwischen
familiären und formellen Pronomina der 2. Person, deren Auswahl von sozialen Bedingungen gesteuert wird, die von einer Sprachgemeinschaft zur anderen
erheblich variieren. Die Aufgabe des Linguisten besteht darin, die symmetrische und asymmetrische Auswahl der Pronomina, die die Sprache zur Verfügung
stellt, aufzudecken; er kann es Wissenschaftlern anderer Disziplinen überlassen,
die sozialen Kontexte, innerhalb derer die Auswahl vorgenommen wird, zu beschreiben. (Vgl. Brown und Gilman 1960).
Es ist für den, der eine Äußerung macht, möglich, seine Mitteilung an mehr
als einen Adressaten zu richten; diese Möglichkeit kann sich in der untersuchten Sprache widerspiegeln. Wenn diese Sprache sowohl Numerusunterscheidungen und Unterscheidungen nach Geschlecht, Alter und Sozialstatus hat, muß
man untersuchen, ob diese Unterscheidungen in allen Numeri gemacht werden,
und man muß weiter untersuchen, welche Formen angewendet werden, wenn
die Adressatengruppe Menschen verschiedenen Geschlechts oder Status' enthält.
Eine Äußerung kann sich auf eine Gruppe von Menschen beziehen, die den
Sprecher mit enthält: das englische Wort ist we „wir". Bei solchen Äußerungen sollte man zuerst die Unterscheidung zwischen inklusiven und exklusiven
Formen suchen, die darauf beruht, ob die Gruppe den Adressaten einschließt
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oder nicht. Wiederum muß man bei der Analyse fragen, in welcher Weise andere Faktoren - Numerus, Status, Geschlecht usw. — sich mit dieser Unterscheidung kombinieren lassen.9
Es kann sekundäre Phänomene geben, die man beachten muß. Im Englischen
können die Personalpronomina des Plurals für Personen gebraucht werden oder
für Gruppen aus Personen und beispielsweise Stubentieren. So kann ich etwa,
wenn ich mit meinem Lieblingsbiber vor einer Haustür stehe, fragen: May we
come in? „Dürfen wir hineinkommen?" In manchen Sprachen könnte in dieser Situation das pluralische Pronomen nicht verwendet werden.
In einer Sprache kann es spezielle Gebrauchsweisen für die Pronomina der
1. Person Plural geben, wie etwa das we „wir" von Herausgebern, Predigern
und Monarchen. Wenn man solch einen Gebrauch beschreibt, muß man die
grammatischen Konsequenzen der Tatsache, daß es eine Form gibt, die grammatikalisch Plural, semantisch aber Singular ist, untersuchen. Im Englischen
z.B. richtet sich die Kongruenz des Verbs nach der Grammatik we are „wir
sind" und nicht we am „wir bin", die Reflexivierung jedoch richtet sich —
wenigstens im Leitartikel des New Yorker — nach der Semantik: ourself, und
nicht ourselfes. Es könnte wichtig sein, herauszufinden, ob die Sprachen, in
denen dieser singularische Gebrauch eines Personalpronomens des Plurals bei
bestimmten hochgestellten Persönlichkeiten, dieselben sind wie die, in denen
die Höflichkeitsform des Personalpronomens der 2. Person sich aus einem speziellen Gebrauch des Pronomens der 2. Person Plural entwickelt hat.
Das Palantla Chinantec scheint die Kategorie ,1. Pers. PL inklusiv' unlogisch
zu gebrauchen. Wenn ich mit jemandem spreche, der nicht mein Vater ist, würde ich in einem Ausdruck mit der Bedeutung ,unser Vater' das inklusive oder
exklusive Possessivpronomen gebrauchen, je nachdem, ob der Angesprochene
mein Bruder oder meine Schwester ist oder nicht. Wenn ich jedoch meinen Vater anspreche, wie etwa in einem Satz mit der Bedeutung ,Du bist unser Vater',
wird die inklusive Form gebraucht, und nicht wie man erwarten würde, die
exklusive (William Merrifield p.c.). Offensichtlich haben diese Tatsache zuerst
die Wycliffe-Bibelübersetzer entdeckt, als die Chinantecos sich weigerten, ihre
erste Übersetzung des Anfangsvokativs im Vaterunser zu akzeptieren.
5.
Die Ausdrücke der Ortsdeixis sind im Englischen here „hier" (nah) und there
„da, dort" (fern); beide können gestisch und nicht-gestisch gebraucht werden.
Eine andere Sprache könnte eine weitere Untergliederung der nicht-nahen Kategorie in näher entfernt und weiter entfernt aufweisen. Spanisch, Japanisch
und Tagalog z.B. haben diese dreifache Aufgliederung. Das Englische hat sie
nicht, aber das Wort yonder und das damit verbundene Demonstrativ yon zei-
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gen, daß die Möglichkeit dazu existiert. Das Tlingit hat offensichtlich eine vierfache Aufgliederung, die etwa so zu übersetzen wäre: ,genau hier', ,genau dort',
,dort drüben' und ,weit dort da drüben , so daß man es kaum sehen kann' (Frei
1944, S. 115).
Es wird oft behauptet, daß für Sprachen, die ein dreifach gegliedertes System
der Ortsdeixis haben, die folgenden Kategorien anzunehmen sind: .nah dem
Sprecher', ,nah dem Angesprochenen' und ,entfernt von Sprecher und Angesprochenem'. Um herauszufinden, ob die untersuchte Sprache diese Möglichkeit besitzt, muß man vielleicht einige Experimente veranstalten. Man stelle
Gesprächsteilnehmer in Rufentfernung voneinander auf und beobachte, welche Ausdrücke sie zur Bezeichnung des Orts des anderen verwenden. Wenn sie
den Ausdruck ,weiter entfernt' benutzen, dann sollte der Ausdruck ,näher entfernt' nicht so beschrieben werden, daß er eine Position in der Nähe des Angesprochenen bezeichnet. Wenn sie den Ausdruck ,näher entfernt' benutzen, dann
ist etwa die Reichweite des ganzen Ortssystems so „ausgedehnt" worden, daß
es den Hörer in die Reichweite der Kategorie ,näher entfernt' aufnimmt, oder
die Kategorie ,näher entfernt' bedeutet tatsächlich ,nah dem Angesprochenen'.
Eine Position auf der Hälfte der Strecke zwischen den Gesprächspartnern, die
in normaler Unterhaltung als recht weit von beiden entfernt angesehen wird,
könnte dann mit der Kategorie ,weiter entfernt' oder ,von beiden entfernt'
identifiziert werden; wenn das der Fall ist, dann ist die Interpretation ,nah dem
Angesprochenen' der mittleren Kategorie offensichtlich korrekt. Wenn dieser
Test keine Entscheidung bringt, setze man die Gesprächspartner in einer normalen Gesprächsdistanz voneinander und bitte den Sprecher, die Lage eines
Dinges anzugeben, das nur wenig von ihm entfernt ist, ihm aber näher ist als
seinem Gesprächspartner; man beobachte, welche Form er verwendet. Wenn
es sich herausstellt, daß er die Form verwendet, die man gern die Form ,nah
dem Angesprochenen' genannt hätte, muß man für sie einen anderen Namen
finden.
In einem normalen Gespräch ist der Gesprächspartner natürlich nur wenig
vom Sprecher entfernt und sein Standort wird, wenn er vom Standort des Sprechers verschieden ist, im allgemeinen mit der Form ,näher entfernt' bezeichnet. Es mag möglich sein, daß die Ausdrücke in einem dreifachen Ortssystem
grundsätzlich nach der relativen Entfernung vom Sprecher interpretiert werden;
die typische Verbindung von Angesprochenem und mittlerem Ausdruck hat
aber zur Ausbildung bestimmter Konventionen geführt, aufgrund derer der
mittlere Ausdruck, wie z.B. beim Briefschreiben im Spanischen, sich auf die Position des Adressaten bezieht und damit unabhängig vom grundlegenden Gebrauch verwendet wird.
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Engl. there „da, dort" besitzt eine gestische ortsdeiktische Funktion; es hat
zudem auch anaphorische Funktion. Die letztere sieht man sehr deutlich an
der Tatsache, daß man im Englischen sagen kann We're there „Wir sind da".
Dieser Satz ist angemessen, wenn wir gerade an der Stelle angekommen sind,
über die wir geredet haben; das Wort there wird hier anaphorisch und nicht
deiktisch gebraucht.
In Sprachen mit der Unterscheidung ,näher entfernt' - .weiter entfernt'
wird es nötig sein, anzugeben, ob beide Ausdrücke mit dem Merkmal .entfernt'
anaphorisch benutzt werden können oder ob einer nur gestisch verwendet werden kann. Im geschriebenen Japanischen kann nur das Adverb soko „näher
entfernt" anaphorisch verwendet werden; das Adverb asuko/asoko „weiter
entfernt" kann nur deiktisch verwendet werden.
Es ist vielleicht sinnvoll, an dieser Stelle den Umfang der Gebrauchsweisen
von Demonstrativa zu erörtern; einschließlich solcher, die nicht eigentlich deiktisch sind.
Zuerst gibt es den gestischen Gebrauch, in dem Demonstrativa den .Zeige'Akt begleiten, durch den Objekte in Bezug auf ihre Verbindung mit dem Sprecher identifiziert werden. Es kann sich ergeben, daß in einer Sprache, die ein
zweigegliedertes System der Demonstrativa hat, nur einer der Ausdrücke (immer die Form ,nah'? ) in Verbindung mit Zeigegesten benutzt wird; das ist offenbar im Hebräischen und Arabischen der Fall.
Dann gibt es den symbolischen Gebrauch, in dem Positionen nach ihrer Beziehung zum Sprecher oder Hörer identifiziert werden; bei diesem Gebrauch
hängt die Interpretation davon ab, ob der Hörer weiß, wo sich der Gesprächspartner befindet. Wenn jemand in nicht-gestischer Gebrauchsweise von dieser
Insel, diesem Planeten oder diesem Raum spricht, weiß der Hörer, daß die Insel, der Planet oder der Raum, der identifiziert wird derjenige ist, auf dem sich
der Sprecher zur Kodierzeit aufhält.
Die Hauptfunktion der Demonstrativa liegt darin, beim Identifizieren von
Objekten und Positionen die Achtung des Angesprochenen auf etwas zu lenken; daher ist es nicht besonders notwendig, diese Wörter in Gesprächen zu
verwenden, in denen der Bezug auf nicht-deiktische Weise hergestellt werden
kann. In solchen Gesprächen können dann die Demonstrativa für andere Zwekke verwendet werden; ich nehme an, daß sich Sprachen stark darin unterscheiden dürften, nach welchen Konventionen sie die Demonstrativa gebrauchen.
Im Englischen werden z.B. Demonstrativa in bestimmten Ausdrücken zum
Ausdruck männlicher Solidität verwendet; z.B. sagt der Tankstellenwärter
Check that oil? Demonstrativa werden ganz besonders in ärgerlicher Rede verwendet. Anstatt einfach zu sagen Get the beaver out of the house, „Schaff
den Biber aus dem Haus", kann ich meinen Gesprächspartner wissen lassen,
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daß ich ungeduldig und ärgerlich bin, indem ich die Artikel durch die entsprechenden Demonstrativa ersetze: Get that beaver out of this house.
Die Demonstrativpronomina können in Phrasen anaphorischer Bezugnahme
verwendet werden (die Bedingungen für diesen Gebrauch verstehe ich noch
nicht völlig). Es scheint der Fall zu sein, daß that benutzt wird, wenn zu erwarten ist, daß ein Gesprächspartner oder beide die Identität der Person oder
des Objekts der anaphorischen Bezugnahme kennen (etwa in that person, that
car; Ms hingegen wird gewählt, wenn der Sprecher annimmt, daß der Angesprochene von der erwähnten Sache nichts weiß, und es wird in Fragen verwendet, wenn der Sprecher die Sache nicht identifizieren kann, aber annimmt, daß
der Angesprochene es kann. Beispiele: I went out with a friend of yours last
night. Well, this person told me... und Could this person you've been telling
me about by any chance be a native Speaker ofAlbanian? 10 Dazu gibt es eine
Parallele im Japanischen, wo in der Anapher die Demonstrativa sono „näher
entfernt" und ano „weiter entfernt" betroffen sind (Kuno 1970). Nach Kuno
zeigen Beispiele mit sono X, daß nur einer der Gesprächspartner in der Lage ist,
das erwähnte ,X' zu identifizieren; die Beispiele Kunos, in denen es der Sprecher ist, sind Aussagesätze, die, in denen es der Angesprochene ist, sind Fragesätze.
Mit der Anapher verwandt, aber doch verschieden ist der Gebrauch von Demonstrativpronomina in der Rededeixis, d.h. beim Bezug auf einen Teil einer
Äußerung, die einem gegenwärtigen Ausdruck unmittelbar vorausgeht oder unmittelbar folgt. Eine allgemeine Aussage, die man für das Englische machen
kann, ist: this kann gebraucht werden, wenn man sich auf etwas bezieht, das
entweder gerade passiert ist oder das gleich passieren wird, wohingegen that
nur gebraucht werden kann, wenn man sich auf etwas schon Geschehenes bezieht. Darüber wäre jedoch mehr als nur das zu sagen, da Tempus- und Aspektrestriktionen mit der Auswahl von this oder that in rückläufiger Rededeixis
verbunden zu sein scheinen. Eine Art der Betrachtungsweise besteht darin, anzunehmen, daß die Zeiteinheit, die die Auswahl von this festlegt, die Kodierzeit einschließt. 49 Minuten nach der vollen Stunde kann der Patient zum Therapeuten sagen: This has been a very valuable Session. 51 Minuten nach der
vollen Stunde muß er, wenn er den Therapeuten, der jetzt telefoniert, unterbricht, sagen: That was a very valuable session. Die Kombinationen that has
been und this was sind viel weniger akzeptabel.
Das Demonstrativpronomen ,nah' kann unter recht komplizierten Bedingungen zum Bezug auf die eigene Person verwendet werden; einige dieser Bedingungen diskutiert Schegloff 1968. Wenn jemand seine Identitä't nur mit der
Stimme angibt, wird im allgemeinen der Ausdruck this gegenüber I bevorzugt. Im Radio oder beim Telefonieren erwarte ich zu hören: This ist Walter
Cronkite; im Fernsehen erwarte ich: I'm Walter Cronkite.
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Bei der Rededeixis mit rückläufigem Bezug auf die Zahl einer Liste von
zwei Dingen sieht das Englische the former und the latter oder the first und
the second vor. Manche Sprachen verwenden für diesen Zweck Demonstrativa. Im Deutschen wird das Demonstrativ dieser (,nah') für das zweite Glied
der Aufzählung, das Demonstrativ jener (,fern') für das erste Glied verwendet.
Die Auswahl der Demonstrativa, die von der Reihenfolge, in der auf Objekte gezeigt wird, abhängt, wurde vorhin erwähnt. Der Gebrauch von Demonstrativa in Zeitadverbialen und bei der Identifizierung von Einheiten der Kalenderzeit wird unten diskutiert (Abschnitt 7).
6.
Im Englischen sind die einfachsten zeitdeiktischen Wörter now (,nah') und
then (,fern'); dabei ist zu beachten, daß then in Wahrheit nur anaphorische
Funktion hat. Bei der Analyse der Zeitdeixis ist auf die folgenden Informationen zu achten: Können die Formen ,nah' gestisch gebraucht werden? Ist die
Kategorie ,fern' nach Vergangenheit und Zukunft differenziert? Gibt es eine
Unterscheidung zwischen ,näher entfernt' und ,weiter entfernt', je nachdem,
ob die Referenzzeit nah oder fern der Kodierzeit liegt? Manche Sprachen
können in ihren zeitdeiktischen Adverbien andere Vorstellungen hinzufügen,
z.B. russ. sejchás und tepér. Das erstere bezieht sich auf einen Zeitabschnitt,
bei dem Anfang und Ende nahe der Kodierzeit liegen, das letztere identifiziert
einen Zeitabschnitt, der die Kodierzeit einschließt. In Kontexten nicht-präsentischer Tempora kann sejchás benutzt werden, wie etwa in Ausdrücken mit der
Bedeutung ,erst kürzlich' oder .sofort'; tepér kann in diesen Kontexten nicht
gebraucht werden.
Viele Sprachen bilden zeitdeiktische Adverbien durch den Gebrauch von
Demonstrativa, d.h. indem sie Ausdrücke auf die Zeitebene übertragen, die im
Grund ortsdeiktisch sind. Wenn die ortsdeiktischen Demonstrativa einen dreifach gegliederten Kontrast aufweisen, wird es, wie ich annehme, einige Unterschiede im Gebrauch der Ausdrücke für .näher entfernt' und .weiter entfernt'
geben, wie es etwa bei jap. sono toki und ano toki, die beide mit ,zu dieser Zeit'
übersetzt werden, der Fall ist. Es kann sein, daß bei diesem Beispiel die im letzten Abschnitt erwähnte Unterscheidung von Kuno eine Rolle spielt.
Zeitdeiktische adverbiale Nomina können im Japanischen — im Gegensatz
zum Englischen — zur Identifikation von Objekten in Possessivkonstruktionen
verwendet werden. Ein Mensch, der gerade vom Sprecher und vom Hörer beobachtet wird, oder der, weil er gerade das Zimmer betreten hat, im Bewußtsein
von beiden ist, kann als ima no hito (,der Mensch von jetzt') bezeichnet werden. Eine Sache, der sich Sprecher und Hörer eine kurze Zeit vor der Kodierzeit zugewendet hatten, kann als sakki no koto (,die Sache von vor kurzem')
bezeichnet werden.
159
In einer Beschreibung der deiktischen Muster einer Sprache müssen die grammatischen Mittel, die die Zeit eines Vorgangs mit der Kodierzeit in Beziehung
setzen, erklärt werden, aber die präzisen Methoden, mit denen man herausfinden kann, ob für einen gegebenen Fall die Kodierzeit für den Zeitbezug ausschlaggebend ist oder die Referenzzeit, die durch die Tempora des Satzes konstituiert wird, sind - zumindest für mich — manchmal unklar. Zunächst gibt
es natürlich unproblematische Fälle zur Beschreibung meßbarer Zeitstrecken
vor und nach der Kodierzeit; dazu gehören etwa die Konstruktionen N units
ago „vor N Einheiten" und N units from now „in/nach N Einheiten" im Englischen und ihre normalerweise recht unkomplizierten (oft jedoch idiomatischen)
Parallelen in anderen Sprachen. Die Sachlage stellt sich jedoch bei anderen Typen von Adverbien, wie z.B. recently „kürzlich" und soon „bald", nicht so einfach dar. In präteritalen Ausdrücken bezieht sich recently auf eine Zeit, die
nahe vor der Kodierzeit liegt; in Ausdrücken mit dem Plusquamperfekt jedoch
wird die Zeit des Präteritums als Orientierungspunkt genommen, nicht die Kodierzeit. Bedeutet das, daß in Perfektkonstruktionen die Fokuszeit als Orientierungspunkt dient? Offensichtlich nicht, da man nicht sagen kann: She will
recently have finished reading it. Der Gebrauch von zeitreferentiellen Nominalattributen scheint nur selten mit der Kodierzeit verbunden zu sein. Eines dieser
Attribute ist das adjektivisch verwendete future „zukünftig", z.B. in Sara's future husband, „Saras zukünftiger Mann", das in dieser Hinsicht mit Sara 's husband-to-be verglichen werden kann. Jenes ist deiktisch, dieses nicht. Das wird
durch die Tatsache evident, daß in präteritalen Sätzen die Beziehung als zukünftig zur Kodierzeit gesehen wird im ersten Fall, aber nicht im zweiten. Das
heißt: wenn man sagt Last summer I met Sara 's future husband at a health resort, besteht die Annahme, daß der betreffende Mann nicht Saras gegenwärtiger Ehemann zur Kodierzeit ist. Wenn man andererseits sagt: Last summer I
met Sara 's husband-to-be at a health resort, ist eine solche Annahme unnötig.
7.
Ein besonders interessantes Wortfeld, das mit der Zeitdeixis in Beziehung steht,
bildet die Gruppe der Ausdrücke, die die Beziehung zwischen Kodierzeit und
Einheiten der Uhr- oder Kalenderzeit herstellen. Ich möchte rasch die Begriffe
sichten, die man bei der Behandlung der relevanten Aspekte externer Zeit zu
benötigen scheint. Viele der hier erörterten Punkte gehen in der einen oder anderen Weise auf Leech 1968 zurück.
Zeiteinheiten werden in Bezug auf zyklische Phänomene in der Natur definiert: der tägliche Wechsel von Licht und Dunkelheit; das wechselnde Aussehen des Mondes; der Zyklus der Jahreszeiten, die jährliche Wanderung der Sonne, das Kürzer- und Längerwerden der Tage. Es gibt Ausdrücke, die Zeitab-
160
Charles J. Fillmore
schnitte zwischen sich wiederholenden Phasen dieser Zyklen bezeichnen, und
es gibt andere Ausdrücke, die nicht-natürliche Zyklen bezeichnen, die einerseits aus Unterabschnitten dieser Zyklen bestehen - wie Stunden - und die
andererseits aus Sequenzen mit fixierter Länge bestehen — wie Wochen.
Es gibt Ausdrücke, die dazu benutzt werden können, entweder feste Zeitspannen oder Zeiteinheiten mit konventionell festgelegten Anfangs- und Endpunkten zu bezeichnen; das heißt: manche Ausdrücke werden zur Bezeichnung
von nicht-kalendarischen Einheiten, manche zur Bezeichnung kalendarischer
Einheiten verwendet. Wenn das Wort year „Jahr" dafür gebraucht wird, die
zeitliche Distanz zwischen einem 18. März und dem nächsten anzugeben, sprechen wir von einer nicht-kalendarischen Einheit; wenn es aber dafür verwendet
wird, eine Zeitspanne, die am 1. Januar beginnt und am folgenden 31. Dezember endet, zu bezeichnen, dann sagen wir, daß es eine kalendarische Einheit benennt. Manche Ausdrücke bezeichnen nur kalendarische Einheiten, z.B. April.
Für einige Zyklen existiert ein ausgezeichneter erster Ausdruck; man meint
z.B., daß die Monatsnamen mit Januar anfangen. Andere — beispielsweise die
Jahreszeiten - haben keinen ersten Term. Hallowell 1957 weist daraufhin,
daß bei den Saulteaux die Mondmonate Namen haben; es gibt aber keinen ,ersten'. Wenn man sie auffordert, die Namen der Monate aufzusagen, beginnen
die Saulteaux mit dem gerade laufenden Monat.
Eine letzte Bemerkung: Unter den Bezeichnungen für Zeiteinheiten gibt es
eine Unterscheidung gerade zwischen sog. Appellativen und Eigennamen. Ausdrücke wie hour „Stunde", day „Tag", week „Woche", month „Monat", year
„Jahr", decade „Jahrzehnt" usw. sind Appellativa, Wörter wie Thursday „Donnerstag", April „April", the 18th Century „das 18. Jahrhundert", autumne
„Herbst" und afternoon „Nachmittag" sind Eigennamen. Zeiteinheiten mit
Eigennamen sind die mit Namen versehenen Glieder eines Zyklus.
Den, der die Deixis untersucht, interessieren Ausdrücke, die die Kodierzeit
zu dieser oder jener der externen Zeiteinheiten in Beziehung setzen. Wir betrachten zunächst das englische Wort today „heute". Es identifiziert eine zum
Kalendertag gehörige Zeit, in dem die Kodierzeit enthalten ist oder es bezieht
sich auf den Kalendertag als ganzen. Das heißt: Wenn man sagt: Today is the
25th of November „Heute ist der 25. November", identifiziert das Wort today
den Kalendertag als ganzen; wenn man sagt: She kissed me today, „Heute hat
sie mich geküßt", identifiziert man das Geschehen als eines, das während des
Kalendertages, der die Kodierzeit enthält, vor sich gegangen ist. Die meisten
Sprachen haben ein Wort mit der Bedeutung ,heute' - ich nehme es zumindest
an (es könnte jedoch in einigen Fällen homophon mit dem Wort für jetzt' sein);
aber man sollte sein Augenmerk auf ein oder zwei Dinge richten. Es könnte
sein, daß die untersuchte Sprache verschiedene Möglichkeiten besitzt, den je-
Ansätze zu einer Theorie der Deixis
161
weiligen Kalendertag zu identifizieren und die Zeit zu identifizieren, zu der innerhalb eines Kalendertags ein Geschehen vonstatten geht. Ausdrücke des letzteren Typs können unterteilt werden in Ausdrücke, die sich auf Geschehnisse
vor der Kodierzeit oder nach der Kodierzeit beziehen; es kann aber auch der
Fall eintreten — wie offensichtlich in einigen Chinantec-Dialekten (Calvon
Rensch, persönliche Mitteilung) -, daß es nur ein besonderes Wort für die Bedeutung .heute zu einem früheren Zeitpunkt' gibt.
Die Wörter tomorrow „morgen" und yesterday „gestern" identifizieren die
Kalendertage (oder Zeiten innerhalb der Kalendertage), die dem Kalendertag,
der die Kodierzeit enthält, folgen bzw. vorausgehen. Im Englischen besitzen
wir besondere lexikalische Einheiten für Kalendertage, die einen Tag vor bzw.
nach einem bestimmten Tag liegen; Kalendertage, die zwei Tage vor oder nach
einem bestimmten Tag Hegen, werden auf besondere Weise identifiziert: day
before yesterday und day after tomorrow; für Kalendertage, die weiter von
einem bestimmten Tag entfernt sind, benutzen wir jedoch Ausdrücke mit Maßgaben, z.B. three days ago „vor drei Tagen", seven days from now „heute in
sieben Tagen".
Manche Sprachen besitzen besondere Wörter für Kalendertage, die mehr als
zwei Tage von heute entfernt sind. Das Persische hat Ausdrücke für zwei Tage
in der Zukunft und vier Tage in der Vergangenheit; Japanisch: drei Tage in der
Zukunft, drei Tage in der Vergangenheit, so auch im Russischen; Vietnamesisch: drei Tage in der Zukunft, vier Tage in der Vergangenheit. Chinantec von
San Juan Lealao: vier Tage in der Zukunft, vier Tage in der Vergangenheit
(James Rupp, persönliche Mitteilung).
In manchen Sprachen werden die Tage, die den heutigen Tag umgeben, nach
ihrer Entfernung von heute benannt, jedoch unabhängig von Zukunft oder Vergangenheit.11 Hindi z.B. hat Wörter für drei Tage Entfernung: kal bedeutet
.heute'; parsõ bedeutet entweder ,gestern' oder ,morgen'; tarsõ bedeutet .zwei
Tage von heute entfernt' und narsõ bedeutet ,drei Tage von heute entfernt',
und zwar in beide Richtungen.
Für die Beziehung zwischen Kodierzeit und Einheiten, die nicht Tage sind,
werden gewöhnlich besondere, analytische Ausdrücke verwendet; man kennt
aber auch Sprachen, die nicht-analysierbare lexikalische Einheiten für die Bedeutung ,dieses Jahr' besitzen. Das engl. Muster Ms X „dies- X", next X
„nächst- X", last X „letzt- X", X after next „übernächst- X" und X before
last „vorletzt- X" gilt für Wochen, Monate und Jahre. Das Japanische besitzt
ein etwas unregelmäßiges Kompositionsverfahren, das an kotosi (,dieses Jahr'),
kyonen (,letztes Jahr') und rainen (,nächstes Jahr') demonstriert werden kann;
die Muster für Wochen und Monate sind etwas anders.
162
Charles J. Fillmore
In diesen Beispielen war das ,X' eine durch ein Appellativum ausgedrückte
Kalendereinheit; das this „dies" hat die Funktion, dieses ,X', das den Zeitpunkt
des Sprechens - die Kodierzeit - enthält, zu identifizieren; die Wörter next
„nächst-" und last „letzt-" dienen zur Bezeichnung der Einheiten, die der
Einheit, die die Kodierzeit enthält, unmittelbar folgen oder vorausgehen. Bei
durch Eigennamen ausgedrückten Zeiteinheiten ist das Muster anders; es
scheint sogar für Unterteilungen von Tagen und für größere Einheiten mit
Eigennamen unterschiedlich zu funktionieren. Einheiten mit Eigennamen
sind die mit Namen versehenen Glieder eines Zyklus, und es kann eine Kalendereinheit, die mit diesem Zyklus korrespondiert, geben oder auch nicht. Bei
Jahreszeiten und Tagesunterteilungen gibt es keine Kalendereinheit, wohl
aber für Wochentage und die Monate des Jahres. Für das Englische meine ich
damit folgendes: Da der Jahreswechsel im Winter liegt und der Tageswechsel
in der Nacht, gibt es keine eindeutige größere Kalendereinheit, die eine vollständigen Jahreszeitenzyklus oder einen vollständigen Zyklus der Tagesunterteilungen echt enthält.
Die verschiedenen Muster der Einheiten mit Eigennamen enthalten alle das
folgende: Pi sei eine Variable über Einheiten mit Eigennamen der Größe i;
Ci sei der durch eine wiederholungsfreie Sequenz von Pi definierte Zyklus;
Ci' sei die Kalendereinheit der Größe Ci. Der Index i verläuft über Tagesunterteilungen, Wochentage, Monate und Jahreszeiten. Im allgemeinen bedeutet
this Pi „dies- Pi": ,das Pi, das im Ci', welches die Kodierzeit enthält, enthalten
ist'.Abweichungen hängen von zusätzlichen Bedingungen ab: Kann die Kodierzeit im erwähnten Pi enthalten sein oder nicht? This morning z. B. kann man
am Morgen sagen; man kann aber nicht an einem Donnerstag this Thursday
„diesen Donnerstag" sagen.) Muß die Kodierzeit dem erwähnten Pi vorausgehen? (This afternoon beispielsweise kann man am Morgen oder am Abend
sagen; obwohl jedoch this Thursday „diesen Donnerstag" in allen ,Dialekten'
am Montag gebraucht werden kann, kann es in manchen am Sonnabend nicht
gebraucht werden.) Schwierigkeiten entstehen, wenn Ci von Ci' verschieden
ist (so gibt es einige Unklarheiten über die Gebrauchsbedingungen von this
winter, und weil die Sprecher des Englischen keine festen Vorstellungen
davon haben, wenn der Wochenzyklus beginnt.
Ein Ausdruck this mit einer Tagesunterteilung bezieht sich auf eine Unterteilung eines Kalendertags, die die Kodierzeit mit einschließt. This morning,
this afternoon und this evening beziehen sich auf den Morgen, den Nachmittag und den Abend (oder auf Zeiten, die in diesen Tageszeit enthalten sind)
einschließlich der Kodierzeit. Eine andere Sprache kann natürlich nicht-analysierbare lexikalische Elemente für diese Einheiten besitzen, sie kann den Tag
in Einheiten von verschiedener Dauer aufteilen, sie kann Muster wie .heute
l
Ansätze zu einer Theorie der Deixis
163
morgen/früh' benötigen und es kann möglich sein, daß man sich auf verschiedene Weisen auf Unterteilungen des heutigen Tages bezieht, je nachdem, ob die
Unterteilung selbst die Kodierzeit enthält oder nicht.12
Im Englischen besteht das Muster zur Benennung von Unterteilungen des
heutigen Tages aus this plus dem Namen der Unterteilung; aber es gibt eine
Ausnahme: tonight. Für die Entfernung von einem Tag ist das Muster: Name
des Tages plus Name der Unterteilung, yesterday afternoon „gestern nachmittag", tomorrow morning „morgen früh"; wiederum mit einer Ausnahme:
last night. Im Englischen werden die Tageszeiten von Tagen, die vor gestern
oder nach morgen liegen, nicht besonders benannt, mit der Ausnahme: night
before last. Die Tageszeit, die in allen Fällen die Ausnahme vom Muster bildet,
ist night; night ist jedoch, wie wir bereits sahen, keine echte Unterteilung des
Kalendertages. In anderen Sprachen können sich die Sachverhalte wiederum
ganz anders darstellen. Im Lalana Chinantec z. B. gibt es besondere Wörter
für ,gestern nachmittag' und ,vorvorgestern nachmittag' (Calvin Rensch, persönliche Mitteilung).
Der Gebrauch von this, next und last bei Tages- oder Monatseinheiten mit
Eigennamen ist im Englischen äußerst variabel und ist häufig Ursache für das
Scheitern der Kommunikation und für verpaßte Verabredungen. Eine der
weniger angenehmen Aufgaben der Deixis-Forschung besteht darin, diese
Variabilität genauer zu erfassen.
Nehmen wir z.B. next „nächst-". Next Thursday „nächsten Donnerstag"
kann entweder den Donnerstag der nächsten Woche meinen oder den kommenden Donnerstag. Oft fallen beide Möglichkeiten zusammen (wenn man
es etwa am Freitag oder Sonnabend sagt); falls man es am Mittwoch sagt,
weiß man, daß es sich auf den Donnerstag der folgenden Woche bezieht, da
sonst als erstes das Wort tomorrow „morgen" gewählt worden wäre. Wie
verhält es sich aber, wenn jemand den Ausdruck next Thursday „nächsten
Donnerstag" am Montag verwendet? Wir müssen ihn einfach fragen, was er
meint. Ähnliche Probleme gibt es in Bezug auf den Gebrauch von last „letzt".
Natürlich sind in der Sprache Mittel vorgesehen, die Klarheit über diese Bezeichnungen schaffen, wie z. B. this coming Thursday „diesen kommenden
Donnerstag" oder the Thursday of last week „der Donnerstag letzter Woche",
aber in diesem Gebrauchsbereich scheinen die Sprecher vom antizipatorischen Dekodieren nicht viel Gebrauch zu machen.
Noch schwieriger ist das Muster mit this „dies-". Folgende Konventionen
folgt zumindest ein nativer Sprecher des Englischen m. E.: Ich kann sagen,
daß ein Geschehen this Thursday „diesen Donnerstag" vor sich geht, wenn
(i) die Kodierzeit in derselben Kalenderwoche enthalten ist wie die Zeit des
Geschehens, (ii) die Kodierzeit vor der Geschehenszeit liegt, (iii) die Kodier-
164
Charles J. Fillmore
zeit nicht im selben Tag enthalten ist wie die Geschehenszeit und (iv) die
Kodierzeit nicht in dem Tag enthalten ist, der dem Tag, in dem die Geschehenszeit enthalten ist, vorausgeht (sonst würde man tomorrow „morgen" sagen).
Die Sachlage ist deshalb so schwierig, weil über Bedingung (ii) Uneinigkeiten
herrschen kann, da die Sprecher den Wochentag manchmal nicht wissen und
da niemand weiß, ob die Woche am Sonntag oder am Montag beginnt (alle
sind jedoch der Meinung, daß sie mit einem dieser Tage beginnt). Es ist darauf
hinzuweisen, daß jemand, der den gerade beschriebenen Konventionen folgt,
Ausdrücke der Form this X-day „diesen X-tag" nicht gebrauchen kann, wenn
er am Sonnabend spricht, und daß er den Ausdruck this Monday nicht braucht.
Die Ausdrücke, die eine Beziehung zwischen der Kodierzeit und der externen Kalender- oder Uhrzeit herstellen, umfassen nicht nur Nomina und
Adverbiale des bis jetzt diskutierten Typs. Manche Sprachen besitzen Tempusflexionen, die sich auf die Zeit von natürlichen Zyklen beziehen. Das Palantla
Chinantec hat zwei Tempusmorpheme in Kompletivsätzen: das eine wird für
Geschehnisse, die sich früher am selben Kalendertag ereignet haben, benutzt,
das andere für Geschehnisse, die sich entweder gerade ereignet haben oder die
sich vor dem heutigen Tag ereignet haben (Merrifield 1968, S. 25). Das Amahuaca, eine Panoa-Sprache in Peru, hat ein Tempusaffix, das ,gestern' bedeutet,
wenn es am Morgen eines Tages gebraucht wird, und das ,heute morgen' bedeutet, wenn es später am Tag benutzt wird (Robert Rüssel, persönliche Mitteilung). Und in mindestens einem Fall hängt die Wahl eines Nomens zur Benennung eines Objekts von der Tageszeit ab, zu der kodiert wird. Im Marokkanischen Arabischen heißt eine Nadel so am Morgen, anders zu anderen Tageszeiten. (Charles A. Ferguson, persönliche Mitteilung).
8.
In der Rededeixis wird auf einen Teil der Rede, die den deiktischen Ausdruck
enthält, Bezug genommen. In Sprachen mit Schreibtraditionen kann es verschiedene Mittel der Rededeixis für gesprochene und geschriebene Sprache
geben. Sprachen mit Schreibtraditionen können sich weiterhin darin unterscheiden, bis zu welchem Grad es möglich ist, die der Schriftsprache zugehörigen Mittel in die gesprochene Sprache einzuführen. Sogar in formeller
Rede ist es im Englischen Unangebracht, sich auf vorher Erwähntes mit the
above „das Obige" zu beziehen, während die jap. Parallele ijoo im höchst
formellen Redestil häufig vorkommt.
Wie oben erwähnt, kann engl. this sich auf soeben Geschehenes oder etwas,
was im Begriff ist zu geschehen, beziehen. In Abschnitt 5. wurde ausgeführt,
daß die Wahl davon abhängt, ob der Sprecher meint, daß die Zeitspanne des
Geschehens sein subjektives jetzt' überlappt, es einschließt oder in ihm ein-
Ansätze zu einer Theorie der Deixis
165
geschlossen ist. Infolgedessen kann nur this gewählt werden zum Bezug auf
ein gerade stattfindendes Geschehen, wie etwa in der Ansage mitten im Programm: This is the CBS News.
That kann sich nur auf den unmittelbar vorausgehenden Teil einer Rede
beziehen, und dieser Gebrauch sollte von der rein anaphorischen Verwendung
von that unterschieden werden. Spezifischer für Rededeixis sind Ausdrücke
wie the following „das Folgende" oder the preceding „das Gesagte". Zum
Bezug auf eine Liste von zwei Dingen im vorausgehenden Redeteil benutzt
das Englische die Ausdrücke the former „das erstere" und the latter „das
letztere". Das erstere bezieht sich auf das erste Glied der Liste, das letztere
auf das zweite. Viele Sprachen benutzen in dieser Funktion Demonstrativpronomina oder nominal gebrauchte demonstrative Adjektive.
Manchmal trifft man auf etwas, was man nahe Rededeixis nennen könnte,
wo z. B. Bezug genommen wird auf den gerade geäußerten Satz, etwa in This
sentence contains five words „Dieser Satz besteht aus fünf Wörtern", oder
auf ein bestimmtes Charakteristikum der Rede, wie etwa in dem Satz: He
spoke about this loud „Er sprach etwa so laut", der mit einer bestimmten
Lautstärke ausgesprochen wird. Personaldeixis wird in geschriebener Sprache
oft durch eine indirekte Form ausgedrückt, die den Bezug zur Rede herstellt.
Im Deutschen ist die Referenz explizit: Schreiber dieses, im Englischen
implizit the present writer.13
9.
Einen besonders interessanten Problemtyp — der manchmal in der Derivationsund Flexionsmorphologie, manchmal in der Auswahl von Lexikoneinheiten
relevant wird - stellen die Bewegungsverben dar, für die manche Aspekte der
Kommunikationssituation wichtig sind, wenn es darum geht, den Ausgangspunkt und das Ziel der Bewegung zu bestimmen. Dieses Thema haben wir schon
vorhin in Zusammenhang mit der Bedeutung der Kategorien ,zum Sprecher
hin' und ,vom Sprecher weg', die Merrifield für das Palantla Chinantec aufstellte, berührt.
Die Kategorien, die wir für Bewegungsverben spezifizieren müssen, zerfallen
offenbar in zwei Gruppen: 1. Ist der Standpunkt der des Sprechers, der des
Angesprochenen oder der entweder des Sprechers oder des Angesprochenen?
2. Ist der Standort, auf den Bezug genommen wird, der Standort des relevanten Gesprächteilnehmers zur Kodierzeit, der Standort zur Zeit der Bewegung
oder ist es sein Domizil?
Die Chinantec-Sprachen sind für ihren Gebrauch der Kategorie ,Domizil' bei
der Flexion von Bewegungsverben bekannt. Das Lalana Chinantec besitzt für
einige elementare Bewegungsverben suppletive Varianten, deren Auswahl da-
166
Charles J. Fillmore
von abhängt, ob die Bewegung auf den Sprecher hin erfolgt oder nicht (und
das bedeutet m. E.: auf den gegenwärtigen Standort des Sprechers hin), und
es hat Flexionsvarianten, die danach ausgewählt werden, ob die Bewegung
auf das Domizil des Sprechers hin gerichtet ist oder nicht (Calvin Rensch, persönliche Mitteilung). Wenn ich in dieser Sprache sagen will, daß jemand am
Punkt X angekommen ist, muß ich eines von vier Verben wählen, je nachdem,
ob ich gegenwärtig in X bin und X mein Domizil ist ([ge •? n32 ]), ob ich in X
bin und X nicht mein Domizil ist ([gwen23 ]), ob ich nicht in X bin und X mein
Domizil ist ([dxe • ? 32 ]) oder ob ich nicht in X bin und X nicht mein Domizil
ist([dxo•32]).
Viele Sprachen haben einfache Verben, die man mit ,kommen' und ,gehen'
zu übersetzen geneigt ist, oder flektierte Formen, die man analytisch mit
,kommen, zu Fuß', ,gehen, zu Fuß', ,kommen, schwimmend', ,gehen, schwimmend' usw. übersetzen möchte. Diese Sprachen unterscheiden sich jedoch voneinander darin, ob der Zielpunkt der Verben mit der Bedeutung ,kommen' nur
der Standort des Sprechers ist oder der Standort entweder des Sprechers oder
des Angesprochenen. Im Englischen bedeutet come „kommen" entweder Bewegung auf den Standort des Sprechers hin oder auf den des Angesprochenen,
entweder zur Kodierzeit oder zur Zeit der Bewegung (Fillmore 1965). Jap.
kuru und span. venir bedeuten Bewegung auf den Standort des Sprechers hin
zu einer der beiden Zeiten. Man kann sich diese Unterscheidung leicht so
merken: In Sprachen, in denen es wie im Englischen ist, sagt der Sohn, wenn
ihn die Mutter zum Frühstück ruft: ,Ich komme'; in Sprachen, in denen es
anders ist, sagt der Sohn: ,Ich gehe'.14
10.
Die genaue Funktion der Standorte der Gesprächsteilnehmer bei Bewegungsverben und die Grundfunktion der ortsdeiktischen Kategorien sind manchmal
schwer festzustellen, und zwar weil ein Prozeß wirkt, den ich folgendermaßen
nennen will: die Perspektive des anderen übernehmen. Die Opposition ,nah/
fern' der Ortsdeixis und die Opposition ,auf den Sprecher hin/nicht auf den
Sprecher hin' bei Bewegungsverben werden im Mazahua in manchen Fällen
beim Briefeschreiben zwischen Absender und Empfänger umgekehrt (Don
Stuart, persönliche Mitteilung). Das mag aus Ehrerbietung geschehen oder es
kann sein, daß die Sprachbenutzer noch keine Konversation aufgestellt haben,
über die Standorte von Absender und Empfänger zu reden, wenn diese sich in
einem (möglicherweise unbekannten) Abstand voneinander befinden und wenn
auch Enkodier- und Dekodierzeit verschieden sind.
Wir wollen folgenden Fall betrachten: A bittet B, dorhin zu gehen, wo A
ist. Im Englischen ist es immer richtig, I'll come „Ich werde kommen" oder
Ansätze zu einer Theorie der Deixis
167
I'm coming „Ich komme" zu sagen oder zu schreiben. Im Japanischen sagt
oder schreibt man ,Ich gehe'. Im Thai sagt man ,Ich gehe dorthin', wenn man
am Telefon antwortet, ,Ich komme hierhin', wenn man in einem Brief antwortet (William Gedney, persönliche Mitteilung). Im Ungarischen lautet die typische Antwort ,Ich gehe', aber wenn man gerufen wird und sofort folgt — wenn
z.B. ein Kind zu Tisch gerufen wird —, lautet sie entweder ,Ich komme' oder
,Ich gehe' (Edith Moravcik, persönliche Mitteilung). Es scheint überlegenswert
zu sein, daß die Möglichkeit eines Sprachbenutzers, dem Adressaten die Kategorie ,nah' und sich selbst die Kategorie ,fern' zuzuschreiben, aus einer Form der
ehrerbietigen Rede hervorgegangen sein könnte.
Eine parallele Wahl gibt es bei der Zeitdeixis, wenn die Enkodierzeit des
Senders in einigem Abstand zur Dekodierzeit des Empfängers liegt. Normalerweise wird das, was der Sprecher sagt, im wesentlichen gleichzeitig vom Angesprochenen aufgenommen: zwischen Enkodier- und Dekodierzeit liegt kein
Abstand. Das hat sich durch verschiedene Erfindungen geändert, die ein
dauerhafteres Medium als Schallwellen zur Verfügung stellen oder die haltbare
Aufnahmen von Sprechakten ermöglichen. Der Begriff Kodierzeit, der bislang
von gutem Nutzen war, muß daher so aufgeschlüsselt werden, daß er sich auf
die Enkodierzeit des Sprechers oder Schreibers oder die Dekodierzeit des
Hörers oder Lesers bezieht.
Wenn Enkodier- und Dekodierzeit verschieden sind, muß die Zeit, die in
einem Satz als zentral gilt, die eine oder die andere sein; und es gibt nicht
immer wohldefinierte Konventionen, nach denen der Sprecher oder Schreiber
entscheiden kann, welche er benutzen soll. Wenn ich am 23. Dezember einen
Brief schreibe, der vermutlich am 27. Dezember zugestellt wird, weiß ich nicht,
ob ich schreiben soll: I hope you have a nice Christmas „Ich hoffe, daß Sie schöne Weihnachten haben" oder I hope you had a nice Christmas „Ich hoffe, daß
Sie schöne Weihnachten hatten". Im ersten Fall gilt die Schreib- (oder Enkodier-)zeit als zentral, im zweiten die Lese- (oder Dekodier-)zeit. Eine Wahl, die
im Briefstil des Lateinischen offenbar bewußt getroffen wurde, bestand darin,
daß die Schreibzeit mit einem Tempus der Vergangenheit, die Zeit vor der
Schreibzeit mit dem Plusquamperfekt ausgedrückt werden konnte (erwähnt bei
R. Lakoff 1970, S. 847). Diese Möglichkeit besteht im Englischen überhaupt
nicht.
Manche Autoren benutzen die Schreibzeit als zentrale Zeit: As I sit here at
my desk writing these words. . . „Ich sitze hier am Tisch und schreibe diese
Zeilen ...". Für andere ist die Lesezeit zentral: You are now reading a book
which will change your life „Sie lesen jetzt ein Buch, das Ihr Leben verändern
wird". Da das Tempus eines Satzes eindeutig auf eine der beiden Zeiten basieren muß, erwarten wir nicht, in einem Buch einen Satz mit folgendem Anfang
168
Charles J. Fillmore
zu finden: As I sit here at my desk writing the words which you are now reading... „Ich sitze hier am Tisch und schreibe die Zeilen, die Sie jetzt lesen...".
Wenn man ein Videoband benutzt, taucht in gesprochener Sprache ein analoges Problem auf. Die Darsteller in einer aufgezeichneten Fernsehshow, in der
die Zuschauer angesprochen werden, wissen manchmal nicht recht, ob sie sagen sollen: This program will be broadcast three days from now „Dieses Programm wird heute in drei Tagen gesendet" oder This show was taped three
days ago „Diese Show ist vor drei Tagen aufgezeichnet worden".
Ein Mensch, der über solche Dinge nie nachdenkt, ein Mensch der sein sprachliches Verhalten nie durch überlegtes antizipatorisches Dekodieren modifiziert,
gehört zu den Menschen, die eine Notiz an ihre Bürotür heften mit der Aufschrift: Back in half an hour „Bin in einer halben Stunde zurück".
11.
Einige Ausdrücke der Lokalisierung haben verschiedene Formen, je nachdem,
ob es für den Sprecher nötig ist, die Perspektive des Angesprochenen zu übernehmen. Wenn ich sage A is to the right of B „A ist rechts von B", so ist das
richtig, wenn der Angesprochene und ich in gleicher Position zu B stehen.
Wenn unsere Positionen zu B verschieden sind, muß ich etwa sagen: A is to the
right of B as you're facing it ,,A ist rechts von B, wenn du davorstehst"; oder
wenn ich einen Orientierungspunkt angeben muß, der woanders liegt als der
Ort, wo wir uns zur Kodierzeit aufhalten, könnte ich etwas sagen wie: A is to
the right of B if you're looking north from the cemetery gate A ist rechts von
B, wenn man aus nördlicher Richtung vom Friedhofstor guckt".
In diesem Zusammenhang muß auf eine Ambiguität der Wörter left „links"
und right „rechts" eingegangen werden. Wenn das B des Satzes A is to the right
ofB „A ist rechts von B" etwa ein großer Felsen ist, kann der Satz einen rein
deiktischen Effekt haben. Wenn das B etwas ist, das selbst nach vorn/hinten/
links/rechts orientiert ist, wie etwa ein aufrecht stehendes Pferd, könnte der
lokale Ausdruck nicht-deiktisch sein - in einem solchen Fall wäre es aber natürlicher zu sagen A is on the right side of B . Beim nicht-deiktischen Gebrauch
von right „rechts" und left „links" und behind „hinter" und in front of „vor"
trägt der Satz immer dieselbe Information ohne Rücksicht darauf, wo einer der
beiden Gesprächsteilnehmer sich befindet.
Auf diese Unterscheidung müssen die Autoren von Grammatiken und Wörterbüchern achten, und sei es nur deshalb, daß sie den Leser wissen lassen, ob
die Glossen ,rechts von', ,hinter' usw. für bestimmte Ausdrücke in ihrer deiktischen oder nicht-deiktischen Verwendung zu interpretieren sind. Nehmen wir
das Wort behind „hinter". Bei irgendeiner Gelegenheit könnte ich zu Ihnen
sagen: There's a porcupine behind that tree „Hinter diesem Baum ist ein Sta-
Ansätze zu einer Theorie der Deixis
169
chelschwein"; ich sage damit folgendes: auf der Seite des Baumes, die der Seite, auf der wir uns befinden, gegenüberliegt, ist ein Stachelschwein. Wenn ich
bei einer anderen Gelegenheit sage: There's a porcupine behind that car „Hinter diesem Auto ist ein Stachelschwein", lokalisiere ich das Tier in Bezug auf
das Auto (es ist auf der Rückseite des Autos); in diesem Fall wird auf Ihren
und meinen Standort kein Bezug genommen. Da es diese besonderen Verwendungen bestimmter lokaler Ausdrücke gibt, ist es wichtig, bei einer Sprachbeschreibung klarzustellen, ob das Wort, das man mit behind „hinter" oder left
„links" oder ihren Gegenstücken übersetzt, den gleichen Gebrauchsumfang der
englischen Wörter hat oder ob es auf deiktischen oder nicht-deiktischen Gebrauch eingeschränkt ist.
12.
Bis hier sind die Umstände, die den Hintergrund meiner Diskussion deiktischer
Kategorien gebildet haben, sehr recht einfach gewesen: jemand übermittelt jemandem eine Nachricht, und die Gesprächspartner rühren sich nicht vom Fleck.
Als nächstes ist zu überlegen, was passiert, wenn der Sprecher eines Satzes selber in Bewegung ist. Auf dieses Thema gehe ich nur kurz ein, hauptsächlich zu»
dem Zweck, auf den nächsten Abschnitt überzuleiten.
Was man als erstes bemerkt, ist, daß es möglich wird, räumliche Ausdrücke
in temporaler Funktion zu gebrauchen, wenn das Zentrum in Bewegung ist.
Da Bewegung die Veränderung in der Lokalisierung eines Dinges in Raum und
Zeit meint, ist es möglich, daß Bewegung durch räumliche und zeitliche Ausdrücke für Anfangspunkt, Endpunkt und Intervalle charakterisiert werden kann.
Wörter wie ago „vor" und during „während" zeigen zeitliche Abstände und
Intervalle an. Trotzdem können Menschen, die im Auto fahren, sinnvollerweise sagen: I first noticed that funny noise about ten miles ago „Ich habe dieses
komische Geräusch zuerst vor ungefähr zehn Meilen gehört" oder He's been
snoring during the last fifty miles „Er hat während der letzten fünfzig Meilen
geschnarcht". Als zweites fällt auf, daß ein Sprecher, der in Bewegung ist, seinen (in Wirklichkeit wechselnden) Standort als im Grunde festen Bezugspunkt
betrachten und den Rest der Welt als in Bewegung befindlich ansehen kann.
So können wir über this next town coming up „die nächste Stadt, die kommt"
und über the scenery passing by „die Gegend, die vorüberzieht" sprechen.
Ausdrücke vom ersten Typ nenne ich Ausdrücke des sich bewegenden Zentrums, Ausdrücke vom zweiten Typ heißen Ausdrücke der sich bewegenden
Welt.
170
Charles J. Fillmore
13.
In vielen Sprachen besitzen räumliche Ausdrücke metaphorisch übertragenen
Gebrauch in der zeitlichen Ebene; die Art, in der das geschehen ist, legt das
Bild nahe, daß im Verhältnis des Zentrums zur Zeit Bewegung involviert ist.
Das Interessante hierbei ist, daß metaphorische Ausweitungen sowohl Redewendungen des sich bewegenden Zentrums als auch Redewendungen der sich
bewegenden Welt verwenden, und zwar beide oft in ein und derselben Sprache.
Zu den temporalen Ausdrücken, die auf dem Bild des sich bewegenden Zentrums beruhen, gehören die, die es uns ermöglichen, für die Zukunft ahead und
für die Vergangenheit behind zu gebrauchen, weil es unsere Bewegung durch
die Zeit ist, die Vorwärtsgerichtetheit dem zuordnet, was wir noch nicht erlebt haben, und Rückwärtsgerichtetheit dem, was wir schon erlebt haben. Zu
den Ausdrücken, die auf ein festes Zentrum und sich bewegende Zeit hindeuten — d.h. Ausdrücke, die Redewendungen der sich bewegenden Welt auf die
zeitliche Ebene anwenden -, gehören Phrasen wie this coming Tuesday „der
kommende Dienstag" und Sätze wie Time passes swiftly „Die Zeit geht schnell
vorbei" und Christmas has come and gone „Weihnachten ist gekommen und
vorbeigegangen". Wenn die Zeit sich in Bewegung befindet, ist die vergangene
Zeit vorn und die Zeit, die noch nicht da ist, liegt hinten. Die eine Sprache
wählt die eine Metapher, wo die andere eine andere wählt. Im Vietnamesischen
heißt ,nächste Woche' wörtlich ,Woche zurück' und ,letzte Woche' heißt wörtlich ,Woche nach vorn' (Milton Baker, persönliche Mitteilung). Im Englischen
können wir von ,nächste Woche' als the week ahead of us „die Woche, die vor.
uns liegt" und von ,letzte Woche' the week behind us „die Woche, die hinter
uns liegt" reden.
14.
Zur Untersuchung der Deixis habe ich eine Reihe von Forschungsgebieten genannt, aber es ist offensichtlich, daß mein Verständnis dieses Themas noch nicht
zu dem Punkt gediehen ist, an dem ich eine Liste der zu behandelnden Phänomene aufstellen könnte, die für einen gründlichen Vergleich mehrerer Sprachen
nötig ist. Ich hoffe, daß ich das eines Tages tun kann.
Ich kann mir mindestens zwei weitere Themen vorstellen, die man überdenken sollte, obwohl ich hier nicht viel über sie sagen kann. Das eine Thema betrifft die Art und Weise, in der die deiktischen Ausdrücke einer Sprache in direkter Rede beschränkt sein können. Ich weiß nicht mehr, von wem ich es erfahren habe, aber es gibt in Mexiko Sprachen, in denen deiktisch verstandene
Wörter einfach immer deiktisch verstanden werden. In solchen Sprachen soll
es unmöglich sein, einen Satz zu sagen wie John said, „I would like to go there"
„Hans sagte: „Ich würde gern dorthin gehen" " mit den lokalen Entsprechungen von I „ich", go „gehen" und there „dorthin", wenn das gemeint ist, was
Ansätze zu einer Theorie der Deixis
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man mit dem Satz John said that he would like to come here „Hans sagte, daß
er gern hierher kommen würde" meint. Das zweite umfangreiche Thema, das
ich noch nicht diskutiert habe, betrifft Spuren von deiktischen Phänomenen
in Erzählungen in der 3. Person, die mit dem zentralen Charakter oder mit dem
zentralen raumzeitlichen Hintergrund einer Episode verknüpft sind. Etwas von
dem, was ich meine, wird deutlich, wenn man an die Bedingungen denkt, unter
denen es im Englischen möglich ist, das Verb come „kommen" in einem erzählenden Prosastück, das gänzlich in der 3. Person erzählt wird, zu gebrauchen.
In diesem Zusammenhang sollte man auch an die Funktion des historischen
Präsens denken, das, wie mir scheint, die Entscheidung voraussetzt, die zentrale Zeit der Sätze mit der sich verschiebenden Fokuszeit der Erzählung zu verschieben.
Übersetzt von Wilfried Kürschner
* Der Aufnahme dieses Aufsatzes in diesen Band (gemeint ist der Hawaii-Band) habe ich
unter (äußerst freundlichem) Druck zugestimmt. Ich betrachte ihn nicht als eine ausgereifte Stellungnahme zum Thema Deixis. An vielen Stellen habe ich Informationen verwendet, die mir Spezialisten in bestimmten Sprachen zur Kenntnis gebracht haben; bedauerlicherweise habe ich jedoch nicht die Zeit gehabt, mich bei ihnen zu vergewissern, ob ich
das, was sie mir berichtet haben, recht verstehe. Auf meinem Schreibtisch liegen Aufsätze
über Deixis, die ich aus Zeitmangel noch nicht gelesen habe. Frei und Bühler haben Behauptungen über die Verbindungen zwischen deiktischen Systemen und anderen linguistischen Systemen aufgestellt, die jeder ordentliche „Deiktiker" beurteilen können müßte,
was ich aber nicht kann. Und besonders leid tut es mir, daß ich nicht die Zeit habe, mich
mit den Problemen genauer zu beschäftigen, die sich aufgrund bestimmter Tatsachen der
Deixis in Bezug auf aktuelle semantische Theorien stellen.
172
Charles J. Fillmore
Anmerkungen
1. Die wichtigsten theoretischen Erörterungen über die Deixis in der linguistischen Literatur scheinen zu sein: Bühler 1934 (bes. S. 79-148), Frei 1944, Weinreich 1963 (bes. S.
123-127), Fillmore 1966 und Lyons 1968 (bes. S. 275-281).
In der psychologischen Literatur kenne ich nur den Hinweis auf die Deixis bei Rommetveit 1968 (passim, doch bes. S. 51-54 und 185-197).
Den einfachsten Zugang zu philosophischen Fragestellungen in Verbindung mit der
Deixis bieten Bar-Hillel 1954, Burks 1948-49 und Gale 1967. Gale enthält eine Diskussion der Positionen von Russell, Peirce und Reichenbach (mit Bibliographie).
Die Deixis beinhaltet ein Verständnis der Art und Weise, wie sprachliche Formen auf
der Grundlage der folgenden Parameter ausgewählt werden: die Wahrnehmungen seiner
eigenen Identität und der Identität seiner Gesprächspartner und Zuhörer durch den Sprachbenutzer; sein Bewußtsein, daß es dem Gesprächspartner möglich ist, seine Körperhaltungen und Bewegungen zu kontrollieren; seine Fähigkeit, die Teilnehmer eines Kommunikationsaktes in Raum und Zeit zu situieren; und seine Kontrolle über die zeitliche Organisation einer Rede. Deshalb teilt jemand, der die Deixis untersucht, eine Zahl von Interessen
mit Forschern in Nachbardisziplinen wie Kinetik, Proxemik, Ethnomethodologie, Redeanalyse und Soziolinguistik. Eine tiefergehende Untersuchung der Deixis müßte Unterschiede und Überschneidungen dieser Untersuchungsgebiete zeigen.
2. Die klassische Untersuchung von Brown und Gilman 1960 gibt detaillierte Auskünfte
über viele solcher Fakten im Französischen, Deutschen und Italienischen.
3. Merrifield schrieb mir kürzlich, daß, wenn man die Wirkung bestimmter lokaler Adverbiale außer acht läßt, die Verben mit der Bedeutung ,kommen' mit dem Standort des
Sprechers zur Zeit des Kommunikationsaktes zu tun haben.
4. Ich bitte um Entschuldigung, daß die Abschnitte, in denen ich die erste dieser Aufgaben zu lösen versuche, in der Form von Ratschlägen gehalten sind.
5. Gewisse Schwierigkeiten und Unklarheiten in Bezug auf diese Konzepte werden an passender Stelle behandelt.
6. Ausgenommen natürlich in speziellen Anweisungen, wie z.B. in Wenn ich „Abercrombie" sage, laufen Sie los!
7. Das Wort yea hat einen schlechten Ruf, doch das ist bedauerlich. Wörter erlangen ihr
Ansehen durch ihre Verwendung in hochbewerteten Texten der Schriftsprache, doch
nach diesem Standard wird unser Wort yea sehr ungerecht behandelt. Es kann in der
Schriftsprache, ausgenommen in Dialogen, einfach nicht verwendet werden.
8. Konversationen mit Blinden und Konversationen mit Tauben, die Lippen lesen können,
sind Situationen, in denen einem die Funktion von deixisbegleitenden Gesten schnell
klar wird. Bei Konversationen mit Blinden empfindet man das Unvermögen, Gesten zu
benutzen, als störend, doch kann das Problem sofort begriffen und ohne große Schwierigkeit gemeistert werden. Bei Konversationen mit Tauben kann man leicht vergessen, wenn
man gestische Raumdeixis gebraucht – und Gesten sind im allgemeinen Kommunikationshilfen –, daß der Angesprochene nicht sehen kann, worauf man zeigt, und gleichzeitig
Lippen lesen kann.
Ansätze zu einer Theorie der Deixis
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9. Im Englischen ist die Unterscheidung inklusiv/exklusiv für das Pronomen der 1. Person
Plural nicht offen realisiert, abgesehen vielleicht davon, daß es zum Kontraktionsprozeß,
durch den let us zu let's wird, nötig ist, daß das us inklusiv verstanden wird.
Das Pronomen kann immer inklusiv oder exklusiv interpretiert werden, und wo die Wahl
unklar ist, handelt es sich um Ambiguität und nicht um Vagheit. Die Antwort yes , ja"
auf die Frage Did we do it right? „Haben wir das richtig gemacht?" muß entweder als
Yes, we did „Ja, wir haben das richtig gemacht" oder als Yes, you did „Ja, ihr habt es
richtig gemacht" verstanden werden.
10. Das this, das beim Geschichtenerzählen im amerikanischen Englisch verwendet wird
It seems there was this Irishman..., sollte man vielleicht zu den gerade diskutierten anaphorischen Gebrauchsweisen zählen.
11. Ich wäre froh, wenn ich Sprachen kennen würde, die symmetrische deiktische Tagesnamen haben und die mit Sprachen mit asymmetrischen deiktischen Tagesnamen verwandt sind. Dann könnte man sehen, welche Arten von Verwandtschaftsbeziehungen es
dort gibt.
12. Es könnte sinnvoll sein, darauf hinzuweisen, daß in Sprachen, in denen die zweite
Unterscheidung existiert, this morning „heute morgen" in den zwei Sätzen What were
you doing this morning? und What haye you been doing this morning? verschieden übersetzt würde.
13. In bestimmten Fällen der selbstbezogenen Rededeixis tauchen Paradoxe auf, die
wahrscheinlich mit Hilfe einer Theorie der deiktischen Verankerung gelöst werden können
(vgl. Rommetveit 1968, S. 185 ff.). Will man einen Satz im Kontext interpretieren, müssen
die deiktischen Ausdrücke des Satzes durch nicht-deiktische Identifikationen der gemeinten Referenta ersetzt werden. Beim Satz This sentence has five words „Dieser Satz hat
fünf Wörter" besteht dieser Prozeß nur darin, den angegebenen Satz zu präsentieren.
Daher gibt es bei der Bewertung von The sentence „This sentence has five words" has
five words „Der Satz ,Dieser Satz hat fünf Wörter' hat fünf Wörter" keine Schwierigkeiten. Anders verhält es sich jedoch bei dem Satz This sentence ist false „Dieser Satz ist
falsch", der wahr sein soll, wenn er falsch ist, und falsch sein soll, wenn er wahr ist. Der
Satz The sentence „This sentence ist false" is false „Der Satz ,Der Satz ist falsch' ist
falsch" kann nur interpretiert werden, wenn der Satz in Anführungszeichen interpretierbar ist, und er kann nur interpretiert werden, wenn der Ersetzungsprozeß wieder stattfindet. Offensichtlich kann dieser Prozeß nicht beendet werden.
Ähnliches kann man von Paradoxen in zwei Sätzen behaupten. Als Beispiel diene die
Folge: The following sentence is true. The preceding sentence is false. „Der folgende
Satz ist wahr. Der vorangehende Satz ist falsch". Wenn wir zur deiktischen Verankerung
den zweiten Satz wählen, erhalten wir: The sentence „The following sentence is true" is
false „Der Satz ,Der folgende Satz ist wahr' ist falsch". Dieser Satz kann nicht interpretiert
werden, da es keinen ,folgenden Satz' gibt.
14. Die Vereinigung von Sprecher und Angesprochenem in einer einzigen Kategorie, Teilnehmer, geschieht nicht nur bei reinen Verben der Fortbewegung. Im Ipili-Paiyala, einer
Sprache Neuguineas, gibt es zwei Verben mit der Bedeutung ,geben', die sich darin unterscheiden, ob der Empfänger einer der Teilnehmer in einem Gespräch ist oder nicht ist.
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Charles J. Fillmore
Das Verb mit der Bedeutung ,mir oder dir geben' ist gi, das mit der Bedeutung jemandem,
der nicht ich oder du ist, geben' ist mai. Diese Stämme können mit anderen Verben
Komposita büden, so daß sich diese Unterscheidung auch an anderen Stellen des Lexikons findet: lagi heißt ,mir oder dir erzählen', lamai heißt jemandem anderen als dir
oder mir erzählen' (Frances Ingemann, persönliche Mitteilung).