Den Gürtel einen Ring weiter hängen

Eine ausgeklügelte Gussform
Den Gürtel einen Ring weiter hängen...
Kathrin Schäppi
Eine ausgeklügelte Gussform
Ausgangslage
Gürtelketten gehören zur Tracht wohlhabender Frauen der Mittellatènezeit (ca. 250-150 v.Chr.).
Sie bestehen aus bis zu 100 Einzelteilen (Stähli, 1977, Taf. 19.1): Ringen, die durch Stangenglie­
der verbunden sind, zwei verzierten Haken zum Schliessen der Kette und bis zu drei Anhängern
an feinen Kettengliedern am einen Ende. Dank der raffinierten Verschlussvorrichtung mit den bei­
den Haken lässt sich die Kette dem Taillenumfang anpassen. Das vorne frei herabhängende Ende
mit den Bommeln klingelte bei jedem Schritt.
Der Aufwand zur Herstellung solcher Gürtelketten ist beträchtlich, ebenso die Menge des dafür be­
nötigten Metalls. Alle Einzelteile (mit Ausnahme der feinen Kettenglieder) sind massiv gegossen.
Daher liegt es nahe, die Arbeit zu rationalisieren, indem mehrfach verwendbare Gussformen be­
nutzt werden. Ein einmaliges Beispiel hierfür ist eine Gussformhälfte aus Bronze für drei Zwischen­
glieder einer Gürtelkette (Abb. 1). Sie wurde zwischen 1898 und 1954 auf dem Montlingerberg
(SG), einer latènezeitlichen Höhensiedlung auf einem Plateau über dem Alpenrheintal, gefunden
(Steinhauser-Zimmermann, 1989, Taf. 16.124: L = 142 mm, B = 27 mm, = 19 mm, G = 245 mm).
Die Gussform besteht aus Zinnbronze (6.5% Zinn) mit einem hohen Bleianteil von 3.4% (Steinhau­
ser-Zimmermann, 1989, S. 82-83).
Die längliche Gussform enthält das Negativ von drei einfach gerippten Zwischengliedern und quer
zu den Ösen halbrunden Aussparungen. In diese müssen passende Stäbchen gelegt werden, die
dafür sorgen, dass die Ösenlöcher an beiden Enden der Zwischenglieder gleich mitgegossen wer­
den. Am oberen Ende befindet sich der Gusstrichter, das untere Ende ist als kleine Standfläche
ausgebildet, mit Zapfen, die in die nicht gefundene Gegenhälfte gegriffen haben. Auf allen drei
Aussenseiten sind Einkerbungen angebracht.
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Eine ausgeklügelte Gussform
Abbildung 1: Die Gussformhälfte aus Bronze vom Montlingerberg (SG). (SteinhauserZimmermann, 1989, Taf. 16.124). Copyright Kantonsarchäologie St. Gallen
Durchführung
Dieser einmalige Fund veranlasste ExperimentA, eine Replik mit einer ergänzten Gegenhälfte her­
zustellen und die Form in der Praxis auf ihre Funktionalität zu testen. Ziel des Projektes soll eine
komplette gegossene Gürtelkette sein.
Die sehr plastische Ausführung der Gussform vom Montlingerberg setzt eine Herstellung im
Wachsausschmelzverfahren (cire perdu) voraus. Die Verzapfung am unteren Ende und die nicht
ganz ebenen Hälften verlangen eine genaue Anpassung der zwei Formhälften.
Als erster Schritt wurde aus einem Wachsklotz freihändig nach Vorlage die eine Formhälfte in all
ihren Details nachgeschnitzt (Abb. 2). Das Wachsmodell wurde daraufhin liegend bis auf die Höhe
der flachen Seite in Ton eingebettet. In die halbrunden Aussparungen wurden Rundhölzer einge­
setzt. Das Wachsmodell und die Hölzchen wurden grosszügig mit Öl eingestrichen. Nun wurde
ringsherum ein Ring aus Ton aufgebaut und in die so entstehende Mulde flüssiges Wachs gegos­
sen. Der Lehm konnte nun entfernt und die zwei Hälften dank der trennenden Ölschicht voneinan­
der gelöst werden. Entstanden ist so eine passgenaue Gegenhälfte. In diese muss nun ebenfalls
das Negativ der Zwischenglieder und der Eingusstrichter geschnitzt und die Aussenseite geformt
werden. Zum Schluss werden am unteren Ende Wachskeile als Eingusstrichter angesetzt.
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Eine ausgeklügelte Gussform
Abbildung 2: Vorder- und Rückseite des Wachsmodells nach Vorlage
der Gussform vom Montlingerberg (SG).
Die beiden Wachsmodelle wurden mehrmals mit Tonschlicker eingestrichen und in mehreren
Schichten in Ton eingepackt, der stark mit Pferdehaaren, Schamott und kleingeschnittenem Heu
abgemagert war (Abb. 3). Nach dem Trocknen konnte das Wachs bei ca. 60-70°C ausgeschmol­
zen werden (Das Wachs darf beim Ausschmelzen nicht zu kochen beginnen, da sonst die inneren
Tonschlickerschichten beschädigt werden können). Um sicher zu sein, dass die nun hohle Ton­
form frei von Wachs und jeglicher Feuchtigkeit ist, wurde sie im Feuer aufgeglüht.
Abbildung 3: Die Tonformen mit den eingepackten Wachs­
modellen der Gussform.
Danach konnte die Form ausgegossen werden (Abb. 4). Nachdem sich das Metall etwas abgekühlt
hatte, wurden der Lehmmantel aufgeschlagen und die Reste der Tonform entfernt (Abb. 5 und 6).
Am gelungenen Rohguss mussten noch der Eingusstrichter abgesägt und die Passflächen etwas
überarbeitet werden (Abb. 7).
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Eine ausgeklügelte Gussform
Abbildung 4: Das Ausgiessen der Tonformen.
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Eine ausgeklügelte Gussform
Abbildung 5: Nach dem Guss wird die Tonform aufgeschlagen.
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Eine ausgeklügelte Gussform
Abbildung 6: Letzte Tonreste werden entfernt.
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Gürtelkettenglieder in Serie gegossen
Gürtelkettenglieder in Serie gegossen
Bronzene Gussformen
Bronzene Gussformen sind mehrfach verwendbar. Oft wird angezweifelt, dass Bronze in Formen
aus Bronze gegossen werden könne, da sich das einzugiessende Material mit demjenigen der
Form verbinde. Mehrere Funde ab der Spätbronzezeit belegen jedoch, dass sich neben Sand- und
Speckstein auch Metallformen für den mehrmaligen Guss eignen. Drescher (1957) legte mit einer
Serie von Güssen in Repliken bronzener Beil- und Sichelformen den modernen Beweis vor. Die
flüssige Bronze, die eingegossen wird, vermag das Material der Form nicht aufzuschmelzen. Einzi­
ger Nachteil der Bronzeform ist, dass Gase und Luft nicht entweichen kann wie bei porösen Ton­
formen oder durch die Windkanäle von Steinformen. Deshalb ist zum Gelingen ein sauberer, fein­
strahliger Guss in die leicht schräg gestellte Form Voraussetzung.
Gussversuche
Vor dem Guss der Gürtelkettenform müssen passende Stäbe in die dafür vorgesehene Querrille
gelegt werden. Dann kann die Form mit Lederbändeln oder Draht zusammengebunden werden
oder mit einer Zange festgehalten werden. Die Bronze wird aufgeschmolzen und eingegossen.
Abbildung 7: Der gelungene Rohguss.
Des vollständige Ausgiessen der Gürtelkettenform gestaltete sich als schwierig. Der Strahl flüssi­
gen Metalls muss Engstellen passieren und um die eingelegten Querstäbe herumfliessen, um bis
ganz nach unten zu gelangen. So glückte zwar der Guss des obersten Zwischengliedes mehrmals,
die beiden unteren vermochte das Metall aber nicht mehr vollständig auszufüllen.
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Gürtelkettenglieder in Serie gegossen
Dieses Problem versuchten wir mit verschiedensten Methoden zu lösen:
•
Die Form wurde vor dem Einguss erwärmt, damit das flüssige Metall nicht so schnell er­
starrt.
•
Die Innenseite wurde mit Graphit, Kohlestaub oder Leinöl ausgestrichen; eine Methode, die
bei Sandsteinformen sehr schöne Güsse bewirkt.
•
Querstäbe aus rohem, angekohltem oder graphitiertem Holz, aus Bronze, oder stark gema­
gertem Ton wurden eingelegt.
•
Die Form wurde nicht ganz geschlossen, um ein Entweichen der Luft zu ermöglichen.
•
Gegossen wurde mit stark zinnhaltiger Bronze, die grundsätzlich dünnflüssiger ist.
All diese Massnahmen brachten jedoch nicht den erwünschten Erfolg, so dass bisher die Ausbeute
an Zwischengliedern bescheiden ist und die erhoffte Massenproduktion noch ausbleibt.
Ausblick
Die Gussform, in die bisher mindestens 30 mal gegossen wurde, zeigt, abgesehen von einem klei­
nen Ausbruch (Unterschneidung) noch keine Ermüdungserscheinungen, so dass hoffentlich weite­
re Versuche zu besseren Ergebnissen führen werden.
Literatur
Drescher (1957a) Der Bronzeguss in Formen aus Bronze. Versuche mit originalgetreuen Nachbil­
dungen bronzezeitlicher Gussformen in der älteren Bronzezeit. Hammaburg 11, 1957, 23-29.
Stähli, B. (1977) Die Latènegräber von Bern-Stadt. Schriften des Seminars für Urgeschichte der
Universität Bern, Heft 3 (Bern).
Steinhauser-Zimmermann, R. (1989) Der Montlingerberg im Kanton St. Gallen (Schweiz). Funde
und Grabungen 1898-1960. (Buchs) Taf. 16.124.
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