Magazin für analoges HiFi & Vinyl-Kultur

April/Mai · Ausgabe 3/2016 · Deutschland 5,90 € · Schweiz CHF 10,90 · Ausland 6,00 €
Unterthema
Thema 1
Magazin für analoges HiFi & Vinyl-Kultur
62 Test
Plattenspieler TechDAS Air Force III
Runde drei
Es ist ja nun nicht so, dass der japanische Hersteller TechDAS mit
seinen beiden ersten luftgelagerten Plattenspielern der Air-ForceBaureihe die Szene nicht schon gründlich auf den Kopf gestellt
hätte. Aus meiner jetzigen Perspektive sage ich Ihnen: Alles Quatsch
N
achgefragt habe ich nicht, zugegeben.
Aber wenn die herumgeisternden
Zahlen korrekt sind, dann kostet das TechDAS-Spitzenmodell Air Force One mittlerweile sechsstellig. Was zwar abstrus ist, von
dem Gerät aber auch mit einer atemberaubenden Performance belohnt wird: Ich
erinnere mich gerne an das Gastspiel des
japanischen Wahnwitz-Drehers, der die
Maßstäbe in Sachen Plattenspieler gründlich ins Wanken gebracht hat. Letztes Jahr
dann hatte ich das keinesfalls kleinere Vergnügen, mich einige Zeit mit dem ähnlich
aufgebauten, in erster Linie beim Chassis
abgespeckten Air Force Two auseinandersetzen zu dürfen. Der für – ich weiß nicht
mehr genau – knapp 40.000 Euro oder so
nicht wirklich schlechter spielte als der
große Bruder. Der mag wegen seines immens aufwendigen Entkopplungssystems
Vorteile haben, wenn man seinen Plattenspieler auf einer im Wind schwankenden
Gerüstbohle betreiben muss.
Wieso das alles Quatsch sein soll? Weil
es jetzt den einzig wahren, den richtigen,
den echten und allein seligmachenden Air
Force gibt, den mit der Typennummer römisch drei. Den, auf den die Welt gewartet
hat. Zumindest der Teil davon, der willens
und in der Lage ist, 25.000 Euro für ein
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Plattenspieler
Test 63
Mitspieler
nacktes Schallplattenlaufwerk auszugeben.
Und wieso den und keinen anderen? Weil
er der einzig legitime Nachfolger seiner berühmten Ahnen aus den späten 70er- und
frühen 80er-Jahren mit dem Namen ist,
der bei Fans der Materie auch heute noch
einen Ruf hat wie Donnerhall: Micro Seiki.
Einen der großen Micros zu ergattern, ist
heutzutage nur noch zu Preisen möglich,
hinter denen sich ein nagelneuer Air Force
III gar nicht mehr schamhaft zu verstecken
braucht – mit dem kleinen Unterschied,
dass es hier ein nagelneues Gerät mit bestem Support gibt und kein 35 Jahre altes
Risiko mit zumindest nicht ganz einfacher
Ersatzteilversorgung.
Der „Dreier“ sieht endlich so aus wie die
alten Micros: eine minimalistische quadratische Zarge mit vier Lagertürmchen
an den Ecken, an denen man bis zu vier
Tonarme befestigen kann. Mit links an der
Seite stehendem Antriebsmotor. Welchem
Fan des japanischen Ausnahme-Engineerings wird da nicht warm ums Herz?
Und wenn jemand eine solche Maschine
in der heutigen Zeit bauen darf, dann ist
es Hideaki Nishikawa, der hat das nämlich
auch schon damals getan.
Man kann am Air Force III viel über das
berühmte japanische Engineering lernen.
Und wenn man das Gefühl dafür bislang
nicht hatte, dann stellt es sich im Umgang
mit dieser Maschine ein, verbunden mit
der etwas bitteren Erkenntnis, dass es das
in dieser Konsequenz heutzutage noch bei
Accuphase gibt, aber danach wird’s schon
dünn.
Beim Air Force III, und das sage ich nicht
oft, habe ich keine Verbesserungsvorschläge mehr. Die Maschine ist der perfekte
Plattenspieler. Einer, der jederzeit auf den
Punkt funktioniert (Notitz an mich selbst:
den inflationären Gebrauch des Begriffs
„perfekt“vermeiden), mit so zemlich jedem Tonarm des Weltmarktes kombinierbar ist und ob seiner Vielfältigkeit die optimale Basis für den engagierten Vinylfan ist.
Oder für den Chefredakteur eines AnalogHiFi-Magazins, der andauernd Arme und
Systeme wechselt.
Ich wage zu behaupten: Auch NishikawaSan hat über die Evolution seiner aktuellen Modelle hin zur Nummer drei noch
ein paar Dinge gelernt. Das Gerät bedient
Tonabnehmer:
· Clearaudio Da Vinci V2
· Lyra Atlas
· Lyra Etna
· Audio Technica AT-91E
Tonarme:
· SME 3500
· Reed 3p
· Clearaudio TT2
Vorstufen:
· MalValve preamp three line
Die Höheneinstellung des Laufwerkes erfolgt
durch die Lagertürme für die Tonarme
sich genauso selbstverständlich und rund
wie die beiden großen, das Setup allerdings
geht noch einfacher und intuitiver. Ich hab
das jetzt dreimal gemacht und schaff‘s in
unter einer halben Stunde. Mit zwei Tonarmen.
Als Laufwerksbasis dient, wie beim großen Einser, ein solider Block aus Aluminium. Das vorne angeflanschte Bedienteil ist
übrigens gar nicht angeflanscht, sondern
selbstredend mit aus dem großen Block
gefräst. Nur mal so, im wahrsten Sinne des
Wortes, am Rande. Vier von oben feinfühlig in der Höhe verstellbare Füße erlauben
penibles Justieren in der Waagerechten.
Das funktioniert per Inbusschlüssel durch
die Armaufnahmen – natürlich auch mit
montierten Armen. Oben auf der Zarge
liegt eine Glasplatte, in der Mitte ist der
Lagerblock eingesetzt. Der Plattenteller ruht auf einem konischen
Zapfen, die Tellerachse wird von
oben in den Teller geschraubt. Das
Lager ist ein ziemlich komplexes
Gebilde, weil hier ja die Luft hindurch transportiert werden muss,
die das 30 Mikrometer dünne
Endverstärker:
· Bryston 4B SST
· PS Audio BHK Signature 250
Lautsprecher:
· Audio Physic Avanti
· KLANG+TON Celeste
Zubehör:
· NF-Kabel von van den Hul
und Transparent
· Phonokabel van den Hul
· Lautsprecherkabel von Transparent
· Plattenwaschmaschine
von Clearaudio
· PS Audio P10 Power Plant
Gegenspieler
Plattenspieler:
· Clearaudio Master Innovation
· Transrotor Fat Bob
Der Motor ist der gleiche wie bei
den anderen Air-Force-Modellen, nur
in etwas schlichterem Gewand
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64 Test
Plattenspieler TechDAS Air Force III
Dead Can Dance – Spiritchaser
Das Anschlussfeld des Laufwerks hält elektrische und
pneumatische Verbinder bereit
Gespieltes
Dead Can Dance
Spiritchaser
Joni Mitchell
Blue
Sreely Dan
Greatest Hits
The Atomic Bitchwax
Gravitron
Polster zwischen Glasplatte und Tellerunterseite bildet, auf dem der neun Kilogramm schwere Teller schwebt. Zusätzlich
muss Luft von der Telleroberseite weg
transportiert werden, weil hier die Platte
per Unterdruck angesaugt wird. Dieses Lager ist eine ingeniöse Meisterleistung und
einfach nicht mehr zu verbessern. Punkt.
Durch die Glasplatte lugt außerdem ein
Sensor, der die tatsächliche Drehzahl des
Tellers misst und an die Motorsteuerung
weiterleitet: Jawohl, hier wird mit langen
Zeitkonstanten auf Nenndrehzahl geregelt.
Beim Hochlaufen dauert‘s auch immer einen Moment, bis das Display „Lock“ vermeldet und die Drehzahl auf den Punkt
stimmt. Die Regelung will übrigens nach
dem Aufbau einmal „angelernt“ werden,
das geht über eine bestimmte Tastenkombination. Der Sinn der Sache besteht darin,
die eingestellte Riemenspannung mit ins
Kalkül zu nehmen. Der Riemen ist übrigens
ein sehr dünner Flachriemen mit Gewebeeinlage, der so gut wie nicht dehnbar ist. Er
stellt das Bindeglied zwischen Telleraußenrand und Motorpulley dar. Der gewichtige
Antrieb wohnt links in einer runden Be-
hausung und ist mit drei Füßen ebenfalls
in der Höhe verstellbar. Er sollte mit einer
Dosenlibelle auf dem Pulley waagerecht
ausgerichtet werden. Innerhalb der „Dose“
ist der Motor nach rechts verschieb- und
per Klemmschraube arretierbar, was der
Einstellung der Riemenspannung dient.
Diese sollte nicht so hoch sein, der Hersteller hält den Parameter aber nicht für kritisch. Kunststück, er hat ja auch eine Motorregelung, die das einbezieht.
Telleroberseite. Sie ist mit einem weichen
schaumstoffähnlichen Material beschichtet, innen am Label und außen am Rand
gibt’s zwei Silikonlippen, die bei der Plattenansaugung für Dichtigkeit sorgen. Diese Ansaugung ist übrigens eine feine Sache.
Ein simpler Druck auf den „Suction“Taster und die Platte wird unverrückbar
auf den Teller gepinnt. Das ist der einzige
Vorgang, bei dem das Luftsystem des Air
Force II ganz leise hörbar ist, ansonsten
verrichtet es seine Dienst in perfekter
Stille. Ich kann das beurteilen, ich wohne
neuerdings nachts extrem ruhig und bin
für Störgeräusche von der Anlage sehr
sensibel. Hier gibt’s keine. Die Ansaugung
Mit zwei Tonarmen ist das Laufwerk
nur zur Hälfte bestückt, tatsächlich sind vier Arme möglich
Am unteren Bildrand lugt der
optische Sensor hervor, der
die Tellerdrehzahl misst
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Plattenspieler
Das Bedienfeld des Air Force III verfügt über die schon
von den anderen Modellen bekannten Elemente
schafft es auch, unspielbar verwellte Platten perfekt gerade zu bekommen, man
muss ihr dann nur durch Herunterdrücken
der Platte an der richtigen Stelle helfen, das
Vakuum aufzubauen. Allein das macht diesen Plattenspieler schon zu einer absoluten
Ausnahmeerscheinung.
Luftversorgung
und Motorsteuerung übernimmt ein unauffälliger schwarzer Kasten, der über zwei
Schläuche (Überdruck, Unterdruck) und
ein vielpoliges Steuerkabel mit dem Laufwerk verbunden wird. Er sieht nicht ganz
so mondän aus wie beim Air Force Two,
tut aber dasselbe. Zu bedienen gibt’s da gar
nichts, das Ding darf also im Verborgenen
werkeln.
Sie wollen Tonarme montieren? Dafür
braucht‘s Armbasen. Der Hersteller liefert
Montageplatten in zwei verschiedenen
Längen. Die kurze sollte für die meisten
Tonarme bis mindestens zehn Zoll Länge
reichen, für Zwölfzöller gibt’s eine entsprechend längere Version, Die Armbasen sind
gegossene und überfräste Aluminiumteile, die je nach Tonarm passend bearbeitet
werden müssen. Für Standardaufnahmen
gibt’s natürlich vorgefertigte Modelle. Ihre
Befestigung am Laufwerk zaubert ein weiteres Lächeln ins Gesicht von Leuten mit
Spaß an gutem Engineering: Die Basen
werden auf einen der Lagertürme geschoben und ruhen unten auf einer Kunststoffscheibe. Die Durchgangsbohrung ist oben
Die Armbasen werden über
eine clevere Konusverbindung bombenfest arretiert
Test 65
Aktivierte Einstellungen werden grün hinterlegt
angezeigt, wie hier die Vakuumansaugung
konisch aufgeweitet, ein entsprechend
geformter Edelstahlkonus wird mit einer
Verschraubung gegen die Vertiefung in der
Basis gepresst. Das sorgt für bombenfesten
Halt und perfekt waagerechte Ausrichtung:
Das ist aufwendig, dafür kann man‘s aber
auch nicht besser machen. Großartig. So
nebenbei: Die lange Tonarmbasis trägt an
der Oberseite einen zusätzlichen Steg zur
Stabilisierung. Details, die aus einem guten
Produkt ein herausragendes machen. In
Sachen Geometrie haben sich NishikawaSan und seine Mannen wirklich Gedanken
gemacht: Die vier Ecken des Laufwerks
können nicht nur theoretisch Arme aufnehmen, sondern auch in der Praxis. Die
Abmessungen von Laufwerk und Motor
sind so konzipiert, dass das auch wirklich
passt, ohne anzuecken. Der Air Force III ist
immer noch kein kleiner Plattenspieler, begnügt sich einem rechts hinten angeschlagenen Arm aber mit einer Gesamtbreite
von 55 Zentimetern, in der Tiefe braucht‘s
unter 40. Je nach Art und Anzahl der montierten Arme kann‘s natürlich ein bisschen
mehr werden.
Ich hab‘s bei zweien bewenden lassen.
Den Platz an der Sonne rechts hinten bekam ein SME3500 zugewiesen, in dem das
Lyra Etna seine Bahnen ziehen
durfte. Parallel zur Hinterkante des Laufwerks zog der
Reed 3p mit dem Atlas ein.
Gewiss, die Bestückung entbehrt nicht eines gewissen
Luxus, aber wir wollen doch
wissen, was das Ding kann,
oder? Dabei wäre das auch,
wie sich später herausstellte, mit
einem Audio-Technica-MM für
20 Euro machbar gewesen: Die ersten Töne von einem Air Force sind
einfach immer wieder erschütternd
und ein schlagender Beweis dafür, wie
Der Motor lässt sich bei abgenommenem
Deckel in seiner Behausung verschieben,
arretiert wird mit der Rändelschraube
Den unteren Teil des Luftlagers bildet
eine Glasplatte, der Teller schwebt auf
einem hauchdünnen Luftpolster
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66 Test
Plattenspieler TechDAS Air Force III
Im Steuergerät geibt‘s neben der
Steuerelektronik einen praktisch
lautlosen Kompressor und Bauteile zur Luftaufbereitung
lohnend der hier getriebene Aufwand ist.
Die ersten Minuten gehören Lisa Gerrard
und Brendan Perry: Das 1996er-Dead-Can
Dance-Album „Spiritchaser“ sorgt für erstes staunendes Kopfschütteln. Etna, SME
und Air Force spielen bei aller Komplexität
extrem reduziert und disziplinert. Die tieferen Lagen der Percussion tönen ungemein
straff und leicht, obenherum schwirren
alle möglichen Klangfragmente durch den
Raum. Es entsteht eine fantastische Dreidimensionalität, die durch rein gar nichts
verschleiert wird. Die ungeheure Transparenz, die der Air Force zu liefern imstande
ist, kommt von seiner Störgeräuscharmut:
Es gibt einfach merklich weniger Rillengeräusche als anderswo. Außerdem gibt’s da
so einen schwer zu definierenden tieffreDas Steuergerät darf im Rahmen der Kabel- und
Schlauchlängen versteckt untergebracht werden
quenten Nebel, der nur dann auffällt, wenn
er nicht mehr da ist: Beim Air Force III ist
das ganz eindeutig der Fall. Und so sehr
ich ihn auch schätze: Mein guter alter Fat
Bob muss angesichts dieser Demonstration von Präzison einfach passen. Er tönt
zwar schön kernig und geradeaus, schafft
aber die Variabilität und Leichtigkeit der
japanischen Maschine nicht. Bei Dead Can
Dance nicht, bei Joni Mitchells „California“ und „This Flight Tonight“ auch nicht.
Hier zieht der Air Force mit merklich mehr
Luft und Ausdruck in der Stimme davon.
Aus der Distanz ermittelbare Unterschiede
zu den beiden großen TechDAS-Laufwerken kann ich nicht feststellen. Selbst wenn
die da sein sollten, ficht das die Qualitäten
des kleinen Air Force nicht an: Der spielt so
deutlich jenseits meines gewohnten Standards, dass mich die Begegnung damit mit
einem lachenden und einem weinenden
Auge zurücklässt.
Holger Barske
TechDAS Air Force III
· Preis
25.000 Euro
· Vertrieb
Einstein Audio, Bochum
· Telefon
0234 9731512
· Internet
www.einstein-audio.de
· Garantie
2 Jahre
· Abmessungen (BxHxT)
Laufwerk (BxHxT) 550 x 400 x 200 mm
Gewicht
ca. 35 kg
Steuereinheit
350 x 160 x 270 mm
Gewicht
ca. 9 kg
Unterm Strich …
» Die TechDAS-Plattenspieler definieren das
derzeit Machbare, das gilt auch für den Air
Force III. Er klingt beispiellos durchsichtig,
leichtfüßig und weiträumig und
kann mit seiner Vakuumansaugung
auch Platten perfekt spielen, die
sonst verloren wären.
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