Der mit dem Wildschwein tanzt

Der mit dem Wildschwein tanzt
Peter Gutzwiller ist Präsident des Jazzclubs Ja-ZZ Rheinfelden
„S
ich mit anderen Musikern
zusammensetzen, ohne Noten alten Jazz nach alten Standards
zu spielen, bis es fägt und swingt.
So lebe und geniesse ich“, sagt Peter Gutzwiller. Der Banjo­spieler ist
Arzt, nebenbei Hündeler, und vor
allem war er Wildschwein-Papst,
der sich vor Jahren einmal einen
150-kg-Keiler als Haustier hielt.
Geige spielen, brachte mir das Klavierspielen bei, war an klassischer Musik
interessiert und hörte immer Jazz“,
erzählt er. Als ihm seine Gattin zum
runden Geburtstag ein Schwyzerörgeli
schenken wollte, damit er hier und
dort Ländlerkapellen begleiten konnte,
fand sich keines beim Musikhändler;
der riet ihr, es mit einem Banjo als Ersatzinstrument zu versuchen, was sie
tat. „Es gab damals nirgendwo Gelegenheit, dieses Instrument zu lernen.
So brachte ich mir das Banjospielen
selber bei“, sagt er.
Peter Gutzwiller ist auf den ersten Blick
ein rastloser Mensch, unstet, immer in
Bewegung, immer auf der Suche. Der
zweite Blick vermittelt ein anderes Bild:
Täglich übte er und suchte sich bald
Der 73-Jährige ist ein höchst liebenseine Band, kam zu den „New Orleans
Peter Gutzwiller am Banjo in der „Casa Loma Jazz Band“ on concert in Rheinfelden.
würdiger Gesprächspartner, mit lebhafHot Lips“ und ein Jahr später zur „Casa
ter Gestik und munterer Rede, der
Loma Jazz Band“, einer 1994 gegrünKörper voller Spannkraft, im Zuhören geduldig und Sachkundenachweis SKN und Gruppenunterricht deten 7-Mann-Band, welche Stücke aus den
aufmerksam. Er gehört zur Sorte abgeklärter Men- (Fährten, Spaziergänge (social walk), Spiel und zwanziger und den frühen dreissiger Jahren im
schen, die durch Tatkraft erreicht haben, was sie Trick). Aber was ihn in der ganzen Schweiz und in New Orleans-Stil interpretiert. An Stelle des
wollten, und nun die Früchte des Erfolgs geniessen. Fachkreisen sogar über die Landesgrenzen hinweg Schlagzeugs tritt das Waschbrett. Neben StanSeine vermeintliche Rastlosigkeit ist einerseits pure bekannt machte, waren seine Kenntnisse über dards wie Alexander‘s Ragtime Band, Doctor Jazz,
Neugier und andererseits pralle Lebensfreude, die Wildschweine. Als Hobbyjäger hielt er Vorträge vor Mood Indigo, Tiger Rag oder When You‘re SmiJägern und Wissenschaftlern, produzierte fürs ling sind es in Anlehnung an alte Originalaufnahsich unweigerlich auf die Umgebung auswirkt.
Er selber schätzt sich als „Allrounder und Self- Schweizer Fernsehen Filme über Wildschweine men entstandene Nummern, welche New Orlemademan“ ein. Und das ist er in der Tat. Sein Le- und andere Tiere.
ans-Fans und Kenner der Old Time-Szene in
bensmotto: Alles was man tut, ist es auch wert Als „Wildschwein-Papst“ und „Säuli-Doktor“ Begeisterungsstürme ausbrechen lassen.
richtig getan zu werden. Sein Ur-Urgrossvater kam ging er endgültig in die Annalen ein, als er sich
als Arzt nach Liestal. Sein Urgrossvater, sein Gross- neun Jahre lang ein Wildschwein als Haustier hielt, Heute ist er seit 21 Jahren dabei und denkt nicht
vater, sein Vater und er selbst führten die Praxis um dessen Wesen und Verhalten zu studieren. ans Aufhören. Im Jazz fand er sein Lebensgefühl,
nacheinander weiter, somit in fünfter Generation: Man stelle sich vor: der handgrosse Frischling, den „die Freude miteinander zu musizieren und diese
„Wir gehörten zu Liestal wie die Kirche zum Dorf, die Familie zu schöppeln begann, wuchs in dieser Freude dem Publikum herüberzubringen“, wie er
und jede Generation pflegte den guten Ruf weiter.“ Zeit zu einem kolossalen Keiler von 150 kg Ge- meint. Seit 2007 spielt er Banjo in der in GelterIm Jahre 2009 war mit erreichtem Pensionsalter wicht heran. „Idefix“, wie er das hauerbewehrte kinden beheimateten Baselbieter DixielandformaSchluss mit der Liestaler Ärztedynastie Gutzwiller. Schwarzwild ironischerweise nannte, lieferte ihm tion „Jeepers Creepers“. Gelegentlich spielt er in
Eine Gemeinschaftspraxis entstand an ihrer Statt. den Beweis, dass es ihn als Mutter betrachtete, weiteren Bands mit, ist auf CD zu hören und beSeither - bis heute - ist er geschätzter Aushilfsarzt weil er das erste Lebewesen war, das der Neuge- sucht regelmässig professionelle Workshops und
borene erblickt hatte. Das Tier begleitete ihn auf baut so sein eng gestricktes Beziehungsnetz lauin auswärtigen Praxen.
Bevor er zum Jazz kam, kam er – auf den Hund Schritt und Tritt, wenn er ausgedehnte Spazier­ fend aus. Kein Wunder ist er auch Präsident des
und aufs Wildschwein. Seine Frau baute in Buben- gänge unternahm oder führte ihn des Nachts bei vor 12 Jahren gegründeten Jazzclub Ja-ZZ Rheindorf BL die Hundeschule Fieleten auf, welche obli- Artkollegen im Wald ein.
felden, der sich gemäss Statuten ausschliesslich
gatorische Hundehalterkurse, speziell für Heimtier- Zum Jazz kam er erst mit 50. „In meiner Stu- dem traditionellen Jazz widmet (siehe Bericht auf
hunde, anbietet, aber auch Kleingruppenkurse, dienzeit spielte ich zwar in Dixiebands, war bei den Folgeseiten).
Privattrainings, Theorie- und Praxiskurse für den verschiedenen Bandgründungen beteiligt, lernte Dominik Senn
Mys Rhyfälde
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