KURT RICHTER

KURT RICHTER
KURT RICHTER
E
in schüchterner Junge, von den Mitschülern öfter gehänselt wegen seiner
recht großen Nase und vor allem wegen seiner Segelohren, erlebt die tollsten
Abenteuer. Er kämpft gegen herangaloppierende Reiter, bricht den Zauber mächtiger Hexen, überwindet Wälle und Türme und erhält als Siegespreis das Jawort
der Prinzessin und einen Riesenbatzen Gold…
Spätestens an dieser Stelle ist der kleine Kurt Richter meist aus der Traumwelt
in eine Wirklichkeit zurückgerissen worden, in der es keine Prinzessin, dafür jedoch einigen Ärger mit den Nachbarskindern und den Mitschülern gab. Kurt
Richter wurde am 24. November 1900 geboren. Er war ein eher schmächtiges, zartes Kind und hielt sich vom Sport, wie zum Beispiel dem Fussballbolzen auf seiner
Zionskirchstraße in Berlin-Prenzlauer Berg, eher fern. Er las gern und träumte
von den Helden in seinen Büchern. Sein Großvater hatte ihm im Alter von 10 Jahren das Schachspielen beigebracht und ihm damit eine Welt eröffnet, in der es
nicht so sehr auf Kraft und körperliche Geschicklichkeit ankam, um erfolgreich
zu sein.
Er war ein recht guter Schüler, weshalb Kurts Eltern beschlossen hatten, dass
er das Gymnasium besuchen sollte. 1914 begann der Erste Weltkrieg, und alle
Zukunftsträume platzten. Sein Vater musste an die Front und fiel in den ersten
Monaten. Damit war es mit der Schule vorbei. Wie sollte seine alleinstehende
Mutter mit zwei Söhnen das Schulgeld aufbringen? Es war ja nicht einmal genug
zum Essen da. Mangel, Krankheit und Hunger regierten in der Wohnung in der
Zionskirchstraße 20. Kurt Richter kränkelte lange Zeit, aber begann dann eine
Lehre als Versicherungskaufmann, die er mit Erfolg abschloss.
Wie kann man den Drachen aus der Höhle locken und töten? Solche Probleme
in der Sizilianischen Verteidigung faszinierten ihn mehr als die Beitragsberechnungen oder die Schadensersatzbemessungstabellen. Mehr und mehr zog es ihn
in die Welt der 64 Felder. Hier suchte und bestand er die Abenteuer, die er am
Schreibtisch mit den Stapeln von Versicherungspolicen nicht erleben konnte.
Also suchte er einen Weg in die andere Welt. Mit einem Kumpel aus der Nachbarschaft, Kurt Maaß, der ebenfalls gern Schach spielte, ging er los, und sie wurden zunächst Mitglied im Schachklub Springer, wechselten aber ziemlich schnell
zum Berliner Schachverein 1876, immer auf der Suche nach stärkeren Gegnern.
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Richter fand diese starke Gegnerschaft offenbar immer seltener, denn bereits
1922 gewann der zurückhaltende junge Mann zum ersten Mal die Berliner
Meisterschaft und verteidigte den Titel im Folgejahr. Als Sieger fühlte er sich in
dieser Welt wohl, auch wenn ihm der Tabakqualm bei seiner Atemnot etwas zu
schaffen machte. Selbst die ersten misslungenen Versuche auf deutscher Ebene
entmutigen ihn nicht.
1928 gewinnt er in Wiesbaden ein großes Turnier, und als er während der
Weltwirtschaftskrise 1929 seinen Job verliert, setzt er mutig alles auf eine Karte. In
den nächsten 40 Jahren wird er vom und für das Schachspiel leben.
Bis 1930 muss er auf den nächsten Titel warten. Aber bei der Konkurrenz von
Spielern wie Fritz Sämisch, Richard Teichmann, dem Sieger im Superturnier in
Karlsbad 1911, Carl Ahues, Ludwig Rellstab oder Berthold Koch waren die Meisterschaften hart umkämpft. Alle diese Spieler schmückte später der Titel eines
Großmeisters oder Internationalen Meisters. Die Meisterschaft 1930 musste er
sich mit Rellstab und Simon Rotenstein teilen. Es ist der erste Turniererfolg als
Schachprofi, auch wenn er sich nicht so anfühlt.
Nach dem Entschluss, sich und seine Mutter (sein Bruder Gerhard hatte noch
Arbeit und ein kleines Einkommen) mit den Einnahmen aus dem Schach zu ernähren und ein auskömmliches Leben zu ermöglichen, macht er einen Plan. Kurt
Richter ist natürlich klar, dass die eher kargen Preisgelder allein nicht ausreichen.
Und das Spielen um Geld in den Kaffeehäusern lehnt er, wenn irgendwie möglich,
ab. Aber er kann über Schach schreiben. Artikel von Ereignissen, bei denen er
dabei ist. Außerdem hilft ihm vielleicht die versteckte, kleine Welt in seinem
Schach-Universum weiter. Schon in jungen Jahren hatte Richter damit begonnen,
Schachprobleme zu komponieren und das erste war bereits 1921 im Deutschen
Wochenschach veröffentlicht worden. Man muss bedenken, dass es 1928 in Berlin
187 Tageszeitungen gab, von denen die auflagenstärksten Blätter mit Morgen-,
Mittag-, Abend- und Nachtausgabe viermal täglich erschienen. Dort gab es seitenweise Platz – vielleicht sogar für seine „Schachrätsel“.
Es gab. Und der sonst so zurückhaltende, ja schüchterne Kurt Richter sicherte
sich einige Plätze und Ecken. Schon bald wurden in kleinen Zeitungen wie beispielsweise dem Grunewald-Echo, aber auch in den renommierten Titeln wie
Deutsche Allgemeine Zeitung oder Vossische Zeitung seine Schachprobleme und
kleine Artikel gedruckt. Beim Thema Problemschach fühlte sich Kurt Richter, der
doch so phantasievolle Kombinationen aufs Brett zauberte, von den Problem27
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komponisten schlecht behandelt und zu unrecht kritisiert. Es ist das einzige Mal – mir ist
kein anderes bekannt –, dass er sich mit
harschen Worten gegen eine Kritik wehrt. In
der zweiten Auflage des Buches (1961) von
Alfred Brinkmann Kurt Richters beste Partien
ergreift er das Wort und weist die selbstverliebten Beckmesser zurecht: „… für mich ist
eine Schachaufgabe in erster Linie ein Rätsel.
Allerdings wurde mir, als ich diesen Standpunkt in der ‚Deutschen Schachzeitung‘ vertrat, von erzürnten Lesern ‚mangelnde Sachkenntnis‘ und in meinen Problemveröffentlichungen ‚geringes Niveau‘ vorgeworfen; doch
eines steht fest: mit dem Götzen ‚Niveau‘ ist
es den Problemtheoretikern bisher nicht
Kurt Richter spielte stets mit viel Mut
gelungen, das Schachproblem populär zu
und Phantasie.
machen. Damit wird nicht etwa der hohe
Stand der Problemkunst geleugnet, sondern nur eine Lanze für das Schachrätsel
gebrochen, das es seinem ureignen Wesen nach ist und sein muss.“
Peng, das hatte gesessen. Während die Problemexperten stets ein Mauerblümchendasein fristeten, hat Kurt Richter mit seiner Schreiberei große Erfolge eingeheimst. Das Geheimnis der hohen Auflagen war, dass seine Bücher den Anfänger, den interessierten Laien und den Durchschnittspieler ansprachen. Er
wollte nie für den engen Zirkel der Experten schreiben, Richter wollte seine Leser
an die Hand nehmen und in seine Traumwelt entführen. Egal, ob man Schachmatt, Der Schachpraktiker oder Die ersten Schritte aufschlägt, stets spürt man: der
Autor kümmert sich um seinen Leser. Richters schönstes Buch ist – um Richter
selbst mit dem Reim zu zitieren „Ja, Ben Akiba, das war noch nie da“ – für mich
persönlich Kurzgeschichten um Schachfiguren. Es lässt den Leser die Freude des
Autors am Formulieren, den Spaß an überraschenden Pointen, die Liebe zum
Detail und die Begeisterung an fabelhaften Kombinationen auf dem Brett auf
jeder Seite spüren.
Mit seiner mutigen Entscheidung, sich ganz dem Schach zu widmen, stellen
sich auch die Erfolge ein. Sein kompromissloser Stil, stets auf der Suche nach dem
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entscheidenden Angriff, begeisterte die Schachgemeinde. Schnell hatte er auch
seinen Beinamen – bei dem Familiennamen nun für Berliner Verhältnisse nicht
gerade besonders originell – „Der Scharfrichter von Berlin“ weg. Großmeister
Savielly Tartakower beschäftigt sich in seinem 1935 erschienenen Buch Neun
Schachsterne mit den Angriffsmethoden der nachrückenden Meister und beschreibt dabei Richters Stil so: „Verschieden sind die Angriffsstile der zeitgenössischen Meister. Bei Aljechin fließt der Angriff, bei Bogoljubow springt er auf, bei
Stoltz gipfelt er in tückischen Zwischenpointen … bei Richter aber rast er heran!“
Die Ergebnisse bei Deutschen Meisterschaften belegen Richters Aufstieg: 1929
in Duisburg 4.-7. mit Karl Helling, Dr. Jakob Adolf Seitz und Heinrich Wagner
(7,5 Punkte) hinter Carl Ahues (9), Paul Saladin Leonhardt (8,5) und Friedrich
Sämisch (8). Eine beachtliche Leistung von Richter, der mit vier Niederlagen in
die Meisterschaft gestartet war. Dieses Resultat brachte ihm einen Platz in der
Olympiamannschaft 1930 in Hamburg ein. 1931 in Swinemünde wurde er Dritter
(7,5) hinter Jefim Bogoljubow und Dr. Ludwig Rödl (je 8); 1933 in Bad Pyrmont
5.-9. mit Helling, Berthold Koch und Gerhard Weißgerber (je 8) hinter Bogoljubow (11,5), Dr. Rödl (9,5), Carl Carls und Georg Kieninger (je 8,5); 1935 in
Aachen gewinnt Kurt Richter mit 10,5 Punkten die Deutsche Meisterschaft! Dieses Resultat sichert ihm das Spitzenbrett bei der (inoffiziellen) Schacholympiade
in München 1936. Nach seinem Triumph folgen bei der „Deutschen“ noch 1937
in Bad Oeynhausen ein zweiter Platz mit 9 Punkten hinter Kieninger (9,5); 1938 in
Bad Oeynhausen 5.-7. mit Albert Becker und Koch (je 8,5) hinter Erich Eliskases
(12,5) Kieninger und Paul Michel (je 10,5) und Ludwig Engels (9); 1939 in Bad
Oeynhausen 6.-9. mit Herbert Heinicke, Ludwig Engels und Rudolf Keller (je 7,5)
hinter Eliskases (11), Josef Lokvenc (9), Karl Gilg (8,5), Anton Kohler und Rellstab
(je 8); 1940 in Bad Oeynhausen ein geteilter dritter Platz mit Gilg (je 9,5) hinter
Kieninger (11,5) und Paul Schmidt (10,5); 1941 in Bad Oeynhausen Dritter (10)
hinter Klaus Junge und Paul Schmidt (je 10,5). Ein letztes Mal versuchte er es bei
den Gesamtdeutschen Meisterschaften 1949 in Bad Pyrmont. Nach 13 Runden
Schweizer System landete er unter 36 Teilnehmern auf dem 14.-25. Rang. Kurt
Richter wusste, dass dieses Kapitel damit für ihn abgeschlossen war.
Zum Glück für ihn und die Schachwelt hatte er noch die Schreiberei. Mit
seinen Artikeln hatte Richter auf sich aufmerksam gemacht. So übernahm er 1934
von dem todkranken Walther Freiherr von Holzhausen die Chefredaktion der
Deutschen Schachblätter. Diese Schreibtischposition kam ihm entgegen, da er ein
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ausgesprochener Reisemuffel gewesen ist. Ich glaube, dass er nur zweimal im Ausland angetreten ist. 1931 bei der Schacholympiade in Prag und 1936 in Podebrady,
einer Stadt in Böhmen (rund 40 km östlich von Prag). Dort zog er sich eine Fischvergiftung zu und vergeigte drei Partien, was dann nur noch zum neunten Platz
reichte. Richter war zwar nicht abergläubisch, aber der Vorfall hat ihm Reisen in
ferne Länder nicht gerade schmackhaft gemacht.
Das Ergebnis in Prag war sehr gut. Hatte Richter 1930 bei der Schacholympiade in Hamburg mit der Mannschaft die Bronzemedaille gewonnen (hinter Polen
und Ungarn) und persönlich +6 =3 –3 erzielt, genügten 1931 in Prag seine +7 =7
–1 für Einzelbronze an Brett vier, aber für die Mannschaft nur zum fünften Platz.
Nimmt man noch die inoffizielle Olympiade in München hinzu (inoffiziell
deshalb, weil viele Länder das Naziregime boykottierten und an acht und nicht
wie üblich an vier Brettern gespielt worden ist), dann hat Kurt Richter insgesamt
ein Resultat von +21 =18 –6 erspielt.
Nach der Olympiade brachte Richter sein erstes Buch heraus: das zweibändige
Turnierbuch München 1936. Danach erschienen Die ersten Schritte und Der Weg
zum Matt. Beide Bücher wurden
im Auftrag des Oberkommandos
des Heeres in großer Auflage für
die Frontsoldaten gedruckt. Inzwischen hatte er eine schönere
Wohnung für sich und seine Mutter gefunden. Seit dem 1.4.1935
wohnten sie in Berlin-Karlshorst,
nicht weit weg von der Rennbahn
in der Wuhlheide.
Nach der Meisterschaft 1941
Ende August musste sich Richter
In diesem Haus in der Döhnhoffstraße 29 in Berlin-Karls- sputen. Zurück nach Berlin, die
horst wohnte Kurt Richter von 1935 bis zu seinem Tod 1969.
neueste Ausgabe der Schachblätter fertigstellen, dann ab nach
München zum „Europa-Schachturnier“, das am 8. September 1941 mit 16 Teilnehmern begann. Mit dem dänischen Meister Björn Nielsen (je 9) teilte er den
fünften Platz hinter Gösta Stoltz (12/ Schweden), Alexander Aljechin (Frankreich) und Erik Lundin (je 10,5/ Schweden) und Jefim Bogoljubow (9,5).
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Danach war Kurt Richter bei der Wehrmacht. Nein, er wurde nicht eingezogen.
Dafür waren seine Konstitution und sein Gesundheitszustand zu schlecht. Aber
als Truppenbetreuer, um an der Front Simultanvorstellungen zu geben und Vorträge zu halten, befand man ihn für fit genug. Bei diesen Gelegenheiten signierte
Kurt Richter nicht ohne Stolz zum ersten Mal die von ihm geschriebenen Bücher.
Ganz nebenbei werden die Schachzeitungen Schach-Echo, Schachblätter,
Schwalbe und Schachzeitung zur Deutschen Schachzeitung unter Führung des
Großdeutschen Schachbundes zusammengefasst. Chefredakteur bleibt Kurt
Richter.
Nur noch einmal fand der Rastlose in den Kriegsjahren Zeit für ein Turnier. Es
war die Europameisterschaft 1942, wiederum in München. Von den zwölf
Teilnehmern kam nur der Schwede Stoltz aus einem Land, das die Nazis nicht
besetzt hatten oder das mit Hitler-Deutschland verbündet war. Richter spielte ein
tolles Turnier und teilte mit sieben Punkten Platz drei mit Bogoljubow und Jan
Foltys (Tschechoslowakei) hinter Aljechin (8,5) und Paul Keres (Estland), den er
in einer sehenswerten Partie bezwingen konnte. Bei diesem Turnier erreicht er
nach der Rechnung von Chessmetrics seine höchste historische Elo-Zahl von 2642,
was ihn auf Rang 15 der fiktiven Weltrangliste bringt. Danach bestimmen Panzer
und Kanonen das Weltgeschehen, Trauer und Hunger das tägliche Leben.
Nachdem im Mai 1945 die Waffen schwiegen, der Zweite Weltkrieg sein Ende
gefunden hatte und die Ausmaße des Grauens bekannt geworden waren, blieb das
Leben in Schutt und Asche mühselig und entbehrungsreich. Trotz Trümmer und
Ruinen erwachte das Schachspiel im Herbst 1945 wieder zum Leben. Eine
Berliner Meisterschaft wurde für das kommende Jahr angekündigt. In Berlin, zu
der Zeit noch komplett unter sowjetrussischer Besatzung, regierte ein von den
Russen eingesetzter Magistrat. Natürlich fand man dort ein offenes Ohr für
Schach. Im Februar 1946 begannen die Qualifikationen. Wegen der lausigen Kälte
wurden die Teilnehmer dazu verpflichtet, ein halbes Brikett mitzubringen, damit
der Spielsaal halbwegs warm wurde. Die Endrunde Ende April gewann Berthold
Koch. Obwohl noch etliche Schachspieler in Kriegsgefangenschaft waren, manche
verhaftet worden waren oder – wie Carl Ahues und Ludwig Rellstab – die Stadt
verlassen hatten, war das Finale mit zwölf Spielern gut besetzt gewesen.
Kurt Richter war noch nicht dabei. Er kümmerte sich um seine journalistischen Tätigkeiten. Neben der Chefredaktion bei den Deutschen Schachblättern,
die er übernommen hatte, musste er die Kontakte zu den alten und den neuen
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Tageszeitungen knüpfen. Außerdem schrieb er Bücher, die der Berliner Verlag
Walter de Gruyter verlegte. Das Thema Schach galt als politisch unverdächtig, daher waren Genehmigung und Papierzuteilung für den Verlagsleiter kein Problem.
1946 erschienen Mein erstes Schachbuch und Der Schachpraktiker, ein Jahr später
die Kurzgeschichten um Schachfiguren. Richter hatte sich aufs Bücherschreiben
gestürzt, weil es nach seinen ersten Bucherfolgen eine sichere Einnahmequelle
darstellte. Und Geld verdienen musste Kurt Richter. Für sich, seine Mutter und –
für seine Schattenwelt.
Um die dunkle Seite in der Seele des ruhigen, zurückhaltenden, ja schüchternen Schachmeisters zu erklären, erzähle ich eine Geschichte. Das Ehepaar Wilk
hatte Meister Richter zum Essen eingeladen. Martin Wilk gehörte zu den starken
Spielern, die sich Anfang der 50er Jahre wiederholt für die Berliner Meisterschaft
qualifizieren konnten. Dann wurde er Funktionär und führte den Steglitzer
Verein Schallopp. Nach dem Essen und Kaffeetrinken gingen sie mit Richter ins
Kino. Es gab „Drei Münzen im Brunnen“. Die Hollywood-Schnulze mit OscarNominierungen und dem Titelsong „Three Coins in the Fountain“, gesungen von
Frank Sinatra, war ein Kassenschlager. Nach dem Kinobesuch begleiteten die Eheleute Kurt Richter noch zur S-Bahn. Auf dem Heimweg entwickelte sich zwischen
dem Ehepaar folgendes Gespräch.
„Du sagst immer, dass der Kurt so schüchtern sei und nie seine Gefühle zeige“,
begann Frau Wilk.
„Stimmt auch“, antwortete Herr Wilk.
„Stimmt nicht“, erwiderte Frau Wilk.
„Sondern?“ fragte Herr Wilk.
„Er ist ein sehr gefühlsbetonter Mensch.“
„Wie kommst Du denn da drauf?“
„Er hat im Kino herzzerreißend geweint.“
„Was? Ehrlich? Wann?“
„Als die Dorothy McGuire ihre Münzen in den Trevi-Brunnen geworfen hat.“
„Ach so.“
„Was heißt denn das nun wieder?“
„Ihm kamen bei dem Gedanken die Tränen, dass man für das Geld schon
wieder eine schöne Dreierwette auf der Rennbahn in Karlshorst, Mariendorf oder
Hoppegarten hätte machen können.“
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„Du bist herzlos, der Kurt ist sensibel.“
An dieser Stelle zeigte Martin Wilk, welch ein guter Ehemann er gewesen ist. Er
beendete das Thema ohne Widerwort. Dabei wusste Martin Wilk natürlich, dass
sich Richter in der Französischen Verteidigung genauso gut auskannte wie im
Formenspiegel von „Stella bella“, der Siegerin im Deutschen Traber-Derby 1949.
Es war nun einmal die dunkle Seite im Wesen des Kurt Richter. In der Seele des
unscheinbaren, dünnen Mannes war ein Hasardeur versteckt. Der Mann, der keine fünf Minuten Fußweg von der Rennbahn in Karlshorst entfernt wohnte, war
ein Zocker. Auch hier tauchte er in eine Welt voller Abenteuer und Risiken ein.
Wann immer er Zeit und – noch wichtiger – Geld hatte, wettete er auf den Rennbahnen. Doch anders als bei seinen risikoreichen Manövern auf dem Schachbrett,
kosteten die Wetten auf Außenseiter richtig Geld. So tauchte er in all den Jahren
immer wieder mal im Verlagsbüro von de Gruyter auf und bat um einen Vorschuss, schließlich stand der nächste Renntag auf dem Programm.
Später, als Kurt Richter nach dem Mauerbau aus Karlshorst nicht mehr in die
Westsektoren fahren konnte, schickten ihm einige Schachfreunde Pakete. Den
guten Bekannten war dabei klar, dass nicht der gesamte Kaffee, die Fleischdosen,
die Schokolade und Kekse im Haushalt Richter konsumiert wurden. Ein Teil
verkaufte Richter für Bares, denn die Wetten mussten mit Bargeld bezahlt werden.
Auch seine Honorare wurden vom Verlag de Gruyter nach Ostberlin geschmuggelt. Jahrelang ging alles gut, dann wurde der Kurier erwischt und ins Gefängnis
gesteckt. Er musste einige Zeit einsitzen, ehe er freigekauft werden konnte.
Raus aus der dunklen Ecke, zurück zum Journalismus. Kurt Richter wusste um
seine angegriffene Gesundheit. Deshalb schaute er sich 1950 nach einem geeigneten Chefredakteur für die Deutsche Schachzeitung um. Der Verlag de Gruyter
wollte nach sechs Jahren Unterbrechung mit dem 100. Jahrgang erscheinen.
Richter selbst war bei den seit 1947 erscheinenden Deutschen Schachblättern
engagiert. Er kam nicht infrage. Aber er empfahl dem Verleger einen überaus
geeigneten Mann: Rudolf Teschner. Zunächst hatte Teschner bei den Schachblättern mitgearbeitet und sich als ein kongenialer Partner entpuppt. Als die
Schachblätter 1952 geschlossen wurden, arbeitete Richter unter Teschners Leitung
bei der Deutschen Schachzeitung mit, übernahm auch eine Rubrik in der ostdeutschen Zeitschrift Schach und gab gemeinsam mit Teschner zwei Bücher
heraus: Schacheröffnungen – Der Kleine Bilguer und Dr. Max Euwe – Ein Auswahl
seiner besten Partien.
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Auch in die Berliner Schacharena kehrte Richter zurück. 1948 sicherte er sich
den letzten seiner acht Meistertitel. In den Folgejahren, also von 1949 bis 1952,
belegte er den vierten, zweimal den zweiten und einen dritten Platz. 1957 langte es
in dem wohl stärksten Teilnehmerfeld der Nachkriegszeit zum siebten Rang.
Kurt Richter (links) spielte während seiner letzten Meisterschaft in Westberlin 1957
gegen Viktor Winz. Beide teilten am Ende den siebten Platz.
In den 50er Jahren konnte man Kurt Richter praktisch täglich im Café Wöller in
der Yorckstraße 2 treffen. Das Kaffeehaus Wöller setzte ein ganz klein wenig die
Tradition der Schach-Cafés der Vorkriegszeit fort, ohne natürlich mit den großen
Namen Kerkau, Moka Efti, König, Royal, Bauer, Silesia, Wien oder Uhlandeck
konkurrieren zu können oder die klassischen Häuser aus der Kaiserzeit und den
20er Jahren gar vergessen zu machen. Richter spielte im Wöller kaum Schach.
Er saß an „seinem“ Tisch, umgeben von Manuskriptblättern, Druckfahnen, auf
denen er die letzten Korrekturen machte, Zeitschriften und Büchern. Wer die
neuesten Nachrichten aus aller Welt erfahren, Klatsch und Tratsch aus den
Schachvereinen hören oder einfach eine Partie spielen wollte – im Wöller war er
genau richtig. „Sah Richter einen bekannteren Spieler, dann strahlte er, sprang auf,
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zog den Ankömmling zu sich an den Tisch und fragte ungeduldig: „Haam se ne
schöne Partie jespielt? Wie war det Turnier? Nu lassen se sich nich allet aus der
Nase ziehn.“ Dabei verfiel er dann vor Aufregung sogar ins Berlinern, während er
sonst Hochdeutsch sprach. Klaus Darga erinnert sich lebhaft an eine solche Begegnung, nachdem er 1953 von der Jugend-Weltmeisterschaft zurückgekehrt war.
Erst verschwand das Café, dann verschwand Kurt Richter. Das Café schloss
1960, der Mauerbau 1961 verhinderte seine Besuche in Westberlin. Er, der sich
stets geweigert hatte, in Ostberlin die Meisterschaft mitzuspielen, probierte es
dann mangels anderer Möglichkeiten doch. 1962 wurde er 3.-6. (22 Teilnehmer),
1964 4.-8. (30 Teilnehmer). Aber diese Anonymität des gesundheitlich angegriffenen Meisters im großen Teilnehmerfeld wirkte schon wie ein Abgesang…
Der große weiße König nahm den kleinen Kurt an die Hand und stieg mit ihm
die Treppe hinauf. „Schau, diese Skulptur stellt die Sizilianische Verteidigung dar
und auf dem goldenen Schild prangt der Name ,Richter-Rauser-Angriff ‘. Hier
steht die Französische Verteidigung mit dem Schild ,Anderssen-Richter-Angriff ‘, daneben wurde ,Richter-Weressow-Angriff ‘ in den Stein gemeißelt. Sieh,
dort links ist nur ,Richter-Angriff ‘ ins Gold graviert. Die Variante der Skandinavischen Verteidigung hast Du ganz für Dich allein.“ Dann zog er den kleinen
Kurt etwas ungeduldig weiter. „Das hinterlässt Du den Menschen hier unten. Dort
oben erwarten Dich schon die ganz Großen zum Turnier.“
Kurt Richter starb am 29. Dezember 1969 in der Karlshorster Wohnung, in der
er 34 Jahre gelebt hatte.
„Kurt Richter war mein großer Lehrmeister“, schrieb Großmeister Lothar
Schmid aus Bamberg in seinem Nachruf.
Großmeister h. c. Rudolf Teschner schrieb: „Kurt Richter … war mein Freund,
mein Lehrer und Ratgeber. Nicht nur ich, auch alle Leser werden künftig sein
treffsicheres Urteil, sein unnachahmliche, humorvolle Art, Pointen herauszukristallisieren und darzustellen, entbehren müssen. Für materielle Güter hatte
Richter nichts übrig, er lebte auf geistiger Ebene...“
Großmeister h. c. Dr. Heinz Lehmann: „Kurt Richter war nicht nur eine Persönlichkeit, sondern gewissermaßen eine Institution. Dass er nun in der Schachwelt nicht mehr wirken wird, ist eine für mich nur schwer vollziehbare Vorstellung. ...
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In fast 30 Jahren war es immer ein
Erlebnis, gegen einen solchen kompromisslosen Anhänger des Kombinationsspiels anzutreten oder auch
Partien mit ihm zu analysieren. Kurt
Richter hielt nichts von ausanalysierten Gambiteröffnungen, aber legte
seine Partien stets auf Angriff an und
fand dabei oft neuartige Lösungen
von Stellungsproblemen im Opferstil. ...
Dass Kurt Richter ein hervorragender Meister war, ist allgemein bekannt. Leider hat seine Tätigkeit als
Schachschriftsteller und Redakteur
seine Kräfte so erheblich beansprucht, dass er als ausübender Meister manchmal
nicht über die zum Turniererfolg erforderlichen Kraftreserven verfügte. ...
Im persönlichen Umgang war Kurt Richter sehr bescheiden, eher zurückhaltend und nicht übermäßig kontaktfreudig; Schachfreunden und Kollegen gegenüber war er stets freundlich und hilfsbereit. Die Nazizeit hat er unkompromittiert
und mit Anstand überstanden. Feinde hatte Kurt Richter meines Wissens nicht.
Seine Freunde werden ihn nicht vergessen.“
Schade, dass die Friedhofsverwaltung und die Lichtenberger Behörden nichts
von ihrem bekannten und beliebten Sohn wussten. Nach dem Tod seines jüngeren
Bruders Gerhard, der sich bis dahin, auch noch als 90-Jähriger, um das Grab
seines Bruders gekümmert hatte, wurde Kurt Richters Grabstätte 1998 – kurz vor
seinem 100. Geburtstag – eingeebnet. Zum Glück war der Platz nicht wieder
vergeben worden. So konnte die Grabstelle mit Gedenktafel durch eine Privatinitiative Berliner Schachfreunde wiederhergerichtet werden und kann auf dem
Friedhof an der Robert-Siewert-Straße 57 in Karlshorst besucht werden.
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„Das älteste Requisit des Kombinationsspielers“
Kurt Richter war nun 50, seine beste Zeit hatte er hinter sich. Kommen Sie mir nicht
mit Kortschnoi! Es war so. Aber den während des Turniers gerade erst 16 Jahre alt
gewordenen Klaus Darga erwischte Richter mit seinem sicheren Gespür für taktische
Schläge. Zur rechten Zeit. Später wäre das wohl nicht mehr gelungen, denn nur ein Jahr
später wurde Klaus Darga Deutscher Jugendmeister.
Kurt Richter – Klaus Darga
Berliner Meisterschaft 1950
Französisch [C14]
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7
5.Lxf6 Lxf6 6.e5 Le7 7.Dg4 0–0 8.Ld3 c5
9.dxc5 Sd7 10.Sf3 Sxc5 11.0–0–0 Da5
a
>
b
c
d
e
f
g
beschleicht einen schon mal die Angst
vor einer verborgenen Ressource, oder
aber die erforderliche Rechentiefe schreckt
ab... Das gilt beides nicht für Kurt Richter; Angst am Brett kannte er nicht, und
hier erforderte „nur“ eine Variante eine
gewisse Tiefe.
14...Te8 Nach 14...f6 15.exf6 Txf6 muss
schon exakt gerechnet werden für die
elegante Lösung: 16.Sg5 Ld8 17.Dh7†
Kf8 18.Dh8† Ke7 19.Dxg7† Kd6 20.Sge4†
Sxe4 21.Sxe4†.
15.Sg5 Lxg5† 16.hxg5 Kf8 17.g6 fxg6
18.Dxg6 Ld7 19.Th7 Spaß pur für Kurt
Richter, den Liebhaber der hohen Schule
der Kombination. 1–0
h
8
8
7
7
6
6
5
5
4
4
3
3
2
2
1
1
a
b
c
d
e
f
g
Auf der Lauer
h
Was Klaus Darga wohl nicht gewusst hatte: Er lief in eine Spezialvariante, mit der
Kurt Richter ein Leben lang die Französische Verteidigung bekämpfte. Die gefährlichen Ideen bekam schon 19 Jahre
vorher der Ungar Arpad Vajda zu spüren.
12.Lxh7† „ Auweia“, dachte Klaus Darga,
„ausgerechnet gegen den alten Taktikfuchs laufe ich in das Standard-Lxh7Opfer!“ Kurt Richter nannte es „das
älteste Requisit des Kombinationsspielers“.
12...Kxh7 13.Dh5† Kg8 So einfach indes
ist die Chose nicht.
Kurt Richter – Arpad Vajda
Schacholympiade 1931, Prag
Französisch [C14]
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7
14.h4 Erst durch diesen stillen Zug wird
der Einschlag auf h7 gerechtfertigt. Stille
Züge sind nicht jedermanns Sache. Da
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5.Lxf6 Lxf6 6.e5 Le7 7.Dg4
a
<
b
c
d
e
f
g
Kurt Richter eher selbstverständlich. Er
lag nämlich ständig auf der Lauer, um
solche Schläge aufzuspüren.
h
8
8
7
7
6
6
5
5
4
4
3
3
2
2
1
1
a
b
c
d
e
f
g
15...Sd7 Auch 15...bxc3 führt ins Verderben: 16.Txc5 cxb2† 17.Kb1 0–0 18.Se4.
16.Txd7 Na klar, der tiefere Sinn des
Turmopfers auf d5 lag in der Eroberung
des Feldes e4 für einen, letztlich sogar für
beide Springer. Und obendrein erlangt
Richter die Kontrolle über das Feld f6.
Das muss reichen!
16...Lxd7 17.Sce4 Lb5 18.Lxb5† axb5
19.Sxc5 0–0 20.Sge4 Txa2 21.Dh6 f6
22.Dxg6† Dg7 23.Dxg7† Kxg7 24.Th3
Ta1† 25.Kd2 Td8† 26.Sd6 1–0
h
Da ist sie, die Spezialvariante Richters
gegen die Französische Verteidigung.
Grundidee: dem schwarzen König auf die
Pelle rücken.
7...g6 Will mit den Löchern leben, na
warte!
Hier und jetzt
8.h4 h5 9.Df4 a6 10.Sf3 c5 11.dxc5 Lxc5
12.0–0–0 De7 13.Sg5 Es geht los!
Gideon Stahlberg (1908–1967), ein schwedischer Schachriese der erweiterten Weltklasse (14 Olympiaden zwischen 1928
und 1964) wurde von Kurt Richter gleich
zweimal vorgeführt mit der „RichterVariante“, wie sie im deutschen Sprachraum hieß. Besonders demütigend für
Stahlberg: Es lag nur ein Jahr zwischen
den Partien, und Kurt Richter wich nicht
einmal von seinem Muster ab.
13...b5 14.Le2 b4
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Kurt Richter – Gideon Stahlberg
Podebrady (Tschechien) 1936
Französisch [C14]
1.d4 Sf6 2.Sc3 d5 3.Lg5 e6 4.e4 Le7
5.Lxf6 Lxf6 6.e5 Le7 7.Dg4 0–0 8.0–0–0
f5 9.Dh3 c5 10.dxc5 Sc6 11.f4 Lxc5
1
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15.Txd5 Überraschung für Vajda? Für
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KURT RICHTER
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21...Se3 22.Dg1 Db6 lässt einen brillanten Schluss zu.
h
23.Lxg6 Sxd1 24.Lxh7† Kxh7 25.Dxd1
Turm weniger? Nee, denn der Ta8 spielt
gar nicht mit. Die schwarze Stellung ist
hin, doch der Schwede wollte es nicht
wahrhaben – diese Partie war immerhin
das zweite Desaster – und schleppte das
Ende hinaus.
25...Tf5 26.Tg1 Ld7 27.Dg4 Dxg1†
28.Dxg1 Tg8 29.Dxa7 Lc6 30.b4 d4
31.Sg5† Tgxg5 32.fxg5 Txe5 33.h4 Te4
34.Dc5 Kg6 35.Df8 Txh4 36.Df6† Kh5
37.g6 d3 38.Dh8† Kg5 39.g7 1–0
h
12.g4 Kurt Richter will mit diesem Hebel
die Festung knacken, überspannt dabei
aber den Bogen.
Der Vorgänger
12...fxg4 13.Dg3 13.Dxg4 Le3†.
(Lied ohne Worte)
13...Da5 Die Dame könnte besser defensiv helfen. Schwarz hätte zum Beispiel
großen Vorteil bekommen nach 13...h5
14.Sge2 g5, wie Gideon Stahlberg nach
der Partie fand. Solche Post-MortemUrteile müssen sich Angriffsspieler schon
immer gefallen lassen. Kurt Richter sagte
dazu nur: „Hier und jetzt zählt, mein
Lieber!“
Kurt Richter – Gideon Stahlberg
Deutschland – Schweden 1935
Französisch [C14]
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7
5.Lxf6 Lxf6 6.e5 Le7 7.Dg4 0–0 8.Ld3 c5
9.dxc5 f5 10.Dh3 Sd7 11.f4 Sxc5 12.0–0–0
Ld7 13.Sge2 b5 14.Sd4 b4 15.Sce2 a5
16.g4 g6 17.gxf5 gxf5 18.Thg1† Kh8
19.Sf3 Dc7 20.Sg5 Lxg5 21.fxg5 Tg8
22.g6 Tg7 23.gxh7 Le8
14.Kb1 Lb4 Schwarz steht immer noch
gut, vertändelt aber den kleinen Vorteil
durch sein „körperloses Spiel“ (ohne
anrempelnde Bauern). Der Bauernzug
14...b5 etwa hätte Weiß mehr beschäftigt,
als ihm lieb sein kann: 15.Lxb5 Se7.
(siehe Diagramm)
24.Txg7 Dxg7 25.Tg1 Dxh7 26.De3 Sxd3†
27.cxd3 Lh5 28.Dg5 Lg4 29.Df6† Kg8
30.h3 Dxh3 31.Dxe6† Kf8 32.Dd6† Kg7
33.Df6† Kh7 34.Kb1 Dh2 35.Tc1 Ta7
36.Sf4 Dh6 37.Dd8 Lf3 38.Sxd5 Lxd5
39.Dxd5 Kg7 40.Tg1† Kf8 41.Dg8† 1–0
15.Sce2 Se7 16.Sd4 Lc5 17.Sb3 Db6
18.Sxc5 Dxc5 19.Ld3 Sf5 20.Dxg4 g6
21.Sh3 Endlich machen alle mit. Nun
noch Sg5, und der h-Bauer kann loslegen,
doch...
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KURT RICHTER
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18.gxf5 gxf5
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Nibelungentreue
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19.Sxd5 Und immer noch gut genug sind
die taktischen Reflexe des 57-jährigen
Kurt Richter.
Kurt Richter – Harald Lieb
Berliner Meisterschaft 1957
Französisch [C14]
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7
5.Lxf6 Lxf6 6.e5 Le7 7.Dg4 0–0 8.Ld3
Kurt Richter wollte trotz der Mängel dieses Aufbaus – wir haben ihn in der Partie
Richter–Stahlberg 1936 aufgezeigt – nichts
ändern. Eine wahre Nibelungentreue!
Und sie wird erneut belohnt.
8...f5 9.Dh3 c5 10.dxc5 Sd7 11.f4 Sxc5
12.0–0–0 b5 Harald Lieb hatte sich natürlich mit dem Aufbau beschäftigt und
einen verheißungsvollen Plan entwickelt.
13.Sf3 Da5 14.Sd4 Ld7 15.Kb1 Tab8
16.g4 Die altgediente Masche zur Öffnung von Angriffswegen, immer wieder
gut genug.
16...Sxd3 17.Dxd3 g6 Lieb hält nicht
durch, gut spielbar waren 17...fg4 oder
17...b4.
19...exd5 20.e6 Le8 21.Sxf5 Txf5 22.Dxf5
Dc7 23.Thg1† Kh8 24.Dg4 Lg6 25.f5 Lf6
26.fxg6 De5 27.c3 b4 28.Tde1 Dd6
29.gxh7 1–0
Raus aus den Büchern!
Kurt Richter war nicht gerade scharf auf
das Spiel mit zu viel strategischem Anteil,
„Geschiebe“ nannte er es verächtlich.
Und so mied er denn Eröffnungen, die im
Kern strategischer Natur sind wie das klassische Damengambit oder den geschlossenen Spanier, die vornehmlich von der
Bauernstruktur geprägt sind. Stattdessen
suchte er Stellungen, die freies Figurenspiel sichern. So wandte er sich um 1940
für kurze Zeit Trompowsky zu (1.d4 Sf6
2.Lg5). Seine ganze Liebe indes galt den
Zügen 1.d4 d5 2.Sc3 Sf6 3.Lg5 (Richter40
40
h
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Stellung nach 23...Le8
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g
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KURT RICHTER
Weressow) mit einer schönen Zusatzchance: Nach 3...e6 4.e4 ist Französisch
auf dem Brett – nicht immer mit dem
letzten Einverständnis des Schwarzen.
Gideon Stahlberg geriet so 1936 gegen
Kurt Richter in ein schreckliches Schlamassel, wie wir gesehen haben.
a
Kurt Richter – Gerhard Weißgerber
Bad Aachen 1933
Richter-Weressow [D01]
1.d4 Sf6 2.Sc3 d5 3.Lg5 In der RichterWeressow-Eröffnung fehlten den Spielern in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gängige Vorlagen – sie waren raus aus den Büchern,
mit sich allein. Das gefiel Kurt Richter.
Gut, mitunter fand auch er sich nicht
zurecht, konnte sich aber auf sein taktisch gewitztes Spiel verlassen. Auch in
dieser Partie.
3...Lf5 4.f3 Lg6 5.e3 Sbd7 6.f4 e6 7.Sf3
Le7 8.Ld3 c5 9.0–0 c4 10.Lxg6 hxg6
11.De2 Lb4 12.e4 Lxc3 13.exd5 Lxb2
14.Tab1 Lxd4† 15.Sxd4 Sb6 16.De5 Dxd5
17.Lxf6 gxf6 18.Dxf6 0–0 19.Sf3 Df5
20.Dh4 Kg7 21.Tbe1 Dc5† 22.Kh1 Th8
23.Dg3 Richter musste sich eingestehen,
nichts für seinen geopferten Bauern zu
haben. So ungewöhnlich war das für ihn
nicht. Aber statt zu resignieren, wartete
er stets auf seine Chance. Dabei warf er
immer ein Auge auf den gegnerischen
König.
23...Da3
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Wieder eine Dame, die ihren König allein
lässt (wir erinnern uns an die LiebPartie). Na dann mit alle Mann auf den
König!
24.f5 Gewinnt das Feld e5 für die Dame.
24...exf5 25.De5† Kg8 26.g4 Will den
Schutzwall gänzlich einreißen.
26...Sd7 27.Dd4 fxg4? 28.Sg5 Und schon
ist Schwarz erledigt!
28...Tf8 29.Dxd7 Dg3 30.Dxf7† Ein schönes Mattbild gefällig?
30...Txf7 31.Te8† 1–0
Verbotene Züge
Kurt Richter – Abraham Baratz
Prag 1931
Richter-Weressow [D01]
1.d4 Sf6 2.Sc3 d5 3.Lg5 Lf5 4.f3 c6 5.e3
Sbd7 6.f4 Da5 7.Ld3 Se4 8.Lxe4 Lxe4
9.Sf3 f6 10.Lh4 e6 11.0–0 Lxf3 12.Dxf3
f5 13.Tae1 Db4
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KURT RICHTER
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16...Dd6? 16...Dc4 hält noch stand.
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17.Df5 Dxd4† 18.Kh1 Le7 19.Dxe6 0–0–0
20.Lxe7 The8 21.Dh3 Dxb2 22.Lxd8
Txd8 23.Db3 Df6 24.De6 Dc3 25.Te2
Kc7 26.h3 Sf6 27.De5† Dxe5 28.fxe5 Sd5
29.Tf7† 1–0
Kurt Richter kommentiert eine Kaffeehauspartie (aus Golz/Keres: Schönheit der
Kombination):
1
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Die Opfer und das Opfer
14.e4 Ein „Verbotener Zug“. Verbotene
Züge sind solche, die das Gehirn gar
nicht in Betracht zieht, also einfach verbietet, als unmöglich ausschließt. Das ist
menschlich. Allzu menschlich. Nun wird
bisweilen ein Verbotener Zug, wenn ihn
ein Computer macht, bejubelt. Zu Unrecht, denn aus seiner Sicht steht der Zug
auf gleicher Ebene wie alle anderen auch.
Dem Menschen dagegen gebührt Hochachtung, wenn er seinem Gehirn den
Ausschluss gewisser Züge nicht zustimmt.
14.e4 ist nun gleich mehrfach verboten:
der Bauer e4 kann vom d- oder f-Bauern
geschlagen werden, und überdies hängt
auch noch d4 mit Schach. Ein besonderer
Moment für Kurt Richter, konnte er hier
quasi in einem Zug seine Phantasien
ausleben, seine romantische Seite einbringen, seine Traumwelt bedienen. Und
merkwürdig: Der Verbotene Zug ist hier
auf ganz profane Weise völlig korrekt, ja
der einzige, der weißen Vorteil ergibt!
Macht es nicht viel mehr Freude, in der
Schachpartie zu geben und zu siegen als
zu nehmen und zu siegen? Das ist, auf
einen kurzen Nenner gebracht, der Unterschied zwischen der guten alten Zeit
und der modernen. Der frisch-fröhliche
Angriff ist einem lauernden Dschungelkampf gewichen. Aber manchmal fallen
die heutigen Spieler doch in die alten
Sünden zurück. Wohlan denn: folgen wir
ihnen!
Kurt Richter – Martens
Berlin 1957
Sizilianisch (Flügelgambit) [B50]
„Man nehme“ – nicht zuviel!
1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.b4 cxb4 4.a3 Sc6
5.axb4 Sxb4 6.d4 e6 7.c3 Sc6 8.d5 Se5
9.Sxe5 dxe5 10.Lg5 Weiß: „Na, wie bin
ich zu Ihnen?“
10...Dxg5 Schwarz: „Sehr entgegenkommend“! Aber ich nehme alles weg. Ihre
Opfer sind meist etwas wurmstichig. Nur
keine Angst!“ Vorsichtiger war freilich
10...f6.
14...dxe4 15.Sxe4 fxe4 16.Dxe4 Kräftiger
ist 16.Txe4.
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KURT RICHTER
11.Lb5† Schwarz: „Ach, jetzt sollte ich
wohl 11...Ke7 ziehen, damit Sie mit d6†
und d7 kommen können. Nee, is nich!“
a
11...Ld7 12.Lxd7† Kxd7 13.dxe6† Kxe6
14.Dd5† Kf6 15.0–0 Le7? Schwarz: „So,
und nun noch Td8, und aus ist der
Traum!“ Richtig war indessen 15...Kg6.
(siehe Diagramm)
16.Ta6† Ja, aus ist der Traum! Schwarz
gab auf, da er unweigerlich matt wird.
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Mitunter sind die Opfer auch richtig!
(Schwarz murmelte indessen etwas von
großen Kartoffeln!)
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