retter in hoechstgeschwindigkeit

Retter in Höchstgeschwindigkeit
Schwimmen, laufen, Nerven behalten. Rettungsschwimmer kämpften am Bärwalder See um den
Deutschlandpokal.
20.05.2015 Von Susanne Sodan
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Der Motor vom Rettungsboot heult auf, Robert Gottwald sitzt im
Heck und steuert. Nick Hänisch zieht das Boot noch ein Stück ins
Wasser und springt rein. Der Motor heult noch mehr, der Bug bäumt
sich auf. In Höchstgeschwindigkeit fährt Robert auf die erste Boje im
Bärwalder See zu. Eine Runde drumherum, das Rettungsboot legt
sich steil auf die Seite. Noch ein paar Meter weiter. Dort liegt ein
Mensch im Wasser. Jemand, der dringend Hilfe braucht – wenn das
ein Ernstfall wäre. Ist es aber nicht, das hier ist ein Wettkampf.
Letzten Freitag haben 20 Rettung­Teams aus Deutschland, Belgien
Der Bärwalder See ist für die meisten Teilnehmer eine neue Kulisse.
Sonst fand der IRB­Cup immer an der Ostsee statt.
© andré schulze
und Polen auf dem Bärwalder See trainiert – für den IRB­Cup.
Wasserrettung in Höchstgeschwindigkeit. Ein Wettkampf, der sonst
immer an der Ostsee ausgetragen wird. Am Sonnabend fand er
erstmals auf dem Bärwalder See statt. Die Mannschaften traten alle
in vier Kategorien an. Zuschauer erwünscht. Nick Hänisch, Robert
Gottwald und Richard Jenkner vom Görlitzer Team üben gerade Single­Rescue, also die Rettung einer Einzelperson.
Neoprenanzug und Rettungsweste an, Helm auf.
Es geht ganz entspannt los: Richard, der in Not geratene Patient, wird auf den See hinausgebracht, rund hundert Meter vom Ufer
entfernt. Rein ins 15 Grad kalte Wasser. Nick und Robert fahren zurück zum Strand. Und dann läuft die Zeit: Motor anwerfen,
Gang einlegen, Boot ziehen, reinspringen. Nick wirft sich auf den Bug, um ihn mit seinem Gewicht unten zu halten. Damit wird
das Boot noch schneller. Mit Vollspeed zur ersten Boje, eine 360­Grad­Drehung drumherum. Nick verlagert sein Gewicht auf die
Innenseite des Bootes. Noch mehr Schräglage, vielleicht noch ein paar Millisekunden gespart. Vielleicht rufen sie sich Hinweise zu,
vielleicht auch nicht. Es ist der Moment, in dem man nur noch einen Wunsch hat: bitte nicht rausfallen. Die Finger krallen sich in
die Halte­schlaufen, die Beinmuskulatur arbeitet. Alleine schon Mitfahren ist Sport. „Irgendwann macht´s Spaß“, sagt Nick.
Er schwimmt bereits seit seinem vierten Lebensjahr im Verein. Carolin Goller, auch Mitglied im Görlitzer Team, ist seit ihrem 12.
Lebensjahr bei den Rettungsschwimmern. Der IRB­Cup – das ist Sport, das ist Spaß, das ist Ehrgeiz. Vor allem aber ist es eine
große Übung für den Ernstfall. Alle Teilnehmer sind Rettungsschwimmer, bei den deutschen Teams sind auch alle Mitglieder der
Deutschen Lebens­Rettungs­Gesellschaft (DLRG). Und sie alle verbringen im Sommer einen großen Teil ihrer Freizeit an Seen, in
Freibädern, an der Nord­ und Ostsee, um dort auf die Badegäste aufzupassen. Die Görlitzer wachen zum Beispiel am Berzdorfer
See.
Die Runde um die Boje – die ist nicht Teil der Übung, um einfach nur den Adrenalinspiegel zu heben und seine Motorboot­
Fähigkeiten zu zeigen. Auch wenn das hier eine echte Notsituation wäre, würde Robert ein paar Meter vom Patienten entfernt ein
Ringel fahren. „Das ist, um die Geschwindigkeit wieder rauszunehmen und eine sichere Rettung zu gewährleisten“, erklärt
Veranstaltungsleiter Henning Otto. Er gehört sonst zur Lübecker DLRG.
Weiter geht's zu Richard. Er streckt die Arme aus dem Wasser in die Höhe, Nick packt ihn, zieht ihn während der Fahrt ins Boot.
Ob das bei einem echten Fall so auch funktioniert? „Das klappt oft auch in der Praxis“, sagt Henning Otto. „Wenn ein Mensch im
Wasser dringend Hilfe braucht, er bei Bewusstsein ist und Sie schreien ’Arme hoch‘ – dann macht dieser Mensch das.“ Highspeed
zurück zum Strand. Das Ganze hat keine Minute gedauert, vielleicht 40 Sekunden. Nächste Kategorie: Mass­Rescue, die Rettung
von zwei Personen. Im Grunde das gleiche Spiel wie bei der Einzelrettung. Nur kommt jetzt noch eine Laufstrecke dazu. Noch
anspruchsvoller wird es bei der dritten Kategorie: Rettung mit Rettungsgurt. Dafür fährt der Bootsmann nicht direkt bis zum
Patienten. Rund 25 Meter von ihm entfernt springt der Bootsgast, also der zweite Retter, über Bord und holt den Patienten aus
dem Wasser. Diese Methode wird zum Beispiel bei hohem Wellengang eingesetzt, wenn man den Patienten nicht sofort orten
kann.
Die Rettungsschwimmer sprechen immer vom Patienten, nie vom Opfer. Opfer, das hört sich nach „nichts mehr tun können“,
nach „vorbei“ an. Einige von ihnen haben solche Fälle, in denen sie nicht mehr helfen konnten, schon erlebt. Viel öfter können die
Rettungsschwimmer aber eben doch helfen. Im Ernstfall, genauso wie im Wettkampf, braucht es Teamarbeit. Für den
Außenstehenden mag nur eine Regel gelten: irgendwie im Boot bleiben. Die Rettungsschwimmer achten auf viel mehr, vor allem
auf Sicherheit. „Sie müssen zum Beispiel immer mit drei Punkten ihres Körpers Kontakt zum Boot halten“, erklärt Otto.
Entsprechend werten die Juroren beim Wettkampf auch. Es gibt 80 Möglichkeiten, sich einen Punktabzug einzuhandeln. Fährt der
Bootsmann beim Rückweg zu hart auf den Strand auf, fallen Bootsgast und Patient gar aus dem Boot, bedeutet das für das Team
eine Nullrunde. Passiert das ein zweites Mal, ist das Team disqualifiziert. Ordentlich Punktabzug gibt es genauso, wenn das Boot
zu schnell an die zu rettende Person heranfährt.
Am besten meisterte das Team Meißen 1 die Herausforderungen beim IRB Deutschlandpokal am Bärwalder See. Es siegte mit
deutlichem Vorsprung vor der DLRG Rheurdt­Schaephuysen, dem Deutschlandpokal­Gesamtsieger der vergangenen drei Jahre.
Die siegreichen Meißener gewannen eine der drei Einzeldisziplinen und fuhren in den anderen beiden auf den zweiten Rang.
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