TL Arbeitsblätter (14

Gina Ruck-Pauquèt: Der kleine Zoowärter und das Äffchen
Im Zoo haben alle Tiere ihr eigenes Gehege. Und damit sie in ihrer Wohnung nicht gestört werden, ist
sie mit Gitterstäben eingezäunt. Immer wenn der kleine Zoowärter ein bisschen Zeit übrig hat, putzt er
die Gitterstäbe, bis sie blitzen.
»Jemand war in meinem Gehege«, beschwerte sich da der Schakal eines Tages. »Er hat meinen
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schönen, alten Knochen ausgegraben!
»Das ist nicht möglich«, sagte der kleine Zoowärter. »Ich habe die Tür fest abgeschlossen.« Aber es
dauerte nicht lange, da beklagte sich auch der Löwe.
»Jemand war bei mir drin«, brummte er. »Er hat mich an der Mähne gezupft, während ich schlief.«
»Hm«, machte der kleine Zoowärter, und er konnte es nicht glauben.
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»Hilfe!« schrie in diesem Augenblick das Zebra. »Hier raschelt einer im Heu!«
Und als der kleine Zoowärter nachschaute, fand er ein winziges Äffchen.
»Wie kommst du hierher?« fragte er verwundert.
»Durch die Gitterstäbe«, sagte das Äffchen. »Ich bin so dünn, dass ich überall durchkomme.«
Da brachte der kleine Zoowärter das Äffchen wieder nach Hause. »Hier bleibst du jetzt«, befahl er.
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Und das Äffchen sagte: »Ja.«
Aber es dachte nicht daran, sein Wort zu halten. Schon am nächsten Tag schlüpfte es wieder hinaus.
Es hängte sich dem Elefanten an den Schwanz, bewarf das Nilpferd mit Steinen und beleidigte den
Papagei.
»Sperr das Äffchen ein!« verlangten die Tiere vom kleinen Zoowärter.
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Der kleine Zoowärter aber lächelte nur, und er brachte dem Äffchen eine dreifache Portion Nüsse und
Obst.
»Guten Appetit!« sagte er.
Und das Äffchen fraß alles auf. Das konnten die Tiere nicht verstehen. Aber weil sie den kleinen Zoowärter sehr liebhatten, schwiegen sie.
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Das Äffchen schlüpfte aber alle Tage durch die Gitterstäbe hinaus. Es scheuchte die Enten, nahm dem
Seehund seinen Ball fort, und dem alten Flamingo riß es die allerschönste aus.
»Leg das Äffchen an die Kette!« forderten die Tiere.
Doch der kleine Zoowärter lächelte bloß, und er fütterte das Äffchen mit den feinsten Früchten. So kam
es, dass das Äffchen immer dicker wurde, und immer frecher wurde es auch. Es sprang dem Wildpferd
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auf den Rücken, und einmal kletterte es sogar der Giraffe an ihrem Giraffenhals empor. Da wurden die
Tiere böse, und sogar der Löwe brüllte den ganzen Tag. Dabei ist der Löwe eigentlich ziemlich faul.
»Pst«, lächelte der kleine Zoowärter, und er legte den Finger an die Lippen. »Wartet ab.«
Und er fütterte das übermütige Äffchen weiter mit allerhand Leckereien. Und mit der Zeit wurde das
Äffchen so dick, dass es nicht mehr durch die Gitterstäbe schlüpfen konnte. So blieb es brav zu Hause,
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und am Ende ist noch ein anständiger Affe aus ihm geworden.
Die Tiere aber bewunderten den kleinen Zoowärter sehr wegen seiner Klugheit, und er war ordentlich
stolz.
Textlinguistik-Materialien 2014 - 14
Julia Franck: Streuselschnecke (2005)
Der Anruf kam, als ich vierzehn war. Ich wohnte seit einem Jahr nicht mehr bei meiner Mutter und
meinen Schwestern, sondern bei Freunden in Berlin. Eine fremde Stimme meldete sich, der Mann
nannte seinen Namen, sagte mir, er lebe in Berlin, und fragte, ob ich ihn kennen lernen wolle. Ich
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zögerte, ich war mir nicht sicher. Zwar hatte ich schon viel über solche Treffen gehört und mir oft
vorgestellt, wie so etwas wäre, aber als es soweit war, empfand ich eher Unbehagen. Wir verabredeten uns. Er trug Jeans, Jacke und Hose. Ich hatte mich geschminkt. Er führte mich ins Café
Richter am Hindemithplatz und wir gingen ins Kino, ein Film von Rohmer. Unsympathisch war er
nicht, eher schüchtern. Er nahm mich mit ins Restaurant und stellte mich seinen Freunden vor. Ein
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feines, ironisches Lächeln zog er zwischen sich und die anderen Menschen. Ich ahnte, was das
Lächeln verriet. Einige Male durfte ich ihn bei seiner Arbeit besuchen. Er schrieb Drehbücher und
führte Regie bei Filmen. Ich fragte mich, ob er mir Geld geben würde, wenn wir uns treffen, aber er
gab mir keins, und ich traute mich nicht, danach zu fragen. Schlimm war das nicht, schließlich
kannte ich ihn kaum, was sollte ich da schon verlangen? Außerdem konnte ich für mich selbst sor-
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gen, ich ging zur Schule und putzen und arbeitete als Kindermädchen. Bald würde ich alt genug
sein, um als Kellnerin zu arbeiten, und vielleicht würde ja auch noch eines Tages etwas Richtiges
aus mir. Zwei Jahre später, der Mann und ich waren uns immer noch etwas fremd, sagte er mir, er
sei krank. Er starb ein Jahr lang, ich besuchte ihn im Krankenhaus und fragte, was er sich wünsche. Er sagte mir, er habe Angst vor dem Tod und wolle es so schnell wie möglich hinter sich
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bringen. Er fragte mich, ob ich ihm Morphium besorgen könne. Ich dachte nach, ich hatte einige
Freunde, die Drogen nahmen, aber keinen, der sich mit Morphium auskannte. Auch war ich mir
nicht sicher, ob die im Krankenhaus herausfinden wollten und würden, woher es kam. Ich vergaß
seine Bitte. Manchmal brachte ich ihm Blumen. Er fragte nach dem Morphium, und ich fragte ihn,
ob er sich Kuchen wünsche, schließlich wusste ich, wie gerne er Torte aß. Er sagte, die einfachen
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Dinge seien ihm jetzt die liebsten, er wolle nur Streuselschnecken, nichts sonst. Ich ging nach
Hause und buk Streuselschnecken, zwei Bleche voll. Sie waren noch warm, als ich sie ins Krankenhaus brachte. Er sagte, er hätte gerne mit mir gelebt, es zumindest gern versucht, er habe immer gedacht, dafür sei noch Zeit, eines Tages, aber jetzt sei es zu spät. Kurz nach meinem siebzehnten Geburtstag war er tot. Meine kleine Schwester kam nach Berlin, wir gingen gemeinsam
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zur Beerdigung. Meine Mutter kam nicht. Ich nehme an, sie war mit anderem beschäftigt, außerdem hatte sie meinen Vater zu wenig gekannt und nicht geliebt.
Textlinguistik-Materialien 2014 - 15
Der populäre Irrtum: Frucht der falschen Erkenntnis
Einen Adamsapfel gibt es. Aber keine Stelle in der Bibel, die von einem Apfel und
Eva erzählt
Die landläufige Überzeugung, Eva hätte ihren Partner mit rotbackigem Kernobst verführt,
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gründet sich vor allem auf Sakralbilder. Sie stellen seit langer Zeit Eva mit einem Apfel
dar, zum Beispiel in einem berühmten zweiteiligen Gemälde von Albrecht Dürer aus dem
Jahre 1507. In der Bibel jedoch steht nichts von einem Apfel: Bei der Schilderung des
Sündenfalls im Paradies (Mose 1.3) ist nur allgemein von einer Frucht die Rede.
Allerdings: Zufällig ist die Entscheidung für den Apfel nicht. Denn das lateinische Wort für
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diese Frucht lautet malum - wie das Adjektiv malum, böse. Der Apfel ist also ein Sinnbild
für das Böse. Außerdem lag der Garten Eden, so schildert es das Buch der Bücher, im
Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, im Gebiet des heutigen Irak. Ziemlich genau
aus dieser Gegend, aus Armenien und Iran, gelangte auch das Kernobst vor 6000 Jahren
bis ins Stammland Israels.
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Dort wachsen übrigens mittlerweile so viele Äpfel, dass der jüdische Staat die überschüssigen Früchte neuerdings sogar an Syrien, seinen Erzfeind, liefert.
http://www.geo.de/GEO/kultur/geschichte/65334.html
Textlinguistik-Materialien 2014 - 16
Thomas Hürlimann: Der Filialleiter (1992)
Als der Filialleiter des Supermarktes auf dem Fernsehschirm seine Frau erblickte, erschrak er zu
Tode. Nein, er täuschte sich nicht – das erste Programm zeigte Maria-Lisa, seine eigene Frau. Im
schicken Blauen sass sie in einer grösseren Runde, und gerade jetzt, da der Filialleiter seinen
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Schock überwunden glaubte, wurde Maria-Lisa von der Moderatorin gefragt, was sie für ihren
Ehemann empfinde.
«Nichts», sagte Maria-Lisa.
«Maria-Lisa!», entfuhr es dem Filialleiter, und mit zittriger Hand suchte er den Unterarm seiner
Frau. Wie jeden Abend sassen sie nebeneinander vor dem Fernseher, und beide hatten ihre Füs-
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se in rote Plastikeimerchen gestellt, in ein lauwarmes Kamillenbad – das stundenlange Stehen im
Supermarkt machte ihnen zu schaffen.
Die Bildschirm-Maria-Lisa lächelte. Dann erklärte sie, über den Hass, ehrlich gesagt, sei sie schon
hinaus.
Der Filialleiter hielt immer noch Maria-Lisas Arm. Er schnaufte, krallte seine Finger in ihr Fleisch
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und stierte in den Kasten. Hier, fand er, war sie flacher als im Leben. Sie hatte ihr Was-darfs-dennsein-Gesicht aufgesetzt und bemerkte leise, aber dezidiert: «Mein Willy ekelt mich an.»
Und das in Grossaufnahme!
Nun sprach eine blonde Schönheit über die Gefahren der Affektverkümmerung und der Filialleiter,
dem es endlich gelang, die Augen vom Apparat zu lösen, versuchte seine Umgebung unauffällig
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zu überprüfen. Jedes Ding war an seinem Platz. In der Ecke stand der Gummibaum, an der Wand
tickte die Kuckucksuhr, und neben ihm sass die Frau, mit der er verheiratet war. Kein Spuk – Wirklichkeit! Maria-Lisa war auf dem Bildschirm, und gleichzeitig griff sie zur Thermosflasche, um in die
beiden Plastikeimer heisses Wasser nachzugiessen.
Sein Fussbad erfüllte Willy auch an diesem Abend mit Behagen. Dann rief er sich in Erinnerung,
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was ablief. Ungeheuerlich! Auf dem Schirm wurde das emotionale Defizit eines Ehemanns behandelt, und dieser Ehemann war er selbst, der Filialleiter Willy P.! Er griff zum Glas und hatte Mühe,
das Bier zu schlucken. Hinter seinem Rücken war Maria-Lisa zu den Fernsehleuten gegangen.
Warum? Willy hatte keine Ahnung. Willy wusste nur das eine: Vor seinen Augen wurde sein Supermarkt zerstört.
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Maria-Lisa reichte ihm das Frotteetuch, aber der Filialleiter stieg noch nicht aus dem Eimer. Er hielt
das Tuch in der Hand, und so stand er nun, nur mit Unterhemd und Unterhose bekleidet, minutenlang im Kamillenbad – ein totes Paar Füsse, im Supermarkt plattgelatscht.
«Das Wasser wird kalt», sagte Maria-Lisa.
Der Filialleiter rieb sich die Füsse trocken, dann gab er Maria-Lisa das Tuch. Als die Spätausgabe
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der Tagesschau begann, sassen sie wieder auf dem Kanapee. Maria-Lisa und der Filialleiter, Seite
an Seite, er trank sein Bier und sie knabberte Salzstangen.
Textlinguistik-Materialien 2014 - 17