Leseprobe - Aufbau Verlag

Mercedes Lauenstein
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ISBN 978-3-351-03614-0
Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
1. Auflage 2015
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2015
© Mercedes Lauenstein
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.
Einbandgestaltung ZERO Werbeagentur, München
Druck und Binden CPI books GmbH, Leck, Germany
Printed in Germany
www.aufbau-verlag.de
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Daniel
An einem Montag, um 3 Uhr 53
Ein Haus an der nachtleeren Kreuzung eines ruhigen Wohnviertels, davor eine Bushaltestelle und eine Litfaßsäule. Im ersten Stock brennt Licht hinter naturleinenfarbenen Gardinen,
halb zugezogen, an der Decke hängt eine nackte Glühbirne.
Die Klingel ist laut und schrill. Der Öffner stottert, aber
die Haustür ist angelehnt, ein Bierdeckel hält sie am Boden
auf. Die Treppen sind weißgrau marmoriert. Im ersten Stock
steht ein Typ, ungefähr Mitte 30, dünn, groß, dunkle Locken,
die in die Stirn fallen, ein kleiner Bauch, mädchenhafte Schultern, aber ein kantiges Gesicht. Graues T-Shirt, dunkle Stoffhose, rote Socken.
»Aha, aha«, sagt er, als ich mich erkläre.
»Und das funktioniert? Die Leute lassen dich rein? Oder
bin ich der Erste?«
»Naja«, sage ich, »manchmal klingle ich am falschen Schild
und dann geht irgendwo ein Licht an und ich weiß, ich hab
jemanden geweckt. Dann lauf ich schnell weg. Und manchmal bewegt sich gar nichts hinter einem erleuchteten Fenster,
obwohl es richtig geklingelt hat, man kann das ja meistens
hören von unten. Vielleicht ist in so einem Fall niemand da
und das Licht brennt nur, damit keine Einbrecher kommen.
Oder jemand macht sich gar nicht erst die Mühe, nachzuschauen, weil er denkt, dass sich irgendwelche Betrunkenen
einen Streich erlauben.«
»Das ist aber schon ein bisschen gruselig, was du da machst.
Ich hab mich erschrocken. Erst recht, als du dann einfach so
da standest und mich angeguckt hast.«
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»Soll man die Klingel halt nachts ausstellen. Macht man
mit dem Telefon doch auch.«
»Macht man, ja?«
»Würd ich machen, wenn ich keinen Bock auf Störung
hätte.«
»Hab ich noch nie drüber nachgedacht.«
»Na, jedenfalls: Ich würde sagen, von zehn erleuchteten
Fenstern machen mir drei auf.«
»Und jetzt willst du mich befragen?«
»Wenn du nichts dagegen hast, ja.«
»Okay, dann komm rein. Ich heiße Daniel.«
Es riecht ein bisschen muffig bei Daniel, nach Socken,
Männerdeo und Zigaretten, im Flur liegen Putzgeräte auf dem
Linoleumboden verstreut, links zwei verschlossene Türen,
rechts eine und geradeaus sein Zimmer mit der nackten Birne
an der Decke.
Von der Wand blättert an einigen Stellen der Putz ab. Vor
dem Fenster ein abgewetztes dunkelbraunes Ledersofa, davor
ein einfacher niedriger Holztisch. In einer Bierflasche eine
Plastikblume, wie man sie an der Schießbude auf Jahrmärkten bekommt. Und in der Ecke neben der Zimmertür steht
ein elektronisches Schlagzeug.
»Bist du Musiker?«, frage ich.
»Ich spiele Schlagzeug in einer Musicalband.«
»Was für ein Musical?«
»Zuletzt war ich mit Cats auf Tour.«
Daniel wohnt seit drei Jahren in München, vorher hat er
mit seiner Jugendliebe Léa in ihrer Heimatstadt Nancy gelebt.
Zwölf Jahre waren sie zusammen. Und dann hatte sie plötzlich einen neuen Freund.
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»Glaubt man vorher immer nicht, aber wenn es so weit ist,
geht alles ganz schnell. Irgendein Mittwoch, ich grad zurück
von Tour – und sie sagt mir, dass sie einen anderen hat. Ganz
ruhig. Klar. Hatte ja auch Zeit, sich drauf vorzubereiten. Und
ich nicht.«
Daniel ist sofort wieder auf Tour gegangen. Hat sich danach hier in München ein Zimmer gesucht, weil er hier einige Freunde hat.
Die Wohnung ist eine Dreizimmerwohnung, er teilt sie sich
mit einem mittelalten Mann, der ebenfalls viel unterwegs ist
und irgendwas mit IT macht. Meist verpassen sie sich. Sie
wissen nichts voneinander.
All das erzählt Daniel, während wir noch stehen. Beziehungsweise: Ich stehe, er kippelt. Hat die Finger hinter dem
Rücken zur Wand hin ausgespreizt und lässt sich dagegen
fallen, drückt sich weg, lässt sich wieder nach hinten fallen.
Ist sein eigener Stoßdämpfer.
»Vielleicht können wir uns hinsetzen?«, schlage ich vor.
»Ach so, ja, ganz vergessen.« Wir setzen uns auf das Ledersofa.
»Möchtest du einen Drink?«
»Mit Schnaps?«
»Ich schau mal, was wir haben.«
Er erhebt sich und geht aus dem Raum. Küchenschränke
klappern. Ich fühle mich unwohl. Das Licht ist ungemütlich.
Nackte Glühbirnen wirken immer ungemütlich, weil sie einen
viel zu weiten Strahlradius haben. Aber diese hier ist darüber
hinaus eine Energiesparbirne und Energiesparbirnen verleihen jedem Raum das Flair eines Autobahntunnels.
Dann steht Daniel wieder im Türrahmen.
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»Milch oder Whiskey?«, fragt er.
Milch? Wer trinkt denn noch pure Milch? Ich denke an den
warmen Atem von Kühen in einem Stall und an Brot, das
man in Brocken vom Laib reißt. Kalte Milch. Ja, vielleicht
will ich doch kalte Milch.
»Ich nehm Milch. Und einen winzigen Schluck Whiskey
da rein.«
»Das ist ja fast ein Dude«, sagt er. »Also, was dieser Typ aus
The Big Lebowski immer trinkt.«
»Kann sein«, sage ich.
Er kommt zurück mit einem Becher. Der Becher hat blaue
Punkte und einen Sprung.
»Hatte keine sauberen Gläser mehr, tut mir leid.«
Ich nehme einen Schluck. Ein guter Dude ist das.
Dann frage ich Daniel, ob er eine neue Freundin hat.
Die Frage findet er komisch. Jedenfalls sieht er mich so an.
Seine Nase zuckt. Es sind zwei Sommersprossen darauf, ich
frage mich, ob es Sommersprossen sind oder schon Leberflecken und wie man die eigentlich medizinisch voneinander
unterscheidet.
»Du machst diese Sache aber nicht zufällig, weil du einen
Freund suchst, oder?«, sagt er.
»Nein, Mann!«, sage ich laut.
»Gut!«, sagt er.
Meine Antwort erleichtert mich selbst. Gleichzeitig bin ich
auch ein bisschen traurig, ohne genau zu wissen, warum. Natürlich suche ich keinen Freund. Nicht so, wie er denkt. Aber
vielleicht anders.
»Jedenfalls, nee, ich hab keine neue Freundin.« Er führt seinen Becher zum Mund und schlürft. »Nur eine Menge Geld,
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das ich gespart hatte, weil ich mit Léa eine Familie gründen
wollte.«
»Was machst du jetzt mit dem Geld?«, frage ich.
»Keine Ahnung«, sagt er. »Vielleicht ein Cabrio kaufen und
mich tot fahren.«
»Ach, komm«, sage ich.
»Ach, doch«, sagt er. »Klingt schlimm, ist aber vielleicht gar
nicht schlimm.«
»Nicht für dich«, sage ich.
»Und wenn ich keine Freundin hab und keine Kinder?«
»Vielleicht wärst du der Richtigen ja noch begegnet? Oder
du findest was anderes, als Ersatz für die Liebe. Ein Hobby
oder so.«
»Nee«, lacht er, »so funktioniert das nicht.«
Kurze Pause.
Ȇbrigens, wenn man sich hier auf die Kante von dem Sofa
setzt, kann man rausgucken«, sagt er und rutscht eine Etage
höher von der Sitzfläche auf die Lehne. Ich mache es ihm
nach.
»Bist du jede Nacht so lange wach«, frage ich ihn.
»Meistens. Eher aus Versehen. Zwingt mich ja morgens keiner zum Aufstehen.«
Abends, so gegen 21 Uhr, sagt Daniel, gibt es immer einen
toten Punkt, da ist er so müde, dass er meint, sofort ins Bett
fallen zu müssen. Naja, 21 Uhr, denkt er sich, bisschen früh,
was? Gehst du lieber in ’ner Stunde. Er wäscht dann noch
seine Wäsche, schaut ein bisschen fern oder macht sich eine
Fünf-Minuten-Terrine, und plötzlich ist er wieder wach. Lädt
auf YouTube Musikvideos hoch, alte Konzerte aus den 90ern,
Schlagzeuger-Soli, selbstgedrehte Music-Tutorials. Zwischen44
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durch geht er zum Rauchen ans Fenster und genießt die Ruhe
auf der Straße. Denkt nach. Und wenn er dann auf die Uhr
sieht, ist es meistens schon halb drei, drei, halb vier, vier. So
wie jetzt.
»Wollen wir rauchen?«, frage ich.
»Ja, gern«, sagt er und zieht einen Tabakbeutel aus der Hosentasche.
Als wir unsere Zigaretten fertig gedreht haben, stecken wir
sie uns an und gucken raus, ohne etwas zu sagen. Dann sagt
er: »Einmal hab ich beim Rauchen ein Mädchen an der Bushaltestelle stehen sehen. Sie hat auf den Nachtbus gewartet,
der nicht kam.«
Lange saß sie einfach nur da, erzählt er. Und er stand oben.
Irgendwann hat sie sich umgedreht und ihn entdeckt. Hat
sich zuerst ein bisschen erschrocken, dann aber begonnen, mit
ihm zu reden. Bis im Erdgeschoss ein Licht anging und
jemand geschimpft hat wegen der Lautstärke. Da hat er sie in
die Wohnung gebeten und als sie gerade die Treppe hochgestiegen war, kam der Bus doch noch. Sie hat nur gesagt:
»Ach, jetzt ist es auch schon egal«, und ist bei ihm geblieben.
Sie saßen bis zum Morgengrauen auf seiner Fensterbank und
haben geredet. Und die Busse vorbeiziehen lassen. Sechs Stück.
Bis morgens um halb sieben.
»Es war lustig«, sagt Daniel, »ein gutes Gespräch, nichts
Wichtiges, aber keine Sekunde langweilig oder angestrengt.«
Sie war ziemlich jung, sagt er, ungefähr 23. Zum ersten Mal
hat er sich wieder richtig wohl gefühlt mit einer Frau. Hübsch
war sie auch, »irgendwie ein gutes Gesicht und elegante Bewegungen«. Nicht zu dürr, nicht zu eitel, nicht zu doll geschminkt und gerade deswegen schön.
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Die meisten Mädchen, die er seit der Trennung kennengelernt hat, waren austauschbar: »Weißt du, so ein Gefühl, das
man den Leuten auf der Straße gegenüber hat. Manche schaut
man etwas länger an, manche bemerkt man nicht mal, aber
sie alle gehören in ein anderes Leben und sind nur für einen
kurzen Moment interessant. Man weiß intuitiv, das sind Statisten. Keine Hauptrollen. Nicht für dich, nicht für dein Leben. Bei ihr aber, da war es irgendwie anders. Das war schön.«
Sie haben Nummern ausgetauscht. Aber sie schrieb auf
keine seiner vorsichtigen SMS zurück. Als er es nach einer
Woche wagte, sie anzurufen, ging eine alte Frau ran.
Hatte das Mädchen ihm eine falsche Nummer gegeben? Mit
Absicht oder aus Versehen? Andererseits hatte sie ja auch seine
Nummer in ihrem Handy eingespeichert. Oder hatte sie sich
etwa vertippt? Oder war sie an einen anderen vergeben? War
sie nur höflich und fand ihn eigentlich unsympathisch? Aber
dann wäre sie doch gar nicht erst so lang geblieben und hätte
so viel gelacht, oder? Hat er etwas Falsches gesagt?
»Vielleicht ist sie ja auch gestorben«, sage ich.
»Du bist voll psycho«, sagt er.
»Denk mal drüber nach«, sage ich.
Wir einigen uns darauf, dass es viele Antworten gibt auf die
Frage, was passiert sein könnte.
»Wie bei einem Zahlenschloss«, sagt Daniel.
»Wir kannten uns ja gar nicht«, schiebt er hinterher. »Aber
manchmal, wenn der Nachtbus vorbeirauscht, tut es doch ein
bisschen weh.«
Er greift in seinen Tabakbeutel und dreht sich eine neue Zigarette. »Das ist die letzte, dann musst du gehen«, sagt er.
»Willst du auch noch eine?«
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»Nö«, sage ich.
Als er den ersten Zug nimmt, frage ich, ob er die Nacht
nicht auch ein bisschen gruselig findet.
»Mhmh«, macht er und schüttelt den Kopf.
Er wünschte zwar, seine Tage hätten eine klarere Struktur.
Er wünschte, er würde öfter vormittags wach sein. Aber eigentlich mag er diese Momente allein am Fenster, wenn alles
außenherum dunkel ist. Das stille, gemächliche Rauchen in
die leere, kühle Nachtluft, das Schweifenlassen des Blicks und
das Sich-erhaben-Fühlen. Über all die Menschen, die vom
Schlaf ausgeschaltet sind.
»Man kann doch froh sein«, sagt er, »wenn man der einzige
Wache ist. Stell dir vor, die Leute würden herausfinden, wie
schön das ist, allein nachts am Fenster. Und würden da alle
stehen und gucken. Dann wär das ja nichts mehr.«
Wenn alle anderen schlafen, dann kann man sich Spiele ausdenken, sagt Daniel. Kann sich sagen: Okay, tun wir so, als sei
ich der einzige Überlebende. Hab’s geschafft, hab’s überlebt.
Bin ein Held. Was mache ich jetzt als einziger Überlebender?
»Aber klar, im besten Fall führt man natürlich keinen Monolog«, sagt er. »Im besten Fall sitzt jemand an der Bushaltestelle und bemerkt, dass man der einzige ist, der noch wach
ist. Dass man der ist, der besonders ist.«
»Oder klingelt an der Tür«, sage ich.
»Das ist eher verstörend«, sagt er.
Dann verabschiede ich mich. Gehe runter zur Bushaltestelle und winke ihm zu. Aber er winkt nicht zurück. Er nickt
nur zögerlich, dreht sich um und ist nicht mehr zu sehen.
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