Welche Rationalität und welcher Körper

Der folgende Aufsatz erschien in der Zeitschrift für philosophische Diskussion: Erwägen Wissen Ethik (EWE), Stuttgart
(Lucius), 16: 4, 2005. Er kommentiert einen Aufsatz von Klaus Heinemann & Markus R. Frederici 2005: “’Sport’ –
Einheit und Vielfalt seiner Kulturen.“
Welche Rationalität und welcher Körper?
Die kulturelle Vielfalt radikaler denken
Henning Eichberg
((1)) Sport ist kulturell vielfältig und damit relativ – das ist die Hauptpointe des Aufsatzes von
Heinemann und Friederici. Es ist wichtig, dass das so scharf hervorgehoben wird in einer Welt, in
der der naive Diskurs von ’dem Sport’ den Politikern und Funktionären allzu leicht von der Zunge
geht. Die Einzahl ist ein Stück Machtpolitik.
Aber die Pluralisierung hat weiterführende Konsequenzen. Sie betreffen unter
anderem die Rationalitäten und die Körperlichkeiten.
Das Nicht-Universelle des Bewegens
„Beide Wettkämpfer stehen Seite an Seite auf einer vorgegebenen Linie. Die Füsse berühren einander
an der Innenkante. Jeder Wettkämpfer greift in den Mund des Gegners, indem die innere Hand um
dessen Nacken gelegt wird und der Mittelfinger in den äusseren Mundwinkel des Gegners greift. Auf
ein Zeichen hin versuchen die Wettkämpfer, den Opponenten auf ihre Seite der Linie zu ziehen. Der
stärkste Mund gewinnt (Strongest mouth wins)“ (Keewatin 1989: 38).
((2)) Das Mundziehen, wie es hier aus dem Norden von Kanada – dem heutigen Nunavut –
beschrieben ist, ist eine Wettkampfübung aus der reichen Welt der Ziehübungen. Ziehspiele sind
unter den Inuit weit verbreitet und machen darüber hinaus eine umfassende Gattung unter den
Volksspielen der Welt aus. Armziehen, Fingerhakeln, Stockziehen praktiziert(e) man in
Skandinavien, in der Südsee und in vielen anderen – vielleicht in allen – Kulturen der Welt.
Dennoch kommt im Programm der Olympischen Spiele keine einzige Ziehübung vor. Dort war
zwar von 1900 an das Tauziehen vertreten, aber es wurde 1920 wieder entfernt; seriöse Athleten
betrachteten es als something as a joke (Eichberg 2001 a).
Das Ziehen illustriert die Vielfalt und grundlegende Nicht-Universalität des ’Sports’,
um die es Heinemann und Friederici geht (7-8). Mundziehen ist noch weniger als Tauziehen
olympisierbar – seine konsequente Versportung würde zur gegenseitigen Verstümmelung führen.
Auch die zitierte Übungsanweisung aus dem inuitischen Kanada ist bereits eine halb pädagogische,
halb sportifizierte Umdeutung, die haarscharf am sozialen Kern des Spiels vorbeigeht. Nicht „der
stärkste Mund gewinnt“, sondern beim Mundziehen hört man auf, wenn es zu weh tut – und dies
mit Lachen. Es geht bei diesem Wettkampf gar nicht um das Gewinnen. Das Mundziehen ist kein
westlicher Sport, sondern eine groteske Inszenierung menschlicher Stärke und menschlichen
Schmerzerduldens. Es ist insofern – wie der Sport – ein Ritual (14). Aber es ist ein anderes Ritual.
Das Tauziehen, das im Unterschied zum Mundziehen durchaus sportifizierbar ist und dennoch aus
dem olympischen Kanon ausgeschlossen wurde, zeigt, dass wir sowohl innerhalb des Sports als
auch ausserhalb von einer Mehrzahl von Ritualen ausgehen müssen.
((3)) Dies wiederum bestätigt, dass man nicht vom ’Wert des Sports’ an sich sprechen
kann, sondern nur von sekundären Bewertungen, die körperlichen Praktiken hinzugefügt werden
(18). Unter diesen ist der Wert, der dem quantitativen Ergebnis, dem Resultat, dem Rekord
zugemessen wird, nur eine von verschiedenen Möglichkeiten – Gymnastik und Turnen hatten
andere (29). In den höfischen Exerzitien des frühneuzeitlichen Adels findet man wiederum andere
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Bewertungen, und abermals andere in den Volksspielkulturen der Welt. Es gibt weder den einen
Sport noch den einen ’Wert des Sport’.
((4)) Aus der unterschiedlichen Zusammensetzung verschiedener Bewertungen, deren
klassenkulturelle Selektion dabei eine wichtige Rolle spielt (31), ergeben sich, wie Heinemann und
Friederici zutreffend andeuten, die unterschiedlichen nationalen Profile des Sports in den
verschiedenen Ländern (32). Darum sollte die interethnische Integrationsleistung des Sports nicht
naiv postuliert werden (20).
„Sport kennt keine Grenzen. Sport spricht alle Sprachen“ (Bundesinnenminister Otto Schily in: Keiner
2003).
Gewiss, aber Sport kennt eben doch Unterschiede. Sport spricht verschiedene (Körper-) Sprachen –
und vor allem, er spricht bestimmte Sprachen eben nicht. Er spricht zum Beispiel nicht die Sprache
des Mundziehens und nicht diejenige der Spiele der !Kung- und !Ko-Afrikaner (Sbrezsny-Klein
1976). Spiel ist selbst eine Sprache, eine der grundlegenden menschlichen Sprachen (Parlebas 2003:
16). Das erfordert Übersetzungsleistungen, die die Propagandisten des olympischen Sports oft
leichthin übergehen (zum Beispiel Digel/Forneff 1989).
Rationalitäten, Funktionalitäten, Produktivitäten – den Plural denken
((5)) Der Sport verdient daher eine kritische Analyse, die spezifische hegemoniale Muster und
deren kulturelle Besonderheit zum Gegenstand macht – den „Körper als Kapital“ (50-53), die
technikkonforme Instrumentalisierung im Sport (54-58), die Prozesse der „Körperverdünnung“ (6770) und den neuen körperglorifizierenden Rassismus (71-72). Diesen Horizont stecken Heinemann
und Friederici ab.
So weit, so gut, aber hier beginnen die Probleme. Wie bringt man die kulturelle
Vielfalt und Relativität der Bewegungskultur auf den Begriff – an dieser Frage muss auch die
Selbstkritik der analytischen Sprache einsetzen.
((6)) Es geht dann nicht mehr an, von der Rationalität in der Einzahl zu sprechen, etwa
vom ’rationalen Verhalten’ im Sport oder vom nicht-rationalen oder weniger rationalen Verhalten
in der Gesellschaft der !Kung (16-17). Sondern man muss die Rationalitäten in ihrem Plural
erkennen. Die Rationalität des !Kung-Lebens und des inuitischen Mundziehens ist ebenso
anzuerkennen wie die Rationalität des Leistungssports.
((7)) Auch Effizienz und Funktionalität (15) sind in der Einzahl problematisch. In
verschiedenen Kulturen gibt es grundverschiedene Wege und Kriterien des Wirkens und
Funktionierens. Insofern ist auch das Mundziehen funktional, aber es folgt einer anderen
Funktionalität als der olympische Wettkampf. Wir haben Funktionalitäten im Plural zu denken, und
das ist schwierig.
((8)) Nicht einmal die Produktivität, die in der industriellen Gesellschaft einen
geradezu monotheistischen Status hat, ist nur in der Einzahl vorhanden – das zeigt sich gerade am
Sport. Der westliche Sport ist nur insofern ’unproduktiv’, als er keine Sachen und Nutzwerte, in
diesem Sinne also keine Produkte hervorbringt (13, 18). Aber im Vergleich zu den Volksspielen
Alteuropas und anderer Kulturen ist gerade der Sport hochproduktiv: Er ’produziert’ Ergebnisse.
Sport setzt – im Gegensatz zu anderen Bewegungskulturen wie den inuitischen – Bewegung in
Daten um, in Zentimeter, Gramm, Sekunden und Punkte, und ist somit ein Verfahren der
Produktion von Leistung (Eichberg 1978 und 2003). Um diese quantifizierten Leistungen herum
baut sich obendrein ein ganzer Markt auf. Wir haben also Produktivitäten im Plural zu
berücksichtigen.
((9)) Eine entsprechende Relativierung ist nicht zuletzt für ’den Körper’ einzufordern.
Wenn Heinemann und Friederici sagen, dass der Körper in westlichen Sport ’domestiziert’ und
’instrumentalisiert’ werde, dass dabei etwas ’unterdrückt’ und ’vergessen’ werde (21-26), so trifft
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das zu, aber es ist missverständlich. Es kann so verstanden werden, als ob man von ’dem Körper’
als einer naturalen Einheit ausgehen könne, der sekundär gesellschaftlich überformt werde. Auch
das erfordert eine soziologische Radikalisierung. Der Körper ist tiefergehend zu pluralisieren.
Körper, Leib, krop und legeme
((10)) Ein Ansatz zur pluralen Auflösung ’des Körpers’, liegt – wie Heinemann und Friederici
anmerken – in der Unterscheidung zwischen Körper-Haben und Körper-Sein (24). Bei genauerer
Betrachtung handelt es sich dabei jedoch nicht (nur) um eine ’anthropologische Konstante’, wie die
Autoren annehmen, sondern auch hier um eine kulturelle Konstruktion.
Den Hintergrund jenes körperphilosophischen Dualismus bildet die sprachliche
Sonderung, die die deutsche Sprache zwischen Körper und Leib vornimmt. ’Körper’ besagt: Der
Mensch hat einen physischen corpus, der materiell in Raum und Zeit organisiert, tendenziell eher
gesellschaftlich sowie eher ’schmutzig’, ’tot’ und negativ besetzt ist. ’Leib’ besagt: Der Mensch ist
ein lib (ahd., verwandt mit englisch life), der Seele und Geist beinhaltet, idealistisch und christlich
besetzt wurde, eher als individuell erscheint sowie eher ’rein’, ’lebendig’ und positiv verklärt ist.
((11)) Ein Dualismus in dieser – relativen – Klarheit ist vor allem in der deutschen
Sprache ausgeprägt, er hat aber eine allgemeinere Bedeutung. Das zeigt sich daran, dass man in
anderen Sprachen, die eine solche Zweiteilung nicht kennen, philosophisch dennoch ähnliche
Dualismen konstruiert hat. Im Französischen, wo man nur von le corps spricht, entwickelte die
Phänomenologie (Merleau-Ponty) den Dualismus von le corps objet und le corps sujet. Im
Englischen, wo man herkömmlich nur the body kennt, konstruierte man unter Zuhilfenahme des
Griechischen den Dualismus von body und soma.
((12)) Nun gibt es aber nicht nur Sprachen, die nur den einen body kennen oder die
Zweiheit von Körper und Leib, sondern auch solche, die anders differenzieren. Die dänische
Sprache kennt traditionellerweise ebenfalls eine Zweiteilung, krop und legeme, und diese wurde oft
mit derjenigen von Körper und Leib gleichgesetzt, aber bei näherer Betrachtung ist das falsch. Der
Mensch hat einen krop (von ’Opfertier’, auch verwandt mit ’Kropf’ und englisch crop, Ernte), der
eher lebend und organisch ist, materiell und objektiv, männlich und tendenziell anstössig. Krop
wird tendenziell dem ’einfachen Volk’ zugeschrieben. Aber man hat auch legeme (verwandt mit lig,
Leiche), der eher tot und physikalisch ist, ideell und subjektiv, weiblich und ’anständig’. Von
legeme spricht man eher in Bezug auf die Oberklasse (Eichberg 1993).
Die dänische Zweiteilung krop/legeme ist also teils parallel zum deutschen
Körper/Leib gebaut, teils jedoch genau entgegengesetzt. Wie auch immer, es ist grundlegend mit
Körperlichkeiten im Plural zu rechnen.
Solche Vielfalt gibt es nicht nur zwischen unterschiedlichen (nationalen) Kulturen
oder zwischen unterschiedlichen (Klassen-) Kulturen im Inneren einer nationalen Kultur, sondern
auch im Inneren des einzelnen Menschen und seiner gesellschaftlichen Rationalität(en). Hier fällt
insbesondere der Widerspruch zwischen kommerzieller, politischer und zivilgesellschaftlicher
Rationalität ins Auge. Er verweist auf die Logiken von Markt, Staat und Zivilgesellschaft.
Leistungslogik, Integrationslogik und Begegnungslogik
((13)) Auf dem Markt konkurrieren die Menschen als Produzenten und wählen als Konsumenten.
Sie folgen der Rationalität des privaten Interesses und des Gewinns. Im politischöffentlichen Raum agiert man hingegen als (Staats-) Bürger und folgt der Logik politischer
Bewertung und Legitimität. In der Zivilgesellschaft schliessen die Menschen sich als Mitglieder
zusammen, um freiwillig und solidarisch gemeinschaftlich zu handeln.
Von hier aus lassen sich unterschiedliche Rationalitäten des Sports, der Spiele und
anderer bewegungskultureller Aktivitäten rekonstruieren.
Leistungssport mit seiner Konkurrenz und seiner Resultatorientierung steht dem
marktmässigen Handeln näher. Er drängt zur ’Freiheit’ des unbegrenzten Produzierens.
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Demgegenüber gibt es verschiedene Formen des Integrationssports, insbesondere in
den Traditionen von Turnen und Gymnastik. Sie entsprechen mit ihrer Betonung von Disziplin und
Fitness dem öffentlich-politischen Handeln. Hier hat die ’Gleichheit’ aller Teilnehmer einen
höheren Stellenwert.
Ein drittes Modell bilden die Volksspiele, Feste und Tänze, in denen man einander
durch körperliche Aktion begegnet. Hier erfährt man ’Brüderlichkeit’, Solidarität (Eichberg 2001 b
und 2004).
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – in diesem Sinne ist der Sport keineswegs
’sinnlos’ (10, 78). Er ist ein rituelles Handeln, das den Sinn von Demokratie zum Ausdruck bringt –
allerdings auch deren innere Widersprüche. Diese Widersprüchlichkeit schliesst antidemokratische
Entwicklungen mit ein. Insofern verdient der Sport laufend Kritik.
((14)) Die Kritik sollte sich allerdings nicht auf die ’Sinnlosigkeit’ des Sports richten
(er ist nicht sinnloser als das industrielle Produzieren) und auch nicht auf die ’Zerstörung von
Basiswerten des Sports’ (denn diese Werte gibt es nicht, und ob der Sport sich selbst zerstört, darf
einen kalt lassen, solange sich die Menschen nicht selbst zerstören). Sondern die Kritik muss sich
auf den Sport als ein Ritual eben jener Produktion richten, die im Zuge der Globalisierung der
Märkte hegemonial geworden ist. Sie droht über die Reifizierung der menschlichen Bewegung
schliesslich den Menschen selbst zu reifizieren (Buber 1923). Die Bewegung wird zum Datum, der
Mensch zum Material. Man nennt es Kapitalismus.
((15)) Im Gegenzug dazu kann die kritische Theorie, wie Heinemann und Friederici es
vorschlagen, komparativ verfahren und die Vielfalt der Bewegungskulturen ins Blickfeld rücken.
Aber das sollte gern methodisch radikaler geschehen – mit einem Blick auf die anderen
Rationalitäten, auf die andere Produktivität und die andere Körperlichkeit.
Auch Mundziehen ist ein solches Gegenbild. Es tut im Mundwinkel zwar weh, aber es
endet im Gelächter.
Literatur
Buber, M. (1923): Ich und Du. Nachdruck in: Das dialogische Prinzip. Heidelberg, 1973.
Digel, Helmut & Peter Forneff 1989: Sport in der Entwicklungszusammenarbeit. Köln: Weltforum.
Eichberg, H. (1978): Leistung, Spannung, Geschwindigkeit. Stuttgart.
- (1993): “Der dialogische Körper. Über einen dritten Weg der körperanthropologischen Aufmerksamkeit.“ In: K. Dietrich
& H. Eichberg (Hrsg.): Körpersprache. Über Identität und Konflikt. Frankfurt/M., 257-301.
- (2001 a): „Es, Ich und Du in Bewegung.“ In: K. Moegling (Hrsg.): Integrative Bewegungslehre. Immenhausen/Kassel,
Bd.1: 219-244.
- (2001 b): „Sport, Nation und Identität.“ In: Klaus Heinemann & Manfred Schubert (red.): Sport und Gesellschaften.
Schorndorf: Hofmann, 37-61.
- (2003): „Die Produktion des ‚Unproduktiven’.“ In: M. Lämmer & B. Ränsch-Trill (Hrsg.): Der „künstliche Mensch“
– eine sportwissenschaftliche Perspektive? Sankt Augustin, 112-140.
- (2004): The People of Democracy. Understanding Self-Determination on the Basis of Body and Movement. Århus:
Klim.
Keewatin Inuit Associations 1989: Inuit Games. Originally published by the Department of Education, Regional
Ressource Center, Government of North West Territories, Rankin Inlet (jetzt Nunavut, Kanada).
Keiner, R. u.a. (2003): Wissen für die Praxis: Integration im Sportverein. Stuttgart.
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Parlebas, P. (2003): “The destiny of games heritage and lineage.” In: Studies in Physical Culture and Tourism, Posen,
10: 1, 15-26.
Sbrezsny-Klein, H. (1976): Die Spiele der !Ko-Buschleute unter besonderer Berücksichtigung ihrer sozialisierenden
und gruppenbindenden Funktionen. München & Zürich.
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