Test Heft 03/2015

LANGWAFFEN
DPMS AR-15 Oracle Selbstladegewehr in .223 Remington
Preisbrecher
Zum sensationellen Schnäppchenpreis von 999 Euro wird derzeit das DPMS Oracle auf dem hart umkämpften, deutschen AR-15-Markt angeboten. Doch was kann das unschlagbar günstige Ding?
Drei Kilo schwere Kampfpreis-Ansage: Das DPMS AR-15 „Oracle“-Selbstladegewehr im leicht zu kontrollierenden Standardkaliber .223 Remington wechselt für
unglaubliche 999 Euro den Besitzer.
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as Modell „DPMS RFA3-OC Panther
Rifle“ ist der erste Halbautomat
im unverwechselbaren AR-Design,
der in unseren Breitengraden unterhalb
der magischen 1.000-Euro-Grenze offeriert wird. Andere schon auf dem Markt
vertretene „Low Budget“-EinsteigerExemplare mit klassischem direkten
Gasdruckladesystem nach Stoner, wie
beispielsweise die beliebte Oberland
Arms „Black Label“-Baureihe, sind in
der Anschaffung über 400 Euro teurer.
Grundsätzlich führen mehrere Wege nach
Rom beziehungsweise zur Glückseligkeit
eines Gewehrschützen. Entweder erwirbt
man eine günstige AR-Basisausführung
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und rüstet sie eventuell nach und nach
auf oder man beschafft sich gleich ein
deutlich teureres Prachtexemplar mit
gehobener Komplettausstattung. Um
sich ein besseres Bild über die Verarbeitungsqualität des neuen Preisbrechers
verschaffen zu können, wurde das DPMS
AR-15 Oracle erst einmal in der Werkstatt komplett demontiert und akribisch
examiniert. Die Markierungen an den
Hauptbestandteilen Griffstück („lower
receiver“) und Systemgehäuse („upper
receiver“) offenbaren, dass sie nicht von
irgendeinem der zahlreichen „No-Name“Produzenten, sondern vom führenden
Hersteller „Cerro Forge“ (exakter: Cerro
Fabricated Products LLC, CFP, aus Weyers Cave, Virginia, www.cerrofabricated.
com) stammen. Die geschmiedeten Komponenten aus 7085 T6 Aluminium dieses
Unternehmens entdeckt man auch bei anderen AR-Herstellern und DPMS-Gewehrmodellen. Ein Blick auf die Systemgehäuse-Unterseite verrät, dass es aus der
„Full Auto“-Waffenproduktion stammt,
wobei die entsprechende „Auto Sear“Tasche selbstverständlich gesetzeskonform geschlossen wurde. Der 16,75“/425
mm lange Standardlauf mit 1-9“/1-228
mm-Drall-Länge und A2-Mündungsfeuerdämpfer im Vogelkäfig-Design wird von
dem einfachen, trapezförmigen DPMS
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Passende Paarung: Das Leupold VX-6 in 1-6x24
passt wie die Faust aufs Auge auf das originalgetreu gestylte „Orakel“ aus Minnesota.
Abzug und Schlagstück) aber in ihrer Position, wird sich bei Wiederherstellung
des Zeigefinger-Kontaktes und der Abzugsbetätigung der Schuss überraschend
früh lösen, weil bereits Vorzugsweg und
Gewicht geringer sind. Verrissene Schüsse und schlechte Trefferplatzierungen
sind die Folge. Wie erwähnt, hier ist Tuning-Potential definitiv vorhanden.
Einsteiger mit Chancen
Nichts desto trotz ist beim DPMS AR-15
Oracle in .223 Remington eine hervorragende Grundsubstanz vorhanden und
somit ist das Gewehr beispielsweise für
Schützen interessant, die erst einmal
nur in die riesige AR-15-Welt „reinschnuppern“ wollen, ohne gleich gerne
mehr als 3.000 Euro in eine schnittige,
superschlanke AR-15 „Race Gun“ aus
Stoners Standard: Blick auf den Verschlussträger
mit siebenwarzigem Drehkopf.
erlesenen Komponenten investieren zu
müssen. Zudem soll es ja auch Puristen
geben, die das reine, ursprüngliche Originaldesign des M16/AR-15 von Eugene
Stoner zu schätzen wissen. Wer ohnehin
nur mit offener, mechanischer Visierung
Der preisbrechende „Black Rifle“-Halbautomat
in der klassischen Seitenansicht.
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„Glacier Guard“-Handschutz aus hitzeresistentem Polymer-Kunststoff mit 15 inneren Kühlrippen und ohne typische Metallhitzeschutzschilder umkleidet. Weil
sich der Handschutz an der GasentnahmeEinheit abstützt, schwingt der Lauf nicht
frei, was sich vor allem beim aufgelegten
Schießen bemerkbar machen könnte.
Festzustellen war auch ein leichtes Spiel
zwischen „lower“ und „upper“, das aber
unkompliziert mit üblichen Tuningmaßnahmen („Accu-Wedge“) reduziert beziehungsweise beseitigt werden kann. Auch
die Schulterstütze auf dem Schließfederrohr („buffer tube“) erwies sich als etwas
klapprig. In diesem absoluten Niedrigpreisniveau nicht anders zu erwarten,
entpuppte der werksmäßige Direktabzug
eine militärisch-harte Charakteristik bei
einem satten Abzugsgewicht von 3.400
Gramm. Da braucht man schon Geduld
und hundertprozentige Aufmerksamkeit
bei der Abzugsbetätigung, wenn man
auch etwas auf die Scheibe bringen will.
Dies dürfte dann auch die lohnenswerteste Baustelle für eine Investition in
eine Abzugsüberarbeitung oder gleich
einen Abzugsgruppen-Austausch sein,
wobei es nicht gleich ein solch exquisiter,
hochkultivierter Matchabzug sein muss,
wie wir ihn mit dem Hipertouch 24C noch
in der letzten Ausgabe im Rahmen der
Gunworks AR-15 Concept Gun in 6,5 Grendel vorstellten (www.hiperfire.com). Der
Originalabzug fiel darüber hinaus auch
dadurch unangenehm auf, dass er einfach
stehen blieb, wenn man den Abzugsvorgang unterbrach. Üblicherweise sollte
die Zunge unmittelbar automatisch nach
vorne marschieren, wenn man den Zeigefinger von ihr löst. Verharrt die Abzugszunge aufgrund schlechter mechanischer
Geometrie (Klinkenüberschneidung von
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DPMS AR-15 Oracle Selbstladegewehr in .223 Remington
Saubere Sache: Außen wie innen zeigte das DPMS AR-15 Oracle hinsichtlich der Verarbeitungsgüte der Oberflächen keinerlei Makel. Im Systemgehäuse entdeckt
man das „Auto Sear“-Füllstück.
Schussleistung der DPMS in .223 Remington
Geschoss GewichtHersteller-Art-Dia.
Fabrikpatrone:
Hersteller-Serie
OAL v2
in mm in m/s
v2-Diff.
in m/s
Präzision
100 m in mm
50 grs. Fiocchi HP .224
Fiocchi Fabrikpatrone
56,0
869,8
23,4
49
52 grs. Sierra HPBT .224
27,0 grs. Hodgdon BLC-2 56,5
879,1
19,6
31
52 grs. Hornady BTHP .224
Hornady Fabrikpatrone
55,6
889,3
10,1
53
55 grs. Lapua FMJ .224
Lapua Fabrikpatrone
56,0
784,4
19,6
38
69 grs. Lapua Scenar .224
Lapua Fabrikpatrone
55,8
746,7
11,3
39
69 grs. RWS HPBT .224
RWS Target Elite +
56,6
797,4
14,8
45
(Testaufbau: Sitzend aufgelegt unter Verwendung einer DPAM-Sandsack-Auflage. 5 Schuss auf
100 Meter. Visierung: Leupold VX-6-Zielfernrohr 1-6x24)
Das Systemgehäuse ziert oberhalb der Schließhilfe
die typische „Schlüsselloch“-Markierung von Cerro
Forge.
schießen möchte, ist mit dem „Orakel“
des zweitgrößten US-Herstellers von AR15-Gewehren aus St. Cloud, Minnesota,
gut bedient. Hier müsste man auf der 100
Meter entfernten 25-m-ISSF-Scheibe einen Streukreis hinlegen, der die „10“ hält
– und das ist auch mit dem dünnen, extrem leichten Standardlauf möglich, was
der Test zeigen sollte.
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Auf dem Schießstand
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Von Hause aus ist das DPMS AR-15 zum
Spartarif mit einem A3 „Flattop“-Oberteil mit integrierter Montageschiene
bestückt, so dass natürlich auch ein
Zielfernrohr bequem und schnell montiert werden kann. Wir entschieden uns
diesmal für eine gekröpfte Leupold IMS-
Der abgenommene Halbschalen-Handschutz
gibt den Blick frei auf den dünnen Standardlauf
mit darüber liegendem Gasrohr. Weil sich der
Handschutz am Gasblock des Laufes abstützt, ist
der Lauf kein Freischwinger.
Schnellspannmontage, in der ein elegantes Leupold VX-6-Zielfernrohr 1-6x24 mit
Leuchtabsehen wohnte, das wegen der
schlanken Bauform auf einem AR-Selbstlader eine gute Figur macht. Die frohe
Kunde: Bei Verwendung von sechs .223
Rem.-Munitionssorten, fünf Fabrikpatronen und einer Handladung, mit einem
Geschossgewichtsspektrum von 50 bis 69
Grains, ereignete sich nicht eine Funktionsstörung. Bis auf eine Ausnahme in Gestalt der Hornady 52 Grains BTHP mit 53
mm blieben alle anderen Munitionssorten unter der 50-mm-Marke. Mit unserer
caliber-Kontakt
Weitere Informationen erhält man beim Großhandelsunternehmen Helmut Hofmann GmbH,
Scheinbergweg 6-8, 97638 Mellrichstadt, Telefon:
+49-(0)9776-606-0, Fax: +49-(0)9776-606-21
www.helmuthofmann.de, [email protected]
das die DPMS-Gewehre in Deutschland über den gut
sortierten Fachhandel vertreibt. www.dpmsinc.com
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Technische Daten DPMS AR-15 Oracle
in .223 Remington
System:
direktes Gasdruckladesystem mit Multiwarzen-Drehkopfverschluss
Lauf:
42,5 cm langer Lauf aus 4140 Chrom-Molybdän-Laufstahl mit
1-9“-Drall und A2 Birdcage Mündungsfeuerdämpfer
Schaft:
längenverstellbare DPMS Pardus Schulterstütze, freistehender Standard
A2 Pistolengriff, Glacier Guard Kunststoff-Handschutz in Trapezform
Magazin:
mit Kapazitäten für 2, 10, 30 Patronen
Abzug:
AR-15-Standardabzug mit einem Gewicht von 3.400 Gramm
Sicherung: 2 Stufen Sicherung am Griffstück, die direkt auf den Schlaghammer
wirkt
Visierung:
ohne, Flat Top Receiver für Optikmontage
Länge:
82,5 bis 92,7 cm (bei maximal ein- oder ausgefahrener Schulterstütze
Gewicht:
3,0 Kilogramm
Preis:
999 Euro
Handlaborierung, bestehend aus 27,0 Grains Hodgdon BLC-2
und 52 Grains Sierra MatchKing-Geschoss, realisierten wir das
Topresultat von 31 mm. Doch auch 38 mm und 39 mm mit den
beiden Lapua-Fabrikpatronen mit 55 Grains Vollmantel und
69 Grains Scenar-Matchgeschoss sind nicht von schlechten Eltern. Hierbei dürfte alleine durch den Einbau eines besseren
Abzuges mit einer weiteren Streukreis-Reduzierung zu rechnen sein. Alle weiteren Ergebnisse können der Tabelle entnommen werden.
caliber-Fazit
Klar, das DPMS RFA3-OC Panther Rifle schießt nicht auf ein CentStück wie so manches Edel-AR und man muss ein paar Abstriche bei Verarbeitung und Ausstattung machen. Dennoch: Man
hält ein grundsolides, zuverlässig funktionierendes Sportgerät
in den Händen, das bei Bedarf auch nachträglich mit geringem
finanziellem Aufwand Schritt für Schritt optimiert werden könnte. Verdammt viel Gewehr für 999 Euro und ein guter Einstieg in
den stetig weiter wachsenden AR-Kosmos!
Authentisch: Standardlauf mit
A2-Mündungsfeuerdämpfer.
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Text: Stefan Perey/Michael Fischer
Fotos: Michael Fischer
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