Detroit war der amerikanische Albtraum: verlassen

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Detroit war der amerikanische Albtraum: verlassen,
verwahrlost, brandgefährlich. Doch jetzt fasst die ehemalige
Autostadt Amerikas wieder Tritt. Zwischen Brachen
und Industrieruinen erfindet eine junge Avantgarde neue
Geschäftsmodelle – und teilt sie miteinander
T E X T
F O T O S
A D R I A N
M A L T E
P I C K S H A U S
J Ä G E R
Eine
stolze
Stadt
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world
E
s gibt Viertel in Detroit, in denen mehr Fasane
als Menschen leben. Straßen wirken wie
Trampelpfade in der Prärie, da links und
rechts das Gras wie eine grüne Mauer steht.
Schlote von Industrieruinen ragen empor, ihre Größe
erinnert daran, dass hier einst das industrielle Herz
der Welt schlug. Detroit, die „Motor City“. Heimat der
US-Autoindustrie. Glorreiche Zeiten voller Chrom
und Lack waren das. Lange vorbei.
Die Krise kam Ende der siebziger Jahre, als die
US-Autoindustrie durch Billigkonkurrenz aus Asien
unter Druck geriet. Die „Big Three“ – General Motors,
Ford und Chrysler – mussten die Produktion drastisch herunterfahren. Mit den Arbeitsplätzen verschwanden die Menschen: 700 000 Einwohner leben
heute noch in Detroit, 1950 waren es knapp zwei
Millionen. Ein Exodus von fast biblischem Ausmaß.
Doch viel Raum bietet viel Freiheit. Dazu gibt es
billige Mieten, niedrige Lebenshaltungskosten. Künstler, Musiker und App-Entwickler strömen deshalb in
die verwundete Stadt, sehen in ihr eine Chance aus
Beton. Viele ziehen Vergleiche zu Berlin nach dem
Mauerfall. Die Neuankömmlinge treffen auf eine Bevölkerung, die längst mit dem Underdog-Image ihrer
Heimat kokettiert. „Detroit Pride“ tragen viele als Print
auf dem Shirt. Der Stolz ist zurück. Auch bei Veronika
Scott, 24, geboren und aufgewachsen in der Motor
City. Die junge Designerin schlendert durch eine entkernte Lagerhalle im Stadtteil Midtown, um sie herum
lassen 30 Schneiderinnen die Nähmaschinen rattern.
Signalrotes Futter und schweres Leinen finden zusammen, zu Jacken mit einem Extra: Im Rücken der
Parkas ist ein wasserdichter Schlafsack verborgen.
„Das ist mehr als nur eine Jacke“, sagt Scott, „es ist
ein tragbares Bett für Menschen, die auf der Straße
leben.“
Erst verteilte Scott die Schlafjacken in ihrer Nachbarschaft, dann in ganz Detroit. Inzwischen arbeitet
sie landesweit mit Hilfsorganisationen zusammen: In
New York, Chicago und San Francisco schlüpfen Obdachlose in die Designerstücke. Vor ein paar Wochen
rief das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen
an – bald könnten Scotts Mäntel syrische Flüchtlinge
wärmen. „Natürlich ist das fantastisch, doch ich
vergesse nie: Meine Basis ist hier. Die Quelle meiner
Inspiration ist Detroit. Hier habe ich 30 arbeitslosen
Für die
Kreativen ist
Detroit wie
Berlin nach
dem Mauerfall
Reichlich Ruinen: In der Packard Automotive Plant arbeiteten in
den vierziger Jahren rund 36 000 Menschen (oben links); das ehemalige
Michigan Theatre wurde 1977 in ein Parkhaus umgewandelt (unten
links); Downtown Detroit wirkt an vielen Ecken wie eine urbane Wüste,
durch die der „People Mover“ einsam Runden dreht (oben)
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Rot ist die Hoffnung:
eine Schneiderin des
Projekts „Empowerment
Plan“; Straßenkunst
in der Heidelberg Street;
Start-upper Chris Blauvelt, 24, mit Freundin im
Szenetreff Green Garage
(im Uhrzeigersinn)
Frauen eine Perspektive gegeben“, sagt Scott mit unverhohlenem Stolz.
Die Not ist groß in Detroit: Mehr als ein Drittel der
Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.
Unter den 50 größten Städten des Landes hat Detroit
die höchste Arbeitslosigkeit, fast jeder Vierte ist
ohne Job. Seit Dezember 2013 ist die Stadt offiziell
pleite, jedes private Engagement ist da hilfreich.
Die teuren Stoffe für Scotts „Empowerment Plan“
spendet Carhartt. Der Bekleidungsriese sitzt in Dearborne, südlich von Detroit. In den USA verkauft man
Holzfällerhemden und Cargohosen als Arbeitskleidung, in Berlin-Mitte läuft das unter Streetwear mit
Detroit-Bonus. „Sharing is caring“ lautet das Motto
der Stunde, auf Deutsch in etwa: Teilen heißt, sich zu
kümmern. Nicht nur bei Veronika Scott. Die Devise
donnert auch aus dem Mund heimatverbundener Großinvestoren und prangt als Graffito auf den unverputzten Bürowänden der zugezogenen Avantgarde.
Bisher kamen Besucher vor allem nach Detroit, um
Ruinen zu sehen. Davon gibt es in der Stadt an Kanadas Südgrenze reichlich: 80 000 Privathäuser stehen
leer. Art-déco-Schlösser aus dem frühen 20. Jahrhundert verrotten neben hölzernen Einfamilienträumen
der Baby-Boomer. Und über alles legt sich Grün.
Wer die Stadt mit dem Mietwagen erkundet, erliegt
der Schönheit des Verfalls.
Die Stadt hat den Vibe einer alten Soulplatte. Eine
Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung, wie ein
Song von Diana Ross. Die Sängerin wuchs in einem
Sozialbau im harten Osten Detroits auf. Das Gebäude ist heute ebenso verfallen wie jenes Haus an der
8 Mile Road, in dem Rapper Eminem mit seiner Mutter lebte. Madonna verbrachte ein paar Jugendjahre
im Vorort Rochester Hills, ihr Vater war Ingenieur bei
General Motors. Iggy Pop spielte seinen ersten Gig
in Detroit, 1968, im legendären Grande Ballroom. Und
Mitte der Achtziger schufen DJs auf Raves in Werkhallen den Techno. Viel große Kunst, am laufenden
Band produziert. Wie das T-Modell von Ford.
„Detroit hat schon immer Künstler inspiriert“, sagt
Francis Grunow, 40, „das wollen wir am Leben halten.
Und dafür sorgen, dass intakte Viertel nicht kippen.“
Grunow steht in einem 80 Jahre alten Holzhaus im
Viertel Hamtrack. Das morsche Eigenheim stand leer,
wurde besetzt, schließlich von Grunows Initiative
„Write A House“ gekauft. Bald soll hier ein junger Autor einziehen. „Vielleicht der nächste Dan Brown“,
sagt Grunow und lacht.
Drei Häuser werden gerade parallel renoviert,
weitere sollen folgen. Interessenten können sich bei
„Write A House“ mit Arbeitsproben bewerben.
Wenn Grunow und seinen Mitstreitern der Stil gefällt,
bekommt der Autor das Haus geschenkt. „Rund
300 Männer und Frauen aus der ganzen Welt haben
schon etwas geschickt“, sagt Grunow. Krimischreiber,
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Perspektivwechsel:
Die Künstlerin Corrie
Baldauf, 33, will mit
ihren „OptimismusFiltern“ den Blick
auf Detroit verändern
Familien ziehen
fort, doch die
Avantgarde
kommt in die
verwundete Stadt
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Spitzenköche
reißen sich um
das Gemüse
aus Detroits
Stadtgärten
DETROIT
IN
ZAHLEN
1,9
Millionen Einwohner
hatte Detroit 1950.
Heute leben nur noch
700 000 Menschen
in der Stadt im US-
1,7-
Bundesstaat Michigan.
Milliarden Dollar investierte der Unternehmer
Dan Gilbert zuletzt
in das Zentrum seiner
Heimatstadt. Unter
anderem kaufte er 54
Gebäude, darunter
zahlreiche Wolkenkratzer.
Aktivisten der Initiative
„Write A House“ (links);
Detroits Clubszene lebt
wieder auf (links oben);
die Skyline der „Motor
City“ (rechts oben);
„Triple Threat Pork“-
5200
Kilometer lang ist das
Straßennetz der ehema-
18
ligen „Motor City“.
Milliarden Euro
Burger im Slows Bar
Schulden hat Detroit.
BQ (rechts)
Doch Hunderte junger
Start-ups spülen
nun frisches Steuergeld
in die leeren Kassen
der Metropole.
Journalisten, Poeten, es ist alles dabei. Während
Familien weiter fortziehen, drängt die Avantgarde der
Zukunft nach Detroit.
„Write A House“ kauft nur in solchen Nachbarschaften Häuser, in denen die große Mehrheit der
Gebäude noch bewohnt wird. Die Initiative ist wie ein
Zahnarzt, der Karies an einem sonst gesunden Gebiss behandelt. Doch es gibt zu viele Patienten – Detroit ist schlicht zu groß. 370 Quadratkilometer umfasst das Stadtgebiet, das Straßennetz ist rund 5200
Kilometer lang. Detroit wurde für Riesenautos
geschaffen, die längst nicht mehr fahren.
Mike Duggan, seit Januar Bürgermeister von Detroit, hat dem Problem der verlassenen Häuser den
Kampf angesagt. Mit der Abrissbirne soll die Stadtverwaltung 800 Gebäuden pro Monat auf die Wände
rücken. Doch das kostet. Experten schätzen, dass für
den vollständigen Abbruch nur der Hälfte aller verlassenen Privathäuser schon 850 Millionen Dollar fällig
würden. Für die Industrieruinen kämen dann noch
eine Milliarde Dollar hinzu. Zur Erinnerung: Detroit ist
völlig blank.
Kann es sich lohnen, in Brachen Geld zu investieren? Für Menschen wie Ashley Atkinson, 35, schon.
Die kräftige Frau stapft in Gummistiefeln durch einen
Gemüsegarten, groß wie ein Footballfeld. Eingeklemmt
zwischen Freeway und dem Parkhaus des CasinoHotels MGM Grand, ist der Garten eine grüne Oase in
Downtown Detroit. 70 Sorten Obst, Gemüse und
Gewürze wachsen hier.
„Gerade ist Spargelzeit“, frohlockt Atkinson. Sie
ist Mitbegründerin der Initiative „Keep Growing Detroit“, die seit 2006 rund 80 Farmen im Stadtgebiet
bewirtschaftet. Dazu versorgt sie rund 1500 Gärtner
in Detroit mit Expertise und Saatgut. „Dank unserer
Hilfe können inzwischen viele vom Gemüseanbau leben“, so Atkinson. Teilen heißt kümmern, auch hier.
„Wir produzieren 200 Tonnen Gemüse pro Jahr“, sagt
Atkinson, „das sind drei bis fünf Prozent von allem
Grünzeug, das pro Jahr in Detroit gegessen wird.“
Langfristig will die Initiative 50 Prozent schaffen. Sich
hohe Ziele zu setzen – auch das so eine amerikanische Spezialität.
Junge Spitzenköche reißen sich um die frische
Ware aus Detroits Gärten. Der Geldadel aus den Vorstädten pilgert jeden Samstag im dicken SUV zum
Eastern Market, um regional und bio einzukaufen. Und
die coole Start-up-Szene kommt auf einen „Boston
Cooler“ (Ginger Ale mit Vanilleeis) aus dem benachbarten Downtown vorbeigeschlappt.
Noch vor fünf Jahren war Downtown eine No-goArea. Arbeitsnomaden fuhren morgens ins Parkhaus
des Renaissance Center, die Türen ihrer Vans zentralverriegelt. Nach Feierabend verließen sie den riesigen Bürokomplex in Richtung Suburbia. Wer zwischen
den Wolkenkratzern mit den blinden Scheiben aus
30 w o r l d
Street-Art in einer
Brandruine (rechts);
XXL-Gemüsegarten im
Zentrum (unten); das
alte Fox-Theater strahlt
wieder (links)
Detroit
New York
Detroit, Michigan, grenzt
im Norden an Kanada
und liegt Luftlinie knapp
800 Kilometer westlich
von New York
dem Auto stieg, galt als Gefahrensucher. Raubüberfälle waren an der Tagesordnung.
Und heute? Am Campus Martius Park ist Sand
aufgeschüttet, schöne junge Menschen lümmeln in
Liegestühlen, essen vegane Burritos. Motown-Songs
plätschern aus unsichtbaren Boxen auf den Gehweg.
Bürohengste auf Segways rollen vorbei, die Google
Glass auf der Nase weist den Weg. Pause in der schönen neuen Arbeitswelt.
Dan Gilbert. Der 52-Jährige ist rund 3,7 Milliarden
Dollar schwer, sein Geld hat er just mit dem gemacht,
Immobilienkredite.
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*gestellten seiner Firma Quicken Loans einen Zwangs##+"''%/
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in den alten Art-déco-Kästen entlang der Woodward
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der Hype der Stunde, der Online-Taxidienst Uber, ist
da. Kommt das nächste Facebook aus Detroit? Und
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Chris Blauvelt, 24, könnte darauf eine Antwort parat
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Elektroveteranen von Underground Resistance auf.
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Bässe wummern hinaus in die städtische Prärie, so
laut, dass es den Fasanen im Gefieder flattert.
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auch Pioniere und Erfinder. Menschen, die sich
um einander kümmern. Motor City brummt wieder.
Windabweiser
Side Window Deflector
Kofferraummatten