In neue Dimensionen - Handelsblatt macht Schule

22 DAX-KONZERNE UNGESCHMINKT
DIENSTAG, 12. MAI 2015, NR. 90
2005
2004
2006
2007
1
2008
2009
2010
2011
Helmut Panke
Vorstandschef
2002 bis 2006
120
BMW 23
DIENSTAG, 12. MAI 2015, NR. 90
1
2012
2013
2014
’15
122,60 €
Hoch
16.3.2015
Norbert Reithofer
Vorstandschef
2006 bis 2015
100
11.5.2015
Aktienkurs
80
109,00 €
2.1.2004
37,30 €
60
Harald Krüger
designierter Vorstandschef
ab 13.5. 2015
40
tum finanzieren, ohne an die Substanz gehen zu müssen. Grundlage für den Erfolg
ist nach wie vor eine hohe Effizienz sowohl
in der Produktion als auch in den sonstigen Geschäftsprozessen.
Dabei bewegte sich BMW gemessen am
Umsatzwachstum mit einem Plus von 5,6
Prozent im vergangenen Jahr lediglich im
Mittelfeld der Branche, hinter Daimler, Fiat und Hyundai. Der Erlös je verkauftem
Fahrzeug war insgesamt sogar leicht rück-
20
In neue
Dimensionen
17,04 €
Tief
28.10.2008
Handelsblatt | Fotos: T. Hase/dpa,
S. Görlich/imago, Zuma Press/ap,
T. Dashuber/Agentur Focus,
Stand: 15:30 Uhr;Quelle: Bloomberg
läufig. Dessen ungeachtet konnte der
Münchner Konzern aus dem Wachstum offenbar weitere Skalenvorteile ziehen. Vertriebs- und Verwaltungskosten erhöhten
sich zwar leicht überproportional, die Umsatzkosten stiegen dagegen deutlich langsamer als die Erlöse, was sich in einer verbesserten Brutto-Marge niederschlug. Alleine einen Prozentpunkt operative
Rendite gewann der Konzern in der Autofertigung, wo die Herstellungskosten nur
Auszüge aus dem Geschäftsbericht
Bei den Automobil-
BMW schreibt das fünfte Rekordjahr in Folge.
Die Rendite bleibt trotz des schnellen
Wachstums nicht auf der Strecke.
Auslieferungen
sowie beim Ergebnis
vor Steuern im
Konzern streben
wir ein solides
Wachstum auf neue
Bestwerte an.
Norbert Reithofer,
Vorsitzender des Vorstands
der BMW AG
Gewinn- und Verlustrechnung
in Mio. Euro
Umsatzerlöse
Umsatzkosten
Markus Fasse, Siegfried Hofmann
München, Frankfurt
A
ls BMW am 9. Dezember seinen Chefwechsel bekanntgab,
schossen die Spekulationen ins
Kraut. Gibt es eine Unwucht in
der Erfolgsfahrt von BMW? Hat
sich der scheidende Konzernchef Norbert
Reithofer mit der Familie Quandt überworfen? Ist die ambitionierte Elektrostrategie der Münchener fehlgeschlagen?
Kommt das dicke Ende mit den Jahreszahlen?
Weder noch. Reithofer verabschiedet
sich mit dem fünften Rekordergebnis in
Folge. Die Quandts setzen Reithofer an
die Spitze des Aufsichtsrates – einen Posten, den Stefan Quandt oder Susanne
Klatten auch selbst beanspruchen könnten. Sie scheren sich auch nicht um das
sogenannte „Cooling-off“, das solche sofortigen Wechsel von Vorstandschefs an
die Spitze des Aufsichtsrates eigentlich
verhindern soll. Aber als Großaktionäre
müssen sich die Quandts um so etwas
nicht kümmern.
Warum dann die Eile? Reithofer hätte
ja bis 2016 bleiben können. Zum einen
wollten die Quandts ihrem Spitzenmann
mit dem Aufsichtsratsvorsitz etwas bieten. Denn auch bei Siemens läuft die Suche nach einem Nachfolger von Chefkontrolleur Cromme. Reithofer wird beim
Münchener Nachbarn hochgeschätzt, das
Angebot schmeichelt ihm. Da wollte die
Familie Quandt Fakten schaffen – beide
Jobs gehen aus ihrer Sicht nämlich nicht.
Zum anderen feiert BMW im kommen-
den Jahr seinen 100. Geburtstag. Wie
man sich eine solche Feier verderben
kann, hatte Audi 2010 auf dem Höhepunkt des Machtkampfes zwischen Ferdinand Piëch und Wendelin Wiedeking eindrucksvoll bewiesen. Und auch die jüngsten Volten im Hause VW bestärkte die
Münchener in ihrer Entscheidung, die
Personalfrage an der Spitze so früh wie
möglich zu klären.
Operativ ist BMW stark wie nie. Der
neue Konzernchef Harald Krüger übernimmt ein Unternehmen, das derzeit in
vielerlei Hinsicht Benchmark ist. Seit 2010
hat der Konzern zwanzig Milliarden Euro
an Umsatz gewonnen. Mit 80 Milliarden
Euro erlöst er inzwischen mehr als der benachbarte Siemens-Konzern, der dreimal
mehr Menschen beschäftigt, und darf sich
damit das umsatzstärkste Unternehmen in
Bayern nennen.
Aber auch in der Autobranche setzt BMW
Maßstäbe. Die Münchener sind nach VW
und Daimler zwar der kleinste deutsche
Autokonzern, relativ zum Umsatz aber der
profitabelste. Mit einem Ergebnis vor Finanzergebnis und Steuern (Ebit) von 9,1
Milliarden Euro und einem Vorsteuerergebnis von 8,7 Milliarden Euro hat der
Konzern ein im Branchenvergleich außergewöhnlich hohes Ertragsniveau. Die Dividende wird für Vorzugs- und Stammaktien
um 30 Cents auf 2,90 beziehungsweise
2,92 Euro angehoben. Die Ausschüttungsquote bleibt damit wie in den Vorjahren im
Zielkorridor von 30 bis 40 Prozent. BMW
kann also beides: Die Aktie mit einer hohen Ausschüttung attraktiv halten, Wachs-
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Bruttoergebnis vom Umsatz
Vertriebskosten und allgemeine Verwaltu
ngskosten
Sonstige betriebliche Erträge
2014
2013
80 401
76 059
-63 396
-60 791
Konzern Ebitda-Marge
17 005
15 268
Konzern Ebit-Marge
-7 892
-7 257
Umsatzrendite vor Steuern
877
842
-872
-875
9 118
7 978
655
407
Sonstige betriebliche Aufwendungen
Ergebnis vor Finanzergebnis
Erträge aus der Equity-Bewertun
ung
g
Zinsen und ähnliche Erträge
rträge
Zinsen und ähnliche
liche Aufwendungen
Übriges Finanzer
inanz gebnis
Finanzerrgeb
gebnis
Ergebnis
ebn vor Steuern
Ertragsteuern
Ert
Jahresüberschuss
in Mio. Euro
Investitionen in aktivierungspflichtige
Entwicklungskosten
Forschungs- und Entwicklungsleis
tungen
Konzern
183
Automobile
-469
Motorräder
-747
-206
Return on Equity
uity
-411
-85
8 707
7 893
-2 890
-2 564
5 817
5 329
2013
4 135
4 118
-1 068
-1 06
069
1 499
17
744
4 566
4 793
Finanzdi
F
enstleistungen
Auslieferungen nach Segmenten
Mittelzufluss aus der betriebli
rieblich
chen Tätigkeit
Mittelabfluss auss der Investitio
In
nstätigkeit
Deckung
g des Mittelabfl
M
usses durch Zufluss (%)
Free
ree Cashflow
C
des Segments Automobile
Nettofinanzvermögen des Segmen
ts Automobile
in Tausend
Europa
davon China
BMW
Mini
Rolls-Royce
2013
1 655
305
4
1 812
Handelsblatt | Quellen: Unternehm
302
115
4
en, Geschäftsbericht 2014, Seiten
Motorräder
123
29, 60, 90 & 116
2013
20,1 %
16,5 %
15,4 %
11,3 %
10,5 %
10,8 %
10,4 %
7,2 %
7,0 %
16,3 %
17,4 %
20,8
0,8 %
21,4 %
61,7 %
63,0 %
21,8 %
16,4 %
19,4 %
20,0 %
2 912
4 127
-6 116
-7 491
47,6 %
55,1 %
3 481
3 003
0
14 223
12
2 085
Auslieferungen nach Regionen
Asien
in Tausend
2014
21,2 %
in Mio. €
davon Deutschland
Automobile
2014
Return on capital employed (Roce)
200
2014
Abschreibungen
Umsatzrendite nach Steuern
Eigenkapitalrendite nach Steuern
-519
F+E-Leistungen
Forschungs- und Entwicklungskos
ten
Finanzwirtschaftliche Kennzahlen
in %
Konzern Bruttomarge
Amerika
davon USA
Sonstige Märkte
Gesamt
2014
2013
914,6
859,5
272,3
259,2
658,4
578,7
456,7
391,7
482,3
463,8
397,0
37
376,6
62,7
61,8
2 118,0
1 963,8
um 4,5 Prozent zulegten. Hinzu kamen ein
geringerer Aufwand für Zinsen und Risikovorsorge im Finanzgeschäft sowie ein
leicht rückläufiger F+E-Aufwand. Alles in
allem kann BMW damit einen überproportionalen Anstieg des Ebits um 14 Prozent
ausweisen und die operative Marge von
10,5 auf 11,3 Prozent verbessern. Die
Münchner sind damit operativ, noch vor
Toyota und Hyundai, weiterhin der renditestärkste Vertreter unter den großen Autokonzernen.
Nicht ganz so weit vorne liegt der Konzern mit Blick auf die Netto-Rendite, bei
der die beiden Konkurrenten aus Asien
dank niedrigerer Steuersätze etwas besser
abschneiden. Der Jahresüberschuss von
BMW legte lediglich um neun Prozent auf
den Rekordwert von 5,8 Milliarden Euro
zu. Gebremst wurde der Nettogewinn
durch eine leicht erhöhte Steuerquote und
ein rückläufiges Finanzergebnis. Hier wiederum schlugen sich höhere Kosten für
die Währungssicherung sowie eine Abschreibung auf die Beteiligung am Kohlenstofffaser-Hersteller SGL Carbon nieder.
Mit 7,2 Prozent Netto-Rendite liegt BMW
aber weiter klar vor Daimler und VW mit
jeweils rund 5,5 Prozent Rendite – und
dies, wohlgemerkt, obwohl die Münchner
eine deutlich höhere Steuerquote als die
beiden Konkurrenten bilanzieren.
Wer nach Gründen für die Stärke sucht,
erhält aus den Bilanzen folgende Hinweise: BMW liegt relativ zum Umsatz jeweils
zwei bis vier Prozentpunkte günstiger bei
den Herstell- und bei den Vertriebskosten.
Der F+E-Aufwand mit 5,7 Prozent und die
Verwaltungskosten mit 3,2 Prozent vom
Umsatz dagegen werden auf ähnlichem Niveau ausgewiesen wie bei VW und sogar
um 0,6 Punkte über der Quote von Daimler. Das spricht dafür, dass die Administration der Münchner nicht unbedingt billiger ist als die der Konkurrenten, wohl aber
besser darin, Produktion und Vertrieb effizient zu organisieren.
Auch was Finanzkraft und Bilanz angeht, steht BMW solide da, wenn auch
nicht so überlegen wie bei den RenditeKennziffern. Da die Sachinvestitionen erstmals wieder zurückgefahren wurden, verbesserte sich der freie Cashflow der Autosparte alleine laut Konzernabschluss zwar
um rund 15 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Auf Konzernebene dagegen verbuchte
BMW, ebenso wie VW und Daimler, einen
rückläufigen operativen Mittelzufluss und
einen negativen Free Cashflow.
Das freilich lag ausschließlich am weiteren Ausbau des Finanzierungsgeschäfts.
Das bilanzielle Geschäftsvolumen der Finanzsparte stieg um rund 12 Milliarden Euro oder rund 14 Prozent auf 96 Milliarden
Euro, die Nettofinanzverschuldung des
Konzerns erhöhte sich dadurch von 62 auf
72 Milliarden Euro. Relativ zum Umsatz
betreibt BMW damit das größte Finanzierungsvolumen in der Autobranche.
Der Vorsteuergewinn aus diesem Geschäft erhöhte sich 2014 um rund sechs
Prozent auf gut 1,7 Milliarden Euro. Gemessen am eingesetzten Eigenkapital im
Finanzgeschäft errechnet sich damit eine
SERIE
Stärken und Schwächen
„Dax-Konzerne ungeschminkt“
nimmt die Aktionärstreffen deutscher
Großunternehmen zum Anlass, deren
Jahresabschlüsse kritisch zu durchleuchten. Die nächsten Serienteile:
13.5.: Lanxess
18.5.: Fresenius, FMC
leicht verminderte, aber immer noch ansehnliche Rendite von 19,4 Prozent. BMW
liegt damit auf gleichem Niveau wie Daimler, aber immerhin sechs Punkte vor VW.
Das alles macht verständlich, dass der
Mehrheitseigner auf größtmögliche Kontinuität bedacht ist und die Topmanager des
Konzerns nur ungern ziehen lässt. Es zeigt
aber auch, welch anspruchsvollen Job der
neue CEO Harald Krüger übernimmt.
BMW ist in den letzten Jahren in eine neue
Dimension gewachsen, in der es schwieriger wird, Rendite und Wachstumstempo
zu halten. 2015 dürfte ihm dabei noch der
Rückenwind des Dollars helfen. Aber der
wird nicht ewig anhalten.
24 DAX-KONZERNE UNGESCHMINKT
DIENSTAG, 12. MAI 2015, NR. 90
BMW 1er
BMW 3er
500 332
BMW 25
DIENSTAG, 12. MAI 2015, NR. 90
1
1
BMW 5er
BMW X1
BMW X5
480 214
366 992
373 053
+1,7 %
-4,0 %
213 611
190 033
161 353
156 471
147 381
107 231
-11,0 %
Fahrzeugabsatz
2013
2014
+31,7 %
-3,0 %
Fahrzeugabsatz
BMW 1er, Modell M Sport | Foto: PR
2013
2014
Fahrzeugabsatz
2013
BMW 3er-Limousine, Modell Sport Line | Foto: A. Martinez/PR
Fahrzeugabsatz
2014
2013
BMW 5er Gran Turismo - Luxury Line | Foto: PR
Fahrzeugabsatz
2014
2013
BMW X1 | Foto: T. Kirkpatrick/PR
2014
BMW X5 M | Foto: PR
SCHWÄCHE 1
Hohe Wertschöpfung
Krügers Agenda
I
Trotz Rekordergebnissen: Der neue BMW-Chef hat eine Reihe v on Aufgaben vor sich.
S
Effiziente Produktion
Wertschöpfung je Mitarbeiter*
in Euro
166 650 €
103 606 €
89 681 €
Veränderung zum Vorjahr
+4,5 %
+7,4 %
+5,2 %
VW
Daimler
BMW
*Konzerngewinn, Ertragsteuern, Personalaufwand, ohne Finanz- u. Beteiligungsergeb.
Handelsblatt
Quelle: Unternehmen
als Kornprinz von Martin
Winterkorn nach Wolfsburg
geht.
Bei BMW sprechen die Zahlen für sich: So stieg die Produktion zwischen 2010 und
2014 um 700 000 Autos auf
2,1 Millionen Stück– der Umsatz wuchs in dieser Zeit um
zwanzig Milliarden Euro. Zudem holten die Münchener
fast 20 000 Mitarbeiter an
Bord, Leiharbeiter und
Werksverträge nicht mitgezählt. Die Effizienz blieb aber
nicht auf der Strecke: So liegt
die Wertschöpfung pro Beschäftigten mit 166 000 Euro
fast doppelt so hoch wie bei
Volkswagen und um 60 000
Euro höher als beim Rivalen
Daimler. Und auch die operative Rendite im Autogeschäft
lag in diesem Zeitraum stets
im Zielkorridor von acht bis
zehn Prozent, meist sogar darüber. Allerdings muss BMW
gleichfalls auf die Qualität
achten. Zahlreiche Rückrufe
in den USA und Europa kratzten zuletzt am Image der Premiummarke. BMW muss darauf achten Klasse und Masse
zu verbinden – mit Blick auf
Rendite und Qualität. Denn
mit den Produktionsausweitungen in China und den USA
kommt der Konzern auf
Stückzahlen, die früher nur
für VW, Ford oder Fiat denkbar waren. Markus Fasse
► „Strategic Review“ soll alle
Geschäfte überprüfen.
► Mehr Elektroautos mit hö-
herer Reichweite geplant.
Markus Fasse
München
A
uf den ersten Blick hat
Harald Krüger nicht viel
zu tun, wenn er nach
der Hauptversammlung die Geschäfte übernimmt. Der Absatz brummt auch
im ersten Quartal, BMW dürfte 2015
zum sechsten Mal ein Rekordjahr
einfahren. Querelen wie bei Volkswagen bleiben ihm erspart: Krüger
hat damit das uneingeschränkte Vertrauen der Familie Quandt. Ein Jahr
früher als geplant räumt Norbert
Reithofer den Chefsessel in München und wechselt an die Spitze des
Aufsichtsrates. Und auch die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat haben sich
für den 49-Jährigen ausgesprochen.
Alles also auf Autopilot in München? Kaum. Krüger, der seit 2008
dem Vorstand erst als Personal- und
dann als Produktionsvorstand angehörte, hat einen „Strategic Review“ für alle Geschäftsfelder angeordnet. Damit soll nicht die bestehende Strategie über den Haufen
geworfen werden, heißt es im Konzern. Wohl aber gelte es, den Blick
auf das Jahr 2020 und danach zu
lenken. Es geht um das Volumenwachstum, die Vernetzung und die
Elektrostrategie.
Kurzfristig muss Krüger dafür
sorgen, den BMW Siebener erfolgreich in den Markt zu bringen. Das
Flaggschiff der Münchener soll der
Star der IAA in Frankfurt werden
und Boden gegenüber der Mercedes-S-Klasse gutmachen. Die Münchener wollen Konzernkreisen zufolge deutlich über 50 000 Siebener pro Jahr absetzen. Erstmals
Siebener ist abgeschlagen
werden Teile des Autos aus Kohlefaser gefertigt, die das Auto leichter
und damit verbrauchsärmer machen sollen. Eine große Herausforderung: Bislang setzt BMW den teuren und komplizierten Werkstoff
nur bei seinen Elektroautos und im
Tuningbereich ein.
Mittelfristig geht es darum, das
Wachstum zu managen. Die Münchener wollten eigentlich erst 2018
die Zweimillionengrenze knacken,
tatsächlich haben sie im vergangenen Jahr mit 2,17 Millionen Autos
500 000
Automobile pro Jahr
zusätzlich will BMW bis
zum Jahr 2020 bauen.
Quelle: Firmenaussagen
Kennzahlen
Umsatz nach Regionen
2014 in Mrd. Euro, Veränderung zum
Kennzahlen nach Segmenten
Vorjahr in Prozent
2014, Veränderung zum Vorjahr in
13,0 Mrd. €
15,0 Mrd. €
Deutschland
+10,1 %
80,4
Mrd. €
24,6 Mrd. €
Attraktiver Arbeitgeber
D
ie Marke BMW hat eine hohe Strahlkraft
– besonders am Arbeitsmarkt. Das Jobnetzwerk Xing kürte den Autobauer zum
dritten Mal zum besten Arbeitgeber Deutschlands. Und auch das „Young Professional Barometer“, sah die Münchener 2014 auf Platz eins
in Deutschland – vor Google, Audi und Porsche.
Das Topranking ist für den Konzern nicht zu
unterschätzen. BMW wächst und braucht jedes
Jahr mehrere Tausend zusätzliche Akademiker.
Allein zwischen 2010 und 2014 hat der Konzern netto 20 000 neue Mitarbeiter an Bord
genommen. Gefragt sind nicht mehr nur Spezialisten für den klassischen Autobau, BMW
buhlt mit der IT-Industrie um Softwarespezialisten, um den Sprung in die Digitalisierung zu
meistern. Die Dimensionen werden mit den
Planungen für das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum (FIZ) im Norden von München deutlich. Das neue FIZ wird als Campus
angelegt und könnte langfristig bis zu 15 000
zusätzlichen Entwicklern Platz bieten. Doch
nicht nur in München wächst der Konzern.
Auch in den USA, in China und Großbritannien
(Mini, Rolls-Royce) werden in Zukunft mehr
Entwicklungs- und Produktionskapazitäten
aufgebaut.
BMW bietet viel – verlangt aber auch eine Menge von seinen Mitarbeitern. Ohne Auslandsstation ist ein Aufstieg in den oberen Führungskreis (OFK) kaum möglich. Ständige und systematische Bewertungen über die
Bereichsgrenzen hinweg sorgen für einen hohen Konkurrenzdruck und vermeiden Seilschaften. Das bekommen auch Führungskräfte
zu spüren. Anders als bei Volkswagen gelten
strikte Altersregeln bei BMW: Mit 62 ist für die
Topmanager in der Regel Schluss. Damit ist
jetzt für den 49-jährigen Harald Krüger der
Chefsessel frei. Markus Fasse
BMW
Hyundai
Honda*
75,2 Mrd. €
Automobile
+6,4 %
6 886 Mio. €
Automobile
+5,0 %
1,7 Mrd. €
Motorräder
+11,6 %
107 Mio. €
Veränd. zu 2013
Marge
±0 %
9,6 %
9,4 Mrd. €
+9 %
+20 %
6,3 %
9,1 Mrd. €
5,4 Mrd. €
+14 %
7,2 %
11,3 %
-5 %
-10 %
8,5 %
5,7 %
5,5 %
Gewinn im Langfristtrend
1,2 Mrd. €
3,4 %
2,4 %
10
GM
+3 %
+8 %
-37 %
-70 %
1,0 %
PSA
1,1 Mrd. €
k.A.
0,2 Mrd. €
-117 %
2,7 %
1 723 Mio. €
Finanzdienstleistungen
+6,4 %
-17,1 Mrd. €
Konsolidierung
+6,9 %
3,2 Mrd. €
2,6 Mrd. €
Renault
Motorräder
+40,8 %
20,6 Mrd. €
Finanzdienstleistungen
+3,6 %
Ford
Fiat
+10,3 %
Übriges Amerika
-4,6 %
5,0 Mrd. €
4,4 Mrd. €
Nissan*
Mio. €
3,0 Mrd. €
Ebit 2014
18,2 Mrd. €
12,7 Mrd. €
Daimler
8 707
USA
+7,7 %
11,1 Mrd. €
Sonstige
+5,5 %
VW
Gewinn vor Steuern
+5,7 %
13,7 Mrd. €
Übriges Europa
+9,2 %
Konzern
Toyota*
Prozent
Umsatz
China
-2,3 %
Operatives Ergebnis
STÄRKE 2
die Schwelle schon genommen.
Hinzu kommt eine Verdoppelung
der Produktion im US-Werk Spartanburg, der Bau des zweiten Werkes in China und eines neuen Werks
in Mexiko. Macht zusätzlich eine
halbe Million Autos bis 2020. Das ist
so viel wie die Marke Volvo heute
weltweit absetzt. Krüger und sein
Produktionsvorstand Zipse müssen
die Qualität und die Kosten im Blick
behalten und flexibel bleiben, um
nicht auf Überkapazitäten sitzen zu
bleiben.
-9 Mio. €
Konsolidierung
-97,5 %
9,1 Mrd. €
Operatives
Ergebnis
5
5,8 Mrd. €
Konzerngewinn
0,4 %
*12 Monate zum 31.12.
Pro-Kopf-Umsatz
0
2014 in Euro
-3,3 Mrd. €
Free
Cashflow
-5
709 465
€/Kopf
611 217
567 341
541 844
BMW
428 427
Ford
Toyota
394 239
389 331
GM
Daimler
Fiat
VW
© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an [email protected].
-10
1999
2005
2010
2014
Mittelzufluss aus
operativem Geschäft
abzügl. Investitionen
in Sachanlagen und
immaterielle Güter
en
n der Regel geht das in der
Autoindustrie nicht gut:
die Produktion und die Modellpalette ausweiten und die
Kosten im Griff behalten.
Meist werden die Prozesse zu
komplex und die erhofften
Skaleneffekte gehen verloren.
Bei BMW ist das anders, die
Münchener haben trotz ihres
starken Wachstums die Kosten im Griff. Das liegt auch an
der Arbeit von Herbert Diess,
der als Entwicklungs- und
Einkaufsvorstand in den vergangenen Jahren stramme Effizienzprogramme durchgezogen hat. Viele BMW-Modelle
greifen auf gleiche Grundstrukturen zurück, die Komponenten und Fertigungen
sind extrem standardisiert.
Ein Grund, warum Diess nun
Handelsblatt | Quelle: Unternehm
STÄRKE 1
Handelsblatt | Quelle: Unternehmen
Intensiv diskutiert wird zudem
die Elektrostrategie und die Herausforderung der Digitalisierung. BMW
hat seit 2013 mit dem kompakten
„i3“ und dem Hybridsportwagen
„i8“ zwei Elektroautos auf dem
Markt. Hinzu soll ein halbes Dutzend Hybridmodelle in der übrigen
Modellpalette kommen. Für BMW
ist dieser Schritt ohne Alternative,
um die Kohlendioxidvorgaben der
EU einzuhalten.
Doch mit einer Reichweite von
150 Kilometern, den hohen Kosten
für die Karosserie aus Kohlefaser
und den begrenzten Stückzahlen,
muss der „i3“ überarbeitet werden. Ende 2017 will Tesla eine
kompakte Limousine mit 320 Kilometer Reichweite für 35 000 Dollar anbieten. Auch Audi arbeitet
an einer neuen Generation von
Elektroautos. BMW plant nun einen weiteren Sportwagen unter
dem Namen „i9“. Im Gespräch ist
aber auch eine Limousine, die „i5“
heißen könnte. Die Limousine soll
mit weniger Kohlefaser, dafür aber
mit deutlich mehr Reichweite auf
den Markt kommen. Diskutiert
wird auch die Funktion des autonomen Fahrens. Die dafür notwendigen Daten will BMW gemeinsam mit den Rivalen Mercedes
und Audi aufbereiten. Die deutschen Autokonzerne bieten gemeinsam um den Kartenanbieter
Nokia Here.
eit 1977 versucht BMW
mit der 7er-Reihe bei den
großen Limousinen zu
punkten. Doch an der S-Klasse von Mercedes kommen die
Münchener nicht vorbei. Hier
geht es um Prestige, aber
auch um Margen. Denn traditionell wird an großen Autos
mehr verdient als an Kompaktmodellen. Das gilt insbesondere in Zeiten eines
schwachen Euros, denn sowohl S-Klasse als auch Siebener werden ausschließlich in
Deutschland gefertigt und
meist in den USA und in China verkauft. Zudem sind die
großen Modelle wichtig, um
die Einführung von neuen
Technologien vorzubereiten.
Teure Zusatzausstattungen
wie Spurhalteassistenten,
aber auch Hybridsysteme
können hier leichter in die
Serie gebracht werden, weil
die Kosten im Verhältnis zum
Anschaffungspreis weniger
ins Gewicht fallen.
Doch in diesem Segment hat
es BMW traditionell schwer,
hier dominiert Daimler mit
der S-Klasse. Das gilt besonders für die neueste Version
des Stuttgarter Topmodells,
das seit 2013 auf dem Markt
ist. Mittlerweile ist die Lücke
riesig: 2014 verkaufte sich die
S-Klasse mehr als 125 000mal, der in die Jahre gekommene Siebener sackte um 13
Luxusklasse rückläufig
Verkaufte Fahrzeuge
140 000
125 000
80 000
Daimler S-Klasse
BMW 7er
48 519
20 000
2010
Handelsblatt
2014
Quelle: Unternehmen
Prozent auf gut 48 000 Stück
ab. 2015 dürfte die Relation
noch ungünstiger ausfallen,
da die S-Klasse allein im ersten Quartal um weitere 15
Prozent zugelegt hat. BMW
muss in den USA und in China hohe Rabatte gewähren.
Die Wende kann erst der
neue Siebener bringen, den
BMW Ende des Jahres einführen wird. Die Münchener haben viel Geld investiert: Teile
der Karosserie sind aus leichter Kohlefaser, der Innenraum ist voll vernetzt, die Bedienung läuft teilweise über
Gestensteuerung. Wenn es
BMW gelingt, die Lücke zur
S-Klasse ein wenig zu schließen, dann ist schon viel erreicht.
Markus Fasse
SCHWÄCHE 2
In China zu hoch gepokert
D
er scheidende Konzernchef Norbert
Reithofer hat es wie ein Mantra vor sich
hergetragen: Bloß nicht zu abhängig
werden von China. Zwar ist der China-Faktor
in den Bilanzen von Audi und VW deutlich
größer. Doch den Verlockungen der schnellen
Stückzahlen konnte auch BMW nicht widerstehen. Der größte Automarkt der Welt ist mittlerweile der größte Einzelmarkt von BMW. Allein in den vergangenen drei Jahren hat sich
der Absatz auf 456 000 Autos verdoppelt. Die
Gewinne aus Fernost, die BMW wie der Rest
der Branche nicht einzeln ausweist, dürften
überproportional hoch sein. Immerhin kaufen die Chinesen vor allem große Autos der
7er-, 6er- und 5er-Reihe sowie vor allem die
lukrativen X-Modelle.
Wie groß die Risiken sind, zeigte sich Anfang
Januar, als BMW knapp 700 Millionen Euro
Kompensation an seine chinesischen Händler
zahlen musste. Händler und Konzern hatten
offensichtlich zu hoch gepokert. Ob mit dem
Deal alle Probleme für BMW in China erledigt
sind, bleibt eine offene Frage. Kurzfristig
bleibt der Druck hoch: Mit dem 5er und dem
7er hat BMW in einem abkühlenden Markt
zwei Modelle im Schaufenster, die über der
Mitte beziehungsweise am Ende ihres Lebenszyklus stehen. In München erklärt man die
neue Situation mittlerweile mit dem Begriff
der „neuen Normalität“. Das erste Quartal in
dem Riesenreich sei geprägt gewesen von einer „hohen Wettbewerbsintensität“, die auch
auf die Preise drücke. Die Zeiten, in denen
man den Chinesen alles verkaufen konnte,
sind vorbei. Gefragt sind vor Ort gefertigte
kompakte Geländewagen. BMW will die Produktion vor Ort verdoppeln. Neben dem X1
sollen demnächst weitere Offroader in China
produziert werden. Markus Fasse