Editorial und Inhalt OE 2/2015

Editorial
… wenn widersprüchliche Logiken aufeinandertreffen
Kennen Sie den? Eine Frau kommt zu Mullah Nasrudin (gewissermaßen der orientalische Till Eulenspiegel) und schildert ihm ihr Leid mit ihrem Ehemann. Nasrudin hört sich die
Schilderung an und entscheidet: «Du hast recht!». Wenig später kommt ihr Mann, schildert ihm seinen Kummer, woraufhin er wiederum entscheidet: «Du hast recht». Nasrudins Frau,
die beide Gespräche mitgehört hat, fragt ihn daraufhin verständnislos: «Mullah, es kann doch nicht sein, dass beide recht
haben!». Woraufhin er ihr entgegnet: «Du hast recht».
Was hat das mit heutigen Organisationen zu tun? Die meisten Organisationen sind als Sinngemeinschaften darauf angelegt, in einer einheitlichen Rationalität zu arbeiten: Banken
orientieren sich am Wirtschaftssystem, Schulen am Bildungsund Gerichte am Rechtssystem. Sie alle agieren hauptsächlich
in einer Logik und blenden andere Aspekte notgedrun­gen aus.
Pluralistische Organisationen wie z. B. Krankenhäuser müssen
dagegen verschiedene Rationalitäten unter einem Dach be­her­
bergen (Medizin, Pflege, Wirtschaft, Wis­senschaft...). Ihre Leis­­
tungsfähigkeit beruht gerade darauf, gelingende Ko­ope­ra­tion
zwischen diesen unterschiedlichen Rationalitäten her­zu­stel­len.
Durch Veränderungen in ihren relevanten Umfeldern sind
Organisationen heute zunehmend gezwungen, sich im eigenen
Haus mit andern Rationalitäten auseinanderzusetzen: Kran­ken­­­
häuser werden verstärkt über eine leistungsabhängige Fi­nan­zie­­
rung wie DRGs gesteuert, Banken geraten durch aufgespannte
Rettungsschirme in die «politischen Mühlen». Wie der deutsche
Kunsthistoriker Carl Einstein es formuliert: «Die Logik will immer Eines und bedenkt nicht, dass es viele Logiken gibt.»
Hilfreich für das Verständnis dieser pluralistischen Kontexte
ist das Gespräch mit Prof. Ann Langley: Sie spricht aus, was Be­
obachter pluralistischer Organisationen immer schon ahnten:
Dass diese Organisationen einen Hang zur Trägheit haben und
die rasche Umsetzung von Veränderungen hier besonders riskant ist. Das liegt neben den unterschiedlichen Werten ihrer
Nr. 2 |2015
Mitglieder daran, dass diese Organisationen typischerweise von
der Expertise spezieller Berufsgruppen abhängen und diese
Ex­­perten häufig Autonomie brauchen, um zu funktionieren.
Hin­zu kommen eher fließende, weniger hierarchische Macht­
struk­turen, die eine klare Priorisierung zwischen den Ratio­
nali­täten zusätzlich erschweren. Geradezu ein Parade­beispiel
für die Mühen und die emotionalen Achterbahnfahrten zwischen Politik, Wirtschaft und Verwaltung liefert unser Interview
mit dem Geschäftsführer der Tempelhof Projekt GmbH. BER,
Stuttgart 21 oder die Elbphilharmonie lassen grüßen!
Außerhalb des Schwerpunkts dieser Ausgabe erwartet Sie
eine breite Themenpalette. Unter anderem schildert Hüseyin
Özdemir selbstkritisch die Erfahrungen mit europäischen Organisationsentwicklungsansätzen in China, Joachim Freimuth
und Katjana Pieper bieten eine systemtheoretisch inspirierende Neuinterpretation von Schichtübergaben in der Pharmaund Automobilindustrie und Luise Lohkamp zeigt einfühlsam
und praxisnah Möglichkeiten der Visionsentwicklung.
Wir sind überzeugt, dass diese Ausgabe nicht nur für unsere
Leserinnen und Leser in ausgewiesenen pluralistischen Kontexten eine Fundgrube ist. Zuversichtlich stimmt uns, dass in
vielen Gesprächen im Vorfeld der Umgang mit anderen Rationalitäten, Interessengruppen und Wirklichkeiten als eine mas­
siv zunehmende Herausforderung empfunden wurde. Wie
Kant schon formuliert: Die eigene Freiheit endet immer noch
dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.
Herzlich, Ihr Thomas Schumacher
1
Inhalt |
OrganisationsEntwicklung Nr. 2 |2015 | 34. Jahrgang
43 J. Mlynek & T. Schumacher
Führung in der Spitzenforschung:
«Man muss wirklich überzeugen».
Ein Gespräch mit dem Präsidenten der
Helmholtz-Gemeinschaft über unterschiedliche Rationalitäten
Für Wissenschaftler zählt stets das
beste Argument. Führung im Forschungs­
umfeld stellt daher hohe Anforderun­
gen an die Qualität von Aushandlungs­
prozessen und Kommunikation.
Themenschwerpunkt
Das einzig Wahre?
12
18
31
2
Multirationales Management
Wenn keiner entscheiden will
Vernünfte
«Es braucht einen langen Atem»
Im «Dazwischen»
Ziel: Empathie und Akzeptanz
Raum für Konflikte
Führung in der Spitzenforschung
Vermittler zwischen den Welten
G. W. Steindorf & T. Schumacher
Wenn keiner entscheiden will.
Der ehemalige Flughafen Tempelhof
im Spannungsfeld politischer
Interessen
Die Entwicklung des über 400 Hektar
großen Gebiets stellt die Tempelhof
Projekt GmbH vor allem angesichts der
verschiedenen Stakeholder, die sich in
den Prozess einbringen, vor massive
Herausforderungen und verlangt einen
sensiblen Umgang mit unterschiedli­
chen Interessen.
A. Langley & T. Schumacher
«Es braucht einen langen Atem.»
Ein Gespräch über die Herausfor­
derungen für Change Management
und Führung in pluralistischen
Organisationen
Will man in pluralistischen Organisatio­
nen als Führungskraft etwas bewirken,
braucht man vor allem Geduld und
sollte das Unerwartete erwarten.
R. Bosch & T. Schumacher
Ziel: Empathie und Akzeptanz.
Ein Gespräch mit Netzvorstand
Dr. Roland Bosch über den Umgang
mit verschiedenen Rationalitäten
Als Wirtschaftsunternehmen im Bun­
desbesitz ist die Bahn mit zahlreichen
Logiken konfrontiert, die das Manage­
ment anspruchsvoll machen: von ver­
schiedensten Bürgerinteressen bis
Politik, Verwaltung, Recht und Medien.
Reflexion
Gespräch
4
12
16
18
23
31
35
43
46
Einblick
Management jenseits der eigenen Logik
52 M. J. Eppler
Systematisch umsichtig: Einblicke in
Interessensgruppen
Ein Überblick zu so genannten Stake­
holder Maps, die dabei unterstützen,
die Ziele, Interessen und Logiken ver­
schiedener Anspruchsgruppen bei
einem Vorhaben zu berücksichtigen.
4 J. Rüegg-Stürm, K. Schedler &
T. Schumacher
Multirationales Management. Fünf
Bearbeitungsformen für sich widersprechende Rationalitäten in Organisationen
Organisationen mit mehreren Rationa­
litäten unter einem Dach haben beson­
dere Stärken, stehen aber auch vor
speziellen Herausforderungen. Wie die­
se zusammenspielen und wie sie ihnen
praktisch begegnen können, zeigt der
konzeptionelle Überblicksbeitrag.
16 H. Roehl
Vernünfte. Entscheiden in pluralen
Wirklichkeiten
Eine Reflexion über den Umgang mit
unterschiedlichen Rollen in widersprüch­
lichen Vernunftwelten.
23 J. O. Meissner, P. Wolf & J. Harboe
Im «Dazwischen». Die Reise des
Aktionsforschungsprogramms «CreaLab» durch die Multirationalität der
Hochschulwelt
Wie der Interdisziplinäre Schwerpunkt
der Hochschule Luzern bisher unge­
nutzten sozialen Raum zur Entfaltung
von Innovationen nutzt.
Nr. 2 |2015
62
L. Lohkamp
Die Bedeutung von Visionsarbeit für
Organisationen, Teams und Personen
Beispiele aus dem konkreten Vorgehen
zur Visionserarbeitung auf den ver­
schiedenen Ebenen — von der Organi­
sation bis zur Person — verdeutlichen,
wie die Entwicklung eines attraktiven
Bildes in der Zukunft die Handlungs­
fähigkeit im Hier und Jetzt verbessert.
35
I. K. Schjold & P. Neff
Raum für Konflikte. Wenn bei der Nutzung des öffentlichen Raums verschiedene Logiken aufeinander treffen
Die erfolgreiche Konfliktklärung rund um
den Bau einer neuen Straße illustriert
die Entwicklung zu mehr Mitsprache
der Betroffenen bei Fragen des Zusam­
menlebens.
46
C. Beier
Vermittler zwischen den Welten
Das Beispiel der GIZ zeigt besonders
deutlich das Spannungsfeld der Erwar­
tungen, in dem Organisationen stehen.
Die Organisation bewegt sich seit ihrer
Gründung in völlig unterschiedlichen ge­
sellschaftlichen Subsystemen.
69
H. Özdemir
Als OE-Pioniere in China. Ein Organisationsentwicklungsprozess in einem
deutsch-chinesischen Unternehmen
Offen und selbstkritisch setzt sich der
Autor mit einem mehrjährigen OE-Pro­
zess in China auseinander und beleuch­
tet die Hürden in einem solchen inter­
kulturellen Projekt.
Nr. 2 |2015
77
P. Scamperle & S. Bohn
Die Kompetenz, Veränderungen zu
managen. Wie bei Schaeffler Führungs­
kräfte zu Experten für Change Auf­
gaben werden
Das HR Veränderungsmanagement des
Technologieunternehmens unterstützt
Führungskräfte bei Veränderungspro­
jekten — z. B. durch eine Toolbox, Bera­
tung und Evaluation.
Werkzeugkiste
J. Freimuth & K. Pieper
Schichtübergabe und Kooperation.
Eine systemtheoretische Betrachtung
von Schichtwechseln in vollkontinuierlichen Fertigungen
Die Autoren schildern beobachtete
Mängel bei Schichtübergaben und
erläutern deren Konsequenzen. Ein­
drücklich zeigen sie, was ein Verände­
rungsprozess zur Optimierung dieses
Vorgangs für Effizienz, Effektivität
und Sicherheit der Anlagen bedeutet.
83
M. Haussmann
43. Das Bild als Weg — Strategische
Visualisierung in Veränderungspro­
zessen
Ein Überblick zu Hintergründen, Poten­
zialen und Ausdrucksformen von stra­
tegischer Visualisierung. Bildlandschaf­
ten, welche zentrale Erkenntnisse aus
Veränderungsprojekten bündeln, bieten
eine Reflexionsfläche für ein gemein­
sames Verständnis aller Beteiligten.
Klassiker
54
90
H. Nauheimer
Klassiker der Organisationsforschung
(16): Peter M. Senge. Systemdenken —
Das große Ganze erkennen
Zum 25-jährigen Jubiläum des Erschei­
nens von «Die Fünfte Disziplin» — eines
der Standardwerke für Organisations­
entwickler — lohnt der Blick auf die
Ideen von Peter Senge und das Konzept
der «Lernenden Organisation».
Service
Erfahrung
OrganisationsEntwicklung Nr. 2 |2015 | 34. Jahrgang
95
103
113
114
118
120
| Inhalt
Perspektiven
Bücher
Impressum
Inserate
Veranstaltungen
Kolumne Ortmanns Ordnung:
Institutionen = Organisationen? Eine
Widerrede
Anregungen zu dieser Ausgabe?
Wir freuen uns auf den Dialog!
[email protected]
3