(Musikantenstadl mit Andy Borg - Verstaubt und verwundert

Musikantenstadl mit Andy Borg - Verstaubt und verwundert - Süddeut...
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Medien
27. März 2015, 18:38 Musikantenstadl mit Andy Borg
Verstaubt und verwundert
Andy Borg muss den "Musikantenstadl" nach neun Jahren verlassen, weil er
nicht mehr in das Verjüngungskonzept der Sender passt. Verbittert ist er über
sein Aus nicht. Eher ratlos. Ein Treffen.
Von Claudia Fromme
Der Regen klatscht gegen die Scheiben. Im SB-Restaurant der Raststätte
Lechwiesen Nord an der A 96 pusten Menschen gedankenverloren in ihre
Heißgetränke. Davor föhnen provisorische Abluftrohre warmen Frittiergeruch in den
Eingangsbereich, es wird umgebaut. Plakate werben für das Burgermenü zu 8,99.
"Ganz neu, ganz frisch" steht da.
Andy Borg ist auf der Durchreise. Tags zuvor ist er in der Kundenhalle der
Sparkasse Leverkusen aufgetreten, nachts zurück in sein Dorf bei Passau gefahren,
am Abend singt er in Bad Ragaz auf dem Fest des Schweizer Volksmusikers Stefan
Roos. Er fährt immer selbst mit dem Auto, die Bühnen-Outfits sind im Heck seines
Geländewagens auf einem Besenstiel aufgereiht. "Wo ich auftrete, da gibt es keine
Flughäfen", sagt er und zuckt lachend mit den Schultern. Er trägt Jeans,
Fleecejacke, Turnschuhe. Eine Tasse mit "Früchtezauber" steht vor ihm, neben ihm
sitzt seine Frau Birgit, die ihn immer begleitet.
"Stadl 2.0 ist, als würde man ein brandneues Betriebssystem in
einen Commodore 64 einbauen."
Borg kommt immer von irgendwoher und ist auf dem Weg nach irgendwohin. Er ist
einer der am besten gebuchten Sänger des Schlagers und der Volksmusik, was
auch mit dem Musikantenstadl in der ARD zu tun hat, den er seit 2006 moderiert.
Nun aber hat ihm jemand eine Ausfahrt eingezeichnet, die er so nicht
vorgesehen hatte.
Der Stadl soll jünger werden, Andy Borg, 54, ist nicht jung genug, muss gehen. So
haben das die Sender ORF, BR und SRF entschieden, die Österreicher als
Hauptverantwortliche der Eurovisionssendung, flankiert von den Deutschen und den
Schweizern. Das neue Konzept heißt "Stadl 2.0". Zwei Shows soll Borg noch
moderieren. Die letzte Ende Juni aus Pula in Kroatien - und die vorletzte,
symbolträchtigste am Samstag aus Oberwart in Österreich. Sie steht im Zeichen des
Todes von Karl Moik. Der Gründer des Musikantenstadls ist am Donnerstag mit 76
Jahren gestorben.
Andy Borg ist ein höflicher Mensch, was nicht zwingend damit zu tun hat, dass er in
seiner Jugend, als er noch Adolf Andreas Meyer hieß, einen Benimmkurs absolviert
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hat. Da war er Mechaniker in Wien, hat Schneepflüge für die Stadt repariert, bevor
er Anfang der Achtzigerjahre in einem Talentwettbewerb des ORF als
Schlagersänger entdeckt wurde. Er hat also bislang Fragen zu seinem Rauswurf
brutalstmöglich weggelächelt, seinen drahtigen Frisurhybrid aus Helmut Markwort
und Camilla Parker-Bowles geschüttelt. Heile Welt, darum geht es doch in
der Volksmusik.
Irgendein Senderverantwortlicher hat an diesem verregneten Tag etwas von
"entstauben" im Zusammenhang mit dem Stadl gesagt. "Jetzt bin ich also nicht nur
alt, sondern auch noch verstaubt", sagt Andy Borg. Er klingt nicht bitter, sondern
verwundert, als versuche er zu verstehen, was da gerade passiert. Es sei nicht so,
dass er auf die vier Mal Stadl im Jahr angewiesen sei, wischt er Fragen nach dem
Danach fort. Er habe sein altes Leben immer behalten, Schlagerfeste, Sparkassen,
so etwas. "Ein Segen", sagt seine Frau Birgit. Früher war er 200 Tage im Jahr
unterwegs, für den Stadl hat er die Auftritte ein wenig heruntergefahren. "Aber
natürlich ist es der Gipfel für jeden, eine Samstagabendshow zu moderieren. Wer
anderes behauptet, redet Unsinn."
Aber Stadl 2.0? "Das ist, als würde man ein brandneues Betriebssystem in einen
Commodore 64 einbauen." Das Publikum sei nun einmal älter, das könne man mit
Hauruck nicht ändern.
Stadl 2.0 klingt weniger nach Jugend als nach Senderpanik. Der Rauswurf des
Moderators ist eine Notoperation, der ganze Musikantenstadl steht auf der
Streichliste, 34 Jahre nach der Premiere, die nur einen Monat nach der von Wetten,
dass..? war. Es gibt noch keinen neuen Moderator, offenbar auch noch kein rechtes
Konzept, außer der Idee, dass mehr englischsprachige Lieder eine Rolle spielen
sollen - und auch keine Garantie, dass die Sendung länger als 2015 läuft. Die
Quoten sinken, wie überall im Unterhaltungsfernsehen. Begann Borg 2006 in der
ARD mit mehr als sechs Millionen Zuschauern, sind es heute gut vier. Bei
Deutschland sucht den Superstar bei RTL sind es knapp mehr als vier Millionen, bei
Willkommen bei Carmen Nebel ebenso.
Nebels Vertrag wurde gerade vom ZDF bis 2017 verlängert. Sie ist 58 Jahre alt.
Andy Borg redet mit Wärme über sein Publikum, das im Schnitt 68 Jahre alt und
manchmal selbst zum Schunkeln zu hüftsteif ist. Im Hintergrund schiebt sich gerade
eine Rentnergruppe hinter den Borgs vorbei, sie tragen Jogginghosen, blicken
schüchtern herüber - und gehen weiter. Hinter vorgehaltener Hand höre er von den
Sendern immer wieder, dass das Alter im Musikantenstadl sinken müsse. "Verwirkt
man denn mit zunehmendem Alter das Recht darauf, angemessen unterhalten zu
werden - nachdem man jahrzehntelang brav die monatlichen Rundfunkgebühren
zahlen durfte?" Auch wenn es Junge gebe, die zusehen: "Eine Jugendveranstaltung
kann man daraus nicht so leicht machen."
Die Intendanten reden womöglich lieber über Streaming und Trimedialität, statt sich
beim Thema Volksmusik Gebührenverschwendung vorhalten zu lassen, mit einem
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Programm, das keine Fernsehpreise einfährt und die Jugend sowieso nicht erreicht,
die samstagabends aber vielleicht auch anderes zu tun hat, als sich
Dreiländerschunkeln in der Glotze anzusehen. Andy Borg sagt: "Ich verstehe nicht,
warum manche in den Sendern fast schon Ekel befällt, wenn es um
Volksmusik geht."
Man muss Volksmusik nicht mögen, genauso wenig wie man Death Metal mögen
muss. Man muss auch Andy Borg nicht mögen. Aber wer einmal im Musikantenstadl
gesessen hat, muss zugeben, dass Borg ein guter Entertainer ist, der enorm beliebt
ist beim Publikum. "Das war wie ein Schlag in die Magengrube", beschreibt er seine
Reaktion auf den Rauswurf. Borg wollte den Stadl vor der Rente bewahren, hat
flammende Appelle gegen dessen Absetzung formuliert - und ist selbst aufs Altenteil
geschickt worden. Am Tag, als er es erfuhr, ist er in sein Studio gegangen und hat
zu Tina Turner auf sein Schlagzeug eingedroschen.
Wer im Fernsehen fliegt, gibt seinen Sendern oft Saftiges mit auf den Weg.
Margarethe Schreinemakers oder Waldemar Hartmann haben das getan. Andy Borg
bleibt seltsam höflich. Wer Kritik aber sucht, findet sie. Auf seiner Facebookseite
läuft ein Medley mit Schlagern wie "Nun schlägt die Uhr" vor Urlaubsfotos von Andy
und Birgit. Ein Mitschnitt einer Show steht da, in der sich Borg zur Konservierung in
einen Gefrierschrank stellt. Als der Stadl im Winter tourte, was er jedes Jahr einige
Wochen macht, spickte Borg ihn mit Alterswitzen. "Applaus für die Jugend!", rief er
in München, als Melissa Naschenweng, 23, aus Kärnten mit Spitzentop und enger
Büx die Bühne betrat. Er gestand, dass er eine Lesebrille brauche, vermutete als
Grund, warum sein Nachfolger noch nicht feststand: "Vielleicht ist der noch gar
nicht geboren."
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, was passiert, wenn ein
Moderator aus dem laufenden Betrieb heraus gleich drei Intendanten anpinkelt,
dass sie keine Ahnung hätten von ihrem Publikum.
Beim SRF sagt einer, dass Andy Borg doch sehr ausgeteilt habe. Beim BR sagt
einer, dass er sich Reformen versperrt habe. Beim ORF sagt einer, dass schon viel
zu viel über das Thema geredet worden sei.
Offiziell gibt es kein Wort zu Andy Borg. Man wolle die "bisherigen Zuschauer
weiterhin abholen", bescheiden die Sender, aber müsse auch zur Kenntnis nehmen,
"dass der Musikantenstadl im Laufe der Zeit an Akzeptanz verloren hat". Ziel des
neuen Konzepts sei, den Trend zu stoppen.
Wenn von "Auffrischung" und "inhaltlicher wie personeller Erneuerung" die Rede ist,
fällt es schwer, nicht die Verbindung zum Alter des Moderators zu ziehen. Das ist
wohl auch für Andy Borg einfacher. Soll er sich anhören, dass sein Typ nicht mehr
gefragt ist? Der Wiener Schmäh, die Darbietung des "Königlich Bayerischen
Amtsgerichts" auf der Bühne, die Frisur und der Anzug, die bieder wirken gegen die
Tolle und engen Lederhosen des selbsternannten Volksrock'n'rollers Andreas
Gabalier? Die Frage ist nur, ob das bislang fein dosierte Sexgewürz als Hauptzutat
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funktioniert oder ob mehr englische Lieder mehr junge Leute bringen. Ob ein
Moderator, der immer noch deutlich jünger ist als der Durchschnittsseher, wirklich
ein Klotz am Bein der Erneuerung der TV-Volksmusik ist.
"Ich verstehe nicht, warum manche in den Sendern fast schon Ekel
befällt, wenn es um Volksmusik geht."
Es muss seltsam für Andy Borg anmuten, dass gerade er als Bremse der
Erneuerung gesehen wird, stand er doch mal genau dafür. 2006 löste er Karl Moik
nach bald 25 Jahren ab. Andy Borg sagt über ihn: "Er war für mich ein großes
Vorbild, in dessen Fußstapfen mir vergönnt war, zu treten." Moik verkörperte die
traditionelle Volksmusik, das Alpenglühen, die Dirndlparaden.
Den Sendern wurde sein Musikantenstadl am Ende zu bieder, Borg stand für eine
neue Klangfarbe. Er kommt aus dem Schlager, wie so viele seiner gehandelten
Nachfolger wie Helene Fischer, 30, oder Francine Jordi, 37. Damit hat er eine neue
Note in den Stadl hereingebracht. Er nennt sich: "Schlagerfuzzi". Seine Single
"Adios Amor" von 1982 hat sich bislang 2,5 Millionen Mal verkauft und ist derart
bekannt, dass nach ihr sogar im Kreuzworträtsel der FAZ gefragt wird. Er hat Humor
in die Show gebracht, mehr Nachwuchs und Live-Gesang, eine E-Mail-Adresse für
Zuschauerpost an eine Hütte der TV-Bühne nageln lassen. "Es verletzt mich, wenn
man mich als reformunwillig dastehen lässt", sagt er.
Die Sender erreichen weiter Protestnoten gegen Borgs Absetzung, die
Volksmusikszene ist gut organisiert. Die Gründerin des Andy-Borg-Fanklubs in
Dresden, Karin Witt, sagt erwartungsgemäß: "Es ist eine Sauerei, den
Musikantenstadl sehe ich mir ohne Andy nicht mehr an!" Patrick Lindner sagt: "Ich
bin auch 54 Jahre alt - darf ich jetzt nicht mehr vor die Tür?" Stefanie Hertel, 35,
sagt: "Es hat schon eine gewisse Ironie, dass Andy den ganzen Musikantenstadl
reformiert hat - und nun als alt dasteht." Es sind Solidaritätsadressen von Musikern,
bei denen vielleicht auch eigene Ängste mitschwingen: Braucht man mich noch,
wenn bald alles anders wird?
In der heilen Welt geht es knallhart ums Geschäft. Volksmusik ist ein Millionenmarkt,
den Fernsehpräsenz unglaublich ankurbelt. Wer dort auftritt, hat ausgesorgt - wenn
er denn auf die Gästeliste kommt.
In der Autobahnraste eilt jemand auf die Borgs zu, ein Mann, der seinen Vornamen
auf seine Fleecejacke eingestickt trägt. "Franz" ist der Manager der Oberkrainer
Polka Mädels aus Slowenien, er rastet hier zufällig. Er legt Andy Borg die neue CD
der Combo hin. Der Franz weiß, dass der Andy es nicht mehr lange macht beim
Stadl, aber es sind noch zwei Shows, und wer weiß, vielleicht macht er bald etwas
Eigenes und braucht die Mädels? Borg nickt freundlich. Franz klopft ihm auf
die Schulter.
Die Borgs stehen auf, knapp zwei Stunden dauert die Fahrt bis Bad Ragaz, Andy
Borg tritt um 22.30 Uhr auf, als Hauptakt. Sie verlassen die Raste, gehen an einem
Postkartenständer vorbei. Darin die übliche Klamaukprosa. "Wir sind hier auf der
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Arbeit und nicht auf der Flucht", so etwas. Und eine Karte, auf der eine alte Frau mit
Strickzeug milde lächelt. In Schreibschrift steht darauf: "Einen Scheiß muss ich!"
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