Skript PDF - Technik gegen Terror

Deutschlandfunk – Forschung Aktuell
Technik gegen Terror
Attentäter im Flugzeug
Autor:
Länge:
Sendedatum:
Redakteur:
Gesprächspartner:
Ralf Krauter
6’50’’
März 2017
Uli Blumenthal
Christian Evers
Senior Director, Rohde & Schwarz, München
Experte für Mikro- und Millimeterwellen
Dr. Athanasios Karamalis
Leiter Softwarenentwicklung QPS
Moderation
An Weihnachten 2009 sorgte ein Nigerianer namens Umar Farouk Abdulmutallab für
Wirbel. Er bestieg in Amsterdam einen Flieger nach Detroit und versuchte, ihn im
Landeanflug in die Luft zu jagen - mit einem Sprengsatz, den er in seiner Unterhose
durch die Sicherheitskontrollen geschmuggelt hatte1. Das Attentat misslang, die
Bombe explodierte nicht. Doch seit der Aktion des ‚Unterhosenbombers‘ wurden an
Flughäfen weltweit tausende Körperscanner installiert, die den Passagieren unter die
Kleidung schauen können und verborgene Waffen und Sprengstoffe aufspüren. Die
neueste Körperscanner-Generation, die eben an den Flughäfen aufgebaut wird,
stammt vom Münchner Elektronikkonzern Rohde & Schwarz. Das
Bundesforschungsministerium hat die Entwicklung im Rahmen der Initiative
‚Forschung für die zivile Sicherheit‘ jahrelang gefördert. Ralf Krauter berichtet.
1
DermissglückteAnschlagdesUnterhosen-Bombersam25.Dezember2009:
http://www.nytimes.com/2009/12/26/us/26plane.html?_r=0
Beitrag
Autor
Mit den kabinenartigen Körperscannern, die Vielflieger längst kennen, hat das
neue Gerät von Rohde & Schwarz äußerlich wenig gemein. Der Quick
Personal Scanner, kurz QPS, versperrt den Weg durch die
Sicherheitsschleuse nicht, sondern flankiert ihn mit zwei grau-blauen Panelen
vom Format hochkant stehender Tischtennisplatten. In ihrer Mitte muss sich
der Reisende zur Seite drehen und kurz in einer Pose verharren, die ein wenig
an John Wayne erinnert: Breitbeinig und mit leicht abgespreizten Armen.
Zuspiel 1: O-Ton Evers, TRACK 1453, 02:40 – 03:00, 15s
Jetzt beschreiben wir einfach mal das, was unser Passagier gerade tut: Er hat
eine Positur eingenommen, die aus unserer Sicht eben sehr freundlich ist.
Autor
Christian Evers ist Senior Director bei Rohde & Schwarz und für die
Entwicklung des Körperscanners verantwortlich. Im Demonstrationszentrum
des Elektronikkonzerns am Münchner Ostbahnhof mimt einer seiner
Mitarbeiter einen Reisenden, ein anderer den Luftsicherheitsassistenten, der
auf ein Touchscreen-Panel drückt, um den Sicherheitscheck zu starten.
Zuspiel 2: O-Ton Evers, 04:15 – 05:00, 25s
Es gibt eine Vorauswahl für einen männlichen oder eben einen weiblichen
Passagier. Das machen wir jetzt mal. Pieps… Sowie der Ton erfolgt ist, ist der
Scan durchgeführt. Er dauert nur wenige Millisekunden, was dazu führt, dass
die Aufnahme nicht verwackelt wird.
Autor
Nach wenigen Sekunden erscheint auf dem Monitor das Wort ‚Pass‘: Der
Fluggast darf passieren: Die Reflexionen der Millimeterwellen, die seine
Kleidung durchdrungen und ihn bis auf die Haut abgetastet haben, lieferten
keine Hinweise auf am Körper verborgene Gegenstände. Vor dem zweiten
Durchlauf steckt sich der Mann einen kleinen Plastikbeutel in die rechte
Hosentasche. Sein Inhalt: Ein granulares Sprengstoffimitat. Außerdem klemmt
er sich unterm Hemd eine Pistole in den Gürtelbund.
Zuspiel 3: O-Ton Evers, 06:30 – 07:10, 35s
Wir führen das Ganze jetzt nochmal durch. Pieps… Das charakteristische
Piepen ist erfolgt, das Gerät analysiert es in wenigen Sekunden. Und wir
sehen jetzt einen geschlechtslosen Avatar abgebildet, die Vorder- und die
Rückseite. Und über der vermeintlich rechten Hosentasche befindet sich eben
ein Alarmsignal. Das ist das Granulat, das gefunden wurde. Und auf dem
Rücken ist – auch mit einer Grobkontur versehen – der Umriss der Waffe zu
finden.
Autor
Am Flughafen würde ein Kontrolleur den Mann nun zur Seite winken und die
auffälligen Bereiche abtasten.
Verglichen mit den Körperscannern des Marktführers L3 Communications2 aus
den USA bietet der Millimeterwellen-Detektor aus München drei Vorteile3.
Erstens: Die Passagiere müssen die Arme nicht mehr über den Kopf heben,
wie bei einer Verhaftung. Zweitens: Das Gerät arbeitet vollelektronisch, ohne
rotierende Antenne, und muss deshalb seltener gewartet werden. Drittens: Da
in den Panelen je 3008 Radarsensoren stecken, die Millimeterwellen 128
verschiedener Frequenzen aussenden, wird ein Vielfaches an Rohdaten
gewonnen. Dank cleverer Auswertealgorithmen hilft das, die Erkennungsrate
zu steigern und die Fehlalarmrate zu drücken.
Zuspiel 4: O-Ton Evers, 14:40 – 15:05, 20s
Es ist so, dass wir Software-Versionen haben, die eben in der so genannten
Labor-Fehlalarmrate, wo sich die Probanden eben genau an die Anweisung
halten, auf einstellige Fehlalarmraten kommen.
Autor
Verglichen zu den Anfängen im Jahr 2011, wo die damaligen L3-Geräte bei
einem Testlauf in Hamburg noch bei 7 von 10 Passagieren Alarm schlugen4,
sind das enorme Fortschritte. Möglich wurden sie durch Deep Learning, durch
sich selbst optimierende Algorithmen also, die mit reichlich Rohdaten von
harmlosen und gefährlichen Passagieren gefüttert wurden, erklärt Dr.
Athanasios Karamalis, der für die Softwareentwicklung verantwortlich war.
Zuspiel 5: O-Ton Karamalis, 30:25 – 30:55, 30s
Wir haben das System in den Werken aufgestellt und einfach mal die
Belegschaft gebeten, durch das System zu gehen. Danach haben wir hier im
Labor eine große Messreihe durchgeführt mit unterschiedlichen Objekten. Das
Ganze wurde dann unserer Software übergeben, damit diese maschinell also
vollautomatisch lernt: Wie sieht denn ein normaler Mensch aus? Wie sieht
denn ein verdächtiges Objekt unter der Kleidung aus?
2
KörperscannerProVision2vonL3-Communications:http://www.sds.l-3com.com/advancedimaging/provision2.htm
3
BeschreibungdesKörperscannersQPS200vonRohde&Schwarz:https://cdn.rohdeschwarz.com/magazine/pdfs_1/article/216/german_13/FirstSpirit_1481140193631NEWS_216__QPS_german.
pdf
4
DieRückkehrderKörperscanner:BundespolizeiplantweiterenEinsatzandeutschenFlughäfen:
http://www.deutschlandfunk.de/die-rueckkehr-der-koerperscanner.676.de.html?dram:article_id=226271
Autor
Vereinfacht gesagt, schlägt das System immer dann Alarm, wenn sich
irgendwo am Körper etwas befindet, was dort - anatomisch betrachtet - nicht
hingehört: Sei es ein Taschentuch in der Hosentasche, ein Banknotenbündel
im Büstenhalter oder ein Päckchen Plastiksprengstoff in der Unterhose.
Nach ausgiebigen Tests, auch bei der Forschungs- und Erprobungsstelle der
Bundespolizei in Lübeck5, hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière im
August 2016 300 Geräte6 bestellt - genug, um praktisch alle Kontrollspuren an
deutschen Flughäfen zu bestücken. Bei knapp 200 000 Euro Stückpreis plus
Zubehör und Service dürfte sich der dreijährige Rahmenvertrag auf rund 100
Millionen Euro summieren. Selbst für einen Konzern wie Rohde & Schwarz ist
das ein ziemlich großer Fisch. Dass man den nun am Haken habe, sagt
Christian Evers, verdanke man teils auch dem Bundesforschungsministerium.
Zuspiel 6: O-Ton Evers, 00:20 – 00:40, 20s
Das BMBF hat ganz entscheidend dazu beigetragen, dass wir in die Lage
versetzt wurden, mit entsprechender Aufbereitung der ganzen
Grundlagenforschung, dann eben ein Produkt zu machen.
Autor
TERATOM7 und QPASS8 - so hießen die Verbundprojekte, die den Weg
wiesen. Das Bundesforschungsministerium förderte sie von 2007 bis 2012 mit
Millionen: mit dem Ziel, deutsche Firmen mittelfristig in die Lage zu versetzen,
den US-Vorreitern der Technologie Konkurrenz zu machen. Offensichtlich mit
Erfolg. Ohne die Perspektive der beteiligten Partner, zu denen neben
Hochfrequenztechnikern der Uni Erlangen-Nürnberg und Experten der
Bundespolizei auch Ethiker aus Tübingen gehörten, hätten die Ingenieure
wohl an den Bedürfnissen des Marktes vorbei entwickelt, sagt Christian Evers.
Zuspiel 7: O-Ton Evers, 02:20 – 03:00, 20s
Es ist eben nicht überall gewünscht, dass die Damen vor dem
Kontrollpersonal die Hände heben und vielleicht dann noch Körperdrehungen
vollführen müssen. Das sind No-Gos. Das sind am Anfang extrem
richtungsbestimmende Dinge, die hier festgelegt werden.
5
WieKörperscannergetestetwerden:BesuchbeiderForschungs-undErprobungsstellederBundespolizeiin
Lübeck:http://www.deutschlandfunk.de/koerperscanner-im-test.676.de.html?dram:article_id=233728
6
BundesinnenministeriumerteiltRohde&SchwarzGroßauftragfürKörperscanner:https://www.rohdeschwarz.com/de/news-und-presse/pressebereich/pressemitteilungen-detailseiten/rohde-schwarz-erhaeltgrossauftrag-fuer-koerperscanner-vom-bundesministerium-des-innern-pressemitteilungen-detailseite_229356314944.html
7
BMBF-ProjektTeraTom:HochauflösendeTerahertz-TomographiefürSicherheitsanwendungen:
http://www.sifo.de/de/teratom-hochaufloesende-terahertz-tomographie-fuer-sicherheitsanwendungen1852.html
8
BMBF-ProjektQPASS:QuickPersonalAutomaticSafeScreening:http://www.sifo.de/de/qpass-quickpersonnel-automatic-safe-screening-1847.html
Autor
Branchenanalysten prognostizieren9, dass der Markt für Körperscanner an
Flughäfen aufgrund der gewachsenen Terrorgefahr bis 2021 auf über 100
Millionen Euro anwachsen wird. Bei Rohde & Schwarz möchte man, ein Stück
vom Kuchen abbekommen. In Japan, Brasilien und Katar gab es bereits
Testinstallationen und man hofft auf weitere Großaufträge.
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AirportFullBodyScannerMarketAnalysis:http://www.marketsandmarkets.com/PressReleases/bodyscanners.asp