Deutsche Mittelstands Nachrichten

Ausgabe 07
17. Februar 2017
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Globalisierung
Welthandel: Problem liegt nicht bei Trump, sondern in China
China und die globalen Konzerne haben dafür gesorgt, dass keine Arbeitsplätze in den Industriestaaten mehr entstehen
D
er freie Welthandel ist angeblich
von Donald Trump bedroht. Das ist
eine Verklärung von Vergangenheit und
Gegenwart der Globalisierung. Denn der
freie Welthandel ist bereits durch die Handelspraktiken Chinas und global tätiger
Konzerne sowie durch die Reaktionsarmut der USA und der Europäischen Union ausgehöhlt.
Die hypnotische Fixierung auf alle
Aktionen und Tweets des neuen amerikanischen Präsidenten verhindert eine
rationale Diskussion der wirklichen Probleme der Weltwirtschaft. Trump wird als
Bedrohung für den freien Welthandel aufgefasst. Selbst Chinas Staats- und Parteiführer kann sich demgegenüber als dessen
Advokat und Garant anpreisen. Die Wahrheit ist eine andere: Globalisierung und
Welthandel sind bereits vor der Ankunft
von Präsident Trump entgleist. Die entsprechenden Abkommen – NAFTA, WTO,
heute auch TTIP und TPP – waren bzw. sind
Export- und Investitionsquoten China 1980-2015.
Quelle: National Bureau of Statistics, eigene Berechnungen
fehlkonzipiert. In der Praxis hat Chinas Politik die Substanz und den Inhalt der WTO
und des internationalen Währungssystems ausgehöhlt und in eine existentielle
Krise gestürzt.
Die Angst vor einer protektionistischen Wende im Amerika von Donald
Trump treibt seltsame, ja absurde Blüten.
Eine Empfehlung ist, sich auf China zu
fokussieren oder sich mit China zu verbünden. Der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping hat beim WEF-Forum
in Davos geschickt auf dieser Melodie
gespielt. Eine genaue Analyse zeigt, dass
China protektionistisch operiert und die
Vereinigten Staaten und Europa dramatisch und irreversibel schädigt. In Zukunft
noch viel mehr als in der Vergangenheit.
Nicht böse Absicht, sondern eine schwere
Systemkrise im eigenen Land treibt dabei
die chinesische Führung an.
China ist innerhalb einer Generation
von der Autarkie zum größten Akteur im
Welthandel aufgestiegen. Dies war mit historisch einmaligen Wachstumsraten des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) verbunden.
Seit den frühen 1980er Jahren ist gemäß
den offiziellen BIP-Zahlen die Wirtschaft
um jährlich durchschnittlich 10 Prozent
gewachsen. In den vergangen Jahren hat
Analyse
Europa zeigt ein starkes Gefälle nationaler Mindestlöhne
Am 1. Januar 2017 gab es in 22 der 28
Mitgliedstaaten der Europäischen Union
(EU) nationale Mindestlöhne. Nur in Dänemark, Italien, Zypern, Österreich, Finnland und Schweden gibt es keine derartige Regelung. Das sind die Ergebnisse
einer neuen Studie des Europäischen
Statistikamtes.
Im Vergleich dazu lag der auf Bundesebene geltende Mindestlohn in den
Vereinigten Staaten im Januar 2017 bei
1.192 Euro pro Monat.
In den betreffenden 22 Mitgliedstaaten reichen die Mindestlöhne von unter
300 Euro pro Monat in Bulgarien (235
Euro) sowie in Rumänien (275 Euro) bis
knapp unter 2.000 Euro monatlich in
Luxemburg (1.999). Anders ausgedrückt
ist der höchste Mindestlohn in der EU
etwa 9-mal so hoch.
Die Unterschiede zwischen den Mindestlöhnen in den Mitgliedstaaten der
EU sind jedoch erheblich geringer, wenn
Preisniveauunterschiede beseitigt werden: Die Mindestlöhne in den Mitgliedstaaten mit relativ niedrigeren Preisniveaus werden vergleichsweise höher,
wenn sie in Kaufkraftstandards (KKS)
ausgedrückt werden. Umgekehrt werden
die Mindestlöhne in den Mitgliedstaaten
mit höheren Preisen dann relativ gesehen niedriger.
Mindestlöhne können auch in Relation zu einer anderen Größe gemessen
werden, nämlich als prozentualer Anteil
an den monatlichen Bruttomedianverdiensten. Im Jahr 2014 lagen in nur drei
der betreffenden Mitgliedstaaten die
Mindestlöhne über 60 Prozent der monatlichen Bruttomedianverdienste: in
Portugal (64 Prozent), Frankreich und
Slowenien (je 62 Prozent). In sieben Mitgliedstaaten waren die Mindestlöhne
dagegen weniger als halb so hoch wie die
Medianverdienste.
Der in Euro ausgedrückte Mindestlohn war im Jahr 2017 in jedem Mitgliedstaat, in dem es einen nationalen Mindestlohn gibt, höher als im Jahr 2008.
Einzige Ausnahme war Griechenland,
wo er um 14 Prozent fiel. Zwischen 2008
und 2017 haben sich die Mindestlöhne
in Bulgarien und Rumänien verdoppelt.
Zudem verzeichneten auch die Slowakei
(+80 Prozent) sowie die drei baltischen
EU-Mitgliedstaaten ebenfalls deutliche
Zuwächse.
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sich diesen Zahlen zufolge allerdings das
Wachstumstempo verlangsamt – auf immer noch spektakuläre 7 Prozent pro Jahr.
Ohne Anspruch von Vollständigkeit lässt
sich folgendes über Chinas Rolle in der
Weltwirtschaft formulieren:
China hat essentiell von 1978 an das
Wachstumsmodell Japans und Koreas repliziert. Es hat eine starke Fokussierung auf
den Außenhandel mit einer Abschottung
oder nur Partialöffnung des Binnenmarktes verbunden, aber mit wichtigen Modifikationen gegenüber Japan und Korea.
Das Modell war exportorientiert, wobei
zunächst die an den Küsten gelegenen
Sonderwirtschaftszonen herausragende
Bedeutung hatten. China offerierte sich
dort als Plattform für ausländische Firmen
mit speziellen rechtlichen, regulatorischen und steuerlichen Freiheiten und immensen Subventionen. Der Aufbau dieser
Exportindustrie beruhte auf dem Import
von Kapital, Technologie, Management
Know-how und auf billiger einheimischer
Arbeitskraft, welche vom Land in die Städte strömte, sowie auf Subventionen aller
Art. Im Unterschied zu Japan und Korea
waren also ausländische Unternehmen,
typischerweise Multinationale, die ExportPromotoren Chinas. Sie standen von Beginn der Öffnung in enger Integration mit
dem Weltmarkt, importierten Rohstoffe
und Halbfabrikate aus dem Ausland und
exportierten die Fertigprodukte wieder ins
Ausland. Deshalb wird die Handelsbilanz
von den Zollbehörden Chinas bis heute in
US-Dollar erhoben und ausgewiesen. Der
Inlandabsatz war diesen Multinationalen
dagegen lange verwehrt – und wenn nicht,
dann mit Umwegen verbunden. In Japan
und Korea standen dagegen große, typischerweise familienbeherrschte inländische Konglomerate an der Spitze der Exportentwicklung.
Neben den Exportsektor spielten die
Investitionen eine herausragende Rolle.
Bei der Urbanisierung, dem Bau von Städten, Agglomerationen, Infrastrukturen,
Verkehrsnetzen, Kraftwerken, Übertragungsleitungen und dem Wohnungsbau
waren die staatlichen Unternehmen federführend.
Für die Erschließung des chinesischen
Binnenmarktes mussten sich die ausländischen Unternehmen im Unterschied zur
Exportindustrie erheblichen Restriktio-
nen unterwerfen. Der Zugang zu diesem
zahlenmäßig und potentiell auch ökonomisch größten Markt der Welt war von
Beginn an mit starken Einschränkungen
verbunden: Importe wurden erschwert,
quantitativ begrenzt, durch Zölle verteuert
oder verboten. In aller Regel mussten die
ausländischen Investoren Joint Ventures
(JV) mit einheimischen Unternehmen vor
Ort eingehen. Diese waren oft oder zumeist staatlich und Mehrheitsaktionäre
der JV. Die operative Führung wurde den
ausländischen Unternehmen überlassen.
Über diese Joint Ventures sollte es einen
Technologietransfer vor allem in Sektoren geben, welche als strategisch wichtig
für die Entwicklung angesehen wurden.
Die Einschätzung, was strategisch wichtig
sei, konnte über die Zeit hinweg auch variieren. Die ausländischen Unternehmen
begnügten sich deshalb häufig damit, alte
Technik in diese JVs einzubringen. Insgesamt war aber auch dieser Technologietransfer erfolgreich.
Das moderne China seit der Öffnung
durch Deng Xiaoping 1978 hat also als Besonderheit eine im Grundsatz dualistische
Struktur der Wirtschaft entwickelt: China
kombiniert Exportpromotion mit Importsubstitution. Einer Exportpromotion zunächst vor allem für ausländische Unternehmen steht ein staatlich beherrschter
oder wenigstens regulatorisch strikt kontrollierter Binnensektor gegenüber, der
von ausländischer Konkurrenz abgeschottet ist und der durch einen erzwungenen
Technologietransfer in Joint Ventures
modernisiert werden soll. Natürlich ist
das überzeichnet, aber die Grundtendenz
entspricht diesem Muster – und zwar bis
heute.
Von diesem Grundmuster treten Abweichungen und Modifikationen auf. Wo
die Regierung keine Prioritäten für die
einheimische Fertigung identifiziert, können ausländische Anbieter auch als Exporteure diesen Markt erschließen, ohne
speziell behindert zu werden. Auch Konsumentenpräferenzen können dafür sorgen,
dass ausländische Firmen keine Nachteile
erleiden. Viele Unternehmen werden sich
dennoch davon überzeugen, dass eine lokale Präsenz vor Ort vorteilhaft ist, um die
Marktnähe in diesem Riesenmarkt ausnutzen und um allenfalls die Lieferketten
optimieren zu können. Umgekehrt tritt
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der Staat zunehmend und bewusst auch
selber als Exportpromoter auf. In französischer Weise werden nationale Champions, die aus der Binnenwirtschaft hervorgegangen sind, als Weltmarkt-Teilnehmer
oder sogar -Führer etabliert – teilweise
auch durch Zwangsfusionen. In der Zukunft sollen so sogar ganze Industrien an
die Weltspitze katapultiert werden. Dabei
akquirieren staatliche Unternehmen auch
gezielt ausländische Unternehmen mit
Spitzentechnologie in Zukunftsbranchen
oder mit starker Marktstellung.
Im Falle Chinas ist die Rolle des Staates im ökonomischen Modernisierungsprozess immer noch überragend. Dies
hat seine Wurzeln in der Geschichte, als
die zentrale kaiserliche Bürokratie während Jahrtausenden für den Wasserbau
und damit die Verteilung der Ressourcen
für die Landwirtschaft zentral war. Das
maoistische Erbe hat die herausragende
Bedeutung des Staates noch gesteigert.
Mao baute auf dem stalinistischen Industrialisierungsmodell auf und verstaatlichte
oder kollektivierte allen Privatbesitz. Mindestens solange die kommunistische Partei in China an der Macht ist, wird in China
ein grundsätzlich anderes Verständnis der
Rolle des Staates als etwa in Westeuropa
oder in den Vereinigten Staaten dominieren – mit Konsequenzen für Außenhandel
und für die Währungspolitik. Und es nicht
verwunderlich, dass die Parteiführung in
Zeiten der Krise, deren Zeichen sich mehren, auf traditionell dirigistische Konzepte
setzt.
Während der ganzen Periode seit
Machtergreifung der Kommunistischen
Partei traten Spannungen und dramatische Richtungswechsel zwischen der Zentrale und den Lokal- oder Provinzbehörden
auf. Sie sind heute nicht entfernt mehr so
gewalttägig wie in der maoistischen Periode, aber in ihrer Bedeutung gerade für
den Welthandel nicht zu unterschätzen.
In dieser kurzen Zusammenfassung ist es
unmöglich, darauf vertieft einzugehen.
Sie sollen lediglich kursorisch erwähnt
werden.
Chinas Wirtschaftsentwicklung seit
der Öffnung von 1978 hat verschiedene Perioden mit ganz unterschiedlichen
Charakteristiken, Schwerpunkten und
Zielsetzungen der Politik durchgemacht.
Entsprechend unterschiedlich fallen in
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der wissenschaftlichen Literatur die Peri- lokalen Behörden wurden viele staatliche das Outsourcing aus den Industrieländern
odisierungen aus. Für den Außenhandel Unternehmen entweder privatisiert und begünstigten. Diese Exportsubventionen
gibt es eine ganz klare Zäsur, die mit Chi- restrukturiert oder geschlossen. Die Ban- widersprachen dem Inhalt des WTO-Abnas Eintritt in die WTO im Dezember 2001 ken wurden der faulen Kredite entledigt, kommens. Sie sind am Beispiel von Apple
verbunden ist. In den beiden Jahrzehnten indem sie in spezielle Giftmüll-Gefäße dokumentiert worden. Die zentrale Rolle
am Ende des 20. Jahrhunderts war die transferiert wurden. Innerhalb weniger ausländischer Multinationaler beim ExTrennung zwischen Exportsektor und Jahre wurden rund 50 Millionen Beschäf- port geht aus der folgenden Grafik deutBinnenmarkt strikt. Die Binnenwirtschaft tigte freigesetzt. Aufgrund dieser Restruk- lich hervor:
Zu den Sektoren, welche sofort und
war von staatlichen Unternehmen be- turierungen – Schließung unrentabler Bestimmt, wobei bis Mitte der 1990er Jahre triebe und Massenentlassungen – ergaben beschleunigt in den 2000er Jahren die
die Lokalbehörden häufig Eigentümer wa- sich schon ab 1996 erhöhte Produktivitäts- Produktion nach China verlagerten, gehörte vor allem die amerikanische Technoloren. Das Wachstumsmodell war extensiv, gewinne.
Vom Ausland her repräsentiert jedoch gie-Industrie: Computer, Peripheriegeräte,
die Zunahme des BIP wurde weitgehend
durch die Beschäftigungsexpansion und der WTO-Beitritt im Jahr 2001 die wirkli- Bildschirme, Halbleiter, Audio- und Videodurch den begleitenden Aufbau des Ka- che Zäsur. Dies gilt vor allem für die Ver- ausrüstung, Telefonie-, Mobil- und zuletzt
pitalstocks getragen. Das Produktivitäts- einigten Staaten. Zwar gewährten die USA Smartphones, Netzwerk- und Übertrawachstum und die Zunahme der Reallöh- schon ab 1995 China den Status der Meist- gungstechnik. Dadurch gingen Millionen
ne waren noch niedrig. Im Prinzip wurden begünstigung, d.h. der niedrigsten Zolltari- von Jobs in den USA verloren beziehungsdamit die Grundlagen des nachfolgenden fe. Doch dieser Status musste Jahr für Jahr weise entstanden dort gar nicht. Heute
vom Kongress bewilligt und verlängert fehlen dieser Industrie die Lieferketten in
Wachstumsprozesses geschaffen.
Die zweite Periode startete um die werden. Dies war eine unsichere Sache, den USA. Viele Produkte werden gar nicht
Jahrtausendwende und dauert bis heute weil im Kongress aus politischen Gründen mehr hergestellt. Das Land, welches in
an. Wichtigster Wendepunkt war der WTO- erhebliche Vorbehalte gegenüber China Forschung und Entwicklung führend bzw.
Eintritt Chinas im Dezember 2001. Dieser bestanden. Erst der WTO-Beitritt schuf absolut dominant ist, hat beschäftigungsEintritt löste einen Export- und Investiti- die endgültige Sicherheit. Von diesem mäßig relativ wenig davon. Dafür ist China
Zeitpunkt an explodierten die Direktin- der wichtigste Arbeitgeber dieser Industonsboom ohnegleichen aus.
Aus der Grafik geht deutlich hervor, vestitionen amerikanischer und anderer rie.
Am Beispiel von Apple wurde verdass Chinas Exporte und Importe geradezu ausländischer Unternehmen in China. Das
explodierten. Dabei erwirtschaftete China WTO-Abkommen schrieb einen massiven sucht aufzuzeigen, welche push- und pullerstmals auch massive und systematische Zollabbau vor, aber auch vor allem eine Faktoren zu dieser verzerrten Entwicklung
Überschüsse in der Handelsbilanz. Sie sind Rechtssicherheit für die ausländischen beigetragen haben: Zuvorderst der amegemäß den chinesischen Zollangaben auf Unternehmen. In der Praxis kamen dann rikanische Steuerkodex, der die Produktions-Auslagerung
begüns500 Milliarden Dollars angetigt, dann die teils enormen
stiegen, dürften in der Realität
Exportsubventionen
durch
aber höher sein. (gelbe Balken)
China auf Stadt-, Provinz und
Manche Beobachter seLandesebene. Dazu gehören
hen den Startschuss zur MoLand, das gratis oder zu symdernisierung bereits Mitte der
bolischen Preisen überlassen
1990er Jahre. Unter dem ‚Wirtwird; Steuerbefreiungen für
schaftszar‘ und späteren MiGewinn-, Import- und Mehrnisterpräsidenten Zhu Rongji
wertsteuern sowie Beihilfe zur
wurde der Wildwuchs der
globalen Steueroptimierung;
staatlichen Unternehmen aus
staatliche Eigen- und Fremdden 1980er und frühen 1990er
kapital-Beiträge sowie InfraJahre erfolgreich bereinigt. Die
strukturhilfen; ein industrielZentrale übernahm die Macht,
les Arbeitsheer, das durch den
die lokalen Behörden wurden
Staat für firmenspezifische
über die Finanzpolitik gezüZwecke trainiert, und durch
gelt. Die lokalen Körperschafrepressive, diskriminierende
ten mussten ausgeglichene
(Wanderarbeiter) und teilweiHaushalte erwirtschaften, sie
Exportwerte der ausländisch finanzierten Unternehmen.
se sklavenähnliche Praktiken
konnten nicht mehr wie in
Quelle: National Bureau of Statistics
diszipliniert wird. Apple ist
der Vergangenheit defizitäre
das Symbol dieser Entwicköffentliche Betriebe aufrechterhalten. Durch den Kreditstopp der Ban- Exportsubventionen Chinas für die inves- lung, aber keineswegs allein oder besonken und die Haushalt-Disziplinierung der tierenden Unternehmen hinzu, welche ders hervorstechend.
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Die zweite große Industrie, die Hunderttausende von Jobs in den USA wie in
Westeuropa verlor, ist die Textil-, Bekleidungs-, Schuh- und Lederindustrie. Auch
sie wurde im großen Stil nach China verlagert. Intuitiv würde man dies als normal
empfinden. Doch auch diese Leichtindustrien Chinas profitierten von denselben
Faktoren wie die Technologie-Branche.
Ihr Aufbau wurde von China extrem unterstützt, weil das zeitgleiche Auslaufen
des Multifaser-Abkommens im Jahr 2005
der Textil- und Bekleidungsindustrie ein
enormes Wachstumspotential verlieh.
Alle Mengen- und Zollbeschränkungen für
Importe aus Schwellenländern nach den
USA oder nach Westeuropa wurden damit
abgeschafft – auch für Schuhe und Lederwaren. China schuf denn auch spezialisierte Sonderwirtschaftszonen für die Textil-,
Bekleidungs- und Schuhindustrie, wo den
international tätigen Unternehmen dieses Sektors großzügige Unterstützung gewährt wurde.
Über diese beiden Branchen lagerten
ein breites Spektrum von Industrien ihre
Produktion nach China aus: Elektroindustrie, Metallwaren, elektrische Haushalt- bis
hin zu HiFi-Geräten und Fernsehen, Möbel, Inneneinrichtungen und viele andere
mehr.
Auffällig an der Grafik der Exportwerte ist, dass der Anteil der Unternehmen
mit ausländischer Beteiligung zunächst
auf rund 60 Prozent aller Exporte Chinas
anstieg. Diese Aktivität der ausländisch
beherrschten Unternehmen verlangsamte sich allerdings und stagnierte ab 2008,
während chinesische Unternehmen, meist
Staatsunternehmen, die Exporttätigkeit
praktisch ungebremst weiter ausdehnten
und heute fast 60 Prozent aller Exporte tätigen. Die Qualität dieser Daten ist
schwierig zu beurteilen. So ist fraglich, ob
die iPhone-Lieferungen von Apple aus den
speziellen Zollzonen effektiv korrekt erfasst sind. Was aber daraus hervorgeht, ist
das starke Wachstum der Lieferungen von
chinesischen Unternehmen.
Zhu Rongji war es auch gewesen, der
auf chinesischer Seite den Beitritt Chinas
zur WTO forcierte, in mühsamen Verhandlungen vor allem mit den USA, aber auch
mit erheblichen Widerständen in China
selbst. Im Rückblick wurde China zur WTO
überhastet und unter viel geringeren Auf-
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lagen und vor allem Kontrollmechanis- deepening). Aufgrund der Produktivitätsmen zugelassen. Das Land versprach das, zuwächse und der Zunahme der Beschäftiwas die andere Seite hören wollte, änder- gung hin zur Vollbeschäftigung begannen
te seine Handelspraktiken in der Realität die Reallöhne seit der Jahrtausendwende
aber nur zäh oder gar nicht. Kern des WTO- zu steigen. Damit wurde auch der private
Beitritts Chinas waren die Elemente des Konsum stimuliert. Es entstand eine groWashington Konsensus. China mit seinem ße, kaufkräftige Mittelklasse. Sichtbarster
Staatskapitalismus hat sich nicht etwa in Ausdruck waren die Zunahme des privaten
diese Richtung bewegt. China hielt viel- Wohnungsbesitzes, der Automobildichte
mehr an seiner Politik der Importsubstitu- sowie die Gewährung von Ferien, die auch
zu Auslandreisen und zum inländischen
tion fest.
Der WTO-Eintritt bedeutete aber auch Tourismus führten. In den Städten ist heufür die Binnenwirtschaft eine Zäsur. Denn te die Mehrzahl der Einwohner im Besitz
viele bisherige Praktiken wurden damit für der Wohnung. Die rechtlichen Grundlagen
nicht WTO-konform erklärt. Viele Gesetze, des Privateigentums an Wohnungen waVorschriften und Verordnungen mussten ren 1998 geschaffen worden. Vorher gab es
abgeschafft, angepasst oder ersetzt wer- praktisch nur staatlich gebaute Mietwohden. Die diesbezüglichen Voraussetzun- nungen.
Als Beispiel für das veränderte Kongen waren teilweise bereits vorausgehend
oder begleitend geschaffen worden. Damit sumverhalten, aber auch für die Praktiken
verbunden war eine Privatisierung bisher in der Binnenwirtschaft, sei hier der Autostaatlicher Unternehmen. Der Anteil des mobilbau angeführt. Die Fahrzeugprodukstaatlichen Sektors an Wertschöpfung und tion war einer der klassischen geschützten
Beschäftigung ging deutlich zurück. Er fiel Sektoren der chinesischen Wirtschaft mit
gemäß offiziellen Zahlen von 70 Prozent Importzöllen von 80 bis 100 Prozent. Bis
auf rund 30-40 Prozent heute. Genaue zum WTO-Beitritt war seine Bedeutung
Zahlen sind nicht erhältlich, weil hinter aber sehr gering. Seit dem WTO-Beitritt ist
vielen scheinbar privaten Unternehmen in der Fahrzeugbau direkt und indirekt zu eiletzter Instanz gleichwohl der Staat als ulti- ner der wichtigsten verarbeitenden Indusmativer Eigner und Kontrolleur steht. Der trie der Binnenwirtschaft geworden.
Durch den WTO-Beitritt wurden die
Anteil staatlicher Unternehmen an den
Investitionen hingegen blieb schon in den Importzölle für Personenwagen bis 2006
offiziellen Zahlen sehr hoch. Das Wachs- abgesenkt – auf immer noch hohe 25 Prozent. Sie summieren sich mit Mehrwerttumsmodell änderte sich fundamental.
Der Beitrag des Beschäftigungswachs- steuern und spezifischen Konsumsteuern,
tums zum BIP-Wachstum ging deutlich die praktisch nur für importierte Fahrzeuzurück, während das Gros von erhöhten In- ge erhoben werden. Die Importzölle sind
vestitionen und damit verbunden Produk- dadurch bis auf den Import von Premitivitätszuwächsen kam. Charakteristisch um-Fahrzeugen und von Luxuskarossen
waren die enorm erhöhten Investitions- prohibitiv. Zusätzlich wurden Autoteile
quoten, d.h. der Anteil der Investitionen als Vorleistungen mit einem Zoll von 13
am Bruttoinlandsprodukt. Sie
stiegen in zwei Etappen an.
Zunächst mit dem Eintritt in
die WTO auf über 40 Prozent
des BIP. Seit 2009 überstiegen sie die Quote von 45 Prozent und erreichten fast 50
Prozent, was historisch und
im internationalen Vergleich
einzigartig ist. Diese Quoten
sind auf der Basis von nominellen Werten berechnet. Das
Wachstumsmodell
beruhte
noch mehr auf erhöhter KaProduktion und Import von Fahrzeugen in China 1998-2016.
pitalintensität (engl. capital
Quelle: ORCA, National Bureau of Statistics
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Prozent, später 10 Prozent belegt. Entsprechend importieren manche Hersteller
Komponenten und lassen sie in China nur
montieren. Vor allem aber verbesserte der
WTO-Beitritt Chinas den Rechtsstatus und
den Ausblick für die ausländischen Unternehmen. Schließlich setzte Bejing eine
neue Politik für die Verkehrs-Infrastruktur
um: Das Land setzte auf die Automobilisierung. Daher explodierten Autoproduktion
und -absatz von sehr niedrigen Niveaus
aus nach dem Beitritt zur WTO. Sie machten China schon 2009 zum größten Fahrzeugmarkt der Welt. Seither hat China den
Rest der Welt abgehängt.
Die Automobilindustrie ist besonders
instruktiv für das Verhalten Chinas seit
dem Beitritt zur WTO im Dezember 2001.
Die Importe sind volumenmäßig relativ zur
inländischen Produktion unbedeutend. Sie
werden durch Zölle und andere Handelsschranken eng begrenzt. China hat damals
mit dem WTO-Beitritt unterzeichnet, dass
es keine Importbarrieren errichten, seinen
Binnenmarkt anders als in der Vergangenheit öffnen, staatliche Unternehmen nicht
mehr bevorzugen, keinen Technologietransfer mehr erzwingen und keine staatlichen Subventionen an die Unternehmen
mehr ausschütten werde. Das sind wesentliche Inhalte der WTO-Abkommen. Zum
exakt gleichen Zeitpunkt wurde der Startschuss gegeben für die Entwicklung der
Autoindustrie – in den Industrieländern
die wichtigste Industrie bis heute. Für die
Entwicklung einer modernen Volkswirtschaft ist die Automobilisierung ein einzigartiger Wachstumsimpuls. In den USA
schon in den 1910er und 1920er Jahren, in
voller Breite wie in Europa, Japan oder Korea erst nach dem Zweiten Weltkrieg hat die
Durchsetzung der Autoindustrie enorme
Kopplungs-, Akzelerator- und Multiplikator-Effekte ausgelöst – dies über Jahrzehnte hinweg. Mit der Massen-Motorisierung
waren der Straßen- und Autobahnbau, der
Aufbau eines Tankstellennetzes, von Lagern, Transport- und Umlade-Stationen,
Werkstätten, Garagen, Servicestationen,
von touristischen Infrastrukturen usw.
verbunden. Ganz zu schweigen von der Autoindustrie selbst, welche alle möglichen
vor- und nachgelagerten Branchen wie die
Stahl-, Metall-, chemische oder KunststoffIndustrie stimuliert und indirekt den Maschinenbau, Banken und Versicherungen
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beflügelt. Die gewaltigen notwendigen Investitionen haben in
China Millionen von
Arbeitsplätzen,
steigende Realeinkommen
und Konsum geschaffen.
Zum gleichen Zeitpunkt, als dieser Takeoff losgetreten wurde,
hatte China das WTOAbkommen
unterschrieben – und machEU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der chinesische
te später das Gegenteil
Staatspräsident Xi Jinping.
Quelle: EU-Rat
von dem, was dort vertraglich festgelegt worden war: Prohibitive
beitende Industrie Chinas vom Geist der
Importzölle von 25 Prozent, zunächst als Importsubstitution getränkt – sogar mehr
Übergangslösung festgelegt, wurden zum denn je. Das mag für ein normales SchwelDauerzustand. Sie verhindern Autoim- lenland legitim sein, aber nicht mehr für
porte außer für Oberklassen- und Luxus- das größte Land im Welthandel. Es steht
karossen – bis heute. Die ausländischen zudem im fundamentalen Widerspruch zu
Autohersteller werden gezwungen, in Joint den WTO-Verträgen, die China unterschrieVentures mit staatlichen einheimischen ben hat, um sich den ungehinderten ZuHerstellern, Mehrheit praktisch immer gang zu den westlichen Absatzmärkten zu
beim Staat, die Autos zu produzieren. Die verschaffen. Zudem verwendet China dort
ausländischen Hersteller müssen dort ihre anders als viele andere Schwellenländer
IP einbringen. In nicht wenigen Fällen ent- auf breitester Basis Formen der Absatzfördeckten sie dann über die Zeit hinweg, dass derung, die schlichtweg inakzeptabel sind.
die Pläne und Konstruktionsdetails auf
In China, dem mit Abstand größten
einmal auch bei den Muttergesellschaften und schnellst wachsenden Automarkt der
ihrer JV-Partner auftauchen und dort zur Welt, ist nicht nur Realität, was Donald
Abkürzung von Entwicklungsaufwendun- Trump für den amerikanischen Automarkt
gen verwendet werden. Keine Chance, dies angekündigt hat: Prohibitive Importzölle
auf juristischem oder politischem Weg zu zur Marktabschottung. Darüber hinaus ist
verhindern oder zu bestrafen. Die einhei- ein ganzes Arsenal an Investitions- und
mischen Hersteller erhalten Subventionen Handelspraktiken Standard, die auf der
aller Art von verschiedenen staatlichen schwarzen Liste der WTO stehen: Für ausStellen: Eigenkapital und Darlehen von ländische Hersteller nur Produktion in
der Stadt- oder Provinzregierung, welche Joint Ventures, die mehrheitlich im Staatsso eine Wachstumsindustrie ansiedeln besitz sind; erzwungener Technologiewollen. Die Zentralregierung schreibt als transfer; teilweise sogar staatlich angeordBedingung für die Zulassung eines neuen neter Diebstahl von geistigem Eigentum;
Fahrzeugherstellers einen Mindestanteil hohe Subventionen für einheimische, zuchinesischer Lieferungen vor, häufig von meist staatliche Hersteller, insbesondere
40 Prozent beim Start und von 80 Prozent auch um das Exportgeschäft anzukurbeln.
innerhalb weniger Jahre. Schließlich ver- Der an strikte Regeln gebundene ‚freie
gibt der Staat Subventionen an jene Unter- Welthandel‘, um den es angeblich erst mit
nehmen, welche eine bestimmte Export- Trump so schlecht bestellt sein wird, ist
quote erreichen. Das sind alles Praktiken, in Bezug auf China eine Wunschprojektidie dem Buchstaben und Geist des WTO- on, welche mit der ökonomischen Realität
Abkommens widersprechen.
nichts gemeinsam hat. Dabei spielt eine
Auch heute, 15 Jahre nach Unterzeich- Rolle, dass die im betreffenden Sektor tänung des WTO-Abkommens, ist diese für tigen Unternehmen nicht klagen können.
die Binnenwirtschaft maßgebliche verarDass dies nicht so wahrgenommen
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wird, dafür spielt eine Rolle, dass die im
betreffenden Sektor tätigen Unternehmen
nicht klagen können. Für die globale Autoindustrie ist der chinesische Markt ein
enormes Geschenk – starkes Wachstum,
hohe Margen. Aber die Arbeitsplätze entstehen fast ausschließlich in China und
nur wenige in Europa oder in den USA. Bei
den Branchen, wo China amerikanische
und europäische Produzenten verdrängt
hat, sind sie ohnehin in China konzentriert.
Makroökonomisch ist der freie Welthandel
bei so ungleich angewandten Regeln ein
Beschäftigungstransfer aus den USA und
Europa nach China.
Die Europäische Union hat im Durchschnitt aller Branchen Zolltarife von rund
2 Prozent. Diese Form von Freihandel ist
ein Einfallstor für Importe. China hat 25
Prozent auf Autos, das mit Abstand wichtigste Konsumgut. Im nächsten Artikel
wird gezeigt werden, wie sich dies in Kombination mit Auflagen und zusätzlichen
Abgaben auf den chinesischen Automarkt
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und auf die Globalisierung der Autoindustrie ausgewirkt hat und noch auswirken wird. Eine Konsequenz ist klar: Die
Subventionierung einheimischer Hersteller wirkt sich in einer erheblich latenten
Überkapazität aus – genauso wie in vielen anderen Branchen der chinesischen
Wirtschaft. Die Kapazität beträgt heute je
nach Schätzung 35-40 Millionen Fahrzeuge pro Jahr – und fieberhaft werden von
allen Herstellern weitere Ausbauschritte
vorangetrieben.
Strafzölle
USA bereiten Handels-Sanktionen gegen die EU vor
Anlass für die harte Gangart ist nicht Trump, sondern die Weigerung der EU, Hormonfleisch aus den USA zu importieren
P
olitico stellt in einer Analyse die ersten
konkreten protektionistischen Maßnahmen der US-Regierung unter Donald
Trump vor. Demnach wird das US-Handelsministerium ein Dokument präsentieren, wonach ein Einfuhrzoll in Höhe von
100 Prozent auf insgesamt 90 europäische
Produkte, insbesondere agrarwirtschaftliche Produkte aus Frankreich, Deutschland
und Italien, erhoben werden sollen. Weitere betroffene EU-Staaten sind Belgien,
Dänemark, Finnland, Griechenland, Irland,
Luxemburg, die Niederlande, Österreich,
Portugal, Spanien und Schweden. Das geht
aus dem diesbezüglichen Dokument des
Office of United States Trade Representative (USTR) hervor.
Im Detail bezieht sich der Zoll auf
Rindfleisch, Schweinefleisch, Geflügelfleisch, Roquefort-Käse , Tomaten, Blumen, Paprika, Maronen, Trüffel, Zwieback, Schokoladenblöcke- und Produkte,
die nicht mehr als zwei Kilogramm wiegen, Aprikosen, Birnen, diverse Marmeladen, Säfte, Zitrusfrüchte und Senf. Doch
auch Motorräder, Haarspangen, Einfachgarne, Viskose-Stapelfasern, Produkte,
die zur Verwendung als Kleber oder dafür
geeignet sind, oder Fettstoffe aus Wollfett sind betroffen.
Die EU-Staaten Polen, Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, Slowenien, die
Slowakei, Kroatien, Rumänien, Bulgarien,
Ungarn, Zypern, Malta und Großbritannien sind von den neuen Einfuhrzöllen
nicht betroffen.
Der aktuelle Disput zwischen der EU
und den USA um Einfuhrzölle geht auf
die 20-jährige Weigerung der EU zurück,
die Einfuhr von US-amerikanischem
Hormonfleisch zu genehmigen, so Politico. Einflussreiche Lobby-Gruppen der
US-Bauern drängen die Trump-Regie-
US-Präsident Donald Trump.
rung als Reaktion dazu, die EU möglichst
hart zu treffen. Die EU verfügt über einen
Handels-Überschuss von 136 Milliarden
Euro mit den USA und ist daher besonders anfällig für „Handelssanktionen“ in
Form von „Strafzöllen“. Die Europäische
Kommission kündigt in einer Stellungnahme an, den US-amerikanischen Prozess zur „Wiedereinführung von Han-
delssanktionen“ sorgfältig zu verfolgen.
Das USTR hat noch keine Mitteilung
veröffentlicht, weil der designierte USTRChef Robert Lighthizer vom US-Senat
noch nicht bestätigt wurde.
„Ich bin definitiv besorgt (…). An-
Quelle: Flickr/Gage Skidmore/CC BY-SA 2.0
scheinend ist die Bereitschaft, sich in
einem Dialog zu engagieren, nicht mehr
auf der US-Seite. Dies ist ein Zeichen dafür, dass wir in den Handelsbeziehungen
zwischen Washington und Brüssel in
eine neue Ära eintreten“, sagt der Vorsitzende des Handelsausschusses des Europäischen Parlaments, Bernd Lange.
Doch der Deutsche Bauernverband
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(DBV) gibt eine vorläufige Entwarnung.
Die eigentliche Gefahr für landwirtschaftliche Produkte aus Deutschland
besteht nach Ansicht des Verbands in einem möglichen Brexit und nicht in USEinfuhrzöllen.
DBV-Sprecher Michael Lohse sagte den Deutschen Mittelstands Nachrichten: „Wir sind generell gegen eine
Abschottung durch Zölle. Allerdings ist
Deutschlands Export von Agrargütern in
die USA mit 1,7 Milliarden Euro, was einem Anteil von drei Prozent entspricht,
relativ gering. Wesentlich bedeutender
ist der Agrarexport nach Großbritannien, sodass durch die Details zum BrexitBeschluss mit größere Auswirkungen
gerechnet werden muss. Nach Großbritannien werden fast fünf Milliarden Euro
exportiert und damit 3,4 Milliarden Euro
mehr als importiert. Anzumerken ist,
dass die deutsche Agrarwirtschaft über
Premiumprodukte verfügt, die sehr gefragt in den USA sind und die es dort in
der Qualität nicht gibt. Unsere Premiumprodukte sind übrigens auch in Russland
gefragt. Dort hatten wir beispielsweise
im ersten Jahr der Sanktionen Einbußen
von 600 bis 700 Millionen Euro. Doch
das hat sich wieder eingependelt, weil
wir alternative Märkte erschließen konnten. Nichtdestotrotz bleibt Russland ein
interessanter Markt. Russland bezieht
seine sogenannten ,weißen Waren‘ – wie
Milch und Käse – mittlerweile aus der
Schweiz. Die Schweizer profitieren von
den Sanktionen. Doch infolge des starken Frankens müssen die Russen höhere
Preise bezahlen.“
Politico berichtet, dass Trumps Plan
für die Umsetzung von Einfuhrzöllen
eine negative wirtschaftliche Entwicklung in den USA auslösen könnte, da
Einfuhrzölle zu einer Verteuerung europäischer Produkte auf dem US-Markt
führen würde. Paul Henry, ein VespaHändler aus Portland/Oregon, sagt, dass
ein hundertprozentiger Einfuhrzoll auf
Motorräder aus Europa zur Kündigung
von fünf seiner Mitarbeiter führen würde. „Wenn ein Zoll auf Vespas umgesetzt
wird, würden wir unser Geschäft verlieren, weil einige US-Landwirte ihr Vieh
unbedingt mit Wachstumshormonen
spritzen wollen. Es gibt hier keine logische Verbindung“, meint Henry.
Der Hormonfleisch-Streit stammt
aus dem Jahr 1996, als die USA die EU
bei der Welthandelsorganisation (WTO)
wegen ihres Einfuhr-Verbots für hormonbehandeltes Rindfleisch verklagten.
Nachdem Europa das Verbot weiterhin
aufrechterhielt, ermächtigte die WTO die
USA, Einfuhrzölle zu verhängen, die den
durch das Hormonfleisch-Verbot verursachten Schäden gleichkämen. Seitdem
wird in der öffentlichen Debatte von
„Strafzöllen“, „Vergeltungszöllen“ oder
„indirekten Handelssanktionen“ zwischen den USA und der EU gesprochen.
Die „Strafzölle“ hatten einen erheblichen
Einfluss, sodass der Wert der EU-Einfuhren, die von den Zöllen betroffen waren,
in den Jahren 1997-1998 von 130 Millionen Dollar auf weniger als 15 Millionen
Dollar im Jahr 2008 zurückgingen, heißt
es in einem Bericht des Congressional
Research Service.
Im Jahr 2009 entschärfte der damalige US-Präsident Barack Obama den
Handelsstreit zwischen den USA und
der EU. Die US-Regierung setzte die
„Strafzölle“ aus und die USA durften im
Gegenzug jährlich 50.000 Tonnen hormonfreies Rindfleisch nach Europa exportieren. „Das war zu einem Zeitpunkt,
als die Amerikaner wirklich offen waren,
auf Augenhöhe zu verhandeln“, meint
Godelieve Quisthoudt-Rowohl von der
Europäischen Volkspartei (EVP), die als
Berichterstatterin des Europäischen Parlaments bei der Einigung im Jahr 2009
fungierte.
Das Europäische Parlament berichtete dazu: „Seit Mai 2009 haben die USA
ihre Sanktionen gegen bestimmte EUProdukte sukzessive gelockert, nachdem
die EU-Kommission mit der US-amerikanischen Regierung ein dementsprechendes Abkommen ausgehandelt hatte. Als
Gegenleistung hob die EU die Importquote von hochwertigem Rindfleisch aus
den USA und Kanada an. Bereits im Mai
vergangenen Jahres stimmten die USA
einer kompletten Aufhebung der Strafzölle zu. Am meisten profitieren von dieser Aufhebung Italien mit Erzeugnissen
im Wert von mehr als 99 Millionen USDollar, Polen (25 Millionen US-Dollar),
Griechenland und Irland (jeweils 24 Millionen US-Dollar), Deutschland und Dänemark (jeweils 19 Millionen US-Dollar),
17. Februar 2017
Frankreich (13 Millionen US-Dollar) und
Spanien (9 Millionen US-Dollar).“
Das diesbezügliche Abkommen
wurde im Jahr 2012 vom Europäischen
Parlament verabschiedet. Es bildete die
Grundlage für die TTIP-Verhandlungen,
die ein Jahr später beginnen sollten.
„Heute sind unsere Handelsgespräche
ins Stocken geraten (…) und im Lichte
einer ,America First‘-Politik scheint sich
die Stimmung geändert zu haben“, so
Quisthoudt-Rowohl.
Die möglichen Einfuhrzölle, die derzeit von Trump in Erwägung gezogen
werden, wurden von Obamas ausgehendem Handelsvertreter Michael Froman
angekündigt, der – inmitten seiner Frustration über die TTIP-Verhandlungen –
im Dezember 2016 den Startschuss um
die Diskussion von „Strafzöllen“ gegeben
hatte.
Der Rindfleisch-Streit zwischen der
EU und den USA begann vor allem deshalb, weil die US-Bauernverbände das
Abkommen von 2009 zwischen der EU
und den USA als unfair einstufen. Sie
sagen, dass Länder wie Australien und
Uruguay, die hormonfreies Rindfleisch
billiger produzieren können, die EUEinfuhrquote von 50.000 Tonnen Rindfleisch leichter erfüllen können, die ursprünglich für die USA gedacht gewesen
ist.
Der Präsident des North American
Meat Institute, Barry Carpenter, warnte
bereits im vergangenen Dezember davor, dass die USA „Strafzölle“ ausschließlich als „letztes Mittel“ in Betracht ziehen
sollten. Doch er fügte im Hinblick auf die
Situation der Fleischbauern in den USA
hinzu, dass es offenbar der „einzige Weg
ist, um eine faire Entschädigung für die
Verluste der US-Fleischindustrie, die aufgrund des EU-Hormonverbots entstanden sind, zu bekommen.“
Jean-Luc Mériaux, Generalsekretär der Europäischen Gemeinschaft für
Viehzucht und Fleischhandel (UECBV),
erkennt in dem Zoll-Vorhaben der USA
den Ansatz, Brüssel zum Handeln zu bewegen. „Es ist für US-Landwirte teurer,
die Anforderungen der EU zu erfüllen,
als für Rindfleischerzeuger aus anderen
Ländern, die die Quote nutzen. Es gibt
ein wirtschaftliches Problem (…). Die
Botschaft an die Kommission lautet: Fin7
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den Sie einen Weg, dies zu beheben“, so
Mériaux.
Der Zoll-Plan der US-Regierung hat
für einen öffentlichen Protest bei europäischen Motorrad-Herstellern gesorgt.
Mehr als 11.500 Menschen und Organisationen haben sich in der vergangenen Woche im Rahmen einer OnlineKonsultation an das USTR gewandt und
sich gegen die geplanten Einfuhrzölle
ausgesprochen. Viele empörten sich darüber, dass die Zoll-Liste – anders als die
Zoll-Liste aus den 1990er Jahren – nicht
nur landwirtschaftliche Produkte, sondern auch Motorräder umfasst. „Der
Motorradsektor sollte nicht in Handelskonflikte über Nahrungsmittelprodukte hineingezogen werden. Europäische
Unternehmen müssen in der Lage sein,
auf dem US-Markt fair zu konkurrieren
und dürfen nicht durch künstliche und
politisch motivierte Handelsbarrieren
behindert werden“, sagt Manuel Ordonez
de Barraicua vom europäischen Verband
der Motorrad-Hersteller (ACEM).
Die US-amerikanische American
Motorcyclist Association forderte ihre
Mitglieder im vergangenen Monat dazu
auf, das USTR mit Protestbriefen zu
überschütten.
Der europäische Lebensmittel-Riese
Nestlé protestierte ebenfalls gegen den
Zoll-Plan des USTR. Dieser bedrohe mehr
als 250 Arbeitsplätze und mache beliebte europäische Schaumweine wie San
Pellegrino und Perrier unerschwinglich
teuer, so der Konzern in einer Mitteilung. „Die USA haben ihre Fähigkeit, diesen Streit zu lösen unter Beweis gestellt
– d.h., die Kommission (Anm.d.Red. EUKommission) an den Verhandlungstisch
zurückzuholen – ohne zusätzliche Zölle
17. Februar 2017
einführen zu müssen“, heißt es in einem
Schreiben der Nestlé-Anwälte.
Reinhard Quick, Handelsrechts-Professor an der Universität des Saarlandes,
meint, die Konzerne sollten zunächst
darauf warten, dass Trump sich in seine
Rolle als US-Präsident eingewöhnt. „Derzeit rollen die Amerikaner die Kanonen
aus, doch sie haben noch nicht gefeuert“,
meint er.
Der Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland,
Bernhard Mattes, sagte der FAZ nach
Gesprächen in Washington, dass der
Kongress in der Tat solche Strafzölle
vorbereite: So würden „Pläne für eine
Steuer von 20 Prozent auf Importe vorangetrieben“. Das träfe „Konsumgüter, Feinwerkzeuge und Produktionsanlagen, die aus Deutschland geliefert
werden“.
Digitalisierung
Luxusgut Internet: Kanada zeigt Deutschland den Fortschritt
Kanada will jedem Bürger Breitband-Internet zugänglich machen – in Deutschland kann man nur davon träumen
D
ie kanadische Telekommunikationsaufsicht CRTC will die gesetzliche
Grundversorgung der Bürger um eine
moderne Option aufstocken, berichtet die
AFP. Momentan ist diese Vorsorge durch
ein Vorhandensein von Wasser- und Energieversorgung, Infrastruktur, Postwesen,
Telefonanschluss und Gesundheitswesen
geregelt. In Kanada sollen die Bürger nun
ein Anrecht auf das Internet bekommen
– und nicht nur irgendeines: Jeder Anschluss soll mindestens eine DownloadGeschwindigkeit von 50 Mbit/s haben und
mit mindestens 10 Mbit/s Dateien senden
können. Zudem plant die Behörde, jedes
WLAN – in privaten Haushalten und entlang der Hauptstraßen – auf den neuesten
Stand der Technik zu bringen. In den Untergrundbahnen größerer Städte wie Montreal ist das bereits möglich.
„Der Zugang zum Breitband-Internet
ist eine grundlegende Dienstleistung, auf
die alle Kanadier Anspruch haben“, sagte
Behördenchef Jean Pierre Blais. Um dieses Ziel in die Wege zu leiten, wolle CRTC
einen Fonds einrichten, der in den nächsten fünf Jahren 750 Millionen US-Dollar
(538 Millionen Euro) in bestehende Pro-
Kanada hat damit eine Vorreiterrolle
gramme der Regierung investiert. Zuinne,
zu der Deutschland nur aufschauen
sätzlich wolle man zudem die Geschwindigkeit der existierenden Verbindungen kann. Die Telekom ist lediglich verpflichdeutlich erhöhen.
tet, jedem Haushalt einen TelefonanKanada ist das zweitgrößte Land schluss zur Verfügung zu stellen – mehr
der Erde und hat 12 Millionen Haushal- nicht. Die Bundesregierung fördert den
te sowie eine Million Unternehmen. Ausbau zwar, trifft mit diesen Plänen
Die Internet-Fähigkeit solle deshalb ein aber auf die Vormachtstellung der Telegrundsätzliches Bürgerrecht sein und kom. Diese sieht nämlich den Ausbau der
den Erfolg insbesondere kleinerer Un- Leitungen nicht durch Glasfasernetze
ternehmen stützen. „Hohe Qualität und vor, sondern durch die sogenannte Veceine zuverlässige Verbindung sind für die toring-Technologie.
Lebensqualität der Kanadier und Kanadas wirtschaftlichen Wohlstand
daher essentiell“, so Blair
weiter.
Etwa 82 Prozent dieser Personen besäßen
bereits relativ schnelles
Internet, aber etwa 18
Prozent seien unterversorgt, so CRTC. Spätestens Ende 2021 sollen 90
Prozent schnelles Internet haben. Der Rest solle
innerhalb von 15 Jahren
Deutschland muss in Sachen digitaler Infrastruktur aufholen.
angeschlossen werden.
Quelle: Flickr/frankieleon/CC BY 2.0
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„Vectoring ermöglicht durch den
Ausgleich von elektromagnetischen Störungen zwischen den Leitungen eine
Verdoppelung der Bandbreite“, heißt es
auf der Seite der Telekom. „Um diesen
Ausgleich zu ermöglichen, muss der
Betreiber allerdings die Kontrolle über
sämtliche Leitungen am Kabelverzweiger
haben. Das bedeute, „andere Betreiber
können dort keine eigene Technik instal-
lieren“. Die Telekom besitzt nach eigenen
Angaben insgesamt rund 330.000 Kabelverzweiger, andere Wettbewerber „haben
davon circa 8.200 mit eigenen Leitungen
angebunden (2,3 Prozent)“. Wirtschaftsverbände und Mitbewerber protestieren
bereits dagegen.
Einige Europaparlamentarier kritisierten zudem, dass diese Technologie
für die rasant steigenden Datenmengen
17. Februar 2017
bald nicht mehr ausreichen würden.
Der Akamai-Bericht „State of the Internet“ zeigt, wie wichtig aber ein effektiver Ausbau ist, um wettbewerbsfähig
zu bleiben. Während Platz 1 Norwegen
einnimmt, liegt Deutschland mit einer
durchschnittlichen
Verbindungsrate
von 13,7 Mbit/s europaweit auf Platz 17
– als eine der wirtschaftlich stärksten
Nationen.
Wirtschaft
Fachkräftemangel: Tausende freie Stellen in der Technologie
Der akute Fachkräftemangel ist in der IT-Branche besonders auffallend. E-Techniker und Developer sind sehr gefragt
Dem hohen Bedarf im
Technologiebereich folgen Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen. Hier werden insbesondere examinierte Fachkräfte
und Spezialisten in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie
Geburtshilfe (19.441 offene Stellen) gesucht sowie examinierte Fachkräfte und Spezialisten
der Altenpflege (13.351 offene
Stellen). Zusammen mit der
Berufsgruppe der Humanmediziner (4.858 offene Stellen)
und Fachkräften/Meistern der
Orthopädie-, Rehatechnik und
Hörgeräteakustik (3.845 offene
Stellen) stehen hier aktuell über
40.000 offene Stellen zur VerIT-Techniker haben derzeit keine Probleme bei der Anstellung.
Quelle: Flickr/Ateens Chen/CC BY 2.0
fügung, die besetzt werden sollen. Auf Länderebene liegt der
Bedarf im Gesundheitswesen
hingegen unterschiedlicher verteilt.
eues Jahr, neuer Job – so lautet die Jobsuchmaschine Adzuna.
Mit 40.828 offenen Stellen auf Ad- So werden Fachkräfte in der KrankenDevise bei zahlreichen Arbeitnehmern, die sich zu Beginn des Jahres für zuna.de, ist die Nachfrage nach Exper- pflege und Altenpflege insbesondere
einen Neuanfang entscheiden. Vom ten für IT-Anwenderberatung sowie in Nordrhein-Westfalen gesucht wähständigen Fachkräftemangel ist die Softwareentwicklung und Programmie- rend Bayern die größte Nachfrage
Rede, doch wo genau befinden sich diese rung mit Abstand am größten. Gefolgt an Spezialisten für die Geburtshilfe
Jobs, bei denen Bewerber aktuell die bes- von Spezialisten in der Elektrotechnik aufweist.
Die Berufsgruppe für Spezialisten
ten Chancen haben müssten? Die Studie (34.673 offene Stellen) sowie Ingenieubasiert auf einer aktuellen Fachkräfte- ren im Bereich Mechatronik und Au- aus dem Bereich Klempnerei, Sanitär-,
Engpassanalyse der Bundesagentur für tomatisierungstechnik (28.250 offene Heizungs- und Klimatechnik schafft
Arbeit (Stand: Dezember 2016), die 20 Stellen) sorgen diese top drei Berufs- es ebenso unter die Top 10 der BerufsBerufsgruppen identifiziert, bei denen gruppen alleine für über 100.000 offe- gruppen mit der meisten Nachfrage.
ein Fachkräftemangel erkennbar ist. ne Stellen für Fachkräfte im Technolo- Hier sind aktuell 11.847 offene Stellen
Hier wurde ermittelt, bei welchen dieser giebereich. Auf Länderebene entfallen zu besetzen. Ähnlich wie im Bereich
20 Berufsgruppen die meisten Stellen- dabei die meisten Stellen auf Bayern, Technologie entfallen dabei die meisten
ausschreibungen anfallen, basierend Baden-Württemberg und Nordrhein- Stellen auf Bayern, Baden-Württemberg
und Nordrhein-Westfalen.
auf dem aktuellen Anzeigenindex der Westfalen.
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17. Februar 2017
Automobil
Trotz Abgas-Skandal: Deutsche Autoindustrie boomt in China
Während der Marktanteil deutscher Autobauer in den USA relativ gering ist, wuchs der Absatz auf dem chinesischen Markt
auf Chinas Straßen ein deutsches Modell.
Marktanteil PKW-Markt in China.
C
hina sei Dank: Angetrieben durch
ein 13-prozentiges Plus auf dem chinesischen Absatzmarkt konnten die drei
deutschen Autokonzerne ihre weltweiten
PKW-Verkäufe im vergangenen Jahr insgesamt um fünf Prozent steigern. Außerhalb Chinas ging es allerdings nur um 1,5
Prozent aufwärts. Entsprechend stark ist
die Bedeutung Chinas für die deutsche
Autoindustrie gestiegen: Gut ein Drittel
(34 Prozent) des weltweiten PKW-Absatzes
von Volkswagen, BMW und Daimler entfällt auf China. Ein Jahr zuvor lag der Anteil
noch bei 30 Prozent, vor fünf Jahren bei 22
Prozent.
Vor allem beim Volkswagenkonzern
hängt viel vom Absatz in China ab: Fast
vier von zehn weltweit verkauften Autos
(39 Prozent) werden an chinesische Kunden ausgeliefert. Bei BMW und Daimler
beträgt der Anteil jeweils 22 Prozent
Seit dem Jahr 2009 konnten die drei
deutschen Autokonzerne ihren Absatz in
China mehr als verdreifachen: von 1,6 auf 5
Millionen PKW. Im gleichen Zeitraum stieg
der Absatz der Unternehmen außerhalb
Chinas „nur“ um 37 Prozent.
Das sind Ergebnisse einer Analyse der
Prüfungsgesellschaft EY, für die die weltweiten PKW-Verkäufe der Automobilkonzerne analysiert wurden.
„Der chinesische Markt hat 2016 nach
einem schwachen Vorjahr wieder einen
Gang hochgeschaltet, der Absatz von Neuwagen stieg um 18 Prozent“, sagt Peter
Fuß, Partner bei EY. „Dafür waren aller-
Quelle: EY
dings vor allem staatliche Steuergeschenke für kleinere Modelle verantwortlich,
von denen auch die deutschen Autobauer kräftig profitierten. Denen verhalf der
China-Boom nämlich zu einem weltweiten
Absatzplus von immerhin fünf Prozent,
während es außerhalb Chinas nur sehr
langsam aufwärts ging“.
Im Vorjahr hatten die drei deutschen
Autokonzerne in China noch einen kräftigen Dämpfer erhalten: Der Absatz war
um ein Prozent geschrumpft, der Gesamtmarkt war immerhin noch um zehn Prozent gewachsen. Entsprechend stark sank
der Marktanteil deutscher Fabrikate im
Jahr 2015: von 24,1 auf 21,9 Prozent.
Trotz des starken Wachstums um 13
Prozent im vergangenen Jahr verloren die
drei deutschen Autokonzerne auch 2016
beim Marktanteil weiter leicht an Boden:
Zusammen kamen sie auf einen Marktanteil von 21,1 Prozent – im bisher besten Jahr
2012 war mit einem Anteil von 25,3 Prozent noch mehr als jeder vierte Neuwagen
Mit einem Absatzwachstum von 28
Prozent verzeichnete die Mercedes Benz
Group im vergangenen Jahr das stärkste
Wachstum der drei deutschen Autokonzerne in China, gefolgt von Volkswagen
(plus 12 Prozent) und BMW (plus 11 Prozent). Noch wesentlich höhere Wachstumsraten fuhren allerdings chinesische
Autobauer ein, die besonders stark im
Segment der kleineren SUV vertreten sind
und so besonders von den Steuererleichterungen profitierten. Sie legten in den
ersten zehn Monaten des Jahres um 20
Prozent zu, während ausländische Marken
nur ein Absatzwachstum von 12 Prozent
verzeichneten.
„Das Jahr 2015 hatte die deutsche Automobilindustrie in China auf den Boden
der Tatsachen zurück geholt, 2016 war nur
dank staatlicher Steuergeschenke wieder
ein sehr gutes Jahr“, sagt Peter Fuß, Partner bei EY. „Der chinesische Markt ist in
Wirklichkeit deutlich weniger stark, als die
hohen Wachstumsraten des vergangenen
Jahres suggerieren.“ Für 2017 ist Fuß zurückhaltend: „Zwar hat die chinesische Regierung die Steuererleichterungen nicht
– wie ursprünglich geplant – abgeschafft,
sondern nur halbiert. Zu groß war offensichtlich die Sorge vor einem Absturz“.
Dennoch rechnet Fuß mit einer deutlich
schwächeren Dynamik in diesem Jahr:
„Ein Wachstum von fünf Prozent wäre
schon sehr gut. Im ersten Quartal könnte
es sogar zu Rückgängen kommen, weil es
Ende letzten Jahres zahlreiche vorgezogene Käufe gab“.
Zahl der verkauften PKW in China 2005-16 in Tausend.
Quelle: EY
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In jedem Fall seien die Zeiten des ungebremsten Wachstums in China vorbei,
der Markt normalisiere sich weiter, und
gerade ausländische Anbieter hätten es
in China inzwischen deutlich schwerer als
früher, so Fuß. So habe China ohne Vorankündigung ab dem 01.12.2016 eine Sondersteuer auf Luxusautos eingeführt, was vor
die deutschen Premiumanbieter besonders hart treffe.
Dennoch bleibe China ein Zukunftsmarkt, betont Fuß: „Noch immer besitzen verhältnismäßig wenige Chinesen
ein Auto – auch im Vergleich zu anderen
Schwellenländern“. Im vergangenen Jahr
ist die Motorisierungsrate – also die Zahl
der PKW je 100 Einwohner – in China nach
EY-Berechnungen von 9,2 auf 10,7 gestiegen. Zum Vergleich: In Deutschland lag
sie Ende 2016 bei 55,8 – also mehr als fünfmal so hoch. Aber auch in Brasilien und in
Russland ist die PKW-Dichte mit 15 bzw. 26
PKW auf 100 Einwohner deutlich höher als
in China.
Der chinesische Absatzmarkt habe
also noch erhebliches Potenzial, so Fuß:
„Der Wohlstand steigt, die Mittelschicht
ist so statusbewusst wie eh und je, und
Autos ‚Made in Germany‘ haben dort immer noch einen guten Ruf.“ Angesichts
17. Februar 2017
Die Chinesen besitzen dank einer niedrigen PKW-Dichte noch den „Traum vom Auto“.
Quelle: Flickr/Fabrício Marcon/CC BY 2.0
der schwierigen Situation in den USA, wo
die deutschen Autobauer nur einen sehr
niedrigen Marktanteil haben, und angesichts des geringen Wachstumspotenzials
in Europa bleibe China für die deutsche
Autobranche der Markt, der die größten
Wachstumschancen biete.
China hat im vergangenen Jahr seine
Position als wichtigster Automarkt der
Welt weiter ausgebaut. Innerhalb von zehn
Jahren hat sich der Anteil Chinas am weltweiten Neuwagenmarkt mehr als verdreifacht – von zehn auf aktuell 34 Prozent. Im
gleichen Zeitraum ging der Marktanteil
Europas von 34 auf 22 Prozent deutlich
zurück.
Digitalisierung
Deutscher Mittelstand nutzt kaum digitale Vertriebskanäle
Der Online-Vertrieb wird genau wie die Digitalisierung selbst bei vielen Mittelständlern noch nicht genügend genutzt
E
-Commerce, sprich der Vertrieb über
Online-Kanäle, spielt im deutschen
Mittelstand bisher nur eine untergeordnete Rolle. Eine repräsentative Studie
von KfW Research auf Basis des KfW-Mittelstandspanels zeigt: Die kleinen und
mittleren Unternehmen erwirtschaften
zurzeit auf digitalem Weg lediglich 153
Milliarden Euro im Jahr – das sind gerade einmal 4 Prozent der Gesamtumsätze
der mittelständischen Wirtschaft. Dabei
nutzt mit 16 Prozent nur ein kleiner Teil
der Mittelständler überhaupt die Möglichkeit, seine Produkte oder Dienstleistungen
online an den Kunden zu bringen. Anders
gesagt: 8 von 10 Mittelständlern erzielen
noch keinerlei Umsätze über den digitalen
Vertriebsweg. Die KfW-Analyse zeigt aber
auch, dass der digitale Wandel den Mittel-
stand langsam aber sicher erreicht: Je neuer ein Unternehmen am Markt ist und je
jünger der Inhaber selbst ist, umso größere Bedeutung hat der E-Commerce für den
Umsatz.
Der weit überwiegende Teil der digitalen Umsätze des Mittelstands wird derzeit
nach Schätzungen von KfW Research mit
144 Milliarden Euro über Transaktionen im
Geschäftskundenbereich (B2B-Geschäft)
generiert. Komponentenzulieferungen im
Maschinen- und Fahrzeugbau spielen dabei die wesentliche Rolle. Im direkten Endverbrauchergeschäft erwirtschaften alle
deutschen Mittelständler zusammen via
E-Commerce nur 9 Milliarden Euro. Zum
Vergleich: Amazon als größter OnlineShop setzt in Deutschland alleine rund 8
Milliarden Euro jährlich um.
Wenig überraschend sind im Mittelstand die Handelsunternehmen die Digitalisierungs-Vorreiter. Jeder dritte Einzeloder Großhändler betreibt E-Commerce
– entweder im direkten Kontakt zum Endverbraucher oder als Lieferant eines anderen Unternehmens. Der Anteil des OnlineUmsatzes am Gesamtumsatz der Branche
erreicht hier mit 25 Prozent den höchsten
Wert im Mittelstand. In allen anderen
Branchen spielt der Online-Vertriebskanal
eine deutlich geringere Rolle. Unter den
mittelständischen Dienstleistern sind
etwa 13 Prozent im E-Commerce aktiv, der
auf diesem Weg erwirtschaftete Umsatzanteil liegt bei 17 Prozent.
Auch wenn E-Commerce in der Breite
des Mittelstands noch nicht angekommen
ist, so macht es einen deutlichen Unter11
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schied bei der Performance, ob ein Unternehmen darauf setzt oder nicht: Wie die
KfW-Analyse belegt, blicken kleine und
mittlere Unternehmen mit ausgeprägten E-Commerce-Aktivitäten zuversichtlicher in die Zukunft und sie haben ein
höheres Umsatzwachstum. Die mittlere
Umsatzwachstumsrate bei Mittelständlern mit erheblichen Online-Umsätzen
(mehr als die Hälfte des Umsatzes) lag
zuletzt sogar bei 15 Prozent – und erreichte damit annähernd das Vierfache
derer von Unternehmen ohne Umsätze
aus E-Commerce (4 Prozent). Allerdings
zeigt sich auch, dass der starke Konkurrenzdruck im Online-Geschäft seine
Spuren hinterlässt, den Spielraum der
Firmen bei der Preissetzung einengt und
so ihre Profitabilität negativ beeinflusst.
Die durchschnittliche Umsatzrendite
mittelständischer Unternehmen mit ECommerce liegt laut KfW-Erhebung bei
4 Prozent, die der Mittelständler ohne
doppelt so hoch bei 8 Prozent.
„Der digitale Vertrieb steckt in weiten Teilen des Mittelstands nach wie vor
in den Kinderschuhen. Das heißt leider
auch: Die kleinen und mittleren Unternehmen nutzen die Chancen, die E-Commerce der Wirtschaft eröffnet, bisher zu
wenig“, sagt Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW. Auch wenn sich nicht jede
Branche gleichermaßen für E-Commerce
eigne, seien die Unternehmen doch auf
E-Commerce ist nicht für jede Branche geeignet.
17. Februar 2017
breiter Front mit sich wandelnden Kundenbedürfnissen konfrontiert. „Ständige Erreichbarkeit, rasche Lieferzeiten,
Echtzeitberatung, individuelle Angebote,
Benutzerfreundlichkeit oder Mobilfähigkeit werden zunehmend nachgefragt
– sowohl von Endverbrauchern als auch
von Unternehmenskunden. Digitale
Vertriebskanäle könnten hier für viele
Mittelständler die Antworten liefern.“
Zudem könnten online Umsätze generiert werden, die auf klassischem Vertriebsweg nicht zustande gekommen wären – etwa durch die Erschließung neuer,
digital-affiner Kundengruppen oder eine
regionale Verbreiterung des Absatzgebietes.
Quelle: Flickr/Jan Hrdina/CC BY-SA 2.0
Impressum Geschäftsführer: Christoph Hermann, Karmo Kaas-Lutsberg. Herausgeber: Dr. Michael Maier (V.i.S.d. §§ 55 II RStV).
Redaktion: Anika Schwalbe, Julia Jurrmann, Cüneyt Yilmaz, Nicole Oppelt, Nicolas Dvorak. Sales Director: Philipp Schmidt. Layout: Nora Lorz. Copyright:
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