- Deutsche Mittelstands Nachrichten

Ausgabe 04
27. Januar 2017
Deutsche
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Wirtschaft
Neue US-Handelspolitik strebt Ende der Steueroasen an
Die geplante Handels- und Steuerpolitik von US-Präsident Trump zwingt alle anderen Staaten zu einer Reaktion
D
ie Kampfansage des Präsidenten an
das Establishment steht auf dem
Prüfstand. Die Reform der Unternehmensbesteuerung soll helfen, die Industrie in den USA wiederaufzubauen. Doch
die bisherigen Vorschläge deuten nur auf
eine weitere Subvention für die global
operierenden Großkonzerne hin. Ohne
eine Überholung des Systems wäre das
Programm zum Scheitern verurteilt – und
zwar mit Crashgefahr.
Das jährliche WEF-Forum in Davos
und die Amtseinsetzung des neuen Präsidenten in den USA hat die Globalisierung
und den freien Welthandel in den Vordergrund gerückt. Dabei stehen sich ideologische Zerrbilder gegenüber. Für die einen
sind Globalisierung und freier Welthandel heile Welt – für Trump repräsentieren
sie den Niedergang Amerikas. Beides ist
falsch. Das Beispiel Apple zeigt, was für
Defekte und perverse Verzerrungen die
gegenwärtige Globalisierung hervorbringt.
Dabei wären einfache Maßnahmen geeignet, die Fehlentwicklungen in den USA zu
korrigieren.
Apple ist ein Paradebeispiel für die Steuerpolitik
der USA.
Quelle: Flickr/obihirorabbit/CC BY 2.0
Die Kritik an der World Trade Organisation (WTO) ist alt. Sie hat schon während
der Verhandlungen zur Ausarbeitung eingesetzt. Kritisiert wurden damals wie bei
TTIP die undemokratischen, intransparenten, hinter verschlossenen Türen ablaufenden Verhandlungen. Konzerne, Verbände und Interessengruppen der Wirtschaft
hatten privilegierten Zugang, während
Konsumentenschützer, Gewerkschaften,
Entwicklungsspezialisten oder Umweltschutzorganisationen
ausgeschlossen
blieben. Die Kritik an der WTO ist dann
periodisch von Globalisierungskritikern
aufgenommen worden. Im Kern sagte die
Kritik, dass die Schwellenländer von den
Industrieländern ausgenutzt würden.
Das klassische Beispiel für diese Kritik betrifft die Landwirtschaft. Sowohl im
NAFTA-Abkommen von 1994 wie unter
der WTO konnten hoch subventionierte
amerikanische und europäische Landwirtschaftsprodukte in Schwellen- und
Entwicklungsländern verkauft werden. Sie
zerstörten dort die Grundlagen der kleinbäuerlichen Produktion. So ist es bereits
im Süden von Mexiko und anderen mittelamerikanischen Staaten bzw. in zahlreichen Regionen Afrikas geschehen. Die
Überflutung durch hochsubventionierte
Landwirtschaftsimporte löste die ökonomisch motivierte Migration von Millionen von Mexikanern und von anderen
Ländern Mittelamerikas in die USA sowie
die Migration von Afrikanern nach Europa
aus.
Doch jetzt kommt die Globalisierungskritik aus einer ganz anderen Ecke.
Es ist der neu gewählte amerikanische
Analyse
Energiekosten: Erzeugerpreise sinken gegenüber dem Vorjahr
Die Erzeugerpreise gewerblicher
Produkte waren im Jahresdurchschnitt
2016 um 1,7 Prozent niedriger als im
Vorjahr. Wie das Statistische Bundesamt
(Destatis) weiter mitteilt, sind die Preise
im Jahresdurchschnitt fast ebenso stark
gesunken wie 2015 (-1,8 Prozent). Gegenüber dem Vorjahr höhere Jahresdurchschnittspreise hatte es letztmalig 2012
gegeben (+1,6 Prozent gegenüber 2011).
Den größten Einfluss auf die Jahresveränderungsrate der Erzeugerpreise
hatte die Preisentwicklung der Energie:
2016 war Energie um 5,8 Prozent billiger
als 2015. Die Preise für Erdgas gingen
dabei um 11,4 Prozent zurück. Mineralölerzeugnisse waren 2016 um 9,5 Prozent
billiger als 2015. Elektrischer Strom kostete durchschnittlich 2,7 Prozent weniger.
Ohne Berücksichtigung der Energiepreise fielen die Erzeugerpreise 2016
gegenüber dem Vorjahr um 0,3 Prozent
(2015 gegenüber 2014: -0,5 Prozent).
Die Preise für Vorleistungsgüter
(Güter, die im Produktionsprozess verbraucht, verarbeitet oder umgewandelt
werden) lagen im Jahresdurchschnitt
2016 um 1,5 Prozent unter denen des
Vorjahres. Hier wirkten sich die Preisrückgänge für Metalle mit -4,7 Prozent
am stärksten aus (2015 gegenüber 2014:
-1,5 Prozent). Chemische Grundstoffe
waren im Jahresdurchschnitt um 3,5
Prozent billiger als 2015. Dagegen stiegen zum Beispiel die Preise für Glas und
Glaswaren um 2,0 Prozent.
Verbrauchsgüter waren im Jahresdurchschnitt um 0,5 Prozent teurer
als 2015. Die Preise für Nahrungsmittel
stiegen gegenüber dem Vorjahr um 0,4
Prozent. Höhere Preise wurden unter
anderem für Zucker (+4,8 Prozent) und
Fleisch ohne Geflügel mit +2,2 Prozent
erzielt. Größere Preisrückgänge gab es
dagegen etwa bei Milch mit -4,3 Prozent
und bei Kaffee mit -3,0 Prozent.
Investitionsgüter waren im Jahresdurchschnitt 2016 um 0,6 Prozent
teurer als 2015, Gebrauchsgüter um 1,2
Prozent.
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Präsident, der die Zerstörung der amerikanischen Industrie moniert und der gerade
deshalb gewählt wurde. Anders als bei der
traditionellen Globalisierungskritik, die
selten über den Rahmen kleiner DritteWelt-Gruppen und allenfalls Gewerkschaften hinausgekommen ist, handelt es sich
keineswegs um Lamentieren in Broschüren und Traktaten oder ums Demonstrieren, sondern um zielgerichtetes Handeln
mit allen Machtinstrumenten des mächtigsten Staates der Welt.
Dabei wird nicht etwa über eine Verbesserung der multilateralen Abkommen
und eine Beseitigung von Schwachstellen
gebrütet oder studiert. Erfahrene Handelsdiplomaten haben immer darauf hingewiesen, dass die Ausarbeitung solcher Abkommen kompliziert, zeitraubend und ein
Geben und Nehmen ist. Die Herstellung
eines Konsenses ist ungewiss und kann im
letzten Moment durch einzelne Außenseiter gestoppt werden. Nicht zuletzt deshalb
ist etwa DOHA, die Nachfolgerunde der
WTO in den 2000er Jahren bisher gescheitert.
Eine ganze Generation akademischer
Nationalökonomen, vom Nobelpreisträger
über den Spezialisten des Fachgebiets bis
zu gewöhnlichen Makroökonomen, vom
Professor im Universitätsbetrieb bis zum
IWF- oder OECD-Stab, muss konsterniert
zur Kenntnis nehmen, dass ihre Expertise
bei der neuen amerikanischen Regierung
nicht gefragt ist.
Viele dieser Ökonomen sind allerdings
auch nicht durch übertriebene Anstrengungen aufgefallen, die Logik der Freihandelsabkommen und ihre Schattenseiten
vertieft zu analysieren. Die meisten haben
sich dadurch ausgezeichnet, dass sie Globalisierung und Freihandel predigten und
hauptsächlich als Anpassungszwang verstanden, denen sich ganze Volkswirtschaften, Regionen oder Bevölkerungsgruppen
bedingungslos unterzuordnen haben. Bei
Fehlverhalten gegenüber diesen Regeln
wurde diagnostiziert, dass ‚der Markt‘ die
Betreffenden hart bestrafen würde.
Der Mangel an akademischer Analyse
und Tiefenschärfe ist teilweise auch thematisch bedingt. Nicht nur die Verhandlungen im Vorfeld der entsprechenden Abkommen waren intransparent. Noch viel
mehr gilt dies für die konkreten Praktiken
der Konzerne und multinationalen Unter-
nehmen einerseits sowie der verschiedenen Staaten andererseits seither. Es gibt
wenig öffentlich zugängliche Informationen darüber, was wirklich die Standortentscheide beeinflusst. Die Kernpunkte und
Details von Verträgen sind geheim und
selbst innerhalb von Großkonzernen nicht
über einen engen Personenkreis hinaus
bekannt. Auch die Vertragsangebote von
Staaten sind nicht öffentlich und nicht bekannt. Sicher weiß man, dass die Schweiz
sowie in der EU Irland, Luxemburg und die
Niederlande spezielle Steuerbedingungen
anboten. Dann moniert man über China,
dass es breit basiert Exporte subventioniere.
Das Muster-Beispiel für die heute üblichen und erfolgsversprechenden Praktiken im ‚freien Welthandel‘ ist Apple. Dieses
Unternehmen ist über die vergangenen 20
Jahre hinweg die größte Erfolgsgeschichte in der Technologiebranche. Apple ist
heute das höchstkapitalisierte Unternehmen der Welt, mit einem Cash-flow und
einer Finanzkraft, die unvergleichlich sind.
Das Unternehmen erzielt einen Umsatz
von rund 215 Milliarden Dollar und hat
eine Gewinnmarge von 35-40 Prozent am
Umsatz. Apple ist ein auf Geheimhaltung
bedachtes Unternehmen, weil nicht nur
seine Produkte innovativ sind oder mindestens waren, sondern auch was seine
allgemeinen Geschäftspraktiken betrifft.
Über die Jahre hinweg sind durch einen
Ausschuss des amerikanischen Kongresses (2013) und durch Recherchen der New
York Times (2016) interne Grundlagen und
Verträge publik gemacht worden, wie diese
Steuer- und Geschäftspraktiken gehandhabt werden.
Apple zahlt weltweit außerhalb der
USA praktisch keine Steuern, obschon oder
gerade weil es eines der profitabelsten Unternehmen der Welt ist. Das Unternehmen
erreicht die Steuerschonung durch Niederlassungen in Irland und in Ländern wie
China, die keine Nationalität und dadurch
keine Steuerpflicht oder Steuerdeals ohne
Steuerpflicht haben. Apple produziert
auch praktisch nicht mehr, sondern lässt
seine Produkte von Auftragsfertigern produzieren, hauptsächlich von Foxconn in
China oder von Flextronics. Apple übt eine
rigorose Kontrolle seiner Lieferkette aus.
Indirekt nutzt Apple dadurch Steuervorteile, riesige Subventionen, regulatorische
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Privilegierung, extrem tiefe Arbeitskosten,
überlange Arbeitszeiten einer militarisierten Beschäftigtenschar und staatliche Darlehen zu Dumpingzinsen aus.
Wie viele andere Tech-Firmen produzierte Foxconn zunächst in der Küstenregion Shenzhen für Apple, d.h. im Süden
Chinas gerade jenseits von Hongkong. Bei
der Ausweitung der Produktion von iPhones ab 2010 vollzogen Apple und Foxconn
eine veränderte Standortwahl. Sie erhielten einen Deal mit der Stadt Zhengzhou in
der Provinz Henan im Landesinnern, einer
der ärmsten Provinzen Chinas. Foxconn
zog dort Werke hoch, wo heute insgesamt
350.000 Beschäftigte exklusiv für das
iPhone arbeiten. Es ist eine quasi-ausländische Enklave (‚iPhone-City’), sodass keine
Zölle und Mehrwertsteuer für importierte Komponenten bezahlt werden müssen.
Die Güter müssen für den chinesischen
Markt physisch auch nicht exportiert werden wie in Shenzhen. Foxconn verkauft
die iPhones in dieser Enklave an Apple,
welche sie weiter nach China und an ihre
steuerbefreiten Niederlassungen in den
anderen Absatzmärkten der Welt verkauft.
Die Transaktionen dürften dadurch auch
nicht vollumfänglich in den Handelsbilanzen erfasst sein. Nur was aus China an Vorleistungen vorbezogen und dorthin ausgeliefert wird, dürfte in der chinesischen
Handelsbilanz erscheinen. Die Stadt verpflichtete sich, den 1997 erbauten Flughafen speziell auf die Bedürfnisse von Apple
für 10 Milliarden US-Dollar auszubauen.
Sie übernahm auch die Kosten für den Bau
von Wohnungen und Baracken für die Arbeitenden im Werk, ebenso für Transport
und Infrastruktur wie Elektrizitätsversorgung. Auch bezahlt sie die Kosten für die
Rekrutierung, die Ausbildung und für das
Training der Beschäftigten sowie einen
großen Teil der Sozialversicherungsbeiträge. Schließlich gab die Stadt Zhengzhou
ein Darlehen von 250 Millionen US-Dollar
für den Bau der Werke an Foxconn. Sie
gewährte ferner komplette Steuerbefreiung für die ersten 5 Jahre und halbierte
Steuersätze für weitere 5 Jahre. Die Stadt
garantiert auch für militarisierte, hochdisziplinierte Arbeitsverhältnisse. Apple
und Foxconn tragen auch keine Risiken für
Schwankungen des Geschäfts. Die Beschäftigten können über die Stadt praktisch innerhalb von Stunden zur Arbeit gerufen
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und wieder heimgeschickt oder entlassen
werden. Apple produziert bzw. lässt rund
die Hälfte seiner iPhones, rund 500.000
pro Tag, in diesem riesigen Fabrikkomplex
produzieren.
Der Fall Apple ist nur bekannt geworden, weil das Unternehmen so prominent
und auch für viele Hundert Millionen Konsumenten positiv konnotiert und sinnlich
erfahrbar ist. Doch es ist absoluter Standard unter multinationalen Unternehmen, was Apple macht. Apple präsentiert
sich sogar als ein Nachzügler in Bezug
auf diese Form von Globalisierung. Unter
Steve Jobs galt ‚Made in USA‘ bis Ende der
1990er Jahre als Qualitätsmerkmal der
Macintosh Computer. Die Fähigkeit, Hardund Software gleichzeitig zu entwickeln
und zu produzieren, wurde lange als USP
verkauft. Damit wurde begründet, dass
die Macs den PCs überlegen seien, und
auch die erkleckliche Preisdifferenz zu diesen gerechtfertigt. Dies änderte sich, als
Apple Ende der 1990er Jahre in eine existenzielle Krise ohne wettbewerbsfähige
Produktepipeline geriet. Dann wurde der
Compaq-Ingenieur und heutige CEO Tim
Cook rekrutiert, der als COO das Outsourcing-Modell von Apple begründete. Apple
vollzog nur nach, was viele andere TechFirmen bereits in den 1980er und 1990er
Jahren begonnen hatten. Der Kern war das
Outsourcing zu Foxconn und damit nach
China. Nicht nur die Werke in den USA, in
Kalifornien, Texas und New York wurden
geschlossen, auch dasjenige in Irland, wo
Apple in der Periode des keltischen Tigers
für den europäischen Markt produziert
hatte. Durch die Allianz mit Foxconn hat
Apple eine erhebliche Marktmacht. Gemäß Schätzungen werden bei Foxconn,
übrigens einem Unternehmen im taiwanesischen Besitz, 40 Prozent der Elektronikprodukte in China produziert. Apple ist
dabei der wichtigste Kunde.
China zieht also einmal wegen geringer Arbeitskosten die Produktion in der
Wachstumsbranche Computer- und Technologieindustrie an sich. Nicht nur sind
die Löhne in einer der ärmsten und vom
Boom vorher nicht berührten Regionen
des Landes sehr niedrig, viel niedriger als
in Shenzhen, wo Apple noch immer die andere Hälfte der iPhones fertigen lässt. Die
Foxconn-Werke dort waren in den Jahren
2010-2014 unter Beschuss geraten, weil
die Arbeitsbedingungen teilweise prekär
waren: Zwangsarbeit, den Beschäftigten
wurden die Pässe abgenommen, Kinderarbeit, überlange Arbeitszeiten von 12 bis 16
Stunden pro Tag, sowie die Verletzung elementarer Gesundheits- und SicherheitsStandards sind an der Tagesordnung. Wer
nicht mitkommt, verliert sofort den Job.
Nach Jahren dieser Arbeit sind viele Beschäftigte ausgelaugt, haben Krankheiten,
Gesundheitsschäden oder sind schlicht
gebrochen. Foxconn wurde bekannt, weil
verschiedene jüngere Arbeiter im Werk
Selbstmord begangen hatten.
Über die Arbeitskosten hinaus kommt
aber noch viel mehr hinzu. China subventioniert Exporte auf vielfältige Weise
– weit über das offenbar immer noch fast
unerschöpfliche Arbeitsangebot hinaus.
Das Land beziehungsweise Städte und
Provinzen helfen den ausländischen Multinationalen auch mit den Steuervermeidung-Strategien. Sie schaffen im Falle von
Apple sogar extraterritoriale Zonen mit
Zollbüros, welche für die Beihilfe zur globalen Steuervermeidung konzipiert sind.
Chinas Städte und Regionen gewähren
konkurrenzlos tiefe Kapitalkosten, hohe
Subventionen für den Bau und für den
Betrieb von Werken und Infrastruktur. Außerdem übernehmen sie einen guten Teil
des Unternehmerrisikos – wohlgemerkt
nicht, um kleine Start-ups zu finanzieren,
sondern die größten Firmen der Welt.
Am Beispiel Apple lässt sich sehr gut
dokumentieren, wie Globalisierung und
moderner Welthandel effektiv funktionieren. Es ist ein anderes Bild, als das TheorieLehrbuch mit komparativen Kosten und
allgemeinen Wohlstandsgewinnen durch
die Spezialisierung vermittelt. Die erfolgreichen Unternehmen – multinationale
aus den USA wie aus Europa und anderswo
– verwenden einen wesentlichen Teil ihrer
Optimierung auf Steuern, Regulationen,
Subventionen, Kapital- und Arbeitskosten.
Auch Lieferketten spielen je nach Charakter der Industrie eine Rolle. Anders als öffentlich behauptet wird, können sie in der
Technologieindustrie durchaus geschaffen
oder kompensiert werden. Zhengzhou ist
weit weg von der Küste, von Shenzhen und
die Zulieferindustrie konzentriert ist. Im
Fall von Zhengzhou/Apple wurde die fehlende Lieferkette kompensiert, indem ein
Großflughafen die Zulieferungen und den
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weltweiten Versand der fertig montierten
iPhones ermöglichte. Es wäre durchaus
möglich, in Kalifornien recht schnell ein
Werk analog demjenigen in Zhengzhou
zu errichten. Diese Konzerne sehen sich in
der Situation, Steuerdeals und Gesamtpakete zu kaufen und Arbitrage zu betreiben.
Verschiedene Voraussetzungen sind
für diese Form der Globalisierung essentiell:
In den USA begünstigt das generelle
Steuerregime für die Unternehmen das
Outsourcing – vor allem in den letzten
20 Jahren. Einem relativ hohen offiziellen
Steuersatz für Unternehmen von 35 Prozent in den USA stehen nicht nur niedrigere offizielle Steuersätze in vielen anderen
Ländern gegenüber. Diese Differenz ist vor
allem in den letzten 20 Jahren entstanden
oder angewachsen. Im Prinzip gilt in den
USA anders als in den meisten Ländern
nicht das die Territorialprinzip, sondern
die globale Besteuerung amerikanischer
Unternehmen und Individuen. Bei den
Unternehmen wird die globale Besteuerung aber nicht durchgesetzt, anders als
bei Individuen. Die globale Besteuerung
setzt erst ein (‚deferral‘), wenn die Dividenden ausländischer Tochtergesellschaften
oder Beteiligungen effektiv in die USA repatriiert werden. Das führt zur perversen
Hortung von mehreren Tausend Milliarden Dollar in Steueroasen durch amerikanische Großunternehmen. Aktuell werden
diese Beträge auf rund 2.6 Billionen Dollar
geschätzt.
Diese Steuer-Regeln sind heute obsolet und kontraproduktiv, hatten aber
ihren historischen Hintergrund. Sie entsprangen der Periode, als Amerika die Welt
ökonomisch dominierte, und seine Unternehmen noch homogen operierten und
ihre Auslandaktivitäten vornehmlich auf
Niederlassungen in den OECD-Ländern
konzentrierten. Der Steueraufschub (‚taxdeferral’) ist keine Ausnahmeregel im amerikanischen Steuersystem. Der Steueraufschub impliziert für die Eigentümer von
Unternehmen, dass sie nicht aufgrund der
Unternehmensgewinne, sondern erst bei
Verteilung dieser Gewinne, aufgrund der
ausbezahlten Dividenden oder anderer
Zuteilungen, besteuert werden. Dies wird
auch für Beteiligungen von Unternehmen
an ausländischen Tochtergesellschaften
angewandt. Ökonomisch macht es jedoch
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keinen Unterschied, ob eine Niederlassung
oder Tochtergesellschaft vorliegt. Der Unterschied liegt nur im Steuerstatus.
Geheime, aber durchaus standardmäßig abgeschlossene Steuerabkommen in
einzelnen Ländern Europas, in China wie
auch in anderen Ländern Asiens befreien
diese Unternehmen entweder teilweise
oder praktisch global von Steuerzahlungen, wenn sie gezielt ein Outsourcing und
eine entsprechende Optimierung betreiben. Das Gegenstück zu den hohen Steuersätzen in den USA sind also meist nicht
die etwas niedrigeren Standardsätze anderswo. Denn in den USA können die Unternehmen die effektiven Steuersätze mit
Abschreibungen und Verlustvorträgen erheblich reduzieren. Da wäre die Differenz
zum Rest der Welt gar nicht so schwerwiegend. Was das Outsourcing wirklich
ausmacht und auslöst, sind spezifische
Steuer-Vorbescheide (‚tax rulings‘) von
Ländern außerhalb der USA. Länder wie Irland, Luxemburg, die Niederlande, früher
die Schweiz, China, Singapur und andere
gewähren Steuerbescheide, welche diesen Großunternehmen die Kreation von
Gefäßen mit geringem oder sogar ohne
irgendwelchen organisatorischen Inhalt
erlauben. Dazu gehören auch Steuerparadiese wie die Bermudas und ähnliche. Diese individuellen Steuerabkommen sind
im Ursprung häufig aus einer Politik der
Standortförderung vor allem in benachteiligten Regionen entstanden. Sie haben
sich aber über die letzten 20 Jahre in eine
eigentliche perverse Spezialindustrie verwandelt, wo unfaire und intransparente
individuelle Steuerregimes resultieren.
Sie repräsentieren im Effekt vor allem in
der Kombination mit den ‚deferrals‘ nichts
anderes als einen Betrug an den amerikanischen Steuerzahlern. Dies gilt natürlich
auch gegenüber den Steuerzahlern, wenn
die Unternehmen aus anderen Ländern
stammen.
Drittes Element für die Form der Globalisierung der letzten 20 bis 30 Jahre ist
das Transfer-Pricing, die Bewertung oder
Verrechnung konzerninterner Lieferungen oder Leistungen. Es ist schwierig, innerhalb größerer Unternehmen korrekte
Preise für alle intern erbrachten Produktionsprozesse und Dienstleistungen festzulegen. Es gibt von der Natur der Sache her
substantielle Ermessensspielräume. Die
Unternehmen haben die Globalisierung
dazu verwendet, die früher kombinierten
Aktivitäten in spezialisierte Entwicklungs-,
Produktions- und spezifische Dienstleistungsgesellschaften wie Finanz- und
Verkaufsgesellschaften aufzuteilen, und
solche Gesellschaften selbst global zu optimieren. Dabei spielen regulatorische und
steuerliche Aspekte immer eine zentrale
Rolle. Die Unternehmen können so Gewinne aus den Ländern mit hohen Steuersätzen teilweise oder vollständig in die Gesellschaften mit günstigen Steuersätzen oder
sogar Nullsteuern umleiten. Beispiel: Man
gründet eine Finanzgesellschaft in Steuerparadiesen, welche konzerninterne Darlehen zu überhöhten Zinssätzen an Produktions- oder Verkaufsgesellschaften in
Ländern mit hohen Steuersätzen gewährt.
Die Umleitung in diese Steuerparadiese
gelingt, weil diese Konzerne interne Lieferungen zwar ökonomisch falsch, aber aus
Steuersicht optimiert verrechnen können.
Das geht aber nicht nur bei den Gewinnen
und Verlusten in der Erfolgsrechnung.
Diese Praxis impliziert selbstverständlich,
dass Exporte, Importe und der Kapitalverkehr aus den verschiedenen Ländern
auf der Ebene dieser Gesellschaften ökonomisch verzerrt ausgewiesen sind. Sie
stehen unter dem Diktat der konzerninternen Steueroptimierung.
Eine spezifische und wichtige Rolle
spielt in diesem Zusammenhang für die
USA die Verbuchung des Geistigen Eigentums (engl. ‚Intellectual Property‘, kurz
IP). Die USA sind ein Land mit enorm
hoher Forschungs- und Entwicklungsintensität in Branchen mit langfristig und
zukünftig sehr hohen Wachstumsraten.
Viele Unternehmen aus forschungsintensiven Branchen wie der Informationsund Kommunikation-Technologie (ICT),
der Pharma- oder Biotechnologie, oder
der Medizintechnik sind genau wie Apple
Weltmarktführer in ihrem Segment oder
in ihrer Branche. Die drei zitierten forschungsintensiven Branchen entwickeln
neben weiteren Sparten effektiv ihre Produkte in den USA. Diese Branchen zeichnen sich, sehr stark verkürzt, dadurch aus,
dass sie voraussichtlich zu den Hauptgewinnern der Mega-Trends der laufenden
und der nächsten Dekaden zählen. Stichworte sind die Digitalisierung und die Alterung der Gesellschaften in den USA, aber
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eben auch in Europa inklusive Russland,
China, Japan, Korea usw. Die amerikanischen Unternehmen dieser Branchen, häufig die Weltmarktführer, lassen aber systematisch bedeutende Teile der Produktion
im Ausland produzieren und halten dort
steuerlich privilegierte Gesellschaften.
Dort fallen die Umsätze, Gewinne an, aber
nur teilweise oder nicht die Kosten. Denn
typisch für diese Branchen ist, dass sie
die IP zu Discountpreisen oder gratis an
Gesellschaften in solche Steuerparadiese
übertragen. Der klassische Fall ist eben
Apple. Seine IP wurde bis 2013 fast gratis
an Apple Sales International (ASI) in Irland
übertragen. Die Gewinne von ASI wurden
dann mehrheitlich in eine Gesellschaft
ohne Länderzugehörigkeit transferiert, die
in Irland über kein Personal verfügt, deren
Leitungs- und Aufsichtsorgane in den USA
residieren und dort die Sitzungen durchführen.
Der wichtigste Punkt ist, dass die Entwicklungskosten für diese Unternehmen
sehr hoch sind und dass der ForschungsErfolg oder -Misserfolg die Differenz zu
den Wettbewerbern ausmacht. Von daher
ist es falsch, wenn sie die IP kostenlos oder
zu Discountpreisen an steuerbegünstigte
Gesellschaften ohne wesentliche Aktivität
in Steuerparadiesen im Ausland übertragen können. Ökonomisch korrekt ausgedrückt sind die Exporte der Vereinigten
Staaten von Gütern und Dienstleistungen
bedeutend höher, als sie in der Handelsund Dienstleistungsbilanz erfasst werden
können. Dort werden nämlich die Buchhaltungswerte erfasst. Diese sind aber verzerrt, denn die Unternehmen haben allen
Anreiz, möglichst die IP-Erträge im Ausland anfallen zu lassen. Das Gegenstück zu
dieser Praxis sind diejenigen Länder, welche sehr tiefe Besteuerung der IP haben.
Am extremsten ist dies in Frankreich, welches IP-Erträge nur mit einem Steuersatz
von 1 Prozent besteuert. Dort ist der Anreiz
extrem, IP-Erträge möglichst aufzublasen
und die Produktion außerhalb des Hochsteuerlandes Frankreich in Ländern mit
tieferen Steuersätzen anzusiedeln. Frankreichs Dienstleistungsexporte dürften
deshalb zu hoch ausgewiesen sein.
Der Standort China ergänzt das bizarre Bild von Globalisierung und freiem
Welthandel. Dort werden nicht nur keine
Steuern und Sozialabgaben bezahlt. Die
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Werksansiedlung wird auch durch gewaltige Subventionen und Finanzierungsbeihilfen erreicht. Durch staatlich überwachte und garantierte Überausbeutung sowie
durch ein breites verfügbares Arbeitskräftepotential sind die Arbeitskosten in China ein Bruchteil derer in den USA. Auch
andere Kostenfaktoren wie Umweltschutzvorschriften sind dort niedriger. In der Essenz nutzt China durch steuerliche und
regulatorische Tricks sowie durch enorme
Finanzierungsbeihilfen die Schwachstellen des amerikanischen Steuersystems sowie die Optimierung der Multinationalen
gnadenlos aus. China hat keine wichtige
Forschung oder Innovationskraft in der
ICT-Industrie entwickelt. Das Land hat so
aber erreicht, dass heute ein beträchtlicher
Teil der weltweiten Wertschöpfung nicht
im Mutterland der Innovation, sondern in
China anfällt. Selbst die ganze Lieferkette
in der gesamten Industrie ist heute dort
angesiedelt.
Die Vorstellung, dass der freie Welthandel eine optimale Allokation der weltweiten Ressourcen erlaubt, ist irregeleitet.
Was in den Reportagen über diese Praktiken immer vermieden, verschwiegen
oder ganz einfach nicht verstanden wird,
ist der Zusammenhang mit der Finanzund der Geldpolitik Chinas. Hinter diesen
Steuererlässen, vielfältigen Subventionen,
Darlehen zu konkurrenzlos günstigen
Kreditsätzen stecken im Kern eine ultraexpansive Finanz- und Geldpolitik, die auf
spezielle Weise kombiniert sind. China hat
dadurch den Welthandel mit Praktiken
verzerrt, die anderswo unmöglich und illegal wären.
Globalisierung und freier Welthandel haben so extrem ungleiche Gewinner
und Verlierer hervorgebracht. Hinter den
beiden Schlagworten verbirgt sich eine
Realität, welche nichts mit der LehrbuchUtopie zu tun hat. Wenn man dem neuen
amerikanischen Präsidenten und seinen
Beratern/Ministern glaubt, sind hauptsächlich die Handelsabkommen wie WTO
oder NAFTA schlecht verhandelt und müssen drastisch korrigiert werden. China hält
sich dieser Lesart zufolge außerdem nicht
an die die WTO-Regeln. Daran gibt es unzweifelhaft viel Wahres. Importzölle, eine
Veränderung des Steuersystems inklusive,
drastische Maßnahmen bis hin zum Handelskrieg, Ende der Globalisierung, Ameri-
kanismus sollen die Lösung sein. Das wäre
wohl der falsche Weg – nicht nur für die
Zukunft des Welthandels, sondern vor allem für die Vereinigten Staaten selbst.
Denn es gibt eine zweite Ebene – und
die ist für die Vereinigten Staaten viel
mächtiger. Es ist die Steuergesetzgebung.
Die Vereinigten Staaten haben viele der
wettbewerbsfähigsten und wachstumsstärksten Industrien, Branchen und Firmen der Welt: ICT, Pharma- und Biotechnologie, Medizintechnik, Flugzeugbau
und Weltraumtechnik, Elektroindustrie,
Finanzindustrie und andere mehr. Kaum
eine andere Volkswirtschaft ist von der Innovationskraft her derart gut aufgestellt
wie die USA. Trotzdem haben die Vereinigten Staaten nur eine geringe Exportquote.
Die im Branchenvergleich sehr gut zahlende Industrie verliert seit 15 Jahren massiv
an Arbeitsplätzen. Aufgrund der starken
Koppelungseffekte sind auch viele vorund nachgelagerte Branchen von dieser
Desindustrialisierung betroffen. Die hohe
Wettbewerbsfähigkeit übersetzt sich deshalb nicht in steigendem Lebensstandard
der Bevölkerung. Sie schlägt sich zwar in
hohen Aktienpreise, dafür stagnierenden
oder fallenden Realeinkommen, schweren
Beschäftigungsverlusten und riesig angewachsenen Budgetdefiziten und Staatsverschuldung nieder. Schuld daran ist, anders
als eine kürzlich veröffentlichte WEF-Studie behauptete, nicht der technische Fortschritt, sondern das Outsourcing.
Das Beispiel Apple zeigt exemplarisch,
woran dies liegt. Es ist ein komplexes Ursachenbündel und die Schuld liegt keineswegs beim Ausland – Mexico oder China
allein. Zuvorderst steht die verquere amerikanische Steuergesetzgebung für Unternehmen. Diese provoziert geradezu das
Outsourcing. Sie enthält eine Besteuerung
der global erzielten Unternehmensgewinne, was per se weder falsch noch richtig ist.
Sie kombiniert dies aber mit zeitlich quasi
unlimitierten Steueraufschüben (tax deferrals), bis die bei ausländischen Töchtern
oder Beteiligungen erzielten Gewinnen
repatriiert sind. Logisch, dass die global tätigen Unternehmen dort produzieren, wo
die Steuern tiefer sind, und ihre Gewinne
im Ausland bunkern.
Der zweite Grund sind die Steueroasen und Steuerparadiese für Unternehmen dieser Welt. Es ist nicht die Differenz
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der Standard-Steuersätze zum Ausland,
sondern es sind die Ausnahmeregeln,
welche erst richtig den Anreiz zum Outsourcing schaffen. Die amerikanischen
Unternehmen sind aggressiv in den Steuervermeidungs-Praktiken und nutzen alle
Steueroasen wie die Schweiz, das Vereinigte Königreich, Irland, Luxemburg, die
Niederlande, geschweige denn die Fiskalparadiese wie Bermudas, die britischen Inseln, Singapur, Hongkong und China aus.
Sie schaffen diese Opportunitäten, indem
sie Steuer-Rulings aktiv einholen. Eine internationale Aufteilung und Optimierung
der ganzen Organisation aufgrund der
regulatorischen und steuerlichen Gepflogenheiten gehört zum Erfolgsrezept nicht
nur für globale Multis, sondern jedes größeren Unternehmens.
Was sind die Schlussfolgerungen? Der
neue Präsident Trump hat eine extrem
protektionistische, rein binnenwirtschaftlich geprägte Agenda angetönt. Das wäre
hoch riskant für ein Land, dessen Konzerne
weltweit tätig sind – oft als Weltmarktführer, die gut aufgestellt sind für die Zukunft.
Bevor er auf den Rest der Welt losgeht, sollte er zuerst die Hausaufgaben machen.
Trump hat in seiner Antrittsrede die politische Klasse attackiert und angekündigt,
ab jetzt damit zu brechen. Auf dem Gebiet
der Steuergesetzgebung findet er fruchtbares Terrain vor.
Das wichtigste ist eine Steuerreform,
welche die Anreize für Unternehmen zur
Auslagerung aufhebt. Dafür braucht es
zwei Maßnahmen: Die Steuersätze für Unternehmen in den USA müssen abgesenkt
werden, auf ein international vergleichbares Niveau bei den Standardsätzen. Und
das Prinzip der Globalbesteuerung müsste
bei den Unternehmen genauso durchgesetzt werden, wie dies bei den Individuen
der Fall ist. Der zeitlich unbegrenzte Steueraufschub läuft diesem Prinzip zuwider.
Wenn die amerikanischen Unternehmen
im Ausland einen ähnlichen bzw. denselben Steuersatz bezahlen müssen wie in
den Vereinigten Staaten, so entfällt der
steuerliche Anreiz zur Auslagerung. Selbst
wenn sie im Ausland keine Steuern bezahlen würden, dann müssten sie die volle
Differenz zum amerikanischen Steuersatz
in die USA überweisen. Eine modifizierte Variante wurde 2016 im Übrigen von
der Obama-Administration vorgeschla5
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gen, hatte aber im Kongress aufgrund des
Wahljahrs keine Chance.
Die beiden bisher von den Republikanern vorgelegten Steuerkonzepte gehen
deshalb an diesem Kern des Problems vorbei.
Die vom Präsidenten favorisierte Absenkung des Steuersatzes auf 15 Prozent ist
nur auf den ersten Blick überzeugend. Sie
würde nämlich das Steuersystem unverändert beibehalten. Im Fall von Apple reduziert sich dann die Steuerlast von jetzt 19
Milliarden auf noch 7-10 Milliarden – dies
bei einem globalen Umsatz von rund 215
Milliarden Dollar. Aber im Ausland würde
Apple immer noch praktisch keine Steuern zahlen. Warum soll Apple dann überhaupt etwas zurückverlagern? Und warum
nicht weiter im Ausland ausbauen? Was
für Apple gilt, trifft in Abstufungen für
viele andere Unternehmen vor allem aus
diesen Wachstumsbereichen zu. Der zweite Nachteil dieser Lösung wäre der massive
Rückgang der gesamten Steuereinnahmen
des Bundes. Denn mit Abschreibungen,
Verlustvorträgen und vielen weiteren Lücken im Steuersystem würde der effektive
Steuersatz dann auf deutlich unter 10 Prozent fallen. Schließlich löst er damit nur
eine gewaltige Spirale weltweit nach unten für die Unternehmenssteuersätze aus
– eine Garantie für endlose Sparübungen
und geringes Wirtschaftswachstum in den
externen Absatzmärkten.
Die vom Kongressführer Paul Ryan
propagierte Absenkung des Standardsatzes auf 20 Prozent, dafür mit verändertem Steuersystem, ist eher logischer – bis
auf zwei Punkte. Denn Ryan will alle Vergünstigungen wie für Abschreibungen,
Verlustvorträge und viele andere Positionen streichen. Damit würde die Steuersenkung gegenüber heute wesentlich weniger
weit reichen. Die Steuerausfälle würden
reduziert. Ryan behauptet sogar, das Ganze wäre steuerneutral. Aber die Differenz
zum Ausland würde auch so strukturell
beibehalten. Sie wäre quantitativ unverändert. Dies wird bei Ryans Vorschlag durch
eine Steueranpassung je nach Destination
(engl. border tax adjustment) korrigiert.
Exportumsätze wären steuerbefreit, Importe steuerlich nicht als Vorleistungen
absetzbar. Dieser Vorschlag enthält viele
inhärente Widersprüche. Die Anpassung
nach Destination verteuert Zulieferungen
aus dem Ausland auch da, wo sie unumgänglich sind. Gegenüber Konkurrenten
wie in China, teilweise anderswo in Asien
oder in Europa, welche ebenfalls keine
oder geringe Exportsteuern zahlen, würde
dies die Wettbewerbsfähigkeit behindern.
Sie würde auch den seit der Finanzkrise strukturell schwachen Konsum durch
Preissteigerungen belasten. Schließlich ist
sie sachlich nicht begründbar und würde
wohl Gegenmaßnahmen der Handelspartner bis zum Handelskrieg auslösen.
Die Steuersätze für Unternehmen in
den USA zu senken, das System aber beizubehalten und ergänzend Importsteuern zu erheben, ist kontraproduktiv. Was
die USA bräuchten, ist nicht vor allem die
Reduktion des Imports. Der Güterimport
macht ohnehin nur 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Mit ihren äußerst
wettbewerbsfähigen und wachstumsstarken Industrien müssten die USA vor allem
im Export massiv zulegen können. Der
Güterexport beträgt ganze 8 Prozent des
BIP. Dieser Anteil müsste sich auf 5-7 Jahre
hinaus locker verdoppeln und auf 10 bis 15
Jahre hinaus verdreifachen lassen. Nur so
können genügend industrielle Arbeitsplätze geschaffen werden, welche gut bezahlen
und darüber hinaus positive Effekte auf
die vor- und nachgelagerte Sektoren ausüben.
27. Januar 2017
Trump hat sich bei seiner Amtseinführung als Kämpfer gegen die Elite und
die korrupte politische Klasse präsentiert.
Wenn er die Steuergesetzgebung nur insofern ändert, dass die Steuersätze für Unternehmen in den USA sinken, aber nichts an
der flagranten Steuerbegünstigung für die
Auslandgesellschaften geändert wird, verpufft die Wirkung. Er würde damit nämlich die Politik der republikanischen und
demokratischen Administrationen der
vergangenen 25 Jahre fortsetzen, die die
international tätigen Großkonzerne noch
mehr von der Besteuerung ausnimmt. Für
Trump ist die Steuerreform für Unternehmen nicht nur eine Frage der Glaubwürdigkeit, sondern auch diejenige von Erfolg
und Scheitern seiner gesamten Präsidentschaft. Ohne eine massive industrielle Renaissance haben die USA keine Chance, die
angepeilten 4 Prozent Wirtschaftswachstum zu erreichen. Alle sonstigen geplanten Ausgaben wie für die Infrastruktur, unveränderte Sozialwerke etc. wären dadurch
überhaupt nicht finanzierbar. Trump
könnte nicht liefern.
Bisher hat Trump eine Bonanza für
alle versprochen. Die kann es angesichts
der Verschuldung und der Schuldendynamik der Vereinigten Staaten nicht geben.
Weitere Steuervergünstigungen für Konzerne, die bisher schon durch das Gesetz
und die Praxis der Steuervermeidung
immer mehr entlastet wurden, sind nicht
nur unfair, sondern sogar systemgefährdend. Die neue Administration hat keine
Spielräume für weitreichende Steuergeschenke und riesige Ausgabenprogramme. Wo Steueranpassungen sinnvoll sind,
müssten sie durch Mehreinnahmen kompensiert werden. Im Falle der Unternehmenssteuern könnte dies durch die Steuerzahlungen der Auslandsgesellschaften
erfolgen.
E-Mobilität
Deutsche Autokäufer vertrauen etablierten Herstellern
Newcomer in der Elektroauto-Branche sind bei interessierten Kunden weniger beliebt als traditionelle Autobauer
D
ie große Mehrheit der Kunden vertraut beim möglichen Kauf eines
Elektroautos den etablierten Autoherstellern mehr als neuen Anbietern. 75
Prozent der deutschen Autokäufer halten
traditionelle Autobauer für am vertrauenswürdigsten, nur knapp jeder Vierte
nennt neue, auf E-Mobilität spezialisierte
Hersteller. Lediglich zwei Prozent würden
beim Kauf eines E-Autos IT-Konzernen
vertrauen. Trotz der bislang verhaltenen
Absatzzahlen für Elektrofahrzeuge ist
das Interesse der Kunden grundsätzlich
vorhanden: Fast jeder zweite Befragte hat
beim jüngsten Autokauf ein E-Fahrzeug
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zumindest zwischenzeitlich in Erwägung
gezogen. Dies sind die wichtigsten Ergebnisse einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Company
mit dem Titel „Electrifying insights: How
automakers can drive electrified vehicle
sales and profitability“. Die Analyse basiert auf Umfragen unter mehr als 1.000
Autokäufern in Deutschland sowie weiteren 6.000 Kunden in den USA, China und
Norwegen.
„Die Autohersteller stehen vor der
Schwierigkeit, in ihrer Strategie die richtige Balance zu finden“, sagt Nicolai Müller, Seniorpartner im Kölner Büro von
McKinsey. „Einerseits müssen sie ausreichend Fahrzeuge mit Elektroantrieb
verkaufen, um die Flottengrenzwerte für
Emissionen einzuhalten. Andererseits
mindern die hohen Kosten für die Batterien die Profitabilität von E-Fahrzeugen.
Und gleichzeitig müssen Hersteller ihre
konventionellen Antriebe verbessern, die
gute Gewinne abwerfen.“
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die
Batteriepreise – der größte Kostenblock
bei E-Fahrzeugen – sind zwischen 2010
und 2016 um rund 80 Prozent gefallen
und liegen für das Gesamtbatteriepack
aktuell bei rund 230 US-Dollar pro Kilowattstunde (kWh). Bei einer typischen
Batteriegröße von 60 kWh bedeutet dies
Mehrkosten von knapp 14.000 Dollar
gegenüber einem herkömmlichen Auto,
da die Kosten für Motor, Getriebe und
Tank (bei einem Auto mit Verbrennungsmotor) bzw. für Elektromotor und Steuerungselektronik (E-Fahrzeug) vergleich-
27. Januar 2017
Das Interesse an elektrisch betrieben Autos ist durchaus vorhanden.
Quelle: Flickr/Paul Krueger/CC BY 2.0
(Besitzer). „Autohersteller sollten ein großes Augenmerk darauf legen, Vorurteile
der Kunden abzubauen und die Vorteile
von Elektroautos wie den geringen Verschleiß und die verzögerungsfreie Beschleunigung herausstellen“, sagt Timo
Möller, Automobilexperte von McKinsey.
Für die Hersteller gilt es nun, neue
Kundengruppen zu erschließen. Müller:
„Während sich in der ersten Welle Avantgardisten und relativ wohlhabende Kunden für ein E-Fahrzeug entschieden haben, muss die E-Mobilität nun auch für
preissensiblere Kundensegmente interessant werden“.
Unter E-Fahrzeugbesitzern
hat heute in Deutschland
knapp die Hälfte ein verfügbares Haushaltseinkommen
von 75.000 Euro und mehr,
bei den an E-Autos Interessierten sind es nur noch
35 Prozent. Laut der Studie
wären neue Mobilitätskonzepte wie Carsharing und
auf App-basierte Taxi- und
Transportdienstleistungen
ein möglicher Weg, um die
Mehrkosten der Technologie für Kunden und HerstelDurchschnittlicher E-Batteriepreis in US-Dollar pro kWh + Verkauf von E-Autos in China, EU und USA. Quelle: McKinsey, IHS, Bloomberg, New Energy Finance
ler zu minimieren.
bar hoch sind. Dieser Aufpreis bleibt für
die Kunden die größte Hürde, ein Elektroauto zu kaufen. Bei den anderen in der
Umfrage genannten Hindernissen wie
„mangelnde Reichweite“ und „Ladeinfrastruktur“ gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen E-Auto-Interessierten
und tatsächlichen Käufern: Während
24 Prozent der potenziell Interessierten
Sorge haben, ein Elektroauto biete zu
wenig Reichweite, sind es nur 13 Prozent
bei den tatsächlichen Besitzern. Auch bei
der Ladeinfrastruktur fällt die Quote von
18 Prozent (Interessierte) auf 11 Prozent
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27. Januar 2017
Wirtschaft
Mittelstand ist auf ausländische Mitarbeiter angewiesen
Der Großteil des deutschen Mittelstandes ist in Sachen Personal bereits international aufgestellt
A
11 Prozent der Mittelständler
usländische Mitarbeiter
in der Rekrutierung den Fokus
sind in deutschen Unterauf Drittstaatler gelegt, bis
nehmen alles andere als eine
zum Jahr 2021 planen dies mit
Ausnahmeerscheinung: Laut
24 Prozent mehr als doppelt
Beschäftigungsstatistik
der
so viele.
Bundesarbeitsagentur arbeiDie
Integration
von
ten hierzulande 3,1 Millionen
Flüchtlingen in den deutAusländer in sozialversicherungspflichtigen Beschäftischen Arbeitsmarkt ist ein
langfristiger Prozess. In den
gungsverhältnissen – und
vergangenen fünf Jahren hazwar nicht nur in den großen
Firmen, sondern auch im
ben ca. 144.000 mittelstänMittelstand, wie eine aktuelle
dische Unternehmen insgerepräsentative Analyse von
samt ca. 250.000 Flüchtlinge
KfW Research auf Basis des
eingestellt. Es handelt sich bei
Deutschland setzt zunehmend auf ausländische Beschäftigte.
KfW-Mittelstandspanels bediesen
BeschäftigungsverQuelle: Bundesagentur für Arbeit, KfW Research
legt. Drei von vier kleinen und
hältnissen überwiegend um
mittleren Arbeitgebern haben
Ausbildungsplätze, Praktikandemnach ausländische Beschäftigte (73 der deutschen Wirtschaft in der Zukunft.“
ten- oder Aushilfsstellen (ca. 200.000 im
Neben der verstärkten Erwerbsbeteili- Fünfjahreszeitraum). Höher qualifizierte
Prozent), der Großteil von ihnen stammt
aus EU-Partnerländern. Selbst Kleinstun- gung von Frauen und älteren Menschen ist Beschäftigungsverhältnisse sind seltener:
ternehmen mit bis zu 5 Mitarbeitern sind Zuwanderung in den Arbeitsmarkt ein zen- Rund einer von hundert mittelständischen
meist international besetzt (63 Prozent). trales Gegenmittel für das knapper werden- Arbeitgebern hat in den vergangenen fünf
Besonders häufig werden ausländische Ar- de Arbeitskräfteangebot in Deutschland. Jahren Flüchtlinge als Fachkräfte eingebeitskräfte im Handel eingestellt (82 Pro- Die Mittelständler setzen in ihren Beschäf- stellt. Insgesamt wurden ca. 49.000 solcher
zent). Auch für die Zukunft setzen die Mit- tigungsplänen immer stärker darauf, wie Arbeitsverträge abgeschlossen.
KfW-Chefvolkswirt Dr. Jörg Zeuner
telständler auf Zuwanderung: Bis zum Jahr die Analyse von KfW Research zeigt: In den
2021 plant rund die Hälfte aller kleinen und vergangenen fünf Jahren haben 38 Prozent merkt dazu an: „Der mehrstufige Weg von
mittleren Unternehmen, gezielt ausländi- der mittelständischen Arbeitgeber gezielt Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsnach ausländischen Mitarbeitern gesucht, markt über die Aus- und Weiterbildung
sche Mitarbeiter zu rekrutieren.
Der Chefvolkswirt der KfW, Dr. Jörg für die kommenden fünf Jahre planen dies überrascht nicht. Schließlich suchen sie
Zeuner, sagt: „Deutschland profitiert seit schon 52 Prozent. „Der Rückzug in den Na- in Deutschland in erster Linie Schutz und
Jahrzehnten von der Zuwanderung qua- tionalstaat würde also vor allem die kleinen haben sich auf den Wettbewerb am deutlifizierter Arbeitskräfte und ist auch in und mittleren Unternehmen treffen, die schen Arbeitsmarkt kaum vorbereitet.
Zukunft darauf angewiesen, denn der de- keine Ausweichmöglichkeiten für ihre Pro- Für Deutschland ist die Integration von
Geflüchteten in den Arbeits- und Ausbilmografische Ausblick ist ungünstig. Schon duktion haben“, so Zeuner.
jetzt ist die Unsicherheit über das FachkräfDa Deutschlands EU-Partner vor ähn- dungsmarkt eine zentrale Herausfordeteangebot ein wesentliches Innovations- lichen demografischen Herausforderun- rung der kommenden Jahre. Vor allem die
und Wachstumshemmnis. Ein offener gen stehen, werden künftig Fachkräfte aus Deutschkenntnisse fehlen zu Beginn. Hier
europäischer Arbeitsmarkt ist daher eine Nicht-EU-Ländern an Bedeutung gewin- in den nächsten Jahren verstärkt zu invesVoraussetzung für die Leistungsfähigkeit nen. In den vergangenen fünf Jahren haben tieren ist der richtige Weg.“
Industrie 4.0
Wissenslücken der Führungskräfte bremsen Digitalisierung
Ein streng hierarchisch geführtes Unternehmen und der innovative Prozess der Digitalisierung passen nicht zusammen
D
as fehlende Wissen der Führungskräfte ist das größte Hindernis bei der
digitalen Transformation der deutschen
Industrie. Drei von vier Unternehmen
beklagen das mangelnde Digital-Knowhow ihrer Manager. Damit ist dieser Wert
innerhalb der vergangenen zwölf Monate
nur minimal abgesunken. Die Wissenslücke gilt es schneller als bisher zu schließen.
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Hindernisse auf dem Weg zur Industrie 4.0 in Deutschland.
Werden die Vorgesetzten doch dringend
gebraucht, um ihre Mitarbeiter in die digitale Zukunft zu führen. Allerdings haben
viele bisher keine sehr hohe Meinung von
ihren Vorgesetzten. Das sind Ergebnisse
des bereits zum dritten Mal erhobenen
Deutschen Industrie 4.0 Index. Im Auftrag der Unternehmensberatung Staufen
wurden 277 Industrieunternehmen sowie
1.000 Arbeitnehmer in Deutschland befragt.
So geben 40 Prozent der Arbeitnehmer an, in ihrem Betrieb dominiere noch immer das Prinzip „Befehl und
Gehorsam“. Die Unternehmenskultur in
Deutschland steht damit vor einer gewaltigen Herausforderung. „Mit einem
derart autoritären Führungsstil sind Unternehmen für die digitale Transforma-
Quelle: Staufen AG
tion denkbar schlecht aufgestellt. Denn
ohne ein neues Verständnis von Führung
wird es Unternehmen nur sehr schwer
gelingen, die innovativen Potenziale ihrer Mitarbeiter zu heben“, sagt Thomas
Rohrbach, Geschäftsführer der StaufenTochter Digital Workx, die Unternehmen
strategisch und operativ bei der digitalen
Transformation begleitet.
„Innovationen leben auch von einem Klima der Selbstverwirklichung.
Wer mit starkem Hierarchie-Denken den
kreativen Keim im eigenen Haus erstickt,
kann keine großen Sprünge erwarten“,
so Digitalisierungs-Experte Rohrbach
weiter. Mangelnde Wertschätzung ist
ebenfalls wenig geeignet, Mitarbeiter zu
Höchstleistungen zu führen. Auf den ersten Blick scheint es hier in der deutschen
27. Januar 2017
Arbeitswelt noch recht gut auszusehen:
77 Prozent der Arbeitnehmer glauben,
als Mensch voll respektiert zu werden.
71 Prozent halten ihren Arbeitgeber für
kritikfähig. Das gilt in zahlreichen Firmen allerdings nur für die guten Zeiten.
In rund einem Drittel der Unternehmen
vergreifen sich Vorgesetzte in Stresssituationen im Ton. Die Mehrheit der Befragten geht davon aus, dass ihr Vorgesetzter
dabei den Druck aus der Geschäftsleitung direkt an sie weitergibt.
„Fairerweise muss man sagen, dass
viele Führungskräfte mit dem Aufbau
von digitalem Wissen einerseits und dem
gleichzeitigen Erlernen eines neuen Führungsstils andererseits wirklich massiv
gefordert sind“, gibt Remco Peters, Partner bei der Staufen AG, zu bedenken. Sie
müssen ihr teilweise über Jahre gewachsenes Selbstverständnis hinter sich lassen und sich zum Mentor entwickeln, der
Mitarbeiter durch sein Vorbild begeistert.
„Technische Qualifikationen lassen
sich durch Weiterbildung erlernen und
dann auch in der Belegschaft verankern,
eine innovationsfreundliche Kultur dagegen muss vorgelebt werden“, so Lean-Leadership-Experte Peters. Dazu ist es auch
nötig, dass Führungskräfte nah an der
Wertschöpfung agieren. Das muss nicht
mehr zwingend die physische Fabrikhalle sein. Digitale Kooperationssysteme ermöglichen es heute, selbst standortübergreifend dicht an seinen Mitarbeitern zu
bleiben.
Innovation
Fernverkehr soll mit Oberleitung umweltverträglicher werden
Um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, will ein Umweltprojekt LKWs über eine Oberleitung mit Strom versorgen
W
ie der Straßengüterfernverkehr umweltverträglicher betrieben werden
kann, steht im Zentrum des neu gestarteten Projekts „Bewertung und Einführungsstrategien für oberleitungsgebundene schwere Nutzfahrzeuge (StratON)“.
Es wird geleitet vom Öko-Institut, das
hierfür mit dem Fraunhofer-Institut IAO,
der Hochschule Heilbronn und der Intraplan Consult GmbH zusammenarbeitet.
Noch dominieren Dieselnutzfahrzeuge
auf den Autobahnen – und damit fossile
Kraftstoffe als Energieträger. Damit der
Güterverkehr zum Klimaschutz beitragen
kann, muss er künftig effizienter und klimafreundlicher gestaltet werden.
„Nach aktuellen Prognosen wird der
Straßengüterverkehr von 2010 bis 2030
um rund 40 Prozent zunehmen. Damit
steigen auch die klimaschädlichen CO2Emissionen“, beschreibt Moritz Mottschall, Projektleiter und Experte für alternative Antriebskonzepte am Öko-Institut,
den Ausgangspunkt des Forschungsprojekts. „Um die im Pariser Abkommen vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen,
muss deshalb auch im Straßengüterverkehr über alternative Antriebskonzepte
und Energieträger nachgedacht werden.“
Im Rahmen des Förderprogramms
„Erneuerbar Mobil“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit untersucht das Projektteam von StratON, wie der Straßengüterfernverkehr mit Hilfe von Oberleitungen entlang der Autobahn elektrisch
betrieben werden kann. Dabei werden
die Oberleitungs-LKW auch im Vergleich
zu möglichen alternativen Antriebs- und
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Energieversorgungsoptionen wie etwa
wasserstoffbetriebene Brennstoffzellenfahrzeuge bewertet. Zudem betrachten
die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neben den Kosten auch die
Treibhausgasemissionen, den Ressourcenbedarf und die Wechselwirkungen mit
dem Energiesektor.
„Erste Analysen zeigen bereits jetzt,
dass Oberleitungshybrid-Lastkraftwagen
sowohl aus Energieeffizienz- als auch aus
Gesamtkostenperspektive Vorteile gegenüber anderen alternativen Antriebssystemen bei schweren Nutzfahrzeugen
aufweisen können“, erklärt Steffen Raiber,
Experte für Mobilitäts- und Stadtsystemgestaltung am Fraunhofer IAO.
Neben den Gesamtkosten und den
Emissionsminderungspotenzialen analysiert das Projektteam eine Ausbaustrategie für dieses Antriebssystem. Dabei wird
untersucht, inwiefern oberleitungsgebundene LKW-Systeme bis 2050 technisch
und rechtlich umgesetzt werden können.
„In StratON bewerten wir Potenziale, Markteinführungsstrategien und
27. Januar 2017
Würde dieses Projekt umgesetzt, sähen Autobahnen bald ganz anders aus.
Quelle: Flickr/Chris Hag/CC BY 2.0
Geschäftsmodelle – aber auch mögliche
Hemmnisse“, fasst Prof. Dr. Tobias Bernecker, Experte für Verkehrspolitik und
Verkehrswirtschaft an der Hochschule
Heilbronn, die Zielsetzung des multidiszi-
plinären Projekts zusammen. „So können
wir einen wissenschaftlich fundierten
Beitrag zur aktuellen Debatte über neue
Verkehrskonzepte in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik leisten.“
Mittelstand
VDMA: Deutscher Maschinenbau will in Afrika investieren
Die deutschen Maschinenbauer unterstützen die Bundesregierung bei der Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern
A
frika birgt enormes Potenzial. Wo es
möglich ist, unterstützen wir die Afrikaner bei der Entfaltung ihrer eigenen
Kräfte“, sagt VDMA-Hauptgeschäftsführer
Thilo Brodtmann. Er ist sich sicher, dass
von dem Marshallplan für Afrika, den
der Bundesminister für wirtschaftliche
Zusammenarbeit Gerd Müller dem Deutschen Bundestag vorgestellt hat, „über
kurz oder lang“ auch der industrielle Mittelstand in Deutschland profitiert. Als
exportorientierte Industrie hielten die
deutschen Maschinenbauer permanent
Ausschau nach neuen geschäftlichen
Chancen. „Wir gehen davon aus, dass Afrika nicht nur ein interessanter Absatzmarkt, sondern auch ein wichtiger Investitionsstandort für unsere Unternehmen
wird“, sagt Brodtmann. Damit sich diese
Erwartung erfüllt, müsse aber die Bundesregierung noch auf absehbare Zeit deutsche Investitionen auf dem afrikanischen
Kontinent ausreichend schützen. Das Instrument der Hermes-Deckung müsse an
die Risiken angepasst werden, die derzeit
noch mit Investitionen in Afrika verbunden sind und sie muss unter Berücksichtigung auch privater Besteller auf weitere Länder ausgedehnt werden. Es sollten
auch Sonderabschreibungen für Investitionen in Afrika erwägt werden.
Der
VDMA-Hauptgeschäftsführer
weist zudem daraufhin, dass sein Verband
gemeinsam mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
sowie mit verschiedenen staatlichen und
Impressum Geschäftsführer: Christoph Hermann, Karmo
Redaktion: Anika Schwalbe, Nicolas Dvorak. Sales Director:
Kurfürstendamm 206, D-10719 Berlin. HR B 105467 B. Telefon:
com. Erscheinungsweise wöchentliches Summary: 52 Mal pro
www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de
privaten Partnern in Afrika eine Ausbildungsinitiative gestartet hat, die es jungen Afrikanern in ihren Heimatländern
ermöglichen wird, nach Vorbild des deutschen dualen Systems einen technischen
Beruf zu erlernen. Mit der Einbindung der
Privatwirtschaft in solche Programme
schlägt der Verband gemeinsam mit dem
Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit (BMZ) eine wegweisende Richtung ein. Dies sollte auch Vorreiter
für eine Anpassung der BMZ-Programme
an die spezifischen Bedürfnisse der Unternehmen sein, die in Afrika aktiv werden wollen. Für den Verband „werden auf
diese Weise heute die Geschäftspartner
ausgebildet, die wir morgen brauchen“,
erklärt Brodtmann.
Kaas-Lutsberg. Herausgeber: Dr. Michael Maier (V.i.S.d. §§ 55 II RStV).
Philipp Schmidt. Layout: Nora Lorz. Copyright: Blogform Social Media GmbH,
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