RB Leipzig - Die Ausgeburt der Kommerzialisierung

RB Leipzig - Die Ausgeburt der Kommerzialisierung
Geschrieben von: Nordwestkurve-Rat
Donnerstag, den 19. Januar 2017 um 18:49 Uhr
Kaum eine Sportart bewegt so viele Menschen wie der Fußball. Die Palette reicht von
Hobbykickern bis zu Profisportlern. Neben den Spielern gehören die Macher, Förderer und
Fans dazu, die viel Zeit, Energie und/oder Geld für Ihren Verein einbringen. Zusammenfassend
lässt sich festhalten: Fußball ist ein Sport für alle und kein Spielball der Industrie.
In Kürze ist es soweit und die launische Diva, Eintracht Frankfurt, spielt das erste Mal gegen
das Werbeprodukt aus Leipzig. RB Leipzig ist der neuste Retortenclub in der Bundesliga, wobei
es RB hinbekommt, sich von den bestehenden Retortenclubs abzugrenzen - negativ versteht
sich.
„SGE, wir sind da, jedes Spiel, ist doch klar…“ Mit diesen Zeilen aus einem schon lange nicht
mehr gesungenen Lied könnte man den Umgang der Frankfurter Fanszene mit der Causa Red
Bull abhandeln. Damit ist dann auch die Katze aus dem Sack: Die Fans der Eintracht werden
ins Zentralstadion fahren. Aber natürlich ist es so einfach nicht getan. Dafür sorgt die
Diskussion um den richtigen Umgang mit RB Leipzig für viel zu viel Wirbel und ist das Thema
auch einfach viel zu wichtig.
Die Gründe, warum sich die Frankfurter Fanszene entschieden hat, das Spiel zu besuchen,
sind zum einen in einem gewissen Realismus zu finden. Denn ehrlich gesagt: Ein Boykott der
Spiele bringt nichts. Die Konsumenten werden trotzdem hingehen, viele Eintracht-Fans aus den
neuen Bundesländern freuen sich über eine kurze Fahrt, eine differenzierte mediale
Auseinandersetzung mit den Motiven wird aller Voraussicht nach nicht stattfinden. Kurz: Das
Produkt RB wird dadurch keinerlei Schaden nehmen. Nun kann man natürlich schon die
vermeintlichen Puristen und Romantiker schreien hören: "Idealismus ist doch aber wichtiger als
Realismus." Und das stimmt. Pure Vernunft darf niemals siegen. Aber vielleicht sollte man sich
einfach mal fragen, wie viel Idealismus denn gerade von den RB-Boykottierern in anderen
Lebensbereichen an den Tag gelegt wird. Schaut doch mal, wie viele von denen auf der
nächsten Auswärtsfahrt zu McDonald’s rennen, ein Konto bei der Deutschen Bank unterhalten
oder bei H&M einkaufen. Und wie viele sich beim nächsten Auswärtsspiel in Frankfurt Geld auf
die Bezhalkarte laden. Um es mit einem großen Frankfurter Bub zu sagen: Es gibt kein richtiges
Leben im falschen. Idealismus gegen RB in allen Ehren, er muss dann aber auch mit Leben
gefüllt werden.
Damit wären wir beim zweiten Grund: Ist RB es überhaupt wert, boykottiert zu werden und
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dadurch weitere Aufmerksamkeit zu bekommen? Ist RB am Ende nicht einfach nur ein extrem
widerwärtiges Symptom eines durch den Kapitalismus eh schon durch und durch kaputten
Fußballs? Macht es nicht erst die seit Jahren im Fußball-Business voranschreitende
Kommerzialisierung mit all ihren Begleiterscheinungen – hohe Ablösesummen, horrende
Gehältern, abnormale Summen an Fernsehgeld, ausverkaufte Stadien, aber auch höhere
Eintrittspreisen, Angriffe auf die Stehplätze und Repression gegen kritische Fanszenen – einem
Dietrich Mateschitz schmackhaft, seinen Einstieg in das Game voranzutreiben? Ein Game, das
schon so viele Player kaputt gemacht haben, bevor es in Salzburg mit dem RB-Fußball
überhaupt losging?
Nun auf einmal in Red Bull allein das personifizierte Böse zu sehen, bei allem anderen aber
artig zu klatschen – das wäre heuchlerisch. Und da wären wir wieder beim Idealismus. Eine
fundierte Kritik muss das große Ganze im Auge behalten. Der Irrglaube, eine Verdrängung von
Red Bull aus dem Fußball würde die Probleme als ungemütliche und mündige Fanszene lösen,
ist romantisch naiv! Und deshalb fährt die Fanszene Frankfurt hin. Denn unser Ideal heißt
Eintracht Frankfurt. Und dieses Ideal wird am 21. Januar im Leipziger Zentralstadion
unterstützt. Dabei werden Emotionen verspürt, die der geneigte RB-Anhänger nie in seinem
verschissenen Leben verspüren wird. Weil ihm ein vergleichbares Ideal fehlt. Das Ideal
Eintracht Frankfurt lässt einen aber natürlich nicht kritiklos durch die Welt spazieren.
Selbstverständlich finden wir Red Bull scheiße. Und so sehr es sich auch erst einmal um eine
weitere Ausgeburt des modernen Fußballs handelt, steht RB schon auf einer eigenen Stufe.
Denn auf der einen Seite haben wir die seit vielen Jahren existierenden Vereine - mit über
Generationen gewachsenen Strukturen, mit vielfältigen und kreativen Fanszenen und mit einem
Vereinsleben, welches insbesondere bei den mit enormer Integrationskraft ausgestatteten
Fußballvereinen eine ganz besondere soziale und gesellschaftliche Funktion erfüllt. Und
natürlich gieren auch deren Vorstände nach Gewinnmaximierung. So, wie es die Welt, in der
sich die Profisportvereine bewegen, nun einmal leider erfordert. Ob man das nun mag oder
nicht.
Aber im Gegensatz zu RB gibt es bei den Traditionsvereinen eine Vereinsstruktur, die auf eine
lange Tradition zurückblickt, die immer ein wachsames Auge auf aktuelle Entwicklungen hat
und notwendige Kämpfe führt - im Kampf gegen die 50+1-Regel oder sonstige Angriffe auf die
Grundlagen einer lebendigen Fankultur.
RB aber wurde einzig aus dem einen Grund - der Gewinnmaximierung - ins Leben gerufen. Es
hat die allherrlichen deutschen Fußballinstanzen in persona von DFB und DFL vorgeführt,
indem die Winkeladvokaten von Red Bull (Milliardenkonzern) die richtigen Hebel gefunden
haben. Zur Erlangung der Lizenz gab es Auflagen wie die Steigerung der Mitgliederzahlen oder
die Entfremdung des Vereinslogos vom Red Bull-Logo. Die Nachhaltung der Auflagen ist ein
Witz. Denn Red Bull hat alle Versuche im Keim erstickt, die Entwicklung eines breit angelegten
Vereinslebens zu ermöglichen. Hier kann man folglich gar nicht trennen zwischen den am
Business aktiv mitmachenden Repräsentanten und den Idealisten, die den hohen Wert eines
Vereins verkörpern. Im Fall von RB gibt es nur die eine Seite, weil diese Grundlage der ganzen
Existenz ist. So ist es in Salzburg, so ist es in New York, so ist es in Leipzig. So wird es überall
sein, wo sich RB einnistet. Das gleiche Phänomen liegt beim Vereinslogo vor. Trotz langem hin
und her und der eindeutigen Auflage unterscheidet sich das Vereinslogo kaum von dem allseits
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bekannten Red Bull-Logo.
Jeder kann sich sicher sein, dass die Fanszene Frankfurt nicht mit Kritik an Red Bull und seinen
Bestrebungen, im Fußball Fuß zu fassen, sparen wird. Gerade weil wir wissen, dass es in
Leipzig auch noch echten Fußball gibt. Und Red Bull kann sich sicher sein, dass es niemals als
einer von vielen „normalen“ Gegnern akzeptiert wird. All das wird am 21. Januar im
Zentralstadion zum Ausdruck gebracht.
Der Nordwestkurve-Rat
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