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Markt
Eberfleisch in der
Sackgasse?
J
ede Woche kommen in Deutschland ungefähr 65 000 Eber an den
Haken. Etwa die Hälfte dieser
Tiere dürfte aus den Niederlanden stammen. Im Vergleich zum Gesamtmarkt,
ca. 1 Million Tiere pro Woche, ist die
Zahl der Eberschlachtungen also nach
wie vor überschaubar. Trotz der relativ
kleinen Menge lässt sich das Fleisch dieser Tiere offenbar nicht immer reibungslos vermarkten.
Eberfleisch unerwünscht: Für die
Landwirtschaft wäre der weitere Ausbau
der Ebermast grundsätzlich kein Problem, da sind sich die Experten einig. Die
Knackpunkte sind die nachgelagerten
Stufen. Denn bei vielen Abnehmern in
der Fleischverarbeitung und im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ist Eberfleisch
weiterhin ein Tabu. Das bestätigt ein
Mitarbeiter der Vion: „In jüngster Zeit
müssen wir immer häufiger unterschreiben, dass wir kein Eberfleisch liefern.“
Noch weiter geht ein größerer Fleischverarbeiter aus dem Rheinland. „Wir
verarbeiten grundsätzlich nur Fleisch
von weiblichen Tieren, um die Anforderungen der Kunden im Lebensmittelhandel zu erfüllen“, so die eindeutige
Aussage.
Die ablehnende Haltung in der Branche dürfte vor allem mit den geruchsauffälligen Tieren zu tun haben. Ein
Schlachter erklärt zwar, dass es dafür
durchaus Märkte gibt:
• Der „auffällige“ Bauch wird überwiegend zu Bacon für den britischen Markt
oder für die Rohwurst verarbeitet.
• Der Schinken dieser Tiere wird oft zu
Rohschinken verarbeitet oder geht in
den Export nach Italien.
• Schultern und Verarbeitungsfleisch
gehen überwiegend in die Rohwurst.
• Mit Gewürzen oder Rauch lässt sich
der Geruch auch maskieren.
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• Das Verschneiden, z. B. in Fertigprodukten, soll bis zu einem bestimmten
Prozentsatz auch möglich sein.
Doch mittelständische Schlachtunternehmen verfügen nicht immer über
eine eigene Verarbeitung. Und geruchsauffällige Tiere zu einem Spottpreis an
die großen Konkurrenten zu verkaufen,
kommt für die befragten Mittelständler
erst gar nicht infrage, weil sie so ihre
eigene Wettbewerbsfähigkeit schwächen würden. Es sind deshalb bisher nur
die Großen der Branche, also Tönnies,
Westfleisch und Vion, die in nennenswertem Umfang Jungeber schlachten.
Der Mittelstand verzichtet aber noch
aus weiteren Gründen
am liebsten ganz auf
das Geschäft mit Eberfleisch:
• Das zusätzliche Sortierkriterium verkleinert die Chargen.
• Das Risiko von Reklamationen steigt.
• Die Kosten der Geruchsdetektion sowie
die geringere Ausschlachtung machen die
Eber uninteressant.
• 3 bis 5 % der Eber
sind ausgeprägt geruchsauffällig. Im schlimmsten Fall werden
sie für untauglich erklärt und gehen als
K3-Material in die Tonne.
Selbst Tönnies bremst! Doch selbst
bei Tönnies wachsen die Bäume offenbar nicht in den Himmel. Obwohl das
Unternehmen bekundet, nicht geruchsauffällig getestete Eber ganz normal in
allen Vertriebsschienen verarbeiten zu
können, hatte Tönnies an seinem
Standort in Sögel kürzlich auf die
„Eber-Bremse“ getreten. Seit Ende
Oktober erlösen niederländische Jung-
Foto: Heil
Schon in vier Jahren wird die betäubungslose Ferkelkastration
verboten. Die Politik will das so. Doch der Markt hat seine
eigenen Gesetze. ISN­Marktreferent Matthias Quaing hat sich
in der Branche umgehört und schlägt Alarm.
eber dort 3 ct/kg
SG weniger als die
deutschen Artgenossen. Der Hintergrund: Nachdem der Anteil der nichtkastrierten männlichen Tiere in
den Niederlanden immer weiter stieg und zuletzt bei etwa
50 % lag, haben niederländische
Schlachter wie Vion oder van
Rooi die Auszahlungspreise drastisch gekürzt. Daraufhin seien
Händler reihenweise mit Ebern
über die Grenze gefahren, berichtet ein Tönnies-Vertreter.
Mittlerweile berichten Branchenkenner, dass durch die
jüngsten Preisabzüge in den Nie-
Bisher brauchen sich Ebermäster keine
Sorgen um den Verkauf machen. Wenn
aber noch mehr Betriebe einsteigen,
könnte der Absatz bald stocken.
derlanden immer mehr Betriebe wieder
aus der Ebermast aussteigen.
Die Marschrichtung aus Rheda bleibt
von diesen Entwicklungen bisher unberührt. Man werde weiterhin an der
Eberschlachtung festhalten, brauche
aber zwingend Zeit zum Planen, heißt
es. Konkret: Wer Eber an Tönnies liefern will, muss dies weit im Voraus ankündigen. Mit dieser Vorlaufzeit sei die
Vermarktung des Fleisches dann aber
kein Problem, so der Tenor.
Initiative Tierwohl fördert Eber.Trotz
dieser Beteuerung stellt sich auch in
Deutschland die Frage: Wie viele Eber
verträgt der Markt?
Die Bereitschaft der Industrie und des
Handels, Eberfleisch zu kaufen, ist zum
jetzigen Zeitpunkt unbefriedigend.
Nach Aussagen der Westfleisch schließen 95 % der Betriebe in der Fleischwarenindustrie Eberfleisch kategorisch
aus. Der LEH zeigt sich da etwas offener: Mittelständische Schlachter behaupten zwar, Eberfleisch sei auch an
den Handel nicht zu verkaufen.
Doch die Großen der Branche berichten zumindest von verhaltenem Interesse. „Um die Verbraucherakzeptanz zu
testen, lassen sich einzelne Lebensmittelhändler überschaubare Chargen an
Eberfleisch liefern“, so Westfleisch-Vertriebschef Hubert Kelliger. „Es gibt aber
auch Händler, die Eberfleisch weiterhin
kategorisch ausschließen.“ Von einer
breiten Aktzeptanz kann jedenfalls
nicht die Rede sein.
Die Debatte um Eberfleisch bleibt
akut und könnte durch die Initiative
Tierwohl im nächsten Jahr zusätzliche
Brisanz erhalten. Das Kriterium „Ebermast“ wird hier mit 1,50 € je verkauftem Tier, sowohl weiblich als auch
männlich, vergütet. Schweinemäster
dürften deshalb künftig mehr Eber erzeugen als bisher. Genau dieses Ziel
wurde mit der Auswahl des Kriteriums
für die Initiative ja auch verfolgt.
Am Ende könnte die Folge sein, dass
auch hierzulande Jungeber mit Abzügen bestraft werden und der Bonus aus
der Initiative Tierwohl so quasi an den
Schlachter weitergegeben wird. Hier
beißt sich die Katze in den Schwanz!
Einige Kritiker befürchten sogar noch
größere Flurschäden, wenn die Ebermast weiter ausgebaut wird: Sie glauben, dass durch Eberfleisch der Schweinefleischkonsum in Deutschland auf
Dauer noch schneller zurückgeht.
Keine echten Alternativen!Es bleiben
viele offene Fragen, und die Ebermast
scheint derzeit nicht der Königsweg zu
sein, um die gesetzlichen Vorgaben zu
erfüllen. Das Problem ist nur, dass die
Alternativen bisher nicht konkurrenzfähig sind:
STANDP UNKT
Wie scheinheilig
ist das denn?
Während der Lebensmittelhandel Landwirten über die Initiative
Tierwohl suggeriert, Eberfleisch
sei willkommen und einen Bonus
dafür zahlen will, macht er am
Fleischmarkt eher einen Bogen darum. Wie sonst ist zu erklären, dass
kein Schlachter, abgesehen von
Tönnies, wirklich scharf auf diese
Tiere ist. Westfleisch nimmt sie
widerwillig von Vertragsbetrieben,
Vion straft sie in Holland bereits
ab und der gesamte Mittelstand
verzichtet gleich ganz auf Eber.
Klar ist: Mauert der LEH weiter,
werden auch bei uns Eber bald abgestraft. Toll!
A. Beckhove
• Die Impfung gegen Ebergeruch wird
von nahezu allen Befragten in der
Schlachtung und Verarbeitung abgelehnt. Man sorgt sich um die Akzeptanz
der Verbraucher.
• Die Kastration unter Betäubung ist
teuer und nicht ungefährlich für den
Anwender.
Unterm Strich ist die Analyse des
Ebermarktes deshalb ernüchternd. Zum
jetzigen Zeitpunkt ist kaum zu erkennen, wie die betäubungslose Ferkelkastration rechtzeitig einzuhalten ist, ohne
mit Ebern Schiffbruch zu erleiden. Eigentlich ist noch viel Grundlagenforschung erforderlich, sagen die Experten
– und zwar nicht in der Ebermast, sondern in der Entwicklung von schmerzausschaltenden Verfahren, um eine
echte Alternative zum Kastrationsverzicht zu haben. Ob die verbleibende
Zeit dafür reicht, ist fraglich.
Schnell gelesen
• Während die Politik mit Eberfleisch plant, regt sich am Markt
Widerstand gegen Jungeber.
• Vor allem mittelständische Schlachter scheuen den Aufwand in der
Vermarktung und verzichten ganz auf Eber.
• Aber auch die größeren Unternehmen können offenbar nicht
unbegrenzt Eberfleisch vermarkten.
• In den Niederlanden werden Eber schon schlechter bezahlt.
• Ist die Branche wirklich vorbereitet auf das Verbot der betäubungs­
losen Kastration im Jahr 2019?
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