"Römische Post" zum im pdf-Format.

I Sesterz
SATURNALIEN, DCCLIII AB URBE CONDITA
JAHRGANG 0, Nr. 1
ZEITUNG FÜR POLITIK UND KULTUR
Herodes
Kunst des Sterbens
Dunkler Schatten über Klientelkönig:
Was ist dran an den Kindermord-Gerüchten?
Libertus Tiro ist der größte
Gladiator unserer Zeit.
ACTA DIURNA
KRIEG & FRIEDEN
Soldaten müssen
länger dienen
Viele Legionäre sind über eine
Verlängerung der Dienstzeit
um vier Jahre verärgert. Manche Bürger befürchten Soldatenaufstände.
PAGINA III
GLAUBE & HOFFNUNG
Täuferbewegung
entsteht am Jordan
Ein Prediger verursacht Menschenaufläufe am Jordan. Er
heißt Johannes und ernährt
sich angeblich vorwiegend von
Heuschrecken.
PAGINA IV
BROT & SPIELE
Das große Fressen
bei Flavius Metellus
Der Senator Metellus versucht,
bei seinem berüchtigten Geburtstagsbankett Pisco als Verbündeten zu gewinnen. Ohne
Erfolg.
PAGINA VII
„Ihr, die ihr noch so jung
seid, hört einen Alten,
auf den die Alten hörten, als er noch jung
war!“
Augustus Octavius zu jungen, aufsässigen Männern
WETTER
Bethlehem: Morgens
noch leicht bewölkt
Brauchen wir einen Erlöser?
N
In Bethlehem soll ein Kind mehreren einigermaßen übereinstimmenden Berichten zufolge in einem Stall geboren worden sein.
Das ist romantisch, aber unkomfortabel, zumal ja das LED-Licht
noch nicht erfunden ist (sollte mal
einer machen!) und ein Stern als
Beleuchtung reichen musste. Beinahe hätte das Kind sogar auf dem
Boden liegen müssen, weil jemand
den Inbusschlüssel für das Bett
(Modell: Futterkrippör) verlegt
hatte. Aber es musste ja soweit
kommen. Erstens ist bezahlbarer
Wohnraum im preisgedämpften
Bereich Mangelware, womit ein
auswärtiges Paar nicht rechnen
konnte. Zweitens funktioniert die
Zimmervermietung per AirBnB
ohne Internet eh nur mühsam.
Um das Szenario noch dubioser zu
machen, tauchten später übrigens
drei Fremde mit Luxusgütern auf,
über deren ordnungsgemäße Verzollung wir nichts wissen. Letztlich sollten wir um diese kleine
Episode aber nicht zuviel Aufhebens machen. Wetten, in 2000 Jahren redet da keiner mehr von... nic
FOTO: PAWEL KURZASKI
LINKS AUSSEN
iemals blühten und gediehen die
Gebiete rund um das Mittelmeer so
sehr wie heute, 753 ab urbe condita
– also im 753. Jahr seit der Gründung
Roms. Nachdem auch Ägypten unter die Kontrolle Roms gebracht worden ist, gehören alle
Anrainergebiete zu einem einzigen Reich, dem
römischen Weltreich, das von Spanien bis in
die syrische Wüste reicht.
Zusätzlich sind große Teile des westlichen
Europa unter Kontrolle. An den Außengrenzen
herrscht Stabilität: Mit Euphrat, Donau und
Rhein – und, wenn die Osterweiterung des Reiches gelingt, sogar die Elbe – sind natürliche
Flussgrenzen zu sicheren Außengrenzen geworden. Und auch die Römer selbst bekämpfen sich nicht mehr wie noch vor einer Generation untereinander mit riesigen Armeen.
Garant für die Einheit und die Stabilität ist
zunächst Kaiser Augustus, der den Weltfrieden
zu Lande und zu Wasser hergestellt hat. Er erreichte dies durch die Beendigung der Bürgerkriege und durch eine konsequente Eroberungspolitik, die die Besiegten zwar schont,
den Aufrührern aber deutlich macht, dass sie
mit der Strenge des Herrschers zu rechnen haben.
Materiell und kulturell geht es den meisten
gut. Und zwar nicht nur den oberen Zehntausend, die ihr luxuriöses, manchmal etwas
schockierendes Leben in Ruhe führen können,
sondern auch breiteren Volksschichten, die in
Rom soziale Vergünstigungen wie Lebensmittel erhalten und zahlreiche öffentliche Unterhaltungsprogramme genießen dürfen. Die
Städte werden schöner, die Verkehrsverbindungen sind ohne Piraterie und dank der Straßenbauprogramme noch nie so gut gewesen,
Handel und Wandel gedeihen. Paradoxerweise herrscht trotzdem Unzufriedenheit. Zunächst in den Provinzen: In den neuen Gebieten Germanien und Illyricum gibt es Widerstände.
Und in Iudaea können sich viele nicht damit
abfinden, dass sie entweder unter korrupten
und von Rom abhängigen Königen wie Herodes oder aber sogar innerhalb einer Provinz, in
der Volkszählungen und Steuererhebungen
stattfinden, leben müssen. Sie wollen nicht
Teil des Imperiums sein und fordern einen Iudexit. Besonders stört sie der Kontakt mit
nichtjüdischen Sitten und fremdländischen
Religionen, den die neuen Entwicklungen mit
sich bringen. Sie lehnen jede Öffnung ab. Einige leisten gewalttätigen Widerstand, andere
glauben an die Ankunft eines Messias, der das
Land befreien wird.
Die Sehnsucht nach einer Erlösung, einer
Rettung, und das diffuse Unbehagen an den
Verhältnissen ist aber keineswegs ein auf Iudaea beschränktes Phänomen.
Auch sonst reift bei einigen die Erkenntnis,
dass die römische Welt nicht ganz so perfekt ist
– jedenfalls nicht für die unterprivilegierte
Landbevölkerung und die Sklaven. Sie stellen
fest, dass Brot und Spiele keine wirkliche Zufriedenheit stiften und dass das Friedensreich
des Augustus kein friedliches Verhältnis unter
den Menschen begründet hat. Viele glauben:
Ja, wir brauchen Erlösung, aber sie wird anders
sein, als es die politisch Mächtigen meinen.
Bruno Bleckmann
II
RÖMISCHE POST
KRIEG & FRIEDEN
Noviomagus
Vetera
Novaesium
Ara Ubiorum
GE
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SATURNALIEN, DCCLIII AB URBE CONDITA
I
AN
Das Reich
des Augustus
Mogontiacum
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Brundisium
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SARDINIA
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ASIA
SYRIA
ACHAEA
SICILIA
CYPRUS
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PERAEA
CRETA
RICA
Caesarea
Maritima
Capharnaum
IUDAEA
Senatorische Provinzen
Kaiserliche Provinzen
Erwerbungen des Augustus
Klientelstaaten
Legionslager
unter Augustus
C YRENE
Kolonien des Augustus
außerhalb Italiens
AEGYPTUS
GRA F I K : F ERL
Senat beschleunigt Reisen auf Fernstraßen
Die wichtigsten Verkehrswege in den Nahen Osten werden ausgebaut. Viele Bürger und Unternehmer freuen sich.
VON MARTIN COBBERS
ROM Kaiser Augustus hat das große
Infrastrukturprogramm
gestern
Nachmittag in einer Rede vor dem
Senat verkündet. Er versprach unter
anderem den Ausbau der Via Appia
von Rom nach Brundisium und die
Einrichtung eines regelmäßigen
Fährdienstes von dort über die
Adria nach Apollonia an der griechischen Westküste.
Auch der direkte Seeweg nach
Ägypten, über den jährlich ungefähr
100.000 Tonnen Getreide nach Rom
geliefert werden, soll mit neuen speziell angefertigten Getreideschiffen
bedient werden. Jedes dieser Schiffe
wird 3000 Tonnen Getreide befördern können, und das – abgesehen
von Sklaven – mit einer Besatzung
von lediglich fünf Mann. Das Netz
der Unterkünfte und Wechselstationen für Zugtiere an den großen
Heerstraßen über den Balkan nach
Byzanz soll dichter werden. Insbesondere der Kurierdienst wird von
häufigeren Pferdewechseln profitieren. Auf bestimmten Abschnitten
wird es möglich, bis zu 100 Meilen
am Tag zurückzulegen.
Die
andauernden
Überfälle
durch Piraten, Räuberbanden und
anderem Gesindel, gerade auf der
Balkanroute, werden dank neuer
Heeresposten an Wegekreuzungen
und Gastwirtschaften zurückgehen.
Zur Finanzierung all dieser Maßnahmen äußerte sich Augustus
nicht. Jedoch wird in den gewöhnlich gut unterrichten senatorischen
Kreisen angenommen, dass er – wie
schon so oft – wieder den größten
Teil aus seinem Privatvermögen bestreiten wird. Steuererhöhungen
sind laut Konsul Lucius Aemilius
Paullus nicht vorgesehen.
Zurückgestellt werden hingegen
die Pläne, drei neue Legionen auszuheben und einen erneuten Feldzug gegen die germanischen Völker
zu unternehmen, um mittels der
vermeintlichen Kriegsbeute die hohen Kosten abzudecken. Eine so
umfangreiche Militäraktion bedarf
einer längeren Vorbereitung und erscheint derzeit als viel zu riskant,
angesichts des unbekannten Gebietes jenseits des Rheins und der bekannten Kriegskunst der Germanen. Der gesamte Beschluss des Senats im Wortlaut ist seit heute auf
dem Forum ausgehängt.
Wir haben einige Stimmen dazu
auf dem Forum eingefangen:
Titus Livius, 53, Geschichtsschreiber: „Da kann ich nur den Dichter
Publius Vergilius zitieren: ,So erlangt man Unsterblichkeit’.“
Flavius Frumentum, 44, Großkaufmann: „Mein Unternehmen
hat nun endlich Planungssicherheit. Wir werden viel Geld in neue
Schiffe investieren. Denken sie an
die vielen neuen Arbeitsplätze, die
wir dadurch schaffen werden.“
Julius Pulcher, 33, Senator: „Seit
zwei Jahren studiert unser Sohn
Heilkunst in Alexandria. Nun werden wir ihn häufiger besuchen können.“
Claudius Germanicus, 40, Heerführer: „Straßen sind eine Grundlage unserer militärischen Erfolge, es
www.xanten.de
FOTO: APX/AXEL THÜNKER DGPH
kann nie genug davon geben.“ Julia
Agrippina, 20, Senatorentochter:
„Alle meine Freundinnen waren
schon in Ägypten. Super, unserer
Hochzeitsreise nach Ägypten und
Griechische Gemeinden
klagen über Kunstraub
Germanien: Lager Vetera am
Rhein gewinnt an Bedeutung
ATHEN (ble) Griechenland verliert
VETERA (ble) Für alljährlich zu orga-
MELDUNGEN
Maria,
in Xanten gibt es
noch freie Zimmer!
Kutschen erreichen bald flotter Brundisium an der südlichen Adriaküste.
Syrien steht nun nichts mehr im
Wege.“
Lucius Balbus, 50, Kriegsversehrter: „Reisen, Verkehrswege, dass ich
nicht lache. Ich bin schon überall im
Reich gewesen, in Germanien und
im Illyricum. . . Das Geld wird mal
wieder für die falschen Dinge ausgegeben. Eine angemessene Altersversorgung, das wäre etwas.“
Lydia, 22, Haussklavin: „Schreiben sie meinen Namen bitte nicht.
Mir ist egal, wofür der Kaiser sein
Geld ausgibt, wir Sklaven habe ja sowieso nichts davon.“
Polyktor von Elis, 34, Berufsathlet: „Die Anreise zu den Olympischen Spielen wird einfacher. Vielleicht schaffe ich zukünftig sogar
die Teilnahme an allen Panhellenischen Spielen.“
seine Kunstschätze. Bronzestatuen,
die Plätze und Tempelanlagen geschmückt haben, finden Liebhaber
in Rom und Italien, wo sie insbesondere für die Gartengestaltung eingesetzt werden. Originalgemälde werden von Kunsthändlern entwendet
und wandern in die Stadthäuser römischer Adliger. Experten sagen: Es
sei nicht mehr so schlimm wie vor
100 Jahren, vor allem, weil es bald
nichts mehr zu holen gebe.
Neuer Spleen: Senatoren
stehen auf bunte Steine
BAIAE (ble) Als Geschenke unter Se-
natoren zurzeit sehr beliebt: Kameen, also Steine aus Karneol, in denen eine weiße Schicht so von der
roten getrennt wird, dass weiße Motive auf rotem Grund zu sehen sind.
Auch hübsch: Amethyste mit Gravuren, die Siegelringe schmücken.
nisierende Aufmärsche in das Innere Germaniens ist in jüngerer Zeit
vor allem das Lager Vetera unverzichtbar geworden. Es liegt gegenüber der Einmündung der Lippe, eines Flusses, von dessen Oberlauf es
nicht mehr sehr weit bis zu den berüchtigten Cheruskern ist. Transport zu Lande ist schwierig. Auf dem
Fluss kann der Nachschub besser in
den Osten verbracht werden, wenn
die Legionen in das Innere Germaniens vorrücken und dabei im Sommer neue Marschlager beziehen.
Vetera spielt für die römische
Strategie eine ähnlich wichtige Rolle, wie Mogontiacum, das den Aufmarsch auf einer südlichen Route
über den Main erlaubt. Die Idee, im
germanischen Raum auch über den
Winter feste Lager stehenzulassen
und von dort aus die Umwandlung
des neueroberten germanischen
Gebiets zu organisieren, ist aller-
dings noch nicht völlig aufgegeben
worden, trotz der Rückschläge, die
es gegeben hat. Bis das neue System
greift, werden die Soldaten weiterhin im Winter in den Lagern am
Rhein bleiben, nicht nur in Vetera,
sondern auch beispielsweise in den
Lagern von Novaesium oder Ulpia
Noviomagus Batavorum.
Die Gegend um Vetera ist gut versorgt. Denn Tiberius hat die Sugambrer, aggressive Germanen, die auf
der rechtsrheinischen Seite gegenüber von Novaesium siedelten,
kürzlich völlig besiegt und die Reste
in die Umgebung von Vetera umgesiedelt. Dort müssen sie sich statt
mit Krieg mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigen. Gemüse kommt
also von den besiegten Germanen,
Luxuswaren kommen dagegen über
den Fernhandel und den Rhein in
das Lager. Auf die mediterrane Kost,
auf Oliven, auf Pfeffer, auf Fischsauce, muss keiner verzichten.
KRIEG & FRIEDEN
RÖMISCHE POST
SATURNALIEN, DCCLIII AB URBE CONDITA
Wichtiger Schritt
zur Eroberung des
Restkontinents
VON ANTON GOETZ
III
Soldaten müssen vier Jahre länger dienen
Roms Legionen werden in ein stehendes Berufsheer umgewandelt. Die Reform schafft auch attraktive Aufstiegschancen
in den Offiziersrängen. Die geplante Verlängerung der Dienstzeit auf 20 Jahre weckt Furcht vor Soldatenaufständen.
ARA UBIORUM Mit seinen neuesten
Eroberungen stellt Augustus selbst
Alexander den Großen und Julius
Caesar in den Schatten. Es begann
mit dem Sieg im Bürgerkrieg über
Antonius, der sich mit der ägyptischen Königin Cleopatra verbündet
hatte. Augustus bewies dabei großes
militärisches Geschick und gliederte mit Ägypten eine der reichsten
Regionen der Welt ins Römische
Reich ein.
Nach dem Bürgerkrieg sorgte der
Imperator für Frieden in den noch
unsicheren Teilen unseres Reiches
und dehnte unsere Herrschaft dort
aus. Er begab sich nach Spanien, um
die aufständischen Stämme der
Kantabrer und Asturer zu unterwerfen und verlorene römische Feldzeichen zurückzuerobern. Dieses Unternehmen schloss er mit der kompletten Eroberung der iberischen
Halbinsel ab.
Als Nächstes wurden Aufstände in
Gallien niedergeschlagen und dort
eine Invasion ins barbarische Germanien vorbereitet. Zu diesem
Zweck wurde auch das mächtige
Gebirge der Alpen erobert, das bis
dahin noch von vielen verschiedenen Stämmen dominiert wurde.
Damit war ein wichtiger Schritt zur
Eroberung des Restkontinents getan. Denn jetzt ist eine schnellere
Kommunikation und ungefährliches Reisen zwischen den italienischen Kernlanden und dem eroberten Norden möglich. Außerdem gibt
es zwischen römischen Gebieten
keine fremden Völker mehr, die den
Augusteischen
Frieden
stören
könnten.
Wie noch keiner vor ihm hat Augustus die Herrschaftsverhältnisse
und die Ausdehnung des Römischen Reiches gefördert. Wir sollten
froh sein, in solch geschichtsträchtiger Zeit zu leben.
50 Tote bei
Hauseinsturz
ROM (winst) Im Armenviertel, der
Subura, ist in der Nacht ein mehrstöckiges Mietshaus eingestürzt.
Drei Bewohner überlebten, alle anderen wurden unter den Trümmern
begraben. Ungefähr 50 Menschen
haben bei dem Unglück ihr Leben
verloren. Anwohner vernahmen gegen Mitternacht den Einsturz und
eilten zur Unglücksstelle.
Im Viertel war das Haus für seinen
baufälligen Zustand und den profitgierigen Vermieter bekannt. Es
überschritt mit sieben Stockwerken
deutlich die vom Kaiser verordnete
Maximalhöhe von 21 Metern. Tragende Wände sollen die vorgeschriebene Mindestbreite von einem halben Meter Breite unterschritten haben und aus minderwertigen Ziegeln gemauert worden
sein.
Im Gleichschritt zur Berufsarmee: Obwohl Veteranen im Ruhestand besser versorgt werden sollen, sind viele Soldaten unzufrieden. Sie ärgert die längere Dienstpflicht.
VON BENJAMIN BRUNS
ROM Die römischen Legionen wa-
ren bis vor 30 Jahren, während der
langanhaltenden Bürgerkriege, ein
Unruheherd. Um solchen Tendenzen entgegenzusteuern, hat Kaiser
Augustus die Veteranenversorgung
verbessert und die Legionen in ein
stehendes Berufsheer umgewandelt. Vor allem Unteroffiziere profitieren von diesen Neuerungen, bieten sie doch sogar die Möglichkeit,
in den Ritterstand aufzusteigen.
Die Berufsoffiziere haben eine
große Bedeutung in einer Legion,
die aus etwa 5000 Mann besteht und
in zehn Kohorten aufgeteilt ist. Diese Kohorten umfassen sechs Zenturien, mit jeweils 480 Mann. Jede
Zenturie wird von einem Zenturio
angeführt.
Hinzu kommen 120 Reiter, angeführt von einem legatus legionis.
Dies ist ein Senator, den sechs Militärtribunen unterstützen. Eine
Rangebene unter den Tribunen gibt
es jetzt den praefectus castrorum,
der sich um Befestigungen kümmert. Gerade wenn die Legionen in
Germanien unterwegs sind, brauchen sie einen solchen Spezialisten,
der den Bau großer Marschlager mit
ihren Palisadenwällen und Gräben
straff leiten kann.
Immunes höher besoldet und von
Für die Disziplin der Armee soreinfachen Aufgaben wie beispielsgen die Zenturionen. Sie sind erweise den kräftezehrenden Schanzkennbar an einem quergestellten
arbeiten am Lager befreit. Die RänHelmbusch und einem Rebstock,
ge der einfachen Soldaten werden
mit dem sie auch gerne zuschlagen.
durch Aushebungen gefüllt. Doch
Am wichtigsten ist der primus pilus,
dem Ruhm der Legionen ist es zu
der Führer der ersten Zenturie der
verdanken, dass sich stets auch Freiersten Kohorte. Er nimmt am Miliwillige, selbst aus den Provinzen,
tärrat des Kommandanten teil, hat
melden.
eine Spitzenbesoldung und den
Ergänzt wurden die Legionen
Stand eines Ritters. Bedenkt man
schon immer durch lokal rekrutierdie Größe einer Legion mit ihren 60
te Streitkräfte aus Männern ohne
Zenturien wird klar, wie viel dieser
römisches Bürerfahrene Offizier
Vor allem
gerrecht.
Auch
geleistet
haben
dieser Truppenmuss, um so weit
die Unteroffiziere
teil wird nun reaufzusteigen.
profitieren von
formiert. So bilAuch niedere
der Neuorganisation
den diese auxilia
Ränge
werden
der römischen Armee
neben der Infandurch die Heeresterie auch drinreform weiter forgend benötigte Einheiten der Reitemalisiert. Es gibt einen neuen Stand
rei, der Leichtbewaffneten und der
der principales. Dazu gehören der
Bogenschützen, wie etwa die beoptio als Stellvertreter des Zenturüchtigten kretischen Bogenschütrios, der signifer – der Standartenzen, die Gaius Julius Caesar für seiträger – und der tesserarius, der
ne Kampagne in Gallien anheuerte.
Wachwortmeister, welcher die
Eine neue Form der Hilfstruppen
Wachdienste verteilt und Parolen
sind die alae, reine Kavallerieeinabstimmt. Ebenfalls neu ist der
heiten. Diese werden schlechter beStand der Immunes. Diese rekrutiezahlt als die Legionäre. Sie haben jeren sich aus einfachen Soldaten, die
doch die Chance, nach 25 Jahren
sich Spezialfähigkeiten wie mediziDienst mit dem Bürgerrecht für sich
nische Kenntnisse oder Ingenieurund ihre Nachkommen belohnt zu
wissen angeeignet haben. Im Anwerden.
schluss an ihre Ausbildung werden
von
VON ANDREAS SCHLEY
ROM Die Dienstzeit römischer Sol-
daten wird von 16 auf 20 Jahre verlängert. Das hat der Senat auf Vorschlag des Kaisers Augustus beschlossen. Außerdem werden neue
Steuern erhoben und eine Militärpensionskasse zur Versorgung der
Veteranen geschaffen. In diese sollen die reichsten Bürger Roms einzahlen, um die verdienstvollen Veteranen zu unterstützen. Zusätzlich
erhebt Augustus eine Erbschaftssteuer von fünf Prozent und eine
Verkaufssteuer von einem Prozent.
Er kündigte – auch im Namen seines
Sohnes Tiberius – an, selbst 1,3 Millionen Sesterzen als Erster einzuzahlen, und versprach, sich auch in
Zukunft finanziell für die Kasse zu
engagieren.
Die römischen Bürger sind wenig
angetan von den neuen Steuern.
Aus den wohlhabenden Familien
Roms heißt es, man werde alles tun,
um eine Erbschaftssteuer zu verhindern. Was die Mächtigen Roms sich
verdient haben, wollen sie ohne Abzüge an ihre Kinder weitergeben.
Mit den Abgaben zur Finanzierung
des stehenden Heeres seien sie
schon genug belastet, sagen sie. Sie
hätten damit ihren Anteil zur Verteidigung Roms geleistet. Das einfache
FOTO: CEZARY WYSZYNSKI
Volk, das seine Waren auf dem Forum feilbietet, wird die Verkaufssteuer härter treffen. Ihren Gewinn
werden diese Menschen mit dem
Staat teilen müssen.
Soldaten äußern sich bereits enttäuscht über die längere Dienstpflicht. Ein Legionär, stationiert in
Germania Inferior: „Ich habe Jahre
lang für das Imperium gekämpft
und dabei zahlreiche Verletzungen
erlitten, in der Hoffnung, meinen
Lebensabend geruhsam in Italien
zu verbringen. Aber, beim Herkules,
Schläge und Wunden, harte Winter
und heiße Sommer, schrecklicher
Krieg – soll das denn ewig so weitergehen?“
Auch die römische Bevölkerung
ist besorgt. In der Vergangenheit
führten Reformen der Veteranenversorgung zu Unruhen. Die Soldaten fühlten sich um ihre Altersvorsorge betrogen. Statt eines Landgutes im Römischen Reich bekamen
sie nur noch 12.000 Sesterzen. Die
Veteranenaufstände mussten gewaltsam niederschlagen werden.
Finanzexperten halten die Reform aber für notwendig. Bisher
musste Augustus alleine für die Versorgung pensionierter Soldaten aufkommen, während der Unterhalt
der aktiven Legionen mit Steuergeldern bezahlt wurde.
Xanten
Gelsenkirchen
XV:XII – XVI:LVIII
nach
von
Neuss
Essen
X:LVII – XI:LII
nach
www.vrr.de
Verkehrsverbund Rhein-Ruhr
IV
GLAUBE & HOFFNUNG
Mindestens elf Tote
bei Attentaten auf
jüdische Priester
VON BENEDIKT LINKE
RÖMISCHE POST
SATURNALIEN, DCCLIII AB URBE CONDITA
Herodes: Gerüchte über Kindermord
König Herodes plant angeblich einen Massenmord in Bethlehem. Viele Bürger sind über dieses Gerücht entsetzt. Sie
trauen dem Herrscher eine solch grausame Tat durchaus zu. Denn er ließ schon Verwandte umbringen.
JERUSALEM Bei Angriffen gegen Ver-
treter des priesterlichen Adels sind
gestern elf Menschen ums Leben
gekommen. Am helllichten Tag zogen mehrere Personen Dolche und
attackierten Tempelpriester. Viele
Augenzeugen gerieten in Panik. Die
Attentäter tauchten im Chaos unter.
Genaue Angaben zur Anzahl der Toten wollte der Hohe Rat, der für die
Sicherung des Tempelareals zuständig ist, zunächst nicht machen. Gegen Abend meldete er dann elf Opfer. Beobachter sprechen von vielen
weiteren Verletzten.
Die Attentate markieren eine
neue Eskalationsstufe des Konflikts.
Die Extremisten richten ihren Zorn
jetzt auch gegen friedliebende, gesetzestreue Juden, die sich der neuen Ordnung fügen. Die sogenannten Sadduzäer, die vornehmlich der
Oberschicht und dem Priesteradel
angehören, haben sich diesbezüglich besonders hervorgetan. Priester des Tempels in Jerusalem haben
dazu aufgerufen, dem Wahnsinn
der Extremisten nicht zu folgen.
Dennoch dürfte die Region, die
erst vor einigen Jahrzehnten unter
indirekte römische Kontrolle geraten ist, ein Unruheherd bleiben.
Schließlich hat bereits die harmlose
Anbringung eines römischen Adlers
an einem Tor zu Aufständen geführt, weil terroristische Gruppen
darin einen Verstoß gegen das jüdische Bilderverbot sahen. Sollte, wie
jetzt diskutiert wird, Iudaea zu einer
römischen Provinz werden, ist damit zu rechnen, dass die Einwohner
im großen Umfang die Zahlung von
Steuern verweigern werden.
Ritter gehören
zur High-Society
LUGDUNUM (ble) Auf Partys in der
Provinz ist die Frage „Wer gehört zur
Elite?“ ein beliebtes Klatsch-Thema.
Society-Experten sagen: Nicht nur
die Senatoren, die ein Vermögen
von 1.000.000 Sesterzen nachweisen müssen und auf ihrem Untergewand einen Purpurstreifen tragen
dürfen. Auch die Ritter gehören zur
Oberschicht. Wer als Ritter gelten
möchte, zählte früher in der Armee
zur Reiterei. Heute muss er mindestens 400.000 Sesterzen besitzen.
Spitzenämter werden gerne Vertretern dieser Klasse zugeteilt.
VON ANGELIKA MELCHER
UND ANTON GÖTZ
JERUSALEM Die Absicht des Königs,
in der Stadt Bethlehem alle Kinder
töten lassen, geht auf Weissagungen
zurück. Einige Astrologen haben angeblich die Erscheinung eines Kometen mit der Geburt eines politischen Konkurrenten, eines neuen
Königs der Juden, in Verbindung gebracht. Herodes soll daher aus
Angst um seine eigene Macht befohlen haben, vorsorglich alle Neugeborenen in Bethlehem zu töten. In
führenden Kreisen in Jerusalem
herrscht Stillschweigen rund um
dieses Thema, niemand äußert sich
öffentlich zu den Anschuldigungen.
Ohnehin liegt über dem Glanz
dieses Königs ein Schatten. Herodes
leidet an Verfolgungswahn und wütet gegen seine Feinde. Jeder, der
sich ihm widersetzt oder für seine
Herrschaft ein Risiko darstellt, wird
hingerichtet. Zu seinen Feinden
zählt Herodes selbst Familienangehörige. So ließ er Mariamne, eine
seiner zehn Frauen, brutal in einem
Honigfass ertränken, da er ihr Verrat
unterstellte. Auch deren Mutter Alexandra und seinen Schwager Kostabar ließ er töten. Sogar drei seiner
eigenen Söhne mussten mit ihrem
Leben bezahlen, weil ihnen Herodes Intrigen vorwarf.
Trotz allem haben die Einwohner
seines Reichs Herodes viel zu verdanken – etwa den Bau des Tempels
von Jerusalem sowie zahlreiche Paläste und Festungen, Hafenanlagen
und Wasserleitungen. Herodes ist es
stets gelungen, sich mit den Mächtigen Roms zu arrangieren und sein
Tiberius soll die Germanen in die Schranken weisen
VON MARTIN WULFF
VETERA In Germanien leisten er-
neut vereinzelte Stämme gewaltsamen Widerstand gegen Rom. Die
genauen Hintergründe des Konflikts sind noch unklar. Es gilt aber
als wahrscheinlich, dass unter anderem die Stämme der Chattuarier
und die Cherusker an diesem Aufstand beteiligt sind. Der designierte
Nachfolger und Schwiegersohn des
Kaisers, Tiberius, hat bereits ange-
Laut, voll, staubig: Jerusalem
Top-Reiseziel für Abenteurer
sen, muss man am Fuß des Berges
den Kopf in den Nacken legen, als
JERUSALEM
Menschenmassen
wolle man abends die Sterne beschieben sich durch die staubigen
trachten. Schier unerklärlich, wie
Gassen. Es ist laut, heiß und vor aldiese gewaltige aufsteigende Mauer
lem staubig. Ständig kitzelt es in der
ihren Platz gefunden hat! Scheinbar
Nase. Keine Frage: Jerusalem ist
sind hier Vieh und Sklaven stärker
momentan das außergewöhnlichste
als in Rom. Der Tempel ist mit Gold
Reiseziel des modernen Römers.
geschmückt. Die Mauern sind aus
Versucht man am südlichen Ende
hellem Marmor. Ständig strömen
der breiten Hauptstraße kurz inneMenschenmassen herbei, um dem
zuhalten, erinnert das Gewühl der
jüdischen Gott zu opfern. Die Anlaaufdringlichen
ge darf erst betreHeiden müssen draußen ten, wer bei einem
Straßenhändler
bleiben: Nur den
an das Treiben in
der Geldwechsler
Rom. An dieser
jüdischen Priestern ist einen Betrag für
Straße ragt die gedie Tempelsteuer
der Zutritt zum
waltige Stützmaugetauscht hat. Zu
Allerheiligsten erlaubt hohem Wechseler der Tempelterrasse empor. Jekurs werden Deder einzelne Stein in diesem Monunar und Sesterzen in den tyrischen
ment reicht bis zur Brust eines
Schekel umgetauscht. Dieser Umdurchschnittlichen Mannes. Das
tausch ist aus religiösen Gründen
Leben der Juden spielt sich am, im
vorgeschrieben, vermutlich weil der
und auf dem Tempelberg ab.
Silbergehalt dieser Währung besonIn seiner Eleganz steht der Temders hoch ist.
pel den Schmuckstücken Roms keiZum Allerheiligsten gelangt man
neswegs nach. Trotz seiner mindedurch viele Vorhöfe. Besucher, die
ren Herkunft besaß König Herodes
nach römischer Tradition ihren
genügend Verstand, einen fähigen
Glauben pflegen, dürfen nur den
Architekten für die Umgestaltung
äußeren Bezirk betreten. Er ist für
des unansehnlichen Vorgängerbaus
die „Heiden“ vorgesehen. Betritt ein
zu engagieren. Der gegenwärtige
Nichtjude die weiteren Höfe, droht
Stil scheint eine Hommage an die
ihm die Todesstrafe. Die jüdischen
griechische und römische Baukunst
Frauen und die Männer haben jezu sein. Glaubt man den Gerüchten,
weils einen eigenen Hof. Nur die
wurde die Natur bezwungen und
Priester kommen in den Priesterder Tempelberg vergrößert. Um die
vorhof mit dem Brandopferaltar
gewaltige Höhe der Anlage zu erfasund von dort in das Allerheiligste.
VON SASKIA-EILEEN BERGHÄUSER
Das neueste haarsträubende Gerücht über den romfreundlichen König Herodes besagt, er wolle in der Stadt Bethlehem
sämtliche Kinder töten lassen. Denn er fürchte, ein politischer Konkurrent könne heranwachsen.
FOTO: APX/AXEL THÜNKER DGPH
Reich zu vergrößern. Neben Judäa
gehören dazu weitere Gebiete wie
Samaria, Galiläa und Peräa. Vor 60
Jahren ist die Region unter die Oberherrschaft Roms geraten. Feldherr
Pompeius führte damals Interventionstruppen nach Kleinasien und in
den Nahen Osten und ordnete dort
die Verhältnisse neu. Vor allem
machte er Syrien, das bis dahin von
der
Seleukiden-Dynastie
beherrscht worden war, zur römischen Provinz. Das jüdische Volk
stand in dieser Zeit unter Herrschaft
der Makkabäer. In dieser Dynastie
gab es Streit. Die Brüder Hyrkan
und Aristobul versuchten, die Unterstützung des Pompeius zu gewinnen. Nach dem Tod der Königin Alexandra war Hyrkan als der Ältere
zwar der rechtmäßige Anwärter auf
den Thron, sein Bruder hielt sich jedoch für den besseren Herrscher
und focht den Anspruch des Älteren
an. Aristobul hatte schon geglaubt,
durch die Bestechung eines Beamten die Unterstützung Roms gewonnen zu haben. Pompeius entschied
sich aber um und intervenierte militärisch zugunsten Hyrkans.
Nach der Eroberung des Tempelbergs in Jerusalem war Hyrkans Position als Hohepriester und Volksführer gesichert. Er musste aber Tribute abführen. Iudaea hatte für immer seine Selbstständigkeit verloren und wurde Teil des römischen
Weltreiches. Vor einem guten Vierteljahrhundert bestätigte Augustus
den Herodes als König. Dieser hatte
es gerade noch rechtzeitig geschafft,
den Staatsfeind Marcus Antonius
und die Feindin des römischen Volkes Cleopatra im Stich zu lassen.
kündigt, er werde den Aufstand niederschlagen. Ebenfalls geplant ist
eine umfassende Seeexpedition um
Jütland. Sollten die Ergebnisse dieses Unternehmens positiv ausfallen, könnten auch militärische Feldzüge östlich der Elbe gestartet werden. Experten erwarten, dass es gelingen wird, Germanien zu einer römischen Provinz zu machen.
Schließlich sind viele germanische
Stämme dem römischen Staat bereits treu ergeben.
Zu den Maßnahmen, welche die
Romanisierung Germaniens vorantreiben sollen, zählen unter anderem der Ausbau germanischer Straßen durch römische Pioniere sowie
der Bau von Marktplätzen, an denen
Römer und Germanen gemeinsam
und friedlich ihre Geschäfte tätigen
können. Komplette Siedlungen, inklusive Bäder, sollen errichtet werden und den barbarischen Germanen den erhabenen römischen Lebensstil schmackhaft machen.
Die Ausbildung der zukünftigen
germanischen Eliten spielt ebenfalls eine Rolle. Zahlreiche junge Angehörige des germanischen Adels
sind bereits in Rom sesshaft, was
ihre Verwandten in Germanien zur
Treue gegenüber Rom gemahnen
sollte. Dass diese nicht selbstverständlich ist, zeigt das Beispiel Marbods. Dieser Germane hat in Rom
eine militärische Ausbildung genossen. „Er besitzt einen kühnen Geist
und ist mehr von seiner Abkunft als
Taufen im Jordan liegen im Trend
Prediger Johannes verursacht Menschenaufläufe und isst Heuschrecken.
VON MANDY KRÜGER
PERÄA Ein mysteriöser Prediger na-
mens Johannes schickt immer mehr
Menschen in den Jordan, um sie einer Art Reinigungsritual zu unterziehen. Wundertaten, wie die Heilung von Krankheiten, haben Besucher des Spektakels zwar nicht erlebt. Sie berichten aber von einer
Predigt, in der Johannes den Messias ankündigte. Dieser soll in einem
himmlischen Strafgericht über die
Menschheit richten.
Die Taufe des Johannes unterscheidet sich vollkommen von den
Reinigungsritualen, die wir bisher
aus der jüdischen Religion kennen:
Der Gläubige nimmt im Jordan das
Ritual nicht selbst vor, und es wird
auch nur einmal im Leben an ihm
vollzogen. Der größte Unterschied
liegt aber wohl in der Absicht der
Taufe. Sie soll der Buße und Vergebung der Sünden dienen und so vor
dem kommenden Gericht Gottes
schützen. Es scheint eine einfache
Methode zu sein: einmal in den Jordan steigen und so einer himmlischen Strafe entgehen.
Vereinzelt wurde Menschen die
Taufe aber auch verweigert. Der
Täufling müsse zur Umkehr und zu
guten Taten bereit sein, seine Sünden bereuen und Buße tun, sagen
Anhänger des Johannes. So seien
schon Sadduzäer aus der Elite des
jüdischen Volkes weggeschickt worden, da ihnen diese Bereitschaft gefehlt habe. Laut seiner Anhänger
will Johannes die Lehren der Sadduzäer und Pharisäer grundlegend ändern. Es verwundert also nicht, dass
die Behörden Johannes und seine
Anhängerschaft beobachten. Recherchen zur Person des Johannes
sind wenig ergiebig. Angeblich ernährt er sich von Heuschrecken.
Lauscht man seinen Predigten, beschleicht einen das Gefühl: Wenn es
wirklich einen Messias gibt, muss es
dieser Mann sein. Fragen danach
beantwortet Johannes aber stets abwehrend: „Es kommt einer nach
mir, der ist stärker denn ich, dem ich
nicht genugsam bin, dass ich mich
vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe auflöse. Ich taufe euch
mit Wasser; aber er wird euch mit
dem Heiligen Geist taufen.“
Die von einer
neuen religiösen
Gruppierung
praktizierte
Taufe ist scheinbar ein ungewöhnliches Reinigungsritual
und hat großen
Zulauf.
FOTO: PAWEL KURZAWSKI
von seinen geistigen Fähigkeiten ein
Barbar“, sagt der politische Beobachter und Chronist Velleius Paterculus über ihn. Als Heerführer
scheint Marbod seine Ausbildung
nun zu nutzen, um in Germanien eigene Ziele zu verfolgen. Gerüchten
zufolge ist er an den Aktionen der
Widerständler beteiligt. Dennoch
könnte ein siegreicher Abschluss
des Tiberius-Feldzuges die Elbe
endgültig als Nord-Ost-Grenze des
Römischen Reiches etablieren.
Die Geburt des
göttlichen Knaben
steht noch aus
MANTUA Rätsel ranken sich um die
Bedeutung des vierten Hirtengedichts „Der göttliche Knabe“ von
Vergil. Literaturfreunden ist dieser
Autor wohl unter seinem vollen Namen Publius Vergilius Maro bekannt. Das Gedicht kündigt die Geburt eines göttlichen Knaben an,
der eine neue goldene Zeit des Friedens und der Unbeschwertheit einläuten wird. Die gängigste Interpretation des prophetisch zu nennenden Textes besagt, dass der göttliche
Knabe mit Kaiser Augustus gleichzusetzen ist.
Nun erfreut sich allerdings eine
neue Interpretation eines Weisen
aus dem Morgenland großer Beliebtheit. Dieser Auslegung zufolge
ist die Ankunft des göttlichen Knaben noch zu erwarten. Es ist allerdings davon auszugehen, dass diese
neue Interpretation auf einer fehlerhaften Version des Gedichtes beruht.
Zeit seines Lebens hat Vergil als
Autor keine Deutung vorgegeben.
Selbst die Gleichsetzung des „göttlichen Knaben“ mit Augustus ist
nicht unumstritten. So wird im Gedicht selbst die Geburt des göttlichen Knaben unter dem Konsulat
des Asinius Pollio vor 40 Jahren prophezeit. Kaiser Augustus ist nunmehr allerdings schon im 63. Lebensjahr. Die genaue Bedeutung
des Gedichtes wird wohl im Dunkeln bleiben.
Colmar Brademann
GLAUBE & HOFFNUNG
RÖMISCHE POST
SATURNALIEN, DCCLIII AB URBE CONDITA
Entspannung pur:
Neue Therme in
Iudaea eröffnet
Religion: Welcher Typ sind Sie?
Die Unruhen im Nahen Osten haben größtenteils religiöse Gründe. Die Globalisierung und Kontakte mit der
griechischen und römischen Kultur führen unter den Juden zu konträren Reaktionen. Die einen besinnen sich auf
Tradition, die anderen wollen Anpassung um jeden Preis. Aufklärung kann helfen, den Anderen besser zu verstehen.
Wir haben Vertreter der wichtigsten Strömungen im Judentum befragt. Ein Überblick von Angelika Melcher.
Sadduzäer
Essener
Pharisäer
„Ich gehöre zu der oberen Schicht des Volkes.
Die Unseren sind vermögend und halten
machtvolle Positionen. So gehört der Hohepriester zu uns. Religion ist äußerst wichtig in
meinem Leben, jedoch sollte man sich vor allem
um politische Angelegenheiten kümmern, finde ich. Ich setze viel daran, dass in unserer Stadt
Frieden herrscht, daher stimme ich den politischen Entscheidungen Roms stets zu. Auch König Herodes ist meines Erachtens ein einzigartiger Politiker gewesen, welcher uns ein Menschenfreund und Wohltäter war.
In religiöser Hinsicht glaube
ich weder an eine Auferstehung, noch ein Leben nach
dem Tod. Meine Seele
wird nach meinem
Tod genauso wie
mein Körper
zugrunde gehen.“
„Mein Ziel ist ein Leben gemäß der Weisung
Gottes. Vor allem die Reinheitsgebote bilden einen Grundstein meines Lebens. Das bedeutet,
dass ich ein abgesondertes, enthaltsames Leben führe. Eine Ehe ist für mich gemäß den
Reinheitsgeboten verboten. Generell spielen
Frauen für mich nur eine untergeordnete Rolle.
Möchte jemand in unsere Gemeinschaft aufgenommen werden, muss er sich einer langjährigen Prozedur unterziehen.
Meinen persönlichen Besitz habe ich an unsere Glaubensgemeinschaft abgetreten und
lebe mit meinen Brüdern auf einem Dorfe, fernab vom städtischen Trubel.
In politischer Hinsicht ist
es meiner Meinung nach
nicht nötig, den römischen Machthabern zu
gehorchen. Dazu gehört auch, dass ich
dem Hohepriester, der mit den
römischen
Machthabern
paktiert
und
unrein
lebt,
keinen
Respekt erweisen
kann.“
„Ob es meine Pflicht ist, den Vorschriften der
Vernunft nachzugehen? Aber selbstverständlich ist sie das! Dazu gehört vor allem ein enthaltsames Leben. Ein gelungenes Leben kann
es nur im Schutzraum der Gebote Gottes geben.
Egal was mir widerfährt – alles geschieht nach
einem bestimmten Schicksal. Jedoch sollte man
ein bestimmtes Maß finden, um die Macht des
Schicksals und die menschliche Vernunft in
Einklang zu bringen. Diese Weisheit versuche
ich auch an meine Mitmenschen weiterzugeben, denn Nächstenliebe ist für mich fast genauso wichtig wie die Einhaltung der Gesetze
der Tora. Meine unsterbliche Seele soll in Vollkommenheit
leben, und so strebe
ich stets nach Gerechtigkeit, denn
nur so kann ich
Gott
gefallen.
Gerechtigkeit ist
für mich unter anderem die Trennung
von Thron und Altar. Ich bin gegen die Übernahme heidnischer griechischer
Einflüsse im
Bereich weltlicher Macht.’’
V
CAESAREA MARITIMA (cobb) „Kallis-
te“, die Schönste, heißt ein neuer
Thermenkomplex in der Metropole
am Mittelmeer. Er macht seinem
Namen alle Ehre und genügt höchsten Ansprüchen. Mehr als 10.000
Menschen erlebten die feierliche
Eröffnung durch den König und
Freund des römischen Volkes, Gaius
Iulius Herodes. „Der Ausbau von
Caeserea zur Residenzstadt ist damit nach 20 Jahren abgeschlossen“,
verkündete Herodes in seiner Ansprache.
Die Einwohner Iudaeas können
nun direkt vor der Haustüre exklusives Freizeitvergnügen genießen; beschwerliche Reisen in die Metropolen Antiochia und Alexandria sind
dazu nicht mehr erforderlich. Auf
dem 12647 Quadratmeter großen
Gelände ist alles vorhanden, was es
auch in den großen Thermen Roms
gibt. Verkaufsstände mit den neuesten Waren aus aller Welt laden zum
Einkaufsbummel ein. Die gastronomische Palette reicht vom Edel-Italiener bis zum einfachen orientalischen Imbiss. In einer Bibliothek
sind Werke großer Schriftsteller und
Philosophen, Homer und weitere
Klassiker genauso wie aktuelle Ausgaben von Vergil und Livius zu finden. Papyrus-Zeitschriften kommen wöchentlich per Schiff aus
Rom. Ein Saal mit Bühne, eine
Sporthalle und ein Massagesalon
runden das Freizeitangebot ab.
MELDUNGEN
Reparaturarbeiten
an einem Weltwunder
ILLUSTRATIONEN: HOSSEIN ASIVAND
ALEXANDREIA (ble) Eines der sieben
Weltwunder, der Leuchtturm auf
der Insel Pharos vor Alexandreia, ist
in die Jahre gekommen und wird
restauriert. Während der Arbeiten
bleibt der Leuchtturm in Betrieb.
Das Feuer auf der Plattform wird
weiterhin unterhalten.
Philosoph bestreitet
Seelenverlust bei Niesen
ATHEN (ble) Beim Niesen droht ein
Teil der Seele zu entweichen, heißt
es. Um dem Unheil zu begegnen,
wird daher „Gesundheit“ gerufen.
Der Philosoph Chrysogonos äußerte jedoch der Redaktion gegenüber,
er halte die Seelen-Auswanderung
beim Niesen für Unsinn.
Barbaren töten römische Bürger
Im Illyricum tobt eine Rebellion. Augustus entsendet ein riesiges Heer.
VON JONA WINSTROTH
SIRMIUM Aufständische Barbaren
erschlagen in der Region Illyricum
römische Bürger, die nicht rechtzeitig in die befestigten Städte fliehen
können. Die Rebellen töten jeden,
ohne Rücksicht auf Geschlecht oder
Alter. Nun ist der hart erkämpfte Augusteische Frieden in Gefahr, und
selbst dem römischen Kernland in
Italia droht Krieg. In der Bevölkerung werden traumatische Erinnerungen an den Einfall der Kimbern
und Teutonen vor 100 Jahren wach,
als diese aus dem Illyricum nach
Italia einfielen und plünderten.
Kaiser Augustus hat im Senat betont, wie dramatisch die Bedrohung
ist. In zehn Tagen könne der Feind
vor den Toren Roms stehen. Augustus entsendet daher ein riesiges
Heer auf den Kriegsschauplatz. Experten sprechen von 15 Legionen
zuzüglich Hilfstruppen – mit nahezu 125.000 Mann ist das beinahe die
Hälfte aller Truppen des Imperiums. Herangezogen werden insbesondere Spezialisten, die mit dem
Terrain vertraut sind. Mit Sümpfen,
Wäldern und zerklüfteten Berghängen ähnelt das Illyricum Germanien. Daher sind auch die Hilfstruppen der germanischen Cherusker
unter Befehl des Arminius eingesetzt.
Ob diese gewaltigen Anstrengungen ausreichen, ist fraglich. Der Gesandte im Heerlager geht von
Rom zu führen. Diese ungeheuerli200.000 bewaffneten Aufständiche Tat gefährdet die Einheit des
schen aus. Bei einer Bevölkerung im
Reiches. Wenn das Illyricum in ChaIllyricum von 800.000 Menschen
os verfällt, ist auch der sichere
spricht dieser hohe MobilisierungsLandweg Richtung Griechenland
grad für großen Zorn und Kampfesund
Kleinasien
willen. Die Führer
Wenn das Illyricum in
des
Aufstandes
äußerst gefährdet.
hören beide auf
Chaos verfällt, ist auch Zweifelhaft ist,
wie sich diese
den Namen Bato.
der sichere Landweg
Konzentration
Sie entfachten die
Richtung Griechenland von Truppen an
Rebellion
nach
einem Schauplatz
gewöhnlichen
gefährdet
andernorts ausVorbereitungen
wirken wird. Schon lauern die Berzur Steuererhebung. Zuvor hatten
beide das Kommando in den ortsber darauf, in die Kornkammer des
Reiches, Africa, einzufallen und die
ansässigen Hilfstruppen übernomdrohende Hungersnot in Rom zu
men, um die in gutem Glauben Ausverschärfen.
gebildeten anschließend gegen
Eines der größten Heere der römischen Geschichte soll den brandgefährlichen
Aufstand im Illyricum niederwerfen.
FOTO: PAWEL KURZAWSKI
Neuer Statthalter
plant Volkszählung
in Syrien
Unkeusch: Priesterin Pompeia
zum Hungertod verurteilt
ANTIOCHIA Die bedeutende römische Provinz Syrien, die aufgrund
ihrer günstigen Lage an den östlichen Handelsrouten besonders
reich geworden ist, hat mit Publius
Sulpicius Quirinius einen neuen
Statthalter erhalten. Der aus Lanuvium, einer kleineren Stadt nahe
Roms, stammende Quirinius verfügt bereits über einige Erfahrung in
einer solchen Funktion. So verwaltete er auf den ersten Schritten seiner politischen Laufbahn die an
Ägypten angrenzende Provinz Creta-Cyrenae. In Ägyptens Nachbarprovinz wurde Quirinius zum
Kriegshelden, als er vor einiger Zeit
den Stamm der Garamantes aus der
Sahara bezwang. Dieser Sieg brachte ihm die Ehren des Amtes eines
Konsuls ein sowie das persönliche
Vertrauen des Kaisers, was mindestens ebenso vorteilhaft ist.
Als Statthalter der wichtigen Provinz Syrien befehligt Quirinius nun
vier kampfstarke Legionen, um die
Grenzen des Reiches gegen das Volk
der Parther zu schützen. Sein Augenmerk soll aber nicht nur militärischen Aufgaben gelten. Ein Großprojekt hat der neue Statthalter bereits bei seinem Amtsantritt angekündigt: Um die Steuereintreibung
der Provinz in Zukunft effizienter
organisieren zu können, soll bald
eine großflächige Volkszählung, ein
sogenannter Zensus, durchgeführt
werden.
Lukas Vaessen
VON MARTIN WULFF
ROM Eine härtere Strafe hätte die
dem sechsköpfigen Vestalinnenkolleg beitreten musste, hat ihre Unschuld beteuert. In den letzten Jahren sei die Entwicklung des Reiches
zu positiv ausgefallen, als dass irgendeine Untat den Zorn der Götter
auf es gezogen hätte.
Obwohl die Vestalinnen Privilegien genießen, geehrt und mit Geschenken übersät werden, die oft zu
Wohlstand führen, ist das Amt der
vestalischen Priesterin nicht wirklich beliebt. Aus der Familie herausgerissen zu werden und 30 Jahre in
Keuschheit verbringen zu
müssen, scheinen die
Beliebtheit
dieser
Priesterschaft erheblich zu dämpfen. Das
Urteil über Pompeia wird diesen
Trend
wohl eher
verstärken.
Kommission religiöser Experten
kaum aussprechen können: Weil die
vestalische Priesterin Pompeia ihr
Keuschheitsgelübde gebrochen und
damit das Allgemeinwohl gefährdet
hat, soll sie in ein unterirdisches
Verlies gesperrt werden und den
Hungertod erleiden. Dieses Urteil
setzt eine altehrwürdige juristische
und religiöse Tradition fort. Solche
Prozesse Art waren in den vergangenen Jahrzehnten zwar eher selten,
doch endeten sie häufig damit, dass
die Vestalin auf diese Weise hingerichtet wurde. Den Liebhaber
Pompeias, Vestinus, hat das Gericht in dem öffentlichen Prozess
ebenfalls zum Tode verurteilt.
Kaiser Augustus begrüßte die
Entscheidung des Gerichts. Sie
soll die religiöse Ordnung und
Rechtschaffenheit in Rom
stärken. Dies ist bereits seit
Längerem ein wichtiges
Anliegen des Augustus,
der auch häufiger die
jungfräulichen Priesterinnen der Göttin Vesta
in seine kultischen Feste eingebunden hat.
Allerdings ist nicht
ausgeschlossen, dass
es noch zu einer Begnadigung kommt.
Pompeia, die im
Alter von acht Jahren
FOTO: PAWEL KURZAWSKI
VI
BROT & SPIELE
KOMMENTAR
Ist der Bauwahn
des Kaisers nicht
zu stoppen?
N
icht nur Tempel, nein, auch
Brücken, Straßen und Wasserleitungen baut unser
Kaiser. Selten hat unser Rom in so
prachtvollem weißen Luna-Marmor
geglänzt. Und noch weitere Bauten
sind geplant. Hört dieser Wahn
denn nie auf?
Rom gleicht einer einzigen Baustelle! Erst lässt Augustus seinen eigenen Wohnsitz erweitern, dann
den Apollotempel. Und nun will er
auch noch das Caesarforum zu
Ende bauen. Dabei ist das Forum
doch schon längst zum Mittelpunkt
des kulturellen, politischen und religiösen Lebens geworden. Wie viele
Häuser im Armenviertel Subura sollen noch abgerissen werden? Und
wo sollen die armen Bürger Roms
nun hin?
Selbst das Sitzungsgebäude des
Senats musste für das Forum weichen. Auch die von Iulius Caesar begonnene Basilica Iulia lässt Augustus fertigstellen. Außerdem ist ein
Triumphbogen geplant, zu Ehren
von Octavians Sieg über Cleopatra
und Antonius – nur ein Bau zum
Zweck politischer Propaganda?
Der sogenannte Actiumbogen,
benannt nach dem Sieg über Marcus Antonius in der Seeschlacht bei
Actium vor drei Jahrzehnten, unterscheidet sich durch zahlreiche Statuen und wird von einer Triumphalquadriga gekrönt.
Im Vergleich zu einigen älteren
Bogenmonumenten, wie etwa der
altehrwürdige Fornix Fabianus auf
dem Forum, soll der Actiumbogen
sehr prachtvoll ausgeschmückt werden.
Augustus’ Wahn wird noch deutlicher, wenn man die Pläne für den
Bau seines eigenen Forums betrachtet. Der Platz soll von zwei breiten
Säulenhallen eingekreist werden.
Gigantische korinthische Säulen
von jeweils 18 Metern Höhe reihen
sich sowohl an der Seite als auch an
der Front aneinander. Im Inneren
sollen Statuen von Mars, Venus und
Caesar stehen.
Wie weit soll der Bauwahn noch
gehen? Was plant unser Kaiser als
nächstes? Etwa ein kolossales Amphitheater?
Christian Druen
Fischfang
in Galiläa floriert
KAFARNAUM (nikun) Ob Kischri
oder langköpfige Barbe: Die Fischer
am See Genezareth erfreuen sich
derzeit am großen Vorkommen dieser Arten. Besonders die Orte Kafarnaum und Magdala, welche die
größten Häfen haben, profitieren
enorm. Ihr Eigenbedarf an Fisch ist
mehr als gedeckt. Magdala ist zudem das Pökelzentrum der Region.
Die Fische werden nachts mithilfe
von Netzen, Angeln und Harpunen
gefangen, sowohl vom Ufer als auch
vom Boot aus. Gepökelt werden sie
mit dem vom Toten Meer stammenden Salz, um sie nach Jerusalem
oder gar bis nach Rom liefern zu
können. Besonders in Jerusalem
entsteht ein großer Fischmarkt.
Vielleicht auch, weil der Fisch gerne
als Medizin bei Augenkrankheiten
wie dem „Star“ verwendet wird.
RÖMISCHE POST
SATURNALIEN, DCCLIII AB URBE CONDITA
Das große Fressen
Senator Lucius Flavius Metellus lud zu seinem alljährlichen, berüchtigten Geburtstagsbankett. Sein Ziel, Sulpicius als
Verbündeten zu gewinnen, schlägt fehl. Durch eine unbedachte Tat verliert er dessen Gunst.
Ein Mahl im Kreis von Freunden und solchen, die es werden wollen, gehört in der römischen Oberschicht zum guten Ton. Man zeigt, was man hat, und wer man ist.
Nach der Begrüßung führt Metellus die Gäste in den Speisesaal, das
CAPUA Die Sklaven sind seit den frütriclinium. Da es Winter ist, wird das
hen Morgenstunden auf den BeiBankett im Winterspeisezimmer
nen. Denn es ist wieder einmal soausgerichtet. Dessen vergoldete Deweit: Der Senator Lucius Flavius
cke glänzt selbst noch im AbendMetellus lädt zu seinem berüchtiglicht, die Sonnestrahlen heizen den
ten Geburtstagsbankett ein. Seit TaRaum zugleich auf.
gen treffen die Sklaven VorbereitunMetellus mag wie immer nicht dagen, denn sie fürchten nichts mehr
rauf verzichten, seinen Reichtum
als den Zorn ihres
ausgiebig
zur
Herren. Sie wiSchau zu stellen.
„Metellus hat es mal
schen Böden, powieder geschafft, sein Bronzeschmuck
lieren Säulen, entverziert die SpeiBankett in einen Ort
schuppen Fische,
sesofas, an den
schleppen
Amder Kommunikation zu Wänden hängen
phoren voll edlen
kostbare Vorhänverwandeln“
Weines heran.
ge. Die Kissen,
Gaius Maximus
Die Gäste trefPolster und DeHoher römischer Beamter
fen alle erst beim
cken der Sofas beletzten Sonnenstehen aus den
strahl in der prächtigen Villa in
hochwertigsten Stoffen und sind
Capua ein. Für neun Stunden wermit Purpur gefärbt. Der prächtige
den sie ihren Alltag vergessen. SenaMarmorboden und die Silbergefäße
tor Metellus schafft es immer wiezeugen ebenfalls von Metellus’
der, seine Gäste so auszuwählen,
Reichtum. Auch der Tisch, auf dem
dass sie weder zu schwatzhaft, noch
die Speisen präsentiert werden, ist
zu still sind. So kommen die erfriaus Marmor. Eine Harfenspielerin
schendsten Gespräche zustande.
erfreut die Gäste mit zarten MeloZu den Gästen zählen enge perdien.
sönliche Freunde, politische VerInzwischen sind Metellus’ Besubündete und der Ehrengast Sulpicicher hungrig. Alle freuen sich, als
us Rufus. Zahlreiche Aufmerksamdie Sklaven die Vorspeise auf bronkeiten sollen ihn schmeicheln. Mezenem Geschirr aus Korinth hineintellus’ Absichten dürften den übritragen. Eier, Salat, Gartengemüse
gen Besuchern dadurch ziemlich
und Oliven werden als Vorspeise geklar geworden sein. Wegen der viereicht. Auf die Oliven aus eigenem
len Intrigen und des Kampfs um die
Anbau ist Metellus unglaublich
Vorherrschaft im Senat will Metelstolz, da diese in ihrem eigenen Öl
lus den Senator Sulpicius Rufus als
eingelegt wurden. Sie sind somit frei
Verbündeten dazugewinnen.
von Zusatzstoffen.
VON JULIA PABST
Die Hauptgänge bestehen sowohl
aus Geflügelgerichten wie saftige
Enten und Flamingos, als auch aus
einer großen Auswahl von Fischgerichten. Sklaven tragen Muränen,
Störe, Steinbutte, Dorsche, Forelle,
Papageienfische, Thunfisch, Hummer, Austern, Purpurschnecke, See-
igel und Kammmuscheln herein.
Der kulinarische Höhepunkt ist
aber eine riesige Sau, gefüllt mit
Bratwürsten. Zu jedem Gang wird
eine Fischsauce aus kostspieligen
Meeresfrüchten gereicht. Nach dieser mächtigen Mahlzeit tischen die
Sklaven noch Mandeln, Datteln aus
Je mehr, desto
besser: Die
Reichhaltigkeit
mancher Tafel erfreut die Gäste.
Moralisten ekelt
dieser protzige
Konsum jedoch
an. Die Völlerei
lasse jedes Gespür für die Tugend des Maßhaltens vermissen und sei ein
Zeichen von Dekadenz, bemängeln sie.
FOTO: APX/AXEL THÜNKER DGPH
Renntag im Circus Maximus: Debakel für die Grünen
FOTO: PAWEL KURZAWSKI,
Ägypten und Esskastanien aus Spanien auf. Erlesener Wein sorgt während des Mahls für prächtige Stimmung.
Der Abend scheint perfekt zu laufen. Der Raum strotzt nur so vor
Reichtümern. Das Essen ist nur aus
den hochwertigsten Zutaten bereitet, und die Harfenspielerin ist nicht
nur für die Ohren, sondern auch
fürs Auge eine wahre Bereicherung.
Und doch ist Metellus nicht zufrieden: Sein eigentliches Ziel, Sulpicius
als Verbündeten zu gewinnen,
schlägt fehl. Durch eine unbedachte
Tat hat der sonst so zuvorkommende Gastgeber die Gunst des Sulpicius verloren. Er hat einen Fehler bei
der Platzvergabe gemacht. Zwar hat
Sulpicius das Vergnügen neben dem
Senator Publius zu liegen, doch der
Ehrenplatz links neben dem Gastgeber wird von jemand anderem,
nämlich dem engsten Verbündeten
des Metellus, belegt. Sulpicius fühlt
sich gedemütigt und drückt seinen
Unmut lange mit Schweigen aus.
Doch je später der Abend wird
und je mehr Wein die reizende Sklavin Gallia nachschenkt, desto redseliger wird schließlich auch Sulpicius. So geht das Festmahl noch bis
tief in die Nacht hinein. Natürlich
würden manche Dichter und Moralisten das exzessive Konsumverhalten und die Hingabe zur Fresssucht
anprangern, wüssten sie von diesem Abend.
Doch Metellus hat für solche Kritik nur eine Antwort: „carpe noctem
– Nutze die Nacht“.
Wirtschaft
Kaum Inflation
150.000 Zuschauer erlebten die halsbrecherischen Fahrten rasanter Gespanne – und einige überraschende Ergebnisse.
VON NIKLAS KUNZ
ROM Der Strom von Zuschauern
wollte nicht enden, als im Circus
Maximus die 58. Wagenrennen des
stattfanden. Fast 150.000 Römerinnen und Römer feuerten mit tosendem Applaus die Jockeys an, die für
die vier Rennparteien an den Start
gingen. Ausrichter des glanzvollen
Renntages war Kaiser Augustus.
Auch er ließ es sich wie üblich nicht
nehmen, sich die Spiele anzusehen.
Schon der prunkvolle Festzug,
die pompa circensis, begeisterte die
Menge. Nachdem die Opfergaben
Spektakuläre Unfälle steigern den Nervenkitzel bei den Wagenrennen nur noch.
Manche Zuschauer kommen nur deshalb in die Arena.
FOTO: THINKSTOCK
unseren Göttern dargebracht, die
Startplätze ausgelost und die Wetten platziert waren, begann die
Show. Vier Rennwagen glänzten in
ihren üblichen Farben: Rot, Blau,
Grün und Weiß. Außergewöhnlich
waren diesmal allerdings die Sieger.
Die grüne und die blaue Partei dominierte die Rennen weit weniger
deutlich als gewohnt. Nur knapp die
Hälfte der Rennen konnten die Favoriten unter sich ausmachen. Viermal mussten die Grünen sich sogar
mit dem letzten Platz abfinden.
„Schlimmer als die Schlacht bei
Cannae“, urteilte ein Fan.
Diese Erinnerung an die bittere
Niederlage Roms im Kampf gegen
den kathargischen Feldherren Hannibal vor etwas mehr als 200 Jahren
ist zwar im Rausch der Emotionen
entstanden. Sie erhielt jedoch große
Zustimmung seitens der Fans der
Grünen.
Die meisten Zuschauer waren
sich jedoch darin einig: Kaiser Augustus sei zu danken. Er habe großartige Spiele organisierte und einer
riesigen Menge Menschen einen
spektakulären Tag und ein obendrein kostenloses Vergnügen beschert.
1 Denar = 4 Sesterzen
1 Sesterz = 4 Asse
0,55 Liter Wein
kosten 2 Asse
Tageslohn eines
Legionärs beträgt 10 Asse.
BROT & SPIELE
RÖMISCHE POST
SATURNALIEN, DCCLIII AB URBE CONDITA
Weitere prunkvolle
Toilettenanlage in
Betrieb genommen
VII
Die Kunst des Sterbens
ROM (beli) Im Campus Martius ist
eine neue öffentliche Toilette feierlich eröffnet worden. 50 Personen
finden zeitgleich und komfortabel
in der prunkvollen Anlage Platz.
Mosaikfußböden, marmorgetäfelte
Wände mit exquisiten Malereien
und imposante Marmorsäulen sorgen für ein wohliges Ambiente. In
gemütlicher Runde können Römer
hier zusammen kommen, um interessante Neuigkeiten auszutauschen, neue Kontakte zu knüpfen
oder Geschäfte zu machen.
Augustus selbst gab den Bau dieses Latrinenkomplexes vor etwa einem Jahr in Auftrag und finanzierte
ihn höchstpersönlich. In allen Winkeln Roms entstehen zur Zeit solche
Anlagen. Sie sind allesamt durch
unterirdische Abflusskanäle miteinander verbunden. Diese führen
zunächst zur Hauptleitung, der
Cloaca Maxima, die schließlich in
den Tiber mündet. Die römischen
Bürger lieben die öffentlichen Toiletten. Wer sich ein Bild von der
Pracht der Anlage machen möchte,
findet diese im Campus Martius gegenüber des Marcellustheaters. Für
die Benutzung fällt eine geringe Gebühr von zwei Assen an.
Ein letzter Sieg in der Arena. Und dann ein neues Leben im Kreis der
Familie. Davon träumte der Gladiator Libertus Tiro. Im blutgetränkten
Sand des Circus Maximus vollendete sich sein Schicksal.
Betrug mit
Billig-Sklaven
ROM (beh) Skandal auf dem Skla-
venmarkt: Der Händler Quintus Livius hat Dutzende Käufer über die
Herkunft der von ihm angebotenen
Haussklaven belogen. Anstatt den
wahren Herkunftsort, ein Dorf in
Armenien, zu nennen, gab er Griechenland als Geburtsort an. Dementsprechend verlangte er von den
Käufern die für Griechen üblichen
Preise von bis zu 700 Denar. Die
Ware war jedoch unfähig, griechisch zu sprechen oder gar zu
schreiben. Manche der Verkauften
konnten nicht einmal musizieren.
Zum Vergleich: Ein Sklave minderer
Herkunft kostet 200 bis 300 Denar.
Erst dem Feldherrn Sextus Pompeius Magnus Pius fielen die Mängel
noch vor Abschluss des Geschäfts
auf. Der Feldherr sieht sich nun in
der Pflicht, den betrügerischen
Sklavenhändler zu verklagen.
MELDUNGEN
Toga bleibt Pflicht für
den Herren von Welt
ROM (ble) Auch in diesem Sommer
gilt in Sachen Mode: Für Volksversammlungen oder für die Spiele ist
korrektes Erscheinen in Toga zwingend geboten. Eben einmal überwerfen – das geht mit der Toga allerdings nicht. Der ein Mann breite
und drei Mann lange Stoffstreifen
muss kunstvoll drapiert werden, mit
Bausch und Gegenbausch. Viele bevorzugen daher bei weniger offiziellen Anlässen den praktischen Kittel,
die Tunika. In kalten Provinzen findet sogar die Hose, ein barbarisches
Gewandstück, inzwischen Freunde.
Epikureer sind nicht
mehr zeitgemäß
ROM (ble) Junge Menschen sind zu-
nehmend wieder offen für religiöse
Werte. Damit verliert die Philosophie Epikurs an Boden. Vertreter
dieser Richtung glauben, dass die
Welt aus energiegeladenen kleinsten Teilchen, sogenannten Atomen,
besteht und dass es keine Götter
gibt. Diese Form des Atheismus gilt
in der Jugend als veraltet und unzeitgemäß. Das ergab eine Umfrage unter 1000 jungen Männern und Frauen der Oberschicht.
Ärzte warnen vor
Bleiweiß im Wein
ROM (ble) Bleiweiß wird neuerdings
gerne Wein beigemischt, um ihn
haltbarer zu machen. Einige Ärzte
raten jedoch davon ab, trotz des angenehm süßen Geschmacks. Sie
fürchten
Gesundheitsschäden
durch diese beliebte Zutat und raten, Harz oder Gips zu verwenden.
Stimmt ein Gladiator das Publikum mit einem tapferen Kampf milde, kann er bei einer Niederlage mit dem Leben davonkommen. Dennoch hat er in der Arena den Tod ständig vor Augen.
der Secutor einen eiförmigen Helm,
um dem Wurfnetz des Gegners
ROM Ein verzweifelter Schrei. Das
nicht zu leicht erlegen zu sein.
Zischen eines herabsausenden
Der 40-jährige Tiro hat eine auSchwerts. Der sandige Boden des
ßergewöhnliche Kampf- und TöCircus Maximus verfärbt sich rot.
tungsstatistik. In den acht Jahren
Der Schrei bricht ab. Stille. Dann ein
seiner Karriere hat er von 35 Kämpohrenbetäubendes Tosen: 150 000
fen 33 gewonnen und nur zwei verMenschen in blutiger Ekstase. Ich
loren. Weitaus beeindruckender in
sitze inmitten dieses Spektakels,
meinen Augen: Er hat nicht einen
fühle eine eisige Kälte meinen Geist
einzigen Gegner getötet.
durchdringen.
Tiro heißt mit vollem Namen
Wie ein nicht zu unterschätzenMarcus Tullius Marcus Libertus
der Anteil der römischen BevölkeTiro. Denn er und seine Geschwister
rung habe auch
waren als kleine
ich eine tiefe AbKinder Sklaven
Der Tod eines gut
neigung
gegen
des
römischen
ausgebildeten
das unmenschliPolitikers Marcus
Kämpfers ist für seinen Tullius Cicero, der
che, blutige Gemetzel der GlaGladiatorenmeister ein sie kurz vor seidiatorenkämpfe.
nem Tod freiließ.
finanzieller Verlust
Dennoch bildete
Gladiator wurde
ich mir ein, mit
Tiro, um das nötijournalistischer Neutralität über
ge Geld für seine Familie – GeStargladiator Libertus Tiro berichschwister, Ehefrau und drei Kinder –
ten zu können, als ich vor einigen
zu verdienen. Im Dienst des großen
Wochen den Auftrag dazu bekam.
Gladiatorenmeisters Marius wurde
Um Tiro kennenzulernen, habe ich
er zu einem Star. Seine Verpflichihn beim Training beobachtet.
tung endet nach dem nächsten MuIn Fachkreisen gilt Tiro als größter
nus – so heißen die Spiele in Rom. Er
Retiarius unserer Zeit. Der Retiarius
könnte Land in seiner Heimat Galist eine Gladiatorengattung mit aulien erwerben und mit der Familie
ßergewöhnlicher
Bewaffnung:
dort wohnen.
Wurfnetz und Dreizack. Nicht mit
Gladiatoren sterben viel seltener,
Helm oder Schild ausgestattet, dieals manche denken. Sie sind das Kanen ihm Schulterschirm und Armpital ihrer Meister. Der Tod eines gut
schiene am Netzarm als einziger
ausgebildeten Kämpfers ist ein verSchutz. Gegner des Retiarius ist
heerender finanzieller Verlust. Da
meist der Secutor. Dieser ist besser
häufig zwei Gladiatoren des selben
gepanzert und mit einem großen
Meisters gegeneinander antreten,
Rechteckschild sowie einem Kurzverhindern sie viele Todesfälle. Zuschwert ausgestattet. Zudem trägt
dem kann ein besiegter Gladiator
VON RAFFAEL SCHMIDT
um Gnade bitten und das Publikum
über sein Leben entscheiden lassen.
Ging der Niederlage ein tapferer
Kampf voraus, zeigt es meist Milde.
Tiros Athletik im Training war beeindruckend. Blitzschnell konnte er
Attacken ausweichen und im selben
Moment mit seinem Netz angreifen.
Zum Training gehörten neben
Kampfsimulationen, Läufen und
Kraftübungen wie Ringen oder Felsenheben auch eine spezielle Ernährung: Die Mahlzeiten bestanden
größtenteils aus Bohnen und Getreide. Nach dem Training nahm er
einen Aschetrank als Tonikum ein.
Nach einigen Wochen ist es nun
endlich soweit: Tiros letzter Munus
beginnt. Ich sitze in den oberen Reihen des Circus Maximus. Die besten
Plätze am Fuß der Arena gehörten
den Rittern und Senatoren. Die Veranstaltung beginnt mit dem Einzug
der Organisatoren, Kampfrichter,
Musiker und Gladiatoren. Sie grüßen unseren auf einem erhöhten
Platz sitzenden Princeps Augustus,
der die Spiele für eröffnet erklärt.
Zuerst müssen sich Kriegsgefangene aus Germania Magna, Rebellen aus Gallien und Schwerverbrecher aus allen Teilen des Römischen
Reiches Bären und Löwen stellen.
Die Organisatoren haben die Tiere
mit Lanzenstichen zuvor schier rasend gemacht.
Das Ergebnis ist ein elendiges
Massaker: Die spärlich bewaffneten
Gefangenen sind dem Blutrausch
der Tiere chancenlos ausgeliefert.
Der Sand der Arena verwandelt sich
an einigen Stellen in eine klumpige
Ob Regen oder
Sonnenschein:
Gekämpft wird
bei jedem Wetter. Dieser Gladiator nutzt die
Schnelligkeit und
Stärke eines
Pferdes zu seinem Vorteil.
FOTOS: APX/AXEL
THÜNKER DGPH
Farbenfrohe Federn schmücken
die Helme dieser
Gladiatoren. Nur
der Kämpfer mit
der roten Feder
überlebt den
Kampf.
FOTO: PAWEL KURZAWSKI
Tiro tritt zwei Schritte zur Seite,
Masse aus abgebissenen Gliedmadreht sich mit beinahe aufreizender
ßen, Tier- sowie Menschenblut und
Lässigkeit einmal um die eigene
Innereien.
Achse und rammt seinen Dreizack
Doch nicht das Gemetzel, nicht
im spitzen Winkel in den Boden.
die verzweifelten Todesschreie der
Dem schwer gepanzerten Secutor
Gladiatoren lassen mir das Blut in
bleibt keine Zeit mehr, auszuweiden Adern gefrieren. Nein, ist es die
chen. Er stolpert aus vollem Lauf
Reaktion der Zuschauer: Frauen wie
über den Schaft des Dreizacks und
Männer, einfache Bürger wie Ritter,
schlägt scheppernd auf den Boden
alle sind einem widerwärtigen Blutauf.
rausch verfallen. Sie schreien, kreiDer Circus grölt. Tiro schwingt
schen, jubeln bei jedem besonders
sein Netz und will es gerade werfen,
qualvollen Tod. Wer sind hier die
als der am Boden liegende Nubier
Bestien? Die Löwen unten in der
sich ohne Schild
Arena – oder wir?
umdreht und mit
Schließlich der
Frauen wie Männer,
seiner
freien
Höhepunkt: Tiro
einfache Bürger wie
Hand einen Hauund der gegneriRitter, alle sind einem
fen Sand auf Tiro
sche Secutor bewirft. Er trifft ihn
treten die Arena.
widerwärtigen
mitten im GeDer Circus MaxiBlutrausch verfallen
sicht.
mus bebt. Tiros
Tiro schreit verGegner, ein junger
zweifelt auf, fasst sich in die Augen,
Nubier, scheint von der Atmosphäre
um die Sandkörner wegzuwischen.
in der Arena angestachelt zu werEr stolpert rückwärts. Der Secutor
den. Er beginnt mit einigen schnelspringt auf, eilt auf Tiro zu. Die Tolen Attacken. Tiro könnte den
desangst hat offenbar auch den SeKampf aufgrund des hohen Risikos,
cutor in einen Blutrausch versetzt.
das der Secutor eingeht, vermutlich
Ein dumpfes Zischen. Das Kurzschnell beenden.
schwert des Secutors schlägt in TiDoch Tiro will dem Publikum
ros Brustkorb ein und bohrt sich tief
eine gute Show bieten. Er tänzelt um
durch den rechten Lungenflügel.
seinen Gegner herum, täuscht imTiros Schrei wird zu einem Gurmer wieder an, sein Netz werfen zu
geln, Blut schießt ihm aus Brust und
wollen. Der unerfahrene Nubier
Mund. In seinen Augen sehe ich
scheint zu verzweifeln. Vielleicht
Verzweiflung. Er wird an seine Faüberkommt ihn aber auch die Tomilie, an seine Kinder, an deren undesangst. Seine Attacken werden
gewisse Zukunft ohne ihn denken.
noch heftiger. Mit erhobenem
Dann fällt er. Das Gurgeln endet.
Schild rennt er, ermutigt von den
Ein Moment beißender Stille. Mir ist
Rängen, auf Tiro zu und stößt
eiskalt.
Kriegsschreie aus.
VIII
LEBEN & ARBEIT
RÖMISCHE POST
SATURNALIEN, DCCLIII AB URBE CONDITA
Die Text-Gladiatoren im Amphitheater des LVR Archäologischen Parks in Xanten (von links): Benjamin Bruns, Benedikt Linke, Colmar Brademann, Martin Cobbers, Julia Pabst, Andreas Schley, Martin Wulff, Bruno Bleckmann, Jona Winstroth, Angelika Melcher, Anton Goetz, Christian Druen, Raffael Schmidt, Niklas Kunz und Mandy Krüger. Weitere Autoren sind Lukas Vaessen und Saskia-Eileen Berghäuser.
RP-FOTO: ANDREAS BRETZ
Die Macher der Römischen Post:
Ein halbes Jahr Planung und Arbeit
A
m Anfang stand ein Kurzschluss. Das Fest Christi
Geburt wurde in dem Kindergarten
besprochen,
den die zwei ältesten Söhne von Tobias Dupke, bei der Rheinischen
Post zuständig für Sonderprodukte,
besuchen. Und zwar so ausgiebig,
dass auch Papa nicht daran vorbeikam. Damit die Idee zünden konnte, musste allerdings noch ein weiterer Aspekt hinzukommen: das
Fernsehen. Viele Serien dienen lediglich der Unterhaltung – aber einige vermitteln unterschwellig so
viel komplexes Hintergrundwissen,
dass sie Schulen Konkurrenz machen. Eine solche Sendung ist das
US-amerikanische
Politdrama
„House of Cards“. „Ich habe dabei
überraschend viel über amerikanische Politik gelernt“, sagt Dupke. Als
sich Serie und Weihnachten in Dupkes Kopf treffen, macht es „Klick“:
Ein Weihnachts-Special über die
Welt zur Zeit Christi Geburt, mit
„House of Cards“-Effekt – das wäre
doch spannend!
Die Herausforderungen Kaiser
Augustus – tot. König Herodes – tot.
Römische Legionäre, barbarische
Cherusker, jüdische Tempelpriester
– alle tot. Wie können wir lebendig
über sie berichten? Wer kennt sich
mit dieser Zeit so gut aus, dass er zuverlässiger Chronist sein kann?
Denn die Fakten sollen stimmen;
die Römische Post soll authentisch
sein. Und, kniffligstes Problem von
allen: Wie fotografiert man anno
2016 antike Römer in Aktion?
Die Lösungen Bruno Bleckmann,
Professor für Alte Geschichte an der
Universität Düsseldorf, ist der erste
Glücksfall. Er ist bereit, das Thema
„Die römische Welt zur Zeit Christi
Geburt“ in einem Projektseminar zu
behandeln. Statt Klausuren werden
seine Studenten Zeitungsartikel
schreiben. Bleckmann wird die Texte begutachten.
Und die Illustrationen? Grafiken
haben wir täglich zu aktuellen Themen in der Rheinischen Post. Da
können die Kollegen Anna Zörner
und Martin Ferl auch locker mal was
Antikes an ihren Mac-Rechnern
zaubern. Und Zeichner Hossein Asivand kann auch Illustrationen beisteuern. Aber Fotos? Mooooment!
Antike haben wir doch ganz viel am
Niederrhein – in Xanten. Stefan
Weigel, stellvertretender Chefredakteur, kehrt begeistert von einer
Expedition in den LVR-Archäologischen Park zurück: „Tolle Kulisse,
Unterhaltend und lehrreich zugleich – das ist das Ziel
unserer Weihnachtsausgabe. 16 Studenten der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf haben mehrere
Monate für die „Römische Post“ recherchiert und an den
Artikeln geschrieben.
Professor Bruno Bleckmann, RP-Chefredakteur Michael Bröcker und RP-Projektmanager Tobias Dupke (v.l.) erklären die Aufgabe beim ersten Seminartreffen.
Rund 20 Studenten sammeln im Projektseminar „Die römische Welt zur Zeit
Christi Geburt“ wichtige Punkte für ihren Abschluss.
VIDEO
Studenten erklären die
Entstehung der Ausgabe
Recherchegrundlage: Die Studenten
wälzen Bücher und Dokumente.
„Das war eine Herausforderung, es
hat aber auch Spaß gemacht“, sagt
Angelika Melcher über dieses ungewöhnliche Zeitungsprojekt. Die
Studentin gehört zum AutorenTeam der „Römischen Post“. Wie
sie und ihre Kommilitonen die Reporterreise in die Römerzeit erlebt
haben, erklären sie in einem Video
auf RP Online. Videojournalist Thomas Binn hat es beim Besuch der
Teilnehmer des Projektseminars
„Die römische Welt zur Zeit Christi
Geburt “ im Archäologischen Park
in Xanten (APX) Anfang Dezember
gedreht. Der kurze
Film ist im Internet
unter der Adresse
www.rp-online.de/
zeitreise zu sehen.
Zwei Monate später ist es vollbracht: Die Seitenabnahme im Newsroom der Rheinischen Post.
FOTOS: ANDREAS BRETZ
jede Menge Motive!“ Weigel bringt
außerdem einen üppigen Bildband
mit Fotos. Sie zeigen Menschen, die
in originalgetreuen Kostümen in der
Park-Kulisse Allstagsszenen aus römischer Zeit nachstellen. Schließlich entdeckt Claudia Sander, Creative Director der „Römischen Post“,
noch Bilder der polnischen Profifotografen Cezary Wyszynski und Pawel Kurzawski, die eine historische
Römerlegion gegründet und dabei
ausgiebig fotografiert haben, die Legio XXI Rapax. Perfekt!
Die Umsetzung Beim ersten Seminartreffen im Oktober begrüßt
RP-Chefredakteur Michael Bröcker
die Studenten und sorgt für zusätzlichen Motivationsschub. ArtikelThemen werden verteilt, die Recherche in Bibliothek und Internet
kann beginnen. Allerdings: Wissenschaftliche Referate verfassen, das
hat ein Geschichts-Student drauf.
Wie aber schreibt man so etwas in
einem Zeitungsartikel auf? RP-Redakteur Holger Hintzen stiehlt Bruno Bleckmann zwei Seminarstunden, gibt Tipps zur Umsetzung der
Themen und zur Belebung der ersten Entwürfe. Während Claudia
Sander und Fotoredakteur Andreas
Krebs über Gestaltungskonzept und
Bildauswahl nachdenken, sitzt den
Studenten der 9. Dezember im Nacken: unbedingt einzuhaltender Abgabeschluss für die Artikel.
Das Foto, der Video-Dreh Ein eisiger Wind hat die westgermanische
Ebene nahezu menschenleer gefegt.
Nur eine kleine Kohorte tapferer
Studenten trotzt am ersten Dezembermorgen dem barbarisch kalten
Winter. Im Archäologischen Park
Xanten wollen RP-Fotograf Andreas
Bretz und Video-Journalist Thomas
Binn die Autoren vor der imposant
rekonstruierten römischen Arena
ins Bild setzen. Die Gesichter der
Studenten sind von Kälte und Wind
gerötet. Aber das Gruppenbild muss
sein – und eine antikere Kulisse
gibt’s weit und breit nicht.
Das Textwunder Viele Texte sind
schon vor Abgabeschluss da! Entzückt ist Holger Hintzen auch über
die Qualität, denn die ist für erste
Versuche in journalistischer Schreibe beachtlich. Ein paar Ecken und
Kanten abfeilen, dann passt das.
Die Blattabnahme 20. Dezember,
18 Uhr – ein halbes Jahr Arbeit hat
sich gelohnt: Im RP-Newsroom
nimmt Michael Bröcker mit den Autoren die Seiten des WeihnachtsSpecial ab. Urteil: Drucken!