Im Disneyland der Milchproduktion

Management
Im Disneyland
der Milchproduktion
Die Fair Oaks Farm, eine der größten Milchfarmen in den USA, betreibt eine
beispiellose Öffentlichkeitsarbeit: Im Stundentakt fahren Busse mit Besuchern
durch die Ställe. Was dahinter steckt, schildert Markus Rediger aus Bern.
W
er auf der Autobahn I-65 südlich von Chigago fährt, dem
sticht irgendwann ein riesiger
Stallkomplex ins Auge: Mehrere,
scheinbar endlos lange Boxenlaufställe
stehen nebeneinander, mit Kuhflecken
bemalte Busse fahren in diese Ställe hinein und wieder hinaus – und neben einer riesigen Eingangshalle steht ein
Kletterturm in der Form einer Milchtüte, auf dem sich Kinder und Erwachsene vergnügen.
Der amerikanische Volksmund bezeichnet die Anlage als „Milch-Disneyland“ – und das trifft den Nagel wohl
auf den Kopf.
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top agrar 12/2014
Das Projekt hat 1998 begonnen. Neun
Bauernfamilien aus verschiedenen Regionen der USA haben sich in der Nähe
des Dorfes Fair Oaks an der Autobahn
I-65 zusammengeschlossen und die „Fair
Oaks Farm“ gestartet. Heute bewirtschaften sie 12 800 ha und melken rund
37 000 Kühe in elf Melkkarussellen.
Kritik an Großbetrieben:Allerdings
steht auch die amerikanische Bevölkerung riesigen Milchfarmen zunehmend
kritisch gegenüber. Deshalb haben die
Gründer im Jahr 2004 ein Besucherzentrum eröffnet. Direkt im ersten Jahr
kamen rund 20 000 Besucher, um sich
Während der
Bus-Tour durch
die Kuhställe
erklären die Fahrer
die moderne
Milchproduktion.
über die moderne Milchproduktion zu
informieren. Das gab den Besitzern
Aufwind: Sie bauten die Öffentlichkeitsarbeit aus und entwickelten daraus
ein Geschäftsmodell.
Heute vermarkten sie einen Besuch
auf der Fair Oaks Farm als Milch-Abenteuer: In dem Besucherzentrum mit
Ausstellungshalle gibt es Informationen
und interaktive Spiele rund um das
Thema Milch. In der gläsernen Molkerei können die Besucher live bei der Produktion von Milch und Käse zusehen.
Und in der Abkalbearena können sie
auf einer Tribüne hautnah die Geburt
eines Kalbes verfolgen.
Absolutes Highlight sind allerdings
die Bustouren: Jede Stunde startet eine
Milchkuh-Rundfahrt durch die Ställe.
Ein Angestellter erläutert den Besuchern dabei die Haltung und Fütterung
von Kühen, aussteigen dürfen sie dabei
nicht.
für alle Angebote kostet 25 $ pro Person, das sind umgerechnet knapp 20 €.
Natürlich gibt es auf der Farm noch Restaurants und Souvenir-Shops. Zudem
vermieten die Besitzer die Räumlichkeiten für private Feiern oder Veranstaltungen.
Das Angebot kommt sehr gut an:
Letztes Jahr besuchten etwa eine halbe
Million Menschen die Fair Oaks
Farm – ein absoluter Spitzenwert in den
USA. Etwa die Hälfte von ihnen gab an,
jetzt mehr über die moderne Milchproduktion zu wissen, und mehr als jeder
zehnte Besucher will sogar mehr Milch
konsumieren.
Damit fühlen sich die Gründer bestätigt. „Alle Besucher sollen sehen, dass
Landwirtschaft umweltfreundlich, moderne Tierhaltung tierfreundlich und
Milch gesund ist“, sagt Gary Corbett, einer der Besitzer. Und der Besuch auf einer Farm sei viel effektiver als Filme zu
drehen oder Artikel zu schreiben.
Ausbau geplant:Deshalb wollen die
Besitzer das Projekt noch weiter ausbauen: Im Mai diesen Jahres ist der Spatenstich für ein Schweine-Informationszentrum gefallen, künftig sollen
auch noch Mastrinder und Legehennen
in den Ställen stehen. Und sogar ein
Hotel wollen die Besitzer noch auf dem
Gelände bauen.
Fotos: Rediger
500 000  Besucher: Ein Tages-Ticket
Blick in die Abkalbe-Arena: Auf der Farm kommen täglich 80 Kälber zur Welt. Zwei
Geburten finden in der Arena statt. Die Besucher können von der Tribüne zuschauen.
Die Besitzer
der Fair Oaks
Farm vermarkten
einen Betriebsbesuch
als „MilchAbenteuer“.
Damit haben
sie ein neues
Geschäftsfeld
erschlossen.
Schnell gelesen
• In der Fair Oaks Farm haben
sich neun Farmer zusammengeschlossen. Sie melken
37 000  Kühe.
• Weil in den USA die Kritik an
Großbetrieben zunimmt, sind
sie 2004 in die Öffentlichkeitsarbeit eingestiegen.
• Besucher können sich über
Milch informieren, bei der
Käse-Produktion zuschauen,
eine Geburt verfolgen oder im
Bus durch den Stall fahren.
Kletter-Turm
in Form einer
Milchtüte:
Vor allem für
Familien gibt
es etliche
Angebote auf
der Fair Oaks
Farm.
• Letztes Jahr zählte die
Fair Oaks Farm 500 000 Besucher. Sie will das Angebot
weiter ausbauen.
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