DAS PROBLEM DER ÄQUIVALENZ IN DER ZWEISPRACHIGEN LEXIKOGRAPHIE Kurs: Lexikographie und Korpora (Gergely Pethő), 10. Sitzung 2002. 04. 24. 1600 Uhr, Universität Debrecen, Institut für Germanistik I. Klassifizierung von Äquivalenten in zweisprachigen Wörterbüchern 1. Funktionaler Aspekt: Wozu dient die Äquivalentangabe dem Wörterbuchbenutzer? a) Bedeutungsangabe (~ Bedeutungsparaphrasenangabe, Synonymangabe im einsprachigen Wörterbuch) Beispiel: slowen. svinčnik Bleistift hvala danke Zu lesen als: „Die Bedeutung von svinčnik ist Bleistift, d.h. mit dem Wort svinčnik referiert man auf Bleistifte.” etc. b) Onomasiologische Angabe (~ onomasiologisches Wörterbuch) Beispiel: Bleistift danke rum. craion mulţumesc Zu lesen als: „Man bezeichnet Bleistifte auf Rumänisch mit dem Wort craion.” c) Äquivalenzangabe im engeren Sinne Beispiel: span. lápiz ¡gracias! frz. crayon merci Zu lesen als: „Das spanische Wort lápiz und das französische Wort crayon bedeuten dasselbe.” 2. Übersetzungsäquivalenz vs. Systemäquivalenz Systemäquivalenz: Die gegenseitige Zuordnung der Ausdrücke will ausdrücken, dass sie dieselbe Position in ihrem jeweiligen Sprachsystem beziehen. Wir sprechen von Systemäquivalenz, wenn ein Wort oder Ausdruck im System einer Einzelsprache dem semantischen, pragmatischen und eventuell syntaktischen Stellenwert eines anderen Wortes in einer anderen Sprache am nächsten kommt. Übersetzungsäquivalenz: Die gegenseitige Zuordnung der Ausdrücke will ausdrücken, dass der ausgangssprachliche Ausdruck in bestimmten Kontexten mit dem zielsprachlichen Ausdruck übersetzt werden kann. Wir sprechen von Übersetzungsäquivalenz, wenn eine Einheit (ein Ausdruck) der Zielsprache bei Übersetzungsvorgängen in Frage kommt als ein Bauteil eines zielsprachlichen, bedeutungsäquivalenten Textes, der mit dem entsprechenden Bauteil eines ausgangssprachlichen Textes parallel ist. 3. Eine funktionale Typologie von Wörterbüchern auf der Grundlage der Äquivalente a) Systemäquivalenten als Bedeutungsangaben Sinnvoll in allgemeinen zweisprachigen Wörterbüchern für Benutzer, deren Muttersprache die Zielsprache ist: wichtig ist das Verstehen der ausgangssprachlichen Texte, dafür reichen Systemäquivalente zumeist aus. b) Systemäquivalente als onomasiologische Angaben Möglich in einem zweisprachiges Wörterbuch für Benutzer, deren Muttersprache die Ausgangssprache ist. Nicht wirklich sinnvoll. c) Übersetzungsäquivalente als onomasiologische Angaben Sinnvoll in einem zweisprachiges Wörterbuch für Benutzer, deren Muttersprache die Ausgangssprache ist. Der Benutzer will dieses Wörterbuch zur Produktion von Texten in einer Fremdspache verwenden. Es reicht dabei meistens nicht aus, zu wissen, wie das Systemäquivalent des zu übersetzenden Wortes in der Fremdsprache heißt, sondern wie bestimmte Inhalte üblicherweise ausgedrückt werden. d) Übersetzungsäquivalente als Äquivalente Dient zur Produktion in der Zielsprache. Kann zwar auch in zweisprachigen Wörterbüchern für Benutzer, deren Muttersprache die Zielsprache ist, verwendet werden, das ist aber weniger sinnvoll. II. Typische Probleme bei der Angabe der Äquivalenten im zweisprachigen Wörterbuch 1. Unterschiede in der Betrachtung der außersprachlichen Realität a) unproblematischer Fall dt. Banane ung. banán b) die Äquivalenten bezeichnen nicht exakt dieselbe außersprachliche Realität frz. le 14 juillet dt. der 14. Juli Der 14. Juli ist in Frankreich nicht ein Tag wie jeder andere, sondern ein nationaler Feiertag. ung. ötvenhat dt. sechsundfünfzig c) der durch das ausgangssprachliche Wort bezeichnete Teil der außersprachlichen Realität ist den Sprechern der Zielsprache unbekannt dt. Bundeskriminalamt ung. szövetségi bűnügyi hivatal (?) 2. Unterschiede hinsichtlich der Position des Wortes im Sprachsystem a) unproblematischer Fall dt. Giraffe ung. zsiráf Häufigkeit, Bekanntheitsgrad, Möglichkeit der metaphorischen Übetragung, Konnotationen sind identisch 2 b) Unterschied hinsichtlich der Zugehörigkeit zu einem spezialisierten Wortschatz frz. tibia engl. tibia, shinbone ’Schienenbein’ engl. tibia: anatomisches Fachwort engl. shinbone: alltagssprachliches Wort frz. tibia: sowohl als auch Grad der Bekanntheit, Zugehörigkeit zu einem Teil des Wortschatzes (allgemein vs. Fachsprache), Häufigkeit, Verhältnis zu anderen Elementen des Wortschatzes ist bei tibia vs. tibia verschieden, und bei tibia vs. shinbone ebenfalls. c) Unterschied in den Konnotationen def. Konnotation: Gesamtheit der Assoziationen, die durch einen Ausdruck hervorgerufen werden. dt. Spätzle ung. galuska, nokedli Spätzle ist ein süddeutsches, besonders schwäbisches Nationalgericht. Galuska und nokedli erwecken solche Assoziationen nicht. d) Denotation verschieden, Entsprechung nur in den Konnotationen und dem Platz im Sprachsystem dt. Bundestag ung. országgyűlés Die Wörter sind etwa gleich häufig, gleichermaßen allgemein bekannt, gehören zum alltagssprachlichen Wortschatz. Das Denotat des deutschen Wortes besitzt in etwa dieselbe Funktion wie das Denotat des ungarischen Wortes, nämlich legislative Funktion etc. e) Denotation verschieden aber ähnlich, ungefähre Entsprechung in den Konnotationen und dem Platz im Sprachsystem dt. Vier gewinnt ung. amőba Die Spielregeln sind zwar verschieden, aber einigermaßen ähnlich. Die Bekanntheit der Spiele ist in dem jeweiligen Land aber etwa gleich, die Bezeichnungen sind gleichermaßen bekannt und gleich häufig, sie erwecken ähnliche Assoziationen. f) Ein Wort in der einen Sprache ist spezifischer oder weniger spezifisch als sein Äquivalent in der anderen Sprache engl. ermine dt. Hermelin engl. stoat dt. Hermelin ermine: Hermelin mit weißem Fell stoat: Hermelin mit braunem Fell Die englischen Äquivalente sind differenzierter. g) Die Bedeutungen der Wörter überlappen teilweise, aber ihre primären Bedeutungen sind jeweils andere. dt. sanieren ung. szanál dt. sanieren 1. ein Gebäude renovieren und durch Umbau neu gestalten; 2. eine Firma, ein Unternehmen aus finanziellen Schwierigkeiten herausbringen, wieder rentabel machen. ung. szanál 1. eine Firma oder ein Unternehmen, die in finanziellen Schwierigkeiten steckt, auflösen; 2. eine Firma, ein Unternehmen aus finanziellen Schwierigkeiten herausbringen, wieder rentabel machen. 3 def. falsche Freunde (faux-amis): Wörter aus zwei verschiedenen Sprachen, die sich formal ähnlich sind (und gleicher Herkunft sind), aber verschiedenes bedeuten, z.B. öst. Faschiertes – ung. fasírt III. Gründe für dir Probleme im Bereich der Äquivalenz 1. Kulturelle Unterschiede Der Wortschatz widerspiegelt, was in der jeweiligen Kultur als wichtig gilt. Agrargesellschaft: Pflanzen, Ernte, Schädlinge, verschiedene landwirtschaftliche Techniken Menschen in einer technologisierten Gesellschaft brauchen diesen Wortschatz nicht. z. B. die Sprache Anuak (Sudan): acht verschiedene Wörter für verschiedene Methoden und Arbeitsabschnitte des Mahlens von Getreide ein einziges Wort für alle Gegenstände, die aus Metall hergestellt werden Wenn ein Bereich der Realität kulturell wichtig wird, wird der entsprechende Bereich des Wortschatzes sehr schnell erweitert. Zweisprachige Wörterbücher erfassen in der Regel nur den Teil des Wortschatzes, an dem sich die beiden Sprachen überlappen 2. Unterschiede, die sich aus der Struktur des Sprachsystems ergeben a) Mehrere gleich sinnvolle und nützliche Aufteilungen der Realität sind möglich, die Entscheidung unter diesen erfolgt auf der Grundlage des schon vorhandenen Wortschatzes und zufällig. z. B. Hermelin vs. stoat/ermine b) Die Lexik besteht nicht nur aus dem Wortschatz, sondern umfasst auch Mehr-WortEinheiten wie Konstruktionen und Idiome anuak cwyni ’Leber’ Deutsch gut gutherzig unfreundlich leicht zu verärgern traurig mutig nett glücklich Anuak er hat cwyni sein cwyni ist gut sein cwyni ist schlecht sein cwyni ist seicht sein cwyni ist schwer sein cwyni ist stur sein cwyni ist weiß sein cwyni ist süß 4
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