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MARKETING Leerstandsplakatierung
Leer, doch mit
Leben gefüllt
Foto: ECE
Mit kreativ gestalteten Klebefolien oder interaktiven Projektionen lassen sich verwaiste Schaufenster beleben und Leerstände kaschieren. Auf diese Weise können Innenstädte und Malls mit überschaubarem Aufwand für Besucher und potenzielle Mieter attraktiv gehalten werden.
von Stefanie Hütz
Leer stehende Ladenlokale geben oftmals
ein trostloses Bild ab. Eines, das weder gut
für die Immobilieneigentümer ist, noch für
die benachbarten Retailer oder das Quartier
als Ganzes. Zwar sagen Einzelhandelsexperten, dass Leerstände in gewissem Rahmen
normal seien und auch als Korrektiv gegen
zu hohe Mieten dienen. Doch der Grat ist
schmal, dass sie eine Abwärts- und Abwanderungsspirale in Gang setzen. Daher lohnt
es sich, sich um die Gestaltung von Leerständen Gedanken zu machen. Bereits vor einigen
Jahren sorgte das englische Örtchen Whitley
Bay mit einem umfassenden Fassaden-Make-up für Aufmerksamkeit. An zuvor leeren
Schaufenstern wurden Fotografien befestigt,
die täuschend echt liebevoll dekorierte, gut
besuchte Shops darstellten. Plötzlich stimmte der Branchenmix wieder, auch wenn dies
nur Fassade war. Doch schöner Schein ist allemal besser als Tristesse.
Inzwischen gibt es viele Ideen zur temporären Zwischennutzung von Ladenlokalen.
Mitunter werden sie Künstlern oder auch Popup-Stores zur Verfügung gestellt. In dem ECEObjekt Stadtgalerie Heilbronn wurde kürzlich
eine leere Fläche im Obergeschoss zur WlanLounge umgebaut und mittels eines beklebten Schaufensters im Erdgeschoss angeteasert.
In den ECE-Centern werden laut Pressesprecher Christian Stamerjohanns selbst kurze Leerstandsphasen stets professionell überbrückt.
„Meist bekleben wir die Schaufenster mit Center-Werbung. Ab und zu freut sich auch ein anderer Mieter über ein temporär zusätzliches
Schaufenster.“
Kaschierungsfolien
Das Unternehmen Vennekel + Partner aus Kempen, dessen Metier hochwertige Werbetechnik
ist, ist auch auf Leerstandskaschierungen spezialisiert. Geschäftsführer Alexander Vennekel
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schildert den Ablauf: „Zunächst benötigen wir
ein Aufmaß sowie Fotos der Schaufensterfronten, sodass wir unsere Layout-Entwürfe anhand der realen Umgebungssituation präsentieren können. Mögliche Layouts können ein
regionales Motiv mit Bildern der Stadt sein, ein
Themenmotiv mit potenziellen WunschmieterBranchen oder eine freie graphische Lösung.
Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt.
Ist der Entwurf verabschiedet, werden die Bahnen gedruckt, veredelt und passgenau zugeschnitten. Abhängig von der voraussichtlichen
Beklebungsdauer bieten wir Folien in den Varianten ablösbar oder schwer ablösbar an. Für
kritische Standorte kann auch ein Anti-Graffiti-Schutz aufgebracht werden. Die Montage ist
in Eigenregie möglich, meist übernehmen sie
aber unsere eigenen Werbetechniker, die auf
Wunsch auch schon das Aufmaß erstellen.“
Dicolor aus Leipzig hat ebenfalls Leerstandskaschierungen als ein Geschäftsfeld für
Leerstandsplakatierung MARKETING
Foto: Vennekel + Partner
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Foto: Dicolor
Bild linke Seite: Die Stadtgalerie Heilbronn funktionierte ein leer stehendes Ladenlokal zur WlanLounge um
Bild oben: Die Königsgalerie Duisburg nutzt Leerstände zur Center-Werbung
Bild oben rechts: Leerstandskaschierung mit
einer digital bedruckten Klebefolie
Bild rechs: Interaktive digitale Nutzung eines
Leerstands-Schaufensters. Die Inhalte lassen sich
mit dem Smartphone des Passanten steuern
Foto: Dicolor
sich entdeckt. Außer hochauflösend bedruckten Klebefolien bietet der Digitaldruck-Spezialist auch Kedersysteme, die von der Decke
abgehangen werden, Rahmenbespannungen,
Frameless- oder Lichtrahmen sowie ausgefallene Sonderbauten an. Alle Lösungen lassen sich
vor oder hinter der Fassade montieren und mit
nach Wunsch bedruckten Bannern oder Textilien bespannen. Diese sind auch mit strukturierten Oberflächen erhältlich und lassen sich, im
Falle der Lichtrahmen, mit LEDs hinterleuchten.
Leerstände nicht als Problem, sondern
als Möglichkeit zu verstehen, das hat sich Fluur
zur Aufgabe gemacht, Büro für interaktive Gestaltung mit Sitz in Köln. Wobei sich ihr digitales interaktives Produkt „Nowa“ wie die „analogen“ Beispiele auch nicht nur für leerstehende
Ladenlokale nutzen lässt, sondern in jeglichen
POS-Kontext integriert werden kann. Als Basis
dient eine digitale Projektionsfläche, zum Beispiel ein großformatiges TFT- oder LCD-Display.
Die ausgestrahlten Inhalte lassen sich über jedes internetfähige Smartphone steuern. Dabei
können auch mehrere Betrachter simultan agieren. Sie müssen keine App herunterladen, es
genügt, den jeweils abgebildeten QR-Code zu
scannen oder den Link im Browser einzugeben. Der Zugang ist also niedrigschwellig, wodurch eine möglichst zahlreiche Nutzung erleichtert werden soll.
Digitale Angebote
Die möglichen Inhalte können Bilder, Texte, 3-DDaten bzw. Video- und/oder Audiodateien sein.
Stationäre Werbegemeinschaften könnten zum
Beispiel mithilfe von „Nowa“ einen Onlineshop
kreieren und die Nutzer selbstständig durch
Produktpaletten blättern oder die Produkte in
360 Grad betrachten. Das Tool kann Informationsportal sein, auch virtuelle Ausstellungen
sind denkbar. Die Pflege der Inhalte erfolgt über
VPN (virtuelles privates Netzwerk), die Präsenz
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eines Mitarbeiters vor Ort ist somit nicht erforderlich. Zudem lässt sich die Anwendung an
CI-Wünsche anpassen und mit Social-MediaAnbindung und E-Mail-Funktionen kombinieren.
Der Hamburger Verein Gängeviertel hat
bereits 2010 die Internet-Plattform Leerstandsmelder.de ins Leben gerufen, um Angebot und
Nachfrage bei Leerständen zusammenzubringen. Inzwischen sind Städte wie Hamburg, Berlin
oder Dortmund nachgezogen. Der Online-Marktplatz Gopopup.com vermittelt gezielt temporäre Locations. Er bringt Vermieter und Pop-upInteressenten zusammen und unterstützt mit
sogenannten „Ready to move in“-Dienstleistungen. Eine Plattform, die Schaufenster leerstehender Ladenlokale scoutete und diese inklusive Standortanalyse und Darstellung der
Passantenströme an Interessenten vermarkten
wollte, konnte sich jedoch nicht durchsetzen.
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