Quellenblatt 1 - Ernst-Göbel

Geschichte Klasse 10
C. Warlo
Römisches Selbstverständnis
Vergil (70-19 v.Chr.): Aeneis 6, 847 ff. (übersetzt von W. Plankl)
(zitiert nach: Franz-Josef Schütz: Geschichte – Dauer und Wandel. Von der Antike bis zum
Zeitalter des Absolutismus. 1990 Cornelsen Verlag, Berlin; S.99)
Andere mögen Gebilde aus Erz in weicherem Gusse
Formen, ich glaub's, und lebendige Züge dem Marmor verleihen,
Besser mit Reden verfechten das Recht und die Bahnen des Himmels
Zeichnen mit messendem Stab und der Sterne Erscheinen verkünden:
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Du aber, Römer, gedenke mit Macht der Völker zu walten,
Dies sei deine Berufung — des Friedens Gesetze zu ordnen.
Schon' den, der sich gefügt, doch brich den Trotz der Rebellen.
Cicero (106-43 v.Chr.): Staatslehre, Staatsverwaltung (übersetzt von K. Atzert)
(zitiert nach: Franz-Josef Schütz: Geschichte – Dauer und Wandel. Von der Antike bis zum
Zeitalter des Absolutismus. 1990 Cornelsen Verlag, Berlin; S.99)
[…] [Nichts gefährdet den Dauerbestand des Staates mehr als der Krieg. Wie ist er sittlich zu
rechtfertigen?] Ein wahrhaft sittlicher Staat unternimmt einen Krieg überhaupt nur zu seiner
Selbsterhaltung oder in Erfüllung einer durch ein Schutz- und Trutzbündnis übernommenen
Verpflichtung. Jeder ohne Grund vom Zaun gebrochene Krieg ist ein Unrecht. Denn
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gerechterweise lässt sich ein Krieg nur führen zur Abwehr und zur Strafe für einen widerrechtlichen
feindlichen Überfall. Außerdem muss ein Krieg, um als gerecht angesehen zu werden, vorher
angekündigt und formell angesagt sein. Vorausgehen muss dieser Ansage die Forderung der
Genugtuung, deren Ablehnung den Krieg erst rechtfertigt. Unser Volk hat sich die Weltherrschaft
errungen durch Wahrung der Rechte seiner Bundesgenossen.
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[Wenn nun vorhin behauptet worden ist, Knechtung sei in jedem Falle, da gegen die Natur
verstoßend, ein Unrecht, so ist darauf zu erwidern], wenn einem ruchlosen Angreifer das
Handwerk gelegt und er durch Unterwerfung gebessert wird, so ist das nicht nur gerecht, sondern
sogar nützlich und ersprießlich für den Unterworfenen selbst. Oder sehen wir nicht, dass die Natur
selbst, was schwach ist, zu seinem eigenen Besten unter die Herrschaft des Starken zwingt?
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Warum also befiehlt Gott dem Menschen, der Geist dem Körper, die Vernunft der Leidenschaft,
dem Zorn und all den anderen fehlerhaften Seiten der Seele? […]
Könige, Feldherren, Magistrate. Väter, souveräne Völker stehen also über Bürgern und
Bundesgenossen, wie der Geist über dem Leib, Herren aber setzen ihren Sklaven zu, wie der
beste Teil der Seele, d. h. die Vernunft, den lasterhaften und schwachen Teilen derselben Seele,
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den Leidenschalten nämlich, den Zornausbrüchen und den sonstigen Affekten.
RoemischesSelbstverständis.doc
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