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F A L T E R 3 7 / 1 6 meinung
Punkterl Die Glosse vom Falter
Kommentar Kroatien
Kommentar Bundesgärten
Was wurde nicht gestänkert, als
Innenminister Wolfgang Sobotka
das Dilemma der Briefwahlkarten zu
erklären versuchte. Und überhaupt
gilt die Wiederholung der Wahl zum
Bundespräsidenten als Inbegriff der
Behördeneinfalt. Und nun kommt
auch noch die ultimative Panne, der
Aufschub der Wahlen
Ein Blick in die Philosophie
zeigt, dass der Innenminister mit
seiner Analyse gar nicht so unrecht
hat. Der französische Denker Jac­
ques Derrida etwa stellte die Wie­
derholbarkeit als Fantasma dar,
das einem gefährlichen metaphysi­
schen Denken entspränge. Die von
der Aufklärung entwickelte Vorstel­
lung einer fixen Identität sei eine
Fiktion.
Ein weiterer Begriff von Derri­
da ist der Aufschub, die der Nach­
träglichkeit gegenüber dem aktuel­
len Ereignis, der Reproduktion ge­
genüber dem Original einen Vorrang
einräumt. Was uns Wolfgang Sobot­
ka mitteilen will, ist, dass es kei­
ne endgültige Wahrheit geben kann.
Dekonstrukivistisch gesprochen: Die
Wahlen für die Präsidentschaft wer­
den nie stattfinden. F
Kroatien wird nicht
Ungarn werden,
zumindest vorerst
Erntedankfest im Augarten: Wie
ein Elefant im Porzellanladen
Vedran Džihić
matthias dusini
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Falter, Zeitschrift
für Kultur und Politik.
39. Jahrgang
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eniger als ein Jahr nach den
ie ehemalige Direktorin der Bun­
W
letzten Parlamentswahlen rief D desgärten Brigitte Mang musste
man die Bürger in Kroatien am ver­ gehen, an ihre Stelle trat Gottfried
gangenen Wochenende erneut zu den
Urnen. Die großen Verlierer sind die
Sozialdemokraten, zuletzt in der Op­
position, wo sie wohl auch bleiben
werden. Man scherzt dieser Tage in
Zagreb, dass nur der Kriegspräsident
Franjo Tuđman selbst seiner HDZ in
den 1990er-Jahren zu mehr Ruhm ver­
holfen hat als nun der Chef der Sozi­
aldemokraten Zoran Milanović. Des­
sen Tage an der Parteispitze dürften
gezählt sein, nicht zuletzt wegen sei­
nes präpotenten Stils.
Die HDZ hingegen, die an der in­
stabilen Regierung der letzten Mona­
te beteiligt war und derentwegen die
Koalition auch platzte, ging dennoch
als Wahlsiegerin hervor. So wie die ös­
terreichische ÖVP oder die deutsche
CDU gehört die HDZ zur Fraktion der
Europäischen Volksparteien. Anstatt
wie zuvor mit dem ehemaligen Ge­
heimdienstler und Rechtspopulisten
Tomislav Karamarko ging die HDZ
nun mit dem ehemaligen EU-Parla­
mentarier Andrej Plenković als Spit­
zenkandidat in die Wahl.
Er wird wohl neuer Premierminis­
ter werden. Plenkovićs Erfolg bedeutet
auch einen Sieg des gemäßigten über
den rechten Flügel der Partei. Dieser
steuerte zuletzt auf ein Kroatien nach
dem Orbán’schen Muster zu. Aber
Plenkovićs Sieg ist lediglich eine Ver­
schnaufpause. Ein neues Gesicht lässt
nicht so einfach die tiefen nationalis­
tischen Ressentiments, die Aggressi­
onen gegen Serben und faschistischen
Positionen verschwinden. Sie sind in
der HDZ tief verankert.
Plenković wird die HDZ in die Mit­
te führen wollen, die Rechten müssen
aber weiterhin bedient werden, was
auch bei ihm zu ziemlichen Verren­
kungen führen wird.
Eines lernt man aus dem kroati­
schen Beispiel: Die EU-Mitgliedschaft
ist kein Wundermittel, das automa­
tisch stabile demokratische Verhält­
nisse erzeugt. Es gibt – siehe Ungarn
und Polen – keinen EU-DemokratieAutomatismus.
Kroatien braucht dringend eine
funktionierende Regierung, die dem
Land Ruhe und Stabilität bringt.
Plenković ist ein überzeugter Europä­
er und ein Mann der feinen, im EUParlament geschliffenen, Worte. Sein
langfristiger Erfolg ist aber alles ande­
re als garantiert, nicht nur wegen sei­
ner eigenen Partei, sondern auch we­
gen der möglichen Koalitionspartner.
Sollte das in den letzten Jahren für
Kroatien typische politische Koaliti­
onsbildungs- und Regierungstohuwa­
bohu wieder überhandnehmen, sind
weitere Wahlgänge und ein spanisches
oder ungarisches Szenario nicht aus­
geschlossen. F
Kellner, der Direktor der Gartenbau­
schule Schönbrunn (siehe auch S. 41).
Kaum ist die Katze aus dem Haus,
tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Wer
am letzten Wochenende im Augarten
bei dem von den Österreichischen
Jungbauern veranstalteten Erntedank­
fest war, konnte sehen, wie die neue
Leitung mit dem kulturellen Erbe
umgeht.
Unter den Augen von Landwirt­
schaftsminister Andrä Rupprechter
(ÖVP) blies ein Brotofen heiße Luft
in die Baumkronen, ein Gabelstapler
knickte einen Baum um, die Kasta­
nienalleen verwandelten sich in PkwParkplätze. Zwar beteuert Kellner, der
verdiente Manager einer angesehenen
Bildungseinrichtung, dass keine grö­
ßeren Schäden entstanden seien, aber
man muss kein Experte sein, um die
Misere zu erkennen: Wie beim Ice
Cream Festival Mitte August im Burg­
garten verwandelte sich ein denkmal­
geschützter Grünraum in eine Party­
meile, eine riesige technische Infra­
struktur zwängte sich in eine Idylle
– wie ein Elefant in den Laden des be­
nachbarten Augarten-Porzellan.
Da soll sich noch wer auskennen.
Statt ewige Werte zu vertreten, opfern
die Konservativen ein barockes Kunst­
werk einer landwirtschaftlichen Leis­
tungsschau. Aber auch die Grünen ha­
ben ein Problem mit ihrer Selbstdar­
stellung. Während die alternativen
Bezirkspolitiker gegen das Event pro­
testierten, kam Präsidentschaftskan­
didat Alexander Van der Bellen am
Sonntag auf Stimmenfang. Von Kell­
ner selbst war ohnehin wenig profes­
sionelle Distanz zu erwarten. Seine
Schule war in dem rustikalen Tsching­
derassabum mit einem eigenen Infor­
mationsstand vertreten.
F
Notstand? Der ist
Warum Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) sich auf die
Kommentar:
Nina Brnada
E
s gibt nicht die eine Antwort
auf die Flüchtlingsfrage. Da­
für sind die Probleme zu groß
– international wie lokal, im
Umgang mit der Türkei ebenso wie
bei der Standortsuche für ein neues
Aslywerberquartier.
Weil die Politik besonders schwie­
rige Entscheidungen zu treffen hat,
sollte man mit ihr nachsichtig sein –
aber sich nicht täuschen lassen dar­
über, wes Geistes Kinder die Entschei­
dungen sind, die da fallen.
Die Notverordnung besagt, dass
nach Erreichung von 37.500 Anträ­
gen die Asylverfahren jener im Eil­
verfahren abgewickelt werden, die
über sichere Nachbarstaaten einrei­
sen und keine Familienmitglieder in
Österreich haben. Die Entscheidung,
ob sie überhaupt zum Asylverfahren
zugelassen werden, müssen sie dann
im Ausland abwarten. Amnesty Inter­
national warnt vor einem Idomeni an
der österreichischen Grenze.
Die Idee der Notverordnung ent­
springt einer rechtspopulistischen
ÖVP-Politik, die Pseudorealitäten ge­
nerieren will. Und die SPÖ macht mit.
Aber der Reihe nach.
Österreich hat viel für Flüchtlinge
getan. Im Jahr 2015 haben hier laut
Innenministerium 89.000 Menschen
Asyl beantragt, mehr als in den meis­
ten anderen EU-Ländern. Viele Öster­
reicher halfen ehrenamtlich, weil sie
spürten, sie taten etwas Bedeutendes.
Nun schmückt sich ausgerechnet je­
ner damit, der damals keinen Finger
gerührt und von Anfang an gewettert
hat, dass das alles nicht funktionie­
ren kann – Außenminister Sebastian
Kurz (ÖVP). Die Hilfsbereitschaft der
Österreicher tauscht er bei jeder Gele­
genheit in einer Art Ablasshandel ge­
gen seine rechte Politik.
Nichtsdestotrotz, die seitens Teilen
der Opposition und Zivilgesellschaft
vielkritisierten Verschärfungen, zu­
nächst die Schließung der Balkanrou­
te, dann die Asylgesetznovelle, die uns
Die Autorin ist
PolitikRedakteurin
des Falter
in Form der Notverordnung heute be­
schäftigt, muss man auch im Licht je­
ner Monate der offenen Grenze bewer­
ten. Diese waren nämlich auch eine
Phase der Unsicherheit.
Damals kamen täglich hunder­
te Menschen. Das, was Anfang Sep­
tember als Ausnahme begonnen hat­
te, wurde für Monate zum Alltag. Es
ist bis zu einem gewissen Grad also
nachvollziehbar, dass die österreichi­
sche Regierung kalte Füße bekam.
Kanzlerin Angela Merkel hat zu
viel Zeit vergehen lassen, ehe sie mit
der Türkei über Maßnahmen in der
Flüchtlingsfrage zu verhandeln be­
gann. Erst dadurch hat Sebastian Kurz
die Gelegenheit bekommen, die Bal­
foto: archiv
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