Meine Vorstellung in der Saarbrücker Zeitung

LOKALES
DONNERSTAG, 8. SEPTEMBER 2016
MZG
NR. 210
SEITE C5
Bürgermeisterwahl in Beckingen
Am Sonntag, 11. September, stimmen die Beckinger darüber ab, wer ihr künftiger
Bürgermeister wird. Drei Kandidaten stellen sich der Wahl. Wir stellen sie vor. Heute: Michael Petto, freier Bewerber.
Auch für den freien Bewerber auf den Bürgermeisterposten, Michael Petto, gehört der Wahlkampt an der Haustür zum Pflichtprogramm auf der Jagd nach Wählerstimmen.
FOTO: RUPPENTHAL
Beim Wahlkampf alte Beziehungen aufleben lassen
Für die Beckinger Bürgermeisterwahl engagiert sich der parteilose Bewerber Michael Petto auch bei Hausbesuchen direkt bei den Wählern
Von SZ-Redakteurin
Margit Stark
Beckingen. Fast zwei Jahrzehnte
lang wohnen sie nur wenige Meter voneinander entfernt, ohne es
zu wissen. Erst der Wahlkampf
bringt sie wieder zusammen. „Ihr
Gesicht kommt mir bekannt vor“,
begrüßt Gerhard Krummenacker
Michael Petto. Der 44-Jährige,
der als Einzelbewerber um das
Amt des Bürgermeisters in der
Gemeinde Beckingen antritt,
stutzt einen Augenblick, überlegt, nennt seinen Namen. Wie
aus der Pistole geschossen kontert der ehemalige Lehrer am Dillinger Gymnasium: „Dann waren
Sie mein Schüler – in Mathematik oder Physik.“ „In Physik.“
macht Petto klar. „Das ist fast 30
Jahre her.“ „Sie gehen nicht mehr
zur Schule, ich auch nicht mehr“,
schmunzelt der ehemalige Pädagoge. Im Wintergarten der Familie wird die Bekanntschaft aufgefrischt – einschließlich ein paar
Details aus der Familie. Dass
Tochter Joline (13 Jahre) in Papas ehemaliger Schule lernt, vernimmt der ehemalige Lehrer gerne, ebenso dass Colin (zehn Jahre) nach den Ferien das AlbertSchweitzer-Gymnasium besu-
AU F E I N E N B L I CK
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Michael Petto, 1972 geboren, besuchte das Dillinger Gymnasium. Nach dem Abitur 1992 und einem Jahr Zivildienst begann
er 1993 sein Jura-Studium an der Uni des Saarlandes, im Zweitstudiengang kam ein Jahr später Informatik dazu.
Im Jahr 1991 hatte eine Werbeagentur angemeldet. 2001 entschied er sich für sein Unternehmen und die Mitarbeiter und
beendete sein Studium vorzeitig. Er gründete die Q4 media Aktiengesellchaft in Dillingen, deren Vorstandsvorsitzender er ist.
Eine weitere Aktiengesellschaft und eine GmbH & Co. KG kamen für den zweifachen Familienvater dazu.
mst
chen wird. „Sie finanzieren ihren
Wahlkampf selbst?“, will Krummenacker wissen. „Ja, es steht ja
keine Partei hinter mir“, verrät
der Unternehmer, der in Pachten
Vorstandsvorsitzender der Aktiengesellschaft Q4 media AG ist,
eine Firma, die im Bereich des
Online-Fotoservices arbeitet. „In
meiner Firma habe ich alles erreicht, was ich erreichen konnte.
Wir haben noch nie so viel Geld
verdient wie in diesem Jahr. Jetzt
suche ich eine neue Herausforderung“, gesteht er. Und: „Das
Rückgrat des Bürgermeisters
sind die Bürger. Die müssen mehr
über alles informiert werden. Dafür werde ich mich einsetzen,
sollte ich zum Verwaltungschef
gewählt werden.“ So schwebe
ihm ein Bürgerbeirat vor. Den habe es schon mal gegeben, der sei
aber schnell abgesetzt worden.
Am Wahltag, so verraten die
Krummenackers, sind sie in Urlaub. Wem sie ihre Stimme geben
werden, bleibt ihr Geheimnis.
Doch eines steht für sie fest. „Wir
beantragen daher Briefwahl“ –
eine Aussage, die Petto mit Freuden hört. „Ich lasse mir bei meinen Hausbesuchen Zeit, rede gerne mit den Leuten, um zu erfahren, wo der Schuh drückt“, sagt
er. „Nur meine Flyer abgeben, ist
nicht mein Ding“, sinniert er.
„Rüstige Rentner, das habe ich
bei meinen Bürgersprechstunden erfahren, würden gerne ehrenamtlich für die Gemeinde arbeiten, Bänke in Stand halten,
Die Haushaltskonsolidierung ist eines der wichtigsten Themen
Der freie Bewerber Michael Petto spricht im Interview über Stärken, Schwächen und die Haushaltslage seiner Gemeinde
Wie steht Beckingen da, was werden Sie tun, was würden Sie anders machen? Mit dem freien Bewerber Michael Petto hat sich SZRedakteurin Margit Stark unterhalten.
Welche Probleme sind Ihrer Meinung nach die größten in Beckingen?
Michael Petto: Wie in vielen
Kommunen ist auch in Beckingen eine angespannte Haushaltslage für viele ausbleibenden Sanierungen und Investitionen verantwortlich. Zukünftige Investitionen müssen daher sehr wohl
überlegt sein und weitere Fördermittel gesucht werden. Viel
mehr Angst macht mir die Sorge
der Bürger, von der Gemeindepolitik nicht gehört zu werden. Eine
mangelnde Kommunikation und
fehlende Transparenz sind die
Hauptursache hierfür. Neben der
fehlenden
Bürgerbeteiligung
mangelt es an politischen Visionen für Beckingen. Ohne realistische Visionen, wie zum Beispiel
eine Agenda „Beckingen 2.0“, hat
man kein klares Ziel vor Augen,
welches man ansteuern kann. Ein
weiterer wichtiger Punkt ist der
demographische Wandel in Verbindung mit der besonderen Tal-
lage der Gemeinde. Die Erhaltung der Nahversorgung und
neue Verkehrskonzepte für Schüler, Jugendliche und Senioren
sind überfällig. Zu nennen sind
Mitfahrbänke, Einkaufs- und
Arztfahrten für Senioren und
Sammelbusse vom Bahnhof ins
gesamte Tal für Jugendliche am
Abend. Des Weiteren muss die
Gemeinde Beckingen für junge
Familien, die individuelle Bauwünsche haben, genauso da sein
wie für ältere Menschen, die in
ihren Wohnungen bleiben möchten oder MehrgenerationenHaushalte anstreben. Meine
Idee: Ein „kommunaler Wohnungsbau“ könnte eine Brücke
schlagen zwischen Leerständen
in den Ortskernen.
Welche Stärken hat Ihrer Meinung nach die Gemeinde?
Petto: Durch seine zentrale Lage
ist Beckingen eine der attraktiven Wohnorte in der Region.
Auch für Gewerbe, Mittelstand
und Industrie ist diese Lage ideal.
Durch viel Natur und unsere hervorragenden Wanderwege ist viel
Potenzial für mehr sanften Tourismus. Als Bürgermeister möchte ich diese Stärken nutzen und
wohnortnahe
Arbeitsplätze
durch Neuansiedlungen und gezielt durch den Ausbau der interkommunalen Zusammenarbeit
den Tourismus ausbauen.
Was gab den Ausschlag, sich gegen den Windpark Primsbogen zu
wehren?
Petto: Das Thema „Windkraft ja,
aber nicht vor meiner Haustür“
ist nicht einfach zu beurteilen.
Als normaler Bürger war mir von
der Kenntnis der Situation an
klar, dass es zur Gegenwehr der
Anwohner kommt, da ich dies gut
nachvollziehen kann. Das Wohl
der Bürger muss über die wirtschaftlichen Interessen gestellt
werden. Als Gemeinde bin ich
vorrangig dem Wohl der Bürger
verpflichtet. Der Gemeinderat,
zu dessen Mitgliedern meine beiden Mitkandidaten gehören, hätte hier vorausschauend handeln
und die Bürger frühzeitig mit einbeziehen müssen. Erst nach den
Protesten und der Interaktion
der Bürgerinitiative zu handeln,
zeigt die Ignoranz gegenüber
dem Bürger und seinem Willen.
Das löchrige Vertragswerk der
EnBW hätte die Gemeinde viel
Geld gekostet.
Wie wollen Sie den Haushalt der
Gemeinde im Griff behalten? Der
Ergebnishaushalt weist für 2016
ein Defizit von rund 1,659 Millionen Euro aus, für 2017 wird mit einer Lücke von etwa 1,639 Millionen Euro gerechnet.
Petto: Als normaler Bürger habe
ich bis heute leider keinen Einblick auf die genauen Faktoren,
die in unserer Gemeinde zu einer
Verschuldung führen. Auf jeden
Fall kann ich als einziger Kandidat behaupten, nicht dafür mitverantwortlich zu sein. Als Bürgermeister wird meine erste Aufgabe darin bestehen, mir mit meiner 25-jährigen kaufmännischen
Erfahrung einen Überblick zu
verschaffen, um die Haushaltskonsolidierung voran zu treiben.
Da ich als Kaufmann immer erst
die Kostenseite betrachte und
optimiere, kommen für mich
Steuererhöhungen nicht in Frage. Mein Motto „Mitarbeiter motivieren, um Kosten zu optimieren“ wird sicherlich einen kleinen Teil zur Kostensenkung beitragen. Daneben müssen auf Gemeindeseite neue Einnahmequellen erschlossen werden. Als
Unternehmer kenne ich die Bedürfnisse von Betrieben gut und
werde deren Förderung sowie
den Ausbau von Neuansiedlun-
gen zur Chefsache machen, um
die Gewerbesteuereinnahmen
der Gemeinde zu steigern. Als
langfristige
Einnahmequelle
möchte ich die Energiegewinnung in eigener, kommunaler
Hand und die Einsparpotenziale
bei
der
Abfallentsorgung
schnellstmöglich angehen.
Was würden Sie anders als Ihr
Vorgänger machen, wenn Sie Bürgermeister wären?
Petto: Mein oberstes Ziel ist es,
neben mehr zukunftsorientierter
und transparenter Politik die
Bürger mit ins Boot zu nehmen.
Als parteiunabhängiger Bürgermeister wäre ich erstmalig in Beckingen nicht einer Fraktion verpflichtet, sondern könnte ausschließlich für die Bürger handeln. Hierzu werde ich Bürgerbeiräte als Berater und eine regelmäßige Bürgerversammlung
als feste Institution etablieren.
Diese können als Kommunikationsschnittstelle in beide Richtungen fungieren und somit für
mehr Empathie und Verständnis
bei Entscheidungen sorgen. Nur
damit, ergänzt durch unternehmerische Visionen, kann sich eine moderne Gemeinde weiterentwickeln.
Wiesen mähen oder Hecken
schneiden. Dafür müsste man ihnen mal Benzin oder Arbeitsmaterial an die Hand geben – und öfter mal Danke sagen“, sagt er und
drückt auf den Klingelknopf an
der nächsten Haustüre. Elvira
und Peter Lux ist der Kandidat
bestens bekannt. „Vorstellen
brauche ich mich ja nicht“, lacht
er. Die Trainerin des Tennisclubs
Beckingen schüttelt den Kopf
und fragt nach dem Sohnemann.
Ein intensives Gespräch über den
Sport, die Familie und das Ehrenamt folgt, bevor er sich verabschiedet – zur nächsten Tür. „Ich
glaube, dass ich bis zum Tag der
Wahl am 11. September nicht alle
Häuser abgeklappert habe“, sagt
er. „Aber ich will zuhören und mit
den Leuten gute Gespräche führen.“
HIN T E RG RUN D
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„Meine Lieblingsorte sind
meine Heimat Beckingen
und unser schönes Saarland“, schwärmt Michael
Petto. „Ich freue ich mich
immer wieder, die Umgebung zu Fuß oder mit dem
Rad zu erkunden.“ Lesen
bedeute für ihn Weiterbildung. „Neben Fachliteratur lese ich gerne Biografien, wie die von Steve
Jobs“, nennt er seine Favoriten. Nachdem er den vielen Kohlenhydraten abgeschworen habe, greife er
gerne zu „hochwertigem
Fleisch und Fisch in allen
Variationen“, gepaart mit
Salat oder Gemüse.
„Als Ex-Sänger einer Cover-Rockband bin ich dem
klassischen Rock meiner
Jugend verfallen.“ Aus
Zeitgründen komme er
selten zum Kochen, bedauert er, genieße es aber hin
und wieder, mit Freunden
in netter Runde neue Rezepte auszuprobieren. mst
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EDMUND SELZER