Predigt zu 1.Korinther 15,10 am 21.August 2016 Augustinerkirche Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht - nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir. Liebe Gemeinde Ich bedanke mich herzlich für die Ehre, am Patrozinium des heiligen Augustinus bei Ihnen predigen zu dürfen. Mit dem Weisheitslehrer, den Jesus Sirach in der Lesung rühmt, man werde ihn nicht vergessen, haben Sie wohl an den Kirchenvater Augustinus anspielen wollen, weniger an mich. Denn mich hat das heutige Thema in eine gewisse Verlegenheit gebracht. Ich kann mich noch erinnern, dass ich anfangs des Theologiestudiums ob der Materialfülle des Kirchenvaters eher erschrocken bin. Ich sehe die Werkesammlung noch vor mir in der Bibliothek im Dachstock der kirchlich-theologischen Schule, im selben Raum, wo wir auch Lateinunterricht hatten. Denn als Absolvent des mathematischnaturwissenschaftlichen Gymnasiums musste ich alle drei alten Sprachen nachholen. Ich war in diesen Jahren anfangs Zwanziger aber generell eher am biographischen Zugang zu berühmten Theologen interessiert, so las ich etwa die berühmte Bonhoeffer-Biographie von Eberhard Bethge oder Karl Barths Lebenslauf von Eberhard Busch. Augustinus freilich machte es einem da etwas einfacher, denn er gilt ja mit seinen confessiones, den Bekenntnissen als Erfinder der Autobiographie. Als pietistisch geprägter Reformierter passte mir dieser autobiographisch selbsterforschende Zugang, geht es doch um den persönlich erfahrbaren und bezeugten Glauben. Ich hielt es aber nicht das ganze Buch durch, muss ich zugeben. Es war mir ein bisschen zuviel Sünde. Da liest man als junger Theologiestudent die Sünden der Jugend, die man selber noch gar nicht begangen hat und vielleicht erst einmal sollte…Wie in pietistischen Erweckungspredigten musste die Sündhaftigkeit betont werden, um die Gnade umso grösser zu machen. Mein persönliches Problem war immer, dass ich gar kein so grosser Sünder war, um die Gnade richtig zu verdienen… Daraus hat Augustinus, den wir als den Lehrer der Gnade kennen, auch die Lehre der Erbsünde entwickelt, die bis in die Reformationszeit hinein wirksam wurde. Das Anliegen dahinter war, die Gnade Gottes auf dem dunklen Hintergrund umso heller erscheinen zu lassen. Aber das ist dann zugleich auch das theologische Problem. Wenn die Sünde so gross wird, dann wird sie fast zur notwendigen Voraussetzung für die Gnade Gottes. Etwas von dieser Entwicklung deutet sich bereits bei Paulus an. Im Brief an die Gemeinde in Korinth argumentiert der Apostel Paulus noch stark autobiographisch: Ich bin es nicht wert, Apostel geheissen zu werden, habe ich doch die Gemeinde verfolgt – wir hören hier eine confessio, ein Sündenbekenntnis – und deshalb bin ich, was ich bin, allein aus der Gnade Gottes. Im Philipperbrief spricht er gar davon, dass er sein früheres Leben als Dreck erachte, wörtlich übersetzt. Im Brief an die Römer, den er wenige Jahre später aus ebendiesem Korinth nach Rom schreibt, macht er aus diesem Bekenntnis der Gnade Gottes dann eine theologische Erörterung über die Gnade Gottes. So etwa im 5. und 9.Kapitel, die dann wiederum für Augustins Erbsündenlehre eine wichtige Rolle spielen. Wenn jemand die Erfahrung der Begnadigung macht, so gehört es gerade wesentlich zu dieser Erfahrung, dass diese Gnade eben unverdient ist, geschenkt, und damit eben gerade unbegründet. Es ist dies das Rätsel des Glaubens, in dem man sich fragt: Warum glaube ich eigentlich und nicht nicht? Es gibt Atheisten, die sagen, sie beneideten die Gläubigen, weil sie etwas hätten, was ihnen fehlte, aber sie könnten es eben nicht. Kann ich mir nun etwas darauf einbilden, dass mir der Glaube geschenkt ist, und mich manchmal durch alle Krisen hindurch wieder findet? Als ich mich entschloss, Theologie an der Universität Basel zu studieren, da gab es Personen aus meinem pietistischen Umfeld, die befürchteten, ja mir ankündigten, dass ich den Glauben verlieren würde. Ich muss denen heute sagen: sie hatten recht, und ja, Gott sei Dank, dass ich diesen selbstgewissen Glauben verloren habe. Aber Gott sei Dank hat der Glaube mich wieder gefunden. Das gibt mir eine ganz andere Gelassenheit dem Glauben gegenüber. Nicht ich halte mich fest an Gott, sondern werde festgehalten. Ich lade Sie ein, in Ihrem Leben nachzuforschen, wo der Glaube sie gefunden hat. Wir können und müssen niemandem unseren Glauben beweisen. Aber wir dürfen ihn bezeugen. Auch spreche ich niemanden die Berechtigung für seinen Glauben ab, für seinen anderen Glauben, seinen Unglauben oder seine andere Religion, nur weil ich bekenne, dass der Glaube an Jesus Christus mich ergriffen hat und ich mich in meinem Leben und im Sterben auf ihn verlassen will. Es ist das eine ähnliche Erfahrung, wie wir sie in der Liebe machen können. Das ist der Grund, warum die Ehe als Sakrament bezeichnet wird, weil wir in der Liebe die Erfahrung der göttlichen Liebe und Gnade machen können. (Allerdings sollten wir die bürgerliche Ehe nicht mit dem Sakrament der Liebe verwechseln). Gott sei Dank ist es mir als Evangelischem wie euch als Christkatholiken erlaubt, nicht nur vom Sakrament der Ehe sprechen zu dürfen, sondern es am eigenen Leib zu erfahren. Denn es ist mir immer wieder ein Rätsel, warum mich meine Frau noch liebt - manchmal ist es auch ihr ein Rätsel - und gerade aus diesem Rätsel erwächst neue Liebe. Nicht weil ich gutaussehend, gebildet und charmant wäre, hoffentlich manchmal, liebt sie mich, sondern weil sie mich liebt, bin ich das in ihren Augen und kann ich das manchmal auch für andere sein. Die Liebe ist geschenkt und nicht begründbar, aber sie hat Wirkung und Folgen, manchmal mit Hand und Fuss, bei uns sinds drei Kinder. Muss ich diese Liebe nun rational und intellektuell nachverstehen und begründen? Ein Liebesbrief kann und darf nicht eine rational nachvollziehbare Aufzählung von Liebesgründen sein. Viel eher muss ich an der Beziehung, an der Liebe arbeiten, um sie zu vertiefen, um aus diesem Geschenk etwas zu machen. Auch da lade ich Sie ein, in Ihrem Leben nachzuforschen, wo und von wem sie gänzlich unverdient geliebt worden sind und was das in Ihrem Leben bewirkt hat. Es ist das ein Geschenk, das uns meist die Eltern und Grosseltern machen, aber auch Lehrpersonen, Chefs, Nachbarn. Ja, auch ein Pfarrer oder eine Therapeutin kann in der Seelsorge, Beratung und Therapie eine liebende, vorurteilslose Haltung einnehmen, in der ich mich angenommen erfahre und daraus erst auch auf die schwierigen Seiten meiner Persönlichkeit eingehen kann. Es gibt Pflanzen, die brauchen erst die Sonne, damit sie sich öffnen. Die Gnade Gottes öffnet die Seelen der Menschen und lässt sie auch ihre Sünden bekennen. Nicht umgekehrt. Deshalb predigen wir die Gnade Gottes und nicht die Sünde. Es ist ein Evangelium, ein Euanggelion, eine gute Nachricht! Und es ist der Segen, den wir sprechen „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“ Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und seine Gnade ist nicht ohne Wirkung geblieben, nicht durch mich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir. Theologische Systeme schaffen es nicht, logische Lücken zu schliessen. Warum Gott gnädig ist, bleibt Gottes Sache. Gott ist gnädig auch ohne Sünde, wie wir an der Erschaffung der Welt erkennen, denn „es war sehr gut“. Es braucht weder die Erbsündenlehre, noch etwa die Satisfaktionslehre Anselms, die aus dem Liebestod Christi ein notwendiges System machte, das auch heute immer wiederholt wird, so als ob unsere Zeit einen Gott brauchte, der nur gnädig zu stimmen ist durch den Opfertod seines Sohnes. Wenn ich nicht weiss, warum ich glauben darf, so muss ich auch nicht wissen, warum es andere nicht können. Sie müssen dafür nicht in die Hölle geschickt werden, noch unterliegen sie einem System der doppelten Prädestination wie bei Calvin, was der Gipfel der Absurdität ist. Alle diese Systeme machen Gottes Gnade kleiner, weil irgendwie notwendig. Und damit werfen sie einen ungeheuren Schatten auf die Allmacht der Gnade Gottes. Glauben wir und verkündigen wir doch den allmächtigen Gott der Gnade! Die Frage nach dem Warum muss offen bleiben. Vielmehr sollen wir fragen, wozu? Wozu hat mir Gott gegeben, was er mir gegeben hat? Ein theologisches System kann deshalb interpretiert werden als Ausdruck des Lobpreises, „im Gebet preist er den Herrn“, dichtet Jesus Sirach. Die gute Tat ist ein Ausdruck der Dankbarkeit zum Lobe Gottes, „und sie sollen eure guten Taten sehen und den Vater im Himmel preisen“. Augustinus eröffnete seine Bekenntnisse mit einem Lobpreis und auch Paulus liess seine Überlegungen im Römerbrief schliesslich in einem Lobpreis ausklingen: O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen. (Römer 11,33+36)
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