Wenige Dopingberichterstatter

www.fachjournalist.de
1
Fachjournalist
Sportjournalismus: Dopingberichterstattung im Abseits
Ausgewählte Ergebnisse der Studie „Wissen und Einstellung von
Sportjournalisten in Deutschland zum Thema Doping“ der TU München
Michael Schaffrath · 18. August 2016
Wie viele Sportjournalisten berichten regelmäßig über Doping? Wie schätzen
Medienvertreter subjektiv ihre Kompetenz beim Thema Doping ein? Gibt es
objektivierbare Wissensdefizite? Um solche und andere Fragen zu beantworten,
wurde von der Sportfakultät der TU München eine Onlinebefragung durchgeführt, an
der sich 850 Sportjournalisten beteiligt haben. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie
“Wissen und Einstellung von Sportjournalisten in Deutschland zum Thema Doping”
fasst der Leiter des Arbeitsbereichs Medien und Kommunikation an der Sportfakultät
der TU München, Michael Schaffrath, hier zusammen.
5000 Dopingkontrollen werden bei den derzeit stattfindenden Olympischen Spielen in
Rio durchgeführt. Wie viele davon positiv ausfallen, ist noch offen. Zwar gibt es
aktuell aufgrund der Enthüllungen der ARD-Doping-Redaktion um Hajo Seppelt zum
Staatsdoping der russischen Leichtathletik eine größere publizistische Sensibilität für
das Problem, aber ob dies über Olympia hinaus etwas an der bisherigen Ignoranz und
der großen Selektivität der Medien gegenüber Doping ändert, kann durchaus
bezweifelt werden. Denn in der Vergangenheit hat sich der deutsche
Sportjournalismus “vergleichsweise wenig mit der Dopingproblematik beschäftigt”,
bilanzierten die Medienforscher Dr. Holger Ihle und Dr. Jörg-Uwe Nieland völlig
zurecht (Ihle, H./Nieland, U. 2013, S. 156). Auch die Sportwissenschaftler Prof. Dr.
Thorsten Schauerte und Prof. Dr. Jürgen Schwier kritisierten noch letztes Jahr, dass
das “eigentlich allgegenwärtige Thema Doping (…) eher konsequent ausgeblendet”
wird (Schauerte, T./Schwier, J. 2015, S. 234). Für den Dopingexperte Prof. Dr. Werner
Franke betreiben die meisten Sportjournalisten sogar “Betrug am Volk”, weil sie
bisher “im Anti-Doping-Kampf wenig beigetragen” hätten (zit. nach Werner, A. 2015,
S. 18).
Das liegt an verschiedenen Rahmenfaktoren (vgl. dazu Schaffrath. M./Kautz,
F./Schulz, T. 2016, S. 220-223):
●
●
am massiven “Kosten- und Zeitdruck”, der investigative Dopingrecherchen aus
wirtschaftlichen Gründen für viele Redaktion erschwert oder gar unmöglich macht;
an der gestiegenen “Unterhaltungsorientierung” bei der Sportberichterstattung und im
Selbstverständnis der Sportberichterstatter, die Kritik und Kontrolle konterkariert;
Copyright © 2016 Fachjournalist
-1/7-
18.08.2016
www.fachjournalist.de
●
2
an einer Vielzahl “interdependenter” und “symbiotischer” Beziehungen zwischen
Sportlern und Journalisten, die vor dem Hintergrund beidseitiger kommerzieller
Interessen ein Enthüllen von Dopingvergehen menschlich erschwert und ökonomisch
kontraproduktiv erscheinen lässt (vgl. Schaffrath 2016: 699).
Die mediale Ignoranz ist aber auch auf mangelnde Kompetenz und defizitäres Wissen
der Journalisten zurückzuführen. Das belegt die Studie “Wissen und Einstellungen von
Sportjournalisten in Deutschland zum Thema Doping“. Diese wurde vom
Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISP) gefördert, von der Nationalen AntiDoping Agentur (NADA) und dem Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS)
unterstützt und am Arbeitsbereich für Medien und Kommunikation in Kooperation mit
dem Lehrstuhl für Präventive Pädiatrie der Sportfakultät der TU München
durchgeführt.
Methode, Stichprobe, Rücklauf
Die Studie war als Onlinebefragung mit 38 Fragen konzipiert, die in der Zeit vom 27.
November 2012 bis zum 27. Februar 2013 stattfand. Angeschrieben wurden alle 3.155
im VDS organisierten Journalisten sowie 15 Mitglieder des damaligen
Sportnetzwerkes. Von den insgesamt 3.170 Sportjournalisten nahmen 875 an der
Befragung teil. Nach der Datenbereinigung umfasste der Rücklauf 850 Fragebögen,
wovon 709 bis zum Ende ausgefüllt wurden. Damit ist diese Studie die bisher größte
Sportjournalisten-Umfrage zum Thema Doping und Dopingberichterstattung in
Deutschland. Mit Blick auf die Zielgruppe sowie das komplexe Thema wird die
Rücklaufquote von 26,8 Prozent als gut eingestuft. Bezogen auf die Merkmale
“Geschlecht” und “Alter” ist die Studie repräsentativ für die im VDS organisierten
Sportjournalisten in Deutschland. Einige ausgewählte Ergebnisse der Studie im
Überblick:
Wenige Dopingberichterstatter
Die Mehrheit der Sportjournalisten publiziert zu Doping nichts. 62,9 Prozent der
Befragten geben an, in den vorausgegangenen zwölf Monaten keinen einzigen Beitrag
zu diesem Thema veröffentlicht zu haben. 33 Prozent produzieren einen bis zehn
Beiträge. Zu der Gruppe der “Viel-Publizierer” mit elf und mehr Beiträgen pro Jahr
können nur 4,1 Prozent aller Sportjournalisten gezählt werden.
Subjektive Kompetenzdefizite
Die Gründe für diesen hohen Grad an Berichterstattungsabstinenz sind vielfältig
(siehe Abb. 1). Die theoretisch angenommenen Rahmenfaktoren für die
Dopingberichterstattung finden im Antwortverhalten ihre empirische Entsprechung:
Vier Fünftel der Befragten räumen ein, dass sie bisher noch keine Chance hatten
“über Doping zu berichten”, 63,7 Prozent konzedieren, das Thema Doping “spielt in
meiner Redaktion keine Rolle”. Zu weiteren Hauptursachen für den häufigen
Publikationsverzicht gehören das Eingeständnis einer “defizitären Ausbildung” sowie
der “fehlenden Kompetenz”: Drei Viertel der Sportjournalisten fühlen sich „für diese
Thematik nicht ausreichend ausgebildet“, knapp zwei Drittel halten sich für “nicht
kompetent”. Demgegenüber ist aber ein grundsätzliches Interesse am Thema Doping
Copyright © 2016 Fachjournalist
-2/7-
18.08.2016
www.fachjournalist.de
3
vorhanden, denn immerhin 80 Prozent negieren die Aussagen, dass Doping “sie kaum
interessiere”.
Abb. 1: Gründe für die Berichterstattungsabstinenz (Angaben in Prozent)
Die Selbsteinschätzungen zur Kenntnis von fünf vorgegebenen Dopingaspekten
konkretisieren die Kompetenzdefizite (siehe Abb. 2). Bei “medizinischen”,
“physiologischen” und “sportrechtlichen” Aspekten attestieren sich nicht einmal 30
Prozent der Befragten “sehr große” oder zumindest “große” Kenntnisse. Angesichts
des Zeit- und Finanzdrucks in den Redaktionen ist sogar nachvollziehbar, dass bei
vielen Sportjournalisten kaum adäquate Möglichkeiten bestehen, sich vernünftig in
die Thematik einzuarbeiten. Gerade einmal 14 Prozent der Befragten bezeichnen ihr
Wissen zum NADA-Code als “sehr groß” oder “groß”. Da der NADA-Code aber die
Basis für die Entscheidung darstellt, ob überhaupt Doping vorliegt oder nicht, müssen
solche Unsicherheiten bei so grundlegenden Fragen zu medialer Zurückhaltung
führen.
Copyright © 2016 Fachjournalist
-3/7-
18.08.2016
www.fachjournalist.de
4
Abb. 2: Selbsteinschätzungen von Kenntnissen zu Dopingaspekten (Angaben in Prozent)
Objektivierbare Wissenslücken
Jenseits des Problems, ob Onlineumfragen überhaupt das geeignete Instrument sind,
um Wissensbestände zu eruieren, weil jeder Befragte die richtige Lösung auch
recherchieren könnte, wurde in dieser Studie ein solcher Versuch gewagt. Es wurden
drei Wissensfragen generiert mit insgesamt 13 Wissenitems.
Die erste Frage nach dem korrekten Prozentwert positiver Dopingtests beantworteten
immerhin 42,1 Prozent richtig. Bei der zweiten Frage nach sechs verschiedenen
Dopingtatbeständen konnten nur 8,3 Prozent aller Befragten die sechs richtigen
Antworten identifizieren. Bei der dritten Wissensfrage zu den Aufgaben der NADA
schafften es gerade einmal 2,2 Prozent, die sechs korrekten Antworten zu finden.
Wie unterschiedlich, aber doch eher niedrig das Wissen ausfällt, zeigt die Auswertung
zu den drei Wissensfragen (siehe Abb. 3). 13 richtige Antworten wären möglich
gewesen. Diesen Maximalwert erreichten nicht einmal 0,4 Prozent aller Befragten.
Wird die Anzahl der richtigen Antworten als Hinweis auf das vorhandene Wissen
gewertet – nach dem Schema 13 bis 10 richtige Antworten = “hohes” Wissen, 9 bis 6
= “mittleres” Wissen, 5 bis 1 = “geringes” Wissen und 0 = “kein” Wissen, dann ergibt
sich folgendes Bild: 13,7 Prozent der Sportjournalisten kann man ein “hohes” Wissen
zum Thema Doping attestieren; 56,3 Prozent der Befragten verfügen über ein
“mittleres”, 28,5 Prozent über ein “geringes” und 1,5 Prozent über “kein” Wissen.
Copyright © 2016 Fachjournalist
-4/7-
18.08.2016
www.fachjournalist.de
5
Abb. 3: Wissen: Richtige Antworten gesamt (Angaben in Prozent)
Die Wissensbestände werden von der Berichterstattungsintensität beeinflusst, wie
Mittelwertvergleiche zeigen. “Viel-Publizierer” wissen 8,34 richtige Antworten und
damit mehr als “Wenig-Publizierer” mit 7,58 und “Nicht-Publizierer” mit 6,66
korrekten Angaben im Schnitt.
Leitwölfe in der Dopingberichterstattung
Als “Leitmedien” oder “Leitjournalisten” gelten im Journalismus diejenigen, die von
den Kollegen regelmäßig rezipiert werden und die oft als Quelle für die
Berichterstattung dienen. Für 41,3 Prozent bzw. 41,8 Prozent aller Befragten gibt es
“Doping-Leitmedien” bzw. “Doping-Leitjournalisten”.
Bei den Medien wird von knapp zwei Dritteln der 313 Befragten, die Leitmedien im
Doping überhaupt identifizieren, die “Süddeutsche Zeitung” genannt. Bei den
Journalisten liegt Hajo Seppelt an der Spitze. Mehr als zwei Drittel der 315 Befragten,
die “Doping-Leitjournalisten” ausmachen, attestieren dem ARD-Mitarbeiter diesen
Status (Tab. 1).
Doping-Leitmedien
Angaben in
Prozent
Angaben in
Prozent
Doping-Leitjournalisten
Süddeutsche Zeitung 64,2
Hajo Seppelt
66,3
ARD
36,4
Thomas Kistner
34,9
FAZ
24,2
Jens Weinreich
12,6
Der Spiegel
14,1
Anno Hecker
4,4
WDR
10,8
Andreas Burkert
4,1
Fazit
Doping ist Betrug am Sport, der bei den Olympischen Spielen nach Einschätzung
vieler Experten massenhaft vorkommen dürfte. Wie viele Dopingsünder tatsächlich
Copyright © 2016 Fachjournalist
-5/7-
18.08.2016
www.fachjournalist.de
6
erwischt werden und dann auch für Schlagzeilen sorgen, ist offen. Klar ist schon jetzt,
dass eine adäquate journalistische Aufarbeitung von Dopingfällen mehr sein sollte als
das reflexartige An-den-publizistischen-Pranger-Stellen einzelner Athleten. Die
Thematisierung struktureller Hintergründe des Dopings, bei dem die Medien sich als
Mitverursacher des Problems erkennen sollten, fordern die Soziologen Prof. Dr. KarlHeinrich Bette und Prof. Dr. Uwe Schimank seit Jahren (Bette, K-H./Schimank, U.
2006, S. 164f; Bette, K.H. 2007; Bette, K.H. 2008).
Die Befragung zeigt, dass eine gegenüber dem Einzelsportler kritische und trotzdem
Strukturen reflektierende Dopingberichterstattung nicht am Wollen der
Sportjournalisten scheitert, sondern – neben defizitären Ressourcen – auch am NichtKönnen der Medienmitarbeiter liegt. Die meisten Befragten fühlen sich subjektiv nicht
kompetent genug und offenbaren objektivierbar viele Wissenslücken. Trotzdem wäre
es für die Reputation des Sportjournalismus wichtig, dass das Thema nicht komplett
im Abseits steht!
Hinweis der Redaktion: Am kommenden Donnerstag erscheint an dieser Stelle ein
Beitrag über die Dopingberichterstattung im Fußball – die Sportart Nummer eins in
Deutschland.
Literatur:
Bette, K.-H.; Schimank, U. (2006): Die Dopingfalle. Soziologische Betrachtungen.
Bielefeld: transcript.
Bette, K.-H. (2007): “Die Massenmedien haben sich noch nicht als Mitverursacher des
Dopingproblems entdeckt”. Ein Interview mit dem Sportsoziologen Karl-Heinrich
Bette. In: Meutgens, R. (Hrsg.): Doping im Radsport, 2. Auflage. Kiel: Delius Klasing
Verlag, S. 191-195.
Bette, K.-H. (2008): Doping im Leistungssport – zwischen individueller Schuld und
kollektiver Verantwortung. In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 59 (1), S. 5-11.
Ihle, H.; Nieland, J.-U. (2013): Dopingaufklärung in der Unterhaltungsfalle?
Überlegungen zum Umgang mit Doping im medialisierten Sport. In: Meinberg, E.;
Körner, S. (Hrsg.): Doping kulturwissenschaftlich betrachtet. St. Augustin: Academia
Verlag, S. 155-171.
Schauerte, T.; Schwier, J. (2015): Skandalöse Neuigkeiten. Die Aufbereitung des
Themas Doping in den Medien. In: Dresen, A.; Form, L.; Brand, R. (Hrsg.):
Dopingforschung. Perspektiven und Themen. Schorndorf: Hofmann-Verlag, S. 231249.
Schaffrath, M. (2016): Journalismus und Sport. In: Löffelholz, M.; Rothenberger, L.
(Hrsg.): Handbuch Journalismustheorien. Wiesbaden: Springer VS, S. 699-712.
Schaffrath, M.; Kautz, F.; Schulz, T. (2016): Kompetenzprobleme wegen Komplexität.
Wissensdefizite von Sportjournalisten beim Thema Doping. In: Medien und
Kommunikationswissenschaft, Nr. 2, S. 219-243.
Copyright © 2016 Fachjournalist
-6/7-
18.08.2016
www.fachjournalist.de
7
Werner, A. (2015): Sportjournalisten betreiben “Betrug am Volk”. Interview des
Monats mit Werner Franke. In: Sportjournalist 64, (5), S. 18f.
Titelillustration: Esther Schaarhüls
Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen FachjournalistenVerbands (DFJV).
Der Autor Prof. Dr. Michael Schaffrath ist Leiter des
Arbeitsbereichs Medien und Kommunikation an der
Sportfakultät der TU München. Vorherige wissenschaftliche
Stationen: Deutsche Sporthochschule Köln, TU Dresden sowie
die Universitäten in Lüneburg, Gießen und Koblenz-Landau.
Schaffrath ist Herausgeber der Schriftenreihe
“Sportpublizistik” sowie der Sammelbände “Sport-PR und PR
im Sport” und “Traumberuf Sportjournalismus”. Er ist Autor
von zehn Fachbüchern und zahlreicher Aufsätze zu Themen der Sportkommunikation.
Kontakt: [email protected]
Dieser Beitrag wurde publiziert am Donnerstag den 18. August 2016 um 15:00
in der Kategorie: Homepage-oneColumn, Sport.
Kommentare können über den Kommentar (RSS) Feed verfolgt werden.
Du kannst ein Kommentar abgeben oder erstelle einen Trackback dieses Beitrages auf
deine Webseite.
Copyright © 2016 Fachjournalist
-7/7-
18.08.2016