Geisterinnenjägerinnen

Film.
BaZ Kompakt | Donnerstag, 18. August 2016 | Seite 11
Kino
Von Stefan Strittmatter
Der Joker ist einer der besten Charak­
tere, die sich je auf der Leinwand aus­
toben durften. Nicht weil sich hinter
der knallbunten Fratze ein dunkles
Gemüt verbirgt, sondern weil er so
wunderbar schizophren ist. Mal
wirkt der Bösewicht ungezügelt und
rachsüchtig, dann tritt er besonnen
und überlegt auf, kurz darauf
verfällt er wieder in unkon­
trollierte Lachanfälle.
An seiner Seite ist we­
der Feind noch Freund
sicher.
Jack Nicholson war als Joker ei­
ner der wenigen Lichtblicke im gar ul­
kigen «Batman» (1989) von Tim Bur­
ton. Zwei Jahrzehnte später nahm
sich Heath Ledger dieser Rolle so in­
brünstig an, dass er als Batmans liebs­
ter Kontrahent unsterblich wurde. Für
seinen Beitrag zu Christopher Nolans
«The Dark Knight» bekam er ein knap­
pes Jahr nach seinem Drogentod bei
den Academy Awards 2009 den Oscar
als bester Nebendarsteller.
Seither standen die Clown­Schu­
he leer, wer wollte schon ein solches
Erbe antreten? Ryan Gosling, der ur­
sprünglich als Joker für «Suicide
Squad» ausgewählt war, jedenfalls
nicht. An seiner Stelle ist nun Jared
Leto mit giftgrünen Haaren, silber­
nen Beisserchen und tätowierter
Stirn («damaged» steht da in Schnür­
chenschrift: beschädigt) zu erleben.
Der 44­jährige Mädchenschwarm,
der 2014 für «Dallas Buyers Club»
den Oscar als Bester Nebendarsteller
entgegennehmen durfte, gibt einen
tollen Joker ab. Schwieriger zu lesen
als Nicholson und nicht ganz so irr
wie Ledger.
Das Beste aber kommt erst noch:
In «Suicide Squad» ist der überdrehte
Joker einer der normaleren und sta­
bileren Charaktere, denn auch auf
Alle so schön bunt hier. Die freakige Truppe um Harley Quinn
(Margot Robbie, links) und Deadshot (Will Smith, rechts).
Gut und böse
Die Comicverfilmung «Suicide Squad»
von David Ayer
der Seite der Guten sind für einmal
nur Freaks anzutreffen. In einer Welt
voll fliegender Männer und Monster
brauche es eben skrupellose «methu­
mans», um für Ordnung zu sorgen,
argumentiert einer der Chefbeamten
bei der Gründung des Selbstmord­
kommandos. Also wird aus verwahr­
ten Bösewichten eine Truppe rekru­
tiert, bei der alle Mitglieder eine fern­
gesteuerte Nanobombe im Nacken
implantiert bekommen. Wer nicht
spurt, wird in die Luft gejagt; wer den
Einsatz überlebt, ist frei – ein gesun­
des Anstellungsverhältnis.
das erste Viertel seiner Spielzeit auf
die Einführung seiner Antihelden zu
verwenden. In einer kurzweiligen
Trailershow werden unter anderem
der Auftragskiller Deadshot (Will
Smith), der Kanalisationskannibale
Killer Croc (Adewale Akinnuoye­
Agbaje), der versoffene Captain
Boomerang (Jai Courtney) und – vor
allem – Harley Quinn (Margot Rob­
bie) vorgestellt. Letztere ist die
Freundin des Jokers, den sie einst
hätte therapieren sollen. Und Margot
Robbie spielt diesen blonden
Blickfang als Mischung aus Comic­
figur, Pin­up­Girl und
Meth­Junkie.
Bis hierhin ist
«Suicide Sqad» geradezu
brillant: Weil endlich auch
die Guten böse sein dürfen.
Denn mit einem moralisch
ungebundenen Cast ver­
spricht der Plot zu einer
unberechenbaren Achterbahn­
fahrt zu werden. Alles ist möglich,
hurra! Ein durch und durch gelunge­
nes Exposé.
Für die ersten 30 Minuten: | ★★★★★ |
Dann wird alles anders. Kaum be­
ginnt der erste Einsatz – von dem lan­
ge nicht klar ist, worum es geht, bis
auch das aufgedeckt wird und keinen
Sinn mehr ergibt –, legen die schwie­
rigen Charaktere ihr Innenleben dar.
Der eine trauert seiner Frau nach, der
andere wünscht sich mehr Kontakt
zu seiner Tochter. Zudem entwickeln
die Einzelgänger schnell ein Grup­
pengefühl und Loyalität. Eine ver­
gebene Chance.
Ganz am Ende – ein Ausblick auf
den nächsten DC­Film – droht Bat­
man (Ben Affleck), dass er das Suici­
de Squad zu Fall bringen will. Er hät­
te gerne früher auftauchen dürfen.
Pin-up-Girl und Meth-Junkie
Die Comicverfilmung – nach
«Man of Steel» (2013) und «Batman
v Superman: Dawn of Justice»
(2016) ist es der dritte Film des DC Für den Rest des 123-minütigen Films:
Extended Universe – tut gut daran, | ★★☆☆☆ | Küchlin/Rex, Basel.
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Ice Age 5
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schlägt sich durchs Leben. Fünfter Teil
der Actionfilm-Reihe. hm
| ★★★☆☆ | Küchlin/Capitol, Basel