Interview mit Sabine Ludwig - Vgo

Interview mit Sabine Ludwig zu „Hilfe, mein Lehrer geht in die Luft!“
„Wichtig ist mir, dass Kinder sich nicht als ohnmächtig erleben, dass sie die Erfahrung machen, Dinge ändern zu können und wenn es nur kleine Dinge sind.“
„Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft“ ist eines Ihrer erfolgreichsten Bücher und vor zehn Jahren erschienen. Die Verfilmung lief Ende 2015 mit großem Erfolg in den deutschen Kinos. Wann war
für Sie klar, dass Sie die Geschichte von Felix am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium weitererzählen wollen?
Eigentlich hatte ich nie vor, eine Fortsetzung zu schreiben, aber durch den Film ist das Buch wieder
in den Fokus gerückt und ich habe mich intensiver mit Felix beschäftigt und plötzlich Lust bekommen, ihn noch einmal ein Abenteuer bzw. gleich mehrere erleben zu lassen.
Hat der Film die Fortsetzung beeinflusst?
Inhaltlich nicht. Im Gegenteil, ich habe mich bemüht, die Fortsetzung meines Buches und nicht die
des Films zu erzählen. Vor allem ist die Rolle der Hulda Stechbarth bei mir eine ganz andere. Im Film
taucht sie nur als Foto auf - pikanterweise hat man mich dafür genommen - und bei mir ist sie eine
wirklich, wirklich böse Figur.
In den „Miss Braitwhistle“-Büchern erzählen Sie auch Schulgeschichten, aber bei Miss Braitwhistle
macht Schule vor allem Spaß – zumal die Lehrerin scheinbar zaubern kann. In „Hilfe, ich hab meine
Lehrerin geschrumpft“ und jetzt „Hilfe, mein Lehrer geht in die Luft!“ geht es sehr viel düsterer zu.
Kommt das der Realität näher? Deckt sich das mit Ihren eigenen Schulerfahrungen?
Oh ja, leider. Miss Braitwhistle speist sich natürlich auch aus eigenen Erfahrungen, vor allem aus denen, die ich bei Schullesungen mache, aber natürlich sind die Geschichten fantastisch und nicht ganz
ernst gemeint. Was jedoch Felix am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium erlebt, das kenne ich nur zu gut aus
meiner Schulzeit und der meiner Tochter. Es gibt wunderbare Lehrer, aber eben auch richtig
schlimme.
Hatten Sie auch mal einen Lehrer, der „in die Luft ging?“
Ja, ich hatte einen Lateinlehrer, der körperlich litt, wenn man einen Fehler machte. Eine falsche Vokabel und er fing an zu toben, bewarf den "Übeltäter" mit dem Schlüsselbund oder verwies ihn der
Klasse. Er hat dann in einem Wutanfall einen Schüler krankenhausreif geschlagen und musste die
Schule verlassen.
Der Lehrer Dr. Witzel ist erst eine Witzfigur für seine Schüler, entpuppt sich in seiner letzten Schulstunde aber als echter Fiesling. Letztlich hasst er seine Schüler und seinen Job. Er kann einem auch
fast leidtun. Wollen Sie beide Seiten zeigen und wie sehr Schule Lehrer wie Schüler „verformt?“
Mich interessiert nur die Seite der Schüler. Natürlich weiß ich, dass Lehrer zu sein alles andere als ein
Zuckerschlecken ist und auch nicht leichter wird, im Gegenteil. Ich kenne auch viele, die unglaublich
engagiert sind. Aber diesen Beruf ergreifen leider oft die Falschen, die, die mit Kindern nichts anfangen können, die keinen Spaß daran haben, Schüler zu begeistern, und die dann verbittern und zynisch werden. Das sind die Gefährlichsten.
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Gibt es ein Vorbild für das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium im Buch?
Ja, aber nur als Gebäude. Meine Tochter besuchte ein Gymnasium, das genauso aussieht, wie ich es
beschreibe. Vor allem der Turm ist eins zu eins der aus meinem Buch. Die Lehrer sind dagegen reine
Erfindung bzw. nicht mehr an der Schule.
Fantastische Elemente spielen in Ihren Büchern immer wieder eine Rolle. Diesmal ist es der Geist
der alten Lehrerin Hulda Stechbarth, die an ihrer alten Schule spukt und den armen Felix piesackt.
Woher kam die Idee für diesen Plot?
Hulda Stechbarth war mir schon im ersten Band mit die liebste Figur und da hatte sie ja nur einen
relativ kurzen Auftritt, es lag nahe, ihr diesmal mehr Raum zu geben. Ich habe mich intensiv mit Geistern und Widergängern und Séancen beschäftigt und es hat mir viel Spaß gemacht.
Felix versucht es immer allen recht zu machen und trotzdem geht jede Menge schief. Tat er Ihnen
beim Schreiben nicht manchmal ein bisschen leid?
Ja, manchmal hab ich beim Schreiben gedacht: Oje, wie hält er das alles aus? Aber Felix ist ein zäher Bursche, dem kann man so einiges zumuten.
Wunderbarerweise hält seine Freundin Ella zu ihm. Sie scheint der einzig klar denkende Mensch in
dem ganzen Durcheinander zu sein. Braucht nicht jeder eine Ella?
Natürlich! Ella steht mit beiden Füßen auf dem Boden und lässt sich nicht so schnell beirren. Sie ist
der Fels in der Brandung und wankt nur ein ganz klein bisschen.
Felix Eltern leben getrennt und sind vor allem mit sich selbst beschäftigt. Als eine Art Running Gag
gibt es beim Vater immer Pizza zu essen – entweder aus der Tiefkühlpackung oder beim Italiener.
Inwiefern wollen Sie Eltern einen Spiegel vorhalten?
Pizza ist ein Synonym dafür, es den Kindern recht machen zu wollen, ohne viel Zeit zu investieren.
Pizza geht wirklich immer. Dabei wäre es manchmal viel schöner, gemeinsam zu kochen, auch wenn
das Ergebnis verbrannt, versalzen oder sonst wie ungenießbar ist. Felix' Vater ist sehr ehrgeizig, im
Job, beim Sport und in Bezug auf Felix' Leistungen in der Schule. Leider übersieht er dabei, was sein
Sohn wirklich braucht. Aber er ist auf dem Weg der Besserung.
Wie könnte Schule besser werden? Wahrscheinlich sollten alle Beteiligten auch erst mal über sich
selbst lachen können, oder!?
Das wäre wunderbar! Mit Humor ist schon viel gewonnen. Ich habe oft bei Lesungen erlebt, wie Lehrerinnen regelrecht aggressiv auf "Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft" reagiert haben. Nur
einmal hat eine Lehrerin einen Lachanfall bekommen und gesagt: "Ich habe mich wiedererkannt."
Solche Lehrer kann man den Schülern nur wünschen.
Am Ende kann Felix sagen „Egal, das Einzige, das zählt, ist, dass ich am Willi bleibe und in meiner
Klasse.“ Verstehen Sie Ihre Bücher in diesem Sinne als Mutmacher?
Ich denke nie darüber nach, ob und was ich mit meinen Büchern erreichen will. Ich möchte einfach
nur Geschichten erzählen. Wichtig ist mir aber immer, dass die Kinder sich nicht als ohnmächtig erleben, dass sie die Erfahrung machen, Dinge ändern zu können und wenn es nur kleine Dinge sind.
Das Interview führte Judith Kaiser mit der Autorin Sabine Ludwig im Juli 2016.
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